am elften Novembertag irgendwann
Frau Möller hatte Gesprächstermine für beide Eltern mit den Ärzten in der Klinik organisiert. Doch selbst wird sie nicht dabei sein. Bis die Termine kommen werden, wird Simon weiter Medikamente einnehmen.


Noch über eine Woche bis zu den Gesprächsterminen
eine lange Zeit, denn alles ist kein Kinderspiel

Am elften Novembertag irgendwann gehe ich wieder einmal mit Jan spazieren. Wir machen oft lange Spaziergänge und wir haben uns dabei eine ganze Menge zu erzählen. Einer erzählt immer ganz viel, über sein Leben, seine Tätigkeiten, seine Gedanken, mit denen der er sich gerade befasst. Auch über Aktuelles, aktuelle Geschehnisse. Die Gespräche sind gut. Wir brauchen sie. Ich meine sogar, alles hängt miteinander zusammen, wir brauchen die Spaziergänge und die gegenseitigen Erzählungen aus den verschiedenen Welten. Keine gute Unterhaltung ohne Spaziergänge. Keine guten Spaziergänge ohne diese Art von Unterhaltung und das Miteinander. Ein Programm, was wir uns geben und gaben und nur wir. Mit anderen oder alleine ist es dann wieder anders.

Wir gehen oft nicht nur so bürgerliche Wege. Wir gehen die morschen Gleise entlang, betrachten die überaus großen rostigen Schrauben, mit denen die Schienen befestigt sind, und das auch bei kaltem Wetter sich warm anfühlend, verwitterte, angefressene Holz darunter. Ganz hinten laufen die Gleise weiter auf einer Böschung entlang. Schafe weiden dort. Da ist Privatgrundstück. Hier können wir nicht weiter gehen. Die Gleise enden an einer alten Brückenruine. Unter der Brückenruine fuhr auch einmal ein Zug. Die Gleise sind heute noch im Betrieb, für eine bekannte Autowerkstatt und für Personenzüge näher gelegener Ortschaften.

Doch wir gehen weiter, klettern die Böschung hinunter und landen auf einen bekannten Weg, der wieder zu unserem Ort führt. Vor uns der kleine Fluss, dahinter wieder die großen grauen Speicherhäuser. Sind die grau? Oder ockerfarbig? Rechts davon biegen wir ab und kommen wieder auf andere Bahnschienen, total zugewachsen. Links gehen wir jetzt die Bahnschienen entlang, damit wir später die Speicherhäuser besser betrachten können. Wollen wir? - Erst einmal müssen wir über eine kleine Brücke, die einmal als Überfahrt für die Bahn da war. Ein altes, verbogenes Geländer bietet sich zum Festhalten an.

Wir gehen weiter die Schienen entlang. Die Natur hat hier einen Tunnel gebaut. Erstaunlich, rechts, links und oben ist alles bewachsen. Über uns alles zugewachsen, schattig und dunkel ist hier ein langer Tunnel. Der Naturtunnel ist so gewachsen, dass wir mit unserer Körperlänge ungebeugt entlang schreiten können. Einen Moment gehen wir so. Dann sehen wir Licht. Das üppige Gewächs hat sich an dieser Stelle irgendwie davon gemacht, vielleicht per Menschenhand und wir stehen immer noch auf den bewachsenen Gleisen, aber voll in der Sonne. Wir betrachten die alten ungebrauchten, leer stehenden, zeitlosen Speicherhäuser von uns noch weit entfernt und wissen doch, nahe dran wirken sie unheimlich. Doch wir einigen uns und gehen näher ran. Auch Jan staunt darüber, wie bombastisch diese leer stehenden Häuser sind. Ganz einfach in ihrer Form, an einer Seite viele Fenster, ein Dachfirst mittig gesetzt, hinten oft nur Mauer mit Ladevorrichtung. Es gibt acht Stück dieser Exemplare nebeneinander, eines ohne Fenster, ganz ohne. Und wir stehen jetzt zwischen zweien dieser Monster, dicht davor, schauen hoch bis zum Dachfirst. Ich glaube es nicht. Unten ist Wiese, alles ganz normal, ein bisschen geschoren, vertrocknet, ein sandiger Untergrund lässt nur noch eine Art Trockenwiese entstehen. Ganz weit hinten erst wieder die Bäume. Oben der endlose Himmel, jetzt ganz blau, ein merkwürdiger Kontrast.

Aber diese bombastischen Häuser stehen da. Sie erscheinen so unecht hingestellt. Keiner braucht sie mehr, und doch sind sie da. Schweigende Mauern, die etwas sagen, ganz viel sagen und doch nichts verraten, - unfreundlich. „Die sind doch nicht wirklich da, Jan, oder? Als hätte sie jemand hier hergestellt, um uns zu ärgern, um uns zu zeigen, wie hämisch, still und schaurig die Welt sein kann.“ Ich nehme Jan an die Hand: „Komm, wir gehen!“ Wir gehen wieder über die Wiese. Die Speicherhäuser jetzt im Rücken. Ich ziehe Jan etwas nach vorne zurück zu den Gleisen, schaue mich hin und wieder um, um zu sehen, in welcher Größe wir die Monster jetzt sehen können. Wir können gehen. Die sollen bleiben. Über eine alte, verlassene und abgewirtschaftete Apfelplantage gehen wir weiter. Hier halten wir uns länger auf.


Über die Gespräche
in der Kinder- und Jugendpsychiatrie von K

Ich bin zu Hause angekommen. Es ist kalt geworden. Ich stelle die Eichenholzzeitmaschine an. Sie ermahnt mich: „VERSPÄTUNG sechsundachtzig Minuten!“. Ok, ich hole ein paar Akten heraus und schreibe meine Geschichte weiter. Ich sehe mich wieder in der Eichenholzzeitmaschine und überlege. Wie viel Hoffnung hatte ich? Ich hatte Micha, der noch anruft. Ich hatte Erik. Ich hatte Herrn Tannen, und vielleicht darf er Simon besuchen. Vielleicht spricht er auch ein wenig mit Frau Mull und bewirkt etwas. Ich hatte Simon. Simon ist stark. Ich hatte die Briefe weggeschickt, die bald gelesen werden. Ich hatte mich und ganz viele Wege. Ich wurde doch immer wieder hilflos, panische Beunruhigung plagte mich zwischendurch und ich weinte verzwifelt. Aber meine Träume gaben mir immer wieder Hoffnung und mitten drin saßen Simon und ich. Ich träumte von Wegen, die hinausführten. Ich wusste, alles hat irgendwann einen Sinn und es wird alles wieder gut.

Ich schaue in die Eichenholzzeitmaschine. Wieder lese ich im Internet und finde allerhand über psychische Krankheiten, Diagnoseunterlagen und über Vorschläge und Vorgehensweisen, wie diagnostiziert werden kann. „Die Zusammenarbeit mit den Eltern von Minderjährigen ist stets gefragt und gilt als ganz wichtiger Punkt, zumindest in diesen Unterlagen, ausgearbeitet von PsychiaterInnen und SozialarbeiterInnen.“ Aber, Moment Mal. Das erklärte ich schon.

„Simon wurde in dieser Anstalt unter Aufsicht des Jugendamtes anders behandelt“, kritisiere ich trotz allem noch mal und schreie meine Eichenholzzeitmaschine deswegen an. Sie schweigt und ist beleidigt oder schweigsam wie eine Mauer. Ich drehe an ihr weiter herum, lese noch einmal über psychotische Verhaltensweisen bei Kindern und Jugendlichen. Aber das kenne ich schon. Sie brauchen nicht mit Medikamenten behandelt zu werden, eine Analyse der Ursachen wäre angebrachter. Die Ursache müsse Simon verstehen lernen, auch seine Verhaltensweise solle er verstehen und selbst kontrollieren. Aber danach fragt keiner. Sie wird willkürlich von den Ärzten, den weiblichen Ärzten im Krankenhaus anstaltshaft definiert. Verschiedene Behandlungsmethoden sind möglich, lese ich. Das Jugendamt hätte in diesem Fall die Aufgabe, die beste und preisgünstigste für Simon zu suchen, denn sie haben das Sorgerecht, die wichtigsten Teile an sich genommen. Was brauche ich noch für den Gesprächstermin im Krankenhaus?

Der Gesprächstermin ist gelaufen und Enrico ist stolz auf mich: „Wie hast du nur mit der Ärztin geredet. Du hast berechtigte kluge Fragen gestellt, bist immer höflich gewesen und wolltest einfach nur Verständnis und Dialoge. Gut, dass du gleich zu Beginn der Unterredung sagtest, wenn Simon tatsächlich eine Psychose hat, wärest du die letzte, die das ignorieren wolle, denn du wärest auf seine Gesundheit bedacht und möchtest eine richtige Behandlung. Nur, verstehen und entdecken möchtest du sie dann auch.“ Enrico ist potenzieller Zeuge für das Jugendamt, falls notwendig. Die Ärztin hörte mich nicht lange. Sie verschwand bald mit den Worten: „Wir wissen schon, was wir tun.“ Und trug Frau Mull auf, das Gespräch weiter zu führen. Das war die Kooperation, die man mir versprach. Die Ärztin verdrückte sich. Sie hatte nicht vor, eine Antwort zu geben. Sie hatte nicht vor, Menschen Vertrauen und Sicherheit zu geben, einfach etwas zu erklären. Frau Mull war der Ansicht, das langsame Ausschleichen lassen von Medikamenten, damit man sehen könne, ob es Simon damit besser gehe, oder er eventuell wirklich eine Psychose habe, sei eine unzumutbare Quälerei für Simon und eine unmögliche Forderung von mir, obwohl das der Rat eines Psychiaters war. Hier in der Anstalt erreichte ich am wenigsten.

Frau Möller rief mich nach dem Termin an und erkundigte sich, wie es denn so gewesen sei. Wir hatten Dispute am Telefon, nicht so richtig, aber sie hörte, dass die Situation sich dadurch nicht verbesserte. Erik half mir jetzt, indem er ganz persönlich mit Frau Möller sprach.


Ich muss an die Frau Möller ran. Ich schrieb ihr: - Sehr geehrte Frau Möller, seit letztem Wochenende versuchte ich mehr über Psychosen, Gruppen von Schizophrenien, endogene Psychosen und Hebephrenien zu erfahren und lese Bücher. Aber Simon kann ich darin nicht erkennen.

Anliegend erhalten Sie meine Erklärung über Simons Verhalten, wie ich es verstehe, die ich der Psychologin und der Ärztin vom Landeskrankenhaus ebenfalls hinterließ, als ich den gestrigen Termin im Krankenhaus wahrnahm.

Glücklich ist das Gespräch für mich insofern verlaufen, da im Krankenhaus längst nicht von einer Psychose geredet wird, was ich aufgrund der Medizin, die Simon verabreicht bekommt, befürchtete. Sie reden von einer psychischen Störung. Doch inwieweit es normal ist, dass ein Dreizehnjähriger in dieser Situation mit seiner eigenen Mütze unterhält, nachdem er wahrscheinlich auch irritiert ist von der Klinik, da trennen sich die Geister. Klar ist nur, das habe ich erfahren, es wird mehr und mehr eine ganz persönliche Meinung, egal ob Psychologen, Psychiater reden oder Nichtfachleute.

Für mich ist Simons Verhalten überhaupt nicht bedenklich, solange er real doch noch weiß, was er tut. Die Fachleute im Krankenhaus konnten mir leider nicht sagen, woran sie merkten, dass Simons Trostgerede mit seiner Mütze, eine Eminem-Mütze, unbewusst passierte oder ob er sich einfach nur in den Traum hineinversetzte, so mit Eminem reden zu können.

Das Gespräch mit Frau Mull war für mich unbefriedigend. Ich weiß, Simon bekommt seit einer Woche Solian verabreicht und noch andere Dinge, die Frau Mull mir nicht gesagt hat. Was danach passiert und wie seine Therapie im Krankenhaus abläuft, habe ich ebenfalls nicht erfahren – nicht konkret und nicht im Detail.

Ich schließe mich den Fachleuten an, bei denen ich mich erkundigte, und die eine Medikation in diesem Falle bedenklich finden. Sie gaben mir den Rat, mich da einzumischen. Doch finde ich kein Gespräch und kein Vorwärtskommen. Ich trage die Verantwortung mit, denn ich half in meiner Not, Simon in die Klinik zu bringen. Nun stehe ich noch mehr „im Dunkeln“ als zuvor. Erst wurde gesagt, warum sollte Simon Medikamente bekommen? Er wird dort therapiert, und die Lösung ist in dieser Situation die bessere. Er findet dort Ruhe. In der Klinik wurde von Frau Mull gesagt, nur für den Fall, wenn Simon „total verrücktspielt“ und andere bedroht, würden ihn Medikamente verabreicht, und das erklärt die Psychose-Mittel nicht. Er hat keine Psychose, bedroht keinen, spielt nicht mehr „verrückt“ und bekommt weiter Medikamente.

In diesem Moment sehe ich kein Vorwärtskommen und keine Zukunft mehr für meinen Jungen. Man hat ihn einfach lahm gelegt und keiner sagt, was danach ist, was sein könnte oder geplant ist. Wann kann Simon in eine normale therapeutische Einrichtung oder in eine Schule, wo er doch eigentlich hingehört?
Herzliche Grüße, - Ilka Hölzer


Die Klinik ist eine Anstalt, eine menschenrechtslose. Wir wissen ja alle, es ist nicht immer innen drin, was draußen dran steht. Es sind bereits drei Wochen seit der Einlieferung vergangen. Seit zwei Wochen nimmt Simon Medikamente, trotz gut begründeter Bedenken und diplomatischer Nachfrage, worden nur Blockgarden errichtet. Was kann ich bloß tun?

Ein Brief schnell noch an die Rechtsanwältin, denn, wie gesagt, nichts bleibt unversucht: - Anliegend erhalten Sie Schreiben, gerichtet an das Jugendamt und die Klinik.

Simon hielt dem ständigen Wechsel zwischen Mutter und Vater nicht stand. Er schwankte zwischen Depressionen und Aggressionen. Der Vater fing Simon beispielsweise bei mir zu Hause ab und brüllte ihn massiv vor seinen Freunden aus, weil sein Handy defekt war und wegen anderer Kleinigkeiten. Es war aber vereinbart, dass, wenn der Junge bei mir ist, der Vater Kontaktaufnahme versuchen darf. Ständig tat er es aber. Er hielt sich nicht an die Vereinbarungen mit dem Jugendamt, was keine Konsequenzen daraus zog.

Nach diesem Akt, der Schelte vor den Freunden, schämte Simon sich. Er versteckte sich in der Wohnung, ging sehr aggressiv mit Gegenständen um und klappte in sich zusammen. Ich hatte schon öfter Sorge um Simon, dass er mir zusammenbricht, und sorgte zusammen mit dem Jugendamt dafür, dass er in die Klinik kommt.

Er sollte Ruhe finden und therapiert werden. Eine Einnahme von Medikamenten sollte nicht stattfinden. Doch inzwischen bekommt er eine Medikation vor der ich noch mehr Angst habe und die meiner Ansicht nach nicht genug begründet ist.

Ich möchte für meinen Sohn eine Unterkunft bestimmen, zu der ich mehr Vertrauen habe. Gibt es in solchen Fällen nicht irgendwelche beschleunigenden gerichtlichen Maßnahmen? Oder vielleicht ein einstweiliges Sorgerecht für einen Elternteil bis zur gerichtlichen Entscheidung? Bitte prüfen Sie das doch einmal, was sich machen lässt. Vielen Dank, - Ilka Hölzer


Endlich lädt Frau Schweiger, die Gerichtsgutachterin, zu einem Erstgespräch ein. Ich erkläre ihr am Telefon noch einmal, wie wichtig es inzwischen geworden ist. Sie gibt mir einen Termin gleich in ein paar Tagen des Anrufes.


Zaubermedikamente helfen
Die ständigen Versuche,
mit Simon in Verbindung zu treten

Damit die Medikamente nichts Schlimmes anrichten, können nur noch stärkere Mächte helfen. Ich fahre in die Stadt, kaufe in einem Fischladen ein, - Fisch natürlich. Gerade habe ich alles eingepackt, gehe zu meinem Fahrrad, um es aufzuschließen, um nach Hause zu kommen. Da steht Gabriela vor mir: „Frau, Deine schönen Augen gucken betrübt. Frau, Du hast einmal zwei Männer geliebt. Frau, doch es gibt jetzt einen, der steht zu Dir.“ Ich stehe immer noch vor dieser Frau. Ja, zweimal war ich verheiratet. Jetzt habe ich Enrico und glaube an ihn und unsere Beziehung. Das Fahrrad habe ich aufgeschlossen. Ich sehe die schöne junge Frau an mit ihrem langhaarigen schwarzen Haar. Ich lächelte sie an, gebe ihr ein Fünfmarkstück und will los nach Hause. Doch Gabriela wiederholt diesen Spruch mit einem neuen kurzen Satz, den sie an den Schluss des Verses hängte, den sie so schön gesagt hat: „Frau, Deine schönen Augen gucken betrübt. Frau, Du hast einmal zwei Männer geliebt. Frau, doch es gibt jetzt einen, der steht zu Dir. Frau, ich weiß, Du hast ein Kind verloren.“

„Nein!“, rufe ich aus mir heraus, „Er ist im Krankenhaus, nur im Krankenhaus. Er lebt noch!“ Die südländische hübsche Frau, die Gabriela heißt hat auch schon zwei Kinder, zwei Mädchen. Ich schließe mein Fahrrad wieder ab und gehe mit ihr ein Stück. Wir setzen uns auf eine abgelegene Bank und essen Eis. Sie kennt eine Menge sinniger passender Zaubersprüche und fragt, was ich mir wünsche. Es tut gut, mit ihr unterwegs zu sein, ich erzähle meine Wünsche. Sie liest mir aus der Hand. Sie gibt mir eine Wurzel. Ich rieche daran. Die Herzschmerzen und meine Nervosität verschwinden plötzlich. Gabriela sagt noch einen Zauberspruch und verschwindet ebenfalls. Eine Weile noch bleibe ich auf der Bank sitzen. Ich fühle mich einfach wohl. Ich wünsche ihr ganz viel Glück im Leben. Welcher Therapeut hätte besser therapieren können als Gabriela? Ich bleibe noch eine Weile auf der Bank.

Die Wurzel in den Händen tut mir gut. Ich rieche daran, aber nicht so viel. Ich sitze immer noch auf der Parkbank und erinnere mich. Simon hatte damals, als ich die Tasche mit Enrico ins Krankenhaus brachte, in der nicht nur Klamotten und Gebrauchsstücke waren, sondern auch Geschenke, die Geschenke von mir zerrissen und zerstört, so wurde mir gesagt, weil er mich gerade hasste, denn ich brachte ihn ja in diese Klapse. Auch ein Tagebuch war dabei gewesen. Jetzt möchte ich ihm ein neues kaufen, denn das Alte könnte zerstört worden sein. Er ist hoffentlich nicht mehr sauer auf mich, denn Frau Mull, die Schwestern und Krankenpfleger versprachen, mit ihm darüber zu reden. Und das soll auch so bleiben. Dafür muss ich sorgen, fällt mir so ein, während ich auf der Bank sitze. Es sind nicht die Ärzte, die es für nötig halten, zwischen mir und ihm eine situationsbedingte zerbrochene Verbindung wieder herzuschaffen. Deswegen verdränge ich sie schnell meinen jetzt so wohligen Gedanken.

Ich werde ein schönes Tagebuch kaufen, die Hälfte der Wurzel in eine Ecke kleben. Wenn Simon das Tagebuch öffnet, wird ihm genauso wohl zumute, wie mir gerade ist. Ich stehe auf. Ich bin ja noch mitten in der Stadt, nahe bei Karstadt. Ich nehme mir Zeit und suche das für ihn beste Tagebuch aus. Zuhause schreibe ich einen Zauberspruch in eine Ecke und auch, dass Liebe stark macht. Vorsichtig klebe ich die Ecke zu und male ein hauchdünnes vierblättriges Kleeblatt auf die zusammen geklebte Ecke, in der jetzt die andere Hälfte der Wurzel ist.

Ich nehme eine Tafel Schokolade mit und fahre in die Klinik. Ein Krankenpfleger, der mich schon kennt, nimmt die Geschenke für Simon unverpackt entgegen. Er ist freundlich und lacht: „Das finde ich ja stark. Simon wird sich bestimmt über die Sachen freuen. Ich muss das noch genehmigen lassen. Aber das wird schon klappen.“ Schön, dass ich diesen Krankenpfleger getroffen habe und ihm die Dinge anvertrauen konnte.

Seit längerer Zeit fühle ich mich wieder richtig wohl. Ich nehme mein Fahrrad und fahre wieder neunzehn Kilometer nach Hause. Das macht die Hoffnung in mir. Für immer und ewig dürfen die uns nicht missbrauchen. Während der Heimfahrt suche ich mir noch ein Pausenplätzchen, eine schöne bunte Wiese vor einem kleinen Dorf, das zwischen der Klinik und meinem zuhause liegt. Ich nehme ein winzig kleines Stoffbeutelchen lege die Wurzel mit allen besten Wünschen meiner liebsten Menschen, die mir in dieser Situation stets geholfen haben, hinein und hänge das Beutelchen mir um den Hals. Von jetzt an schlief ich damit, erwachte damit und verbrachte meinen Tagesablauf damit. Es ging mir gut damit.

Wir haben den elften Novembertag irgendwann und auch ich lege mich jetzt ins Bett. Diese Speicherhäuser! um ehrlich zu sein: Ich war nur ein einziges Mal so nahe dran. Sonst betrachte ich sie oft aus einer gewissen, ganz unterschiedlichen Entfernung.
(© Ilona Meschke 2008)

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