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In meiner Wohnung

In meiner Wohnung
schlief ich heute Nacht.
Mein Wohnungsschlüssel
ließ mich hinein.
Drinnen ist es warm.
Es gibt zu Essen.
Ich bin zu Hause,
früh am Morgen.
Ich habe
den Tisch gedeckt.


Greta und Theo wollen kommen. Wir haben uns alle ein wenig vorbereitet, damit wir die Revolutionsgeschichte und den Ablauf von neunzehnhundert achtzehn in Braunschweig ein wenig untersuchen können. Jeder von uns hat sich bis in den späten Abend hinein mit einem Teil des Themas befasst. Noch so spät gearbeitet? An einem Wochenende? Ja, am zehnten und elften Januar zweitausend neun widmen wir uns frei-willig der Novemberrevolution in Braunschweig neunzehnhundert acht-zehn bis neunzehnhundert neunzehn. Ich freue mich schon, meine Freunde zu sehen. Ich warte auf ihr Klingeln, doch sie lassen sich Zeit.

So sitze ich eine Weile alleine in meiner Wohnung auf dem Fenstersims und warte. Ich sehe die Schunteraue vor meinem Fenster. Dahinter befindet sich der Querumer Wald. Im Querumer Wald endeten die Stadtgrenzen und die politische Polizei kam nicht hinein. Die Revolutionäre versteckte sich hier und entwickelten neue Strategien. Sie flüchteten hierher vor der Verfolgung politischen Polizei, pausierten und fanden Ruhe.


Ich öffne das Fenster, setze mich auf den Fenstersims außen und schaue in den Wald hinein. Mit Belustigung fallen mir die Geister des Waldes ein, bei denen es sich um die revolutionären Akteure von damals handeln dürfte. Ich erinnere mich an die Bunkerklötze, an meine Fundstücke, an die Werkstatt meines Großvaters und daran, dass sich eine Zeit so gut in die Wirklichkeit zurückholen lässt wie es gestern geschah. Aber was ist das? Ich sehe Nebelschwaden über den Wald gleiten. Weiter hinten, viel weiter hinten höre ich Sturm aufkommen. Gestern habe ich ganz zeremoniell in den Sturm herein gerufen, was nie vergessen werden sollte.

Es wird still. Es erscheint auf der Aue vor dem Wald ein Park. Ein Liebespärchen sitzt auf einer alten Parkbank. Vor ihnen, ein freier Platz mit weiter Wiese. Hinter ihnen, Bäume und Buschwerk, dicht an dicht. Anständige Leute? Vielleicht, gut gekleidet jedenfalls. Halt, was machen sie jetzt? Sie verstecken sich hinter der Bank in der dichten Vegetation.

Hinten auf der freien Wiese eilen drei Menschen mit einem vierbeinigen Tier den Hügel zum Park hinauf. Sie haben jetzt den Platz endlich erreicht und ich erkenne eine geschundene Kuh, die sie mit sich hoch gezerrt haben. Sie maulen sich gegenseitig an. Unanständige Leute? Vielleicht. Sie tragen zerschundene Kleidung. Die Kuh jammert fürchterlich. Ein Mann haut mit einem großen selbstgebastelten Hammer ständig auf den Kopf der bereits blutig geschlagenen Kuh. Ihre Schreie werden quälender und lassen meine Glieder erstarren. Das versteckte Pärchen verhält sich still. Gut, dass sie sich versteckten, auch wenn sie andere Gründe dafür hatten.


Die Versteckte will losschreien. Ihr Geliebter hält ihr jedoch den Mund schnell zu. Einen Moment halten die grausamen Drei inne. Sie scheinen einen unterdrückten Laut der Frau wahrgenommen zu haben.

Die Männer kontrollieren die Gegend ab. Sie wollen bei ihrer Tätigkeit nicht entdeckt werden. Es scheint gefährlich für das Liebespärchen zu werden. Die versteckte Frau erkennt die Kuh als ihre Lieblingskuh, Rosa. Tränen der Verzweiflung fließen aus ihren Augen. Der Mund wird ihr immer noch fest zugehalten. Am gefährlichsten ist es für die bereits misshandelte Kuh. Sie liegt inzwischen auf dem Boden gefesselt. Ich kann ihre Hilfeschreie, den Anblick und den Geruch ihrer Innereien nicht ertragen. Die Diebin pfeift die Männer zurück zur Kuh und fordert sie in sehr barscher Weise auf, endlich mitzuhelfen. Sie holt ein Messer heraus und fängt an, am Bauch der lebenden Kuh herum zuschneiden. Ich halte mir den Mund zu und schaue weg, bemerke aber, der andere Mann haut den Kopf und den Hals mit der Axt kaputt. Blut spritzt. Die Frau im Versteck ist ohnmächtig geworden. Der Mann ringt gegen Ohnmacht an. Er übergibt sich, während die Tierschänder sich mit dem Auseinander-nehmen der Kuh beschäftigen. Der Verliebte erträgt den Geruch der auseinander genommenen Kuh nicht mehr. Er klappt aus dem Puschen und fällt mit seinem Kopf in seine erbrochene Lache.

Ich presse meine Arme auf Augen, Nase und Mund und höre einen Pferdekarren kommen. Die Kuhteile werden von den Dieben in den Karren geschmissen, wobei sie sehr schroff miteinander umgehen. Sie lassen sich Geld geben. Weniger als ihnen angeblich versprochen war, deswegen ziehen sie den Kutscher herunter und verprügeln ihn heftig. Die Zeit rettet den Kutscher, denn es wird hell. Die drei Verbrecher fliehen, denn sie wollen nicht entdeckt werden. Der Karren fährt eilig von dannen. Eine Blutlache bleibt zurück. Vorsichtig löse ich meine Arme vom Gesicht und kann das ohnmächtig gewordene Pärchen wieder sehen. Ich erfahre, sie kennen die Verbrecher. Sie dürfen sie nicht verraten. Sie durften dort nicht als Liebespärchen zusammen sein. Die Frau ist die Ehefrau des Gastwirtes im Dorf. Ihr Geliebter ist ein höherer Beamter und der Freund des Gastwirtes. Also nicht anständig. In Panik eilen auch diese beiden fort, um nicht zusammen im Park entdeckt zu werden.

Die Tierquäler werden entdeckt, denn die zurückgelassene Blutlache wird nicht übersehen und daneben liegt ein Wohnungsschlüssel, den die Diebin verloren hatte. Sie wird bald festgenommen und im Rennelberg eingekerkert. Erst während der Revolution wird man sie wieder befreien. Langsam verweht das Bild des Parks im Wind, und ich bin froh darüber. Was machen die Geister hier auf der Aue? Ist ihnen der Wald zu eng geworden? Warum verarbeiten die ihre Vergangenheit nicht endlich, ihre Intrigen und Diskrepanzen, damit sie zur Ruhe kommen und nicht im Querumer Wald herum geistern müssen?

Sturm kommt auf und vertreibt die letzten Erscheinungsbilder. Ich halte inne, denn es ist mir, als hätte der Sturm Worte für mich und horche: „Luisa!“. Was? Der Sturm ruft meinen Namen? „Luiisaa!“, ruft er. Im selben Augenblick fällt mein Schlüssel von der Fensterbank laut prallend auf die Heizung. Ich erschrecke. Ich greife meinen Schlüssel, knalle das Fenster zu, lasse mich auf den Boden fallen und warte verzweifelt auf meine Freunde.


Es klingelt. Ich bin froh darüber, dass sie jetzt kommen, laufe zur Tür um sie zu öffnen, und vor mir steht Paule mit seinem Hund, Otto. Merkwürdig, ich hatte die beiden nicht erwartet. Ich lade die beiden ein und bin froh, dass wenigstens wer kommt. Sie dürfen bald mit uns frühstücken, nur weil sie eben zufällig gekommen sind. Wir haben uns wenig zu sagen. Paul schweigt. Otto schweigt. Ich sitze den beiden gegenüber und schweige. Mir will der Nebel nicht aus den Kopf und dass ich hörte, was der Sturm rief. Dann die Unerwarteten vor meiner Tür, die nichts sagen. Ich erinnere mich, es klingelte gleich nach dem unheimlichen Sturm. Wir starren uns fast befremdend an. Wie kann ich denen trauen? Was wollen die? Ich warte auf meine Freunde.

Da endlich! Es klingelt noch einmal. Greta und Theo stehen mit guter Stimmung vergnügt vor meiner Wohnungstür. Ich höre sie. Ich werde im Nu von ihrer vergnügten Stimmung angesteckt. Ich laufe zur Tür, um zu öffnen. Jetzt ist es wieder so als feiern wir. Als hätten wir die Revolution neunzehnhundert achtzehn selbst gemacht. Unser Frühstück ist auch ein Sektfrühstück. Wir feiern erst einmal die neue Republik. Ein wenig Bedenken wegen des etwas zu reich gedeckten Tisches haben wir wieder, wie gestern als wir aßen. Damals hatten die Menschen diesen reich gedeckten Tisch nicht.

Wir versuchen Paule zu erklären, warum wir so fröhlich sind. Ich versorge seinen Hund mit einer Wurst und Wasser. Paule fängt genüsslich zu essen an, hört aber verständnislos zu. Er war ja nicht dabei, wie kann er unsere Heiterkeit begreifen? Also versuchen wir Paule noch kurz unsere momentane Angelegenheit zu erklären. Aber er schaut verstockt und feindselig drein, und sein Hund mit ihm zieht dieselbe Mimik ab.

Wir sind ratlos. „Paule, wir freuen uns wegen unserer gestrigen Erlebnisse“, erklärt Greta. Paule blockt ab. Für ihn hatte es eine Novemberrevolution in Braunschweig und in Deutschland nie gegeben, egal was wir ihm alles zeigen. Eine Revolution gab es nur in Russland. Alles andere sei gelogen. „Scheißrussen!“ ruft er plötzlich aus. Otto nimmt seine Gefühle wahr und steht voll zu ihm, drohend gegen uns. Ich gab ihm doch gerade eine Wurst und Wasser.

Paules Benehmen, sein verstocktes Wesen, diese verschiedenen Gesichtsausdrücke seines so unbeweglichen Gesichtes und der Hund, der zum Angriff bereit neben ihm sitzt, erschüttern mich. Mir kommt ein unheimliches Gefühl hoch. So sitzen wir eine Weile hilflos in der Tischrunde. „Scheißrussin!“ beschimpft Paule mich plötzlich. Er sitzt mir direkt gegenüber. Otto und er glotzen in diesem Moment hasserfüllt und tief konzentriert in meine Augen. Ich glotze wie von einem Motor getrieben zurück und hafte an diesen Blicken.


Theo, der neben mir sitzt, setzt sich dichter an mich heran und sagt mit ernstem sachlichen Ton: „Paule, so geht das nicht! Die Beschimpfungen lassen wir uns nicht gefallen! Du darfst bleiben und essen, wenn du akzeptieren kannst, was wir hier machen. Und wenn du das nicht akzeptieren kannst, musst du gehen! Überlege dir das! Ziehe die Konsequenzen, wenn du bleiben willst!“

Stille! Wir schweigen eine Weile, auch Otto, der gespannt seine Ohren spitzt und auf Paules Reaktion zu warten scheint. Otto nimmt haarscharf jede Gefühlsreaktion von Paule wahr. Greta sitzt dicht neben Paule. Wir warten eine Weile, dann scheint sich langsam die Situation zu lockern. Vorsichtig beginne ich über meine Recherchen zu erzählen, nachdem die beiden Feindseligen das festliche Essen auf dem Tisch betrachtet haben. Paule fängt an, sich zu bedienen und mampft jetzt richtig, während Otto neben ihm sitzt und Wasser schlürft. Sie scheinen sich mit Theos Forderung tapfer abzufinden. Ich möchte vorsichtig anfangen über meine Recherchen zu erzählen, meine aber noch sagen zu müssen:

„Es geht hier nicht um Russland, sondern um Deutschland, um Braunschweig. Es geht um die Entwicklung von Demokratie in unserem Land!“ Was ich sagte, war beinahe schon wieder zu viel für Paule. Und doch müssen wir weiter machen, denn wir wollen es. Paule darf nicht mehr Scheißrussen sagen. Otto schaut mich angriffsbereit an.

Ich bin an der Reihe, mit der Novemberrevolution weiter zu machen. Ich fasse noch einmal zusammen, wie die neue Republik entstand. Doch die feindseligen Blicke der beiden gegenüber am Tisch sitzenden zerstreuen meine Gedanken immens. Einen Moment bringen sie mich völlig durcheinander. Das ist Gewalt und Unterdrückung, wenn man seine Worte unausgesprochen wieder hinunterschlucken muss, denke ich heimlich. Diese Art, wie Paule und Otto sich mir gegenüber als Gastgeberin benehmen, ist eine Unverschämtheit. Ich bekomme aggressive Gefühle. Versuche mich dann aber zu fassen. Ich erzähle weiter von der Novemberrevolution neunzehnhundert achtzehn.
(Ilona Meschke@2009)


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