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und eine schwarz verbrannte Wiese

Es ist fast neunzehn Uhr. Ich rufe meine Ex-Schwiegereltern an, denn ich kenne ihre Telefonnummer jetzt. Karios Eltern. Sie sind überrascht, aber freuen sich auch über meinen Anruf. Sie wünschen mir auch schöne Weihnachten. Sie erzählen über Besuche und Treffen mit Lena. Sie plaudern mit mir über sie und ihre Gesprächsthemen. Ja, Lena hätte immer viel Angst gehabt, als kleines Mädchen, sagt Lenas Großmutter. Sie bestätigt damit das, wovon Lena viel gesprochen hatte. Lena erzählte es auch mir sehr oft? Die Oma erzählt, als sei alles Gegen­wart und manchmal auch ein bisschen, als wäre Lena immer noch klein: „Lena hatte viel Angst gehabt als Kind. Ich rief sie immer in der Nacht an, um sie zu trösten.“ Ich erwiderte Lenas Oma: „Du meintest damals als ich in der Nacht arbeitete, Großmutter von Lena?“ Darauf antwortet sie: „Ja, hör’ mal, Eleonore, Du musstest ja arbeiten. Du musstest doch das Kind ernähren. Die Kinder gehen immer dort hin, wo es ihnen am besten geht. Das ist so. Soll ich Lena von Dir grüßen, wenn sie morgen kommt?“ Sie versichert mir jetzt: „Ich grüße sie, wenn sie hier ist, - ja?“ Oma von Lena sagt noch mal: „Ich grüße sie, wenn sie hier ist.“

Ich sehe auf das Telefon. Es wird dunkel. Es war immer dunkel. Der Magen knurrt. Das war es nicht. Ich falle. Ich falle einen Tunnel hinunter. Ich kreise spiralenförmig an den Wänden eines Tunnels, oder eines tiefen Brunnens, mit steigender Geschwindigkeit bis ich überhaupt kein Fallen mehr spüre. Ich schwebe. Weit weg von mir scheint ein Boden für die Füße zu sein. Ich weiß nicht, wo ich bin.

 

Ich spüre einen Telefonhörer in meiner Hand: „Aua! Einen Stacheligen!“, aus dem schallend gerufen wird. Das Echo dringt durch meine Ohren: „Ich danke Dir, dass du mir mein Leben geschenkt hast!“ „Das ist alles, wofür ich Dir danken kann. Mehr gibt es da nicht.“ … „Ich danke Dir, dass du mir mein Leben geschenkt hast!“ „Das ist alles, wofür ich Dir danken kann. Mehr gibt es da nicht.“ … „Ich danke …“ …

„Alles sonst habe ich allein gemacht.“ … „Ich konnte Dich nicht gebrauchen.“ … „Ich musste mir alles selbst erarbeiten.“ … „Ich danke Dir für mein Leben!“

„Lena hatte viel Angst gehabt als Kind. Das stimmt. Das kann ich bestäti­gen.“ … „Mache Lena nicht immer so an, Eleonore, du warst früher auch nicht besser“, ruft ein Echo einer Schwester. „Lena hat es wirklich nicht leicht in ihrer Situation, schau dich mal an, wie Du früher warst und kritisiere sie nicht immer“, ruft ein neues Echo der Schwester, obwohl das alte noch nicht ganz verklungen ist. … „Ach, was willst Du denn er­zählen, Lena ist doch nie glücklich bei Euch gewesen“, ruft die andere Schwester im lauten Echo. „Nein, wenn Du jetzt versuchst, unsere jüngste Schwester da mit hinein zu ziehen und behauptest, sie würde Euch mit ihren Sprüchen nichts Gutes tun, dann finde ich das unverschämt von dir. Sie setzt sich uner­müdlich für die Familie ein.“ … „Sie setzt sich unermüdlich für die Familie ein, unermüdlich.“ … „Da brauchen wir gar nicht mehr zusammen reden.“

Aus!

Stille! Dunkelheit! Ich bin gefallen, aber wohin? Ich liege irgendwo. Ich weiß nicht wo. In einer Höhle vielleicht. Es hallt erneut an den nassen Wänden, die ich betaste. Diesmal Stimmen und Sprüche, die ich vor gerade zwei Jahren hörte: „Ich habe Lena die Wahrheit gesagt. Gesagt, das alles nicht stimmt, was Eleo­nore ihrer Tochter erzählt hat. Die ist verrückt. Nur mir hört Lena zu.“ Es hallt noch irgendwo von Höhlenwand zu Höhlenwand, von Gruft zu Gruft. Wo ist dieser Telefonhörer? Meine Hände sind leer.

Die Stimme meiner Schwester, die versucht, die Familie stets zusammen zu halten, redet noch irgendwo. Ich wusste lange Zeit nicht, wie weit sie gehen würde und zu welchen Handlun­gen sie sich für das Familienglück inzwischen hingab. Erst als ein Freund ein Gespräch mit ihr hatte und das Telefon heimlich laut stellte, erfuhr ich, was sie alles sagen konnte. Ich kannte Schwestern nicht genug. Ich schrieb die ihre telefonischen Aussa­gen nieder, heftete sie in meinen Strohblumenordner im Jahre 2004. Dann sprachen wir nie wieder zusammen.

Jetzt ist alles still. Ich liege hart, im Dunkeln. Mich fröstelt. Lebend tot. Ich wache auf. Ich möchte meine Augen nicht öffnen. Es ist windig. Es riecht verbrannt. Ich schaue um mich. Ich sitze auf meiner Meditations­wiese. Die Grashalme sind schwarz.

Jemand hat es geschafft, diese große Wiese anzukokeln und abzubrennen. Der Stein in der Mitte ist rußig. Ein paar Spaziergänger sind schon wach, morgens am ersten Weihnachtsscheintag. Sie gehen mit ihren Hunden spazieren. Ich möchte nicht gesehen werden. Ich verstecke mich hinter dem Stein, stülpe mir meine Kapuze der schwarzen Kapuzenjacke ganz über, damit mich keiner mehr erkennen kann.

Es geht auf Mittag zu. Die Nacht ist längst vergangen. Ich sitze an einem aufgetürmten Stein in Menschengröße. Drei verschiedene Wolken­schichten ziehen über meinen Kopf vorüber. Manchmal rasen sie durch das Geäst der hohen blätterlosen Bäume weit entfernt von der Wiese. Ich höre ihre Richtersprüche rauschen, das Gericht der Herzen ist mir nahe. Ich spüre es. Es gibt also doch so ein Gericht? Hinter den tosenden Wol­ken, irgendwo dahinter. Ich spüre es. Doch zu meiner Richtung hin wird es kalt. Es ertönt immer wieder: „Schweig!!“

Bin ich gemeint? Ich schweige nicht: „Lena, ich habe Dir das Leben nicht geschenkt. Das war die Natur.“ So höre ich mich rufen. Plötzlich ist es wieder still. Ich breche die Stille: „Die Natur, als die Tage noch sonnig waren, die Blätter grün, die Wiesen bunt, der Himmel blau, schenkte Dir die Welt das Leben. Und ich war stark genug, Dich zu schützen.“

„Meine Familie verachtete die Situation. Es passte nicht in ihr Niveau, eine  Tochter oder eine Schwester zu haben, eine unverheiratete junge Frau, die schwanger war.“

„Dein Vater ängstigte sich vor der Verantwortung, ein Kind großzuziehen. Erst später war er dabei um dir und mir helfen.“

„Deine Oma aus Solingen freute sich über Dich, als sie später von Dir erfuhr, gab mir Hilfe und dir alle Liebe.“

„Doch erst beschützte ich Dich längere Zeit alleine mehr als mein eigenes Leben.“

„Dann wurdest du geboren.“

Stille. Der Wind hat aufgehört zu wehen. Die grauen Wolken ziehen leise und sachte über mir vorbei. Ich erinnere mich. Ich rede. Ich erzähle. Wer hört mich? „Du warst dankbar für dein Leben.“

„Du warst das erste Kind im Krankenhaus, das Lächeln konnte, nur eine Gesichtshälfte, die andere hatte noch kein Gefühl dafür. Stolz zeigte dich die Hebamme überall herum, sie wollten alle dein Lächeln, mit der einen Gesichtshälfte, sehen. Und du lächeltest immer, die erste Zeit deiner Kinderjahre mit großen blauen Augen und Löckchen auf dem Kopf.“ - „Du warst achtsam, du lerntest schnell und anfangs kanntest du keine Angst.“

„Deines Vaters hatte du eine sehr große Familie und Verwandtschaft. Alle wollten dir besonders nahe stehen. Sie luden uns, Kario und mich, ein, dich einen Tag oder eine Nacht bei ihnen zu lassen. Wir, dein Vater und ich könnten dann ungestört tanzen gehen. Die eine Tante war beleidigt, wenn sie hörte, Karios andere Tante wurde zuerst von uns besucht.“

„Im Nachhinein dachte ich mir immer, es war vielleicht ein Fehler, dich überall zu lassen, anstatt nur im engsten Familienkreis, womit ich Groß­eltern und Eltern meinte. Ich dachte dies oft, als du etwas größer warst, und seither dann nicht mehr in dem Maße wie zuvor, überall hin eingela­den wurdest. Denn du, so schien mir, bist mit der Veränderung, nicht immer das wichtigste Wesen für alle zu sein, nicht klar gekommen.“

„Immer zeigtest du später deine Kinderfotos von früher, um dich als kleines Kind zu zeigen, zu beweisen, dass du süß warst. Die zweite Frau von Kario, deinem Vater, sagte einmal: „Nein, Lena, deine Kinderfotos möchte ich nun nicht mehr sehen.“ Du hattest sehr gelitten, weil du glaubtest, als kleines Kind attraktiver gewesen zu sein. Die anderen Verwandten deines Vaters und auch meine Schwestern hatten inzwischen auch kleine Kinder und die Tanten von uns Enkelkinder. Da warst du nicht mehr das einzige Kind. Da warst öfter außen vor.“

Ich sitze auf der schwarz verbrannten Wiese. Ich versetze mich tief in die Gedanken alter Erinnerungen. An verschiedenen Stellen tut etwas weh. Ich weine ein wenig. Alles draußen ist still, so als würde ich tatsächlich erhört, als würde jemand lauschen. Nimmt der Stein, an dem ich lehne, meine Geschichte auf, oder sind es die Bäume ganz weit hinten? Ist es der Himmel, denn der ist auch so still geworden? Die Wolken scheinen still zu stehen. Bekomme ich jetzt ein Weihnachtsgeschenkt ausgerechnet hier mitten auf der schwarz verbrannten Wiese?

Bekomme ich ein faires Gericht für mein Herz, ich als Mensch, als eine Mutter? Ich sehe einen Spaziergänger mit einem Hund weit hinten, wo die Bäume sind. Ich erinnere mich weiter, und weil alles so still ist, darauf wartet, meine Geschichte zu hören, erzähle ich leise weiter:

„Deine Großeltern in Solingen besuchten wir oft. Eines Morgens betrat ich das Wohnzimmer. Dein Opa hatte eine große Tageszeitung in der Hand und las dir vor. Du hörtest mit großen Augen zu. Nahmst seine Worte auf. Das war nicht alles. Du musstest ihm sogar nachspre­chen, was er da las. Du bist vielleicht gerade zweieinhalb Jahre alt gewe­sen. Er las: „Kapitalismus“. Du sprachst ihm das nach, ein wenig ko­misch, nicht ganz richtig, aber an vielen Stellen erstaunlich gut für dein Alter. Großvater sagte dir neue Wörter zum Nachsprechen mit der Zeitung in der Hand: Kommunismus, Wirt­schaftsexpertentum, Börsenknick oder ich weiß nicht mehr genau, was alles nachsprechen solltest. Jedenfalls versammelte sich bald die ganze Familie, und sie hörte dir zu, wie du sprechen lerntest. Alle hörten dich nachplappern auch die Freunde der Familie. Du hast das genossen, du merktest, alle hören zu, ein süßes kleines Wunderkind, meinten sie oder Ähnliches.“ … „Gelernt hattest du, im Mittelpunkt zu stehen.“

„In Braunschweig, an der Bushaltestelle, im Bus und in der Straßenbahn gingst du lächelnd an alle Leute vorbei, hast dich mit ihnen unterhalten, mit drei. Alle freuten sich, auch die sonst so sturen, verharmt Dreinbli­ckenden lebten auf, als du sie unterhalten hattest.“

„Wenn ich jetzt wirklich einkaufen gehen soll, für Euch, nehme ich Lena mit, da fällt man echt auf, alle sehen einen“, sagte die Schwester von Kario, Deine Tante, als sie in Braunschweig bei uns lebte.

„Das ist ja ein süßes kleines Ding“, sagte ein älterer Herr an der Bushal­testelle, mit dem du dich unterhalten hattest. Er wies mich darauf hin, dir vielleicht beizubringen, nicht jedem zu erzählen, wie du heißt und wo du wohnst, sonst würde irgendwann unwillkommener Besuch vor meiner Wohnungstür stehen.

Wir, Kario und ich, kamen nämlich auf die Idee, dir beizubringen, sagen zu können, wo du wohnst und wie du heißt, falls du einmal verloren gehen würdest, könnte dich jeder oder die Polizei zurückbringen. Und jedem erzähltest du jetzt im Bus und an der Haltestelle wie du heißt und wo du wohnst würdest.“

„Sehr oft fuhren wir mit dem Bus zu einem wunderschönen großen Spielplatz, du und ich. Vielleicht bekam ich dich, um die Gelegenheit zurück zu gewinnen, wieder im Sand bauen zu können, ich weiß nicht. Auf jeden Fall gab es da noch einen Tag an dem der Sand ziemlich feucht war. Es konnten Burgen gebaut werden, und ich war ein guter Bau­meister. Viele Kinder versammelten sich um uns herum, um mit zu bauen, nachdem sie das Kunststück entdeckten, was ich für dich baute. Ich stand nun sehr vielen mit Rat und Tat beiseite, denn es ist ja nicht so einfach, stabile unterirdische Gänge im Sand zu bauen. Plötzlich hattest du dich weinend zurückgezogen. Du warst unzufrieden und traurig darüber, dass du noch nicht so gut bauen konntest wie ich oder wie die anderen größeren Kinder? Es halfen da keine Erklärungen wie, du wärest doch auch noch viel zu klein, mache doch ein bisschen mit. Nein, es war schwer, dich aus deine gerade eingenommen unglückliche Posi­tion wieder heraus zu bekommen.“ … „Vielleicht hättest du gerne damals schon mit solch einer Kunst im Mittel­punkt gestanden.“ „Aber wie war das mit der Angst und wann fing das an?“ „An dieser Stelle kanntest du noch keine Angst, nur Enttäuschung, etwas nicht zu können. - Oder doch?“

„Ebenfalls auf diesem Spielplatz befanden wir uns schon vorher. Du warst vielleicht ein Jahr alt gewesen. Wir fuhren immer mit dem Bus zum Nussberg, zum großen Spielplatz, mit Sandspielzeug. Wir spielten im Sand und andere kleine Kinder schlossen sich an. Du lächeltest immer. Freutest dich und lächeltest alle Menschen an. Ein Mädchen, wenig größer und älter, schaute aber gar nicht nett drein. Du warst ein wenig verunsi­chert als ihr euch entgegen schautet. Du lächeltest verunsichert. Doch das Mädchen haute dich. Du wusstest nicht, was damit gemeint war, wolltest wieder lachen, aber dann hast du ganz plötzlich angefangen zu schreien, ganz böse empört und verletzt. Du bist ein freundliches Kind geblieben, doch in solchen Momenten warst du hilflos. Angst hattest du eher vor Kin­dern, weniger vor Erwachsenen.“ … „Na, klar!“

„Dann waren wir einmal im Park, du und ich. Du warst vielleicht zwei. Ein riesengroßer Hund rannte so nahe an dir vorbei, dass du dabei umgefal­len bist. Du hast einen Schock bekommen. Jeder Hund, und sei er auch noch so klein gewesen, ängstigte dich von da an total. Das waren wohl die ersten Begegnungen mit der Angst. Aber nichts besonders Aufregen­des in Lebensgeschichten von Kinderjahren. Es gehörte doch alles zum Lernprozess eines Kindes.“

„Mit ungefähr drei hast du ein neues Fahrrad bekommen. Du hattest zu lange Beine für das kleine alte Dreirad. Du wolltest aber nicht auf das große Rad mit den Stützrädern. ‚Schau, dir passiert nichts,’ erklärte ich immer wieder. Ich zeigte Dir, dass die Stützräder das Fahrrad standhaft mach­ten, zeigte es indem ich das Fahrrad los ließ während du auf dem Fahr­rad gesessen hattest. Es war aber nicht nur Angst in diesem Moment, sondern es war etwas ganz Hartnäckiges in dir. Etwas Eigenwilliges war da noch.

Im Kleinkindalter hast du starkes Selbstbewusstsein erlangt, ein Selbstbewusstsein, welches um nichts in der Welt verletzt werden wollte, sollte, durfte.

Da war die Enttäuschung groß, keine Sicherheit zu fühlen auf einem neuen Fahrrad. Vielleicht verlangte dieses Selbstbewusstsein mehr Mut, als bei anderen Kindern, die schon mal einen Misserfolg in Kauf nahmen, nehmen konnten oder nehmen mussten. Zu früh erlebtes Selbstbewusstsein kehrt sich in manchen Situationen vielleicht in größer erlebte Unsicherheit oder Ängstlichkeit um. Unbedingt wolltest du schon mal eine Freundin haben und ängstigtest dich: ‚Wer weiß, ob die mich will?“

„Auf jeden Fall spürte ich sehr oft und später öfter eine hartnäckige Ablehnung mancher zum Leben gehörenden wichtigen Dinge. Durch kompliziertere Lebenssituationen wolltest du nicht gehen. Mit ein wenig Mut etwas Neues Spannendes zu leben, zu erforschen, zu erfahren und die Erfolgsfreude und die dadurch erlangte Sicherheit danach zu spüren sollte dir verschlossen bleiben?

Warst du einfach nur feige und sperrtest mehr als jedes andere Kind’? Ein hartnäckiger Dickkopf setzte sich oben bei dir nieder. Immer wieder sagte er:  „So, ich setze das jetzt durch, das, was ich will. Ich lehne ab, was ich will“. Immer mehr dort, wo du dich auch hättest freuen können, etwas Neues gelernt zu haben, und daran Spaß zu genießen, verweigerte dein Trotzkopf sich dieser Gelegenheit. Er blo­ckierte und setzte die Welt in Stillstand.

Alles aus Angst, da könnte etwas nicht gelingen? In dem Alter, in dem du warst, probiert man ja bekanntlich sein Durchsetzungsvermögen aus. Und so erschien auch immer alles ganz normal, halt nur ein wenig mehr ‚Dickkopf’ als andere hattest du schon.“

„Energisch geschrien hast du auf dem Fahrrad. Ich wusste nicht, was ich von dieser Eigenschaft halten sollte, stand vor dir und wartete darauf, dass du aufhörtest zu schreien.

Ich wollte deine Angst durch Ausprobieren töten, damit du glücklich leben kannst und wünschte mir dein Vertrauen dafür. Ich wollte nicht den Untertan eines ständig verharrenden ‚Dickkopfes’ spielen. Vorsichtig, aufmerksam oder verärgert versuchte ich abzuwägen: „Wann soll ich jetzt helfen und wann nicht?“

„Ich entfernte mich ein paar Schritte vom Fahrrad, um dir zu zeigen, das Fahrrad steht fest und kippt nicht um. Noch nicht einmal mit dir darauf. Du schriest darauf hin noch lauter. Es lief kurze Zeit später ein ganz kleiner Hund an dir vorbei, und du fielst mit dem Fahrrad hin, in dem Moment, als er an dir vorbei lief. Ein Stützrad war verbogen. Du hattest also Recht behalten. Auch ein Fahrrad mit Stützrädern kann kippen.“

„Es war nicht nur die Angst, die du hattest. Ich sprach ja schon darüber. Die Angst war vermischt mit diesem verharrenden Willen, vor einer neuen Situation stehen zu bleiben. Meistens ohne Vertrauen anzuneh­men. Siehst du, genau an der Stelle wollte ich nicht mitspielen. An dieser Stelle sorgte ich mich und wurde unglücklich. Und ich wünschte mir dein Vertrauen immer wieder, doch dein Dickschädel ließ das oft nicht zu.“

„Obwohl, er war mir nicht unsympathisch, dein kleiner Trotzkopf, doch er machte uns an sehr vielen Stellen das Leben schwer. Er begleitete uns lange Zeit, manchmal in lustigen Situationen, manchmal in sehr schmerz­lichen, die nur danach riefen, vernünftiger und einsichtiger zu sein.“

„Auch die Oma, meine Ex-Schwiegermutter, die sich deiner Angst erinnert, kann sich auch noch an den Trotzkopf erinnern, wenn man sie darauf hin ansprechen würde. Sie hatte auch so ihre Probleme, als du mit ihr zu­sammen warst. Du muckeltest zurückgezogen, verrietst aber nicht, was das sollte. Alle mussten auf dich eingehen, doch es half nicht. ‚Nichts kann man ihr recht machen, ein unzufriedener Dickkopf’, Omas Worte. Ich höre sie noch.“

„Ach, wie konnte ich doch deinen Trotzkopf verstehen, den du oft mit dir herumgetragen hast, nicht nur damals im Zug, als wir nach Hornburg fuhren, um deine Tante, meine Schwester, zu besuchen. Eine unserer Freundinnen war einmal dabei, weißt du noch? Sie saß neben mir, und du hast uns beiden gegenüber gesessen. Deinen Körper an die Fenster­wand gedrückt. Die lockigen langen Haare halb zur Seite geschmissen, halb im Gesicht gelassen, denn du wolltest keinen sehen.“

„Kleine Lena, und wie es doch schmerzt, wenn Wünsche und Träume sich in die Herzen graben, die sich einfach nicht erfüllen lassen wollen. Der Kopf ist immer so schnell dabei, sich eine fertige Welt zu stricken, eine schöne Welt. Es werden doch realistische Dinge geträumt. Sie könnten sich doch erfüllen. Noch heute kann ich es selbst nicht begreifen, wie Gedanken so mit einem spielen. - Da habe ich doch einen Mann kennen gelernt. Er zog im Sommer in die leere Wohnung nahe meiner. Ich wollte anfangs nichts von ihm wissen. Dann besuchte ich ihn in seinem Zweitquartier und schaute mal so. Er hat einen Bauwagen auf einem Stück Land mit meh­reren zusammen. Sie leben dort ganz frei und alternativ. Es wohnen nur Männer dort. Na ja, die meisten jedenfalls sind nicht sehr spannend für mich gewesen.“

„Doch desto mehr ich diesen einen besuchte, desto mehr hörte ich zu, hörte seine Lebensanschauungen, hörte sein schon eigenes vergangenes Leben, dabei ließ er seine dunklen Augen spielen. Ich mochte ihn, und wir verliebten uns ein wenig.“

„Wie schnell ist doch da der Kopf am Arbeiten, sich Wünsche über Wünsche auszumalen. Hühner wollten wir uns anschaffen, in unseren Gärten alles verändern, und ich sollte ein Grasdach auf meinem Gartenhäuschen bekommen.“

„Ein paar Verletzungen trennten uns dann. Nicht richtig, es war nur so, dass er derjenige war, der mich nach einem Disput zurückkommen ließ. Er selbst kam nie. Dann kam ich auch nicht mehr, denn ich bin kein Kriecher. Er auch nicht, und alles ist gestorben: Der Halt. Die Illusion, einen Menschen zu haben, mit dem ich zusammen leben könnte. Die Hühner und das Gras­dach, - alles weg.“

„Warum verletzen die sich oft so hart, denen es doch gut gehen könnte, wenn sie sich nicht selbst gegenseitig verletzen würden. Und es gehört nur ein ganz klein wenig Vernunft und Verstand dazu. Immer selbst ein wenig Einstecken, würde da helfen, doch keiner kommt drauf.“

„Und im­mer muss ich gleichzeitig an die denken, die in den Kriegsgebieten leben. Ihnen wird undenkbar viel Leid zugemutet, und immer noch schlimmer werden sie bedroht. Wie halten die das nur aus? Ist es vielleicht auch wegen des Unterschiedes, dass es die anderen, die ‚Feinde‘ sind, die Aggressionen und Demütigungen zufügen und Verluste erzeugen, und nicht die Eigenen? Eben, weil es die anderen sind! Die Feinde! Nicht die zueinander Gehörenden! Menschen in Kriegsgebieten halten durch ihre schwierigere Lage meistens viel besser untereinander zusammen als wir.“

„Wir verletzen uns, uns selbst. Nicht unsere Feinde können uns so verletzen wie wir selbst das tun. Nah klar, der Schmerz ist sehr viel grausamer, wenn eine Demütigung oder eine Verletzung die Liebsten schaffen. Diesen Unterschied spüre ich ganz genau.“

„Das aller Schlimmste ist, jeder erwachsene Mensch wird jetzt meinen: „Das ist doch wohl klar! Warum belästigt mich die Schreiberin mit solch naivem Zeug?“ - während er mittendrin oder kurz vor solch einem Dilemma steckt, einen zugehörigen Menschen zu verletzen. Er ist klug, doch er hat es nicht gemerkt und wird es niemals merken. Er wird niemals zurück in den Spiegel schauen, nur davor. Vor dem Zusammentreffen mit Menschen schaut jeder in den Spiegel. Hinterher niemand. Dann ist egal, wie man aussieht oder ausgesehen hatte.“

„Das macht die Welt kalt, verschwiegen still und grausam. Unveränderlich bleibt alles so. Der Verletzende wird sich nie mehr damit befassen.“

„Doch Gericht der Herzen, wie beurteilst du das?“

Stille!

Immer noch ein Aufnehmen der Worte in der Luft vernehme ich. Ein leichtes Rauschen, ein liebevolles Wirbeln und ein sanftes Schlucken irgendwo, höre ich.

Ich sitze immer noch auf der verbrannten schwarzen Wiese. Meine Worte, meine Sätze, meine Aussagen, wo fliegen sie hin? Ich gebe ihnen Freiheit. Sanft werden sie ge­schluckt. Sanft werden sie weggetragen. Sie machen eine Reise. Bald werden sie unter die Lupe genommen. Vielleicht gibt es eine Analyse. Viel­leicht werden sie nur gestreichelt. Ich lasse alles kommen wie es ge­schieht. Ich vertraue auf etwas, vertraue auf Etwas.

Auf etwas Geheim­nisvolles.

 

Unwissend, ob irgendwann einmal ein Ergebnis meiner Aussa­gen zu mir fliegt. Unwissend, ob es irgendwann eine Antwort für mich gibt. Nicht jetzt die Frage, wohin muss ich gehen? Nicht jetzt, wo bleibt die Antwort? Oder wird meine Tochter mich hören? Ich habe losgelassen. Alles braucht Zeit.

Ich weiß, nach einer Weile werde ich wieder fragen: Wird sie einmal noch zu mir kommen, vor mir stehen? Nein? Nein? ‚Still, Eleonore, lasse wieder los, lasse die Worte und die Gedanken los’, wird mir vom Wind gesagt.

„Du lerntest bei mir Fahrradfahren, Lena, mit ca. dreieinhalb. Durch drei ver­schiedene Ortschaften musste ich dich schieben. Durch Parks und ich rannte dabei gebückt mit dir auf dem Rad. „Halt fest, lasse nicht los!“, hast du immer wieder befohlen.“

„Langsam bekam ich Rückenstarre, musste mich erheben, gerade stehen. Langsam ließ ich das Rad etwas los, - hin und wieder. Tat nur noch so, als würde ich festhalten. Ich wusste bald, du kannst ja fahren. Du hattest es gepackt. Ich wollte nur jetzt kein zufälliges Unglück mit dir auf dem Rad.“

„Nur deswegen hielt ich immer noch brav fest, wie eine Mama. Von der Juliusstraße bis in die Ortschaft Heidberg zu deiner Oma, meiner Mutter, schob ich dich im Laufschritt. Da merktest du, du konntest Fahrrad fahren, - ganz alleine. Dann bist du wie ein Gott gefah­ren, wolltest nie mehr aufhören. Und ich durfte endlich wieder aufrecht stehen und laufen. Öfter sagte ich dir dann: ’Habe ich dir Fahrrad fahren beigebracht? Ja? Siehst du, also kann ich dir auch andere Dinge beibringen und dich dabei stützen. Lasse es zu, lasse dir helfen, Lena.’“

„Lena, ich lernte dir das Radfahren.“ – „Im schönen großen Park, zwi­schen Teichen und Ortschaften schob ich dich, bis du merktest, du kannst es alleine. Unter der Sonne als es noch Sonne gab. Das Leben wurde uns beiden geschenkt. Einfach nur so. Und dir wurde eine Mutter geschenkt, die dich Radfahren lehrte, in einer wunderschönen Zeit.“

„Lena, ich brachte dir das Malen, Zeichnen und Basteln bei. Und du warst geschickt darin. In schön gemütlich eingerichteten Zimmern, mit Arbeitsmaterial immer versorgt malten oder bastelten wir. Auch Kekse, Kuchen oder Pudding stand auf dem Tisch. Selbst gemachter Nudelteich mit Herzchen-, Sternchenform oder ausgestochenen Weihnachtsbäum­chen für Ravioli wurde auch schon mal gemacht. Es roch nach daheim. Es roch nach unserem zu Hause.“

„Ich brachte dir Geschichten lesen bei und frei weg zu erzählen. In der Natur auf dem Weg zur Oma im Heidberg fielen uns selbst erfundene Märchen ein.“

„Zu Hause, dein Lieblingsbuch war ein rotes Bildermärchenbuch der Gebrüder Grimm. Du brauch­test etwa zwölf oder mehr Minuten, um das allererste Wort deines Lebens vollständig selbst gelesen zu haben:

‚Ss-schn-e-e-Schnee-wit-t-Schneewittchen’.

Das war in den ersten Tagen der ersten Klasse und du warst gerade sechs geworden.“

„Ich ging meistens alleine mit dir auf Spielplätze als du noch ein Kindergartenkind warst. Denn ich hatte die meiste Geduld. Fühlte mich aber dadurch hin und wieder sehr einsam. Vielleicht merktest du das? Ich fühlte mich einsam, weil dein Vater nie dabei war, obwohl wir noch alle drei zusammen lebten.“

„Vom Kindergarten holte ich dich ab. Wir mussten stets eine Straße überqueren, die zwar noch keine Hauptstraße war, jedoch ziemlich stark befahren. Ich erklärte dir, wie man achtsam über die Straße gehen muss. Wir hielten unsere Hände dabei fest, du musstest nicht alleine gehen, aber du solltest schauen, mir sagen, ob oder wann wir rüber können.“

„Du hast angefangen zu schreien, wolltest absolut nicht schauen und mir nicht sagen, wann und ob wir rüber können. Du schriest, verharrtest, wir standen lange da. Du konntest gut sprechen und erklärtest mir nichts. Mit deiner Schreierei standen wir weiter am Straßenrand. Ich wusste nicht mehr weiter. Ungezogen nannten dich manche ältere Leute. Vorwurfsvoll schauten auch mir Leute entgegen.“

„Ich nähte und bastelte sehr viel kleine Kinderkleidung, aber auch Fa­schingskleider. Teilweise mochtest auch du Hexen. Vielleicht war es eine Manipulation von mir, doch du hast sie interessant gefunden und angenom­men. Du wolltest als eine Hexe verkleidet sein, vielleicht nicht gerade bei der Faschingsfeier im Kindergarten, oder du hattest dir noch keine Gedanken darüber gemacht. Ich nähte verschiedene kleine Blumenstoffe zusammen, mit zerfetzten Ärmeln und auch der Saum unten war zerfetzt im Zickzackmuster geschnitten. Dann gingen wir in den Wald und bastelten aus Geäst einen schönen Hexenbesen für dich. Am nächsten Morgen bemalte ich dein Gesicht, deine Haare bekamen rote und grüne Strähnchen und das Hexenkleid hattest du an. Du be­trachtetest die Aufmachung im Spiegel, begutachtetest sie und meintest dann: ‚So, und jetzt will ich eine Prinzessin sein.’ Tja, das ging nicht. Da konnte kein Hexenkleid mehr zum Prinzessinnenkleid verändert werden.“

„Du hast aber darauf bestanden, eine Prinzessin zu sein. Doch ich musste zur Arbeit und du in den Kindergarten. Wir mussten also los, ob Hexe oder Prinzessin. Als ich dich am gleichen Tage am Nachmittag abholen kam, erregten sich alle Kinder, die mir entgegen kamen. Sie fragten: ‚Ist Lena eine Hexe oder eine Prinzessin?’ Viele standen um mich herum und wollten eine Antwort hören. Ich musste nach einer Weile heimlich lachen und sagte: ‚Lena ist eine Prinzessin. Aber warum habt ihr sie denn nicht selbst ge­fragt?’ Alle schauten ungläubig drein, fragten mich dann aber nicht mehr.“

„Sogar die Kindererzieherin fragte flüsternd, was du denn nun eigentlich bist. Ihr erklärte ich den Verständigungsirrtum zwischen uns. Dann sah ich dich voller Kampfgeist im Raum mit dem Hexenkleidchen und dem Besen in der Hand. Ich erahnte einem heftigen langen Wortkampf, dem du ausgesetzt gewesen sein musstest, um klar zu stellen, dass du eine Prinzessin bist. Du wolltest auch den Kompromiss nicht eingehen, eine zur Hexe verkleidete Prinzessin zu sein. Es war schon etwas Außergewöhnliches in dir.“

Ich sehe die großflächige schwarz verbrannte Wiese wieder vor mir, nehme die Stille immer noch wahr. Die Stille, die die Geschichte der Vergangenheit jetzt völlig in sich aufsaugen will. Mir ist, als solle ich meine Geschichte weiter erzählen. Als solle ich sie erzählen, genau hier, auf dieser schwarz verbrannten Wiese, am rußigen Stein. Meine und Lenas Geschichte der Vergangenheit werden auf dieser Wiese gebraucht.

„Du warst noch etwas kleiner, als du bei mir vorne auf dem Fahrrad gesessen hattest. Du schautest nach oben in die Luft, hieltest deinen kleinen Zeigefinger hoch, weil du etwas entdecktest: „Da Enten, da oben sind Enten.“ „Nein, Lena, da oben sind Vögel. Oben sind Vögel. Vögel fliegen in der Luft. Enten schwimmen im Wasser.“ Ich fuhr weiter. „Da oben, Enten“, sagtest du „Nein, Vögel“, sagte ich „Enten“, „Vögel“, „En­ten“, „Nein, Vögel.“...

„Quak, quak, quak“, machte es ganz laut oben. Ich schaute hoch: „Ja, oben sind Enten“,  du hattest Recht, Lena.“

Meine Gedanken gehören der Erinnerung an Lena und mich. Ich erinnere mich vieler Erlebnisse. Alles ist meine Erinnerung, meine Sicht- und  Be­trachtungsweise, meine Teilerinnerungen geben nicht die ganze vollstän­dige Geschichte wieder, erst recht kein ganzes komplexes Leben oder eine komplexe Kindheit. Ich schreibe meine Erinnerungen auf, so, wie ich erlebte und wahrnahm. In der Hoffnung und mit dem Gefühl, das Gericht der Herzen existiert und arbeitet sich langsam sachverständig da hinein.

Nichts möchte ich selbst bewerten. Auch wenn andere Personen in diesen Erin­nerungen dabei gewesen sind, erzähle ich nur von dem mir selbst erlebten. Möglichst neutral, mit­fühlend, auch wenn etwas unfair gewesen war. Nur zwei Personen spielen eine Rolle in meinen Erinnerun­gen.

Lena und Eleonore.

Taten und Aktivitäten, Lebenseinstellungen anderer können schlecht und gut sein, ganz wie sie bewertet werden. Erst mit einer Bewertung fängt ‚Schlecht’, ‚Böse’ oder ‚Gut’ an. Doch ich schreibe meine Erinnerungen und Sichtweisen auf. Ich bin kein Gericht.

Ich selbst möchte vom Gericht der Herzen beurteilt werden. Es soll meine Erinnerungen und Taten analysieren und bewerten. Ein Gericht der Her­zen kann Fehler sagen und beurteilen. Für Liebe, Schutz, Sicherheit soll es sorgen. Fair urteilen ohne Gerechtigkeit anzugreifen.

Aber ich rufe manchmal aus, wie mir war und wie mir ist.

Als Mutter zweier Kinder war ich wohl die Person, die standhaft Verant­wortung tragen musste, strenger sein musste, oft verzweifelter war als viele andere agierenden Personen. Nicht immer lieben Kinder die Person, die die Sorge um sie im Herzen trägt. Noch schwieriger, die einzige Person zu sein, die gegen Probleme und Sorgen ankämpft, alleine ist, und viele andere erkennen alles nicht gleich so.

Ja, Lena hatte viel Angst, und wie war das mit der Angst? Ein kleines Kind bekommt Angst, wenn Eltern streiten. Wir stritten uns, Kario und ich. Die Urlaubsreise nach Jugoslawien damals sollte platzen, und wir hatten doch alle schon gepackt. Doch ich weinte, blieb sitzen und hatte die Schnauze voll. Meine zweijährige Lena schaute mich geduldig an: ‚Komm’, Urlaub. Wollen auf die Wiese gehen. Wollen Blumen pflücken. Komm’, Blumen pflücken.’ Ich hörte auf zu weinen, ließ mich von ihr ins Auto ziehen. Wir fuhren später los.

Ich schaue wieder auf die schwarz verbrannte Wiese, auf der ich sitze. Mich fröstelt ein wenig. Meine Klamotten sind feucht geworden. Die Turnschuhe nass, die hellblaue Jeans mit Ruß befleckt. Am schwarzen Kapuzenpulli scheinen sichtbar keine Flecke durch, doch auch er ist mitt­lerweile Klamm geworden. Ich sehe meine Nasenspitze. Sie hat einen schwarzen Fleck. Ohne es zu merken bin ich wohl mit meinen Händen über Wiese gestrichen und danach wischte ich mir ins Gesicht.  Meine Haare, die aus der Kapuze heraus durch den rußigen Wind wehen, sind schwarz geworden. Das blonde Haar hat einen schwarzen Schatten bekommen. Der Wind wirbelt weiter schwarzen Staub durch die Luft, und meine Gedanken sind plötz­lich bei wehenden Haaren. Bei einem kleinen Mädchen im Vorschulalter, dass auf ihrem Fahrrad saß, immer auf dem Deich entlang fuhr, und dessen blond gelockte Haare wirbelten im Wind. Nichts war verbrannt wie auf dieser Wiese. Nur die Sonne schien. Das war einmal. Immer auf dem Deich entlang. Der Deich war sehr lang. Wir fuhren. Er war natürlich nicht in Ungarn oder Jugosla­wien zu finden. Er lag vor der Nordseeküste Deutschlands. Dort wohnte eine meiner Schwestern mit ihrem Mann bevor sie ihr kleines erstes Töchterchen bekamen. Wir, Lena und ich, machten dort Urlaub.

„Alles hat zu arbeiten. Der ganze Körper arbeitet. Die Hände halten ganz lange die Lenkstange des Rades fest. Die Arme strengen sich zum Festhalten an. Die Füße müssen strampeln, dadurch bewegen sich die Beine ständig. Der Körper sitzt die ganze Zeit. Die Ohren hören immer und immer. Die Augen gucken stän­dig. Nur die Haare tun nichts!“

„Die Haare haben es gut. Sie lassen alle Bewegungen den Wind machen. Wehen hin, wehen her, nach hinten und nach vorne. Dann fallen sie wieder runter und bleiben still. Sie brauchen das nicht selber machen. Alles macht der Wind“, stellte das kleine Mädchen fest wäh­rend der langen Fahrradtour auf dem Deich.

Damals wurden wir am Ende der Urlaubstage an der Nordseeküste von Kario abgeholt. Wir brauchten also nicht mit dem Zug zurück zu fahren. Obwohl ich mich von Kario getrennt hatte, kam er. Wir blieben ein paar Tage zu dritt am Deich bei der Schwes­ter und dem Schwager, Tante und Onkel.

Beim Rückweg saßen wir wieder im alt bekannten Auto. Ein schwarzer Golf GTI. Ich fuhr nicht mehr so gerne Auto. Denn ich litt unter heftigen Angstzuständen. Sie ließen nach beim Fahrrad fahren auf dem Deich, beispielsweise. Sie wurden schlimmer beim Autofahren auf der Autobahn. Ich musste sie ständig unterdrücken. War verzweifelt deswegen. Im Auto bei der Rückfahrt waren sie ganz massiv. Ein Leichenwagen fuhr vorbei. Die Angstgefühle wurden schlimmer. Ich fühlte mich ohnmächtig. Ich hielt es irgendwann nicht mehr aus und fing an, die Augen zu zukneifen und mich von eine Ecke in die andere zu reckeln. Kario schrie: “Was ist das? Was machst du da ständig? Bleib’ doch mal ruhig sitzen! Du machst mich verrückt!“ „Ich habe Angst und das geht nicht weg. Ich kann nicht ruhig bleiben“, weinte ich und verkrampfte mich am ganzen Körper. „Wie lange hast du das schon? Und warum? Was ist denn das?“ – „Immer schon, lange, die ganze Zeit!“ – „Iss Pfirsiche, iss Pfirsiche, hier stopf das alles hinein!“ Ich biss in die Pfirsiche, ich weinte, ich verkrampfte mich so, bis ich davon müde wurde und einschlief.

„Du hast hinten im Auto ganz still gesessen, Lena, und zugehört.“

„Irgendwann wachte ich auf. Lag in meinem Bett in der neuen Wohnung Cyriaksring in Braunschweig. Du hast vor meinem Bett gesessen und aufgepasst. Wir redeten nicht mehr darüber. Ich wollte dir verbergen und verschweigen, dass ich so etwas hatte. Lange brauchte ich, um diese Zustände, diese Panikattacken, wieder los zu werden. Manchmal bekam ich das noch mit Hilflosigkeits- oder Ohnmachtsgefühlen als wir bereits an der Querumer Straße in Gliesmarode wohnten oder du schon in Lehrte bei der Pflegefamilie warst.“

„Oft kamen diese Attacken beim Autofahren auf der Autobahn über mich. Immer nach dem ich gelernt hatte, sie eine Weile los zu werden. Manchmal überfielen mich Angstzustände auf der Rolltreppe im Kaufhaus. Ich bekam immer dann Ängste, ich könnte ohn­mächtig werden, wenn der Augenblick äußerst unglücklich war.“

„Diese Attacken hätten sogar zu Unfällen führen können. Sie waren lebensgefährlich für mich. Ein wenig davon hast du mit Sicherheit mit bekommen. Es schaffte dir wohl Unbehaglichkeit.“

„Wir lasen Momo zusammen, du und ich. Anschließen malte ich dir Momo so wie ich sie mir vorstellte, und die Schildkröte. Du hast dane­ben gesessen und auch gemalt, erinnerst du dich.“

 

„Ich malte deinen Großeltern zusammen eine Geburtstagskarte. Sie waren gleich alt und hatten im gleichen Monat Geburtstag. Ich malte ganz viele Kerzen auf einen Tisch, die herunter vielen, denn sie passten nicht mehr alle auf den Tisch. Ich wollte damit auf ihr bereits erreichtes Alter anspielen.“

„Wieder einmal Urlaub machten wir getrennt. Ich und du, Lena. Getrennt war ich auch bereits länger von Kario, deinem Vater. Er wohnte nicht mehr in Braunschweig. Ich fuhr mit zwei Freundinnen nach Frankreich. Du selbst wurdest zu deiner Tante und dem Onkel nach Jever, wieder an die Nordseeküste, gebracht. Ihr erstes Kind war schon geboren. Als die beiden dem Unternehmen zusagten, fand dein Onkel das sogar ganz spannend, dich ein paar Wochen zu haben.“

„Bei der Tante, meiner Schwester, weiß ich es gar nicht so genau. Sie stand der Sache aber tolerant gegenüber. Und beide waren und sind ja Pädagogen. Du weißt es, Lena. Ich vertraute ihnen, und aus der Situation heraus, dass sie jetzt auch ein kleines Mädchen haben und ließ dich dort alleine Urlaub machen.“

„Mit meinem Schwager kam ich besser klar als mit meiner Schwester. Er nahm das Zepter ‚Kinderurlaub‘ in die Hand und hatte schon Programme für dich mit ihm und ohne ihm. Er erzählte, was er in Jever mit dir alles vorhatte. Er erzählte vom Kinderpiratenferien für Urlauberkinder und Einheimische.“

„Ich erzählte über deine Eigenschaften, die du so an dir hattest, die sie schon einigermaßen kannten. Sie kannten dich zwar, aber nicht von so oft her. Diese Schlüssel- oder Trotzsituationen trat dein Onkel, mein Schwager tolerant gegenüber. Er gab mir Sicherheit mit seinem Verständnis. Meine Schwester, deine Tante glaubte an eine schlechte Erziehung.“

„Erinnerst du dich noch, wir lasen Bücher von Mädchen, ungefähr in deinem Alter. Sie erlebten das Kriegsende hier in Deutschland und die Nachkriegszeit. Die Mädchen schrieben als erwachsene Frauen später über sich und über die Situation mit der sie klar kommen mussten.“

„Sie beschrieben alles sehr spannend, lebhaft und lustig in ihren Büchern.  Nun ja, die Bücher musstest du mit mir lesen. Ich manipulierte dich ja. Das eine hieß ‚Hauptsache jemand hat dich lieb’. Es heißt immer noch so. Ich glaube, es steht noch irgendwo im Regal bei mir. Vom anderen kenne ich den Titel nicht mehr. Es hat eine schöne Aufmachung. So wie ein älteres kleines Buch, blau, hellblau und dunkelblau das Cover. Vorne ein kleines Fensterchen. da­hinter ist ein Mädchen zu sehen, was hinaus schaut. Ein schöner Druck. Ein Buch mit Lesebändchen, Kapitelbändchen.“

„Ich las es vor dir, schrieb ein paar Zeilen an den Rand und in die Lücken des gedruckten Textes. Denn ich kannte aus Erzählungen deiner Oma, meiner Mutter, ihre Erlebnisse als Kind, die ebenfalls aus dieser Zeit sind. Die Erlebnisse deiner eigenen Oma sollten das Buch für die lebendiger machen.“

„Dies Buch gab ich dir erst, als du deinen ersten eigenen Urlaub mit deinem Onkel, meinem Schwager begonnen hattest. Dann hattest du noch ein Stofftierchen mit. Ich weiß nicht mehr was für eins. War wohl ein Kaninchen oder ein Hase. Es war weich und hell, farblich weiß. Mit diesen Dingen ließ ich dich bei der Verwandtschaft.

Fort war meine kleine Tochter. Ich setzte mich in den Zug und fuhr zurück. Drei Wochen sahen wir uns nicht. Hoffentlich denkt sie an mich und hat mich lieb. Sie hat ja das Buch bei sich. Hoffentlich hat sie schöne  Ferien. Hoffentlich verstehen mich die beiden, Schwager und Schwester, danach einmal besser. Vielleicht unterstützen sie mich bei der Erziehung, versuchen Hilfestellungen zu geben und kritisieren nicht immer mit ‚ach!’, wie meine Schwester das gerne tut. „Entschuldige bitte, Lena, aber sie tat es.“

„Hin und wieder telefonierte ich, mit meinem Schwager. Ich erinnere mich schwach. „Alles o. k.“, meinte er. Auch als ich in Frankreich war. Ich brauchte also nicht vorzeitig  zurück.“

„Dieser Urlaub neigte sich dem Ende zu. Die Zeit war vorbei. Wir trafen uns wieder, du und ich, in Jever. Was sagte der Schwager? Ja, leicht sei die Betreuung ja nicht gerade gewesen. Ungefähr sagte er, es wäre schon mit einer gewissen Schwierigkeit verbunden gewesen, Lena in die Kindergruppe der Piraten zu bringen. Erst vergaß sie die Butterbrote. Sehr oft wollte sie das oder jenes nicht haben. Dann wollte sie nicht mehr in die Gruppe. Ich musste sie regelrecht hinein drücken. Ich musste schon mal resolut werden, damit irgendetwas klappt und sagte: ‚Hier jetzt bleibst du und da machst mit!’ – ‚Lo­cker bin ich dann gegangen. Sie hat ein wenig Angst vor immer neuen Kindern. Aber da muss sie durch. Ich bin da ganz locker und konsequent vorgegangen. Stoffelig und trotzig ist sie ein wenig. Na ja, einfach war es nicht, aber es ging.’“

„Nun habe ich ja schon einige Angstquellen erwähnt. Aber so ein Mensch ist viel komplexer in sich. Angst und Vorsicht, immer wenn neue Kinder ins Spiel kamen, auch wenn du sie mit Abstand beobachten konntest: ,Eh ganz ungefährlich. Die tun doch nichts. Wag’ es, wag’ es, Lena, sperre dich nicht. Gib nicht auf.“

„Manchmal kam es zu Konflikten, nur weil du dich gerade so benommen hast, damit sie kommen. Vielleicht für die eigene Bestätigung? Wer weiß. Da nützten keine Erklärungen, die ich immer wieder versuchte. Ich hätte mich so über dein Vertrauen gefreut. Hättest du einmal meinen Worten geglaubt und ließest dich einfach leiten, einmal nur.“

„Vielleicht hast du es ja wenige Male gemacht. Nur gerade erinnere ich mich nicht. Ich erinnerte dich oft an das Fahr­rad fahren lernen und das Hinfallen auf dem Rad, nachdem der kleine Hund vorbeigelaufen war: ‚Siehst du, du musst doch manchmal daran glauben, und es klappt!‘ Dein Trotzkopf aber, der wollte nicht.“

„Sie wohnten schön, deine Tante und dein Onkel in Jever an der Nordseeküste. Wir blieben noch zwei Tage dort. Ich erinnere mich, wir saßen alle in der großen Küche und aßen. Ich merkte und hörte, es schien immer Ärger gegeben zu haben, weil deine Tante es nicht mochte, das dein dreckig weißes Stofftierchen mit auf dem Tisch saß und von deinem Teller essen wollte. Für dich war das ein Gewohnheitsrecht, was du wohl kontinuier­lich eingeklagt hattest.“

„Meine Schwester fand das unhygienisch, dieses schmuddelige Tier. Erst jetzt sah ich, dass dieses Tier innerhalb der Zeit tatsächlich schmutzig geworden war, nicht als ich es jeden Tag sah, und es immer nur ein wenig schmutziger wurde. Sie, meine Schwester, deine Tante, wusch doch aber sehr viel, auch Kindersachen, und auch deine. Sie hatte sehr viel Mühe mit dem Haushalt. Sie hatte es stets sauber. Doch weshalb sie das Tierchen, vor dem sie sich ekelte, nicht einfach mit in die Waschmaschine geschmissen hatte, um dem Problem Herr zu werden, und um sich nicht länger mehr länger darüber verbal zu äußern zu müssen, begriff ich nicht.“

„Deiner und meiner Person gegenüber benahm sich meine ältere Schwester sehr oft  respektlos.“

 

„Als wir eines Vormittages auf einem Spielplatz in Jever waren, du und ich, meine Schwester und ihre erste kleine Tochter, mochtest du keine Rollen mehr um eine Kletterstange herum machen. Das sorgte mich, weil ich wusste, du hattest nicht immer Angst davor gehabt. Du warst einmal so leicht und unvoreingenommen, voller Freude auf Spielplätze gewesen. Da sah ich vorher, wie gut du dort spielen konntest. Ich wusste, wie du dich als kleineres Kind mit Freude unbesorgt auf solch einem Spielplatz be­wegen konntest. Und plötzlich sah ich das anders. Umschwung, einfach ins Gegenteil ver­kehrt. Und nichts hielt dich auf, immer mehr ins Gegenteil zu lenken. Abzublocken, zu sperren anstatt zurück zu kommen und zugewendeter zu sein.“

„Ich wollte mich damit nicht abfinden. Ich wollte, dass du machst, was du vorher schon konntest. Ich wollte, dass du die Kletterstange hoch kletterst, an der Stange eine Rolle machst. Ich wollte dich dabei festhalten, aufpassen, damit du nicht runter fällst. Ich machte dir die Rollen vor, immer wieder. Ich sagte dir, es macht Spaß, sich so an einer Stange herum zu wenden. ‚Schau, es kann dabei nichts passieren, ich passe gut auf.’ Ich wurde streng. Ich befahl es dir: ‚Los, los, endlich, sofort! Mach es!’. Du sperrtest dich unbeweglich. Da war nichts zu machen. Ich war traurig.“

„Später beim Rückweg kritisierte mich meine Schwester deswegen, es seien halt nicht alle Kinder so begabt, und es läge nicht allen Kindern, so zu klettern und Rollen über eine Stange zu machen. Wie hätte ich dich nur so zwingen können. Ich erklärte ihr, dass das nicht immer so war. Aus­führlich und immer mehr erklärte ich. Doch meine Schwester, deine Tante und von anderen Kindern die Lehrerin, achtete nicht darauf, was ich erklären wollte und schwieg. Ich erklärte dennoch ganz ehrlich meine Hilflosigkeit. Erklärte wie du im Kleinkindalter alles hättest bewältigt ohne nachzudenken und plötzlich diese Angst. Ich erklärte, dass ich das nicht nachvollziehen konnte. Ich wollte dir ein Erfolgser­lebnis geben, damit du dich über dich selbst freuen konntest. „Ach, so ein Quatsch“, hörte ich meine Schwester sagen, und natürlich auch wie­der dieses: ‚Ach, … ’.“

Ich mache eine Pause und horche über die schwarzverbrannte Wiese. Wie fühlt sich ein Mensch, mit dieser Antwort, Gericht der Herzen?

Ich fühlte mich so, dass ich das meiner Schwester nie vergaß, dass ich genau in diesem Moment einen Gefühlsabschied von ihr nahm, in diesem Augenblick. Ich fühlte mich und meine Tochter abgewertet von der Pädagogin, der Schwester, die keine Gefühle zeigen konnte. Aber wie war dieser plötzliche Umschwung mit Lena zu erklären? Die Plötzlich nicht mehr machen wollte, was sie eigentlich schon konnte?

„Stei­gertest du dich immer mehr in deinen Trotz hinein? Gibt es bald immer mehr Absagen von dir? Absagen an das Leben, so empfand ich. Freude, Spaß, Spiel in Angst verwandelt? Du bist schon eine längere Weile ein Schulkind gewesen. Du wolltest nicht in die Schule, bevor du dort hinein gesteckt wurdest. Du befürchtetest, dass Kinder dich ärgern. Und weil es deine feste Ansicht war, sie würden dich ärgern, taten sie das. Sie merkten, du konn­test gut geärgert werden. Du träumtest von deinem Kleinkindalter, als dich alle mochten und beschützten. Als du in den Familien überall das einzige Kind warst und von allzu vielen Erwachsenen verhät­schelt wurdest. War das so, Lena?“

Warum lerntest du das überhaupt kennen?
Meine Schuld? Mein Unwissen?

Dein eigener Trotzkopf, der sich nichts sagen lassen wollte, aber es immer mochte, die Hauptperson zu sein, war er eine Veranlagung? Oder war er anerzogen? Von klein auf hattest du gelernt, eine bestimmte Stellung in der Gesellschaft zu besitzen. Die spürtest du nicht mehr intensiv genug. Sie war weg. Ein Grund, um das Leben aufzugeben?

Auch vorher schon als Baby war da etwas, ein starker eigener Wille, den hat die Gesellschaft nicht gemacht.

„Was ungefähr war und mit wem das zu tun hatte, spielte keine so große Rolle mehr wie die Frage: Wie sollte das jetzt weiter gehen? Wie könnten wir, wie könnte ich am klügsten handeln, damit wir beide glücklich werden. Ich versuchte viel. Ob alles immer richtig war, - weiß nicht. Aber vieles war richtig. Wie ich hätte besser handeln können, das wüsste ich jedenfalls auch heute nicht.“

„Liebe wollte ich dir geben, das weiß ich wohl. Lieben tat ich dich, das weiß ich auch. Ein eigensinniger schwieriger oft weinender Trotzteufel warst du, erinnere ich mich.“

„Liebe wollte ich dir geben, doch ich schimpfte mit dir.“

„Ein Freund zu der Zeit kochte für uns. Er kochte, was du wolltest. Er machte mit dir Hausaufgaben, so wie du wolltest. Er ging mit uns auf Eis spazieren im Winter, trug dich auf seiner Schulter, damit du nicht laufen brauchtest, mit acht. Dann machte er Spritztouren mit sei­nem Auto und uns. Du hast hinten im Auto wie eine Prinzessin gesessen. Irgendwann meinte mein Freund, Thomas, erschöpft zu mir: ‚Mensch ist das anstrengend mit deiner Tochter. Man macht doch alles, aber sie ist ständig unzufrieden.’ Ja, Lena, bist du halb­ großes Wesen denn hin und wieder ein Tyrann gewesen?“

„Doch zurück nach Jever zu deiner Tante und deinem Onkel. Da passierte noch etwas, als wir ein paar Tage als Gäste blieben. Nach dem Erlebnis auf dem Spielplatz, saßen wir zusammen im Garten ihres Hauses. Die kleine Tochter sollte in die dunkle Scheune gehen und einen Gegenstand holen. Sie schaute in die Scheune und ging nicht hinein. Sie schaute nach hinten zu ihren Eltern und zu uns, hilfesuchend, denn diesen Gegenstand könnten doch auch wir aus der Scheune holen. Ihre Körperhaltung dabei war wie deine, als du keine Rollen von der Stange machen wolltest. Aber was geschah da mit meiner Schwester, deiner Tante. Als die eigene Tochter Angst hatte?“

„Das kleine Mädchen weinte. Sie schrie. Sie wollte nicht alleine ins Dunkle gehen. Eine Befehlsverweigerung! Sie musste. Danach musste sie ein paar Mal üben, was sie vorher verweigerte. Sie musste so lange üben, bis sie aufhörte zu weinen. Hart war das! Meines Erachtens härter als mit dir an der Kletterstange. Denn ich ging mit. Ich stand davor. Ich wollte halten. Ich wollte erst für ein Gefühl der Sicherheit sorgen.“

„Am Abend desselben Tages waren Gäste im Hause meiner Schwester geladen. Da erzählte sie das Ereignis mit der Tochter und der Scheune ihren Gästen, ihren Freunden, ebenfalls draußen im Garten bei der Abenddämmerung. Sie endete die Erzählung über ihre Tochter so: ‚Und sie weiß ganz genau, dass sie das kann. Da kommt sie nicht mit durch. Da wird sie immer üben müssen bis sie ihr Weinen aufgibt.’“

„Oh, oh, ich hörte nur zu. Ich sah oft ein Gedankenbild. Zwei Bilder nebeneinander: Ich sah dich vor der Kletterstange stehen und sie vor der dunklen großen Scheune. Beide Mädchen ängstlich.“

„Ich trennte mich immer mehr still und leise von meiner Schwester. Sie war ein Schmerz. Sie schmerzte. Sie war so unbegreiflich. Du warst danach nicht mehr bei ihnen. Weder du, noch ich.“

Pause!!

„Weihnachten und Silvester waren wir immer in Solingen als du noch ein Vorschulkind warst. Kario nahm diese Solinger Feiertage immer, um alte Spuren seines Lebens wieder zu genießen. Um sich wieder einmal Heroin in die Venen zu Spritzen. In Braunschweig machte er das nicht. Das versprach er bevor wir heirateten. Er hielt sein Versprechen. So stark war er. Erst als wir uns trennten und er noch in Braunschweig wohnte, passierte es anders.“

„Ich weiß nicht, ob Heroin etwas mit Aggressivität zu tun hat. Auf jeden Fall fuhren wir diesmal Silvester heim nach Braunschweig. Wir kamen an und wollten gerade abbiegen, um in die angemietete Parkgarage zu fahren. Ein paar Jugendliche überquerten die Einfahrt vor uns. Sie gingen auf dem Fußweg entlang. ‚Prost Neujahr’ riefen sie. Sie wünschten auch: ‚Schönes neues Jahr!’ Ich freute mich darüber und wollte gerade antworten. Da sprang Kario aus dem Auto, drohte ihnen und wollte sie zusammen prügeln. Ich erschrak!“

Ein anderes gesellschaftliches Umgehen mit Menschen wünschte ich mir natürlich. Manche Reaktionen von Kario machten mich fassungslos. Ich fühlte mich unwohl. Ich fühlte mich oft asozial. Was ich aber sagen will, ist: Du, Lena, hast hinten im Auto gesessen, beobachtet und zugehört. Manches Mal bei solchen Auseinandersetzungen, solchen Ausbrüchen von Kario hast du zugehört. Sie waren auch dir nicht geheuer.“

„Deine Angst kann sehr vielfältig begründet werden. Und du hast unter massiven Konflikten gestanden. Oft wollte ich auch vieles nicht verraten. Aber welchen Sinn hat es, nur die Hälfte zu wissen? Nur das, was ein Kind eh schon mitbekommen hatte?“

„Wir wollten aber beide noch gut mit einander klar kommen, als wir uns trennten, Kario und ich. Wir halfen uns untereinander noch lange und akzeptierten uns. Kario war für mich trotz Trennung ein wertvoller Mensch geblieben, den es zu achten galt. Er war eben dein Vater. Deine Großeltern in Solingen habe ich noch lange geliebt. Dadurch entstand für dich eine ganz andere Situation als die von Johann, seinem Vater und mir. Johann, dein jüngerer Bruder.“

„Vielleicht kann Kario, dein Vater, ja mal vor dir bestätigen, dass ich o. k. bin, wenn er die jetzt gleich erzählte Geschichte noch kennt …“

„Wir wohnten in Braunschweig, Cyriaksring, ich und du. Dein Vater Gos­larsche Straße, hier in Braunschweig. Wir waren also schon getrennt. In der Nacht klingelte es eines Tages. Es klingelte solange bis jemand die Tür öffnete. Polizei war draußen, die Kripo. Kario kam ebenfalls rein. Sie haben ihm beim dielen erwischt. Nun durchsuchten sie uns mit Hunden in der Wohnung. Mich ganz heftig. Ich sollte mich ausziehen. Sie blieben lange und wollten dich schlafen lassen. Auf dich nahmen sie Rücksicht, etwas. Ich glaube nicht, dass du die ganze Zeit total geschlafen hattest.“

„Sie nahmen deinen Vater mit in die U-Haft, Rennelberg. Ich besuchte deinen Vater anfangs alleine, wollte dir nichts verraten, aber glaubte irgendwie doch, dass du da schon etwas wusstest. Ich wartete darauf, dass du eventuell fragen würdest und wenn nicht, wüss­test du halt nichts, aber du fragtest nie. Ich musste annehmen, dass du nichts davon wusstest, was in einer vergangenen Nacht geschah. Ich glaubte mir selbst nicht mit meiner Annahme. Ich weiß nicht, ob sie mich mitgenommen hätten, wenn Heroin in unserer Wohnung gelegen hätte, und was dann mit dir passiert wäre.“

„Kario hat sich in eine sehr schwierige Lage gebracht. Sie haben nicht wenig Drogen bei ihm gefunden. Geschätzt wurde noch mehr und das Finanzamt wollte Steuern für eine geschätzte Menge von Drogenhandel. Er wäre vielleicht irgendwann ein freigelassener Mann gewesen, aber wäre ein Leben lang aus seinen Schulden nie herausgekommen. Als ich die ersten Male Kario im Knast besuchte, war er nicht mehr wieder zu erkennen, ein gebrochener Mann, der alles aufgeben wollte. Ich besuchte ihn regelmäßig, brachte Früchte, Zigaretten und Geld, soweit gestattet war. Irgendwann verriet ich dir das Geschehene. Du warst nicht sonder­lich erstaunt. Jetzt kam es mir vor, als wüsstest du schon alles, was ich dir dann erzählte. Du warst verhalten. Aber du bejahtest, deinen Vater im Gefängnis besuchen zu wollen. Er war glücklich, dich zu sehen und sah zu der Zeit längst nicht mehr so mitgenommen aus wie die erste Zeit.“

„Vorher schenkte ich ihm ein halbes Leben zurück, indem ich draußen in der Freiheit wirklich alles erledigte, was ihn den Weg freischaufelte. Zurück in ein neues freies Leben, sollte es ihm gelingen, einen verhältnismäßig sanften Prozess zu bekommen. Auch deshalb konnte er wieder für sich kämpfen. Und in dieser Zeit lebten wir schon lange getrennt. Scheiden ließ ich mich während seiner Haftzeit nicht. Diesen Halt wollte ich ihm auch nicht nehmen. Ich denke es war einer.“

 

„Ich sammelte seine Freunde auf, die ihn besuchen sollten, aber mir auch halfen, ein Auto zu verkaufen, auf dem sich ein dicker Kredit aufbaute. Es war ein Einjahreswagen von VW. Jedes Jahr kaufte er ein neues Auto mit neuem Kredit und verkaufte das Alte, sodass die Schuld nie weniger wurde. Doch dass er seine Arbeit aufgeben musste und dieses Geschäft mit dem Autowechsel nicht mehr kontinuierlich weiter tätigen konnte, hätte ihm in Freiheit ein wachsender Kredit und ein verrottetes Auto Kopf und Kragen gekostet.“

„Seine Freunde sorgten dafür, dass das Auto technisch einwandfrei blieb. Ich veranlasste das, und sie machten mit. Ich putzte das Auto, damit es attraktiver wirkte. Doch wochenlang gab es keine Käufer, die auch nur so halbwegs die Menge zahlen wollten, um den Kredit zu tilgen. Also verkaufte ich das Auto erst ein­mal nicht.“

„Dann wurde ich abgebrühter am Telefon. Ich lernte es, Privat­leute und Autohändler gegeneinander auszuspielen. Dann fand ich eine Familie, der ich anbot, das Auto bei mir direkt zu kaufen, für die Summe, die der Autohändler aus Süddeutschland genommen hätte. Ich dürfte damit auch nicht handeln, da noch ein Kredit getilgt werden müsste, und so weiter.“

„Die Familie zahlte mehr als der Autohändler aus Süd­deutschland geboten hatte, der das Auto noch gar nicht gesehen hatte. Ich beschuppte sie sozusagen, aus einer Notlage heraus. Allterdings bevor die Familie das blitzblanke schöne Auto einer gut gekleideten Frau abkaufen wollte, musste ich schnell noch Karios Punkerfreunde im Kinderzimmer verstecken. Die durften die Käufer nicht sehen. Aber die Punker verstanden das auch und lobten mich anschließend. Denn besser, sagten sie, hätten sie das Auto nicht verkaufen können.“

„Kario staunte nur so, wie und für welches Geld ich das Auto dann los­geworden bin. Es machte ihm Mut. Das Geld wurde dem Kreditinstitut überwiesen. Doch damit war der Kredit längst nicht getilgt. Es stand noch eine sehr hohe Forderung auf Papier, mir ist die Höhe in Vergessenheit geraten.“

„Ich ging zur Bank und sprach immer wieder über die Ereignisse, und dass von uns zur Zeit wirklich keiner in der Lage ist, diesen Kredit abzuzahlen. Ich selbst brauchte für das Auto gar nicht mehr zahlen. Unsere Haushalte waren schon getrennt, auch behördlich war alles geregelt. Doch ich tat natürlich guten Willens vor dem Kreditinstitut. Ich log immer wieder. Ich er­schrak vor der noch offen stehenden Summe immer wieder und den wachenden Zinsen, die Jahr für Jahr hinzukämen.“

„Ich wäre eine allein stehende Mutter und in der nächsten Zeit absolut nicht arbeitsfähig. Bekäme auch keine Arbeitsstelle, nur viele Absagen, auch wegen des Kindes und meine befristete Halbtagsstelle würde die Summe auch nicht abbezahlen können. Brauchte ich auch nicht. Ich tat nur so. Meine Zeugnisse würden auch nicht so gut ausfallen, obwohl, das interessierte wohl keinen mehr. Der Autoeigentümer mit den zutreffenden Delikten wird voraus­sichtlich zehn bis fünfzehn Jahre einsitzen. So die Einschätzung. Er wird hoch verschuldet freigelassen und lange nicht in der Lage sein, diese Schuld zu begleichen. Da gibt es auch noch Steuerschulden, die Vorrang haben. Gläubiger und Schuldner werden sich gegenseitig zehn oder zwanzig Jahre das Leben schwer machen, wenn es keine vernünftige Lösung gibt. Wahrscheinlich muss die Tochter später eine Schuld des Vaters abbezahlen, wenn sie groß ist. Das will doch keiner. Was können wir nur tun?“

„Ein älterer Herr, ein höherer leitender Angestellter, gab mir diskret seine Visitenkarte und bat um Rückruf. Ich machte einen Termin mit ihm klar, um 10.00 Uhr, einen Tag später war ich deswegen wieder bei der Bank. Diesmal ging es bis ins zwölfte Stockwerk. Er wüsste auch nicht wie er mir helfen könne. Möchte es aber. Er dachte nur daran, ob vielleicht in der Familie Vater, Mutter, irgendwelche Tanten, Onkels oder Geschwister besser tituliert sind als wir. Die uns mit einer bestimmten Geldsumme freikaufen könnten. Das fragte mich der Banker. Doch das würde niemand tun. Und ich wollte nicht danach fragen.“

„Er erklärte dennoch weiter: Mit einer gewissen Summe Geld, die angeboten wird, um ein Familienmitglied zu helfen, könnte man mit der Bank in Verhandlung treten. Welche Summe da helfen könne und wer zahlen könnte, um alles wirksam über die Bühne zu bringen, wüsste er natürlich nicht. Wenn es keine Verwandten gibt, die das machen, könnte die Lösung sein, selbst zu zahlen, nur es über einen Verwandten abzuhandeln. Der Verwandte müsste einen gewissen Betrag anbieten. Er müsste deutlich machen, warum er für einen anderen eine gewisse Summe zahlen will, nämlich bzw.,  um Familie oder Verwandtschaft helfen zu wollen. Dann wird die Bank anfangen mit den Verwandten zu verhandeln. Die will natürlich mehr haben. Dann muss eine abrupte Absage kommen. Es muss gesagt werden, keinen Pfennig mehr, basta. Sonst kommt die Bank immer wieder und versuch mehr Geld für sich auszuhandeln. Nur wenn die Bank mit der angebotenen Summe einverstanden ist, dann müsse man einer Bestätigung verlangen und den Betrag überweisen. Das wäre eventuell die Mög­lichkeit, aus dem Dilemma heraus zu kommen. Ich oder der ehemalige Autohalter dürfen so eine höhere Summe Geld nicht besitzen und anbie­ten. Das wirkt nicht. Dann würde die Bank den Betrag verlangen und mehr haben wollen. So sagte er noch.“

„Ich verfasste einen Brief und überlegte mir die Summe von fünftausend deutsche Mark. Soviel hatte ich selbst noch aus Sparverträgen, die dein Vater und ich auflösten und aufteilten. Es war damit mein eigener Teil, den ich geben wollte. Dann rief ich meinen Schwager, deinen Onkel aus Jever an. Damit hatte meine Schwester nichts zu tun. Ein verhandeln zwischen ihm und mir.“

„Ich las ihm einen selbst formulierten Brief vor, den er schreiben sollte, und zwar an das Kreditinstitut. Das Geld, was er angeblich schenken möchte, um ein Familienmitglied zu helfen, würde ich ihm vorher überweisen. Er bekam noch ein paar Instruktionen. Beispielsweise sollte er sich nicht mit den Leuten von der Bank am Telefon unterhalten. Er sollte niemals mehr als die angebotene Summe zahlen wollen und erst zahlen, wenn eine Bestätigung daliegt, dass die Bank auf jede weitere Forderung verzichten wird, wenn die Summe überwiesen wird. Das funktio­nierte. Alles geschah, wie der leitende Angestellte es vorher beschrieb. Die Bank wollte noch mit deinem Onkel verhandeln. Er gab keinen Pfennig mehr und teilte mit, dass ein höherer Betrag nicht mehr in Betracht käme. Aus Kulanzgründen entschied dann das Kreditinstitut, deinem Vater die Kreditschuld sowie die Zinsen zu erlassen, wenn eine Betrag von fünftausend Deutsche Mark abgegolten ist. Die Bank war froh, diesen Betrag zu erhalten und alle anderen Unannehmlichkeiten, um an eine Geldforderung zu kommen, sparen zu können. Dirk war überglücklich, von der Schuld befreit worden zu sein. Und ich mochte Kario auf später nicht mehr fragen, ob er die von mir vorgestreckte Summe, die mein Teil aus gemeinsame Sparguthaben sind, zurück gibt.“

„Kario befand sich immer noch in U-Haft. Er sollte eine Lohnsteuernachzahlung wegen meiner Änderung der Steuerklassen bekommen. Ich wurde falsch beraten. Daraufhin ließ ich die Steuerklassen ändern. Die behördliche Beratungsstelle verriet mir nicht, dass die Änderung meiner Steuerklasse rückwirkend auf den Anfang des Jahres festgelegt wird. So bekam Kario noch einmal eine hohe Lohn­steuernachzahlung und konnte das selbst nicht ändern. Die Beratungsstelle verriet mir aber, als ich nach der Änderung wieder alles rückgängig machen wollte, weil es sich überhaupt nicht für mich lohnte, etwas mehr Geld zu bekommen, während Kario das sechsfache im Nachhinein zu zahlen hatte, dass Steuerklassen ein zweites Mal im Jahr nicht verändern werden dürfen. ‚Lassen Sie doch, Sie haben doch keine Schulden, nur der Mann, der im Knast sitzt’, riet mir ein Beamter und ich beriet ihn, wie er sich verändern könnte, für ein gutes eigenes Gewissen und für die Menschlich­keit und wie gut er sich damit fühlen würde. Bald standen drei Männer vor mir, denn ich musste immer eine Abteilung höher, um Rechte ein­zuklagen. Ich beriet alle ähnlich wegen Gewissen und Men­schlichkeit. Ich erklärte, ich bin in ihrem Hause falsch beraten worden. Sie einigten sich darauf, die Sache noch einmal rückgängig zu machen, gerade so eben nach langem Nachdenken. Und meiner Androhung, ich würde dieses Haus nicht verlassen bis etwas getan wird. Kario ist die Steuer­schuld losgeworden, und es gab noch viele Kleinigkeiten, die ich ihm abnahm.“

„Kario wurde wieder stark und sicher. Ich sah ihn voller Lebenslust im Knast. Er ließ sich auch rech­tlich gut beraten. Der Prozess endete für ihn relativ sanft, sanfter hätte ein Gericht nicht richten können. Unser Jugendberater, wir hatten einen, sah sich diesen Prozess ebenfalls an. Er war empört: ‚So ein schwaches Urteil für so einen bösen Menschen’, oder so ähnlich äußerte er sich. Zu diesem Jugendberater gingen wir nicht mehr. Denn dieser angeblich böse Mensch, der zu schwach verurteilt wurde, war ganz zufällig dein Vater. Also, was wollten wir bei so einem Jugendberater.“

„Hat dir dein Vater schon mal erzählt, dass ich o. k. bin? Frage ihn doch mal, was er dazu meint. Vielleicht erinnert er sich schwach an diese alten Geschichten.“

Lenas Vater sagte ich gestern noch am Telefon: “Weißt du, was Lena immer brauchte war, einmal ein o. k. zu hören. Jemand müsse sagen, höre mal, deine Mutter ist o. k. Das hat sie nie gehabt. Und Kario, du kennst ja auch meine Schwestern noch?“ „Ja, ich kenne deine Schwes­tern und die Verhältnisse noch“, sagte er.

Ich staune über das, was ich aus der vergangenen Welt noch weiß, öffne meine Augen und sehe, dass ich mich immer noch auf der schwarz verbrannten Wiese befinde. Ich muss wohl eingeschlafen sein.

 

Ich erinnere mich, dass sich Lena immer bei anderen Leuten über mich beschwerte. Sie beschwerte sich bei Freundinnen und deren Eltern mit einer guten Artikulation, wie schlecht ich war und wie sehr sie zu leiden hatte. Hier bei uns zu Hause, in Deutschland, ist es ziemlich einfach, als Kind, sich bei fremden Eltern zu beschweren. Fremde Eltern hier zu Lande, haben stets die Absicht, die besseren Eltern zu sein. Sie nehmen voreingenommen auf, was die Kinder anderer erzählen, um sich zu em­pören und ihren eigenen Kindern zu sagen, wie gut sie es bei ihnen hätten. Das ist so ziemlich Standard. Die helfen sich da nicht gegenseitig heraus, Gericht der Herzen. Sie meinen es nicht wirklich gut. Sie haben den Anspruch nicht, einem fremden Kind zu helfen. Sie kennen nur eine Meinung, bestätigen dem Kind ihr Mitgefühl, sorgen damit für eine stär­kere Spaltung und wissen nicht, was sie getan haben. Oder sie wissen, sie hatten jetzt die Gelegenheit, auch einem anderen Kind zu zeigen, wir sind besser.

„Gelernt hattest du, dich selbst darzustellen, als das Kind, das arme nicht verstandene Mädchen, das streng behandelt wurde, und böse war die Mama. Da gab es welche, die haben dich bekuschelt und getröstet. Und mich verachtet. Es ging dir gut dabei, auch noch mit dreizehn. Schein, Weihnachtsschein, Scheingut, Scheinböse, alles Schein, ohne Gegenlobby immer Schein. Besser wir hätten zusammen geredet, Lena, zusammen gehalten.“

„Die Vorwürfe, die ich hörte, versuchte ich zu erklären, hauptsächlich dir. Mich mit dir auseinandersetzen, daran lag mir viel. Doch dir schien die Rolle zu gefallen, die arme Kleine zu sein. Da war schon ein Machtapparat gegen mich. Doch was du selbst nicht überblicken konntest, er war auch gegen dich gerichtet, denn wir allein sollten ein Team sein. ‚Sie ist noch jung. Sie wird dich irgendwann verstehen, und merken, was sie tut‘, sagten öfter Freunde.“

Und die Wiese, auf der ich wieder sitze, bleibt schwarz verbrannt. Die Brandstifter dieser Wiese sitzen vor ihrem Weihnachtsbraten.

Ob sie noch an die Wiese denken?

Ich weiß nicht, ob meine Tochter ein Herz besitzt, besaß oder besessen hatte. Niemand anders darf da hinein schauen. Ich fühlte oft, wir saßen nicht zusammen in einem Boot.
(© Ilona Meschke 2006)


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