Die Querumer Waldelfen
Vorwort

Januar 2010

Wir stehen mitunter bis über die Knie im Schnee. Neben mir wird Musik gehört. Ich sehe den langen Mann mit Kopfhörer in den Ohren. Irgendwie kenne ich auch die Musik, die er hört. Bin ich nicht gerade heute Morgen von dieser Musik geweckt worden? - Das ist das Stück von Unheil? - Nein, Unheilig heißen die.

„Wir sind geboren, um zu leben, weil jeder von uns spürte wie wertvoll Leben ist?“ Also dann tröstet sich mein Nachbar mit Schlagern? Wir sind doch ganz normale Leute.

Vor Kälte stecke ich meine Hände in die Jeans. Ich fühle Körner, ja die Sonnenblumenkerne vom letzten Herbst. Drei Stück stecken zufällig noch in der Hosentasche. Sie sind zufällig mit mir gekommen. Ich hole die drei Körner aus meiner Tasche und schaue sie an. Sie liegen in meiner zitterigen kalten Hand und tanzen. Sie singen: „Wir sind geboren, um zu leben, weil jeder von uns spüre wie wertvoll Leben ist?“ Jetzt weiß ich wieder ganz genau, warum ich hier in der Kälte stehe.

In meinen Träumen jetzt in diesem Augenblick sehe ich alle Bäume tanzen, singen, und ich singe und tanze mit ihnen. Ich sehe alle Siebenschläfer tanzen und singen und singe und tanze mit ihnen. Alle Vögel, Maulwürfe und Hamster singen und tanzen mit mir. Es tanzt die dicke Wühlmaus, die ihrem Platz im Wald und nicht im Garten gefunden hat: „Wir sind geboren, um zu leben, weil jeder von uns spüre wie wertvoll Leben ist?“ Ich stehe hier und bin glücklich meine eigene Welt zu haben. Ich stehe fest, gerade und singe still mit all dem Leben, das zu uns gehört. Ich weiß, warum ich hier stehe.

Eine Maschine will das nicht. Sie kommt näher. Sie rückt ganz nah an mich heran, als wolle sie drohen. Ihre große, metallende nach allen Richtungen sich lenkfähige Greifzange rückt näher zu mir. Sie öffnet sich weit und zeigt Metallzähne, ganz ohne Worte. Sie ist direkt vor mir und will mich greifen als wäre ich ein Baumstamm. Der Fahrer droht und ruft aus dem Seitenfenster heraus, ich hätte zu verschwinden. Ist er immer noch so geil darauf, hier weiter zu arbeiten? In einer halben Stunde spätestens müssen die Schluss machen.

Soviel haben wir schon behördlich erreichen können. Sie dürfen keine Überstunden oder Nachtstunden mehr einlegen „Geht nach Hause! Geht Ihr nach Hause!“ rufen alle Waldschützer. Sie drängen sich mehr und mehr zu den Maschinen, damit die ihre Tätigkeiten stoppen.

Ich stehe mit meinen tanzenden Sonnenblumenkernen in der Hand vor einer Maschine und singe:  „Wir sind geboren, um zu leben, weil jeder von uns spüre wie wertvoll Leben ist?“

Zwei Polizisten fordern mich auf, meinen Standort zu verlassen. Ich erkläre ihnen ausführlich, weswegen ich hier stehe und weswegen ich hier stehen darf. Sie erklären mir genau, weswegen sie der Meinung sind, mich zum Gehen auffordern zu können oder zu müssen. Sie haben Unrecht laut logischer Gesetzeslage, aber ich versuche der Aufforderung nachzugehen, während ich mit meinen Sonnenblumenkernen singe. „Vorsicht, meine Sonnenblumenkerne!“ rufe ich noch. Ein Polizist drückt mir einen Arm weg. Er lässt von mir, als ich ihm zu verstehen gebe, gleich zu gehen. Ich drehe mich um, um zu gehen. Doch mit dem einen Bein rutsche ich auf festgetretenen, glatten Schnee aus. Mit dem anderen Beim stolpere ich über das Geäst, das gerade noch ein ganzer Baum gewesen war. Ich falle auf sämtliches Geäst. Bis ich mich gesammelt habe und wieder aufstehen kann, müssen die Arbeiter eh nach Hause.

Und wo sind meine Sonnenblumenkerne? Mit dem Gesicht im Schnee singe ich weiter: „Reise, reise, Seemannsreise, jeder tut’s auf seine Weise.“ (Rammstein)
Ilona Meschke

Freie Gruppe
Buch und Kunstwerkstatt in Braunschweig
… es knistert …
… oder brennt es schon? …


Informationen über den Querumer Wald
und die Hintergründe der Waldvernichtung unter:

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