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die Konterrevolutionäre
in Braunschweig

Theo fährt fort: „Damit wären wir wieder von Berlin nach Braun-schweig gekommen.“

Nach dem elften November immer noch neunzehnhundert achtzehn beschloss der Arbeiter- und Soldatenrat in Braunschweig ein Demobilisierungsgesetz, nachdem alle Militärpersonen entlassen wurden. Also anders als in Berlin. Ein Verkauf von Heeresgut fand statt, um die Finanzen aufzubessern.

Die wenigen MSPD Vertreter in Braunschweig, beispielsweise hießen sie Ohlendorf und Steinbrecher, kritisierten plötzlich öffentlich, der Arbeiter- und Soldatenrat hätte ihr Angebot zur Zusammenarbeit nicht angenommen, obwohl sie sich aus der Revolution total herausgehalten hatten. Es wurde Heinrich Jasper aus dem Heer entlassen. Er sollte in Braunschweig einen gemäßigten Einfluss auf die Arbeiterschaft ausüben. Unter seiner Führung begann die MSPD einen entschlossenen Kampf gegen die Räterepublik.

Es wurde eine ähnliche Strategie erstrebt wie die Konterrevolutionäre in Berlin durchzogen. Der Volksfreund ist endlich wieder Volksfreund, aber die Konterrevolutionäre hatte eigene Blätter. Da wurden die Personen der Räte oft auch mit falschen Aussagen hochgenommen. Manchmal in einer Form, die die Revolutionäre sogar mit vertreten konnte. Beispielsweise wurde Sepp Oerters Benehmen getadelt: ‚Ein Diktator im Taschenlampenformat‘. Komisch, dass gerade Oerter, der durch seine Amtsbefugnisse vieles verhindern konnte, sich dennoch immer opportunistischer benahm. Er erstrebte eine Zusammenarbeit mit der Opposition und ließ dabei immer mehr Grundsätze der Revolutionäre fallen. Innerhalb kurzer Zeit stellte er sogar deutlich die Revolution zugunsten einer parlamentarischen Regierung in Frage.

Der Volksfreund richtete sich unermüdlich stark an die Arbeiterschaft, um die Grundsätze einer taktisch guten Revolution wieder her-zustellen. Am fünfzehnten November schrieb er: ‚Tatsächlich ist es der Versuch, die politische Macht zurück zu gewinnen. Besonders gewarnt wird daher vor ehemaligen Regierungspräsidenten, Ministern und auch hohen Militärs. Kurz gesagt: Leute aus all den Kreisen, die im imperialistischen und kapitalistischen Staatswesen die führende Rolle spielten.‘

Er warnte die Arbeiterinnen und Arbeiter weiter: ‚Wer ziemlich ein ganzes Menschenalter im reaktionären Fahrwasser geschwommen ist, kann nun unmöglich in den revolutionären Fluten ein guter Schwimmer sein. Man möge also nicht in den Fehler verfallen, die Mitarbeit der sich um Posten bewerbenden Herren geehrt und dankend anzunehmen‘.

Bereits vier Tage nach der Revolution bildeten die Vertreter der Vereinigung des selbständigen Mittelstandes einen Rat der selbständigen Erwerbszweige, der gemeinsam mit dem Beamtenrat versuchte, eine Einigung des Bürgertums vorzubereiten: ‚Wir hoffen von jedem und von jeder, dass sie jede Gelegenheit wahrnehmen, unsere Reihen zu verstärken, dass alle erwerbenden Stände den kommenden Wahlkämpfen mit geschlossener Front entgegen sehen können. Einen festen Beitrag erheben wir nicht, da aber zum Kriegführen Geld gebraucht wird, werden dankend Beiträge entgegengenommen‘. Dies ist aus einem Brief des zusammengeschlossenen Rates der selbständigen Erwerbszweige Braunschweigs vom siebenundzwanzigsten November.

„Was, die planen jetzt schon wieder neue Kriege?“ rief Greta empört. „Ja, sie wollen natürlich weiter wirtschaftliche Ressourcen erobern wie zu Anfang des Weltkrieges. Wie in allen Kriegen vorher, derweil und nach-her. Sie haben den Weltkrieg verloren. Der kostete viel, obwohl manche Konzerne richtig große Gewinnanhäufungen zu verbuchen hatten. Sie wollen wirtschaftliche Ressourcen erobern. Das haben sie sich in den Kopf gesetzt“, erinnert uns Theo. „Das heißt, wachsende Konzerne brauchen nicht nur Rohstoffe, sondern auch große neue Landstücke, um sich auszubreiten“, stelle ich fest „und Absatzmärkte.“

Die bürgerliche Sammlungsbewegung gründete die Deutsche Demokratische Partei, DDP, die sich zu den Gemeindevertretungen und zum Landesparlament zur Wahl stellt. Am fünfzehnten Dezember fanden die Neuwahlen beider Gremien statt.

„Vorher hätte die Revolutionäre die Sozialisierungen der Betriebe durchdrücken müssen. Dann hätte die Masse der Bevölkerung wieder gewusst, wer zu ihnen steht und wer nicht.“ Das ist jetzt wieder meine Überlegung, von Theo völlig angesteckt, der das auch im Kopf zu haben schien.

„DDP, also Deutsche Demokratische Partei, demokratisch?“ zieht sich Greta kritisch rein.

Vor den Wahlen, am ersten Dezember, fand noch eine Protestversammlung aller bürgerlichen Parteien und Verbände in Brünings Saalbau gegen die Räteregierung unter der Leitung von Dr. Roloff statt. Hier wurde der Arbeiter- und Soldatenrat als Gewalt- und Klassenherrschaft verdammt. Die Auflösung der Räte durch parlamentarische Gremien wollten sie durchdrücken. Die Beteiligung der bürgerlichen Parteien an der Regierung und die Auflösung der Roten Garde wollten sie ebenfalls durchringen. Ihre Pressevernetzung war stark, und sie scheuten sich übelsten Nachreden und Wahrheitsverzerrungen nicht. Schon wurde von einem immensen Gehalt des Präsidenten Merges berichtet und Minna wurde zur Bordellmutter gemacht. Merges bemühte sich, die Darstellungen zu entkräften. Doch diese entstellten Nachrichten kamen von überall her. Es war nicht ganz einfach, eine Richtigstellung in allen Köpfen zu erreichen.

Im Dezember wurden die Vorstellungen des Arbeiter- und Soldatenrates zur Sozialisierung veröffentlicht. Außerdem wurde zur Sicherung der Revolution die rote Garde, zwei- bis dreihundert bewaffnete Matrosen aus der Matrosenwehr und der Volksmarinedivision aufgestellt, da sonst keine reguläre bewaffnete Macht auf Seiten der Revolution vorhanden war. Sie führten Hausdurchsuchungen nach Waffen und gehorteten Lebensmitteln durch. Die rote Garde wurde vor den Wahlen in Volkswehr umgetauft, um dem konternden Bürgertum den provozierenden Namen zu nehmen. August Merges publizierte fleißig. Er wollte einen Föderalismus aufbauen, doch die konträren Kräfte schoben ihn persönlich immer wieder verbal in eine angeblich gewollte Diktatur und in den russischen Bolschewismus.

Das Generalkommando in Hannover arbeitete gegen den Arbeiter- und Soldatenrat in Braunschweig. „Dieser Corps. Die waren doch alle Freikorps, nicht wahr?“ frage ich Theo, der sich nicht unterbrechen ließ. Das Kommando wiegelte die nach Braunschweig zurückkehrenden Fronttruppen gegen die Räterepublik auf. Als Gegenmaßnahme sandte der Arbeiter- und Soldatenrat seine Aufklärer diesen Truppen entgegen. Doch einige Soldaten des Husarenregiments weigerten sich jetzt unter den roten Fahnen einzumarschieren. Durch diese Konfrontation wurden zwei Menschen erschossen. Doch für das Generalkommando war dieser Vorfall ein Triumph, der weiter politisch gegen die revolutionäre Regierung aus-geschlachtet wurde.

Jetzt begannen Braunschweiger Revolutionäre systematisch Soldaten zu kontrollieren. Auf dem Weg nach Berlin wurden sie entwaffnet, eben-falls an Sammelstellen, wo Freikorps sich befanden. Alle, die die Grenzen Braunschweigs überschritten, wurden entwaffnet. Das war für das Generalkommando Hannover und für Berlin ein weiterer Aufhänger, die Revolutionäre verbal anzugreifen, indem sie ihnen Gewaltmaßnahmen unter-stellten. Sie taten nur Notwendiges, um sich zu schützen.

Die neue Regierung warnte konsequent und öffentlich weiter: „Wer in öffentlichen Aufrufen zur Bildung von Freiwilligenkorps, die den Bürgerkrieg vorbereiten und durchführen wollen, auffordert, und wer durch Veröffentlichungen den Unternehmungen Vorschub leistet, wird wegen Hochverrat unter Anklage gestellt.“

Dann kamen am fünfzehnten Dezember die Neuwahlen für die Gemeindevertretungen und zum Landesparlament. Bei den bereits eine Woche stattfindenden Wahlen zum Landtag am Zweiundzwanzigsten Dezember könnte man die USPD schon als die Verlierer bezeichnen. Von sechzig Sitzen im Landesparlament erhielten: USPD vierzehn, MSPD siebzehn, DDP dreizehn und LWV sechzehn Sitze.

Im Januar neunzehnhundert neunzehn kam es zu neuen heftigen Demonstrationen. Die Arbeitslosigkeit, der Hunger und die fortschreitende Geldentwertung prägten unentwegt das Straßenbild in Braun-schweig. Das hinderte wiederum den geregelten Produktionsablauf. Der Arbeiter- und Soldatenrat versuchte eine schrittweise Sozialisierung durchzuführen. Daraufhin wurden in einigen Unternehmen wieder Arbeiterkontrollen eingeführt.

Oerter, Eckart und Schütz verhandelten mit Betriebsleitungen und Betriebsräten. Doch direkt von der Belegschaft wurden Sozialisierungen abgelehnt, wobei die Gegenstimmen aus den Kreisen der Angestellten kamen, nicht aus der Arbeiterschaft. Die Arbeiter empörten sich ungeduldig. Metallindustrieelle bei Jüdel drohten mit Schadensersatzklagen gegen eine erlassene Resolution für Sozialisierung. Die Regierung legte Sozialisierungskonzepte von Betrieben erst einmal auf Eis. Sepp Oerter entwickelte für die Industrie ein Modell zur Sozialisierung, das nicht mehr als eine weit reichende Mitbestimmung der Arbeit, eine Gewinnbeteiligung und Elemente der Arbeiterselbstverwaltung enthielt. Die Arbeiter konnten aus diesem Modell keine Veränderungen erkennen.

Schwerpunkt war und blieb, die aktuellen Probleme zu lösen, die Lebensmittelknappheit, eine Kontrolle von Erzeugung, Handel und Preisbildung waren erforderlich und die Bekämpfung von Schleichhandel. Der  Rohstoffmangel der ausgepowerten Industrie führte zusätzlich noch dazu, die kapitalistische Wirtschaftsform nicht abzuschaffen, sondern nur ihre Härten zu mildern.

Der Sieg der Revolutionäre wurde nicht anerkannt. Ebert in Berlin setzte auf militärische Gewalt nicht auf Demokratie. Die Konterrevolutionären in Braunschweig wurden durch Berlin gestärkt und handelten ebenso. Freikorpsverbände drohten der Revolution und auch der neuen Regierung immer mehr.

„Sie gaben nicht der Demokratie, sondern dem Nationalismus die Saat zu wachsen“, stelle ich zwischendurch fest. Theo flüstert mir ins Ohr: „Oh wie? Den Nationalsozialismus? Den Nazis? Faschisten ließen sie gewähren? Das will keiner hören. Dafür wirst du gehängt! Nein, er-schossen!“

„Moment mal! Du brauchst nicht flüstern, Theo. Wir leben in einer Demokratie. Ohne Todesstrafe!“ sagt Greta. „Öffentlich schon, aber intern hinter den Türen?“ will Theo sich wehren. „Hinter Mauern und Türen passiert viel, haben wir festgestellt. Aber du hast gerade von Todesstrafe und heute geredet, Theo“, endet Greta. Das war ein blöder Fehler von Theo. Wir machen weiter.

Dr. Heinrich Jasper nahm den politischen Kampf gegen die Braunschweiger Räterepublik auf und gegen Josef ‚Sepp’ Oerter. Die ‚Diktatur einer undemokratischen Minderheit‘‘, so nannte er die Revolutionäre.

„War er denn nicht im Deutschen Reich gewesen? Dann hätte er doch gesehen, dass die keine Minderheit waren?“ fragt Greta. Theo antwortet nicht. Heute antwortet nicht mehr jeder auf jedes. Dafür kommen heute viele andere Antworten auf den Tisch. Ich halte dieses Wochenende für eines meiner kostbarsten und schaue in die Ecke, wo vor einiger Zeit noch Paule und Otto geschlafen haben. Hallo, wo sind die beiden? Ich habe keinen wegschleichen oder herausgehen gehört.

Ab Januar neunzehnhundert neunzehn trat Jasper der Nationalversammlung bei. Im Februar wurde er einstimmig zum Präsidenten der Landesversammlung gewählt. Neun Tage danach war Jasper, MSPD, Vorsitzender im Rat der Volksbeauftragten der Stadt Braunschweig. Nach dem Einsatz der Freikorps von General Maercker war Jasper mehrere Jahre lang Landtagspräsident.

„Kann sein, dass die Truppen auf sein Drängen hin, kamen“, bemerkt Greta. „Er war wohl auch ein Sozialdemokrat, aber wie gesagt, ein gemäßigter. Er arbeitete mit dem Bürgertum zusammen und wollte vielleicht nur eine gewisse Sozialdemokratie, ein bisschen mehr, nicht allzu viel. So nur kann ich mir das erklären. Seine Gegentaktik war ein demokratisches Verbrechen, die Freikorps nach Braunschweig zu holen. Was ihm gut geheißen werden könnte, war, dass beim Einmarschieren der Truppen und später, es kein Niedermetzeln oder Blutvergießen gab, falls Jasper damit zu tun hatte.“ Ich sage dazu: „Aber wäre der Ein-marsch mit Blutvergießen gewesen, wäre Jasper eventuell abgewählt worden und nicht so lange Präsident gewesen. Er hätte sich geoutet und damit unbeliebt gemacht.“ Theo sagt: „Maerker löste die Regierung auf.“

Viel später war General Maerker in einem undurchsichtigen Spiel mit dem Kapp Putsch verbunden. Zumindest wird ihm das vorgeworfen, und deswegen wurde er aus einer hohen Stellung entlassen. Den Kapp Putsch konnten wiederum revolutionäre Kräfte in Berlin verhindern. Damit verhinderten sie zumindest neunzehnhundert zwanzig eine faschistische Regierung. Das wurde von der MSPD ebenfalls nicht geschätzt. Noch viel später landete Jasper mit den anderen ehemaligen Mehrheitssozialisten und zusammen mit den ehemaligen USPD-Mitgliedern in den faschistischen Konzentrationslägern und wurden Opfer der Nazis.

Theo endet seinen Vortrag. Ich schaue immer noch in die Ecke, in der Otto und Paule gelegen haben und als alles so still war, erzählt Theo noch über andere höher gestellte MSPD-Mitglieder.

Gustav Steinbrecher war Abgeordneter schon seit neunzehnhundert achtzehn im Braunschweiger Landtag. Er arbeitete seit neunzehnhundert zehn als Arbeitersekretär des hiesigen Gewerkschaftskartells. Neunzehn-hundert siebzehn war er Mitbegründer der MSPD. Er verwarf die USPD als ‚radikalen Parteiflügel‘. Er arbeitete später, neunzehnhundert einundzwanzig, im Kabinett Oerter. ‚Sepp‘ Oerter gehörte später zu der Nazipartei, der NSDAP. Steinbrecher kritisierte neunzehnhundert achtundzwanzig die Entlassung politisch rechtsstehender Beamte der bürgerlichen Parteien. Dann musste er vor den Nazis nach Kopenhagen fliehen. Er ließ sich von den Nazis überreden, zurück zu kommen, um eine gute Stellung einzunehmen. Doch als er wieder in Deutschland war, wurde er von den Nazis festgenommen, landete ebenfalls in im KZ. Dort starb er.

„Von diesem Ohlendorf, MSPD, weiß ich nichts“, sagt Theo. Greta ereifert sich: „Ich bin Atomkraftgegnerin und gelte deswegen als Extremistin, radikal und gewaltbereit, nur weil ich auf der Straße sitze, um die Castoren aufzuhalten. Ein politischer Akt, um mich gewaltfrei zu äußern macht mich zur Terroristin. Arbeiter, die auf der Straße ihre Rechte er-kämpften wurden terrorisiert und ermordet, um sie später radikal und terroristisch zu nennen. Ich muss doch etwas tun, wenn politische Entscheidungen diskriminieren, hungern lassen oder sehr gefährlich für die Menschheit werden.“ Theo sagt: „Kannst du auch. Demonstrationen sind erlaubt. Vielleicht wirst du als radikal hingestellt. Vielleicht verlierst du deine Arbeit oder bist nicht mehr gut angesehen. Aber du darfst gehen.“ Das hört sich für Greta nicht beruhigend an. Sie meckert weiter: „Sepp Oerter, Sepp heißt Josef. Ich kenne noch einen Machtmenschen, der Josef heißt. Der wird aber Joschka genannt.“ Theo meint: „Nicht so ausschweifen, Greta. Lasse mich weiter über die Maerker-Truppen erzählen.“
(Ilona Meschke@2009)


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