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Landarbeiter

Ich hole ein vergilbtes Buch aus meinem Regal und möchte anfangen Theo und Greta darin vorzulesen. Erkläre Ihnen aber vorher, womit ich anfangen will: „Da wir schon mal bei Schlechtredereien angekommen sind, wäre es vielleicht ratsam, da weiter zu machen. Damit dieses Thema abgearbeitet ist. Gerade die Landarbeiter wurden von ihrer Herrschaft stark an den gesellschaftlichen Rand gedrückt. Sie waren bestinformiert. Sie trugen oft weiter, was ihnen erzählt wurde und was sie sollten. In ihrer Unselbständigkeit etablierten sie sich zu starke Akteure gegen Sozialisten. Dabei scheuten sie nicht immer Gewalt.“

Eine Aufgabe für später fällt mir ein: „Wir müssen unbedingt ein Sprichwort gegen Schlechtrederei erfinden. Einen kurzen Spruch mit einer Logik, die es in sich hat. Vielleicht, dass der, der schlecht redet über jemanden, dies nie ohne eigenen Interesse tut. Aber das müssen wir noch untersuchen. Da müssen wir uns mal Gedanken drüber machen. Also: Sprichwort gegen die Schlechtrederei, das wirkungsvoll dagegen angeht.“

Ich lese aus dem kleinen Buch vor mir: „Gutes Regieren war inmitten einer desolaten wirtschaftlichen und politischen Lage und innerer Schwierigkeiten nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Die Ernährungslage verschlechterte sich von Tag zu Tag. Die Preise kletterten weiter in die Höhe. Die wöchentliche Brotration musste gekürzt werden, und die Zahl der Arbeitslosen wurde durch die demobilisierten Soldaten täglich vergrößert. Leicht machten es sich die Spötter:

Im Musterländchen Braunschweig,
wird gründlich heut regiert.
Ein Schneider und ne Waschfrau,
die haben es probiert.
Ernst August ist gegangen,
der Herzog, lang begehrt.
Da ward so manche Seele,
von Kummer sehr beschwert.
Wir müssen uns getrösten,
im Unglück ist ein Glück:
Der Ernst nur ist gegangen,
der August blieb zurück.

“Chronik von Braunschweig"
Monika Zeidler 1980

„Gemein, nicht wahr? Haben die alle schon vergessen, wie es ihnen erging? Auch die Bürgerlichen und Nationalen haben tote Angehörige zu verbuchen gehabt und immer noch wenig zu essen!“ errege ich mich. Theo meint: „Die Bürgerlichen wussten natürlich nicht, was sie in einer sozialdemokratisch regierten Republik zu erwarten hatten. Sie dachten eventuell, ihr ganzer Reichtum würde jetzt aufgeteilt werden. Das empfanden sie als unfair. Eigentum ist für sie Eigentum. Sie kämpften für ihre Sichtweise richtig, was die politische Richtung betrifft. Schlechtrederei scheint ein wirksames Mittel, so primitiv, brutal und einfach, gerade wenn viele Unaufgeklärte und Abhängige da sind.“

Greta wirft ein: „Und nie strafbar. Es ist ja immer nur ihre eigene Meinung, außer auch mal ein paar kleine unrichtige Tatsachen, falsche Informationen, aber nie strafbar.“ Theo ergänzt: „Sie glauben ja teilweise, was sie sagen oder wollen. Sie schmieden sich für ihre Interessen eine Denkweise, ein Weltbild.“

Mir fällt ein: „Und von dieser Interessenssichtweise sind heute noch viele abhängig. Wir sind mindestens zu achtzig Prozent in Dienstleistungsbereichen tätig. Wenn ein großer Konzern etwas unrechtes politisch durchdrücken will, hält sich die gesamte Belegschaft heraus. Leider verstehen wir bis heute nicht, anders mit solch einer Situation umzugehen.“

Greta weiß zu sagen: „Eine Hochwohlgeborene mag nun mal nicht neben einer Magd stehen. Sie denkt, sie sei besser.“ Das sind unsere Kommentare, die Paule und Otto nicht mögen oder nicht verstehen, so scheint mir jetzt. Wenn sie aufmerksamer werden, fühlen sie sich gleich angegriffen. Vielleicht greifen wir sie ja an? Meine Güte, vielleicht versuchen wir gerade, ihre spezielle Charakteristik zu durchleuchten. Ich schaue Paule nicht an. Sonst merkt er, was ich denke. Ich denke:‘ Paule, ein Knecht? Ein Landarbeiter?‘ Unsinn! Vorsicht! Er hat meine Gedanken gelesen. Wir durchleuchten eine Hierarchie, die Menschen unterdrückt, aber gleichzeitig finden die Menschen diese Hierarchie schützenswert. Sie fühlen sich innerhalb ihr geschützt. Ohne sie können sie sich nicht vorstellen, zu leben und zu überleben. Können Freiheit und Demokratie auch schwierig sein, wenn die Vorstellungskraft dafür fehlt?

Die auf dem Land gewählten Landarbeiterräte waren konservativ, inaktiv und einflusslos. Landwirte von Kleinstbetrieben fühlten sich immer noch besser als Arbeiter in Großbetrieben, denn die haben keinen Besitz. Während jeder Bauer Besitz hatte, wenn es auch zum Überleben nicht reichte. Das dieses auch politische Ursachen hatte, beispielsweise staatliche Konzentration auf Großwirtschaft, sahen die Landwirte oft nicht oder hofften, selbst davon profitieren zu können. Sie schickten sich selbst oder ihre Familienangehörigen in die Industrie als ungelernte Arbeiter, fühlten sich aber oft besser durch ihren Besitz.

Die Leibeigenschaft von Mägden und Knechten war seinerzeit zumindest auf dem Papier verboten. Mägde und Knechte gingen bis zu ihrem vierzehnten Lebensjahr in die Schule. Es war eine strenge Schule, in der Lesen, Schreiben und Rechnen beigebracht wurde und wie man sich zu benehmen hatte. Die Schulbücher waren sehr monarchistisch. Eigene Gedanken waren nicht erwünscht. Das Obrigkeitsdenken wurde anerzogen. Als die jungen Leute aus der Schule entlassen wurden, kamen sie gleich zum Großbauern und mussten arbeiten. Oft zwölf Stunden am Tag. Sie bekamen im Gegensatz zu den Industriearbeitern immer gut in familiärer Räumlichkeit zu essen. Wobei für immer 'gut' gebe ich keine Garantie. Gelernt wurde nach dem vierzehnten Lebensjahr gar nichts mehr, nur gearbeitet. Nach noch einmal vierzehn Jahren wollte kaum jemand von ihnen noch einmal lernen oder eine Ausbildung machen. Sie trauten sich das nichts mehr zu. Es gab da noch das Sprichwort 'Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr'.

Der Lohn war gering, schlechter als bei den Arbeitern in der Industrie. Manches Mal wurde der Lohn jährlich ausgezahlt, mit zweihundert Mark oder auch vierhundert. Von daher kann von Leibeigenen gesprochen werden, denn sie konnten finanziell kein eigenständiges Leben führen. Männliche Landarbeiter warteten oft auf die Gelegenheit, ihren weiteren Lebensweg als Soldaten in Kriegen zu bestreiten. Nach den Kriegen oder vorher landeten sie meistens in der Industrie als ungelernte Kräfte. Doch als Großstädter konnten sie sich oft nicht eingewöhnen. Sie wurden außen vorgehalten, weil sie das Treiben in der engen Masse und die Flexibilität nicht so gewohnt waren wie die Stadtmenschen.

Mägde und Knechte waren ihren Herren gehörig. Einmal sagte einer: „Die Sozialdemokraten, die sind ja ganz lustig, wenn sie daher kommen“, und verglich Aufklärung und Information mit einem Zirkusauftritt, weil sonst nur das übliche langweilige Feld zu sehen war. Dann verstand er aber doch mehr von dem, was die wollten: „Die meinen es gut mit mehr Rechten und so. Aber der Herr, der mag das nicht. Der scheucht sie weg, und was der Herr nicht mag, ist nicht gut für sein Land. Und was nicht gut für sein Land ist, ist auch nicht gut für uns.“ So die allgemeine logische Folgerung der Landarbeiter. So lebten sie.

„Ja, aber das ist doch alles irgendwie logisch und heute immer noch zu erkennen, so auf dem Lande“, meint Greta fast spöttisch. Lebhaft beuge ich mich zu ihr herüber über den Tisch und meine: „Ja, deswegen befassen wir uns ja damit, es gibt immer noch was zu tun in der sozialen Demokratie. Die Revolutionäre hat nicht alles erledigen können. Sie haben uns etwas übrig gelassen! Der Weg ist das Ziel. Theo hat es schon erklärt“ So bin ich gerade über den Tisch gebeugt und sehe direkt ein anderes Augenpärchen vor mir. Otto ist ebenfalls mit seinen Vorderpfoten auf den Tisch gestützt zu mir herüber gerückt. Wir hängen Nase an Nase gegenüber. Er zeigt die Zähne seines Kiefers. Er riecht schlecht. Besonders schlecht riecht sein aufgeregter röchelnder Atem. Ich darf also in Ottos Anwesenheit nicht über Landarbeiter, Knechte, Mägde und Leibeigene sprechen. Das habe ich jetzt verstanden. Und ich habe verstanden, dass die beiden von nun an immer zu meinen Feinden gehören werden. Theo schiebt uns wieder einmal mit seinen Armen auseinander. Es hat geklappt. Der Hund sitzt wieder unten. Paule glotzt sauer und hasserfüllt.

Hoffentlich passiert mir nicht etwas Ähnliches, was Wilhelm Bracke öfter passierte. Ich setze mich näher an Theo heran. Die beiden drüben beruhigen sich wieder. Nun erzähle ich weiter über die Landbevölkerung, nachdem Paule zurechtgewiesen wurde, auf seinen Hund zu achten. Diesmal von Greta und er setzt eine verständnisvolle Mimik auf.

Sozialdemokratische Sichtweisen waren für die Landbevölkerung nicht erreichbar. Wilhelm Bracke hatte schon um achtzehnhundert siebzig herum oft versucht auf dem Land aufzuklären. Er entging heftigen boshaften Attacken, man demontierte heimlich seine Kutsche oder warf bei einer Lesung Ziegelsteine durch das Fenster, die über seinen Kopf flogen. Er hatte jedes Mal Glück, dort auf dem Lande wurde nach seinem Leben getrachtet.


Paule hasst mich, doch er hält sich zurück. Fast verändert er sein Aussehen wie ein damaliger Landarbeiter. Plötzlich ist er General mit einem deutschen Schäferhund. Er versucht mich und meinen Vortrag zu stoppen. Oder sehe ich das in meiner Phantasie?

Doch ich rede weiter: Wilhelm Bracke konnte für die Landbevölkerung nicht viel tun. Er begab sich nur selbst ständig in Gefahr. Er-reicht wurde mit ihm und in seiner Zeit, dass die Leibeigenschaft abgeschafft wurde, zumindest auf dem Papier.

Das erwähne ich noch mal, denn das ist schon etwas. Besserungen entstehen dadurch, eine Ungerechtigkeit aufzudecken, zu publizieren und gesetzlich zu verbieten. Damit ändere ich nicht sofort die Welt von heute auf morgen, aber die Entwicklung und das Blickfeld. Ich sitze neben Theo. Greta versucht sich locker mit Paule zu unterhalten. Ich weiß nicht, ob ich immer gut finden soll, wie Greta reagiert. Ich rede einfach weiter. Ich habe es gleich geschafft. Aber das Ende scheint mir wegen unserer schwierigen Gäste hart.

„Abschließend möchte ich noch sagen“, fällt mir plötzlich ein. Ich rücke etwas an Theo heran und versuche meinen Ton so zu halten, dass Paule und Otto nicht provoziert werden. Doch  Paule hört schon auf zu essen, obwohl er gerade von Greta beruhigt, wieder damit begonnen hatte. Otto richtet sich wieder auf und hebt seine Ohren, während ich mich nicht beirren lassen möchte und weiter rede: „Aus antifaschistischen Kreisen weiß ich, dass Faschisten die Landbevölkerung für ihre Zwecke gebrauchten.“ Ich erzähle weiter und hoffe selbst, schnell zum Ende zu kommen: „Die Neonazis sagen heute, erobere vom Lande aus die Stadt. Das ist die Chance. Auch Reinhard Kühnl schreibt, die sozialdemokratischen Gegner hätten dort angefangen, den unaufgeklärten Menschen zu sagen, ja wohl sie brauchten einen Sozialismus, aber für sie speziell einen nationalen, keinen internationalen. Was wollten sie mit einen internationalen? Sie bräuchten ihren eigen, ihren nationalen Sozialismus. Das haben die gefressen. Das war so viel klarer für sie und auch für manche Städter. So haben die monarchistischen, die bürgerlichen Kräfte und die Großindustriellen Sozialismus missbraucht. Der internationale Sozialismus und die Demokratie wurden ja bekanntlich bekämpft.“

„Was sich nicht töten lässt, lässt sich eventuell umgestalten. Durch einen nationalen Sozialismus sollte der internationale ersetzt werden. Die uninformierten Menschen fraßen das. Obwohl es total unlogisch ist. Es kann nur einen internationalen Sozialismus geben. Alles andere ist ein Widerspruch in sich. Wer national ist, ist nicht sozial, sondern ausgrenzend und eingeschränkt.“

Ich fahre fort: „Der Begriff Sozialismus wurde missbraucht. Aber auch deren rote Fahnen, in denen sie ein Hakenkreuz setzten und vom Nationalsozialismus sprachen. Erst sah ich sie nur in Grautönen. Dann sah ich rote Fahnen mit einem Hakenkreuz. Also auch die roten Fahnen der sozialen Demokratie wurden missbraucht gegen die Sozialdemokratie. Gruppierungen die das machten, formierten sich schon langsam in unserer Themenzeit. Es gab sie schon vereinzelt viel länger, nur noch nicht so gewaltig.“

Paule steht zum Angriff auf. Greta und Theo stehen auf und halten Paule zurück. Er soll seinen Otto festhalten und sich unterstehen. Theo und Greta drohen ihn jetzt. Er scheint doch schwächer und ängstlicher zu sein, als er bisher aussah. Doch allein möchte ich ihm nicht mehr begegnen. Ich sehe wie er mich hasst. Ich habe noch etwas zu sagen und fahre fort:

„Kein Schüler lernt in der Schule von der Entstehung der Demokratie, der Sozialdemokratie und nichts davon, wie lange Sozialdemokraten in feudalen unterdrückenden Systemen kämpften. Heute noch werden die Herzöge verherrlicht. Nichts hört man von Wilhelm Bracke oder August Merges in der Schule, kaum etwas von der Novemberrevolution. Auch hört man nichts davon, wer den Nationalsozialismus wie entstanden lassen hatte. Nazis standen angeblich alle plötzlich vor den Städten und marschierten dort ein, von heute auf morgen. Wie sie finanziert wurden, wer die vielen Fahnen bezahlte, kein Mensch redetet in der Schule davon.“ So nun erst bin ich fertig.

Jetzt kann Theo uns etwas über die Konterrevolutionäre erzählen. Er wartet doch schon. Oder nicht?

Nein, wir machen alle eine Pause, wobei ich Theos Seite nicht mehr verlasse. Nach einer Weile sagt Greta: „Die Seiten mit Braunschweiger Herzögen in den Geschichtsbüchern der Braunschweiger Grundschulen sind voll. Man hat Namen wie Henning Brabandt, Wilhelm Bracke oder August Merges und andere Namen nicht erwähnt, nicht ihre Aktivitäten, ihren Einsatz für arme Menschen. Sie nicht als Helden gefeiert, sondern verschwiegen.“

Lieber feiert man in Braunschweig ziemlich unbekannte Herzöge. Greta ergänzt ihre Aussage: „Wenn ich mit Lehrkräften darüber diskutieren möchte, wird das Thema relativiert, es wird dann nicht für das Allerwichtigste gehalten. Unwichtig wird, was tatsächlich wichtig und erziehungswürdig wäre, doch Lehrkräfte verdrängen jede Diskussion.“

Paule versucht, Greta wegen ihrer Meinung nicht zu hassen. Er schmeichelt sich gar unterwürfig an Greta heran. Niedergeschlagen meint Greta: „Man will immer noch keine Demokratie dort oben. Den meisten Menschen ist das gar nicht klar. Sie sind immer noch uninformiert.“ Fast ist Paule so niedergeschlagen wie Greta. Unsere Pause dauert noch, Theo will noch nicht über die Konterrevolutionäre sprechen. Er findet das zu früh. Mit einer Tasse Tee sitzt er da und sinniert in der Gegend herum.

Ich mache das Fenster auf, obwohl es immer noch sehr neblig ist. Es formiert sich eine Art nebliger Wirbelsturm vor mir am offenen Fenster. Alles verformt sich zu einer Kapelle. Nein doch nicht ganz, aber ich kann jetzt in eine kleine Dorfkirche schauen. Ein verkrüppelter Mensch liegt dort vor dem Altar in einem Bett und der Pastor vorne zeigt ständig auf ihn. Er erzählt seiner Gemeinde etwas über diesen Menschen im Bett. Während dieser sich unentwegt hochrangelt und sich quälend der glotzenden ängstlichen Gemeinde zeigen will oder muss. Soviel kann ich erkennen.


Jetzt nehme ich den Pastor wahr. Ich höre ihn. Er beschimpft seine Gemeinde. Die Mitglieder und Kirchengänger sitzen inzwischen schon ganz zusammengekauert und verschämt da. Der Pastor ruft zu ihnen: „Ihr Taugenichtse und Vaterlandsverräter! Gibt es denn überhaupt einen Teil in euch, der Ehre hat? Der Stolz hat? Euer nacktes untaugliches Leben beschützt ihr, eurer wertloses Leben. Er ist tapfer gewesen.“ Der Pastor zeigt auf den Krüppel. „ Er ist ein Held. Seht ihn euch an. So sieht ein Held aus, der sein Leben seinem Vaterland schenkte.“ Ich sehe, diesem Verkrüppelten fehlt fast eine Körperhälfte. Er hat nur einen halben Kiefer und ein Auge. Er erfreut sich dieser Ehre. Er sieht bei jeder Bewegung komisch aus. Er möchte Beifall von der Gemeinde, in der jeder einzelne immer versunkener auf dem Platz seiner Kirchenbank kauert. Der Pastor versucht in die Christen ein schlechtes Gewissen zu treiben. Sicher werden bald alle ihr wertloses Leben dem Krieg schenken.

Jetzt stürmt eine Frau aufgebracht durch die Eingangstür der Kirche in Richtung des Pastors. Tränen stürzen aus ihren Augen: „Was fällt Ihnen ein, meinen verkrüppelten Mann zu entführen und ihn hier zur Schau zu stellen? Haben sie überhaupt noch ein wenig Moral im Körper? Haben wir armen Menschen nicht schon genug Leid zu tragen? Sie schändlicher Mensch!“ Die Menschen auf den Kirchenbänken werden länger, die Augen immer größer. Sie sitzen still und hören aufmerksam zu. Jetzt winkt die Frau zwei große Kerle herein. Die sollen Ihr helfen, das Bett hinaus zu tragen, zurück an seinen Platz.

Der Pastor versucht, die Eindringlinge als Abschaum der Menschheit zu betiteln. Doch jetzt gehen die großen Männer auf den langsam nervös werdenden Pastor zu. Sie stehen vor dem Pastor, der sich schweigend zusammenkauert. Alles ist still. Der Pastor hat immer noch die schweigenden Männer vor sich und ängstigt sich. Jetzt sagt einer der beiden: „Schämen sie sich! So einen armen Kerl für ihre Zwecke zu missbrauchen.“ Sie gehen zum Bett. Sie verlassen die Kirche mit dem Bett. Während der Behinderte versucht zu schimpfen. Er wäre lieber weiter als Held gefeiert worden. Der Pastor droht den zum Ausgang gehenden Personen jetzt gefasster aber unbeholfen hinterher, das alles würde ein Nachspiel haben. Ein Mann ruft zurück: „Die Zeiten ändern sich bald. Ihre Sorte Mensch ist nicht mehr gefragt.“

Der Pastor versucht jetzt seine Gemeinde zu überzeugen, dass er ein anständiger Kerl sei und Ehre hätte. Die anderen seien Menschenabschaum. Benommen und schweigend verlassen die Menschen nacheinander leise die Kirche. So sieht dieses Nachspiel aus?

Gutes Nachspiel! - Ist ja noch einmal gut gegangen, denke ich, während die Menschen langsam die Kirche verlassen. Aber wie konnte der Pastor den kriegsgeschädigten Menschen stehlen? Hat die Frau keinen Wohnungsschlüssel? Vielleicht wollte sie nicht abschließen, weil der Behinderte nicht eingeschlossen werden sollte.

Ich rufe aus dem Fenster: „Eh, Geister, was wollt ihr hier vor meinem Fenster? Geht in den Querumer Wald zurück! Ich brauche euch nicht!“ Er-schreckte graue Gesichter peilen mich kurz an. Blitzschnell ist alles verschwunden, was ich sah. Doch in diesem Augenblick fällt mein eigener Wohnungsschlüssel laut krachend vom Fenstersims auf die Heizung, als wolle er protestieren.

„Luisa, Luisa“, höre ich schon wieder. Aber diesmal ruft mich Theo. „Was machst du da am Fenster?“
(Ilona Meschke@2009)


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