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Über die Konterrevolutionäre

Wir haben bereits von vielen konterrevolutionären Bewegungen und Kräften gesprochen. Die Landarbeiter, das finanzstarke einflussreiche Bürgertum, die leicht beeinflussbare unaufgeklärte Masse von Menschen. Alle haben eine Republik noch nie kennen gelernt, und können sich die wahrscheinlich nur schlecht vorstellen. Arbeitslose Fabrik- und Landarbeiter, arbeitslose Soldaten gehören dazu und die immer stärker werdenden Freikorps, die politisch vom Bürgertum gewollt sind, bezahlt und von der Reichsregierung eingesetzt werden. Die monarchistische Reichsregierung in Berlin selbst besteht teilweise und später vermehrt aus Konterrevolutionären, sowie auch einfach nur durch die Revolution ebenfalls entmachteten MSPD-Mitgliedern. Und dann war da noch das überall hineingesetzte Beamtentum, das für die neue Regierung nicht funktionieren wollte.

Die Lehrlinge und die übrige Arbeiterschaft verließen schon in den ersten Revolutionstagen ihre Arbeitsplätze und demonstrierten mit roten Fahnen unter Absingen revolutionärer Lieder. Sie forderten bessere Arbeitsbedingungen, höhere Entschädigungen, eine kürzere Lehrzeit und die Aufhebung der strengen Strafbestimmungen. In öffentlichen Versammlungen forderten die freie Jugend und andere Gruppen die Aufhebung aller Lehrverträge, um diskriminierende Vertragspunkte zu entfernen. Die organisierte Arbeiterjugend hatte natürlich Möglichkeiten, ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Es kam auch zur Gründung von Schülerräten. In Schülerversammlungen wurde eine Beteiligung an der Gestaltung des Unterrichts gefordert. Bei denen fand Minna eine Unterstützung. Viele Bewegungen blieben aber folgenlos. Man forderte vor allen Dingen die Sozialisierung der Konzerne.

Aufgrund der schlechten Ernährungslage griff der Arbeiter- und Soldatenrat in die Besitzverhältnisse nicht ein. Privateigentum sollte nicht angetastet werden. Es sollte langfristig keine Enteignungen von Grund und Boden geben. Sozialisierungen Braunschweiger Konzerne wurden nur langsam und schrittweise versucht. Sie sollten in jedem Fall eine große Zustimmung finden. Doch vermehrt ging die Kommission erst im Januar neunzehnhundertneunzehn in die Betriebe. Denn es standen andere Probleme im Vordergrund.

„Sicher bin ich, in Braunschweig waren Sozialisierungen großer Konzerne von der Regierung gewollt. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es eventuell ein Fehler war, das nicht früher durchgezogen zu haben, denn es gab ja ein zuständiges Kommissariat für Arbeit dafür, das sich um diesen Part gleich hätte kümmern können. Die Industriellen bekamen erst später mehr Mut, dagegen zu kämpfen“, sagt Theo.

Während unserer ganzen Berichterstattungen und Referate ist die Mittagszeit schon fast vergangen. Paule, inzwischen total gesättigt, knickte müde zusammen und ist auf dem Tisch liegend eingepennt. Letztendlich purzelt er vom Stuhl herunter und liegt schlafend auf dem Teppich. Otto gesellt sich zu ihm. Beide schlafen friedlich. Paule fängt an, ein wenig zu schnarchen. Wir werden die Situation nutzen, um uns weiter intensiv mit unserem Thema zu befassen, ohne ihm am Tisch zu haben. Doch jetzt beobachten wir die beiden einen Moment leise.

„Du hast ihn vor mir geschützt, Greta, obwohl er mich unterdrückte und mir drohte“, brachte ich in den Raum, um eine Erklärung von Greta zu bekommen. Doch Theo antwortet für sie: „Nun komm, wer am meisten unterdrückt wurde, ist er. Er musste viel aushalten, auch bei uns. Vielleicht aber überall, wo er gewesen ist. Vielleicht hat er deswegen so viel gefressen. Wir kennen seine Vergangenheit nicht, wissen nicht, wo er herkommt und was er alles ausgehalten hatte. Er ist unfrei, konnte sich nicht entwickeln und ist unempfänglich. An manchen Stellen konnten wir ihn für uns gewinnen.“

Jetzt antwortet Greta: „Ja, er hat am meisten durchgestanden. Wir nur sehr wenig. Wir können ihm nur Schritt für Schritt Vertrauen zeigen, um menschlich mit ihm klar zu kommen.“ Das finde ich, war eine Erklärung. Das reichte mir. Otto, der seine Ohren spitzt scheint zu merken, dass wir uns über sie unterhalten. Doch alles läuft so friedlich ab, dass er gleich wieder seine Augen schließt und sich an Paule schmiegt. „Wie gut, dass die beiden sich haben“, glaube ich Greta und Theo mitteilen zu müssen. Paule schnarcht weiter, ein wenig.
(Ilona Meschke@2009)


Freie Gruppe
Buch und Kunstwerkstatt in Braunschweig
… es knistert …
… oder brennt es schon? …

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