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der geheimnisvolle Fund

Ich gehe heimwärts, treffe wieder auf die alten zertrümmerten Versuchsbunker und schaue mich um. Die Geister sind weg. Aber was ist das? Das hatte ich hier vorher  nicht gesehen. Ich ziehe eine Rolle Zeitungspapier aus den Trümmern. Eingewickelt in diesem Zeitungspapier eine Plastiktüte. Wieder etwas eingerollt in Zeitungspapier - ein Buch, ein altes zusammengeflicktes. Es wurde repariert und ist doch wieder neu zerfleddert, - Noch mehr Papiermaterial und lauter Schreibkram. - Alte Bilder stecken hier. Manche sind verblichen. Ich muss lange drauf schauen, bis ich etwas erkenne.

Das ist alles kostbar. Das kann hier nicht bleiben. Wohin damit? Im Museum abgeben? Aber dieses Buch ruht so fest in meiner Hand. Es weckt meine Neugier. Ich schaue hinein:

„Kaum eine Revolution wurde so schnell aus dem Bewusstsein der Zeitgenossen verdrängt“, beklagte sich der Schreiber vor ungefähr dreißig Jahren. Er schrieb von einer längst vergangenen Revolution. Die erste Seite fehlt. Er führte einige Begründungen auf, womit er sich erklären wollte, warum alles so schnell vergessen wurde. Beispielsweise meinte er: „Die Weimarer Republik gründete ihr Selbstverständnis nicht wie die französische, auf die Revolution, sondern auf ihre Überwindung.“

Moment mal? - Ja natürlich, ist doch klar. Wir wollen doch die Überwindung einer Revolution. Wir wollen doch fertig werden. Und danach unsere Rechte. Das ist das Ziel einer Revolution - nichts weiter! Oh, Mann, schreibt der hier intellektuell? Und doch, ich stimme dem Schreiber nach einigem Hin- und Hergeblättere im Buch zu, und versichere dem nächststehenden Baum: „Sie sollte nie vergessen werden, die Revolution!“

Kreuz und quer untersuche ich dieses Buch, rückwärts und vorwärts. Bruchstückweise erfahre ich seinen Inhalt. Ich breite das Material und die Bilder vor mir auf dem Boden aus und schaue hinein. Ich ängstige mich um das Papier auf dem Boden. Kommt wieder Sturm, wird alles fortfliegen. Umherliegende Steine dienen mir jetzt zum Beschweren des Materials. Tiefer vergrabe ich mich in die alten Bilder. Umso undeutlicher mir Stellen erkennbar erscheinen, desto mehr versuche ich, in die Bilder einzusteigen. Ich lebe in ihnen. Ich stecke drin und blättere im Buch.

Wer bin ich? Luisa, soweit ich mich erinnere. Was fesselt mich? Dieses gefundene Material. Tiefer beugen sich meine Augen in das gefundene Papier, um auch fast verblichene Schriften lesen zu können. Warum nur? Da unten muss ein Schlüssel vergraben liegen, mein eigener Schlüssel? Ich sitze vor dem Material, hebe den Kopf hoch. Es kommen mir viele Gedanken entgegen.


Mein Großvater, ich erinnere mich an ihn, sehe ihn behutsam handwerkeln, dort vor diesem Baum. Mir ist als holte ich mit einem kurzen Handgriff die Zeit zurück. Seine Werkstatt steht vor mir. Er steht darin und verarbeitet Bretter.

Ich höre seine Hammerschläge. Er soll eine eigene kleine Schlosserei gehabt haben, als er noch kein Rentner war. Er arbeitete auch viele Jahre als Schlossermeister bei den Wilke Werken in Braunschweig. Sie sind damals nach Braunschweig gekommen, die Großmutter und er oder war es der Urgroßvater mit Frau?

Als Protestanten waren sie hier besser aufgehoben als dort von wo sie kamen. Seine kleine Werkstatt liegt jetzt im Ästehaufen links von mir. Ich lasse meinen Großvater mit seinem Vater dort seine Arbeit weiter verrichten, beobachte die nebelgrauen Umrisse des Erscheinungsbildes, das sehr beruhigend auf mich wirkt. Dann widme mich weiter meinen eigenen Angelegenheiten, den Fundstücken auf dem Boden. Ein behutsames, geduldiges Quietschen und Klopfen aus der Werkstatt vernehme ich nur noch nebenbei. Ansonsten ist hier alles still.

Nach Betrachten der Bilder auf dem Boden schaue ich doch noch einmal nach links zum Großvater. Er baut jetzt geschickt Holzregale für seinen Keller. Er hätte auch Tischler werden können. Aber das Material Holz war nicht so gefragt wie Eisen oder Metalle. Er hätte also weniger Einkommen für seine Familie gehabt, hätte er hauptberuflich mit Holz gearbeitet. Irgendwo musste auch er ein praktischer Denker gewesen sein, der sonst so großzügige, liebevolle Mann.

Sie waren Arbeiter, meine Familie, aus der ich stamme. So jedenfalls ordne ich sie jetzt ein, zum ersten Mal. Obwohl mein Vater Ingenieur wurde. Inzwischen ist alles anders. Eine Aufbesserung des Familienstandes? Oder auch nicht, denn zum Mittelstand zählten inzwischen beide Berufe. Dennoch waren wir eine Arbeiterfamilie. Wir trugen den Nachnamen Braunschweig. Ich bin Luisa Braunschweig. Hört sich ziemlich bürgerlich an, dieser Name.

Es herrschte damals ein Drei-Klassen-Wertesystem. Solch ein Familienname muss uns trotz Arbeiterfamilie eine Menge Vorteile gebracht haben. Wenn auch unbegründet, denn wir waren Arbeiter. Also muss schon richtig mit solch einem Nachnamen umgegangen werden, indem die Trägerin des Namens weiß, wie sie sich damit in den Vordergrund stellen kann, um ein kleines Stück angesehener zu sein, mit diesem Familiennamen als Arbeiterin.

Die meisten Menschen kommen ursprünglich aus Arbeiterfamilien. Und doch, sie können noch mehr als eine sture Aufnahme der vorgelegten Arbeit, diese Leute von ursprünglichen Arbeiterfamilien. Ich bin Luisa Braunschweig, kreativ begabt, vielleicht weil der Großvater es damals schon war, nur er im handwerklichen Bereich. Ich auf und mit Papier. Ich bin eine Sekretärin. Doch viel lieber arbeite ich mit Kindern. Auch ich kann mehr, als die mir als Arbeitnehmerin vorgelegte Arbeit erledigen. So also gingen mir teilweise Schlüssel verloren, durch die Vielfalt von Begabungen die jeder Einzelne von uns in sich hat und doch nicht alles gleichzeitig durchführen kann. Ich wusste nie, zu welchem Schüssel ich greifen sollte. Wir sind heute viel zu ungeduldig und haben nie Zeit.

Ich beobachte wieder das Erscheinungsbild meines Opas links von mir. Ist er inzwischen auch Geist im Querumer Wald geworden? Er zieht jetzt eine große schwere Kiste, unter einem von ihm selbst angefertigten Regal heraus. Ich höre aufeinander schlagendes Metall. Noch immer auf dem Boden sitzend vor meinem Arbeitsmaterial, schaue ich jetzt in die Kiste. Ein großes Sortiment alter Schlüssel sehe ich. Großvater hebt die Kiste auf einen kleinen Holztisch und fängt an, behutsam seine Schlüssel zu sortieren. Haben wir heute wirklich so wenig Zeit? Vielleicht nehmen wir uns unsere Zeit selbst weg?


Ich lasse meinen Opa Schlüssel sortieren und widme mich wieder meinen eigenen Angelegenheiten. Eine kurze neue Buchrecherche gehe ich ein. Ich bin erst am Anfang, doch mir ist, als habe ich damit einen Schlüssel in mir.

Ich lese. Dann stehe ich auf. Ja, ich stimme dem Schreiber des Buches zu, ganz feierlich. Ich hebe das Buch vom Boden auf, presse es fröstelnd an meinen Körper, gebe trotz Kälte meinen Gefühlen freien Lauf, stelle mich auf einen der alten gesprengten Betonklötze und rufe in den Wald hinein:

„Die Menschen damals, die für uns alle Frauen- und Arbeiterwahlrechte, auch für Arbeiter der aller untersten Schichten, er-kämpften; die nicht nur die Monarchie, die Diktatur und das Herzogtum hier in Braun-schweig absetzten, sondern sich vehement für ein System der Freiheit, der Gleichheit, der Gerechtigkeit und gegen verlogene Kriege unter Einsatz ihres Lebens einsetzten, sollen nie vergessen werden!“

Mein Opa achtet nicht auf mich. Er sortiert weiter behutsam Schlüssel. Wind kommt auf. Ich höre ihn. Ich spüre ihn, ein starker Wind. Hat mich der Wind gehört? Ich erhebe meine Stimme gegen den Wind und rufe lauter in den Wald hinein:

„Sie ebneten uns den Weg zur Demokratie. Sie handelten konsequent und eine Arbeiterin aus Braunschweig durfte als erste Frau ein Ministerium in Deutschland besetzen!“

„Luisa!“, hallt es aus dem Wald zu mir zurück wie eine Antwort auf das, was ich soeben in den Wald hinein rief. „Luuisaaa!“, höre ich wieder aus weiter Ferne. Wo kommt die Stimme her? Ich sehe nur Wald und Nebel. Seit wann rufen Geister Menschen, anstatt zu flüchten, wenn Menschen kommen? Ich presse das Arbeitsmaterial unter meinen Arm, stampfe über den inzwischen wieder hart gefrorenen Waldboden langsam, aber voller Unternehmergeist, aus dem Wald heraus. Meine Gedanken sind ernst. Sie vergraben sich mit meinem aktuellen Thema:

Vielleicht können wir in denen für uns geschaffenen Verhältnissen gut leben, und wir machen uns über den Weg des Geschaffenen keine Gedanken mehr. Weil uns unter der Begründung des Vorwärtsdenkens beigebracht wurde, nach dem ganz eigenem Ziel zu streben. Wir sehen die geschaffene Grundlage nicht mehr, die früher für uns erkämpft wurde. Wir sehen und achten zu wenig, was wichtig wäre. Für uns existiert dieser lange zurückgelegte Weg zur Erreichung von Freiheit, Gleichheit und Demokratie nicht mehr. Wir kennen ihre Verantwortlichen nicht mehr. Deswegen laufen wir Gefahr, nicht wissend und unaufmerksam ein für alle faires Werte- und Wirtschaftssystem, nicht bewusst genug zu schätzen, zu schützen und zu verbessern; sondern es allmählich wieder ganz zu verlieren.
(Ilona Meschke@2009)



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… oder brennt es schon? …

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