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die Arbeiterbewegung

Schon achtzehnhundert achtundvierzig trat die Arbeiterschaft Braunschweig mit revolutionären Aktionen hervor, um sich für ihre Rechte einzusetzen. An der Spitze der Braunschweiger Volksbewegung stand beispielsweise Wilhelm Bracke. Er erlebte die ersten Freiheitskämpfe und arbeitete mit an den Forderungen sozialdemokratischer Ideen. Er erlebte auch die durch Kämpfe um Freiheit und Rechte resultierenden Verhaftungen, Strafen und Misshandlungen. Er stellte sich gegen unfaire Sozialistengesetze, die Sozialdemokraten gesellschaftlich ächteten, ihre Parteien verboten und ihre Mitglieder zu verfolgen oder zu verbannen erlaubten. Wilhelm Bracke forderte eine Braunschweiger Zeitung, die auch die Standpunkte einer Sozialdemokratie drucken sollte bis durch ihn achtzehnhundert einundsiebzig die Zeitschrift, ,Der Volksfreund‘, entstand, die sich lange Zeit bewährte.

Theo staunt: „Was? Damals schon wurde von der Braunschweiger Zeitung verlangt, die Standpunkte einer Sozialdemokratie zu drucken? Da kämpfen manche Braunschweiger heute noch!“

„Ja, aber Theo, diese Sozialistengesetze, waren das nicht schon Menschenverfolgungen? Mit Haftstrafen in der Öffentlichkeit geächtet. Was bedeutet das alles? Vielleicht wurden die Sozialisten  in den Gefängnissen schlecht behandelt? Sie mussten massenhaft ihre Orte verlassen, in denen sie lebten!“ Das bewegt Greta. Theo antwortet nur: „Also im Detail steht hier nicht, was Einzelne dadurch zu ertragen hatten. Wilhelm Bracke soll dazu gesagt haben: „Wir pfeifen auf eure Sozialistengesetze.“

Die aktive Rolle der Braunschweiger bei der Gründung einer marxistischen Partei führte dazu, dass Braunschweig achtzehnhundert einundsiebzig Sitz des obersten Führungsgremiums der Partei wurde. Die Arbeiterschaft sprach sich vereint gegen Kriege aus.

„Sie sprechen sich gegen Kriege aus und produzieren dafür in den Betrieben, um deren Gewinne und die Möglichkeit eines Krieges zu maximieren. Aber die Arbeiter können nichts dafür. Das System ist so“, fällt mir auf. Greta und Theo sind anderweitig im Buch beschäftigt. Ich nehme mal an, dass die Arbeiter und Arbeiterinnen mitunter das System gar nicht so erkannten und wahrnahmen, wie Greta und Theo mein Gerede nicht wahrnehmen. Wir reagieren ganz ähnlich. Wenn wir preis-günstige Nahrungsmittel bei Supermärkten und globalen Mächten ein-kaufen. Wir machen große Industrieketten immer mächtiger. Dabei wollen wir die kleinen Läden erhalten, die so günstig nicht verkaufen können. Wir selbst unterstützen damit die Monopolisierung, die Macht und Machenschaften großer Konzerne. Es hat sich nichts verändert.


Das Arbeitervolk im Deutschen Reich bekam es hin, dass die Sozialistengesetzte achtzehnhundert neunzig abgeschafft wurden. Doch es entstanden immer neue Repressionen und ein vehementer Rufmord gegen Sozialisten. Es formierten sich auch Gruppierungen gegen die Demokraten. So entstand neunzehnhundert fünf eine ‚Nationale antisozialdemokratische Organisation‘ aus dem Bürgertum mit Industriellen und Monarchieanhängern. Und im selben Jahr wurde der ‚Nationalliberale Verein Braunschweig‘ von Großunternehmern gegründet, ein Verein für Großunternehmer mit Amme, Bankier Seeliger, Brauereibesitzer Wolter, Dr. Konegen, Max Jüdel, und C. Heimbs.

Für ihre eigenen Profitinteressen organisierten sie sich gegen die Sozialdemokratie. Auch die Gruppierungen der Sozialdemokraten, oft im Untergrund versteckt, wuchsen. Sie waren von nationalen Gegnern nicht mehr aufzuhalten. Eine sehr viel höhere Auflage der bekannten Arbeiterjugendzeitschrift, ‚Arbeitende Jugend‘ wurde gedruckt.

„Erst die Sozialisten abschießen, köpfen und unschädlich machen und dann Krieg nach außen!“ Ein bekannter Ausruf von Kaiser Wilhelm II im Jahre Neunzehnhundert fünf.

Greta stehen jetzt die Haare zu Berge. Sie fröstelt. Ich kann es gut beobachten. Sie fragt leise: „Also nationalistische Bewegungen und Kriege schon in dieser Zeit, gegen sozialistische Bewegungen und Frieden?“ Sie macht eine Pause und fragt Theo: „Theo, wärst du eventuell freiwillig in den Krieg gezogen, weil der Hunger dich dahin triebe?“ Theo weiß nicht wie er antworten soll.

Doch die Arbeiterschaft entwickelte sich stark zum selbstbewussten Arbeitervolk, dem Proletariat. Gegen Verfolgungen, Festnahmen, Misshandlungen oder Mord lernten sie sich nur noch mehr zu wehren. Vor allem die Jugend, organisierte sich in Gesangs- und Sportvereinen. Sie bildeten immer stabilere Presseorgane. Traditionell traten die Sozialdemokraten vor den Wahlen gestärkt an die Öffentlichkeit. Um neunzehn-hundert zählte die damalige sozialdemokratische Partei Deutschlands im Herzogtum Braunschweig ungefähr fünfhundert Mitglieder, zehn Jahre später elftausend mit starker Wählerschaft.

Ich freue mich zu hören, dass die Menschen sich durch die harten unfairen Sozialistengesetze nicht einschüchtern ließen, eile zu der nächsten großen Fabrik an der Hamburger Straße und rufe dabei:

„Träger fortschrittlicher Ideen waren Massen von sozialdemokratischen Arbeitern. Sie ebneten uns den Weg zur Demokratie!“ Das stelle ich noch einmal feierlich und lautstark vor Schmalbach fest, als Greta und Theo mir nahe genug sind, um meine Worte mitzuhören. Sie tolerieren mein kleines Theaterstück. Greta ist Lehrerin und kommt aus einer bürgerlichen Lehrerfamilie. Theo Informatiker, vielleicht kommt er aus einer Arbeiterfamilie wie ich.

Das Bürgertum bewegte sich vielleicht scheinheilig in eine Richtung, die Neuerungen in sozialen Bereichen und Mitbestimmung auch für Frauen bedeuten sollte. Sie gründeten neunzehnhundert sieben ein Bündnis der Frauenvereine. Vierzehn Jahre, nachdem die Reichsregierung in Berlin solch eine Dachorganisation bildete. Diese Frauenvereine sollten sich lediglich für karitative Aufgaben einsetzen, nicht für politische. Innerhalb der Sozialdemokratie aktivierten sich inzwischen viele Mädchen- und Frauen stark. Das Proletariat gründete in diesem Jahr den ‚Bildungsverein jugendlicher Arbeiter Braunschweig‘. Ein Jahr später schafften es Vereinigungen, in denen auch Minna Faßhauer schon damals stark vertreten war, eine gesetzliche Gleichberechtigung der Frauen in Bildung und Politik durchzusetzen. Das Verbot, das Mädchen und Frauen sich nicht politisch betätigen durften, wurde aufgehoben. Daraufhin wurde der Bildungsverein umgetauft in ‚Bildungsverein jugendlicher Arbeiterinnen und Arbeiter Braunschweig‘. Der Verein bestand ein knappes Jahr und hatte dreihundert Mitglieder. Er gründete sich auf die Thesen von Karl Liebknecht, wobei es über Standpunkte und Analysen von ‚Militarismus oder Antimilitarismus ging‘.


„Hatten die Frauen nicht die meiste Verantwortung im Alltag zu tragen? Sie mussten doch die Kinder versorgen, haushalten mit wenig Geld und lange in den Fabriken arbeiten?“ fragt Greta.

Mit diesen neuen politischen Gruppierungen und ihrer politischen Bildung bekam das Proletariat immer mehr Selbstwertgefühl und Selbstsicherheit. Das entmündigte Volk stand in Massen auf den Straßen und klagte weiter Rechte und Forderungen ein.

Untergetaucht in der Materie verbinde ich hautnah heute mit gestern: „Sie erfanden das Demonstrationsrecht auch für uns. Wir demonstrieren inzwischen legal und äußern uns politisch auf der Straße. Für sie war Demonstrieren illegal, aber ihre einzige Waffe, für eine bessere Verteilung der Ressourcen, für Nahrung, für Bildung, für einen besseren Lebensstandard sowie für demokratische Wahlrechte.“

Während ich das äußere, erinnert Theo: „Die Obrigkeit selbst wollte ihre eigenen Frauen nicht wählen lassen.“

Schon lange habe ich mich gefühlsmäßig daran gewöhnt, für diese Augenblicke eine Arbeiterin aus diesen Jahren zu sein, eine Proletarierin, und bin stolz darauf. Auch wenn das Klassensystem mich unterbewertet. Ich ziehe meine Kapuze über den Kopf. Mein zerschlissenes langes Kleid schaut unten aus der Jacke heraus. So tanze und drehe ich mich singend auf der Straße. Ich fühle mich frei, denn ich weiß, wer ich bin. Greta macht mit. Wir tanzen zusammen, vielleicht einen Arbeiterinnen-befreiungstanz. Wir singen: „Unter dem Pflaster, ja da liegt der Strand. Komm‘ reiß‘ auch du eine paar Steine aus dem Sand.“
(Schneewittchen)

Im Jahre neunzehnhundert zehn gab es wieder einmal eine Demonstration, eine der größten und bekanntesten.

„Da müssen wir hin! Das war am zehnten Januar und heute ist der zehnte Januar“, stelle ich fest. Greta, Theo und ich stehen inzwischen auf dem Inselwall. Hoffentlich kommen wir nicht zu spät. Ich schiebe die beiden an. Ich hetze sie: „Los kommt, Greta! Los, Theo! Wir müssen auf den Hagenmarkt. Schnell, schnell. Wir müssen die Demo sehen. Ich will dabei sein!“ Endlich fangen die beiden an zu laufen. „Kommt schnell! Zehnter Januar! Wir kommen noch zu spät!“ Greta läuft vorsichtig auf Eis verkrusteten Wegen vor. Theo und ich eilen jetzt hinter ihr her. Alle laufen zum Hagenmarkt. Theo stolpert, fällt und steht wieder auf. Ich stolpere und falle hinter ihm mit dem Buch unter den Arm gepresst.

Mit dem Buch unter dem Arm erhebe ich mich. Wir laufen weiter. Wir sehen den Hagenmarkt. Immer mehr Demonstranten laufen auf den Platz Wir sehen den Hagenmarkt, voll mit Menschen. Wir drängeln und schlängeln uns durch die Massen. Wir sehen kein Ende. „Die Ministerien auf dem Bohlweg und auch die anliegenden Nebenstraßen sind vollgefüllt mit Menschen. Wir kommen nicht mehr weiter.


Auch, wenn wir nicht alles überschauen können. Ich habe das vorher aus dem Buch erfahren können“, unterrichtet uns Theo. Wir sehen die Aufrecht erhobenen Säbel der Polizei und des Militärs, die sich drohend in der Menge zeigen. “Meine Güte! Das sind so viele Säbel wie Flaggen auf dem Fußballfeld. Nur die einen wedeln in der Luft bei Geschrei. Sie tun keinem etwas“, ruft Greta entsetzt. „Zwanzigtausend Streikende sollen hier stehen“, unterrichtet uns Theo weiter vertieft im Buch, womit er Greta nüchtern unterbricht.


Wir drängen uns außen am Rande herum. Dann mischen wir uns in die Menge, hindurch zu den ehemaligen Ministerien. „Vorsicht! Greta, komm‘ hier entlang. Lasse dich nicht von der Masse rechts wegdrücken!“ ruft Theo. Wir krallen uns fest aneinander, damit wir uns gegenseitig schützen und nicht verlieren können.

Ich schaue zu den drohend nach oben gehaltenen Säbeln. Sie sind nicht weit von uns. Von allen Seiten her hören wir Rufe und Schreie. Wir stehen jetzt an der Mauer der Ministerien in Sicherheit. Verletzte sind schon zu entdecken. Es gab viele Verletzte. Wir schauen auf den Hagenmarkt. Einer hält eine Zeitung hoch und winkt uns zu. Er winkt mit einem Volksfreund in der Hand. Da hält noch einer einen Volksfreund hoch in die Luft, als wäre es sein Säbel. Ich winke so gut es geht mit dem zerfledderten Buch zurück, das ich mit beiden Händen in der Luft halte. Dann gebe ich es Greta. Sie verlangt danach.

„Bei dieser Demo geht es darum, die Niedriglöhne zu verbessern und auch andere desolate Zustände zu verändern. Es geht gegen den schon drohenden Krieg, der die Ärmsten stets am meisten treffen würde.“ Soviel können wir von Theo erfahren. Polizeitrupps versuchen immer wieder die Menge zurück zu drängen.

Tausende von Säbeln zeigen sich wieder drohend aufrecht, wieder ganz in unserer Nähe. Wir versuchen auszuweichen und stellen uns ganz an den Rand gepresst, an der Wand des ehemaligen Ministeriums. Die Polizei schafft es trotz aller Gewalt nicht, die demonstrierende Menge zurück zu drängen. Wo sollten sie anfangen? Es sind einfach zu viele. Wieder hält einer einen zusammengerollten Volksfreund hoch, so als wäre es sein Schwert. „Er sollte das lieber lassen“, meint Theo. Wir verharren an der Mauer bis sich die Menge auflöst. Es hat lang gedauert. Der Verkehr verändert sich. Militär und Säbel verringern sich. Autos fahren. Wir stehen wieder in unserer Zeit. Immer noch vor den Ministerien.

„Einen Tag später werden Militärparaden auf das übliche Marschieren sämtlicher Straßenzüge anlässlich der Geburtstagsfeier des Kaisers aus Furcht vor Unruhen verzichten“, freut sich Theo, der mit Lesen beschäftigt die Veränderung auf der Straße nicht merkt und feststellt: „Das Volk ist also in der Lage, auf der Straße etwas zu verändern. Das passiert. Das lohnt sich.“

Neunzehnhundert zwölf wurde die SPD stärkste Partei im Reichs-tag. Sie errang fünfunddreißig Prozent, eine Massenpartei mit hundertzehn Mandaten, einundneunzig Zeitungen, fünfundsechzig Druckereien, tau-sendeinhundert siebenundvierzig Arbeiterbibliotheken und einer organisatorischen Stärke, alles auf der Straße erkämpft. Braunschweigs Wider-stand war stark vertreten und eng mit Berlin verdrahtet.

Es wurden Gesetze erstritten und das Proletariat wuchs durch seine Partei und seine politische Bildung zu selbstbewussten Menschen.
(Ilona Meschke@2009)



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… oder brennt es schon? …

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