am zwölften Novembertag irgendwann
Früh am Morgen ist mir klar, ewig kann Simon nicht in der Klinik bleiben. Nie wieder passiert, was passiert war. Das Jugendamt muss Simon endlich herausholen? Was wird danach passieren? Wann gibt es das Sorgerecht? Sie müssen sich jetzt entscheiden und mich aufklären! - Logisch.


Nur Mut, bald wird alles Schreckliche vorbei sein.
Wir werden durchkommen
Wir werden es schafften!
Auch, wenn es immer noch weh tut.

Am zwölften Novembertag irgendwann liege ich am Morgen wach im Bett. Ich habe da etwas gehört. Ein lautes Knallen wie Krieg oder Bomben? Meine Fenster sind geöffnet. Ich schlafe in der Nacht gerne bei geöffneten Fenstern. Ich sehe Herbstblätter fliegen. Wieder einmal durch die geöffneten Fenster kommen sie und fliegen in meiner kleinen Wohnung herum. Aber jetzt höre ich es wieder. Es knallt und kracht. Etwas stürzt in sich zusammen. Aber das kann doch nicht sein. Es ist ganz nah. Es wird gesprengt oder bombardiert. Und das ziemlich nahe an meinen Fenstern. Draußen ist mein Garten. Die Nachbarhäuser stehen dort und hinten herum ist eine kleine Straße. Wieder knallt es. Ich verstehe das nicht. Doch höre ich es eine ganze Weile.

Ich weiß, es gibt Krieg in der Welt. Es gibt an verschiedenen Orten mehr als fünfzig Kriege weltweit. Meistenteils ist der westliche Teil der Welt, also wir, eng damit verbunden, obwohl der Krieg nicht bei uns vor der Haustür stattfindet. Gerade ist Krieg im Irak und in Afghanistan. Ich weiß, wenn die es schaffen und stark genug sind, kommt der Krieg zu uns zurück, schon allein, weil wir uns dem gemachten Krieg nicht konsequent entzogen haben, auch wenn unsere Regierung angeblich sich dagegen aus gesprochen hat, zumindest teilweise. In irgendeiner Form kommt er sicher zurück, denke ich, kenne aber die harten Diskussionen darüber, also auch hier Zersplitterung in unserer eigenen Bevölkerung. Noch viel schwächer macht mich die Situation, wenn ich jetzt daran denke, meine Allerliebsten haben Krieg, sehr oft, denn wir diskutieren hart über Kriege, aber auch über die eigenen Kriege, Familie, Jugendamt, Psychiatrie und dergleichen.

Auch damals hielt es Enrico nicht mehr lange mit mir aus: „Wer bin ich noch für Dich? Siehst Du mich noch? Ich verstehe Deine Situation, aber haben wir noch eine Beziehung zusammen?“ Ich höre seine Vorwürfe. Ja, doch, er gab sich viel Mühe, und ich war so verzweifelt. Nein, er verließ mich nicht, nicht weil ich Probleme hatte. Aber er hatte es schwer. Ich wusste, ich war diejenige, die sich jetzt von ihm verabschieden musste, denn ich war nicht in Lage, ihm zu geben, was er brauchte. Er hatte ein Recht auf Freiheit, Leben und Liebe, die ich ihm nicht geben konnte, nicht in dieser Zeit. Ich löste die Verbindung auf und eine Weile verloren wir uns ganz aus den Augen.

Auch die jetzige Beziehung mit Rainer bröselt: „Dein Sohn, ja, dein Sohn, und ich? Bin ich dir eigentlich gar nichts mehr wert? Dann sehe ich einen drogensüchtigen Siebzehnjährigen, denn er wird so alt noch werden. Einer, der sich eine Hülle um sich herum bauen wird, in die ich nur manchmal ganz lieb und ganz zärtlich hineinkommen kann. Dann ist er auch lieb und wir können reden. Bald darauf aber wird er sich wieder einigeln wollen, denn bis dahin lernte er nichts anderes.

Jetzt kracht es wieder draußen. Ich schaue aus dem Fenster und sehe nichts. Ich frühstücke und fahre zur Arbeit, in einen Nachbarort zum Bioladen mit dem Fahrrad. Durch die Aue, vorbei an den Flüssen, vorbei überall. Ich war sehr in Gedanken. Fast habe ich während der Fahrt nichts gesehen, kann mich nicht mehr an die Speicherhäuser erinnern, während ich dort vorbeifahre am zwölften Novembertag irgendwann.

Selbst zaubern für Kraft,
Hoffnung und Harmonie,
und für den guten Willen der anderen

Nach der Arbeit am zwölften Novembertag irgendwann, stelle ich, zuhause angekommen, wieder die Eichenholzzeitmaschine ein. Diese zeigt mir inzwischen den ersten Juni und Simon sitzt immer noch in der Klapse. Ich sehe, die Welt drängt nach Veränderungen, nicht nur heute. Und nicht nur Gabriela kann zaubern und wahrsagen. Ich auch. Ich sehe mich zaubern.

Am ersten Juni irgendwann zaubere ich selbst. Schon seit einiger Zeit sammele ich Spitzwegerich, das Totem von Simon, so steht es im Indianerbuch. Spitzwegerich ist unverwüstlich wie Simon. Er fängt ganz früh im Jahr an zu wachsen wie Simon. Er ist im Februar geboren. Spitzwegerich hört vor dem ersten Frost nicht auf zu wachsen. Genauso wie Simon. Er hat bis jetzt die schlimmsten Erlebnisse überstanden wie sein Spitzwegerich.

Große starke Pflanzen, die viel Platz und Sonne zum wachsen hatten, ziehe ich mit Wurzel aus der Erde oder ich pflücke die Blätter. Ich rieche an der frischen Wurzel. Oh, es gibt noch viel davon. Kleine zarte Pflanzen, wie Simon noch einer ist, entdecke ich auch. Alle liegen sie inzwischen in seinem Zimmer, manchmal vor sein Fenster gehängt, oder im Garten, dort, wo er sich am meisten aufgehalten hat. Gepresst, getrocknet, wie auch immer. Mit mir zusammen warten alle Pflanzen auf ihn. Den guten Willen der anderen werden diese Pflanzen stärken.

Ich drehe und schiebe an der Eichenholzzeitmaschine herum. Dann sehe ich mich wieder einen Brief schreiben, adressiert ans Jugendamt. Schließlich vergehen sechs oder acht Wochen auch einmal. Ewig wird Simon nicht in der Klinik bleiben können. Welchen Aufenthalt darf er genießen? Was wird geplant? Schließlich haben wir genug erlebt. Die Klinik Herdecke war auch bereits angesprochen worden. Und Ärzte scheinen manchmal dümmer zu sein als Menschen, denn Verbote finden Lücken. Die Krankenpfleger dürfen nur über Simons Wohlbefinden berichten. Die Psychologin hat auch ihre Einschränkungen bekommen, indem sie nur über ihre Arbeit spricht. Die Ärztin, der weibliche abgeklärte Arzt, muss mir jetzt die Medikation sagen und die Menge, auch wenn dieses Wesen das nicht will. Und kombinieren kann ich das alles, denn ich schreibe auf, wer was wann sagt. Wenn der Pfleger sagte, Simon geht es nicht so gut, schaue ich, frage ich die Ärztin, was für Medikamente und in welcher Menge Simon jetzt bekommt. Obwohl es schlimm ist, schreibe ich es auf. Ein wenig lässt sich kontrollieren, ob viel oder wenig an Medikation für ihn gut ist und was überhaupt für ihn gut ist. Eine schriftliche Statistik ist auch ein Alibi. Und anhand ihrer Tagebücher könnte man zumindest die Richtigkeit meiner Formeln sehen. Bekommt Simon eine erhöhte Dosis, geht es ihm schlechter. Frau Möller nimmt diese Ergebnisse zur Kenntnis. Doch, was hat sie geplant, wenn Simon die Klinik verlässt. Ich lese den Brief in der Eichenholzzeitmaschine, den ich dort gerade fertig geschrieben habe:

Sehr geehrte Frau Möller,  - dankend wende ich mich an Sie für die fürsorgliche Betreuung meines Sohnes Simon. Ich kenne seine seelischen Tiefen, die er in der letzten Zeit hatte, und ich war nicht mehr in der Lage, diese alleine in unserem Umfeld aufzufangen.

Immer noch bereiten mir die Medikamente, die er einnimmt, große Sorge. Ich hörte, er soll sie nun längere Zeit einnehmen, und wollte mir die Begründung erklären lassen. Vorher bitte ich Sie, zu prüfen, ob diese sich nicht doch allmählich absetzen lassen. Simons Zustand könnte damit eventuell der gleiche sein.

Ich denke auch, dass Simon immer noch nicht richtig versteht oder einsehen will, warum er überhaupt in der Klinik ist. Wenn er das erkennt und einsehen kann, wird er weniger gehemmt oder zurückgezogen sein und sicherlich auch realistischere Gedanken entwickeln können, mit denen gearbeitet werden kann. Alle Menschen haben doch ein Recht darauf, in schwer verkraftbaren Situationen sich fallen zu lassen und auch einmal unrealistischer zu werden. Kinder und Jugendliche mehr als Erwachsene und in welchem Alter wie viel, ist individuell. Auch vor Selbstmordgedanken helfen die Medikamente nicht. Sie könnten sie sogar fördern.

Auch zeigen sich mit der Medikation Höhen und Tiefen, wieso soll er diese nicht ohne Medikamente ausleben? Ich denke einfach, dass ein Mensch ganz schwer zu erkennen ist, der unter Medikamenten steht, und schlecht analysiert und therapiert werden kann.

Ich habe Sorgen wegen der Neben-, Nach- und Langzeitwirkungen, die keiner voraussagen kann.

Ich habe Sorge um Simons Selbstbewusstsein. Ein Mensch, der aus einer seelischen Tieflage herauskommt und sie im Nachhinein versteht, erlebt eine gewisse Reife, einen Erfolg und Sicherheit, er kann lernen, dass er was geschafft hat, auch wenn es dabei um ein unerwünschtes Erlebnis ging. Simon braucht das nicht und muss das nicht. Das machen Medikamente. Aber was bleibt ihm? Und könnte es nicht sein, dass er sich in komplizierten Lebenssituationen künftig immer durch die Einnahme von irgendwas, auch Drogen, aushelfen muss, weil er es nie anders gelernt hat? Man hält ihn für drogengefährdet. Aber fördert man das ganze eventuell unbewusst auch mit der Art der Behandlung?

Wenn Simon künftig wieder einmal solch einen Tiefpunkt erleiden sollte, wird er wahrscheinlich wieder zu Medikamenten greifen, da er allein ja „nicht schaffte“, den Tiefpunkt zu überwinden. Das ist eine falsche Therapie. Und auch Ärzte werden davon in seinem späteren Leben beeinflusst und würden immer wieder schneller solche Mittel verschreiben, eher als anderen Personen. Simon ist gezeichnet. Und wie soll er es später einem Arbeitgeber klarmachen, dass er einmal in der Klinik war und mit Psycho-Mitteln behandelt wurde. Ich würde gerne besser aufgeklärt werden.

Die Medikamente legen ihn lahm, in dieser Verfassung fühlt er Traurigkeit und Freude nicht mehr. Ich sehe keine Begründung der Einnahme. Ich wäre erleichtert, wenn Simons Klinikaufenthalt ohne Medikamente weiterginge. Bitte nochmals, prüfen Sie das!

Anhang:
Ich habe überregional staatlich geprüfte Schulen (therapeutische Internate) ausfindig gemacht, in denen Schüler mit oft ähnlichen Problemen untergebracht sind. Sie bekommen eine ganz normale Schulausbildung, und unter den Zeugnissen wird niemals „therapeutische“ Schule gezeichnet stehen. Die Schüler sollen ganztätig wochentags betreut werden. Nur am Wochenende besuchen sie dann die Eltern, wenn sie wollen.

Angesehen habe ich mir die Schulen noch nicht. Ich werde mich aber weiter darum kümmern, denn ich denke, dass Simon auch nach dem Klinikbesuch eine gute Betreuung braucht. Mit freundlichen Grüßen, - Ilka Hölzer

Ich spreche auch jetzt nicht alles an, nicht alles, was ich denke. Auch wenn es stimmt, ich kann es vergessen, denen zu sagen, wenn sie wirklich an der Gesundung Simons interessiert sind, würden sie einen schnellen Weg schaffen, der ihn zu mir bringt, nur zu mir. Wenn sie wirklich interessiert wären und Simon gesund haben wollten, würden sie einen Weg finden und keine Zeit mehr verlieren. Wenn sie wollten, könnten sie sogar auf Amtsdeutsch verzichten.


Überbrückung des Wartens
auf Antwort

Es gibt Menschen, die wissen etwas, und sagen etwas anderes. In diesem Lande ist nur Taktik angesagt! Niemals Wahrheit! Die Psychiater schweigen! Daran erkennt man, wer die Macht in diesem Lande hat! Frau Mull spricht aber immer im Auftrag der Psychiater: Meine Schreiben seien unrealistisch, die könne man nicht beantworten. Die Gerichtsgutachterin Frau Schweiger will Neutralität bewahren, aber keine Gesundheit für Simon. Das behauptet sie nur. Ihr muss irgendetwas wichtiger sein als das. Sie wechselt die Formulierung ihrer Sätze, die Art, wie sie spricht und ihre Betonung, täglich oder wöchentlich. Immer ist etwas anders bei ihr. Dass sie Neutralität bewahren muss, bei ihr, muss ich das akzeptieren? Irgendwann und hoffentlich recht bald muss sie sich entscheiden. Ja gut, erst mal muss sie allen neutral entgegen gehen, um besser zu erkennen, was los ist und was zu machen ist. Es muss  keinen unnötig nervös gemacht werden. Dabei hat sie sich schon durchgefragt. „Sie reagiert schon ganz richtig, salomonisch“, würde Erik sagen.

„Warum unrealistisch? Warum subjektiv? Es gibt Menschen, die essen kein Fleisch, und nennen sich Vegetarier. Es gibt Menschen, die essen keine Tierprodukte und nennen sich Veganer. Es gibt Menschen, die fressen sich durch industriell hergestellte Medikamente durch, und hoffen auf Gesundheit. Aber Vielfalt will man nicht? Wir sollen also alle homogene, objektive Objekte werden und mit Arroganz wird uns dann vorgesetzt, was wir zu fressen haben. So wünschen sich Psychiater das. Wir sollen sein wie die mit dem Doktortitel und labern wie ein Computer, weil die mächtigsten Leute glauben, so müsse das sein. Oder wollen sie uns nur so machen, damit die Pharmakonzerne florieren? Deswegen sollen wir Menschen, jeder von uns so einzigartig, alle zusammen so vielfältig und individuell, wie nie zuvor ein anderes Wesen je gewesen ist, wieder zu Herden werden, die sich im erlaubten kleinen Rahmen bewegen, verkümmern, alle Spiritualität, Kreativität und Lernfähigkeit verlieren. Damit die Pharmakonzerne blühen können? Alle noch nie auf Papier gebrachte Vielfalt von Werten soll deswegen verloren gehen? Die wahren Eigenschaften freier Menschen sind nicht gewünscht und werden übergangen?“

Ich meine das nur so am Frühstückstisch, ziemlich erregt. Ich weine und Enrico, der noch bei mir ist, sitzt mir gegenüber.

"Wenn du jetzt die Pharmakonzerne mit in eure Situation hineinbringst und glaubst, die wollen was von euch, dann gehe ich jetzt. Mir ist übel. Dann schafft ihr da nicht raus!" sagt er gerade und klingt ziemlich abgefüllt dabei. Fast läuft er über. Er droht abzuhauen und entschuldigt sich danach dafür, genau wie ich.

Aber ich muss diesem Sacherhalt weiter auf den Grund gehen. Also wie sollen wir denn sein? Was meinen die, wie ein Mensch sein muss, welchen Doktortiteltyp wollen sie? vorausgesetzt sie wollen uns wirklich nur verändern und nicht so vielfältig haben, damit sie ihre Pharmaka wirtschaftlich einsetzen können? Wie die Menschen mit dem Doktortitel?

Es gibt Menschen mit Doktortitel, die geben Transparenz über ihre Angelegenheiten. Denn meistens sind diese Angelegenheiten auch unsere Angelegenheiten. Sie klären, was sie tun und warum, und fühlen sich glücklich, verstanden zu werden. Sie brauchen das Feedback der anderen. Ihre Bemühungen bringen ihnen Anerkennung, nur weil andere es gesehen und gehört haben. Sie leisten gute Arbeit, Gemeinschaftsarbeit, die müssen sie nicht verstecken. Sollen wir so sein? Aber die Psychiater sind nicht so, also wollen sie uns anders haben. Mir kommen Tränen. Wie wollen sie uns denn? – Simon!

Es gibt Menschen mit Doktortitel, die betätigen sich selbst allein im Verborgenen oder mit ihren Verbündeten. Immer planen sie ihren Weg diskret mit ihren Verbündeten. Strengste Diskretion ist angesagt! Sie schweigen über ihre Tätigkeiten. Wir bekommen nicht genau mit, was sie tun. Aber dann tun sie es nur für sich. Es geht ihnen um Eigennutzen für sich und ihre Verbündeten. Illegal wird legal gemacht, weil es keiner mehr prüft. Sie verbergen ihre Menschlichkeit, falls eine im innersten Kern existiert. Sollen wir so sein? So sind die, die uns unrealistisch nennen. Wir sollen ihre dummen Schäfchen sein und Frau Mull weiß gar nicht, was sie tut. Ich weine laut. Enrico haut ab. Er schmeißt die Tür laut zu.

Im Landeskrankenhaus gibt es aber auch Menschen, nette Menschen. Sie arbeiten dort. In der Eichenholzzeitmaschine sehe ich mich jetzt immer noch bitterlich weinend am Telefon klebend im Krankenhaus anrufen. Es stört mich gar nicht mehr, dass ich weine. Ich frage nach meinem Sohn und ob er noch lebt. „Oh, ja natürlich“, antwortet, die junge nette Krankenschwester Katja. Plötzlich gibt sie mir mehr Auskünfte, als sie darf, heimlich. Sie fühlt sich von mir und meiner Frage gar nicht provoziert, sie meint nur: "Ich kann das alles ganz gut verstehen." Sie erzählt jetzt ganz viel von Simon und was sie zusammen erlebten. Ich beruhige mich nach diesem Telefongespräch. Fange an, meinen Tag zu planen.


Ein illegales Wiedersehen
mit Simon stärkt und gibt Hoffnung

Kein Zufall

Ich gehe, wohin mich der Weg führt, und lande in meinem Schrebergarten. Ich pflücke Zweige von Johannisbeersträuchern ab, denn die Johannisbeeren sind gerade in diesem Jahr schon gut reif und mächtig groß geworden. Simon hat sie immer sehr gerne gemocht, in Quarkspeise, Marmelade und auch so, gleich vom Busch. Also schnitt ich Sträuße mit üppig tragenden Früchten daran, band die Sträuße mit bunten, weißen, schwarzen und roten Johannisbeeren hinten an den Fahrradkorb. Der Tag ist noch lang und es ist Wochenende, beziehungsweise Freitagmittag noch ganz früh. Während des Zurechtschneidens der Sträuße weine ich noch immer ein bisschen und inzwischen ist mir ganz egal, ob man mich so sieht oder nicht. Ich schäme mich nicht mehr deswegen, höre aber allmählich auf damit, denn es wird mir immer mehr klar, dass heute noch etwas ganz Schönes und Bedeutendes passiert, etwas ganz Wichtiges und Prägendes für die Zukunft.

Achtzehn Kilometer fahre ich in Richtung Krankenhaus. Eine schöne Radtour. Ich suchte mir auch schöne Wege aus. Es ist ein schönes Sonnenwetter. Zwischendurch setze ich mich zum Picknick auf eine Wiese. Ich komme mit den Sträuchern bis an die Tür des Krankenhauses. Eine Weile dauert es, bis mir nach meinem Klingeln geöffnet wird. Ich wunderte mich nicht, dass Schwester Katja jetzt vor der geöffneten Tür steht, nur, dass sie die Sprechanlage vorher in der geschlossenen Klinik gar nicht gebrauchte, um zu wissen, was ich wolle, und dass sie Simon gleich mit vor die Tür genommen hat. Das dachte ich vorher nicht, - Minutenstille.

An Simon ist noch alles dran. Äußerlich ist er derselbe. Er ist derjenige, der nach einer Weile das Schweigen bricht. „Ich will nach Hause“, sagt er. „Ich weiß“, sage ich und weiß nicht, ob ich viel mehr sagen darf. Dreimal wird er sagen: "Ich will nach Hause!" Dreimal werde ich antworten: "Ich weiß!" Das dritte Mal hänge ich ganz vorsichtig hinten an: "Ich wünsche mir das auch." Wir stehen jetzt da, draußen in der Sonne. Schwester Katja, Simon und ich. Eigentlich hätte ich mich jetzt wohl gefühlt, doch ich sorgte mich um die Schwester, ich weiß nicht, was ihr alles passieren kann, wenn sie sich den Regelungen so widersetzt. Doch sie benimmt sich total cool. "Simon, wir treffen uns heimlich. Ich mache mir Sorgen, dass Katja Ärger bekommt." Wir verabschieden uns alle und ich darf Simon drücken, der noch einmal sagt: "Ich will nach Hause!". "Gehen Sie hinten herum auf die Wiese. Dann können Sie Simon draußen im Garten beobachten", flüstert mir die Schwester noch zu. Ich tu das und ein Krankenpfleger kommt, fordert mich auf, die Wiese zu verlassen, denn dies sei eine geschlossene Klinik. Trotz allem hätte der Tag mit dem Erlebnis nicht schöner werden können. Ich mache eine Radtour zurück mit dem neu Erlebten. Immer mehr Hoffnungen begleiten meine Tour zurück. Die vorbeikommenden Leute, egal ob alt ob jung, alle lächelten mich an und grüßten mich so herzlich von innen heraus, als wollten sie sagen, heute passieren mir noch mehr schöne Erlebnisse. Bald wird alles wieder gut.

Beim Telefonieren mit dem Landeskrankenhaus werde ich Schwester Katja jetzt öfter am Telefon haben. Ein paar Mal werde ich mich mit Simon unterhalten dürfen, - illegal. Und Schwester Katja holt Simons Datei aus dem Computer, verrät, was er für Tabletten noch bekommt, aber dass, diese langsam innerhalb kurzer Zeit reduziert werden sollen, liest sie in Simons Patientendatei, und ich darf nicht verraten, dass ich das weiß.


Der Kampf
beim Jugendamt geht weiter

Wo bleibt der Plan für Simon

Eine Adressenliste für Beratungsstellen und alternative Behandlungs- und Einrichtungsmöglichkeiten hat mir der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrender (BPE) aus Berlin inzwischen zugeschickt, denn ich hatte lange Telefongespräche mit einigen geführt. Sie klärten mich gut auf. Oft waren sie gar nicht so verwundert darüber, was uns im Landeskrankenhaus passiert. Aber sie finden kein Patentrezept, genau wie Erik. Wie können die Burgmauern einer Psychiatrie gesprengt werden? Wahrscheinlich nur, wenn es eindeutige Gesetze gibt. Welche Rechte gibt es für Menschen, die in so etwas geraten? Es muss doch irgendwelche Rechte geben? Gibt es doch sonst auch. Ich sitze natürlich immer noch oft beim Jugendamt. Ich gebe die Informationen über verschiedene Möglichkeiten weiter. Frau Möller meint mit irgendeiner Planung für Simon noch warten zu müssen. Erik spricht inzwischen tagtäglich mit Frau Möller.

Beim Landeskrankenhaus Herdecke erkundige ich mich auch. Micha suchte die Gesprächspartner und kündige mich wohl auch schon irgendwie an. Die Klinik ist anthroposophisch. Sie setzen in erster Linie auf Natur und wollen Ursachen heilen. Wenn es nicht mehr anders geht, greifen sie zu Medikamenten. Dafür müsse aber die Diagnose klar sein oder ziemlich klar. Das ist es ja, was ich will. Simon muss endlich die Anstalt verlassen, in die er geraten ist.

Vom Jugendamt wird behauptet, die Eltern selbst müssten, falls eine andere Unterbringung gewünscht ist, dies gerichtlich beantragen. Also veranlasse ich jetzt schnellstens durch meine Rechtsanwältin den Antrag vor Gericht. Das Gericht lehnt ab mit der Behauptung nur das Jugendamt dürfe die Verlegung veranlassen. „Ja, Frau Möller, und nun? - Helfen Sie uns endlich!" - "Für Simon setzen wir uns mehr ein als für jedes andere Kind.", sagte Herr Baumgart schon sehr oft. Er meint dies wahrscheinlich nur wieder zeitlich, konstruktive Gespräche und konstruktives Handeln sind immer noch nicht zu erkennen. Was wurde denn wirklich für uns bisher getan? - Nichts! Ich kann nichts als Grausamkeiten erkennen. "Helfen Sie bitte Simon so, dass ein mühsamer Einsatz meinerseits nicht mehr nötig ist!"

"Oh Gott!" Ich entferne mich von der Eichenholzzeitmaschine. Mache eine kleine Radtour durch unsere Ortschaft, kaum sehe ich noch, was um mich herum passiert. Nur Warten und Hoffen kenne ich inzwischen noch, ohne Träume, ohne mich ablenken zu können. Die Umgebung anzuschauen, das kenne ich nicht mehr und wenn mir das einmal auffällt, ändert sich nichts. Ich kann mich nicht darauf konzentrieren.

Mit dem Fahrrad stehe ich jetzt vor der Pferdekoppel, nahe bei den Speicherhäusern. Zumindest versuche ich abzuschalten. Nahe bei den Speicherhäusern? Was ist passiert? Ich schaue mich um. Wo sind die Speicherhäuser? Ich sehe keine Speicherhäuser. Ich war doch arbeiten und bin direkt daran vorbeigefahren zur Arbeitsstelle in den Bioladen, hin und zurück. Ich habe keine Speicherhäuser gesehen. Während der ganzen Radfahrt habe ich an etwas anderes gedacht. Irgendetwas ist komisch. Ich schiebe jetzt mein Fahrrad und gehe die gepflasterte Allee mit ihren hoch gewachsenen Weiden und dem Füßlein rechts von mir hoch. Die Bäume hinter dem Fluss stehen still da. Der Himmel ist blau. Das Füßlein fließt nimmt die heruntergefallenen Blätter mit und sagt keinen Ton, dennoch irgendetwas ist anders. Ich stehe oben auf der Allee rechts auf einem Hügel, hinter mir die Pferdekoppeln. Ich erschrecke. Hinter dem Fluss sehe ich riesige Schutthaufen. Ich glaube es nicht, erinnere mich aber an das Krachen und Geröll am Morgen.
(© Ilona Meschke 2008)


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