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die sozialistische
Arbeiterschaft spaltete sich

Immer noch stehen wir vor den Ministerien. Tauwetter ist zumindest an dieser Stelle angesagt. Es tröpfelt die Dachrinne herunter. Theo lässt das Buch fallen und kümmert sich nicht mehr darum. Er schaut abwesend auf die Straße. Auf die Veränderung, wieder in der heutigen Welt zu stehen, kann er sich noch nicht einlassen. Greta rettet das Buch eilig vor dem Tauwasser. Es hat während unserer Reise eh‘ schon reichlich gelitten, wie ich jetzt feststelle. Greta sucht eilig in dem von ihr geretteten Buch herum. Hoffentlich fällt es nicht wieder herunter.

Greta liest: „Die Wirtschaft florierte immer mehr und schaffte höhere Geldanhäufungen. Doch immer noch und immer wieder bekamen die Arbeiter, die die Wirtschaftsgüter produzierten, nur Hungerlöhne.“

Anders noch soll es gewesen sein, widerlicher, die Obrigkeit spaltete und schwächte die Aufstände mit einer Strategie, die Löhne und Gehälter der Facharbeiter, besonders aus den Metall verarbeitenden Industrien, total zu erhöhen, während die Löhne in der Nichtmetallherstellung dementsprechend immer mehr sanken. So wollten sie sicher die Arbeiterschaft spalten?

„So glaubten die Unternehmer, dem Sozialismus Herr zu werden“, empört sich Greta. Sie sieht enttäuscht, sogar resigniert aus. Wir sind alle drei nicht glücklich darüber, aber informieren uns weiter. Das heißt, Greta liest jetzt still in dem Buch herum. Wir stehen fröstelnd und unnütz im Tauwasser.


„Gegen die gering Verdienenden wurden dann hoch bezahlte Arbeiteraristokraten geschaffen, die die Menge Arbeitender in den Betrieben vehement kontrollierten, kommandierten und demütigten“, klärt Greta uns auf. Sie macht eine Pause.

„Gemeinheit“, empört sie sich. Alle Hoffnung scheint verloren gegangen zu sein. Aber die inzwischen stark gewordene sozialdemokratische Partei, was tat sie für ihr Proletariat? Nach einer Weile liest Greta weiter vor: „Die regierenden sozialdemokratischen Brüder änderten ihre Denkweise. Nicht mehr der Sieg der sozialistischen Revolution soll der Weg einer Arbeiterbewegung sein, sondern eine langsame, sittsame, parlamentarische Auseinandersetzung.“

Was heißt das schon wieder? Oh, ich fange an, den Buchanfang zu verstehen: „Die Weimarer Republik gründete ihr Selbstverständnis nicht wie die Französische auf die Revolution, sondern auf ihre Überwindung.“

Wir stehen immer noch auf dem Bohlweg vor den Ministerien. Greta lässt das Buch diesmal in den Schneematsch fallen. Gibt sie auf? Sie scheint wie Theo kaum zu merken, dass das Buch in den Schneematsch gefallen ist. Alle drei starren wir aber jetzt auf das heruntergefallene verlorengegangene Buch, die heruntergefallene verlorengegangene Demokratie. Der Kampf um die Freiheit für alle liegt vor unseren Füßen auf dem nassen Boden. Langsam wird sie feucht und beginnt sich aufzulösen. Die Seiten des Buches leben nicht mehr. Sie erkranken durch den nassen Boden. Sie leiden wie die Menschen des Proletariats. Alles ist verloren. Die zufällig aufgeschlagene Seite verrät uns noch einen kleinen Inhalt:

Hauptthese des Revisionismus, so nannten die Revisionisten ihr neues Vorgehen, war, dass nicht mehr der Sieg der sozialistischen Revolution, die Demonstration auf der Straße und somit die öffentliche Politik für jeden, das Ziel der Arbeiterbewegung sei. Also nicht mehr das bewährte Mittel zum Druck machen sollte der politische Weg der Arbeiterbewegung, der Sozialisten, sein.

Stattdessen sollte eine langsame Verbesserung der sozialen Situation durch einen ständigen Kampf um gesellschaftliche Reformen auf parlamentarischem Wege erbracht werden. Ein allmähliches Wachsen des Sozialismus sei dadurch möglich, meinten die inzwischen privilegierten Kräfte der Demokratie, die es sich wohl auf ihren Plätzen sitzend, einfacher machen wollten.

„Das sei also möglich? Bleibt nicht nur die Frage offen, wann und wie lange die dritte Arbeiterschicht, die die Sozialdemokratie mit auf-baute, auf ihre Rechte zu warten hatte. Sondern auch, wie stark die Regierenden, die besser Gestellten der SPD, jetzt waren, ohne ihre außerparlamentarische Kraft auf der Straße“, stellt Greta fest und starrt auf das herunter gefallene Buch, das sich immer noch langsam in der Nässe auflösen will.

„Wenn die Bevölkerung sich nicht weiter auf der Straße wehrt, also keinen Druck mehr macht, bekommt sie gar nichts mehr! Wir wissen wie sehr es um Machtinteressen geht, auch wenn wir manches Mal nicht hinschauen möchten. Die Mitbestimmung wird geschwächt. Die Ärmsten kommen nicht mehr zu Wort. Sie sind keine Parlamentarier“, glaubt Theo ebenso wie Greta.

Theo ist eine Weile still. Dann sagt er: „Eine parlamentarische Auseinandersetzung ist nicht zwingend Demokratie, sondern ein Kampf um das Wort. Demokratie kann so gut vorgetäuscht werden. Eine parlamentarische Auseinandersetzung ist die Macht des Wortes. Hat die Mehrheit wirklich immer die Macht des Wortes? Die dritte Klassenschicht hat nicht einmal ein faires Wahlrecht. Die Macht des Wortes haben die Einfluss-reichen, die die Medien steuern können. Die das Geld haben. Arbeitnehmer können bei dem parlamentarischen Wörtergerangel nicht mit-mischen und nicht abstimmen. Das ist eine Möglichkeit der Demokratie im gleichen Raum. Aber nicht, für die, die vor der Tür stehen.“

Ich bestaune seine Analyse: „Super gesagt, Theo, ein Kampf ums Wort. Ich wär‘ nicht gleich drauf gekommen.“ Wieder stehen wir mit Wortpause zusammen und schauen gegenseitig in unsere Gesichter.

„Da haben wir aber auch wieder das mit der öffentlichen Begründung und der internen, die heimlich ganz andere Ziele verfolgt. Die öffentliche Begründung haben wir gerade gelesen“, sage ich. Wir sind wieder eine Weile still und schauen unten auf das  Buch. Schnell hebe ich es auf, trockne es vorsichtig mit meinen Klamotten, entferne Dreck und Steinchen. Dann tröste ich meine Freunde: „Nur ein wenig nass geworden, die Seiten, die Demokratie und die Fairness. Mehr ist nicht passiert. Die Arbeiter machen weiter. Die haben keine Lust, es bleiben zu lassen. Sie haben doch Selbstbewusstsein errungen und Bildung. Die denken nach. Die sind nicht dumm. Die lassen sich nicht mehr ausschalten. Erst recht nicht, wenn sie so lange auf ihre Rechte warten, die nicht mehr kommen sollen.

Sie werden weitermachen.“ Dann sage ich noch: „Und ich will es auch!“

Wir haben uns ein wenig vom Revisionismus erholt, nur Greta nicht. Uns knurren die Mägen. Auch müssen wir uns aufwärmen und gehen in ein Restaurant Hagenmarkt Ecke Bohlweg.
(Ilona Meschke@2009)



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