am neunzehnten Novembertag irgendwann
Die Suche nach Möglichkeiten einer Hilfe geht weiter und hilft ein wenig. Denn Simon werde ich erst nach langen, geduldigen Versuchen wiedersehen können. Von acht bis sechzehn Uhr habe ich im Jugendamt gesessen, damit wir nicht vergessen werden.


Von morgens bis nachmittags
warte ich im Hausflur des Jugendamtes

Damit sich Baumgart an uns erinnert

Die Eichenholzzeitmaschine läuft. Ich sitze im Warteflur des Jugendamtes. Wie lange schon? Wie lange noch? Ich weiß nicht. Wochen sind vergangen, als Baumgart versuchen wollte, die Besuchersperre aufzuheben. Ich sitze einfach und warte. Nur, um zu sehen, ob sich hier irgendwas tut. Dass ich mit Baumgarts Vorgesetztem in Verbindung stehe, hat sich schnell herumgesprochen. Dass ich mich an das Landesjugendamt gewandt habe, hat Baumgart ebenfalls erfahren. Dieser Informationsaustausch geht erstaunlich schnell.

Wichtige Bewegungen stagnieren und keiner sagt, wann das ganze ein Ende hat. Also sitze ich hier. Als Ablage. Nur, um amtlich in Erinnerung zu rufen, dass es uns noch gibt. Inzwischen haben sich eine Menge verstellter Wahrheiten breitgemacht, die dafür sorgen, dass alles so erstarren darf. Kurz gesagt, Dr. Stampfstein hat sich nicht gemeldet, um einen Gesprächstermin für ein neues Besucherrecht zu vereinbaren, und das wird so hingenommen. Er habe bisher wenig Zeit gehabt, wurde und wird mir gesagt. Um die Stagnierung zu rechtfertigen wird hinten herum nach Begründungen gesucht, nach irgendwelchen anderen Wahrheiten, die ich hinter der Tür nur so nebenbei hören kann, anstatt die Psychiater an ihre menschlichen Verpflichtungen zu erinnern.

Baumgart versichert, in unserem Fall mehr Zeit investiert zu haben als für andere. Er scheint kaum zu merken, seine investierte Zeit war stets eine Sache gegen uns, nicht für uns. Hätte er für uns gearbeitet, hätte er so viel Zeit nicht gebraucht. Für ihn hätte es nicht schwer sein müssen, nach so langer Zeit die Verhältnisse zu kennen und rechtzeitig zu handeln. Es gab viele Möglichkeiten. Aber er handelte nie. Jetzt hält er mir vor, er investiere viel Zeit, in seiner Chaosverwaltung mit amtlichen Falschdarstellungen und Menschenopfer. Ich versuche gefasst zu bleiben, kann aber noch keine Worte formulieren.


Frau Ahl hat ihren Arbeitsplatz verlassen
Ich kann sie wegen ihrer Versprechungen
nicht mehr ansprechen

Ich habe auch erfahren, dass Frau Ahl nicht mehr in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in K arbeitet. Und nicht in Erfahrung bringen können, ob Baumgart sich bei Frau Ahl noch erkundigt hatte, wie das mit der Medikamentenumstellung bei Simon gewesen ist. Angeblich hat Frau Ahl einen besseren Job mit besserer Bezahlung gefunden. Und alles geht immer so schnell. Man verlässt doch nicht urplötzlich innerhalb von nicht einmal zehn Tagen seine Arbeitsstelle? Da gibt es doch noch Kündigungsfristen? Hätte Frau Ahl nicht nach so einem langen Gespräch, welches wir knapp zwei Wochen vorher führten, erwähnen können, sie werde bald nicht mehr da sein? Das erwähnt man doch, wenn es schon bekannt ist? Nein, sie ging davon aus, dass wir eine Zeitlang miteinander zu tun haben und gut zusammen arbeiten werden. So sagte sie das. Ich sitze im Warteflur des Jugendamtes und denke an Frau Möller, ehemalige Sachbearbeiterin des Jugendamtes, deren Arbeitsvertrag nicht verlängert wurde, nachdem sie zwei Tage vorher meinte, wir würden uns in drei Wochen nach ihrem Urlaub wieder sehen, die Unterlagen für die Klinik Herdecke wolle sie vorher noch rausschicken. So könnte Simon dann wohl nach ihrem Urlaub nach Herdecke in die Klinik verlegt werden. Ich erinnere mich noch an ihre Stimme, als sie das sagte. Dann kam sie nicht mehr wieder. Mysteriös. Aber diese Frauen melden sich auch nicht mehr bei mir. Ich könnte ihre Hilfe gebrauchen. Werden sie unter Druck gesetzt?

Abend ist es, als ich zu Hause ankomme. Ich gehe durch die Straßen unserer kleinen Ortschaft und bleibe vor den Straßennamenschildern stehen. Ich habe etwas von den Männern gehört, nach denen unsere Straßen hier benannt wurden. Sechs bekannte Politiker aus unserer Stadt waren es. Sie waren Sozialisten oder Kommunisten und überlebten den Nationalsozialismus nicht. Die meistens starben im Konzentrationslager Dachau. Von einem weiß ich, man hatte ihn entlassen. Er war schwerbeschädigt und gerade das hat ihm geholfen, am Leben zu bleiben. Die Nazis dachten abwertend, der alte Krüppel sei ungefährlich. Sie wollten sich keine Mühe mehr mit ihm machen. Als er dann freigelassen wurde, bildete er junge Leute als politische Widerstandskämpfer aus. So ungefähr sollte das gewesen sein.

Ich schaue mir die Namen und Straßenschilder jetzt viel bewusster an und überlege, was ich alles noch so von ihnen gehört habe oder weiß. Irgendwie fühle ich mich jetzt eng verbunden mit diesen gefolterten und ermordeten Menschen.

Ich rede still in Gedanken mit ihnen. Still erzähle ich ihnen, was mich alles so unglücklich macht. Ich gehe weiter spazieren. Gehe nach langer Zeit in meine Wohnung und sortiere meinen Müll, Plastik, leere Flaschen und Papier. Nach und nach bringe ich die Tüten und Behälter zu den Containern am Straßenende. Vor der Tür eines Nachbarhauses steht ein rauchender Mann. „Ilka, was ist jetzt mit Simon?“ Ein Mensch aus der Nachbarschaft, der nach Simon fragt. Das habe ich nicht erwartet. Einen Moment stehe ich ihm stumm gegenüber. Josefine kommt bald zur Tür raus, steht hinter ihrem Vater und möchte ebenfalls wissen, was jetzt mit Simon ist. Ich fange an, eine ganze Reihe Erlebnisse bruchstückartig aus mir nach draußen zu sprenkeln. Dabei laufen mir wieder die Tränen herunter, meine Sprache erstickt. Der Mann vertröstet mich. Er kenne einen guten Anwalt, mit dem hätte er alle Klagen gewonnen. Morgen würde er gegen vierzehn Uhr an meiner Haustür stehen. Na klar, ich bin froh darüber, dass mir das gesagt wird. Plötzlich gibt es auf der Straße doch noch andere Freunde als die, die ich mir immer wünschte. Beachtenswert, dennoch entferne ich meinen Blick von der Eichenholzzeitmaschine und setze mich auf das Sofa.

Es kam nie ein Anwalt. Die Warterei tat weh. Auch beim zweiten Versprechen kam kein Anwalt. Aber Simon darf mit Freunden telefonieren, erfuhr ich zufällig später. Einer ruft da schon an. Vielleicht dürfen Freunde ihn besuchen. Vielleicht Freunde ihm Geschenke machen. Vielleicht ein paar Telefonkarten zustecken. Es lässt sich auf jeden Fall mit der Nachbarschaft darüber reden. Ich überlege, ob ich Josefine die Telefonnummer von Simon geben soll. Gebe ich sie Pitt? Gebe ich sie irgendeinem von denen, werden sie die bald alle haben. Egal, wem ich jetzt die Nummer gebe. Sie könnten sie sich auch selbst besorgen. Aber ich gebe sie weiter. Es kann jetzt nur gut für Simon sein. Simon soll sich wohler fühlen, wissen, dass seine Freunde an ihn denken. Wie er sich gegen ihren Willen durchsetzt, wird er noch lernen müssen, wenn er wieder hier ist. Simon erzählt mir bald, wer alles angerufen hat. Es gefällt ihm, dass er die Anrufe seiner Freunde empfangen kann.


Freunde dürfen mit Simon sprechen
Sie dürfen ihn sogar besuchen

Ich verlasse das Sofa. Ich sehe mich in der Eichenholzzeitmaschine mit Simons Freunden zusammen im Garten sitzen und auch im Kreis herum stehen, um zu überlegen, was wir Simon Gutes tun können und ich meine gerade: „Wir sind nicht immer einer Meinung. Aber jetzt können wir ja zusammenhalten, für Simon. Ich brauche eure Hilfe. Es geht ja nicht um unsere kleinen Differenzen, die wir hin und wieder auszufechten haben. Es geht nur um Simon“, und alle stimmen mir nickend zu. Auch Pitts Eltern machen kurze Zeit mit. Pitts Mutter ist jetzt in meiner Wohnung und hört ein Telefongespräch mit. Ich spreche mit dem Stampfstein und frage, wann er die Besuchersperre aufhebt. Dabei stelle ich das Telefon laut, zum Mithören. Mein kleines Diktiergerät steht ebenfalls aufnahmebereit am Ort. „Der Kerl ist fies. Ich habe es gehört. Du brauchst einen guten Anwalt, Ilka“, sagt Pitts Mutter. Doch ihre Zusammenarbeit mit mir ist halbherzig. Ich erinnere mich, dass ich den Kindern Briefmarken und Karten kaufte, damit sie schreiben konnten. Sie sagten alle zu, mitzumachen. Sie schrieben kein einziges Mal. Pitts Mutter versprach dann doch, eine schöne Ansichtskarte zu schreiben und in versteckter Form auch von mir grüßen zu lassen. Pitts jüngerer Bruder wird anschließend immer wieder verraten, dass die Karte noch bei ihnen liegt und anzunehmen ist, dass diese nie mehr abgeschickt wird. Besuchen darf Simon nur Pitt.

Gregor sagt zu, Simon zu besuchen. „Aber nur einmal, nicht ständig“, grenzt er sich eindeutig ein. Er telefoniert mit der Psychiatrie und darf nächstes Wochenende fahren. Er hat sich als jahrelangen Freund von Simon in der Psychiatrie vorgestellt. Ihm wird erlaubt zu kommen. Er darf auch ein paar jüngere Freunde von Simon mitnehmen. Aber nur Pitt wird es vom Elternhaus erlaubt. Pitt überlegt lange, ob er das will. Es scheint ihm wohl unheimlich zu sein, in die Kinder- und Jugendpsychiatrie nach K zu fahren. Gregor wird wohl alleine fahren müssen. Doch kurz vor Gregors Abfahrt setzt sich Pitt blitzschnell noch in das Auto auf den Beifahrersitz. Sie fahren weg. Unterwegs unterhalten sich die beiden viel. Ja, Unterhaltung ist eben immer gut.


Abspeisungstermin
bei der Gerichtsgutachterin

Die Gerichtsgutachterin hält eine lange Rede. Für Henry und für mich. Hört sich an, wie ein Abschlussgespräch. Dabei ist überhaupt noch nicht viel gelaufen in Sachen Gutachten. Außer, dass wir beide schon eine Art Intelligenz- und Sozialverhaltensteste hinter uns haben. Ich zumindest soll sehr gut abgeschnitten haben. Habe aber keine Belege darüber bekommen. Heftig, wie sie jetzt anfängt zu quatschen und nicht mehr aufhört. Sie achtet dabei ständig auf ihre Aussprache, wie sie die Sätze sagt und formuliert, doch sie sagt immer das Gleiche in verschiedener Verkleidung. Tief verwickelt im Fahrwasser der Psychiater wie Baumgart. Sie redet ständig von tausend verschiedenen Möglichkeiten, wie man nach Rom gelangen kann, dass es ganz viele Wege gäbe, nur wir zusammen, Simons Vater und ich, würden wohl keinen gemeinsam Weg nach Rom für Simon finden können.

„Moment, das wissen wir schon alle. Deswegen sind wir hier. Wir haben Ihnen die Aufgabe übertragen, zu entscheiden, wer von uns den besseren Weg nach Rom hat und mit Simon gehen soll, oder wohin auch immer. Es muss nicht Rom sein. Sie wissen jetzt sehr viel und sollen entscheiden, wer das Sorgerecht von uns bekommt? Dafür haben wir Sie geholt. Nicht damit Sie jetzt beide Elternteile auf diese banale Weise ausschalten. Sie können sich denken, dass das für Simon nicht gut wäre, gerade in dieser Situation und nach dem, was er bisher alles erleben musste. Es ist wohl sehr logisch, dass Simon in die nächste Katastrophe fällt, wenn keinem seiner Eltern das Sorgerecht zugesprochen wird. Doch ich habe ihnen das alles schon geschrieben. Ich muss Sie auch noch einmal darauf aufmerksam machen, dass das nicht Ihr Auftrag gewesen ist. Als wir dem Richter unser Ja-Wort gaben und Sie einstimmig unsere Gutachterin werden sollten, ging es darum, herauszufinden, bei wem von uns das Sorgerecht in besseren Händen ist, bei Vater oder bei Mutter. Wir haben Ihnen diesen Auftrag zugesprochen und unser Vertrauen gegeben, bitte denken Sie daran.“ Wieder redet sie von Rom. Ich soll da sitzen bleiben und zuhören. Es ist unfassbar.

Ich denke, es ist klar geworden, ihre Rede hört sich an wie eine Abschlussrede, in der sie plausibel und klar zu machen versucht, dass es so besser sei, wie es die Ärzte der Psychiatrie verlangen. Sie greift dabei ständig nach deren Argumenten.

Ich erinnere Frau Schweiger jetzt, dass sie vorhatte, uns Termine zu geben. Ich sollte zweimal Simon in ihrer Beobachtung besuchen und mich mit ihm beschäftigen. Ebenfalls sollte der Vater solche Termine bekommen. Sie wollte dann sehen, wie Vater und wie Mutter mit ihrem Sohn umgehen und wie der Sohn darauf reagiert. Danach sollten Vater und Mutter alleine miteinander sprechen. Dieses Gespräch wollte Frau Schweiger ebenfalls beobachten. Die gesamten Gespräche sollten wichtig für die Entscheidung sein. Aber diese Gespräche haben noch gar nicht stattgefunden. Ich fordere entschieden diese Termine von ihr. Ich bestehe darauf, dass sie mit unserem Fall genauso verantwortungsbewusst umgeht und dasselbe volle Programm durchführt, wie sie es normaler Weise tun wollte. Ich erinnere immer wieder an diese Termine, die sie anfangs versprach. Ich bitte sie eindringlich, unbedingt einem Teil von Simons Eltern das Sorgerecht zu geben. Wenn das nicht passiere, habe sie ihre Aufgabe verfehlt.

Wir geraten in einen angespannten Disput. Sie scheint es nicht akzeptabel zu finden, dass ich ihr sage, wann sie ihre Aufgabe verfehlt hätte und wann nicht. Ich bin direkt, sie solle Simon nicht in der Luft hängen lassen. Sie wehrt sich gegen meine Aussage. Sie sieht gar nicht ein, dass sie mich ausreden lassen muss, so wie ich dies immer zu tun pflege. Ich bin in diesem Moment sehr stark. Ich spreche deutlich, ich kritisiere sie zwar, aber spreche auf gleicher Ebene mit ihr und bleibe ruhig. Es scheint ihr unangenehm zu sein. Fast mag sie mich unverschämt finden, vermute ich, weil ich gar nicht daran denke, sie könne irgendetwas Besseres sein als ich.

Sie will sich das aber mit den Terminen erst noch einmal überlegen. Außerdem werde sie sich noch einmal mit dem Richter kurz schließen. Am nächsten Tag wird Frau Schweiger mir und auch Simons Vater die fünf geforderten Termine geben.

Noch einmal mache ich mir die Mühe, der Gerichtsgutachterin zu schreiben. Sie scheint meine Briefe ja wenigstens zu lesen. Und es soll nicht an Erklärungen fehlen. Ich kenne ihr Gewissen und meine Überzeugungskraft noch nicht. Eine Mutter gibt nicht auf. Irgendwer wird Simon aus den Krallen der Psychiatrie retten. Also schildere ich Frau Schweiger das, was ich schon schriftlich einmal schriftlich getan habe, in Kurzform und deutlicher. Dann versuche ich noch einmal klarzustellen, welchen Plan ich für Simon verfolge. Und ich finde es gut, noch einmal alles aufgeschrieben zu haben, als Dokument, als Beweismittel für mich, Simon und für die Rechtsanwältin.

Ich schreibe, weil mündliche Aussagen verdreht, falsch interpretiert, einfach nicht mehr gewusst oder gar nicht erst gehört werden. Schriftlich kann ich beweisen, was ich sage. Ich schreibe weiter. Irgendeiner in diesem Verbund, springt ab, weil sein Gewissen es nicht mehr schafft, sich in dieser Fahrlinie weiter treiben zu lassen. Irgendeine oder Irgendeiner von denen muss sich sagen, ich darf nicht mehr. Ich muss jetzt Menschen hinter den Mauern helfen. Ich weiß noch nicht, wer das ist.

Ich träume viel. Ich träume Schutzträume, manchmal mit versteckten Informationen. Meine Träume gaben mir das Gefühl oder den Hinweis, einer springt ab.

Jetzt soll der Frau Schweiger klarwerden, es treten zu deutlich die Fehler von Klinik und Amt hervor. Einmal kann sie übersehen. Dreimal vielleicht wegschauen. Das siebente Mal wird sie Schwierigkeiten haben. Wenn sie kein Gewissen hat und auch kein Herz, so könnte sie dennoch später Ärger bekommen, wenn sie diese Machenschaften so weiter unterstützt. Bisher hat sie zugeschaut, wie wir diesen Psychothriller über uns ergehen lassen müssen.

Herr Baumgart muss irgendwann meinen, er könne die Psychiatrie nicht mehr unterstützen. Die abstrusen Machenschaften werden immer deutlicher. Es leuchtet schon für ihn boshaft das Licht darauf. Ihre Argumente lassen sich immer widerlegen. Eigentlich klingen sie für mich jetzt schon total lächerlich. Aber nicht immer für Außenstehende. Baumgart könnte allmählich selbst Ärger bekommen. Sein Vorgesetzter und das Landesjugendamt ist bereits eingeschaltet.

Baumgart und Schweiger mit unterlassener Hilfestellung soweit, dass sie bei Mord eines Kindes wegschauen? Alles kann ich mir nicht vorstellen. Die einzige Chance ist, irgendeine, irgendeiner springt runter vom Sitz, raus aus der Sitzreihe, landet mitten in der römische Arena, landet bei uns, öffnet das Tor, holt uns raus und sprengt die Mauern der Kampfarena.

Ich zeige immer wieder auf die gemachten Fehler, auf die menschlichen Behandlungsweise und die nicht vorhandene Transparenz. Rhetorisch bin ich gut und klar. Nachdem ich die Abläufe Frau Schweiger noch einmal kurz geschildert habe, werde ich noch eine akzeptable Zukunftsplanung für Simon schriftlich niederschreiben. Ich sage schriftlich aus, Simons Vater nicht zu diskriminieren oder ausschalten zu wollen. Es soll Kontakt gewahrt werden. Nur müssen dem auch Grenzen gesetzt werden, wenn er versucht, Balken in die geplanten Wege zu schmeißen.

Jetzt ein Stück des Briefes: - „Es sieht ganz deutlich nicht mehr so aus, als wolle die Psychiatrie Gesundheit für Simon. Nach dem, was passiert ist, kann ich als Mutter das nicht anders begreifen.“

Ich verweise auf urplötzliche Arbeitsniederlegungen von Frau Ahl und Frau Möller, die mitunter einen Tag zuvor noch nicht wussten, dass sie gehen und schreibe weiter:

„Es kann sein, dass insgesamt gemeint werde, nur das vorgegebene Schema der Oberärzte und Psychiater der Psychiatrie sei das Richtige. Es kann aber auch sein, das Einzelne in Konflikte geraten, die dieses Schema verlassen möchten, und dazu auch bereit sind. Es gibt außerdem eine junge Ärztin, noch nicht so festsitzend im Schema. Sie ließ sich darauf ein, einen anderen Heilungsweg einzuschlagen, und allen Betroffenen ging es damit besser. Doch es sollte nicht sein. Psychiater der Psychiatrie wollten das nicht, obwohl es klappte. Resultat war immer, die Betroffenen, die armen einst Hilfesuchenden, wurden bestraft wie im Mittelalter, mit Unterstützung des Jugendamtes unter Federführung des Herrn Baumgart. Der Leidtragende vor allem ist immer Simon. An Simons Gesundung darf ich nicht teilnehmen. Wie kann jemand glauben, dass das für Simon gesund ist?

Das System schließt also Eltern aus, um sein eigenes Schema zu schützen, gegen die Eltern und das Kind, obwohl eine Kinder- und Jugendpsychiatrie gar nicht gegen Eltern sein muss. Nicht nur das: Es entwickelt einen Plan, wie es künftig mit Simon weitergehen soll. Aber auch zum Schutz eigener Machenschaften, die sich immer gefährlicher und rücksichtsloser zeigen. Unsichtbar wird alles. Beide Eltern von Simon werden ausgeschlossen. Es zählen nur die Argumente der Psychiatrie. Unsichtbar wird alles, was mit Simon gemacht wird, weil seine Eltern ihn nicht mehr besuchen dürfen. Es tut mir leid. Ich kann kein Ende mehr entdecken.

Simon ist in eine Maschinerie geraten, in der es keine Möglichkeit der Nachfrage und Mitbestimmung seiner Erziehungsberechtigten gibt. Sie wissen, ich habe das Erziehungsrecht noch und kann es nicht nutzen. Mich hat dies gelehrt, niemals wieder, wenn auch nur aus der Not heraus, etwas aus der Hand zu geben, vor allem nicht die Sorge um ein Kind. Es hatte und hat verheerende Folgen für den Jungen und für die Angehörigen, Verzweiflung und Ohnmachtsanfälle aller Betroffenen sind die Folge. Alle Handelnden Personen haben es leicht, wenn sie nichts durchleuchten mögen und mit den Standpunkten der Psychiatrie zu gehen. Amt, Gericht und sonstige Personen, die in dieser Sache eingeschaltet wurden, sind für mich indiskutabel geworden, wobei ich allen Beteiligten immer deutlich gemacht habe, dass ich mir eine gute therapeutische Einrichtung und eine Verbindung zu mindestens einem Elternteil für Simon vorstellen kann. Warum macht mich das charakterlich hochsensibel?

Frau Schweiger, Ihrer Meinung nach soll ich einmal gesagt haben: Frau Schweiger geben Sie mit das alleinige Sorgerecht!“ Ich kann mich daran nicht erinner. Sie halten mir das vor und nannten mich intolerant. Wenn ich das wirklich gesagt hätte, was ist daran intolerant?

Tatsache ist doch, ich bin dabei, das alleinige Sorgerecht einzuklagen, denn das Gemeinsame funktionierte nicht. Ich bin schon lange dabei. Das war mein Ziel. Das rieten mir damals Herr Tannen. Das war auch der Weg zu dem das Jugendamt durch Frau Möller geraten hatte. Das war der Weg des Amtes, auch, wenn es dort inzwischen in Vergessenheit geraten ist. Da wurde geraten, ich solle Gesundheits- und Fürsorgerecht dem Jugendamt überlassen und gleichzeitig schnellstens zu Gericht gehen und ein alleiniges Sorgerecht einklagen.“

Das Jugendamt war der Meinung, es könne Gesundheits- und Aufenthaltsrechte nehmen, um die Rechte des Kindes zu sichern. Aber schon das erste Vorgehen klappte nicht. Es war die Regelung des Amtes, Simon ständig im Wechsel bei Vater oder bei Mutter leben zu lassen. Dieses lange Vorgehen nagte an Simon und an uns. Schließlich stritten wir damals schon um das Sorgerecht. Das Amt wusste längst, dass wir nicht dabei waren, zu lernen miteinander umzugehen. Die Zeiten waren vorbei. Trotz meiner ständigen Kritik ließ sich das Jugendamt nicht davon abbringen, uns in dieser Form weiter zu zermalmen. Obwohl Frau Möller versprach, zu prüfen, wo es Simon am besten ginge. Eventuell käme er eine Zeitlang in eine ganz andere Betreuung. Wofür ich Verständnis hatte, denn ich war nachweislich immer um die Gesundheit meines Sohnes bemüht.

Ich habe viele Menschen kennen gelernt. Vier von ihnen hatten oder haben eine Psychose oder leichte ähnliche Zustände. Ich habe kennen gelernt, wie das ist. Über meinem Kopf hinweg stellte man bei Simon solch eine Diagnose. Ich bat dies zu überprüfen, denn ich weiß, er ist verzweifelt, aber klar im Kopf. Auch die Verfahrensweise kam mir zweifelhaft vor. Eine falsche Behandlung kann große Schäden hervorrufen. Ich ließ mich von Fachkräften beraten und tat, was sie rieten. Ich wollte anschließend einen Klinikwechsel. Ich wurde von Seiten der Kinder- und Jugendpsychiatrie in K gegängelt und bestraft. Das Jugendamt half auch jetzt nicht. Ein alleiniges Sorgerecht für mich wird jetzt angezweifelt. Das Jugendamt hilft wieder nicht, obwohl es mit Kenntnissen über uns versorgt ist. Ich habe Zeugen, die mithörte. Sind die auch ‚übersensibel‘ und finden deswegen keine Beachtung? Ich habe Mühe, überhaupt Kontakt zu Simon zu bekommen. Ist das Heilung oder Politik?“ - Ilka Hölzer


Und wenn ich jetzt so in die Eichenholzzeitmaschine schaue, frage ich immer wieder, haben die Ärzte in der Kinder- und Jugendpsychiatrie schon gewusst, dass Simon mit Gesundheits- und Fürsorgerecht beim Jugendamt, nach sechs Wochen die Psychiatrie nicht verlassen wird? Weil Eltern ausgeschaltet werden können? Handeln die in der Kinder- und Jugendpsychiatrie nicht erfahren, frech und routinemäßig? Wie gefährlich ist das für uns alle?


Der Kampf um ein Besuchsrecht
einer Mutter zu ihrem Kind im geschützten Staat

Ich denke daran, dem zuständigen Richter jetzt auch die Vorgehensweise, wie ich sie erfahren habe, im Detail schriftlich zu schildern. Auch der Besuch des Psychiaters in der Privatpraxis muss hinein, der total ernst schaute, als ich den Namen des Medikamentes verriet. Zwar sagte Frau Schweiger, mit ihm bräuchte ich nicht zu kontaktieren, das würde sie machen. Die Frage ist nur, wie macht sie das? Also werde ich es ihm schildern mit der Bitte, uns da schnellstens rauszuhelfen, mit der Vergabe eines Sorgerechts.

Ich rufe Herrn Tannen an. Spreche auf seinen Anrufbeantworter, hilfesuchend, wegen der Dialoge mit Frau Schweiger, die mich sehr irritieren. Ich spreche wie immer auf den Anrufbeantworter und weiß, er ruft mich am Abend zurück. Tut er immer noch, doch er vertritt die Ansicht, ich würde mich jetzt mit allen anlegen. Das wäre ihm so gesagt worden. Ich schildere ihm mein Erlebtes und meine Ratlosigkeit. Jetzt findet Herr Tannen die Reaktionen und Äußerungen der Agitatoren wieder 'sehr dubios'. Gut, mit ihm gesprochen zu haben, bevor es nur die andere Seite tut. Hoffentlich kann er für uns noch etwas tun - irgendwas.

Nach dem Gespräch mit Herrn Tannen werde ich aufmerksamer. Persönlich kritisiere ich nur noch Stampfstein und seinen Charakter. Ich muss darauf achten, nur einen Feind zu haben. Das muss ich den anderen deutlich machen. Das er schuld an allem ist. Die anderen nur merken lassen, dass ich ihre Hilfe will. Mehr Feinde als Stampfstein kann ich mir nicht leisten. Ich dachte an Simons vierte Klasse, an die gesamte Klasse, die Simon diskriminierte. Nur einen, den Anstifter, konnte ich kritisieren. Die anderen ließ ich in Ruhe. Später half der ganze Rest der Klasse Simon. Sie wurden seine Freunde. Ich weiß jetzt, ich muss viel klarer machen, dass ich auch mit harten Aussprüchen nur die Fehler, die Vorgehensweise kritisiere, nicht verantwortliche Personen, die diese Vorgehensweise ändern sollen. Also Feind ist nur einer, Dr. Stampfstein. Wenn mir auch heimlich nicht immer danach ist und das alles verdammt schwierig bis unmöglich ist. Die anderen müssen meine Position vertreten. Sie sind also keine Feinde auch wenn sie alles schweigen hinnahmen. Es wird immer schwieriger.

Ich sitze immer noch vor der Eichenholzzeitmaschine am neunzehnten Novembertag irgendwann. In der Eichenholzzeitmaschine sitze ich auf meinem Rad und rolle und sehe einen klaren Himmel mit Vollmond. Ich bin unterwegs mit meinem Fahrrad zur Kinder- und Jugendpsychiatrie in K, um Simon nahe zu sein. Auch wenn ich ihn nicht sehen darf. Alle Sterne über mir sind klar zu sehen. Der Mond leuchtet sehr hell. Ich suche ein Gespräch mit dem Mond, schaue laufend nach oben, während auf einem von mir alleine genutzten Radweg neben einer Landstraße mein gut geöltes Fahrrad rollt, spreche ich mit dem Mond:


Sicherheit

Sicherheit geben.
Simon Sicherheit geben.
Mond gib uns Sicherheit!

„Bitte, könntest Du mir etwas Sicherheit geben?
Etwas Geborgenheit, Wärme, Licht und Kraft?“

„Ja, komm zu mir, ich hab es, Du fühlst es.
Ich habe es hier jetzt und heute.
Eine halbe Stunde, zwei oder drei.
Ein halbes Jahr, zwei Jahre
oder nur eine volle Minute.

Aber nimm sie!
Bitte, sie ist für Dich da!
Kostbar und unersetzlich.
Fülle Dich damit auf.“


Ich fülle mich auf mit Sicherheit und Licht, ein, zwei oder sechs Minuten lang wird es wirken. Durch meinen Körper fließt immer mehr Sicherheit und Kraft. Sie leuchtet. Sie fließt weiter durch mich hindurch, die Straßen entlang, rauf zu Simon, in dessen Körper und dann in alle anderen, die es brauchen. Die wieder ein Gewissen brauchen. Die Kraft für ein gutes Gewissen.

Ich zwinge Gregor wieder mal zu einer Tag. Er soll mir aufzuschreiben, was er an dem Wochenende vor der Medikamentenumstellung alles erlebt hatte, und was ihm Baumgart am Telefon erzählte. Für die Gerichtsgutachterin und für andere. Er stellt sich stur und will nichts schreiben. Erst wollte er die Freundschaft beenden, weil er unser Drama nicht mehr aushalten kann. Dann ging es Simon kurze Zeit besser und er kam wieder. Am Wochenende war er unser Gast, beim ersten und bisweilen letzten Besuch Simons. Er nahm sein Auto und fuhr uns, vielmehr Simon wieder zurück in das Krankenhaus und ich begleitete ihn. Ein paar Male musste ich ihn jetzt mit Freundschaftskündigung drohen, bis er sagt: „O. k. was soll da alles rein? Ich bekomme jetzt seine schriftliche Schilderung, was er erlebte und wie er Simon gesehen und erlebt hat, als er ihn besuchte.

Der Zeuge Gregor Koch: - Am Dienstag, den sechzehnten Zehnten irgendwann, rief ich Herrn Baumgart an, mit der Bitte, einen kurzen Eindruck von Frau Ilka Hölzer und ihrem Sohn Simon meinerseits geben zu dürfen. Erlebt hatte ich Simon vorangegangenem Sonntag während eines kurzen Spazierganges zu zweit. Und während des Mittagessens mit ihm, seiner Mutter und einem gleichaltrigen Freund aus der Nachbarschaft. Simon nahm lebhaft an unseren Gesprächen teil und reagierte auf einige lustige Aussagen. Auch sonst lachte er deutlich mehr als vor einiger Zeit noch. Er wirkte glücklich, wieder zu Hause zu sein, war sehr engagiert, sich ein neues Skateboard aufzubauen, sein Zimmer aufzuräumen und tauschte auch intensiv mit seinem Freund Gespräche aus. Mein Gesamteindruck war, dass es Simon, den ich bereits einige Jahre kenne, wieder einigermaßen gut geht und er sich auf die baldige Entlassung aus der Klinik freut.

Herr Baumgart hörte sich das von mir Geschilderte an. Er teilte mir mit, dass er sich im Fall Simons überdurchschnittlich engagiere, und sagte außerdem, dass seiner Meinung nach die Eltern von Simon beide das Sorgerecht nicht bekommen sollten, da sie sich zu konträr gegenüberstünden. Außerdem mache er sich Sorgen über die psychische Verfassung der Mutter, und er könne eine psychische Erkrankung dieser nicht ausschließen. Über die letzte Aussage war ich sehr entsetzt. Ich kenne Frau Hölzer und Simon mehr als drei Jahre und erlebte sie immer stabil. Am Wochenende des dreizehnten und vierzehnten Oktobers durfte Simon tagsüber nach Hause. Am Sonntagabend fuhr ich beide in die Klinik. Ich konnte die Krankenschwester der Aufnahmestation kennen lernen. Es schien deutlich ein entspanntes Verhältnis zu sein. Am Dienstag, dem sechzehnten Oktober, wurden ohne nähere Begründung Simons Mutter die Besucherrechte gestrichen. Frau Hölzer durfte ihren Sohn nicht einmal mehr anrufen. Dieser Schritt ist mir absolut nicht erklärlich. Am Montag den neunzehnten November habe ich Simon im Krankenhaus gesehen und war sehr erschrocken über seine körperliche Verfassung, über die Blässe, die tiefe Traurigkeit und die Aufgeschwemmtheit. - Gregor Koch


Ein Kinderheim, eine Einrichtung für psychologische Nachsorge direkt vor Ort, hat einen freien Platz zu vergeben. Das war es doch, was Baumgart wollte während des letzten längeren Gespräches. Ich sollte doch ein Formular unterschreiben. Und dieses hier wollte gleich die Eltern mit einbeziehen, mit ihnen zusammenarbeiten und keine Kontaktsperre mehr geben.

Ich informiere Herrn Baumgart darüber, doch er sagt ab und lässt Simon in der Psychiatrie. Und weil er selber nicht verraten kann oder darf, warum er absagt, gibt es für ihn nur die Antwort, Simons Krankheitsbild passe nicht zu dieser Einrichtung, obwohl er selbst keine Diagnoseunterlagen hat und auch sonst nicht genau weiß, was er hat. Merkt er überhaupt nicht, was er uns mit diesem Spruch antut.

Aber die genannte Einrichtung hat auch organisierte Menschen im Landeskrankenhaus. Sie setzen sich für Angehörige ein, um gute Beziehungen mit den Ärzten wieder aufzubauen, falls diese zu Bruch gingen. So höre ich den Leiter des Heimes. Aber eine Lobby für sie gibt es nur, wenn Ärzte es erlauben. Den Dr. Stampfstein kennt er allerdings. Ich beobachte den Gesichtsausdruck des Heimleiters, der sich nicht verbal zu der Person Dr. Stampfstein äußern will.


Die Frau eines Psychiatrie-Vereines
erreicht mühselig ein Besuchsrecht in der Psychiatrie

Dann nimmt sich Frau Weidmann unseren Fall an. Sie ist in einem Verein für Angehörige psychisch Erkrankter. Sie ist nicht gegen das psychiatrische Klinikum eingestellt. Sie glaubt mir aber, dass diese Fehler dort passieren. Egal wie krank nun Simon real ist, Frau Weidmann will helfen und sucht danach, einen Kontakt herzustellen. Es klappt. Dr. Stampfstein findet die Idee von mir, mich an einem Verein psychisch Kranker zu wenden, genial. Das gibt er wieder in seiner gekünstelten freundlich übersprudelnden Art bekannt und will er jetzt natürlich in Kürze einen Gesprächstermin geben. Denn das mit der Besuchszeit müsse ja mal endlich geklärt werden, damit er das vom Tisch habe, heuchelt er. Sicher denkt er an einem Gewinn für ihn, weil ich mich an einen Verein psychisch Erkrankter wendete. Erst sollen wir, Frau Weidmann und ich, zusammen in die Psychiatrie für ein Gespräch kommen. Dann wird er noch mal anrufen und berichten, nur sie dürfe kommen. Danach werde ich wohl dürfen? Und irgendwie verarscht er uns beide. Wahrscheinlich so, wie er alle Menschen verarschen darf, die keine Lobby haben.

Frau Weidmann möchte einen ‚großen runden Tisch‘ schaffen, an dem alle Probleme besprochen werden mit festen Zusagen und zusammen mit Herrn Dr. Stampfstein.

Wieder einmal versucht jemand einen großen runden Gesprächstisch zu schaffen. Hat das nicht die Gerichtsgutachterin mit gutgewollter Betonung Erik auch vorgeschlagen, nachdem Erik so einem Tisch längst schon erstmalig in einer Kinderstation bei Dr. Sieknecht geschaffen hatte. Da tut Frau Schweiger, als wäre ihre Idee erstmalig. Sie war damals mitten unter uns und hätte den Gesprächen am von Erik geschaffenen Tisch beisitzen können. Sie war nicht dabei, wurde aber von mir schriftlich über die Gespräche informiert. Sie konnte sich bei allen Seiten informieren, was dort besprochen wurde und wie gut die Sache lief, bis von Ärzten der Psychiatrie dieser Gesprächstisch geknickt wurde?

Jedenfalls wird es diesen runden Tisch nie geben. Das fühle ich. Auch wenn Dr. Stampfstein das Frau Weidmann jetzt freundlich vorheuchelt. Er sei durchaus dafür.

Frau Weidmann warnt mich: „Er will Sie psychisch krank erklären und fragt mich ständig während des Gespräches subtil nach Ihnen aus. Er möchte wissen, ob Sie mit dem Fahrrad nach K fahren. Fahren Sie lieber nicht mehr mit dem Fahrrad. Setzen Sie sich in den Zug, oder stellen Sie Ihr Fahrrad woanders ab, damit er das nicht sieht. Er will das Radfahren mit einer psychischen Krankheit verbinden“. Also, ist er der Meinung, wer längere Strecken mit dem Fahrrad fährt, hätte nicht mehr alle Tassen im Schrank? Davon darf ich mich doch aber nicht beeindrucken lassen? Ich sage Frau Weidmann: „Ach, deswegen wollte er mir vielleicht mein Fahrrad nicht wieder geben, als er mich des Platzes verwies und ich ihn dreimal bat, zur Seite zu gehen, damit ich an mein Fahrrad komme.“

Dr. Stampfstein lässt sich noch viel Zeit, einen Termin kommen zu lassen, damit wieder normale Besuchszeiten stattfinden können. Frau Weidmann will mich begleiten, wenn ein Gespräch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in K stattfindet. Erst hat Stampfstein die Erlaubnis dafür eingeräumt. Kurz vor dem Termin spricht er sich gegen eine Begleitung seitens Frau Weidmann aus. Frau Weidmann ruft mich wieder an, um mich darauf vorzubereiten, dass sie nicht mitkommen dürfe. Endlich fahre ich zum Gesprächstermin zu Dr. Stampfstein. Meinen Sohn darf ich während dessen immer noch nicht sehen. Soviel ist mir bekannt geworden.

Gregor fährt mich mit seinem Auto in die Klinik. Vor der Eingangstür der Klinik trennen wir uns. Ich gehe hinein, werde in ein kleines Gesprächszimmer geführt, und Dr. Stampfstein sitzt mir jetzt gegenüber. Er ist freundlich, hässlich freundlich. Er provoziert mich bis aufs letzte Hemd mit seinen betont freundlichen Sätzen. Er lächelt dabei für mich sichtbar entstellt. Vielleicht will er mich verrückt machen?

Doch in dem Augenblick, als Frau Mull ins Gesprächszimmer kommt und sich dazusetzt, wird er sachlicher, aber immer noch übernatürlich freundlich. Frau Mull betreut Simon jetzt wieder. Denn Frau Ahl, so höre ich jetzt von ihm persönlich, arbeitet dort schon längere Zeit nicht mehr, kurz nachdem Simon die Medikamentenumstellung bekam. Ich höre läppisch lachen von meinem Gegenüber, die Medikamentenumstellung geschah hausintern planmäßig. Ich sage nichts dazu. Ich bekomme zum Schluss des Gespräches einen Termin, um Simon besuchen zu können. Etwas, was mit Baumgarts Unterstützung lange Zeit nicht geklappt hatte.

Danach wird Dr. Stampfstein auch für den Vater während meiner Anwesenheit einen Termin in seinen Kalender eintragen. Laut und deutlich sagt er mir, was er tut, mit den abschließenden falschfreundlichen Worten: „Wir müssen ja auch ein wenig Waffengleichheit schaffen, nicht war?“ Das wird Frau Mull mit hören. Das war der Spruch, den ich immer wieder beanstandete. Er verlangt bei seiner Verabschiedung mir die Hand zu schütteln.

Ich rufe einen Richter an, der für die nochmalige, ständig wiederkommende Verlängerung in K zuständig ist, und wieder eine Verlängerung genehmigt hat. Ich erkläre ihm meine Sorgen. Es lässt sich gut mit ihm reden. Er scheint nett und aufgeschlossen. Er bittet darum, ihm die von mir selbst erstellten Unterlagen mit meinen Erlebnisschilderungen zuzusenden. Er werde sich der Sache annehmen. Ich mache mich an die Arbeit und erzähle Simon wieder am Telefon darüber. Während Gregors Besuch hatte er neue Telefonkarten erhalten und kann unentwegt anrufen. Seine Stimme hört sich immer langsam, gebrochen und tieftraurig an.

Dem Richter schicke ich den neu ausgedruckten, üblichen, erklärenden Text mit Anschreiben: - Sehr geehrter Herr Schindler, anliegend erhalten Sie drei Anlagen in Fotokopie. Die erste Anlage soll Simons Situation erklären und auch, dass bestimmte Verhaltensweisen nur Auslöser von Hilflosigkeit sein können, und nicht unbedingt eine Psychose erklären. Nachdem ich versuchte, diesen meinen Standpunkt zu vertreten, verriet man mir keine weiteren Symptome zur Abschätzung seiner Krankheit. Man blockierte mein Besucherrecht als Mutter.

Nachdem mein Sohn mich zwei Wochenendtage besuchen durfte und vorgesehen war, am nächsten Wochenende es mit einer Übernachtung zu versuchen, erhielt ich eine Besuchersperre, nur weil ich am Montagmorgen im Krankenhaus war, denn ich hörte von einer Medikamentenumstellung, wobei es Simon sehr schlecht ging, was vorher nicht der Fall war. Ich wünschte mir einfach, bei ihm zu sein.

Keiner kennt den Grund dieser Medikamentenumstellung, denn an dem Wochenende zuvor, und das wissen ganz viele Leute in unserer näheren Umgebung, fühlte sich Simon glücklich, war klar und aufgeschlossen. Ich kann machen, was ich will, eine Zusammenarbeit mit den Ärzten wird mir von denen versperrt. Es löst Angst und Misstrauen aus.

Man muss doch kein Fachmann für Pädagogik oder Psychologie sein, um verstehen zu können, dass Simon und auch ich unter psychischem Druck stehen, was vor allen Dingen mein Junge jetzt gar nicht gebrauchen kann. Es gibt andere Möglichkeiten der Unterbringung.

Bitte lesen Sie auch die drei Anlagen, die ungefähr die gesamten Vorgänge eines halben Jahres im Landeskrankenhaus schildern. Uns eilt es sehr! Bitte helfen Sie uns. Mit freundlichen Grüßen -
Ilka Hölzer

Ich warte vergeblich, dass sich dieser Richter wie versprochen bei mir zurück melden wird. Ich höre nie wieder etwas von ihm.

Erik spricht mit Herrn Zeitparker, dem Vorgesetzten von Baumgart. Er will dafür sorgen, dass wir die Diagnoseunterlagen bekommen. Er will sich darum kümmern und macht mir die Zusage, wenn er herausbekäme, dass im Krankenhaus Willkür herrscht, wird er das nicht zulassen.

Durch seine Suche nach den Diagnoseunterlagen bekommen wir mit, dass Baumgart zu keiner Zeit die Diagnoseunterlagen angefordert hatte. Zeitparker bekommt meine aktuellsten Informationen und die schriftlichen Darstellungen. Frau Weidmann will immer noch für einen runden Gesprächstisch sorgen. Doch das wird sie vergeblich versuchen.

Die Diagnoseunterlagen werden wir nie bekommen. Auch Zeitparker lässt sich Zeit. Vielleicht reagiert auch die Anstalt nicht schnell genug, diese herauszugeben. Jetzt äußern wir, Erik und ich, laut, deutlich und weiträumig den Verdacht, nicht einmal das Jugendamt habe sich diese Unterlagen besorgt oder Einsicht darin genommen, woraufhin Zeitparker sich diese Unterlagen schnellstens besorgen will und dies Erik auch bekannt gibt.

Zeitparker gibt bekannt, er habe jetzt die Unterlagen. Er habe der Klinik aber versprochen, sie nicht weiter in andere Hände zu geben. Weder Frau Weidmann noch Erik dürfen in diese Unterlagen schauen. Merkwürdiges Vorgehen mit sehr vielen Geheimnissen, die es normaler Weise nicht geben sollte. Die menschliche Behandlung bleibt prinzipiell wie sie ist. Und Zeitparker, zwar ein immer mit Rhetorik und Gestik hilfsbereit erscheinender Mann, stellt sich kontinuierlich mit gutem Willens dar, sieht letztendlich aber keine Willkür seitens der Kinder- und Jugendpsychiatrie in K. Weder in der menschlichen Behandlungsweise, noch in der dubiosen medizinischen Vorgängen. „Zum Glück untersucht das Landesjugendamt den Fall, vielleicht entdecken die mehr“, sage ich Zeitparker enttäuscht und verständnislos.


Einen Rechtsanwalt
mit einer neuen Idee

Zwischenzeitlich habe ich einen neuen Rechtsanwalt mit einer neuen Idee gefunden. Es soll Simon jetzt  noch einmal mit detaillierter Begründung ein neutraler, vom Amt bestellter Betreuer zugeordnet werden, damit das Jugendamt und Baumgart sich endgültig aus der Angelegenheit befreien können. Der Anwalt erklärt mir, wie dieser Antrag heißt.

Dann werde ich mich zu Hause hinsetzen, den Antrag fertig machen und ihm die fertigen Unterlagen bringen: - In der Familiensache Simon Hölzer wird beantragt, den Beschluss von irgendwann durch eine einstweilige Anordnung dahin abzuändern, anstatt des Jugendamtes, einen anderen Betreuer für Gesundheits- und Aufenthaltsrecht für Simon Hölzer zu betrauen.

Ich schaue in die Eichenholzzeitmaschine und wundere mich, wieso der Rechtsanwalt das nicht mit seinen Worten gemacht hat? Wieso habe ich es alleine geschrieben? Er hat den Antrag nur noch persönlich durch seine Kanzlei wegschicken lassen, anstatt alles in seinem Namen zu machen?

Ich suche den Ordner. Ich will genau wissen, wie das damals zum Gericht geschickt wurde. Ich sehe, ich schickte den Antrag selbst auf Rat des Anwaltes. Er ließ sich zeitgleich die Gerichtsunterlagen zur Durchsicht geben. Vorher riet mir meine bisherige Anwältin, zum Verfahrenspfleger zu gehen. Ich tat dies. Und der Verfahrenspfleger fand die ganze Sache, wie die Anstalt vorgeht, in Ordnung.

Der Verfahrenspfleger ließ sich immer in seinem Büro verleugnen. Ich konnte ihn nie persönlich sprechen. Ich schaffe ich es, einen Termin zu bekommen, doch sieht er da keine Probleme in der Sache Simon Hölzer. Er wüsste nicht, aus welchen Gründen er sich jetzt für uns einsetzen müsse. Längere Zeit davor schrieb die Anwältin einen Brief ans Jugendamt und Baumgart schrieb eine Stellungnahme zurück. Mehr passierte nicht.

Ich schreibe jetzt: - Antragsbegründung: Meines Erachtens ist das Jugendamt überhaupt nicht in der Lage, Simons Gesundheitsfürsorge aktiv zu beaufsichtigen und zu betreuen – das Amt bleibt untätig. Schon im März hätte das Jugendamt reagieren können. Simon musste aus dem Konflikt seiner Eltern heraus und brauchte fachkundige Hilfe. Daraufhin tat das Jugendamt nichts. Simons Gesundheitszustand wurde in dieser Zeit schlechter. Ich selbst sorgte dafür, dass Simon schließlich in die Kinder- und Jugendpsychiatrie nach K gebracht wurde. kam, sehe aber immer mehr eine falsche Unterbringung dort für Simon und kümmerte mich um andere Unterbringungen. Das Jugendamt erlaubt zwar daraufhin stundenlange Gespräche, die aber bisher ohne Veränderungen der Situation endeten. Die Behandlungsweise wurde immer unerträglicher.

Ich befürchte, dass Simons Gesundheitszustand sich nicht verbessern wird, sollte Simon noch länger in dieser Kinder- und Jugendpsychiatrie in K bleiben. Eine andere Einrichtung weit entfernt von unserer Stadt wird ihn jetzt in dieser Zeit und nach diesen Erlebnissen völlig zusammenbrechen lassen. Und das Härteste für ihn ist, bis heute hat sich das Jugendamt nicht die Mühe gemacht, mit Simon über diese Pläne zu sprechen. Was passiert im Dezember mit Simon? Keine Antwort von Psychiatrie oder Jugendamt.

Ein Arzt in der Klinik beantwortet keine Fragen, er will eine Mutter viel lieber mit Polizeigewalt vom Krankenhausgelände bringen lassen. Willkürlich werden Besucherverbote ausgesprochen. Sprechen darf ich mit dem Arzt nur noch alleine ohne eine Begleitperson, obwohl sich viele Leute als Begleitung für mich angeboten haben. Es beängstigt mich, mit diesem Arzt alleine sprechen zu müssen. Krankheitssymptome und Ziel der Medikamenteneinnahme darf ich nicht wissen.

Ich sehe Simon nicht selbstmordgefährdet. Er denkt in die Richtung und zeigt es mir. Er zeigt mir damit seine schlechte Lebenssituation und will eine bessere. Ist aber nicht in der Lage, einen Selbstmord durchzuführen, das sagte er mir auch. So habe ich es immer erklärt und beschrieben.

Ich liste alle Zeugen mit Telefonnummern auf und stehe bei Rückfragen ebenfalls zur Verfügung stehen würden und schreibe weiter: -
Meine Vorschläge einer neuen Betreuung oder überhaupt Maßnahmen einer besseren Betreuung: - Simons Therapeut, Herr Tannen, kennt Simon schon sehr lange. Er kann seinen heutigen Gesundheitszustand mit dem damaligen sehr gut vergleichen. Er soll Simon sehen, ihn beurteilen und eine Empfehlung schreiben oder aussprechen.

Wünsche: eine Mutter-Kind-Therapie in einer Einrichtung. In anderen Kliniken gehört dies zum Programm. Eine festgelegte angemessene Besucherzeit, die Simon gut tut, die nur mit einer faktischen Begründung gekippt werden kann und nicht mit Willkür. Ein ausführliches Gespräch über Diagnose, Krankheitssymptome und Heilungsziel sowie ausführliche Gespräche über Zukunftspläne für Simon.


Anlagen: - Vorschlag einer Einrichtung in der Nähe des Wohnortes mit integrierter Elternzusammenarbeit, schriftliche Zeugenaussagen von Beobachtern,
eine persönliche, von mir entworfene Schilderung, um Simon kennen zu lernen, seine schwierige Situation und seine Eigenschaften als Mensch, die nicht unbedingt eine Psychose bedeuten können, sondern eine Reaktion auf eine schwierige Lebenslage sind.

Weitere Anhänge:
erste Schilderung der Vorgänge seit Simons Aufenthalt im Krankenhaus, zweite Schilderung der Vorgänge seit Simons Aufenthalt im Krankenhaus, dritte Schilderung der Vorgänge seit Simons Aufenthalt im Krankenhaus. - Ilka Hölzer


Es ist Wochenende. Für kurze Zeit darf ich jetzt die Anstalt betreten und Simon besuchen. Das erste Mal nach langer Zeit. Zwei noch sehr junge Krankenschwestern beobachteten mich kritisch, während ich eine ganze Zeit lang im Warteraum sitze und warte, bis sie mir erlauben, zu Simon zu gehen.

Das mussten sie wohl so machen. Sie hatten die Order, nehme ich an. Eine kommt zu mir und ist ehrlich freundlich. Sie erklärt mir, wo lang ich zu gehen habe und dass Simon noch schlafe. Er schläft immer sehr lange wegen seiner Medikamente, die er bekommt.

Ich stehe vor der Türschwelle, vor einem kindlich lieb eingerichteten großen Zimmer mit großen Kuschelecken und Himmelbetten könnte ich sagen. Ich erschrecke. Ich stelle die Eichenholzzeitmaschine ab und sitze davor. Schwarz ist ihr Bildschirm. Ich erinnere mich: Hinter rosa, orange und hellblauen, zarten Vorhängen sehe ich zwei unförmig entstellte verformte Kinderrümpfe. Sie schlafen und schnarchen, bekommen kaum Luft. Ich sehe ein Gesicht, was Simon ähnelte. Ich erkenne ihn. Mir wird schwarz vor Augen. Ich kippe um, aber doch gerade so noch mit dem Wissen, jetzt in seiner Nähe zu sein.

Etwas später schleife ich mich auf dem Boden zur nächsten Wand, lehne mich daran und schaue auf die zwei völlig verunstalteten Jungen, die nebeneinander im Himmelbett liegen. Sie schlafen und schnarchen weiter. Sie sind dick, wie mit Wasser gefüllte große Luftballone. Ich stelle die Eichenholzzeitmaschine nur zögernd wieder an. Ich erkenne Simons aufgepumptes Gesicht in der einen massigen Gestalt und will das alles nicht glauben.

Darum herum die lieblich zarten Farben der Vorhänge und Gardinen. Welche Zynik! Ich beobachte die Gestalt, die mein Junge ist, fast noch liegend auf dem Boden, gegen die Wand gepresst. Ich erinnere mich weinend, - Ägypten! Wir hätten nach Ägypten fliegen können. Wir hätten fliehen können. Jetzt ist alles zu spät. In Ägypten wäre das nicht passiert.

Ich liege an die Wand gepresst, sehe den Raum nur halb, schwach in den Armen, eine ganze Weile gibt es mich nicht mehr. Erheben kann ich mich nicht. An die Wand gedrückt schaue ich wieder Simon zu, wie er schläft und schnarcht.

Ich weine weiter. Ägypten, Ägypten ist zu spät.
(© Ilona Meschke 2008)

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