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die illegale Arbeit
der Arbeiterjugend

Schülerinnen und Schüler interviewten vor dreißig Jahren den damaligen Lehrling, Wilhelm Hillger:

„Wir waren Tag und Nacht auf den Beinen. Während der Kriegszeit, da waren wir mehr oder weniger durch die Antikriegspropaganda in Anspruch genommen. Die erstreckte sich hauptsächlich in Flugblattpropaganda und Broschürenvertrieb.

Alles, was so unter der Hand gemacht werden musste. Denn da durften wir uns ja nicht bei erwischen lassen. Und die Erziehung zu illegaler Arbeit, das war so: wir wussten wohl, wer zu uns gehörte, aber was der eine für eine Aufgabe hatte, das wusste der andere nicht. Denn die Zentrale für die illegale Arbeit, das war August Merges. Und der war ja nun auch schon durch seine frühere Tätigkeit, also vor dem ersten Weltkrieg in der Arbeiterbewegung, geschult genug, um zu wissen wie man mit Polizei usw. umgehen kann und umgehen muss.

Das war ja wichtig für uns. Die einzelnen Aktionen, die wurden uns immer von der Zentrale in Berlin zugeführt. Wir waren dazu da, diesen Beschlüssen Leben zu geben, also die Antikriegsstimmung immer noch mehr zu ballen und den Kreis der Kriegsgegner zu vergrößern. Und da ist es doch so: ein Flugblatt allein, das nützt ja nichts. Die Kontakte von Mund zu Mund, von Person zu Person, die sind ja immer fruchtbringen-der, als wenn man da etwas liest. Also so ein langes Flugblatt, das ist schon zu viel. Die mussten alle kurz und bündig sein. Und die wurden dann an die Vertrauensleute gegeben, die damit schon ein bisschen was anfangen konnten. Und die haben sich an die dritte Frontlinie begeben und haben denn da weiter gewirkt. Denn wir konnten ja nicht alles machen.“

„Als Lehrlinge, da hatten wir die Gelegenheit nicht oder ganz wenig, also nun an den Mann zu kommen. Denn Ihr dürft nicht vergessen, den Jugendlichen gegenüber da hatte man immer noch so gewissen Abstand. Was sind das für Jungs? Was machen die? Also Arbeiterjugendbewegung war für die Leute immer noch was Unausgegorenes, etwas Neues. Na ja, und dann meine Verhaftung. Das war der letzte Augusttag, glaube ich, neunzehnhundert siebzehn. Da bekam ich nachmittags noch Besuch von einem Genossen Plättner, der kam aus dem Ruhrgebiet, da aus der Ecke. Und der brachte mir noch so ein Paket Flugblätter. Dann sind wir zusammen ins Jugendheim gegangen und haben da eine gemeinsame Besprechung gehabt über dies und jenes, was so notwendig wurde. Und abends nach dem Schluss im Jugendheim, gingen wir noch zu den älteren Genossen, die im Fürstenhof immer mal zusammen saßen, zum Bierchen. Dann trennten wir uns und ich ging nach Hause. Und wie ich zu Hause ankomme, gehe im Treppenhaus hoch, da wird hinter mir wieder die Haustür aufgeschlossen. Ich denke: nanu, wer kommt denn da noch?“

„Und dann ging ich rein in die Wohnung und da waren schon zwei Kriminalbeamte da. Die machten eine Hausdurchsuchung bei uns. Wir hatten wieder Glück dabei. Die Dummheit der Beamten, die hat uns erst einmal verschont von dem, was sie suchten. Dann ging es ins Jugendheim, in der Nacht noch. Im Jugendheim, da hatten wir eine Ofenheizung. Und der eine von den Kriminalbeamten, der räumt nun diesen Ofen aus und da finden sie einen Handzettel: oh, was denn? Sind die hier gemacht? Ich sage: Was ist denn das? Ja hier: Aufforderung zur Maifeier! Ich sage: Zeigen sie mal her! Wie kommt denn das hierher. Das ist ja schon ein Jahr alt! Was wollen sie denn damit?“


„Ich hatte da auch ein kleines Büro, da wurden unsere Flugblätter ausgepackt, verteilt; und jetzt haben sie natürlich jeden Bogen Packpapier, den haben sie auseinandergefaltet. Und überall, da war natürlich die Paketadresse heraus geschnitten. Da haben sie gesagt: Oh, das ist aber eine raffinierte Gesellschaft! Ja, aber das hat uns eigentlich nur geehrt. Da sind sie zu nichts gekommen. Na und dann wurde ich noch des Nachts ins Polizeipräsidium eingeliefert. Der Polizeipräsident, der war da, und der guckte mich von oben bis unten an. Er sagt bloß: „Einsperren! Rein!“ Da kam ich dieselbe Nacht ins Haftlokal. Und am anderen Tag, morgens, wurde ich abgeholt von einem preußischen Gendarm aus Hannover zur Abteilung Abwehr beim zehnten Armeeoberkommando. Und die nahmen mich dann da in die Mache. Dann bin ich im königlichen Gerichtsgefängnis in Hannover gewesen. Seit der Zeit mag ich auch Hannover so gern.“

„Nach zehn Tagen war die Vernehmung abgeschlossen und ich kam zurück nach Braunschweig, hier ins Untersuchungsgefängnis im Rennelberg. Und am achten September neunzehnhundert siebzehn stand ich vorm Kriegsgericht im Schwurgerichtssaal. Die Leute, die da saßen, also ich hatte den Eindruck, die hatten eine wüste Nacht hinter sich. Die haben da keine Gerichtssitzung gemacht, sondern die haben da gepennt.

Der eine, der flegelte sich so auf den Tisch und verkippt die Augen und der andere so. Und das Recht war, dass sie mich nach einer ein-stündigen Verhandlung nur auf Grund von Indizien wegen versuchten Landesverrat zu einem Jahr Gefängnis verurteilt haben.“

Wilhelm Hillger wurde vorzeitig wegen guter Führung entlassen. Er hatte die Auflage bekommen, sich nicht mehr an vaterlandsfeindlichen Bestrebungen zu beteiligen. Es hinderte ihn nicht, die Arbeit sofort in der Arbeiterjugend wieder aufzunehmen.

Generalmajor, Erich Ludendorff, rief im Oktober neunzehnhundert achtzehn den endgültigen Bankrott des Krieges aus. Dies hinderte die Reichsregierung unter ihm nicht, achtzigtausend Matrosen nach England schicken zu wollen. Für die Soldaten hätte das den sicheren Tod bedeutet. Die Revolten der Soldaten waren schon vor dieser Zeit akut. Doch jetzt waren sie nicht mehr zu stoppen. Es kam zur Revolution.

Wir haben noch einmal eine Pause eingelegt, Pizza gegessen und Kaffee getrunken, uns von dem freundlichen Personal des Restaurants verabschiedet und stehen inzwischen schon vor der TU-Bibliothek. Auf zur Internetsuche, heißt unser Motto. Wir wollen uns jetzt vierzig Minuten mit der Suche nach Wissenslücken beschäftigen, sind gut erholt und legen los.

Greta sucht nach Biographien der uns bekannt gewordenen Personen. Ich möchte gerne herausfinden, wann und ob man Bürgerkriege, Revolutionen oder andere Widerstände wie Unruhen verschiedener Stärke richtig bestimmen kann oder ob alles nur wage Definition ist. Gibt es klare Kriterien, um manche Splitterungen innerhalb eines Landes selbst bestimmen zu können? Ich suche auch nach Informationen über die Landbevölkerung in dieser Zeit. Theo ist auf der Suche nach Freikorps, ihrer Entstehung und der Entwicklung nach ihrer Auflösung.

Ein Wink von Greta erinnert mich, aufzuhören. Wie verabredet, verlassen wir das Internet nach vierzig Minuten. Wir tauschen unsere Informationen aus, wobei Greta hauptsächlich über Minna Faßhauer und August Merges berichtet. Sie bewundert die Personen: „Merges war von Geburt an durch den Krieg und Hunger ein körperlich geschädigtes Kind. Rachitis und Lähmung begleiteten ihn sein ganzes Leben. Was er trotz dieser Behinderungen auf die Beine gestellte, war erstaunlich. Seine beiden Söhne zumindest haben ihn dabei aktiv unterstützt. Minna Faßhauer hatte während der Revolutionszeit ihr Amt sehr ernst genommen, eine weltliche Einheitsschule wollte sie ins Rollen bringen. Außerdem hat sie gleich nach der Aufnahme eines Kommissariats eine freiwillige Bildung für Erwachsene geschaffen.“ Später wollen wir noch ausführlicher über Minna Faßhauer sprechen. Zwar konnte das Problem der Nahrungsmittelknappheit, die vorherrschte, lange Zeit nicht bewältigt werden. Das Bildungssystem war aber unabhängig davon. Sie konnte und leistete gute Arbeit. Über August Merges, Minna Faßhauer und andere ist viel zu finden. Über Hermann Basse beispielsweise, der den Mut aufbrachte seine Arbeitskollegen in einer großen Bahnreparaturwerksstatt zu mobilisieren und mit seinen Aktivitäten hätte bekannt werden können, fand Greta nichts. Auch nicht zwischen den Texten.

Theo meint nach Beendigung seiner Suche: „Ja, man kann das so sehen. Die Mehrheitssozialdemokraten nahmen königliche Freikorps, herzogliche Polizei und nationalbewusste Bürger für die Judikative und Exekutive in Anspruch. Diese Personen haben das wachsen lassen, was einem sozialdemokratischem System und ihnen persönlich selbst hinterher den Kragen kostete, beispielsweise in der Nazizeit. Aber sie konnten auch nicht immer anders handeln. Sie hatten keine eigenen Kräfte für diese Posten und mussten beispielsweise auf Freikorps zurückgreifen.“

„Aber sie hätten gar nicht so viel Militär und Polizei gebraucht, um ihre eigenen Leute unter Druck zu setzen. Die Ausschlüsse von links denken-den Personen wären mit richtiger Demokratie nicht nötig gewesen! Du hast es doch selbst immer wieder kritisiert, Theo. Mit einer richtigen Demokratie, ohne Ausschlüsse aus der Partei Andershandelnder und mit dienen zum Wohle des Volkes, wären ihre Gegner nicht so stark geworden! Sie hatten selbst so was wie eine Volksarmee von der sie keinen Gebrauch machten. Sie hatten Soldaten, die sie hätten einsetzten können, denn Sozialdemokraten wollten doch keinen Krieg. Hätte USPD und MSPD zusammen gehalten, wären sie stark geworden“, widerspreche ich und höre fast nicht mehr auf mit Reden. Theo beanstandet das nicht. Ich hole die Plastiktüte mit dem Fundmaterial aus dem Rucksack.

„Hier ist ein Formular einer Beitrittserklärung in die USPD. Theo unterschreibe das. Wir gehen jetzt gleich in die Revolution und wollen vor-her eine eindeutige Positionierung von dir, sonst verlaufen wir uns noch, spalten uns inhaltlich und finden nicht wieder zusammen, mitten in der Revolution. Und es ist doch gerade so schön mit euch. Außerdem ist es draußen dunkel geworden. Lasst uns zusammen bleiben.“

Er erwidert: „Nein pack das alte Dokument wieder ein. Da kritzele ich nicht drin rum. Außerdem willst du mich instrumentalisieren.“ Nach dem Vorwurf überlegt er und schaut noch einmal auf das Formular.

Wir beschließen, von jetzt an fest zu der USPD zu stehen und sie zu stärken, was immer auch kommt. „Ich war noch nie in einer Partei“, erklärt Theo noch etwas verwirrt. Doch jetzt ist es so! Wir gehen in die Revolution. Wir gehören zur USPD. Im Gegensatz zu den anderen Mitstreitern aus der Vergangenheit, wissen wir ungefähr, was bald passieren wird. Beispielsweise gibt es eine Revolution.

Ein paar Menschen ahnten damals auch, es würde eine Revolution geben. Zumindest waren sie gut vorbereitet und reagierten im günstigen Augenblick schnell. Schon lange vor der Revolution stellte eine Gruppe mit Robert Gehrke und August Merges Deserteur-Zentralen für Fahnenflüchtige und freigelassene politische Zuchthäusler her, verpflegte und beherbergte sie dort. Karl Liebknecht wurde im richtigen Augenblick nach zwei Jahren Zuchthaus in Berlin entlassen.
(Ilona Meschke@2009)


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