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die Reise beginnt

Wir sitzen im Bus und untersuchen die Fundstücke. Wir informieren uns gegenseitig mit altem und neuem Wissen und mit unseren Gedanken. Wir unterhalten damit auch die anderen Fahrgäste. „In diesem zersplittertem Territorium war die Entwicklung eines gut geschlossenen Wirtschaftsgebietes mit günstigen Verkehrsanbindungen für die wachsende Bevölkerung schlecht zu erreichen, im Gegensatz zum verkehrsmäßig günstiger gelegenen preußischen Hannover. Es überflügelte unsere Landeshauptstadt Braunschweig wirtschaftlich rapide.“

Durch welche konkreten Begebenheiten Hannover Braunschweig am Wachstum hinderte, kann Theo in der Literatur nicht finden. Aber sie konkurrieren noch heute, die Braunschweiger und die Hannoveraner. Ob die wohl wissen, warum und wie lange sie das schon tun? Ob sie wissen, dass alles alte Tradition ist und sie früher auch nicht besser aufeinander zu sprechen waren? Ich fange gedanklich an, dieses menschliche Verhalten über Generationen hinaus mit den Querumer Waldgeistern zu vergleichen, die unentwegt das gleiche tun. Wir jedenfalls können nur logisch spekulieren, was zu wirtschaftlichen Hindernissen hätte führen können. Wir wissen aber nicht einmal, ob zwischen deutschen Herzogtümern und preußischen Hoheitsgebieten den Menschen hohe Passierzölle abverlangt wurden, was damals mit Sicherheit unsozial und willkürlich gewesen wäre. „Doch heute wäre es manchmal auch sinnvoller, sozialer und um-weltfreundlicher, Steuern für Exporte und Importe zu nehmen oder zu zahlen“, meint Theo unbefangen.

Landwirtschaftliche Nebenbetriebe des Herzogtums waren die treibende Kraft der industriellen Entwicklung, einer Großindustrie, einer Industrieballung in einem überwiegend von der Landwirtschaft geprägtem Gebiet. Hier wuchsen Konserven- und Blechwarenfabriken, Lebensmittel-, Zuckerindustrie sowie das Mühlengewerbe zur Großindustrie heran. Viele Unternehmen siedelten sich gerne nahe am Verkehrs- und Verwaltungszentrum der Landeshauptstadt an. Dort konzentrierte sich die Wirtschaft. Rund vierzig Prozent aller Unternehmen hatten hier ihren Sitz und gewannen zunehmend an Bedeutung, besonders die Maschinenindustrie.

Überall in deutschen Gebieten wurden Maschinenindustrien staatlich anderen Wirtschaftszweigen vorgezogen. Sie wurden zur Nummer eins der deutschen Wirtschaftskonzentration. Warum nur?

Ich erzähle Greta und Theo meinen Standpunkt: „Maschinen und Metalle, desto größer, desto produktiver, werden wertvoller für Massenerträge, für Gewinne und der Gewinnanhäufung eines eh schon großen reichen Konzerns. Rohmaterial wie die Nahrung auf dem Feld, das Holz im Wald und der Boden zählen nichts mehr oder immer weniger, wenn die großen Maschinen zum Abernten kommen. Und wenn nichts mehr davon da ist, wozu dann die großen Maschinen noch? Große Maschinen ergeben arbeitslose Menschen.“

Ich unterhalte meine Freunde ohne Buch: „Das Wirtschaftsmuseum in Meldorf, nähe Büsum zeigt deutlich, wie eine Maschinenindustrie in Friedenszeiten landwirtschaftliche Maschinen herstellte. Zu Kriegszeiten rüstete sie im Nu um und konnte Panzer bauen. Es war das Unternehmen Krupp, was sich dort vor mehr als hundert Jahren niederließ. Im gesamten Deutschen Reich gab es solche Strukturen. Was in Friedenszeiten durch Chemiekonzerne als Pestizide auf die Äcker kam, wurde in Kriegs-Zeiten für Waffen und zur Tötung angeblicher Feinde benutzt.“

Es entstanden hierzulande aber auch Brauereien, optische Werke, eine Klavierfabrik, die Fahrradfabrik Panther-Werke und andere Industrien.

Durch die industrielle Entwicklung landwirtschaftlicher Maschinen, kam es zu einer immer größer werdenden Abwanderung ländlicher Arbeitskräfte in die Industrie. Landwirtschaftliche Klein- und Kleinstbetriebe verschwanden von der Landfläche oder es existierten noch landwirtschaftliche Kleinbetriebe mit arbeitenden Teilzeitbauern und Lieferanten für den Industriestandort. Die kleinen Betriebe wurden stark krisenanfällig. Die großen landwirtschaftlichen Betriebe versorgte die Industrie mit immer größer werdenden Maschinen. Monokulturen entstanden.

„Die Industrie drängte sich oft in die Besitztümer der Bauern und das wurde Zusammenarbeit genannt. Doch es entstand eine Abhängigkeit der Landwirte von den Industrien!“ verdeutlicht sich Greta. „Insgesamt gesehen ja“, so geht Theo auf ihre Gedanken ein „aber den wenigen Landwirten, deren Betriebe überlebten, denen ging es damit gut. Sie verdienten das, was ihre Arbeiter verloren hatten dazu. Aber du hast Recht, Greta, ohne Industrie läuft gar nichts mehr. Deswegen beherrscht die Industrie die Landwirtschaft und sei es wie Luisa sagt. Sie kippen auch industrielle Abfallprodukte als Pestizide über landwirtschaftliche Felder.“

Den konkurrenzfähigeren landwirtschaftlichen Mittel- und Großbetrieben wurden seitens der Industriemächte durch Regierungsmacht starke Vorteile eingeräumt.

„Und nicht denen, die es brauchen könnten. Gut, man könnte meinen, auch die großen Landwirtschaftbetriebe kuschen vor der Industrie und werden langsam aufgekauft, aber die Großlandwirtschaften bekommen schwer Geld. So sind sie auch mit der Großindustrie Geschäftspartner geworden. Beide auf Kosten einer immer ärmer werdenden Masse“, so versucht Theo kurze verständliche Prinzipien zu schaffen.

Die daraus explosionsartige Produktion schwächte die Kleinbetriebe immer mehr. Menschen wurden zu Wanderarbeitern. Die politische Macht befand sich in den Händen derer, die ebenfalls auch die Träger der wirtschaftlichen Macht waren, Fürsten, Großgrundbesitzer und Großindustrieelle, die mit dem Wirtschaftswachstum und dem geschaffenen System mehr Reichtümer anschaffen konnten und damit mehr an Macht gewannen.

„So war das also!“ stellt Greta fest, worauf Theo einwirft: „Was heißt hier war? Es ist so! Dieselben sind heute im Lobbyismus versteckt und agieren ebenso wie damals.“ Das Dreiklassensystem wurde offen auf den Straßen ausgetragen und unterdrückte die Mehrheit der Bevölkerung, die Arbeiterschaft.

Schon, als ich im Querumer Wald mit dem Buch vor der Werk-statt meines Großvaters saß, versuchte ich mir vorzustellen, wie ein offen ausgetragener Klassenkampf aussieht. Wie mochten die Menschen psychisch und ausbildungsmäßig abwertend behandelt worden sein? Glaubte die aussortierte dritte Klasse Menschen selbst, sie seien wertlos und wollten gar nichts mehr für sich? Wer von beiden möchte ich sein? Die Unterdrückende oder die Unterdrückte? Mich gruselt vor der Entscheidung. Wer von diesen beiden ist wirklich glücklich? Ich weiß das nicht.

Wir sitzen im Bus und fahren stadteinwärts. Wir verpassen wichtige Stationen zum Aussteigen, denn das Thema fesselt uns und führt zu lebhaften Diskussionen. Wir fallen in der letzten Sitzreihe auf. Die anderen Buskunden vor uns schauen schon hinter sich. Mir ist nicht ganz klar, wer von ihnen gespannt zuhört, insgeheim mitdiskutiert oder sich sonst gedanklich damit beschäftigt, durch uns motiviert, und wen wir stören. Wieder einmal sage ich deutlich meine Meinung: „Gut, leuchtet mir ein, Menschen haben sich immer den Gegebenheiten angepasst. Sie konnten nur praktisch handeln. Alle anderen Agitationen, das Management sozusagen, überließen sie den politisch wirtschaftlichen Kräften, die sie strategisch mit in ein Wirtschaftswachstum hinein manövrierten, welches sich eigentlich gegen sie entwickelte und wuchs.

Ich meine, ein Staat, der sich auf das Wachstum der Industrie konzentriert, achtet nicht auf Kleinstbetriebe, das haben wir gelernt. Auch wenn Menschen ihren Lebensunterhalt damit bestreiten. Die Großindustrie gewinnt immer mehr wartende Arbeitskräfte, die ihre einzige Chance im Warten für sich sehen, weil sie alles verloren haben. Die, die sich ihre Kleinstbetriebe noch erhalten hatten, verdienen darin oft wenig Geld und stocken es ebenfalls in der Großindustrie auf, wenn sie dort Arbeit bekommen. Die vielen durch die Großindustrie freigesetzten Arbeiter wollen ebenfalls wieder eine Arbeitsstelle in der Großindustrie. Sie warten auf einen Platz. Damit kann die Großindustrie die Löhne drücken.

Angebot und Nachfrage sprechen für sie, denn die Regierenden selbst haben alle anderen Arbeitsmöglichkeiten aufgesogen. Menschen in wirtschaftlich geratene Not durch das bestehende Wirtschaftssystem können als Soldaten für den Krieg genutzt werden. Der Machtapparat Großindustrie rüstet auch auf, um Märkte zu erweitern, zum Beispiel die Maschinenindustrie wie Krupp in Meldorf damals oder heute.“

Greta ergänzt mich: „Ja, und wir sehen die katastrophale Lage der Massenbewegungen und Massenarbeitslosigkeit oft schicksalsbedingt, weil Wirtschaftsideologen das anders darstellen. Doch der Weg ist politisch geschmiedet. Er hat oft andere Ziele als wir glauben oder als uns klar gemacht wird. Selbst Wirtschaftsexperten und Politikwissenschaftler reden davon, dass der Mensch und die Wirtschaft nun einmal zwei Gegenpole seien.“

Wir beide sind uns einig. Wir haben einmal eine kritische Gentechniklektüre zusammen gelesen, in der ein Wirtschaftswissenschaftler genau diesen Standpunkt vertreten hat. Er sprach von zwei Gegenpolen, bipolar, Wirtschaft und Mensch. Der Autor der Zeitung griff seine Rede auf und schrieb, endlich hätte einer von der Wirtschaft verraten, was sonst nie verraten wird, denn Wirtschaft und Politik soll immer im Einklang mit den Bedürfnissen der Menschen fortschreiten. Ein Gleichgewicht zwischen Arbeitskraft, Wirtschaft und Bedürfnisse wie Kaufkraft sollte hergestellt werden. Also, Wirtschaft sollte für den Menschen und nicht gegen ihn gerichtet sein. Wir sollten es eigentlich alle wissen. Wissen wir es?

Vieles steht ungefähr so in dieser damals gelesenen Lektüre. Ich denke, wenn falsch gehandelt wird und nicht so wie gehandelt werden müsste, müsste das strafbar sein? Ich spreche meine Folgerung aus: „Die Interessen bleiben also stets unterschiedlich. Davon müssen wir alle aus-gehen, sonst gehen wir selbst den Weg der unfairen Machtverhältnisse mit.“ Doch insgeheim weiß ich, die meisten Menschen sind inzwischen abhängig von der Großindustrie.

„Ja, die Großindustrie wird stets noch so gefördert, damit neue Märkte erschlossen werden können und große einflussreiche Agitatoren und Manager auf ihrem Spielbrett Schach, Monopoly oder an der Börse weiter spielen können. Alles andere stört sie nicht. Die Stahl- und Maschinenindustrien werden vor allen Dingen gefördert wie die Rohstoffe, Öl und Benzin, die alles in Bewegung halten bei Frieden und bei Krieg, leider.“ Das alles hat uns Greta jetzt noch einmal aufgezählt. Wir drei zumindest sind uns ziemlich einig. Wie die anderen Fahrgäste darüber denken, weiß ich nicht. Wir steigen aus dem Bus.

Wir sind mit unseren Aussagen subjektiv und versuchen komplex zu erfassen was ist, aber sicher erfassen wir nicht alles. Subjektiv ist auch ein Arbeitnehmer, der einen Firmenauftrag zu erfüllen hat, auch wenn es sich um einen Wissenschaftler und einen wissenschaftlichen Auftrag handelt. Er ist Mensch, der etwas für Entlohnung leistet. Wir in unserer Freizeit sind freier. Wir informieren uns weiter im Schriftwerk.

Um Neunzehn hundert zehn herum bestritt die Bevölkerung des Herzogtums ihre Existenz durch Handel, Industrie, Handwerk und Verwaltung. Die Landwirtschaft betrug achtzehnhundert achtzig noch fünfunddreißig Prozent und Neunzehnhundert dreiunddreißig zwanzig Prozent. Sie nahm also stark ab. Die Leibeigenschaft auf dem Lande wurde zumindest um achtzehnhundert siebzig herum abgesetzt, was die ersten Sozialdemokraten durchsetzten.

„Kann auch von politischem Interesse gewesen sein, weil viele Landwirte sich maschinell orientieren wollten und Leibeigene nicht mehr brauchten. Andererseits sind es gerade die großen Landwirtschaftsunternehmen, die sich Leibeigene lange Zeit hielten. Ich glaube, es gab sie später noch“, überlegt Greta laut.

„Ein Drittel der Bevölkerung lebte teilweise von selbständigen Gewerbebetrieben. So könnte man Braunschweig durchschnittlich zur bürgerlichen Mittelklasse zählen.“

Wir gehen den Braunschweiger Ring bis zur Nordstraße entlang. Überall zwischen Altbauwohnungen sehen wir in den Hinterhöfen kleine ehemalige Handwerksbetriebe. Zumindest waren in den kleinen Gebäuden mal welche. Richtung Nordstraße bis zur Hamburger Straße vergrößern sich diese ehemaligen Betriebe allmählich. Ich schaue durch das Fenster eines kleinen Betriebshäuschens und bewundere eine große Galerie alter Schlüssel und Schlösser verschiedenster Größen und Formate. Manche sehen schon ziemlich alt, rostig und schwer aus. Ich bekomme meine Augen kaum von diesen Schlössern und ihren kaum erkennbaren Aufschriften weg.


Die Konserven- und Nahrungsmittelindustrien beschäftigten über-wiegend ungelernte Arbeiter und Arbeiterinnen, ebenfalls Saisonarbeiter vom Land. Braunschweigs Arbeiterschaft, das wissen wir jetzt, war oft noch in selbst organisierten handwerklichen Kleinbetrieben beschäftigt. Damit zählten als Selbständig. Das lockerte für sie den offen ausgetragenen Klassenkampf etwas auf. In der Maschinenindustrie etablierten sich immer mehr Facharbeiter, die wesentlich besser entlohnt wurden als Arbeiter oder Hilfsarbeiter. Es ergab sich ein weitaus fortgeschritteneres Selbstbewusstsein unter den Metallarbeitern.
(Ilona Meschke@2009)



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