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daheim

Ich sitze auf dem Sofa.
Zwei gegenüberliegende Fenster geben Licht.
Wie zwei Augen. Sie verraten das Wetter draußen.
Bäume, - still, Grashalme, - wehen ein wenig mit dem Wind.

Nah, immerhin bewegt sich was. Nasskalt und grau. Halbacht war es. Seitdem bin ich wach. Hin und wieder lege ich mich auch wieder hin. Ich schaue auf das noch nicht fertig gemalte Gemälde. Dabei lasse ich meine Arme und Hände schön still mit auf dem Sofa liegen. Ich schaue nur und male nicht weiter. Das glühende Anthrazit im Ofen gibt bereits fünfundzwanzig Grad her. Zumindest an der Stelle, wo ich auf dem Sofa sitze. Die Uhr auf dem Tisch zeigt jetzt fünfzehn Uhr zweiunddreißig. In eine Decke eingewickelt fröstelt es mich doch. Kalte Hände. Kalte Füße. Ich glaube, ich lege mich wieder hin.

 

Warum gibt es keine Gerichte?

Keine, die von Straftaten nur die Schmerzen behandeln, untersuchen, anerkennen, urteilen, beurteilen, verurteilen, in Augenschein nehmen, mit Zeugenaussagen und Täterbefragungen?

Einfach nur, weil das wichtig ist.

Nein, Täter sollen nicht bestraft werden, nicht materiell, keine Zwangsarbeit, kein Gefängnis. Doch mit einem anerkannten Gerichtsurteil. Das reicht. Die Welt wird besser. Täter verhalten sich bald anders. Wenn Schmerzen erkannt, anerkannt und getröstet werden. Wenn zugefügte Schmerzen nicht mehr persönlich und gesellschaftlich unterdrückt werden sollen.

Mein Magen krümmt sich zusammen. Ist das Schmerz oder Hunger? Das spüre ich nicht. Bekomme ich allmählich Hunger? Oder ist das der Met, der letzten Nacht, mit dem ich mich zusammen schlafen legte?

Heute ist heilig Abend. Das sagt man so. Alle Menschen, die glücklich sind, können jetzt zusätzlich feiern und glücklich sein. Mit den Menschen ihrer Wahl. Da sind keine Traurigen bei. Die wurden vorher entfernt, ignoriert, um das Leben besser zu genießen.

Diese Weihnachtsgeschichte möchte sicher keiner hören oder lesen. Das ist Weihnachten ohne Schnee. Weihnachten ohne strahlende Sterne. Einen Glanz durch Heiligenschein? - Weihnachtsschein? - Scheinheilig?

Lena, warum?

Mein Zimmer ist ein komfortabler Sarg. Die Wohnung eine Gruft. Hin und wieder muss ich raus hier, Kohlen aus dem Keller holen. Dann sitze ich wieder auf dem Sofa. Schaue umher. - Weihnachten.

Alle tun so, als gäbe es Weihnachten. Sogar die Wirtschaftslobby macht da mit und lässt die Feiertage gelten. Sie wollen ja auch verdienen mit Geschenken, mit so genanntem Glück, Weihnachtsglück, mit Kitsch. Dafür werden freie Arbeitstage installiert. Um Weihnachten vorzutäuschen. Und alle glauben an Weihnachten.

Eigentlich bin ich tot. Und doch, immer noch wach, um mitzubekommen wie tot ich bin. Endlos lange tot. Ich bin zeitlos, - zeitlos. Zeit steht still. Hört auf zu laufen! Nichts verändert sich. Nichts hört auf. Nichts beginnt. Dabei habe ich so oft nichts gegessen, um die Wachheit los zu werden.

Erst wurde ich aufgefordert, nichts mehr zu essen oder nicht mehr da zu sein. Indirekt, lautlos, hart, knallhart, kalt, verschwiegen, - aber eindeutig klar. Beiseite geschoben, abgeschnitten von allem, was mir lieb war. Ich wurde also stillschwei­gend aufgefordert, nichts mehr zu essen. -Stillschweigend, so läuft das ab. Tief unten, heimlich, wie Schwarzgeschäfte versteckt. Bewusst? Aber gewünscht!

Gewünscht und darauf wartend, gemerkt, gewusst, um sich anschließend darüber ‚ahnungslos‘ zu empören. Zu trauern um sich wieder zu trösten. Um schuldlos, frei und entlastet zu sein.

So sind sie. Sie warten.

Sie warten bis das getan, was gewollt und wiederum verboten ist. Der Weg ist gelegt. Die Spur im Weg vorweg eingedrückt. Ja, schaut nur weg. Ja, tut nur so, als würdet ihr die Spur nicht sehen.

Organisatorisch ausgegrenzt, damit getan wird was verboten ist. Denn verboten ist nur, was andere schuldig machen könnte, damit  Glücklicheren nicht ein Leben verdorben wird. Ein Leben, was lachen will. Was nur lachen will. Nicht jedes Leben zählt. Ich spüre es. Ich fühle es. Eiskalt vorgegeben ist der Tod, immer. Er ist immer irgendwie heimlich.

Warum gab es nie ein Gericht? Auch, damit Tätern, Schmerzensbringer, geholfen wird. Damit die, die Schmerzen verursachten nicht mehr weiter machen. Damit sie ihr eigenes Leben nicht selbst zerstören, weil sie auf ein anderes treten. Die wissen doch, tief in der Seele, tief im Geist, da war was. Ein Leben lang - sie wissen es - heimlich.

Warum ist das kein Gesellschaftsproblem, wie materielle Schäden. Immer geht es um Missetaten materieller Art. Mancher zugefügte Schmerz soll bleiben. Der nicht anerkannte Schmerz, versteckt sich tief. Tief eingeklemmt in den Körpern sitzt er da. Alles stirbt. Nur er nicht. Er wächst. Die immer größer werdenden Masse im kleinsten tiefsten Raum gedrängt, wird bald eine Bombe werden, die zu platzen beginnt.

Das eigentliche Verbrechen überall, einzig und alleine, ist der zugefügte Schmerz, und nicht die tatsächliche Tat mit dem Materialschaden, der entstand. Beim Fahrraddiebstahl wird ein Fahrraddiebstahl bestraft, nicht die Verletzung, der Verlust und die Trauer, die im Herzen sitzt. All diese Fakten werden verschwiegen. Nicht behandelt. Welcher Teufel hat sich das ausgedacht? Ich muss es ertragen, lebend tot zu sein. Denn ich bin wach und bekomme alles mit. Werde zeitlos bestraft. Bestraft endlos. Und wofür?
(© Ilona Meschke 2006)

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