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Generalstreik für Brot,
Frieden und Freiheit

Der Entzug des Herzblattes, der Volksfreund, die Wunde der unabhängigen Sozialdemokraten war ein Teil des Grundes, einen Generalstreik zu entfachen. Der andere Grund war eine Jugendkonferenz in Halle. Robert Gehrke reiste als Delegierter dort hin. Es wurde ein Generalstreik für das gesamte Reich besprochen, organisiert und geplant. Im Ölper Waldhaus trafen sich USPD, Spartakusbund und deren Sympathisanten aus mehreren Organisationen, hauptsächlich Jugendgruppen regelmäßig. Sie diskutierten über die politischen Gegebenheiten, regional und überregional, tauschten Informationen aus, schickten Delegierte nach Berlin oder in andere Orte. Sie arbeiteten an Flugblättern oder bekamen diese anderswoher. Sie planten einen großen Generalstreik.

Flugblatt: „Gegen Krieg, für Frieden, Brot und Freiheit!“, „WEITER-GEBEN! Genug des Massenmordes! Genug des Hungers. Genug der Unterdrückung! Arbeiter! Arbeiterinnen! Die ganze werktätige Bevölkerung von Braunschweig ist am Mittwoch, den 15. August, Nachmittag, 3 Uhr im Ölper Waldhaus!“ - „Friede! Brot! Freiheit!“

Friede! Brot! Freiheit!

  1. Ein Ernährungsausschuss,
    indem Arbeiter berieten, bestimmen und ausübende Gewalt erhielten. Indem keine Begünstigungen höherer Schichten, sondern eine gleiche Verteilung stattfinden sollte,
  2. keine Arbeitsüberstunden,
    sondern ein Achtstundentag in den Betrieben
  3. und gesetzliche Arbeitsschutzbestimmungen,
  4. die Aufhebung des Hilfsdienstgesetzes,
  5. eine neue Reform des Wahlrechtes,
    direktes geheimes Wahlrecht für Frauen und Männer,
  6. die Aufhebung des Belagerungszustandes,
  7. die Aufhebung der Beschränkungen von Vereins- und Versammlungsrechte und die Befreiung aller politischen wegen militärischen Vergehens oder Nahrungsmittelrevoltierender Inhaftierten,
  8. eine sofortige Friedensverhandlung,
    ohne Annexion und Kriegsentschädigungen, ebenfalls keine Maßregelungen streikender Personen.

Dabei ging es ins Eingemachte. Der kommandierende General von Hänisch aus Hannover antwortete mit einem Streik-, Rede- und Versammlungsverbot und strafbaren Folgen des Zuwiderhandelns. Der verschärfte Belagerungszustand wurde verhängt. Die Mehrheitssozialisten kämpften jetzt deutlich gegen die Unabhängigen Demokraten. Nicht nur in Braunschweig, in vielen Städten hatte die Mehrheitspartei kaum noch Mitglieder. Aber die sie noch hatten, verurteilten als führende Personen die Streiks der Organisationen und der Bevölkerung aufs Schärfste. Mit diktatorischer Härte verweigerten sie jede öffentliche Stellungnahme. Zugeständnisse oder Verhandlungen gab es keine und Debatten wurden nicht geführt. Diktatorisch und einseitig beurteilten und verurteilten sie alle Aktionen der Opposition, ohne parlamentarische Gespräche. Die ehemaligen Parlamentarier mit ihrer Revisionstheorie arbeiteten mit Wortklau und Wortverdrehung. Das war wohl die interne Absicht.

„Bitte Theo, sage jetzt nichts über Demokratie“, bitte ich. Aber Theo denkt nach: „Könnte sein, dass mit der parlamentarischen Reform von Anfang an verschwommene Politik gemacht werden sollte und nicht mehr die eigentlichen Ziele von Sozialdemokraten verfolgt werden sollten. Die MSPD ist mit anderen Kräften durchwachsen gewesen. Meines Erachtens wäre das heutige Parlament, da wir die Ursachen der Entstehung jetzt kennen und wissen, wie es aufgebaut wurde, in Frage zu stellen.“

Ich denke er hat Recht und schweige noch darüber. Der Anfangssatz zu Beginn des Buches kommt mir wieder in Erinnerung: „Die Weimar Republik wollte die Überwindung einer Revolution.“ Theo denkt weiter und erfindet Begriffe: „Diese fundamentalen Demokratisten!“

Er denkt laut, während ich hoffe, dass er weder Oppositionelle noch Bürgertum beginnt als Extreme zu bezeichnen. Er glaubt, wenn keiner mehr Sinn für Demokratie hat, müssen Demokraten einfach Demokratisten genannt werden. Sie sind dann eine kleine Gruppe, eine Minderheit mit einer Ideologie, einer Denkweise, die sich von der allgemeinen Denk-weise absondert. Sie kapseln sich ein. Das wäre dann als Fundamentalismus zu verstehen und die Wortendung “…isten“ sei berechtigt. Seine Sache! Greta fährt mit unserer Geschichte fort: „Zumindest hat das Generalkommando die Forderungen erhalten und sich mit den Regieren-den kurzgeschlossen.“

Ich fange jetzt an, Theo zu unterstützen: „Die Sache mit den Parlamentariern ist für mich ebenfalls nicht geklärt. Die ganze Welt meint, ein Parlament ist eine feine Sache und demokratisch. Keiner weiß, wie das Parlament hierzulande entstanden ist, nämlich als Alternativlösung, um so wenig Demokratie wie möglich durchgehen zu lassen.“

Militär stand vor dem Streik in den Betrieben. Militär stand auch in den Betrieben zusammen mit der politischen, herzoglichen Polizei. Ein außerordentliches Kriegsgericht wurde installiert.

„Ist denn das jetzt ein Bürgerkrieg“, frage ich, aber keiner antwortet mir. Alle sind wir inzwischen überfordert, vollgefüllt und zugestopft mit Informationen. Es wurden wieder Listen der Unternehmer über Arbeiterinnen und Arbeiter geführt, die ihren Arbeitsplatz nicht pünktlich besetzten. „Na und, wurde doch schon oft gemacht.“, stellt Greta müde fest.

Trotzdem hörten Siebentausend auf die Aufrufe, mehr als Zweihundert wurden festgenommen und unterlagen unverhältnismäßig harten Strafen. Büssing, der Rüstungsbetrieb, soll die längste Liste über eine fehlende Arbeiterschaft geführt haben. Die Arbeiterinnen  und Arbeiter wussten alle von den harten Strafen. Dennoch gingen sie in den Streik. Sie nahmen also die harten überzogenen Strafen bewusst in Kauf.

Wir schauen uns Listen über die Kriegsgewinne der Braunschweiger Rüstungsindustrie an. Was heißt ‚wir‘? Ich schaue nur kurz hinein.

Eine Versammlung im Ölper Waldhaus wurde sogar genehmigt. Nur, damit die Streikenden von ihrer Streikleitung aufgefordert werden können, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Jetzt horche ich wieder auf. Theo erklärt. Also sammelten sich die Demonstranten wieder, erst tausend, dann siebentausend, bald zehntausend. Niemand kam dazu, die Streiken-den aufzufordern, den Streik zu beenden, bei der dafür genehmigten Demo. Drei Tage später stehen fünfzigtausend Demos vor dem Ölper Waldhaus und dann wurden irgendwann siebzigtausend gezählt. Ist nicht wahr! Oder doch? Nichts wie hin!

Wir sind angekommen. Wir sind schnell zum Ölper Waldhaus gefahren. Wir stehen jetzt davor. Ein wenig überarbeitet und abgespannt fühle ich mich. Aber jetzt können wir genau sehen, was passiert. Das entspannt mich wieder. Ich werde total wach und sehe die Siebzigtausend Demos. Es ist voll hier. Die Streikenden scheinen wohlauf. Der Staatsminister des Inneren, Krüger, sucht die Demoleitung, damit sie die Arbeiter auffordert, in die Betriebe zurückzugehen, um ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Wir finden freie Baumstümpfe zum hinsetzen und nutzen die Gelegenheit. Wir bekommen noch mit, keine Streikleitung sei finden. Wo sind die? „Wird das jetzt ein Bürgerkrieg, Theo?“, möchte ich wissen. Theo antwortet nur: „Es steht nicht im Buch. Man spricht von einem Generalstreik.“


Das königliche X. Generalkommando sucht immer noch nach der Streikkommission, um den Arbeitern den rechten Weg zu raten. Die Personen dieser Kommission fehlen aber. Sie sind bereits brav wieder zu ihren Arbeitsplätzen gegangen, um ihre Arbeiten aufzunehmen, bekommen wir mit, weil wir in der Nähe sitzen, wo das thematisiert wird. „Gibt also doch noch brave Arbeiter und Arbeiterinnen und das unter den Organisatoren“, stelle ich laut fest. Hier zwischen den Streikenden sitzen wir gemütlich auf Baumstümpfe, und schauen uns das Drama an.

Keiner und keine kommt der Aufforderung nach, den Wunsch des königlichen Generalkorps auszusprechen, da die befugten Menschen da-für fehlen. So verharrt der Streik eine ganze Weile. Auch ohne Redebeiträge verlässt keiner den Ort, um zur Arbeit zu gehen. Die Aufforderung wird jetzt durch das Militär ausgesprochen. Aber auf die hört keiner und keine. Was tun? Theo wüsste auch nicht, was er als General von Hänisch jetzt getan hätte. Fünfhundert Büssing-Arbeiter allerdings gehen der Aufforderung nach. „Ich glaube, die machen einen Fehler, die haben ja keine Garantie dafür, dass sie jetzt aus der Liste der Demonstranten gestrichen werden“, rufe ich meinen Freunden zu. Wieder gehen hundertfünfzig und wir wissen nicht, woher die sind.

Doch jetzt: „Schau da, Theo!“ Es kommen dreitausend neue Demonstranten östlich aus der Konservenfabrik und aus der Jute Spinnerei.“ Er guckt mich fragend an und meint: „Komm, schnell, wir halten uns drüben am Baum fest. Nicht, dass wir in den Menschenstrom geraten.“

Wir drei laufen dicht bei einander weiter aus der Masse heraus zu einem Baum, ich werde von Theo mitgezogen, damit wir nicht mit dreitausend Leuten, linke Seite, kollidieren. Dann fragt Theo laut während er läuft: „Woher weißt du, aus welchen Fabriken die dreitausend Demos östlich gerade sind?“ Ich schreie die Antwort heraus, denn der Strom wird immer lauter: „Schau mal weiter im Buch nach, Seite dreihundert einundzwanzig!“ Theo reißt das Buch aus meinen Armen während wir laufen. Wir sind an einem Baum angekommen. Greta findet einen Ast und klettert hoch. Da sitzt sie sicher auf einem Baum, an dem Theo und ich uns nur noch unten festhalten können. „Die Leute machen Wind“, sage ich.

„Ja, nicht nur diesen Wind. Die sind dafür da, um ganz anderen Wind zu machen“, erwidert Theo. Wir klammern immer noch am Baum und die dreitausend Demos aus der Konservenfabrik und der Jute Spinnerei strömen vom Osten kommend an uns vorbei.

Immer noch scheinen die Königlichen Generäle ratlos, teilweise aus dem Korb, Corps, dem Körper, einer Art freiberuflicher Soldatentruppen, jetzt vom Staat staatlich eingestellt und von der MSPD geduldet. Noch immer wissen die polizistischen Herzöglinge nicht, was sie jetzt tun sollen. Sie haben schon erwähnt, Militär sei bei ihnen. Aber Militär hat bereits gesagt, was zu tun ist. Von der Menge, die herumsteht, hört keiner drauf. „So laut kann aber auch keiner sprechen, um denen zu sagen, sie sollen arbeiten gehen“, ruft Greta von Baum aus zu uns hinunter. Gerne hätte ich auch da oben gesessen. Die Polizisten haben soeben August Merges und Robert Gehrke aufgefordert, zu den Demonstranten zu sprechen. Das sagten einige in unserer Nähe. Die beiden haben aber ein Redeverbot, wurde gesagt, weil sie sich vorher schon schlecht benommen haben. So bleibt die Demonstration also zeitlos und für immer hier.

Nein, wir hören davon, dass die Polizisten jetzt alles tun, um ihre Rede- und Sprechverbote aufzuheben. Irgendwann schafften sie es, das Redeverbot von August Merges aufzuheben, damit er den Teilnehmern dann sagen solle, dass alle zurück zu ihrer Arbeit gehen müssten. „Wir können den gar nicht hören. Der ist zu weit weg“, beanstande ich bei Theo, der das ignoriert.

Das ist noch kein Bürgerkrieg. Ist alles noch so ziemlich ruhig. Ich wünsche mir Gretas Platz auf dem Baum. Doch sie gibt ihn mir nicht. August Merges Redeverbot ist jetzt aufgehoben worden. Er redet. Theo liest vom Buch ab, was er sagt. Aber auch das verstehe ich nicht wortwörtlich, alle hier quatschen durcheinander. Er soll den Streikenden erklärt haben, was er von Seiten des königlichen Generalkorps tun müsse, nämlich allen Streikenden sei zu raten, wieder zurück in ihre Betriebe zu gehen, und die Arbeit aufzunehmen. Das sei aber nicht seine eigene persönliche Meinung. Er müsse dies sagen. Alles ist also jetzt sehr deutlich von ihm ausgesprochen worden. Die Arbeiterschaft hat verstanden. Sie bleibt. Alle bleiben. Wie lange, wissen wir nicht und quetschen uns hier am Baum herum.


Keine Forderung der Arbeiterschaft konnte in diesem Generalstreik durchgedrückt werden. Mit Sanktionen gegen die Demonstranten wurde geantwortet. Alle wehrpflichtigen Arbeiter, die nicht in zwei Tagen die Arbeit wieder aufgenommen hatten, sollten und wurden bei Soldatenlohn und Unterwerfung der Kriegsgesetze als zum Heeresdienst eingezogen, betrachtet werden. In den Kasernen wurden sie gesammelt und zur Arbeit abkommandiert. Die meisten nahmen aber in den Betrieben die Arbeit nicht wieder auf. Der verschärfte Belagerungszustand hatte auch zur Folge, dass alle Rüstungsbetriebe unter militärischer Leitung standen.

Der Effekt war gering. Aber die Macht blieb bei der Militärbehörde, eine gesellschaftliche Auseinandersetzung verblieb. Sie verblieb bei den regierenden Mehrheitsdemokraten. Eine neue Situation ergab sich erst wieder, als die Flottenrevolte und die militärische Niederlage deutlich machte, wie abgewirtschaftet das alte System tatsächlich war.

„Nun kommt die Revolution, ja? Theo?“, frage ich. „Ja, ja, bald kommt die Revolution!“, antwortet er. Wir konnten die schützenden Bäume verlassen. Wir setzen uns wieder in den Bus. Erholt von der letzten Demo fahren wir in die Innenstadt zurück.
(Ilona Meschke@2009)


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… oder brennt es schon? …

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