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der Plan einer Reise entsteht

Heraus gekommen aus dem Wald, schaue ich zurück über eine weitflächig verschneite Landschaft mit kahlen Bäumen und halte das zerfledderte Buch mit dem hinzu gepackten Material immer noch in der Hand. Das Wetter scheint an diesem Morgen alle Wintertage, die möglich sind, zeigen zu wollen. Ich wundere mich, es ist kaum Zeit vergangen. Es ist noch ziemlich früh am Tag.

„Ja, es stimmt! Ich habe längst festgestellt, es geht um die Novemberrevolution neunzehn hundert achtzehn in Deutschland, speziell hier in Braunschweig. Und noch etwas, in Braunschweig war sie besonders aktiv und stark vertreten.“

Ich schaue runter auf die Bilder. Fachwerkhäuser und Pferdekarren, das war Braunschweig. Vorsichtig packe ich das Material in die Plastiktüte zurück. Halt, das Buch nicht! Es wird jetzt eine Reise durch alle Ortschaften der Geschehnisse machen. Ich trete die Reise in die Braunschweiger Novemberrevolution neunzehn hundert achtzehn an.


Weiter schlendere ich und lasse den Wald hinter mir zurück. Ich gelange auf eine alte Schunterbrücke in Querum. Hier endet die Bevenroder Straße, mein Ausgangspunkt. Sicher war hier einmal Kopfsteinpflaster und ich sehe alte restaurierte Fachwerkhäuser, ein altes Dorf.

Kutschen, Pferdekarren und alte schwarze Panther-Räder fuhren hier einmal entlang. Aber ganz so romantisch war es nicht immer, sonst hätte es keine so große Revolution gegeben.


Hier in Querum gibt es zwei Schunterbrücken. Welche ist aus meiner Themenzeit? Die eine dürfte älter sein als die andere. Welche von beiden trug einmal den Ort des Geschehens von dem im Buch gesprochen wird? Ich las über eine Schunterbrücke zum Querumer Holz, an der Menschen sich einst versammelten. An der eventuell älteren Schunterbrücke angekommen, verriet mir das zerfledderte Buch:


Das damalige Herzogtum Braunschweig wäre ein norddeutscher Kleinstaat gewesen, unabhängig vom Deutschen Reich, aber auch Eigentum adliger Herrschaften, die ihre Ländereien weiter ererbten, erheirateten, sich neue Gebiete ermächtigten und dafür auch mordeten. Das Landgut der Braunschweiger Herzöge wird als ein ‚zerstückelter Flickenteppich‘, Streubesitz von mitunter kleinsten Staaten, welches von den Herzögen für ihre Machtinteressen in das zwanzigste Jahrhundert hinein gerettet werden konnte, bezeichnet. ‚Ein Stück Mittelalter, eingeschlossen von mächtigen preußischen Gebieten‘.

„Das Herzogtum Braunschweig“, so lese ich, „betrug ungefähr viertausend Quadratkilometer mit fast fünfhunderttausend Einwohnern. Sie waren überwiegend protestantisch.“ Wie Großvater und meine Oma also, die deswegen hier herkamen. Zwölf Städte und fast fünfhundert größere, kleinere und allerkleinste Flecken oder Landgemeinden zähle ich auf einem Plan. „Die einzige größere Stadt war die Landeshauptstadt Braunschweig mit fast hundert fünfzig tausend Einwohnern.“

Während ich zwischen den Brücken mit den Fundstücken der Vergangenheit hocke, nähern sich Freunde: „Luzifer, was hältst Du in der Hand?“ Sie schlichen sich lebhaft von hinten an und stehen jetzt vor mir. Ich erzähle vom Fund und Inhalt des zerfledderten Buches, welches ich mit mir trage. Zumindest erzähle ich den Inhalt, den ich bisher kenne.

Dann verrate ich ihnen meine angestrebte Reise in die Vergangenheit. Sie überlegen gar nicht lange und laden sich frech selbst ein, mitzukommen.


Mir ist das recht. Von jetzt an reisen sie mit mir, Greta und Theo. Der Tag hat erst begonnen. Wir steigen in den Bus. Ich wundere mich, dass gerade wir das zusammen unternehmen. Wir, mit diesen traditionell altdeutschen Namen, die geradezu in diese Zeit passen. Ich schaue noch einmal zurück in den Wald. „Luisaa!“ vernehme ich im entfernten Nebel und wende mich schnell ab.
(Ilona Meschke@2009)



Freie Gruppe

Buch und Kunstwerkstatt in Braunschweig
… es knistert …
… oder brennt es schon? …

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