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die SPD zersplitterte
in USPD und MSPD

Die Anweisung des königlichen X Generalkommandos, mehr auf die Wünsche der Arbeiterschaft eingehen zu wollen, wurde nicht lange vollzogen. „Lebensmittelrationen und soziale Leistungen in den Betrieben wurden wieder und immer mehr eingeschränkt, während die Rüstungsindustrie alles bekam. Für sie wurden sogar Rohstoffe vor Ort gesammelt, jede Schraube, die nicht fest im Bauwerk steckte, musste zur Rohstoffsammelstelle gebracht werden, alles für die Rüstungsindustrie. Egal, wer jetzt welcher Bevölkerungsschicht angehörte, der Krieg erschöpfte sie alle. Alle wünschten sich die sofortige Beendigung des Krieges! - Fast alle!“

Die Klassenkämpfe wurden durch die Armut noch mehr verschärft. Der Sturz des Zarismus in Russland begünstigte im Deutschen Reich die Revolutionsbereitschaft. Viele erkannten, dass die Politik der offiziellen Sozialdemokraten nicht mehr die war, die sie anfänglich sein sollte. Die oppositionellen Sozialdemokraten gründeten jetzt die USPD, unabhängige SPD, während aus SPD zur MSPD wurde, die Mehrheitspartei. Wie ein Sog zog es die sozialdemokratische Bevölkerung und auch andere in die USPD. Die MSPD stand mit ihren Mitgliedern so gut wie auf null.

„Eine Demokratie, die  nach Abstimmung und Meinungsbildung ausschließt“, muss Theo wieder erwähnen, aber wir wissen es doch jetzt, Theo, immer wenn es um die Ausschlüsse und um Demokratie der SPD geht, meldet er sich zu Wort: „Anstatt ihren eigenen Leuten Gehör und eine faire Abstimmung zu schaffen, ersetzten sie diese durch bürgerliche und national denkende Kräfte. Auf ihren verantwortungsvollen Regierungsplätzen saßen sie jetzt alle nebeneinander: gemäßigte Sozialdemokraten, rechtsgerichtete Konservative und Rechte.“

„Vielleicht hockten sie auch außerhalb ihrer Arbeitszeit zusammen und aßen Nahrungsmittel, die sonst keiner bekam.“, stellt sich Theo vor. Komisch, manchmal beschimpft er sie total und dann spricht er sogar auch für sie, sie würden auch von oben Druck bekommen, zumindest manche?

Mit der Gründung der USPD im gesamten Reich bekam die Sozialdemokratie wieder ein festes Standbein. Dennoch wurde in Braunschweig der Volksfreund gerichtlich der Mehrheitspartei zugesprochen. Robert Gehrke sagte dazu: „Durch juristische Tricks.“ Die im Gebäude untergebrachten Organisationen kündigten daraufhin ihre Mietverträge. Volksfreundredakteure arbeiteten eine Weile noch mit Polizeischutz an der Zeitung weiter. Durch die politischen Verhältnisse reduzierten sich die Abonnenten auf zehntausend. Nach der gerichtlichen Entscheidung verlor der Volksfreund noch einmal die Hälfte. Er stand danach für die Themen der MSPD bereit.

Das war mit Teil des Grundes, um bald einen neuen Generalstreik in Braunschweig auszurufen. Viele Streiks entfachten sich mal hier, mal da. Im April neunzehnhundert siebzehn fand beispielsweise bei der MIAG ein isolierter Hungerstreik gegen die schlechte Ernährungslage statt. Siebenhundert Arbeiter legten ohne Genehmigung der Gewerkschaften ihre Arbeit nieder. Obwohl nur in diesem Betrieb gestreikt wurde oder vielleicht deswegen, setzten die Arbeiter eine Zulage durch. Das machte Schule.

Der Arbeiterausschuss und der Metallarbeiterverband wandten sich im Juni desselben Jahres mit Forderungen an die Betriebe und Anfang August an die Kriegsamtsstelle. Diese Aktionen wurden unter anderem stark vom Spartakusbund unterstützt, wobei sie den Streik nicht veranlassten. Spontan wurde gestreikt. Die Organisierten kamen hinzu als sie von den Streiks hörten und ihnen ihre Unterstützung abverlangt wurde. Vertrauenspersonen waren Kugelberg, Richter, Warnecke, Juncke und Minna Faßhauer. Dieser Streik weitete sich ebenfalls aus. Mitte August entstand eine Versammlung aus etwa fünftausend Arbeiterinnen und

Arbeitern mit gut formulierten Streikforderungen. Von Landjägern wurde diese Versammlung aufgelöst.

Wir wurden langsam streikmüde, Greta und ich, während Theo versuchte diese Streiks nur noch in Kurzform zu erklären: „Gut, es wurden Errungenschaften erzielt. Oft wurden humanitäre Maßnahmen geschaffen, die die Lebenssituation der Streikenden erleichterten und anderen Menschen zeitgleich, auch wenn sie nicht mitmachten. Wenn es um fundamentale Rechte geht, verwehrte die Obrigkeit grundsätzlich. Also, wie Zuckerbrot und Peitsche. Den großen Generalstreik müssen wir aber noch durchkauen. Der ist ja fast schon eine Vorrevolution. Danach wird es wieder spannend.“ Wir gehen Richtung Holwedestraße. Theo verspricht, eine Pause zu machen und uns eine Pizza auszugeben, ein humanitärer Akt von ihm. Wir versprachen dafür, durchzuhalten.
(Ilona Meschke@2009)


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Buch und Kunstwerkstatt in Braunschweig
… es knistert …
… oder brennt es schon? …

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