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Vorgeschichte der Geschichte

Braunschweig wurde seit achtzehnhundert einundsiebzig als souveränes Herzogtum bezeichnet und war Teil des Deutschen Reiches. Aber auch das stand mehr auf dem Papier, eher konnte es auch als eine Hochburg antipreußischen Welfentums bezeichnet werden. Es regierte ein Statthalter, bevor neunzehnhundert dreizehn wieder ein Herzog als neuer Landesfürst den Thron besteigen durfte. Die Braunschweiger Verfassung sah eine Landesversammlung mit einem Dreiklassenwahlrecht vor. Landtagsabgeordnete waren Großgrundbesitzer und Großindustrielle. Ein Vertreter der Arbeiterschaft war nicht vorgesehen.


„Obwohl die Arbeiterschaft die Mehrheit  der Bevölkerung gewesen sein musste, so ungefähr achtzig Prozent“, erzählt Greta, während wir vor dem Gebäude eines mit Sicherheit kleinen, ehemaligen Privathandwerksbetriebes stehen. Ich nutze die Gelegenheit, durch das Fenster des kleinen Betriebes zu luken, um mir diesem kleinen Raum als voll-ständig eingerichtete Schlosserei mit allen Geräten und Mobiliar, was hätte hinein passen müssen, vorzustellen. So, wie mein Großvater hatte. Greta und Theo aber blättern jetzt in einem Schema einer Wahlkreiseinteilung herum und stellen fest, dass ländliche Gebiete dabei bevorzugt werden. Ich höre es nur, weiß aber nicht, weshalb. Sicher weil die Großindustrie die Landwirte gut in den Händen hielt, was Zusammenarbeit genannt wird. „Die dritte Klasse der Wählerschaft konnte mit dieser Einteilung aber keinen Einfluss auf Politik und Wirtschaft genießen.“ So höre ich Greta und Theo reden, während ich in der verlassenen kleinen Werkstatt wieder Geister arbeiten sehe und dumpfes Klopfen vernehme.

Politisch war die Arbeiterschaft entmündigt. Und die industrielle Entwicklung konzentrierte sich weiter auf immer größere Absatzmärkte. Wir hatten es schon durchgekaut. Es kam zur rücksichtslosen Monopolisierung, zur Kartellbildung und zu Trusts, besonders in der Schwerindustrie. Die enorme Überproduktion, in den Industriestaaten überhaupt, verschärfte das Ringen um neue Absatzgebiete und Rohstoffquellen. Ein harter Wettkampf bei dem die politisch Schwächsten und Einflusslosesten auf der Strecke blieben, die Arbeiterschaft.


Auch wenn die Arbeiterschaft der Industrie sich bereits mehr Rechte durch Arbeiterkämpfe geschaffen hatte als die passive Landarbeiterschaft. Eine aggressive Wirtschaftspolitik im Landesinneren gegen die Arbeiterschaft und eine aggressive Wirtschaftspolitik nach außen konnte weiter stark durchgedrückt werden. Rüstungsaufträge verschlangen den größten Teil des Staatshaushaltes der Reichsregierung.

Innerhalb von zehn Jahren, bis in das Jahr Neunzehnhundert drei-zehn hinein, stiegen die Rüstungsausgaben um ungefähr hundertdreißig Prozent.

Enorm, was diese Fabriken schaffen konnten, obwohl sie so groß im Vergleich zu heute nun doch noch nicht waren. Wir verlassen den Hof.

„Der Krieg war also längst geplant. Auch wenn es angeblich einen andere Gründe dafür gegeben hatte. Es gibt immer eine öffentliche Begründung und eine interne, die anders lautet!“ das nehme ich mir jetzt zum Grundsatz.


Die Kriegsproduktion der deutschen Wirtschaft wurde durch die Zusammenarbeit der Kriegsrohstoffabteilung im preußischen Ministerium und den Kriegsgesellschaften der deutschen Industrie intensiviert. Sie waren Ausdruck der Verschmelzung von Staat und Wirtschaft.

So haben wir es der Literatur entnommen und schlendern durch die Straßen. Wir wissen jetzt, der Leiter der Kriegsrohstoffabteilung, Walter Rathenau, war gleichzeitig als Staatskommissar und Aufsichtsratsvorsitzender der AEG tätig.

„Ein von langer Hand geplanter Eroberungskrieg wurde in der Öffentlichkeit bald als Verteidigungskrieg dargestellt.“ Das entnimmt Theo der Literatur, wobei Greta der Meinung ist, es würde heutzutage nicht anders aussehen, gerade auch mit den Politikern, die in großen Unternehmungen einen Aufsichtsratssitz inne-haben. Theo nickt.
(Ilona Meschke@2009)



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Buch und Kunstwerkstatt in Braunschweig
… es knistert …
… oder brennt es schon? …

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