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der ungewöhnliche Spaziergang


Langsam gewöhne ich mich an meine Umwelt draußen, an Wind und Kälte. Denn Not schreit nach Anpassung. Langsam wird mir klar, dass es nicht der einzige Schlüssel war und nicht der letzte sein wird, den ich verlor oder verlieren werde. Alle Menschen verlieren ständig etwas und manchmal auch Schlüssel zu ganz wichtigen Wegen und Zielen. Also ziehe ich dahin, ich gehe, durch die nackte, immerhin teilweise verschneite Landschaft auf der Suche nach irgendeinem verlorengegangenen Schlüssel.

Vielleicht suche ich auch gar nicht mehr. Und übrigens, ich heiße Luisa und ziehe durch Braunschweig. Mein Nachname? – Braunschweig – wie Braunschweig.

Im Auenwald bei Querum wird es windstill. Gesprengte Bunkerklötze, halb schon in der Erde vergraben, zeigen die alte Versuchsanlage, in der man im zweiten Weltkrieg Bunker auf ihre Festigkeit prüfte. Nebel kommt auf. Ich betrachte die alten liegengelassenen zerstörten Reste von Betonklötzen, mindestens zweidrittel schon unter dem Wald vergraben. Direkt in der Nebelwolke erscheinen menschliche Geistergestalten. Mit verzerrten Gesichtern zeigen sie auf die Betonklötze. Sie verabscheuen diese alte Versuchsstelle. - Warum nur? - Bunker wurden doch zum Schutz der Menschen gebaut?


Die Gequälten scheinen mich gar nicht zu bemerken. Also gehe ich lautlos und langsam weiter ohne sie zu erschrecken und in Panik zu bringen. Ich gehe tiefer in den Wald hinein und fühle mich, - trotz der Geister, die es hier im Wald gibt, geborgen. Ist das verständlich? Müsste ich mich nicht ängstigen?

Ok, ich muss wohl mehr erklären: Ich heiße Luisa Braunschweig und ziehe gerade durch Braunschweig. Geboren in Braunschweig, irgendwann einmal. In Braunschweig-Querum. Mein zu Hause war also schon immer der Querumer Wald. Schon lange weiß ich, dass es hier im Querumer Wald nur so vor Geistern wimmelt. Früher war mir das unheimlich. Bis ich lernte, entdecken diese Geister mich, flüchten sie.

Sie sind sehr schüchtern und ängstlich, diese Geister im Querumer Wald. Das erzeugte in mir Mut und befreite mich von den Ängsten vor Geistern. Ich hatte mich schon längere Zeit an sie gewöhnt, stöberte sie auf, saß oft versteckt und wartete auf sie. Sie erzählen übrigens Geschichten, die wir nicht kennen. Ich machte mich öfter bemerkbar als sie ganz nahe waren. Dann entdeckten sie mich mit erschrecktem Blick und flüchteten. Ich lachte sie aus und sie verschwanden blitzschnell.

Hatte ich gerade behauptet, die Querumer Geister im Querumer Wald erzählen ihre eigenen Geschichten? Nein, eigentlich sind sie stumm. Alles um sie herum wird still, während sie ein bestimmtes Handeln aus ihrer eigenen Welt demonstrieren, - Bruchteile aus ihrem Leben vielleicht. Aber - nicht immer sind sie still. Manchmal höre ich Worte, leise wie ein weitentferntes Echo.


Ich erlebte öfter einen alten Dorflehrer, der seinerzeit jung gewesen sein musste. Er läuft mit einem alten Bahnticket und einem Koffer herum. Altmodische, ergraute, zerschlissene Kleidung trägt er. Ständig schleicht er mit seinen Gegenständen in den Händen haltend die Wege entlang. Wohlerzogen geht er seitlich der Wege, damit er niemanden stört. Unentwegt spricht er etwas wie ein Windhauch: „Und da gibt es Revolution. Da gibt’s bald Revolution. Ich werde pünktlich sein. Da gibt’s die Revolution und ich werde pünktlich sein.“ Wie lange er das schon macht, weiß ich nicht.


Ich habe gerade auf einem winterlich kahl gewordenen Baum Platz genommen, ruhe mich ein wenig aus und schaue nach unten auf feuchte wohlig riechende Erde. Ich sehe auf alte starke Baumwurzeln, die aus der Erde herausragen. Plötzlich erscheint ein Ackerfeld. Eine Frau führt eine Kuh mit einem Pflug. Für beide ist das mühsame Arbeit. Die Kuh will oft nicht mitziehen. Sie scheint ihre Arbeit nicht recht verstehen zu wollen. Das macht die Arbeit für die Frau noch schwerer. Sie bemüht sich, die Kuh richtig zu führen. Junge Heranwachsende und erwachsen gewordene Männer stehen entfernt von der jungen Frau. Sie kommen ihr nicht zur Hilfe. Sie lästern, tanzen und beschimpfen sie: „Jeder Stoß ein Franzos‘. Jeder Stoß ein Franzos‘.“ Boshaft fangen sie an, in sich hinein zu lachen und zu kichern bis alles wieder verstummt. Dann geht das Ganze von vorne los. Die Frau und die Kuh ignorieren das und machen ihre Arbeit behutsam weiter. Ich sehe jetzt, dass beide schwanger sind und ihre Kindchen während der harten Arbeit mit sich tragen. Oh, nein, sie waren einmal beide schwanger. Die Kindchen sind schon lange geschlüpft und haben die Zimmerchen unter dem Herzen der Frau und der Kuh längst verlassen. Hohle Räume, alles leer. Sie arbeiten inzwischen alleine, Frau und Kuh, ohne ihre Kinder und es ist ihnen vielleicht gar nicht bewusst, weiter und weiter, immer weiter.

Die Geister verschwinden. Ich sollte nach Hause gehen und einen Schlüsseldienst rufen. Es ist immer noch früh am Morgen.
(Ilona Meschke@2009)



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… es knistert …
… oder brennt es schon? …

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