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die Revolution beginnt

Am dritten November neunzehnhundert achtzehn geben in Kiel die Matrosen und Arbeiter das Signal zum Aufstand gegen den Krieg und das überkommene Herrschaftssystem. Die Revolution breitete sich wie ein Lauffeuer über das ganze Land aus. In vielen Städten bilden sich Arbeiter- und Soldatenräte. Die monarchistischen Mehrheitsdemokraten, Friedrich Ebert und Gustav Noske, versuchten, die Revolution zu zähmen, zu kanalisieren oder möglichst abzuschwächen. Noske konnte durch einige diplomatische Reden die Aufstände zur Ruhe bringen. Doch an anderen Stellen verstärkte sich der Widerstand. Aufzuhalten war nichts. Das alte Regime hatte verloren. Rote Fahnen hingen an den kaiserlichen Kriegsschiffen und über den Städten. Sie wurden vor allem dort ausgewechselt, wo vorher die monarchistischen Siegesfahnen hingen.

Wo die Revolutionären so viele Fahnen her hatten, wissen wir nicht. Wir laufen voller Spannung durch die Stadt. „Die Revolution verbreitete sich über Lübeck und Umgebung am fünften November, Hamburg, Bremen, Hannover, Leipzig, Stuttgart ab dem sechsten November.“ Die Parolen waren: ‚Alle Macht den Räten! ‘; ‚Es lebe die Räterepublik!‘

Es war der zweite November neunzehnhundert achtzehn, schon spät in der Nacht als August Merges unter anderem auch Wilhelm Hillger aufsuchte, um ihn Anweisungen zu geben. Er stand einfach vor seiner Tür: „Morgen früh musst du auf der Kuhstraße bei dem Pferdehändler sein.“ „Solch einen Auftrag bestätigt man nur, da fragt man nicht viel.“, erklärte Wilhelm Hillger vor dreißig Jahren. Wir haben kein Bild davon, wie der August vor Wilhelms Tür gestanden hatte und Anweisungen gab.

Plötzlich platze ich heraus: „Das muss man sich mal reinziehen. Diese Jugendlichen aus der Jugendbewegung waren mitunter gerade fünfzehn, sechszehn oder siebzehn Jahre alt. Die sahen wahrscheinlich viel jünger aus, denn sie hatten nichts zu essen. Die ließ man zehn, zwölf Stunden in den Betrieben arbeiten ohne richtige Ernährung. In der Nacht verteilten sie Flugblätter und dann wurden sie dabei entdeckt und monatelang ins Zuchthaus gebracht.“ Greta und Theo hören mir zu. Sagen dann aber vereint: „Ja, Luisa, können wir jetzt weiter machen mit der Revolution? Es wird immer später.“

Noch nicht, ich spreche noch: „Ja, natürlich machen wir gleich weiter. Aber davon abgesehen, mir ist, als wenn ich sagen muss, ich mag diese Menschen, die das alles taten. Ich schreibe anschließend auch ein Buch über sie.“

Wir stehen gerade im Magniviertel auf der Kuhstraße und suchen einen Pferdehändler. Zumindest schauen wir, ob das Gebäude noch dasteht, und wir es erkennen können. Es müsste einen Rundbogen zum Hof hin haben. Schwierig, wie können wir entscheiden, ob der Rundbogen vor dem wir stehen, das Haus und der Hof des ehemaligen Pferdehändlers gewesen ist. Wir schauen uns übrig gebliebene Torbögen an.

Wilhelm erreichte am Morgen die Kuhstraße beim Pferdehändler. August war schon länger da. Er verhandelte mit dem Pferdehändler, bekam einen alten Gaul und einen Pferdekarren und nahm während dessen wahr, dass Wilhelm jetzt angekommen ist: „So, du bist mein Chauffeur und bringst mich jetzt zum Leonhardplatz.“ – „Was August, du, das habe ich noch nie gemacht. Ich bin so ein Pferdegespann noch nie gefahren.“ - „Das ist ganz einfach“, meinte der Pferdehändler „Hast doch zwei Hände, nach links, linke Hand die Zügel ziehen, nach rechts, rechte Hand die Zügel ziehen und beide ziehen wenn du halten willst.“ Es ging los, sagte Wilhelm: „ Wir fuhren und ich sage, August, guck mal da vorne, wer da ist! Da waren Schulze II und sein Hund Witte von der politischen Polizei, die marschierten auch schon los.

Sagt August, nun pass' auf, wenn die jetzt die Helmstedter Straße runtergehen, dann fahren wir die Kastanienallee runter zum Leonhardtsplatz, und umgekehrt, wenn sie dagegen gehen, fährst du da rum. Na ja, die gingen aber die Helmstedter Straße rauf und wir kamen dann von der Kastanienallee über Altewiekring zum Leonhardtsplatz. Eine reißende Menschenmenge war da. ‚Oh’, sagt August, ‚sind ja ein paar Leute da.’“ Aber leider, Robert Gehrke war nicht in Braunschweig. Der funktionierte damals als Kurier immer zwischen Berlin und Braunschweig für den Spartakusbund. Er konnte nicht kommen. Er teilte nur mit, dass Karl Liebknecht wie vorgesehen, ebenfalls nicht als Redner nach Braun-schweig kommen konnte, weil er anderswo und in Berlin gebraucht wurde. „ Kann man ja verstehen.“


Die Volksversammlung fand am dritten November auf dem Leonhardplatz statt. Für die MSPD sprach Gustav Noske. Für die USPD sollte Karl Liebknecht sprechen. Der kam jedoch nicht, so dass an seiner Stelle August Merges das Wort ergriff. Die gemietete Pferdekarre sollte hauptsächlich als Rednerpult dienen, stellte Wilhelm Hillger fest.

Sicher hatte Herr Noske ein besseres höheres Pult. Aber damit hinterließ er nicht mehr Eindruck als Merges auf der Pferdekarre.

„Wir lehnen den Putschismus ab!“, rief Noske in die Menge. Aber August auf seiner Pferdekarre neben Noske, widersprach und antwortete spitzfindig: „Vielleicht wird man euch in den nächsten Tagen gebrauchen!“ Und er wird mit dem, was er meinte, Recht behalten, denn er hatte ein gutes Fingerspitzengefühl. So jedenfalls wurde Merges uns beschrieben. Das Volk antwortete immer wieder jubelnd: „Alle Macht den Räten!“ Dagegen hatte Noske nicht das richtige Kraut entwickelt.

Im Anschluss an die Versammlung demonstrierten etwa tausend Teilnehmer an den Kasernen vorbei zum Hagenmarkt. Es schlossen sich immer mehr Leute dem Zug an. Der Menschenzug verlängerte sich enorm, bis das Ziel am Ackerhof erreicht war. „Jetzt ist die Revolution in Braunschweig, Theo nicht wahr?“ – „Nein Luisa, die Soldaten und Matrosen sind noch nicht gekommen.“

Immer wieder hielt August Merges in seiner Kutsche kurze Reden für die Bevölkerung und Wilhelm, der Chauffeur, ist Augenzeuge. Die Braunschweiger Harfen Agnes sang vorne ihren Klintervers: „Mensch sei helle, wenn’s auch düster ist“. Vielleicht freute sie sich auch auf die vielen Soldaten, die noch kommen sollten.

Herzog Ernst August war aufgrund der Lage zu politischen Zugeständnissen bereit. Er bewilligte Arbeitervertreter zur Landesversammlung. Dieses verfassungsmäßige Zugeständnis war keineswegs die Einführung einer Demokratie. Die politische Bedeutung war völlig unklar. Eine leere Floskel in dieser Situation. „Er hätte jetzt also ausgelacht werden könnten.“, schlägt Greta vor. Ob sie hofft, dass wir anfangen zu lachen? Keiner lacht. Wir sind beschäftigt.

Im Volksfreund, der zurzeit noch der MSPD zugehörte, wurde nur knapp über die Aufstände in Kiel berichtet und lang über die angeblich neuen Wahlrechtsreformen des Herzogs. Und sogar für Kriegsanleihen wurde immer noch aufgerufen.

„Am fünften November bildete die MSPD mit den bürgerlichen Parteien noch einen Ausschuss mit dem Ziel, unser Volk vor schweren inneren Erschütterungen zu bewahren. Am Abend des sechsten Novembers waren die ersten revolutionären Matrosen und Soldaten in Braunschweig eingetroffen.“ „Jetzt beginnt die Revolution, nicht wahr, Theo.“ Eine ermunternde Antwort kommt auf meine Frage: „Ja, Luisa, jetzt steht die Braunschweiger Revolution in den Startlöchern.“

Am nächsten Tag agitierten Soldaten in den Kasernen und Betrieben von Braunschweig. Besonders tat sich die Fliegerersatzabteilung hervor. Sie waren eine bedeutende Kraft der Revolution, wobei August, den Soldaten öffentlich versicherte, dass in Braunschweig die gesamte Arbeiterschaft hinter ihnen stünde.“ Das Volk stimmte zu: „Alle Macht den Arbeiter- und Soldatenräten!“

„Ganz Braunschweig war auf den Beinen“, so beschrieben Hermann Wallbaum und Wilhelm Hillger die ersten Tage der Revolution. „Wieder einmal auf den Beinen, diese Jungen“, scherzt Greta.

Es bildeten sich bald darauf revolutionäre Gruppen, die alle staatlichen Institutionen und alle wichtigen Betriebe besetzten. August Merges legte jedem, der Waffen für die Revolution bekam, anheim: „Möglichst kein Blut vergießen!“

Das hatten die revolutionären Mannschaften auch nicht nötig. Es solle nicht schwer gewesen sein, ohne Waffen alle Institutionen zu besetzen. Die Bevölkerungsmasse zeigte sich innen und außen. Sie zeigten den Konterrevolutionären keine andere Alternative an, als ihre Waffen abzugeben und nach Hause zu gehen. Es wurden viele Handzettel gedruckt und verteilt. Die beistehenden Menschen rissen sich darum, Hilfe anzubieten. Sie waren dabei diszipliniert und aufmerksam, alles gelang. „Sicher machte der Hunger, die Ausmergelung und die politische, militärische Welt sie so aufmerksam.“ Das glaubten die beiden Zeitzeugen. „Folgsam handelten sie gegen die derzeit politischen Führungen und für die Revolution. Es gab keine Übergriffe und keine Plündereien. Stellung-nahmen vom Bürgertum und sonst einer anderen Seite waren derzeit nicht zu hören. Die nationalen Kräfte schwiegen völlig, sollten sich scheu zurückgezogen haben. Alle wurden durch zusammenhaltende Menschenmassen abgeschreckt.

Auf dem Giselerwall gab es einen traurigen Zwischenfall. Ein vierjähriges Kind wurde von einem Husaren erschossen, von einem Offizier. Er wurde vom Pferd herunter geholt und empört verprügelt bis er davon lief.

„Unglaublich, ich hätte zwar mit Toten gerechnet, aber nicht mit einem vierjährigen Kind, was von einem auf einem Pferd sitzenden Husaren, einem Offizier, erschossen wird. Das hat nichts mit Eskalation oder Revolution zu tun. Das war Mord! Kindermord!“ ich reagiere sehr emotional und energisch.

Volkskommissariate wurden inzwischen gegründet. Und auch im Jugendheim wurden durch August Merges Aufgaben und Waffen verteilt: „Möglichst ohne Blutvergießen und dass nichts passiert!“

„Halt mal! Ich muss darüber nachdenken.“ Greta dachte also erst nach. Sie hat fertig nachgedacht und fängt jetzt an zu reden: „Ich meine die Sache mit dem ‚kein Blutvergießen wollen‘ hat mehrere Gründe. Sicher wollte August Merges erstens kein Blutvergießen von sich aus als Mensch. Etwas anderes will ich ihm gar nicht unterstellen. Aber wäre es zur Eskalation gekommen, hätte es Tote gegeben, wäre die Revolution, die Eroberung der Republik, mit Gewalt verbunden gewesen. Die Bevölkerungsmasse hätte sich eventuell viel schneller wieder zurück gezogen. Es wäre etwas ganz anderes mit Blutvergießen entstanden, ein Putsch oder so, keine Revolution, in der eine gesamte Bevölkerung das gleiche Ziel hat.“

Theo überlegt jetzt auch: „Sicher hätte dann auch wieder die Konter-revolutionäre besser eingreifen können.“ Er schließt seinen Kommentar: „Ja, ich finde auch, es war obendrein politisch ganz wichtig, alles ohne Blutvergießen geschehen zu lassen, nicht nur menschlich.“
(Ilona Meschke@2009)


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