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der erste Weltkrieg begann

Die Wirtschaft florierte stärker. Zusammenschlüsse, Kartelle und Trusts ließen das Kapital immer mächtiger werden. Es wurde nach neuen Absatzmärkten, Rohstoffquellen und Einflusszonen gesucht. Und das halb absolutistische Deutsche Reich hatte eine starke Rüstungsindustrie.

Der Krieg war lange vorbereitet. Und ein großer Teil der Bevölkerung, die Bürgergesellschaft, allgemein wuchs mit hinein und beeinflusste oft auch ihre Untergebenen. Eine nationale Überheblichkeit, Chauvinismus und Angriffslust verblendete inzwischen auch die privilegierten Sozialdemokraten immer mehr. Sie verließen ihre Grundlagen vollständig und schlossen Burgfrieden mit Fürsten, Großgrundbesitzern und Groß-industriellen, die alles andere als einen Sinn für Demokratie hatten.

„Hat doch keinen Sinn mehr, sich einzumischen. Ist doch immer das Selbe!“ ruft Greta und mag ihren Kuchen im Lokal nicht mehr essen. „Jetzt haben sie dich da, wo sie dich haben wollen. Ja, gib nur auf!“ sagt

ihr Theo. „Warum haben wir eigentlich diese alt Braunschweiger Namen?“ denke ich gerade so ganz nebenbei abschweifend.

Ein sozialdemokratischer Chefredakteur, Friedrich Stampfer, der Zeitung ‚Vorwärts‘ sollte über die privilegierten Demokratisten geschrieben haben: „Die vaterlandlosen Gesellen werden ihre Pflicht erfüllen und sich darin von den Patrioten in keiner Weise übertreffen lassen.“

Ich stelle laut fest: „Oh, den Spruch kenne ich doch. Mein Opa schimpfte früher so ähnlich.“


Und Wilhelm II rief  den Krieg aus: „Mitten im Frieden überfällt uns der Feind, drum auf zu den Waffen! Jedes Schwanken, jedes Zögern wäre Verrat am Vaterlande!“ Wieder kommt mir der Einfall zu sagen: „Es gibt immer eine öffentliche Begründung, die sich anders anhört als die interne.“ Und wir drei unterhalten uns im Lokal so energisch, dass wir am Nebentisch interessierte Zuhörer gewinnen. „Technik wurde modernisiert. Aber nicht das System und der gesellschaftliche Umgang miteinander“, sagt Theo freundlich, der ein Informatiker ist, und Technik sonst nicht kritisiert.

Ich blättere in dem selbstgemachten Buch, während Theo die Bilder zeigt. Ich fasse es nicht. Der Krieg neunzehnhundert vierzehn, ein Jahrmarkt wurde gefeiert. Jungen zu Soldaten gemacht, wurden bereits zu Helden für das Vaterland schon vor dem Krieg.

Bevor sie in den Krieg zogen und als Leichen zurückkehrten. Falls sie überhaupt zurück kamen. Postkarten mit lächelnden Liebespaaren, die Abschied nehmen. Alle benahmen sie sich wie glückliche Helden. Wussten die nicht, was Kriege sind? Jetzt schauen unsere Gäste, Tischnachbarn im Restaurant auf die Bilder.


Wir diskutieren verwirrt und inhaltslos über das, was wir bei der Betrachtung der Bilder erfahren. Aber wir sind alle ganz einer Meinung, wenn es um Kriege geht, und haben Unternehmer neben uns sitzen. Ob die die Ursachen so sehen wie wir? Ob die das auch mit dem heutigen Wirtschaftssystem vergleichen, wie wir das tun?

Die ausgestoßenen hungernden Arbeiterfamilien waren da heller als die verblendete Mittelschicht. Sie feierten keine bevorstehenden Kriege, sondern verbarrikadierten teilweise ihre Wohnviertel während dieser Kriegszeremonien.

Doch ihre Partei und ihre Vereinigungen waren zersplittert und geschwächt. Hauptsächlich auch durch die Macht der privilegierten Sozialdemokraten, die eigentlich zu ihnen und zu anderen Grundsätzen hätten stehen müssen. Von der regierenden SPD wurde der Ausnahmezustand ausgerufen, um gegen Arbeiter und Sozialdemokraten noch härtere Gesetze zu schaffen. In den Betrieben kontrollierten jetzt polizeiliche Aufseher, am weißen Oberarmband erkennbar, die Arbeiterschaft mit Schusswaffen. Lange Haftstrafen oder die Einberufung in den Krieg konnten Arbeiter befürchten, wenn sie sich mit politischen Betätigungen erwischen ließen. Geheime Aktenvermerke verrieten sogar, dass es sich bei diesen neu eingezogenen Soldaten um widerstrebende Sozialdemokraten handelte.

Die Arbeiterschaft bekam Angst und kuschte im gleichen Maß wie Greta resigniert, glaube ich.

Karl Liebknecht rief in Berlin zum Volk: „Diesem System keinen Mann und keinen Groschen!“ Er hatte neunzehnhundert dreizehn dem Wehrbeitrag zur Finanzierung eines Wehrgesetzes zugestimmt. Die gesamte SPD bewilligte neunzehnhundert vierzehn die Kriegskredite. Doch zum Ende desselben Jahres stimmte Karl Liebknecht dagegen. Er hatte damit eine Zwangseinheit gebrochen. Sechs Tage später stimmten achtzehn Mitglieder gegen die Burgfriedenpolitik der SPD und zweiundzwanzig enthielten sich daraufhin. Später wurden alle Kreditgegner aus der Partei ausgeschlossen. „Demokratie pur!“, äußert sich Theo ironisch.

Neunzehnhundert vierzehn begann nicht nur der Krieg. Die Braunschweiger Sozialdemokraten feierten den Einzug in ihr gerade fertig gebautes Parteigebäude, das Volksfreundhaus. Ein großer Komplex an der Schlossstraße acht gehörte jetzt ihnen. Es wurde auch ‚Rotes Schloss‘ genannt. Der Verlag, die Druckerei des Volksfreundes und andere Pressezeitschriften zogen in die Räumlichkeiten. Gewerkschaften, Partei und Jugendheim schlossen sich an.


„Eine Einrichtung, die nicht einmal heute für Oppositionen existiert“, staunt Greta „aber der Krieg wurde damit nicht verhindert. Wer feierte im -volksfreundhaus? Die sozialdemokratischen Patrioten? Braunschweigs Mehrheit gehörte aber dem linken Flügel der Sozialdemokraten an. Das Schlagwort für die meisten ‚Sofort den Krieg beenden‘! Jedenfalls in der Braunschweiger Arbeiterschaft und in zahlreichen anderen Städten des deutschen Reiches.“ Wir sitzen noch im Restaurant. Unsere Nachbarn verabschieden sich. Sie wünschen viel Spaß und Glück bei weiteren Recherchen.

Die Gewinne des Krieges in Braunschweig machten die kriegswichtigen Rüstungsbetriebe wie Büssing, die Harzer Werke bei Blankenburg oder AGK, MIAG und die Konserven- und Fleischwarenfabriken. Es kam bald zu erheblichem Rohstoffmangel, so dass bei anderen Produktionen hart eingeschränkt wurde, worunter die gesamte Bevölkerung zu leiden hatte. Bürgerliche Frauen arbeiteten in Lazaretts.

Trotz aller Zwangsmaßnahmen der Regierenden etablierte sich eine starke fähige Arbeiterschaft in neue politische Gruppen und Verbände, regional und überregional. Sie zogen die Massen wieder in ihren Bann. ‚Arbeit für Frieden, Brot und Freiheit‘, so hieß das Motto. In Berlin bildete sich neunzehnhundert fünfzehn die Gruppe ‚Internationale‘ mit Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und anderen bekannten Personen. In Braunschweig sorgte hauptsächlich August Merges dafür, dass sich diese Gruppe auch hier weiter formierte. Ein Jahr später lief die Gruppe unter dem Decknamen ‚Spartakus‘ weiter. In Braunschweig gab es dann ‚Spartakus Braunschweig‘ mit  reichlich gutem Druckmaterial und

Flugblättern von der Berliner Gruppe. Neunzehnhundert siebzehn trafen die Untergrundkämpfer, die ‚Spartakuskämpfer‘, sich regelmäßig im Fürstenhof an der Stobenstraße. Hier entstanden gute Konzepte einer Räterepublik. Die politischen Bewegungen der Arbeiterschaft verbreiteten sich gut getarnt im gesamten deutschen Raum. Die Obrigkeit schlief nicht. Sie roch Lunte. Sie reagierte darauf und machte prompt einen Fehler. „Jetzt bin ich gespannt“, ereifert sich Greta und schöpft sichtbar wieder Hoffnung. Warum reagieren wir nur so emotional?
(Ilona Meschke@2009)



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Buch und Kunstwerkstatt in Braunschweig
… es knistert …
… oder brennt es schon? …

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