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Minna Faßhauer

Greta hatte schon gestern kurz festgestellt:

Sie war nicht nur die erste Frau mit einem Ministerium in Braunschweig, sondern damit im gesamten Deutschland. Sie wuchs als Halbwaise auf und musste schon früh als Dienstmädchen arbeiten. Als Fla¬schenwäscherin und Wäscherin ging sie von Haus zu Haus und wusch in anderen Familien die Wäsche. Später arbeitete sie in einer Konservenfabrik. Sie brachte sich selbst lesen und schreiben bei. Zwanzig Jahre vor der Revolution war sie politisch aktiv, hauptsächlich in der Jugend- und Frauenpolitik. Sie setzte sich besonders für die Gleichberechtigung der Frauen und Mädchen ein. Die Bildungsgleichheit lag ihr ebenfalls am Herzen. Sie hatte, wie schon erwähnt, mit dafür gesorgt, dass neunzehnhundert acht das Verbot politischer Tätigkeiten für Frauen aufgehoben wurde. Sie beteiligte sich an der Revolution in Braunschweig und führte die Novemberrevolution in Wolfenbüttel an. Sie belegte dann in Braun-schweig das Volkskommissariat für Volksbildung. Im Dezember neun-zehnhundert achtzehn wurde sie USPD-Landtagsabgeordnete im Braunschweiger Landtag. Minna Faßhauer schaffte die kirchliche Schulaufsicht ab und senkte die Religionsmündigkeit auf vierzehn Jahre. Sie engagierte sich für Volkskindergärten, Volksschulen und trat ebenso für eine weltliche Einheitsschule ein.

Die Idee einer Einheitsschule entstand schon in der Revolution achtzehnhundert achtundvierzig. Und auch unter Wilhelm Bracke. Es hieß, sich auf ein Schulsystem vom Kindergarten bis zur Universität für alle Kinder gleichermaßen zu konzentrieren und ist von einem zusammengeschlossenen Lehrerverband erdacht wurden. Es ließ sich in Deutschland bis heute nicht verwirklichen, sondern nur vereinzelt schaffen. Integrierte Gesamtschulen, wenn sie geschaffen worden sind, konkurrieren stark mit anderen Schulen. Das hat zur Folge, dass Schulsysteme überhaupt sehr geschwächt sind. Auf das eigentliche Ziel einer Schule konnte sich nicht genug konzentriert werden. Fachlich kompetente Menschen beanstandeten das oft. Die heutige PISA-Studie verstärkt diese Sichtweise.

„Nicht zu fassen, wir sind mit einem Dreiklassenschulsystem von damals groß geworden. Das Dreiklassensystem wurde in der Schule nie wirklich abgeschafft: Die Hauptschule, die früher Volksschule genannt wurde, war für Schüler aus dem Volk, aus der untersten Schicht bestimmt. Realschüler, also die Mittelkasse, und das Gymnasium vorgesehen für die oberste Schicht. Kräfte, die gesellschaftlich ganz oben standen, wollten dieses Schulsystem nie aufgeben. Ich kenne ihre Argumente noch, die sich immer darauf beziehen, dass ihre eigenen Kinder wegen des Familienstandes das Gymnasium besuchen würden. Als das bei einem Rechtsanwaltssohn nicht klappen wollte, brachten sie ihn nicht auf die normale Hauptschule mit anderen Hauptschülern zusammen, sondern in ein besonderes Internat.“

Greta und Theo nickten meine Sichtweise ab. Und sogar Paule und Otto kommen mir diesmal entgegen. Sie scheinen gegen Kritiken von Schulen und Schulsysteme nichts zu haben. „Ja, das ist auch so. Als Lehrerin weiß ich so ungefähr, wie die öffentlichen Gelder locker gemacht werden. Hauptschulen sind immer schlechter ausgestattet worden.“ So beendet Greta das Thema Schulen, aber nicht das gesamte Bildungsthema von Minna Faßhauer. Da hat sie noch etwas zu sagen. Paule ist sehr locker geworden. Er hört ihr zu.

Minna Faßhauer fand Räumlichkeiten, Lehrkräfte und bot Weiterbildungsmaßnahmen für Erwachsene und Jugendliche an, kurz nachdem sie das Kommissariat innehatte. Per Flugblätter oder auch im Volksfreund gingen ihre Angebote heraus und wurden von dem Volk angenommen. Doch die bürgerliche und monarchische Lehrerschaft wusste ihre Arbeit nicht zu schätzen. Sie schlachteten jeden Schreibfehler, den Minna machte, hart und brutal öffentlich aus. Kurz gesagt, sie betrieben eine aggressive, unfeine Öffentlichkeitsarbeit gegen sie. Für sie war Minna eine Analphabetin. Ob sie längst schreiben konnte oder nicht, war ihnen egal.

„Vielleicht wurde sie auch nur so heftig bekämpft, weil sie überhaupt eine Frau war?“ überlegte Theo plötzlich „Die Gegenseite wollte sie eventuell besonders nervlich schwächen, eine Frau in einem Ministerium. Sie zuerst fertig machen, um dann weiter gegen oppositionelle Personen ‚unter der Gürtellinie’ vorzugehen, ist doch strategisch gesehen kein Fehler.“ Paules Stimmung wird wieder gruseliger. Diesmal schaut Otto Theo drohend an. Doch, der geht ziemlich locker damit um. Mochte Paule nicht, dass Theo Frauen unterstützt?


Leider wirkte die Hetze gut, zu gut, denn Menschen aus den untersten Schichten spotteten mit. Abhängige Lohnarbeiter lästerten mit, weil alles so viel leichter ist, als sich wirklich ehrlich gegen eine Unterdrückung zu bemühen.

„Kann sein, dass den kleinen Leuten überhaupt nicht klar war, wer diese Hetze gegen die Politiker der neuen Republik verbreitet und weswegen. Sie machen einfach nur mit, weil der Mensch eine Herde ist!“ spekuliere ich. Und dabei analysiere ich ganz heimlich Paule.

Greta sagt noch: „In der kurzen Regierungszeit, die Minna innehatte, leistete sie erstaunlich viel.“ Ein Schlusswort rutscht mir raus, was Paule wieder auf die Palme bringt: „Sie war eine tapfere starke Frau. Sie hielt durch und hätte weiter gemacht. Wir nehmen sie als unser Vorbild, ok?“
(Ilona Meschke@2009)


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Buch und Kunstwerkstatt in Braunschweig
… es knistert …
… oder brennt es schon? …

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