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Konterrevolutionäre in Berlin

Theo berichtet jetzt über den Reichskanzler Friedrich Ebert. Wir wandern, also von Braunschweig nach Berlin. Ebert war ein Sattler und kämpfte sich durch das Berufs- und Arbeitsleben. Er ging in die sozial-demokratische Politik, betätigte sich auch gewerkschaftlich und führte ein recht durchwachsenes Spiel. Durch seine beruflichen und politischen Erfolge gelangte er zu hohen Stellungen in der Partei. Als demokratischer Presseredakteur gelangte er schließlich zur bürgerlichen Zeitung, also wurde er aktiv gegen die Sozialdemokratie. Auch genoss er höchste bürgerliche Kreise und gehörte bürgerlichen Vereinigungen an.

Er verleitete die Parteispitze der SPD zur Zustimmung für Kriegskredite und für die Burgfriedenspolitik. Er drückte der ehemaligen sozial-demokratischen Partei alle bürgerlichen Belange auf und entzog ihnen die Sicht für Arbeiterbedürfnisse. Nach der Entmachtung des Kaisers wurde Ebert von Prinz Max von Baden als Reichskanzler eingesetzt, also nicht vom Volk gewählt und stand an der Spitze der neuen Regierung. Er vereinigte sich mit General Wilhelm Groener zu einem Pakt gegen die Revolutionäre und demokratische Kräfte. Eberts Worte einen Tag vor der Abdankung des Kaisers waren: „Wenn der Kaiser nicht abdankt, dann ist die soziale Revolution unvermeidlich. Ich aber will sie nicht, ja, ich hasse sie wie die Sünde!“ Ebert, der merkwürdiger Weise immer noch der Sozialdemokratie angehörte, als Kanzler und später Präsident der Weimarer Republik, bekämpfte die Demokratie mit Härte und Gewalt, mit Waffengewalt. Er stellte sich verbal als Politiker des Ausgleichs hin. Neun-zehnhundert vierundzwanzig wurde er wegen Landesverrats schuldig gesprochen. Neunzehnhundert fünfundzwanzig starb er. Er blieb bis zu seinem Tod Reichspräsident der Weimarer Republik.

„Moment Theo, wir müssen Klarheit darüber bekommen, weswegen er als Landesverräter verklagt wurde“, warnt Greta. Ich vertrete ihre Meinung.

Theo sagt: „Ja, ich habe versucht, es heraus zu bekommen. Er nahm an einem Streik in der Revolutionszeit, im Januar neunzehnhundert neunzehn teil. Leider bekam ich nicht heraus, was dort vorgefallen ist und weswegen er als Verräter bestraft wurde. Ein Teil bleibt immer für euch übrig. Den müsst ihr selbst erledigen.“ Das gefiel uns nicht.

„Ruhe und Ordnung wieder herstellen“, waren Schlagzeilen von Noske und Ebert aus Berlin, nachdem sie eskalierende Aktionen einleiteten und vor Morden nicht zurück schreckten. Als Noske einmal meinte, einer müsse den Bluthund spielen, und bereit war, dies zu tun, hieß er von da an ‚der Bluthund’. Seine Truppen wurden größtenteils aus Offizieren der alten Armee gebildet, den schlimmsten Feinden der neuen Demokratie. Eberts Truppen metzelten mit schweren Waffen die Volksmarinedivision Berlin wegen einer Löhnungsrevolte nieder. Dieser Vorfall führte zum Austritt der Unabhängigen aus dem Rat der Volksbeauftragten im Dezember neunzehnhundert achtzehn. Der Landesarbeiterrat Braunschweig protestierte deswegen.

Der Mann, der sich an die Spitze der Weimarer Republik stellen ließ, ging bereits am zehnten November neunzehnhundert achtzehn mit der obersten Heeresleitung ein Bündnis zum Sturz der Revolution ein. Politisch wurden am zwölften November lediglich Rechte verkündet, die bereits schon vom Volk erreicht waren. Verblendet wurde in der Presse über Vereins-, Versammlung-, Presse- und Religionsfreiheit berichtet. Über eine Amnestie für politische Straftaten, die Einführung des acht-stündigen Maximalarbeitstages, über Unterstützung der Erwerbslosen und das wieder Inkrafttreten der Arbeitsschutzbestimmungen. Bestimmungen auf dem Papier sind gut, doch wie aktiv diese Bestimmungen wirklich durchgezogen wurden, das war eine andere Sache. Und es gab genug Arbeitslose, die durch Arbeitende, die ihre Rechte gegenüber dem Unternehmen einklagten, ersetzt hätten werden können. Ein gleiches, geheimes, direktes, allgemeines Wahlrecht für alle Bürger ab zwanzig wurde zugesagt. Die Koalitionsfreiheit, die Einführung von Tarifverträgen und das Anerkennen der Gewerkschaften als wirtschaftliche Interessenvertretung der Arbeiter wurde weiter zugesagt. Immer an freien Sonntagen soll gewählt werden.

„Wie heute“, bemerkt Greta „dann sind wir dort stehen geblieben bis heute? Nichts hat sich geändert, und die Fünfunddreißig-Stunden-Woche wurde ja auch längst wieder abgeschafft, beziehungsweise als Ideologie unter den Tisch gekehrt. Verkäuferinnen in den Nahrungsketten arbeiten manchmal inzwischen bis zweiundzwanzig Uhr unter oft sehr unsozialen Verträgen.“

Theo berichtigt Greta: "Bis zweiundzwanzig Uhr sind die Öffnungszeiten. Die Arbeitszeiten sind länger." Ich antworte beiden: „Ja, es gibt noch eine Menge zu tun. Alles haben sie nicht für uns geschaffen. Da müssen wir uns selbst kümmern.“ „Ja, ein wenig ist für euch“, lächelt Theo, „Erinnert euch, Ebert hatte keine neuen Rechte geschaffen. Es gab sie schon. Alles früher vom Volk durchgerungen.“

Theo erzählt weiter:

Der alte Staats- und Militärapparat wurde in Berlin nicht angetastet. Hohe Verwaltungs- und Militärstellen blieben weiterhin in den Händen des alten Geistes, des Kaiserreiches. Hohe Stellungen gab es für Generäle und ehemalige Freikorpskämpfer. Eine Sozialisierung wurde nur versprochen und bewusst nicht eingehalten. Die dafür zuständige Kommission sollte nur Vorschläge zur Sozialisierung unterbreiten, hatte aber kein Vetorecht. Nach der Niederschlagung der Revolution wurde die Kommission aufgelöst.

„Und hier finde ich auch, hätte die Braunschweiger Regierung mehr aktiv sein müssen, mehr durchgreifen müssen. Dann hätten wir heute eine Sozialisierung und eine richtige Mitbestimmung und Kontrolle in den großen Konzernen“, behaupte ich.

Greta sagt: „Zumindest hätten die demokratischen Kräfte der Arbeiterschaft noch einmal vor Augen gehalten, wer ihre Sozialisierung der Betriebe will und wer nicht. Eine neue Revolution wäre gekommen, damit wäre die Sozialdemokratie wieder stark geworden. Die Leute hätten sich nicht täuschen lassen. Die Wahlen wären anders ausgegangen.“

Theo spekuliert: „Vielleicht ließen sie sich auch gar nicht täuschen, sondern ängstigten sich vor den Terrorakten der Regierung mit ihren Freikorps, die Schießbefehle durchführten. Es bleibt dann immer noch der Weg des friedlichen Wartens und der Hoffnung.“

Stillschweigend unter Duldung der Regierung bildeten sich immer mehr Bürgerwehren und Freikorps, von Sozialdemokraten der Weimarer Republik gegründet und von Unternehmern bezahlt. Offen gegen die Revolution stellte sich die Weimarer Republik nicht. Eine Taktik, wie sie später neunzehnhundert dreiundzwanzig Otto Wels treffend charakterisierte: „Wir haben eine Bewegung der Arbeitermassen nicht zu fürchten. Wenn sie über unsere Köpfe hinweg zu gehen droht, stellen wir uns an ihre Spitze und biegen sie um wie neunzehnhundert achtzehn.“ Dies gelang durch den immer noch großen Einfluss der MSPD auf die Arbeiterschaft, die verblendet wurde, und oft auch auf die Arbeiter- und Soldatenräte.

Anfang Dezember kommt es in Berlin dann zu ersten gewaltsamen Übergriffen seitens der Konterrevolutionäre. Der Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte sollte verhaftet werden. Konterrevolutionäre Truppen schießen in eine friedliche Demonstration und töten vierzehn Personen. Tage später wird Liebknecht verhaftet, wurde aber bald von Arbeitern und Soldaten befreit. Spontane Massenstreiks ergaben sich durch die Gewalt mit der eine demokratische Gesellschaftsordnung verhindert werden sollte.

Dann sollte ein Reichsrätekongress Mitte Dezember neunzehnhundert achtzehn über die Grundfrage der Revolution und Rätemacht oder einer parlamentarischen Nationalversammlung entscheiden. Von wesentlicher Bedeutung war dabei die Zusammensetzung der 489 stimmberechtigten Delegierten. Mehr als die Hälfte, 289 waren Vertreter der MSPD, lediglich neunzig der USPD, zehn darunter Spartakusanhänger. Die MSPD zusammen mit den rechten bürgerlichen Kräften waren entschiedene Verfechter der Nationalversammlung. Sie hatten inzwischen subtil an Einfluss gewonnen.

„Also nur mit Verblendungstaktik und Gewalt“, flüstert uns Theo zu. Die angebliche Sozialisierung der Betriebe, denke ich enttäuscht. 544 Delegierte stimmten der Wahl zur Nationalversammlung zu. Also dem Parlament, dem Kampf um das Wort, dem eine nachfolgende Tat warten kann, denke ich wieder, diese Revisionisten gewinnen schon wieder. Sie sind einflussreicher und bezahlen ihre Zeitungen gut. Sie zeigen den Menschen auf der Straße Terror und Druck. Diese Nationalversammlung fand am neunzehnten Januar neunzehnhundert neunzehn statt. Ihre demokratischen Wähler entmachteten sich damit selbst. „Aber wie gesagt, viele glaubten noch an die Sozialisierung, eine Illusion, die verschwiegen ruhen sollte, so wurde von den Mehrheitssozialisten sicher hinter Mauern geplant!“ Theo hat deutlich seine Vermutung ausgesprochen.

„Es gibt keine völlige Demokratie und politische Freiheit, solange es eine ökonomische Unfreiheit gibt.“ Ernst Däumig von der USPD sagte das neunzehnhundert neunzehn. Zwar verstehe ich nicht, was damit gemeint ist, aber ich sage heute, zweitausend ¬neun: „Seht ihr, es gibt immer eine öffentliche Begründung und eine interne Wahrheit. Das ist der verlogene Punkt. Konnten die Leute der USPD das Ding mit der Sozialisierung nicht öffentlich stark genug aufklären? Dann hätte es wohl eine neue Revolution gegeben und kein Parlament?“

Im Januar neunzehnhundert neunzehn, also nach den Wahlen, waren bürgerkriegsähnliche Kämpfe in Berlin. Unter Noskes Führung konzentrierten sich gegenrevolutionäre Truppenverbände. Vor dem Einsatz dieser Truppen ging eine gezielte Gräuelpropaganda über Politik und Pläne des Spartakusbundes durch die Presse, um die Übeltäter an falscher Stelle zu verorten.

Als Antwort darauf verließen viele Arbeiterinnen und Arbeiter geschlossen die Betriebe. Die Matrosenwache marschierte mit ihnen voran, aber auch die Soldaten der Fliegerabteilung und der roten Garde. Sie protestierten mit lauter Parole: „Nieder mit der Blutregierung Ebert-Scheidemann, hoch Liebknecht und Luxemburg! Es lebe die Revolution! Es lebe die Diktatur des Proletariats!“

Durch Merges bekam die Bewegung in Berlin aus Braunschweig eine Antwort: „Hiesige Regierung protestiert energisch gegen die Verhängung des Belagerungszustandes sowie die dort getroffenen Maßnahmen zur Niederringung der Revolution. Nötigenfalls wird von uns mit allen verfügbaren Mitteln eingegriffen, um die revolutionäre Arbeiterschaft zu unterstützen.“

„Wie denn? Hätten die das gekonnt?“, frage ich Theo. Er antwortet nicht, sondern erzählt weiter: „Alles geschah eine Woche bevor Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Berlin durch Freikorps ermordet wurden und vier Tage vor der Wahl zur Nationalversammlung. Wir machen automatisch eine bedächtige Pause, nachdem Theo diese Morde ausspricht.“

Ich unterbreche die Pause mit meiner Feststellung: „Dann waren die Wahlen mit Angst und Terror gezeichnet.“ Theo antwortet: „Denke ich auch. Es gab zwar geheime Wahlen wie heute, doch wer weiß wie das im Einzelnen mit Unterdrückungen und Drohungen abgelaufen ist? Denn als Terrorregierung hat sich diese Regierung gezeigt. Wieder macht Theo eine Pause und wir sind so lange still bis er weiter redet.

Keine größere Anzahl von Menschen traute sich noch auf die Straße. Aber nachdem die Morde bekannt wurden, gab es wieder einen großen Proteststreik gegen die Reichsregierung. Dreißigtausend standen da, die sich gegen diese Morde und gegen die Regierung Luft machten.  Wie immer reagierte die Mordregierung indem sie nach Ordnung und Ruhe aufrief. Sie bezeichnete die Empörten als radikal und aufständisch. Den Demonstranten wurden von oben noch ganz andere Untaten angehängt, als nur ihre Empörung auf der Straße.“

Nach Braunschweig wurde ein Schriftstück versandt: „Nach vorliegenden Nachrichten sollten gestern Mannschaften eines durchgehenden Transportes in Braunschweig gefangen genommen worden sein und morgen standrechtlich erschossen werden. Sollte das zutreffen, so warne ich auf das dringlichste, irgendwelche Gewalttätigkeiten zu unternehmen. Gefangene Leute sind sofort frei und weiter reisen zu lassen. Strengste Rechenschaft wird gefordert werden. - Umgehend drahtliche Aufklärung an Reichsleitung schicken.“

Dieser Behauptung fehlte jeder Grund und Boden. Sepp Oerter reagierte empört: „Wenn dort blödsinnige Schwindelnachrichten geglaubt werden, offenbart dies völligen Nervenzusammenbruch. Hier niemand gefangen. Braunschweiger Regierung mordet nicht wie Ebert und Scheidemann. Ersuchen, uns mit weiteren unsinnigen Telegrammen zu verschonen. Regierung Braunschweig. Oerter“.

„Aber was wäre, wenn Braunschweig jetzt in diesem Moment mit Gesetzgrundlage im Hintergrund die Sozialisierung der Betriebe durchgeführt hätte? Dann hätte Berlin doch andere Sorgen gehabt? Dann hätten sie die Sozialisierungsversuche in Braunschweig publik gemacht, zwar mit ihrer eigenen Meinung, aber egal. Die Öffentlichkeit hätte anders reagiert. Wäre Berlin gezwungen gewesen, nach etwas Theater und Druck, ebenso zu handeln, um eine neue Revolution aus dem Wege zu räumen?“ legt Theo in den Raum und schaut uns fragend an. Wir bekommen das Ding mit der Sozialisierung nicht einwandfrei gelöst. „Wann wäre der richtige Zeitpunkt gewesen?“ Keine Antwort. Es gibt Dinge, die muss jeder selbst lösen.
(Ilona Meschke@2009)


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… oder brennt es schon? …

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