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der Liebknechtstreik

‚Arbeiter Braunschweigs! Morgen soll Karl Liebknecht verurteilt werden. Das darf nicht sein. Liebknecht kämpfte für uns – kämpfen wir für ihn! Lasst ihn nicht im Stich! Heraus zum Generalstreik! Verlasst um zwölf Uhr geschlossen den Betrieb! Nieder mit der Regierung! Für Friede, Freiheit und Brot!‘ Dieses Flugblatt von damals druckte die neue Arbeiterzeitung neunzehnhundert achtundzwanzig zur Erinnerung ab. Es steht in den Memoiren von Robert Gehrke. Er veranlasste damals, dass diese Flugschriften reichlich in den Betrieben verteilt wurden. Er meinte später, es wäre erstaunlich gewesen, weil Arbeitende sich plötzlich so energisch für den Streik und für Liebknecht einsetzten: „Von denen hatte man das vorher gar nicht erwartet.“

Die zunehmenden Aktivitäten, den Krieg zu beenden, nicht nur in Braunschweig, führten dazu, dass auch die Parteiinstanzen der SPD gegen Kriegselend und Eroberungen Stellung beziehen mussten. In Bittschriften und Erklärungen begannen mobilisierte Kräfte aktiv zu werden. Zugleich verschärfte die Führung aber auch den Kampf gegen die Parteiopposition. Ziel unflätiger Angriffe war besonders Karl Liebknecht ausgesetzt, der im Parlament schonungslos die Haltung der rechten Parteiführung kritisiert hatte, und auf der Straße immer stärker mobilisierte.

„Wieder mal Demokratie pur, Bittschriften führen zu mehr Bekämpfung des Volkes“, ruft Theo aus.

Auf der anderen Seite wurden Stricke gelöst, denn die Versammlung für Karl Liebknecht wurde von der Polizei genehmigt. Wahrscheinlich vermutete die Gegnerschaft, die Ausschreitungen würden zu hoch und unkontrollierbar, sollte diese Versammlung nicht genehmigt werden. Es erschienen in Braunschweig achttausend Arbeiterinnen und Arbeiter, die sich gegen die Inhaftierung Karl Liebknechts auf die Straße stellte. Das Generalkommando in Braunschweig zusammen mit den Industriellen versprachen vorher den Leuten, die davon absahen zu der Demonstration zu gehen, ökonomische Vorteile. Dennoch ließen sich ungefähr acht-tausend bei der Versammlung sehen.

Sepp Örter hielt vor den antreffenden Menschen eine Rede mit Themen, die die eigenen existenziellen Belange eines jeden Arbeiters angeht, während August Merges im Wilhelmsblick, der Ort der Versammlung, vor den Gekommenen, seine Rede dem Genossen Liebknecht völlig widmete, ohne auf andere politische Themen eingehen zu wollen. Achttausend Menschen protestierten und ereiferten sich einstimmig für die Freilassung Karl Liebknechts. Das Massenaufgebot von Militär und Polizei konnte trotz Einschüchterungsversuche diesen verbal lauten und klaren Protest nicht verhindern.

Das königliche X. Generalkommando durch Hauptmann von Wollte-reck bezeichnete die Stimmung vor Ort sehr viel schlechter als vor vier Wochen. Deswegen veranlasste er, eine bessere Versorgung der Lebens-mittel, außerdem wollte man gegen eine weitere Zuspitzung von Ausschreitungen mehr auf die Wünsche der Arbeiterschaft eingehen.

„Wird wohl bald der nächste ‚Linde Suren‘ abgesetzt“, vermutet Theo. Aber dann sagt er: „Mir wird klar wie geschwächt die Regierenden allmählich unter den Druck von unten wurden. Mit Sicherheit bekommen sie auch Druck aus den gleichen Reihen oder von noch mehr oben zu spüren. Es wird immer mehr Uneinigkeit herrschen. Das schwächt.“

Überall im Deutschen Reich wurde gegen die Verhaftung Karl Liebknechts protestiert. Dennoch ging Karl Liebknecht für zwei Jahre in den Knast. Er würde seinen Knastkittel mit Würde tragen, ähnliches sagte er, bevor er eingebuchtet wurde. Alle größeren Betriebe in Braunschweig mussten wahrscheinlich stark durch Polizei und Militär überwacht worden sein, denn wir sehen Listen eines Polizeikommissars, Lage. Es wurde genau Buch geführt wie viele Arbeiter die Betriebe wo und wann verließen.
(Ilona Meschke@2009)


Freie Gruppe
Buch und Kunstwerkstatt in Braunschweig
… es knistert …
… oder brennt es schon? …

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