27
Konterrevolutionäre
wurden revolutionär

Theo beendet die Pause und liest uns ein Erlebnis von Robert Gehrke in den frühen Tagen der Revolution vor:

„Ich habe eine Überraschung für Euch“, sagt Theo, bevor er beginnt, uns etwas über die Konterrevolutionäre zu erzählen. „Der Schreiber dieses unbekannten zerfledderten Buches, was Luisa gefunden hat, heißt Peter Berger. Er hat dieses Buch vor dreißig Jahren geschrieben. Das habe ich herausgefunden. Mehr weiß ich auch nicht über ihn. Ich will Euch jetzt vorlesen, was in Peter Bergers Schriften steht. Speziell, was Jugendliche taten, um die Regierung zu stärken. Die haben, wo sie konnten, ihre Zukunft selbst in die Hand genommen. Robert Gehrke schrieb einen Erlebnisbericht. Die Jugend überzeugte einen Teil der Konterrevolutionäre, die mit ihnen zu revolutionären Kräften wurden“.

Unser Autor, Peter Berger, schreibt:

„Die jugendlichen Arbeiter waren an den antimilitaristischen Bewegungen und den Streikmaßnahmen während des Krieges in großer Zahl beteiligt. In den Tagen der Revolution verteilten sie die Flugblätter, agitierten auf Versammlungen und machten die banale Kleinarbeit, von der kein Historiker berichten wird. Über die Eigeninitiative der Jugendlichen berichtet Robert Gehrke, selbst führend beteiligt an der revolutionären Bewegung.“

„Die aus dem Bildungsverein, jugendlicher Arbeiterinnen und Arbeiter, der späteren Freien Jugend hervorgegangenen Genossinnen und Genossen bewiesen in der Zeit der Revolution, und auch in den späteren Jahren, dass sie das in der Jugend Gelernte nicht vergessen hatten. Sie waren diejenigen, die in der Kriegszeit nie vergaßen, was sie der Partei, der Arbeiterbewegung, schuldig waren. Sie waren aber auch in der Revolutionszeit das vorwärtstreibende Element. Eine kleine Begebenheit kennzeichnet besser als alles andere den Geist der Jugend.

Am vierten Dezember neunzehnhundert achtzehn fand in Braun-schweig eine Sitzung des Arbeiter- und Soldatenrates mit den Offizieren der Garnison Braunschweig statt. Nach der Aussprache gaben die Offiziere eine Erklärung ab, die besagte, dass sie anerkennen, dass der Arbeiter- und Soldatenrat die rechtmäßige Regierung bildet und dass sie jede feindliche Handlung gegen diese Regierung unterlassen würden. Versprechen und Halten war von jeher zweierlei. So ging es auch der Braunschweiger Regierung mit den Offizieren.

Am achten Dezember hielt der Arbeiter- und Soldatenrat im Wilhelmsgarten eine gut besuchte Soldatenversammlung ab, in der Sepp Oerter das Referat hielt. In der Versammlung herrschte ein großer Spektakel. Sepp Oerter konnte sein Referat nur unter großen Schwierigkeiten halten. Immer wieder wurde er von Soldaten unterbrochen. In der sich an das Referat anschließenden Diskussion traten die verschiedensten Redner auf. Besonders die Angehörigen des Infanterieregiments Zwei-undneunzig taten sich hervor und gingen zum Teil zu offenen Drohungen gegen die Regierung und den Arbeiter- und Soldatenrat über. Ein Schlusswort konnte Sepp Oerter nicht mehr halten, da er einfach niedergeschrien wurde. Die Versammlung flog auf. Das war für die jugendlichen Genossen Anlass, sich mit diesen konterrevolutionären Anzeichen zu befassen. Die Jugend beschloss, mit oder gegen den Willen der Regierung organisieren wir eine Versammlung in der Kaserne der zweiundneunziger

Die Versammlung wurde gründlich vorbereitet. Sie fand am elften Dezember neunzehnhundert achtzehn im Exerzierhaus der Vendome-Kaserne statt. Eingeladen waren die Jahrgänge achtzehnhundert sechsundneunzig bis neunzehnhundert, die im Bereich des zehnten Armeekorps nicht entlassen, sondern von denen noch weitere eingezogen werden sollten. Über den Verlauf der Versammlung lassen wir hier den Bericht des Genossen Wiesener in Nummer Vier der jungen Garde vom achtzehnten Dezember neunzehnhundert achtzehn auszugsweise folgen:

„Die Genossin Wackwitz schilderte den Anwesenden ihre Gefühle, nachdem sie im Krieg ihren Mann verloren und ihren Sohn zum Krüppel hatte schießen lassen müssen. Der Vortag klang aus im Sinne des Sozialismus, mit dessen Durchführung das Grundübel aller Kriege beseitigt werde. Genosse Gehrke sprach dann über die Frage: ‚Stehendes Heer oder Volkswehr‘. Er erwarb sich Riesenbeifall, als er am Schluss seiner Ausführungen die Forderung aussprach, dass man auch die jungen Jahrgänge sofort entlassen müsse, wenn man dem Kapitalismus ein Ende bereiten wolle. In der Diskussion sprachen sich sämtliche Soldaten für sofortige Entlassung aus dem Heeresdienst aus.

Ein Leutnant versuchte dagegen Front zu machen, musste aber schließlich unter großem Lärm seine Bemühungen aufgeben. Am Schluss der Versammlung wurde eine Resolution angenommen. Es wurde vor dem Auseinandergehen auf die Wahlpflicht hingewiesen und bekanntgegeben, dass eben auf der Kaserne die rote Fahne gehisst sei.

Ein Ausschuss wurde noch gewählt, der im Namen der fünf Jahrgänge mit der Regierung verhandeln solle. Dann ging ein wohlgeordneter Demonstrationszug, in dem die roten Fahnen wehten durch Braunschweigs Straßen zum Landtagsgebäude. Präsident Merges und Soldatenrat Schulz dankten für die Vertrauenskundgebung. Braunschweigs Spießer hatten vor Schreck über diese Demonstration allen guten Glauben an die tapferen zweiundneunziger, ihre einzige Hoffnung, verloren.

Die revolutionäre Tat der Jugend hatte im Arbeiter- und Soldatenrat noch ein Nachspiel. Sepp Oerter, in seiner Eitelkeit verletzt, weil er nicht der Redner in dieser Versammlung war, demissionierte auf eine halbe Stunde und wetterte gegen die Disziplinlosigkeit der Jugend. Die Jugend ließ sich nicht beirren, sie ging ihren Weg, den Weg der Revolution. Sepp Oerter ging später.“

Ok, nicht weiter, egal was er weiter schreibt, so weit sind wir noch nicht. Aber diesen Bericht findet Theo gut, wir auch: „Spitze Robert!“
(Ilona Meschke@2009)


Freie Gruppe
Buch und Kunstwerkstatt in Braunschweig
… es knistert …
… oder brennt es schon? …

zurück weiter
zurück zur Startseite
Kommentar