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Eroberung des Machtapparates

Das Polizeiamt in der Münzstraße sollte besetzt werden. Eine revolutionäre Gruppe forderte die Polizei unten im Keller auf: „Geben sie die Waffen ab! Es ist so weit! Der Krieg ist aus!“ Das war den Leuten natürlich zu früh gewesen, und sie wussten gar nicht, wer ihnen das sagte. Sie wollten sich das nicht gefallen lassen. Aber auch die Münzstraße stand voller Menschen. „Man konnte sich nicht mehr neben einen anderen ran stellen. Die war vollgepfropft bis in die Eingänge der Polizei. Und nach zweistündiger Verhandlung wurde dann die Polizei mit Mantel, Hände in den Taschen, denn die Gruppe hatte ihnen vor dem Spalier am Ausgang gesagt, sie mögen ja nicht die Hände aus den Taschen nehmen. Dann wurde die entlassene Polizei im Gänsemarsch zum Hagenmarkt geführt. Dort wurden verschiedene erkannt, die sich in der Zeit des Krieges besonders hervorgetan hatten, um Leute zu denunzieren. die etwas gegen den Krieg gesagt hatten. Und die wurden dann „sanft behandelt.“, sagten die beiden Augenzeugen. Auf dem Hagenmarkt wurden alle herzoglichen Beamte laufen gelassen. Einzelne fanden die Aufständischen auf der Wache Humboldtstraße wieder: „Denen wurde etwas herzhaft Guten Tag gesagt.“ Das Polizeipräsidium war somit von revolutionären Kräften ein-genommen.

Soweit die Darstellung von Wilhelm Hillger und Herrmann Wallbaum. Die Menschenmenge war immer hilfsbereit und leistete Beistand. Aber das Polizeipräsidium alleine zu besetzen, reicht nicht aus. Jetzt geht es nacheinander und geplant an die anderen Organe.

In der Nacht noch wurde der Bahnhof besetzt. Die Bahnhofswache wurde entwaffnet und alle Telefonleitungen tot gelegt, damit die Post, der Herzog, seine Lakaien und seine Offiziere uninformiert über Details blieben und keine Befehle mehr erteilen konnten. Vom Bahnhof ging es dann zur Post, zu den Ministerien, und zuletzt entschied man sich, die Gefangenen aus dem Gefängnis Rennelberg zu befreien. Nach der Freigabe ging der Zug weiter. Doch später musste dahin wieder zurückgegangen werden, denn es wurden die gefangen genommenen Frauen vergessen. Wilhelm Hillger meinte dazu, manche von den Befreiten hätten sie ruhig drin lassen können, denn mit denen gab es nur Ärger.

Sicher meinte er nicht die Frauen damit. Obwohl, ich von einer durch Zufall etwas anderes weiß. Sie hatte eine Kuh mit zwei Männern zusammen bei lebendigem Leibe illegal aufgeschlitzt und das Fleisch schwarz verkauft. Sie war sehr abgebrüht und schwierig zu nehmen. Hatte es sie wirklich gegeben?

Wilhelm Hillger erhielt die Aufgabe, die Büssingwerke zu übernehmen. Die Nachtschicht sollte aus den Betrieben herausgeholt werden, und die Betriebe sollten mit revolutionären Kräften besetzt werden.

„Also, dann los, Wilhelm, tue deine Pflicht!“, sagt Theo. „Halt Wilhelm! Wir sind dabei! Wir helfen dir!“ rufen Greta und ich wie aus einem Mund. Hat geklappt. Wir stehen auf einer dunklen alten Novemberstraße und ziehen Theo mit uns. Wir schlürfen auf die Büssingwerke zu.


Es wird immer enger. Doch viele Menschen lassen uns den Vortritt. Ich verstehe nicht warum. Andere Menschen lassen sie oft nicht vor. Wir flanieren an schlecht gestrichenen Wänden entlang bis wir vor Wilhelm stehen, der uns Anweisungen erteilt.

Zuerst wird die Militärwache entwaffnet. Der alte Landsturmmann tut leicht verwirrt und Wilhelm sagt: „Mensch, gib mal deine Knarre her und geh nach Hause! Ist schon alles in Ordnung!“ Sicher tat der Landsturmmann nur so dumm, und auf große Reden darf die Revolutionäre sich nicht einlassen. Die Betriebsleitung hatte doch vorher den Fabrikeingang verrammelt, also mussten sie gewusst haben, die Garde kommt. Die Menschenmenge drückte mit Leichtigkeit die Türen ein. Nachdem das gesamte Militär entwaffnet wird, stellt man alle Motoren ab. Die Arbeiter werden herausgeholt.


Am nächsten Morgen steht die Revolutionäre und die Bevölkerung wieder überall dort, wo es wichtige Plätze gibt. Es ist höchste Zeit, das Volksfreundhaus zu besetzen, um endlich wieder Zeitungen drucken zu lassen. Die Presse soll die Bevölkerung informieren. Alles muss reibungslos ablaufen. Die Gruppe mit Wilhelm Hillger betritt das Gebäude. Sie machen sich dort breit und haben die anderen nach Hause geschickt.

Es gibt keinen Aufstand dagegen.  Es war der richtige Augenblick, für das Volksfreundhaus gewesen. Nur kurze Zeit später kommt August Merges mit dem bereits schon im Wilhelmsgarten gewählten neuen vorläufigen Arbeiter- und Soldatenrat und ihre restliche Mannschaft. Sie nutzen das Pressehaus gleich. Wilhelm erfährt, der Herzog hatte vor einem Augenblick erst abgedankt, für sich und seine Erben.

Wir wissen, es passiert gleich. Wir müssen schnell ins Magniviertel zurück. Halten uns an einer modernen Straße auf, dem Büssingwerk bereits den Rücken zugedreht. Nicht alle von uns stehen auf den Beinen. Wir rütteln uns gegenseitige wach und eilen auf unseren Beinen weiter.

Wilhelm Hillger erzählte, wer einen Tag später auf den Beinen war: Am Morgen danach waren wohl alle Braunschweiger wieder auf den Beinen, im Magniviertel bei dem Volksfreundhaus, am Schloss, am Damm und überall. August Merges hatte gegenüber dem Volksfreund auf den Ölschlägern gestanden, am Eckhaus auf einem kleinen Balkon. Der war so klein, dass nur ein Mensch dort stehen konnte, und er rief aus vollem Hals und mit vollem Ton: „In diesem Augenblick wird die rote Fahne auf dem Schlosshof aufgezogen!“


„Mensch, dieser kleine Mann muss laut gewesen sein, damit ihn alle verstehen“, meint Greta. Wir wissen nicht, ob es eine Sprechhilfe für ihn gab. Die Straßen rechts und links waren voll mit singenden Menschen. „Wie konnte man ihn da noch verstehen?“ will Greta wissen und bekommt keine Antwort. Ich stellte es mir lustig vor, ein kleiner Mann und so laut.

Sepp Oerter stand auf einen Kandelaber am Friedrich-Wilhelm-Platz und rief herunter: „Arbeiter im Waffenrock und in der Bluse!“ Unten stand eine Militärkapelle. Mit geladenen Gewehren zog die Infanterie durch Braunschweig. Und die jetzt noch so genannte Rote Garde zog für die Arbeiterschaft gleich neben der Infanterie her.

„Witzig!“, finde ich „Ganz Braunschweig feiert. Und wir feiern mit. Ich merke immer mehr wie mein Bauch feiert. Das Lustgefühl der Feier verteilt sich in mir. Dann sage ich zu meinen Freunden: „Wir sind die einzigen, die hier noch die Novemberrevolution feiern.“ Die beiden schmunzeln mich an. Theo lacht: „Allerdings, und ohne Pommes, Gyros und Bratwurststände. Aber das ist überhaupt nicht wichtig!“ Greta blinzelt zu mir rüber: „Übrigens, was heißt hier. Wir sind die einzigen, die hier noch feiern. Bald feiern alle wieder die Novemberrevolution von einst hier auf dem Schlossplatz.“

Bald feiern alle wieder Novemberrevolution und vor allen Dingen Demokratie auf dem Schlossplatz vor der Schlossattrappe? Ein schöner Gedanke. Mir gefällt Gretas Idee.

Wir landen sicherlich für heute ein letztes Mal auf diesem neu errichteten Schlossplatz vor dem neuen Konsumschloss und wissen jetzt, am Abend, dem siebenten November neunzehnhundert acht-zehn bildete sich links von uns im Wilhelmsgarten zum ersten Mal, ein Arbeiter- und Soldatenrat für eine Räterepublik. Schon ein Tag später, am Abend des achten Novembers neunzehnhundert achtzehn dankte der regierende Herzog ab. Ungefähr hier, wo wir jetzt stehen, stand die gleiche Schlossfassade. Nur war eine rote Fahne auf dem Platz. Die Brunonia trug ein rotes Halstuch und ihre Pferde lauter rote Bänder.

Greta und Theo sehen glücklich aus, vielleicht schelmisch, auf jeden Fall frei und losgelöst. Mir geht es genauso. Warum? Wir feiern die Novemberrevolution. Ich fühle sie immer noch ganz kräftig in meinem Bauch.

Der Schnee ist getaut. Der Boden ist nass und frisch gewaschen. Das Jahr hat begonnen. Zweitausend neun, neunzig Jahre und zwei Monate nach der Revolution. Jetzt, ein ausgerufenes Kaiserjahr? Oder vielleicht doch ein richtiges Revolutionsjahr?


Ich lache meinen Freunden zu. Ich weiß, die Brunonia hat es nie gegeben. Sie war ein erfundenes Symbol, das Herrlichkeit ausstrahlen sollte, für die Macht und Verherrlichung der Herzöge hier vor Ort. Feierlich packe ich unsere Fundstücke gut ein mit Ausnahme des Buches. Dieses richte ich in gerader Haltung frei und spöttisch der Schlossattrappe entgegen. Ausgestreckt liegt es nun auf meiner flachen Hand. Mit dem Buch zur Schlossattrappe gerichtet, stehe ich da und möchte etwas sagen. Wie kann ich mich ausdrücken? Ich strecke das Buch der Attrappe entgegen, fasse Gefühle und Gedanken in Wörter. Doch nachdem ich Wörter sprech wird mir begreiflich, was ich feierlich in dieser kleinen Zeremonie ausspreche: „Zehn neue Supermärkte könnten mir in diesem Moment vor meine Nase gestellt werden. Ich würde sie auslachen, sie nicht wahrnehmen, nicht als Wirklichkeit akzeptieren. Denn nichts ist so realistisch, nichts so wirklich und wahr wie mein Geist, meine eigenen Träume und Vorstellungen. Die sind so viel wahrer, als das, was mir vor die Nase gestellt wird.“ Meine Freunde lächeln und stimmen zu: „Danke, Luisa!“ „Danke Euch! Greta und Theo!“

Im selben Moment fällt mir etwas Metallisches zu Boden. Ich schaue hinunter und sehe meinen Schlüssel wieder, meinen Wohnungsschlüssel, Wohnungseingangsschlüssel. Er hatte sich im Jackenstoff vergraben.


Ich stehe hier auf diesem Platz und will nicht gehen. Ich fühle mich so leicht. Ich fühle mich von denen getragen, die vor mir vehement um Rechte, Freiheit, Demokratie und Menschenwürde rangen. Dabei teilweise etwas schafften, auf dem ich heute stehen darf. Ich bin ihnen so dankbar. Deshalb möchte ich für sie ein Erinnerungsbuch schreiben.

Was sie taten, taten sie oft unter Einsatz ihres eigenen Lebens. Sie machten sich gegen verlogene elende Kriege stark. Ich werde sie nie vergessen.

Morgen treffe ich mich wieder mit Greta und Theo. Wir nehmen die neue revolutionäre Regierung unter die Lupe und die Konterrevolutionäre. „Bis dann! Gute Nacht!“
(Ilona Meschke@2009)


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… es knistert …
… oder brennt es schon? …

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