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Abdankung des Herzogs

Die Masse der Bevölkerung war auf dem Schlossplatz, vor dem Schloss. Die Arbeiter- und Soldatenräte sowie ihre Vertrauensleute hielten sich im Schloss auf. Dabei füllten Wachen die Räume und Säle des Schlosses auf, ebenso wie auf dem Schlossplatz, wo der Arbeiter- und Soldatenrat gerade vor dem Herzog stand, der noch überlegte, ob er diese vorgeschriebene Abdankungserklärung für sich und seine Erben unterschreiben sollte. Der Herzog überlegte noch einige Zeit. Inzwischen bekam er auch die Nachricht, dass Wilhelm II in Berlin seine Abdankungserklärung bereits schon untergeschrieben hatte. Wer also gab ihm noch Rückendeckung? So entschloss sich der Herzog diese Erklärung zu unterschreiben, aber nicht vor einem Arbeiter wie August Merges.


„Heftig!“, dachte ich, obwohl der Herzog das freundlich zu sagen schien.

Er bat, diese Erklärung vor einem Soldaten unterschreiben und sie dem Soldaten überreichen zu können, denn er fühle sich wie ein Soldat, oder er selbst sei auch ein Soldat.

August, erklärte freundlich und achtsam, dass dieser Wunsch wohl akzeptabel sei, trat zurück und ließ einen Soldaten vor den Herzog treten, der dann seine Abdankungserklärung unterschrieb und dem Soldaten überreichte.

Vorsichtig äußere ich meine Meinung. Ich beobachte Paule und Otto dabei: „Ich finde das heftig. Der Herzog, der einen Soldaten verlangt und vor einem Arbeiter nichts unterschreiben kann. Das muss ich mir genauer reinziehen. Das ist heftig.“

Alles am Tisch verhält sich einigermaßen angemessen. Der Herzog hatte nun abgedankt. Es würde ihm und seiner Familie nichts passieren, wurde ihm versichert. Er solle sich nur politisch aus der Sache heraushalten, was der Herzog dann wohl auch versprach. Außerdem durfte das August zu ihm sagen und nicht der Soldat. Das Schloss war Schauplatz der Revolution. Vor dem Schloss berichtete ein Matrose der wartenden Menge: „Der Herzog von Braunschweig hat für sich und seine Nachkommen abgedankt. Es gibt ab jetzt keinen Herzog von Braun-schweig mehr. Nur noch einen Bürger Ernst August Cumberland. Hoch die Revolution! Hoch das Proletariat!“


„Scheißrussen!“ ruft Paule wieder und Otto bewegt sich im gleichen Augenblick in die Höhe. Diesmal sagt Greta ihm, er solle aufhören. Ihre Forderung nimmt er besser an, als würde Theo oder ich es sagen.

Die rote Fahne wehte seit dem siebentem oder dem achten November neunzehnhundert achtzehn auf dem Schloss. Auf jeden Fall etwas früher als in Berlin es passierte. Die Brunonia hatte ein rotes Halstuch bekommen und ist damit zumindest zwischenzeitlich eine Sozialistin geworden.

So, dass alles nahmen wir gestern schon durch. Greta freut sich kurz über das rote Halstuch der Brunonia. Sie zieht ihr rotes Hippihalstuch ab, wedelt in der Luft und singt: „Es lebe die Räterepublik!“ Sie findet einen roten Becher, kippt Sekt hinein und singt: „Es lebe die rote Fahne!“ Theo staunt, dann sucht er einen roten Becher, findet aber keinen, nimmt sein Sektglas, hebt es in die Höhe und singt: „Die Internationa ha le“, Theo kennt den Text nicht. Ist nicht schlimm. Ich helfe ihm. Ich stelle mich auf meinen Küchendrehstuhl, auf dem ich gerade noch gesessen habe, nehme mein Glas Sekt in die Hand und singe: „ Wir sind – die Internationa ha le, wir, wir, wir!“ Jedes Mal bei ‚wir‘ schaffe ich eine halbe Umdrehung mit dem Küchendrehstuhl. Ich sehe kritische Blicke hochschauen. Aber Paule lacht. Mein Herz hüpft, Paule lacht.


Tag und Nacht wurden Reden gehalten. Die Leute mussten und sollten informiert werden, was die neue Regierung vorhat. Der Volksfreund wurde für sie tätig. Auch ohne August Thalheimer. Er hatte den Krieg überlebt, aber lebte danach nicht mehr in Braunschweig.

„Der Tag der Revolution ist gekommen!“ - „In dieser Stunde proklamieren wir die freie sozialistische Republik Deutschland!“ - „Die Herrschaft des Kapitalismus, der Europa in ein Leichenfeld verwandelt hat, ist gebrochen.“ - „Wir müssen alle Kräfte anspannen, um die Regierung der Arbeiter und Soldaten aufzubauen und eine neue staatliche Ordnung des Proletariats zu schaffen, eine Ordnung des Friedens des Glücks und der Freiheit unserer deutschen Brüder und unserer Brüder in der ganzen Welt“, so waren die Worte von Karl Liebknecht am neunten November neunzehnhundert achtzehn in Berlin. Und ähnliche Worte vernahm man in Braunschweig. Der Volksfreund berichtete darüber, aber auch die vielen Flugblätter. Der provisorische Arbeiter- und Soldatenrat war schon zwei Tage zuvor mit Vertrauensleuten von sozialdemokratischen Arbeitern und Soldaten im Wilhelmsgarten gebildet worden.

Paule hat längst aufgehört zu lachen. Er unterbricht mich mit seinen drohenden Augen, dennoch rede ich weiter: „Ich wollte da noch etwas einschieben. Nur weil es so oft heißt, ‚die Diktatur des Proletariats’. Damit ist nicht gemeint, einen neuen Diktator aus den Arbeiterkreisen zu wählen, sondern das Proletariat insgesamt. Das Volk insgesamt ist trotz vieler Köpfe Diktator. Die Demokraten, sollen bestimmen und entscheiden. Sie sollen sich durch Wahlen und Demonstrationen in die Politik einmischen können. Die Regierung, die sie stellen, soll ihnen dienen, dem Menschen, dem Volk. Das gesamte Volk soll diktieren oder jederzeit absetzen können. So ist das gemeint. Wollte ich nur sagen, damit die Aussage nicht irritiert. Wegen dieser Formulierung und des gesagten Begriffes ‚Diktatur’.“ Das scheinen Greta und Theo in Ordnung zu finden. Ich erzähle einfach weiter:

In einem Dokument der Räte heißt es: „An die Arbeiterschaft Braunschweigs! Proletarier, der Streich ist gefallen. Die ganze Stadt ist in den Händen des Arbeiter- und Soldatenrates. Unser Ideal geht in Erfüllung. Parteigenossen! Arbeiter! Eure Ehre, Euer Wohl und das Wohl Eurer Kinder verlangt, dass Ihr die Macht des Arbeiter- und Soldatenrates stärkt. Zur Durchführung sämtlicher Maßnahmen, die nur im Interesse der Arbeiterschaft geschehen, ist eiserne Disziplin notwendig. Es lebe die sozialistische Republik! Es lebe die Diktatur des Proletariats! Nieder mit dem Krieg! Es lebe der Frieden!“

Der unbekannte Schreiber hinterließ uns diese Aussage auf einem Flugblatt. Paule steht blitzschnell auf. Mit vollem Mund beugt er sich über den Tisch zu mir herüber. Er versucht mir zu drohen. Er gestikuliert wild. Theo schiebt ihn auf seinen Platz zurück. Greta nimmt jetzt Paule in Schutz. Ich solle ihn zufriedenlassen und ihn nicht provozieren. Diese Angriffe gegen anders Denkende könne sie nicht leiden. Es würde auch keinen Sinn machen.

Was ist jetzt los mit unserem Trio, unserer kleinen Gruppe? Lassen wir uns so schnell zersplittern? Das enttäuscht mich. Paule wird durch Gretas Worte gestärkt. Mich empört die Unfairness. Doch Greta lindert damit die Situation, indem sie mich vor Paule angreift, um ihn vor mir zu schützen anstatt umgekehrt. Otto kontrolliert weiter Pauls Gefühle. Greta versteht mit ihm besser umzugehen? Mir hat sie damit einen Faustschlag gegeben. Macht sie das später wieder gut?

Nicht nur allein die Ereignisse in Berlin brachten August Merges immer wieder dazu, vor Konterrevolutionäre zu warnen, denn die Konterrevolutionäre waren in Berlin stärker vertreten. Er sah in ihnen eine sehr große Gefahr. Er warnte ständig bei seinen Kundgebungen immer wieder vor konterrevolutionären Kräften und riet, achtsam zu sein.

Sepp Oerter hingegen propagierte in seinen Reden, die besondere Wichtigkeit, nun endlich und unverzüglich eine sozialistische Regierung einzusetzen und ein Programm zu entwickeln.

Da mag er auch Recht gehabt haben. Strukturen schaffen musste sein. Nur war noch unklar, was er persönlich wollte, denn er schien ein wenig querfeldein zu schießen.

Immer wieder sammelten sich Menschen am Schloss, um sich Informationen zu holen. Merges wollte einen Föderalismus einführen. Braunschweig sollte eine Art unabhängiger selbst handelnder Staat im Staate sein, eben eine Räterepublik bleiben. Nähere konkretere Definitionen waren zwar entworfen, doch unklar und noch nicht festgeschrieben.

Ich zählte einen Teil der Probleme auf, mit der die neue Regierung fertig werden musste. „Das alles ist wie ein Kampf gegen Ameisen oder Flöhe. Wie sollte das organisiert und kontrolliert werden?“ fragt Greta und Paule lässt das zu.

Das Bildungswesen, ein Amt, das Minna bereits innehatte, war von Rohstoffmangel nicht direkt betroffen. Sie konnte weitgehend unabhängig von der Problemkette ihren Arbeitsbereich tätigen. Sie hatte aber die bürgerlich monarchistische Lehrerschaft gegen sich. Und das war nicht einfach, denn die waren herzlos und aggressiv. Mit Arroganz wurde Minna bis zur untersten Gürtellinie bekämpft.

Eine Landesversammlung fand am elften November auf dem Eiermarkt statt, um Strukturen zu schaffen. Die Revolution mit feststehenden Programmen und Grundregeln sollte nun abgesichert werden. Es wurden Ämter durch neue Wahlen verteilt. In dieser Landesversammlung schlug Sepp Oerter August Merges zum Präsidenten der Republik Braunschweig vor. Und er wurde gewählt, und wahrscheinlich nahm er die Wahl an, sonst wäre er nicht Präsident geworden.

„Meine Güte, wo bleibt sein Fingerspitzengefühlt?“ fragt Theo entsetzt, obwohl ich gerade vortrage. Denn was August Merges jetzt innehatte, war nur ein repräsentatives Amt. Damit war er entmachtet. Das musste er doch gewusst haben? Der Schreiber unseres Buches lässt erahnen, dass hier ein Fehler gemacht wurde, der sich später bemerkbar machen würde. Wir blättern besorgt im Programm herum:
(Ilona Meschke@2009)


Freie Gruppe
Buch und Kunstwerkstatt in Braunschweig
… es knistert …
… oder brennt es schon? …

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