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Sammle deine Schlüssel und geh‘

Keine Pause mehr. Nicht Tag und Nacht. Nur noch Nacht. Ich höre nicht auf zu schreiben, egal wie laut der Sturm dahin zieht. Der Kaminofen wärmt. Irgendwann werde ich fertig sein. Dann nehme ich alle mit auf die Reise, die ich mit meinen Freunden machte. Während meine Schlüssel ungeduldig auf der Fensterbank zu warten scheinen, schreibe ich:

„Sammle deine Schlüssel und geh’!“ Ich weiß nicht, wie lange ich brauchte. Ich weiß nur, ich scheine es geschafft jetzt zu haben, und beende das Manuskript. „Sammle deine Schüssel und geh’!“ Hell am Tag verschließe ich das Material in einem Komödchen, obendrauf das neu gefertigte Manuskript.

Ich öffne das Fenster. Die Sonne scheint. Der Wind ist mild. Ein kleiner Junge spielt im Garten. Fast kommt mir Frühlingsluft entgegen. „Hallo, Leon!“ rufe ich. „Hallo, Luisa!“ antwortet er. Endlich ist wieder ein Freund bei mir. „Magst du dich ein wenig mit mir unterhalten?“ „Warum?“ „Ich habe interessante Fragen, nicht leicht zu beantworten.“ „Welche denn?“

Er zögert, aber ist neugierig. Er kommt näher an das geöffnete Fenster heran, auf dem ich Platz genommen habe. Er steht unter mir. Er schaut hoch und ich etwas herunter zu ihm: „Sag’ mal Leon, bist du in Braunschweig geboren?“

„Ja, wieso?“ „Kennst du den Braunschweiger Dom?“ „Ja, ich war mit meinem Papa schon da!“ „Ja, weißt du denn überhaupt wie alt der ist und wer ihn gebaut hat?“ „Ach natürlich, einige hundert Jahre, fast schon tausend, aber nicht ganz, von Heinrich dem Löwen gebaut. Er war hier Herzog in der Stadt.“ „Ist dein Papa auch ein Herzog?“ „Nein, natürlich nicht! Der ist Busfahrer!“ „Schick!“ Leon ist stolz und sagt: „Später werde ich auch Busfahrer.“

„Weißt du denn wie lange das Bauen des Doms gedauert hat? Weißt du wo die großen Steine herkamen? Wie man sie hierher brachte? Und wie man die obersten Steine hochbekam, damit alles fertig werden konnte? War das wirklich alles der Herzog alleine?“ „Das sind aber viele Fragen. Du wolltest nur wenige stellen.“

Er weicht mir geschickt aus. Aber er scheint sich jetzt für unsere Unterhaltung zu interessieren und schaut mich lachend an: „Nein, Luisa, da hast du Recht, Heinrich der Löwe hat nicht alles alleine gebaut, das glaube ich auch nicht mehr.“

„Ok, die Steine für die Mauern kamen aus dem Elm. Sie wurden mühsam abgebaut und nach Braunschweig gekarrt. Mit Seilzügen wurden Mauern hergestellt. Viele Arbeiter arbeiteten ein ganzes Leben daran. Die Arbeiten waren mitunter sehr gefährlich. Sie bekamen wenig Geld. Eigentlich ist der Dom nie fertig geworden. Es fehlen nämlich die erhöhten Türmchen im Westen. Aber jetzt die schwierige Frage. Ich wette du weißt das nicht.“

Jetzt glotzt der Junge wagemutig hoch und wartet. „Zähle mir die ganzen Namen der vielen Menschen auf, die an dem Dom mit gebaut haben. Und wer hat ganz oben die Mauer der Türme fertiggebaut und ist nicht herunter gefallen.“

Er schaut mich staunend an: „Nein, warum ich? Das wirst du jetzt machen Luisa! Stimmt’s?“ Glaubt er wirklich, ich könnte ihm die Namen aufzählen? Ich antworte ihm: „Weißt du, Leon, soll ich dir mal was verraten?“ Er schaut weiter hoch:  „Nah, los!“  Ich sage: „Ich weiß das nicht!“ „Wie du weißt das nicht? Und wieso soll ich das wissen?“ „Leider ist das alles in Vergessenheit geraten, Leon. Aber ich weiß etwas ganz anderes, etwas ganz Wichtiges, Leon. Das darf nicht in Vergessenheit geraten.“ „Los, sag’ schon!“

„Ich weiß, dass die Männer, die ganz hoch oben, die die aller letzten Steine auf den Dom verbaut haben, die wirklichen richtigen Helden sind und nicht die Herzöge, die unten standen und das Geld hatten.“

Leon schaut mich eine ganze Weile mit großen Augen weiter an und sagt: „Ja, Luisa!“ Dann sagt er noch: „Die Namen sollten wir eigentlich kennen, denn wir kennen den Namen von Heinrich dem Löwen immerhin auch. Und von den eigentlichen Helden kennen wir die Namen nicht.“ „Ja, Leon!“

Ich mache eine Pause und schaue ihn an. Ich fange an zu lächeln und blieb doch ernst: „Leon, es gibt Dinge, nach denen muss jeder, der sie für wichtig hält, selbst suchen. Aber diese Namen würden wir vergeblich suchen. Es ist zu lange her.“ Jetzt meint er: „Ok, wenn ich groß bin oder schon früher, dann suche ich danach.“ Welch ein Glück, sein Ehrgeiz kam mir recht. Er will gehen. Aber ich halte ihn zurück.

„Leon! Ich kann dir aber etwas verraten und befürchte, dass das außer mir im Moment kein anderer weiß. Das, was ich dir verraten kann ist ebenso wichtig. Es kann verhindern, dass irgendwann einmal wieder die falschen Namen in Erinnerung gehalten werden, die falschen Menschen als Helden gefeiert werden und die wirklichen in Vergessenheit geraten.“

Der Junge wieder und schaut mich prüfend an. Er sagt: „Los, erzähle mir!“ Ich sage: „Leon ich bin gerade dabei, dir alle Namen aufzuschreiben, die einmal bei der Novemberrevolution neunzehnhundert achtzehn dabei gewesen sind. Und sie sind wirkliche Helden geworden. Sie haben uns gezeigt, was Demokratie, Mitbestimmung und eigene Rechte sind. Sie haben sich für uns alle, auch für die Ärmsten eingesetzt und waren total tapfer. Als sie alles, was sie schaffen wollten, politisch nicht schafften, haben sie das mit einer Revolution geschafft. Sie haben hier in Braunschweig den regierenden Herzog abgesetzt. Sie haben uns gezeigt, dass man immer aufmerksam Leben muss. Aufpassen muss, gerecht sein, ehrlich und dabei tapfer. So ist ein wirklicher Held.“

Leon sagt entschlossen: „Gibt mir die Namen Luisa! Ich passe auf die Namen auf. Ich werde sie nicht vergessen. Ich werde deinen Zettel behalten. Später oder vielleicht schon morgen werde ich mehr über sie wissen. Ich werde dafür sorgen, dass keiner diese Namen vergisst, auch in fünf tausend Jahren nicht.“

Ich schreibe und liste die Namen auf. Er betrachtet mich. Plötzlich erschreckt er: „Luisa! Wie siehst du aus? Dein Kleid ist ganz verblichen und hell. Das bist du überall. Verzweifelt und ängstlich schaue ich an mir runter. Ja, mein Kleid, meine Jacke und Kapuze sind verblichen. Sie scheinen sich langsam aufzulösen, meine Hände, meine Haut, mein Schlüssel fällt immer wieder vom Regal auf eine Glasplatte als wäre er hektisch geworden und hätte keine Zeit. Ich möchte meinen kleinen Freund nicht verlieren. Ich möchte hier bleiben.

„Schreibe weiter, Luisa!“ sagt Leon plötzlich. Ich sage: „Ja Leon. Egal was ist, auf jeden Fall brauchst du jetzt die Namen!“ Ich schreibe und schreibe. Ich lasse keinen Namen aus. Er zieht mir das fertig geschriebene Blatt aus meiner Hand und läuft weg. Ich höre ihn hinten aus weiter Entfernung „Luiisaa!“ rufen. Nein, es war nicht mehr Leon, der das rief. Aus dem Wald klang die Stimme von irgendwo. Vielleicht rufen die Nebelwolken wieder weit entfernt: „Luiisaa!“

Schnell schließe ich das Fenster. Ich will das nicht hören. Ich hebe meinen Schlüssel auf. Der zieht mich aus der Wohnung: „Wohin, Schlüssel, was willst du von mir?“ Ich schwebe mit ihm über die Aue, zu den Bunkerklötzen, in den Wald.


Sammle deine Schlüssel und geh’

Ein herangewachsener Junge sitzt zwischen Aue und Wald im Nebel und flüstert in den Wind hinein: „Luisa, ich sah dich verschwinden. Du bist mit dem Wind Richtung Wald geflogen. Deine Wohnungstür stand lange offen. Sie wedelte im Wind hin und her. Nichts war in der Wohnung. Ich glaube, sie stand schon hundert Jahre leer. Nur ein zerfleddertes altes Buch in einem Komödchen eingeschlossen. Der Schlüssel steckte. Ich nahm es an mich. Das Manuskript, oben darauf, nahm ich ebenfalls in meine Hände. Ein altes besticktes Taschentuch und diesen verrosteten Wohnungsschlüssel ebenso.“

Alles legt er auf die Auenwiese. „Ich bringe zurück, was dir gehört.“

Aus einer Hängetasche holt er einen alten fransigen Zettel und bedankt sich dafür. Dann zieht er ein hagelneues Buch aus der Tasche, es glänzt, es blendet, so neu ist es. Er scheint es als Geschenk auf das alte Manuskript zu legen und sagt: „Ich bin Autor geworden.“

„Die Namen unseren tapferen Helden wird keiner mehr vergessen können.“ Er lächelt. Er geht.
(Ilona Meschke@2009)


Freie Gruppe

Buch und Kunstwerkstatt in Braunschweig
… es knistert …
… oder brennt es schon? …

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