32
Konzept einer Räterepublik

Tatsächlich waren jedoch schon neunzehnhundert sechzehn und siebzehn spontan Räte in den Betrieben entstanden, so genannte Betriebskomitees. Sie hatten keine Kenntnisse von den Vorgängen in Russland. Der Gedanke eines Radarsystems rückte stärker in den Vordergrund, wenn die organisierte Vertretung von Arbeitern, Arbeiterparteien oder Gewerkschaften, versagten. Räte werden demokratisch gewählt, streng kontrolliert und sind jederzeit durch eine qualifizierte Mehrheit der Wähler abrufbar. Das Rätesystem will vor allem die Herrschaft von Minderheiten und deren Institutionen verhindern und an ihre Stelle ein Gemeinwesen setzen, dass von allen selbst verwaltet wird.

Grundgedanke

  1. Das Antikapitalistische Rätesystem, strebt eine sozialistische Wirtschaftsverfassung an
  2. Das Rätesystem steuert gegen formale bürgerliche Demokratie, wie sie sich etwa in der Nationalversammlung ausdrückte. Ziel ist eine sozialistische Staatsverfassung
  3. Das Rätesystem ist antiparteiisch, bekämpft Parteidenken und Parteidisziplin und will die Herrschaft des Proletariats als Ganzes sicherstellen
  4. Das Rätesystem ist gegen Bürokratie, Staatssozialismus und bloße Sozialisierung von oben. Ziel ist die proletarische Demokratie

Mit der Wahl zur Nationalversammlung wurde die Chance, ein alles umfassendes, politisches Rätesystem zu errichten, zunichte gemacht. Stattdessen wird die formale bürgerliche Demokratie eingeführt, wie sie im Kern auch heute noch besteht.

Die Gewerkschaften schließen sich der Bewegung vor allem deshalb nicht an, weil die Räte in ihren Tätigkeitsbereich eingreifen und sie sich somit bedroht fühlen. Das Rätesystem will die Gewerkschaften jedoch keinesfalls abschaffen.

Es lassen sich wesentliche Merkmale bestimmen:

  1. Kapitalistische Vertreter sind vom aktiven und passiven Wahlrecht ausgeschlossen, d. h. vor allem Personen, die im Besitz von Produktionsmitteln sind, um sie im eigenen Interesse auszunutzen und ständig durch fremde Arbeitskräfte bedienen zu lassen, ebenso am Unternehmen beteiligte Direktoren.
  2. Das wirtschaftliche Rätesystem gründet sich auf den Betrieb.
  3. Es sieht eine direkte Wahl der betrieblichen Räte vor und eine indirekte auf allen höheren Stufen.
  4. Es verlangt eine maximale Bindung an den Wählerwillen durch umfassende Kontrolle von unten und die jederzeitige Abrufbarkeit aller Räte durch die Mehrheit der Stimmberechtigten.
    (Im Volksfreund 1979)

„So“, sagt Theo.“ Mehr mache nicht.“ Das finden wir sehr verwunderlich. Wir haben ihm reichlich zugehört. Das heißt aber längst nicht, dass uns dabei ungemütlich zumute wird und er mit seinem Vortrag aufhören müsse. Theo kann weiter machen. „Zugabe, Theo, der Tee ist noch nicht alle“, sage ich. Er sagt: „Ich möchte euch noch von August Merges erzählen. Nah dann los, Theo.

„Nur ganz kurz!“ Er reiste als Kommunist neunzehnhundert zwanzig nach Russland, um dort Kontakt mit russischen Kommunisten aufzunehmen. Schon vor dem eigentlichen Kongress, der Anlass seiner Reise gewesen sein sollte, reiste er zurück nach Braunschweig mit einer Begründung: „Russland ist zwar das Land, das als erstes die soziale Revolution durchgeführt hat. Es wird aber das letzte Land sein, das den Sozialismus durchführt.“

Das war alles. Doch eine wichtige Aussage, nachdem heute Kommunisten immer schlecht gemacht werden. „Nah schön, das Zitat sollte ein Abschlusswort sein. Obwohl.“ Theo überlegt, ob er das korrekt findet. Wir wollen noch ein wenig von ihm hören. Dann meint er: „Wie stark eine politische Arbeiterschaft sein kann, verdeutlicht der Kapp-Putsch ebenfalls neunzehnhundert zwanzig, als die reaktionären Kräfte, Faschisten, mit militärischer Gewalt versuchten, die Regierung zu stürzen. Eine Aktionseinheit von Sozialdemokraten, Kommunisten, Gewerkschaftern und Menschen auf der Straße konnte das verhindern. So stark war die Revolutionäre noch neunzehnhundert zwanzig.“

Theo verrät uns noch: „Braunschweig war nicht nur eine Hochburg der Arbeiterbewegung, sondern betrug in der Folgezeit ab neunzehnhundert dreiundzwanzig einen besonderen Anteil an einer nationalistischen Bewegung, die dazu beitrug, Hitler zur Macht zu verhelfen. Mit der Billigung der Bürgerlichen und Hilfe eines bekannten Braunschweiger Kaffeefabrikanten wurde Hitler neunzehn-hundert zweiunddreißig hier zum Regierungsrat ernannt und erhielt auf Grund dessen die deutsche Staatsbürgerschaft, ohne die er nicht für das Amt des Reichspräsidenten kandidieren hätte können.“

„So!“, meint Theo und will einfach aufhören zu erzählen, „Der politische Kampf einer demokratischen Arbeiterschaft darf nicht in Geschichtsbüchern und Archiven verbannt oder in seiner Darstellung verzerrt werden.“ Ich fürchtete das Ende unseres kleinen Arbeitskreises. Ich arbeitete mit, soweit ich konnte. In meinem Magen vergruben sich aber die verschollenen Gäste, die die anderen beiden nicht ansprechen wollten oder können. Mich ängstigt der Moment, an dem Theo ständig meint, aufhören zu wollen. etwas sträubt sich in mir aufzuhören. Aufhören und schlafen legen? Nein, keiner soll weggehen, weitermachen, weitermachen! Ich will das Theo weiter erzählt: „Theo, du wolltest uns über Freikorps erzählen, über Maercker, über Ludendorff und Hitler. Theo? Theo, wir machen weiter. Das ist jetzt unsere Aufgabe. Komm‘, Theo.“

Er streitet meine Behauptung ab: „Moment, das habe ich nie gesagt. Ich habe immer gesagt. Einen Teil muss man schon selbst erledigen.“ Greta und Theo ziehen sich an und wollen gehen. Ich bin nicht ein-verstanden. Ich ziehe sie einfach wieder aus, oder? Ich möchte sie festhalten. Sie können doch bei mir bleiben? Hier haben wir alles, was wir brauchen, wir drei. Was kann ich nur machen. Ich will meine Wohnungsausgangstür nicht. Hier geht keiner raus. Wo ist mein Schlüssel, mein Schlüssel. Wie ein Verbrecher schleiche ich mit meinem Schlüssel zur Wohnungsausgangstür und schließe den Ausgang ab.

„Wir können alle hier bleiben. Ich lade euch ein. Wir haben alles, was wir brauchen. Nehmt ihr bitte meine Einladung an, Greta? Theo?“ Fragend schaue ich sie an. Die beiden ziehen sich zum Gehen weiter langsam an. Im Flur an der Wand lehnend verrät Theo dann doch:
(Ilona Meschke@2009)


Freie Gruppe
Buch und Kunstwerkstatt in Braunschweig
… es knistert …
… oder brennt es schon? …

zurück weiter
zurück zur Startseite
Kommentar