Am dreizehnten Novembertag irgendwann
Die langersehnte Antwort nach vom Jugendamt nach einer Planung für meinen Sohn blieb aus. Der einzige Kontakt zu Simon entstand durch Postkarten. Aber, was ich durfte, durfte auch sein Vater. Immer noch wird kein Unterschied gemacht und Neutralität bewahrt, solange nur ich mich an Regeln halte und nicht er. Verschwiegen wird, wer schuld an der Katastrophe ist. Doch Frau Mull, die Psychologin aus K, bekam mit und äußerte deutlich, wer die Bindungsperson von Simon ist, als die ersten Besuche stattfanden.


Nach so langer Zeit

Endlich eine Kontaktaufnahme
zu Simon durch Postkarten

Am dreizehnten Novembertag irgendwann komme ich von der Arbeit. Draußen ist warme, staubige, windige Luft. Die Eichenholzzeitmaschine lässt mich nicht in Ruhe. Immer wieder stolpere ich über Stromkabel und alte von ihr abgeworfene Holzteile, als würde sie mich nicht weglassen wollen. Aber es fällt mir schwer, sie anzustellen. Ich will zur Tür hinaus, plötzlich falle ich. Ich bin in die Schlinge eines Gürtels geraten. Ein wenig ratlos liege ich auf dem Boden. Gut, ich mache jetzt die Eichenholzzeitmaschine wieder an, gebe das Datum ein, dort, wo ich zuletzt aufgehört habe und sehe, Frau Mull erlaubt mir, Simon Karten zu schreiben. Jeden Tag schrieb ich eine Karte, um Simon Hoffnung, Liebe und Mut zu geben. Die Karten mussten gelesen werden. Frau Mull wollte schon wissen, ob Simon mein Geschreibsel gut tut. Drei Karten durfte Simon von mir behalten. Fünfzehn gab mir Frau Mull zurück. Allein mit der Begründung, drei reichen, jeden zweiten Tag würde Simon das nicht brauchen. Für mich war das kein Grund. Einen anderen Grund gab es nicht. Auch die Gerichtsgutachterin hatte keine Erklärung dafür, warum eine Mutter nicht öfter Karten schreiben dürfe, und das sagte sie auch nach meiner Anfrage.

Auch Henry, Opa und Oma durften Karten schreiben. Wegen der Neutralität, obwohl die Karten anders klangen. Simon bekam von seiner Oma und seinem Vater jeweils eine Karte, als denen erlaubt war, zu schreiben. Das verriet Frau Mull mir damals. Sie verriet auch, dass sie diese Karten Simon nicht gegeben hat. Drei von mir schon. Sicht wollte Frau Mull mir nicht die Karten von Oma und Henry mitgeben als sie mir meine Karten zurück gab. Das war wohl irrtümlich geschehen. Ich hörte, die Karte von Oma bekam Simon nicht und auch nicht von Papa. Jetzt kann ich beide Karten lesen. Sie wurden mir mit meinen gegeben. Oder hält Frau Mull inzwischen ein wenig zu mir und machte das absichtlich? Jedenfalls sorgte ich dafür, dass diese Karten bei der Gerichtsgutachterin gelandet. Denn die schaut sich alles an. Ich habe jetzt den Moment in der Eichenholzzeitmaschine gefunden. Die Gerichtsgutachterin schaut sich meinen Stapel Karten durch, den ich ihr mitbrachte, um zu fragen, was an diesen Karten so nichtmotivierendes sein könne, dass er sie nicht bekommt. Sie weiß es nicht. Zwischendrin sind die Karten, die Vater und Oma schrieb. Ich wundere mich laut in ihrer Gegenwart und weise sie darauf hin, dass diese Karten nicht von mir sind. Alle meine Karten sollen Simon Mut machen. Laut beschwerte ich mich erstaunt über die beiden anderen Karten, die nicht meine sind.

Zwei Ansichtskarten mit der Stadt des Wohnortes. Das war natürlich nicht so einfallsreich. Überhaupt hat die Oma doch einen anderen Wohnort. Warum hat sie eine Ansichtskarte unseres Wohnortes gewählt? Auf jeden Fall steht darauf: „Gute Erholung, bald wirst Du doch kommen können. Dein Vater kämpft um Dich.“ Simons Vater schrieb Simon: „Sei tapfer! Dein Vater kämpft um Dich!“ Das war‘s. Diese Karten bekam Simon nicht.

„Ich kenne den Spruch ‚Dein Vater kämpft um dich‘ schon lange. Ich wünschte mir, er würde nicht mehr kämpfen, sondern vernünftig werden. Ich befürchte nur, dass das niemals passieren wird, Frau Schweiger", kläre ich die Gerichtsgutachterin auf. "Aber Sie werden die Karten doch zurückgeben?", fragt sie mich, nachdem sie alles durchgesehen hatte. Ich meine: „Ja!“ Denn ich werde sie eh beim Jugendamt vorzeigen.


Simon sollte einen Hund
als Freund bekommen

Ich schreibe weiter Karten, entweder bekommt sie Simon oder sie werden mir zurückgegeben. Dann bekommt er sie später. Dann werde ich Simon zeigen, was ich alles schrieb und er nicht bekam. Und in der Nacht wache ich wieder auf. Diesmal aber nicht, weil ich wegen meiner Träume meinte, einen Brief oder mehrere schreiben zu müssen. Sondern ich bin jetzt voll davon überzeugt, das einzige, was Simon braucht, ist ein Hund. Er ersetzt Freunde. Er wird von ihm getröstet. Simon und ein Hund, ja die beiden werden Freunde. Das kann ich mir vorstellen. Ich stelle mir vor, wie es Simon mit seinem neuen Freund, dem Hund, geht. Er hatte sich schon mal so etwas gewünscht, aber nie ausgesprochen, weil ich mit Hunden nicht umgehen kann und unsere Wohnung klein ist. Eigentlich bin ich viel zu spät darauf gekommen, aber noch nicht zu spät. Und das werde ich Simon bald mitteilen, damit er Trost und Hoffnung bekommt. Damit er sich auf etwas freuen kann. Damit sich sein Leben und seine Zukunft wieder lohnt.

Frau Mull findet das prima. Ich darf auf einer Karte berichten, was ich vorhabe. Simon wird davon positiv beeindruckt werden. Frau Mull selbst will Simon das berichten, dass sie mit seiner Mutter gesprochen hat, dass seine Mutter sich sehr oft erkundigt, dass seine Mutter grüßen lässt und dass seiner Mutter eingefallen ist, er braucht einen Hund. Simon reagiert erstaunt und zufrieden darüber, so wird mir Frau Mull später berichten. Ihre Kinder haben auch sehr viele Tiere, ein Hund ist dabei. Sie ist überhaupt der Meinung, Tiere gehören zu Kindern. Sie gehören zur Entwicklung, sympathische Sichtweise, finde ich. Und mit einem Hund wird Simon wieder glücklich sein.

Danach habe ich gehört, eine Krankenschwester nimmt für Simon ihren Hund mit zur Arbeit, damit Simon darauf aufpassen kann. Es wird ihr erlaubt. Manchmal glaube ich, das Krankenhaus nimmt wieder menschliche Züge an.

Simon malt im Krankenhaus, immer Hanfblätter, erzählt Frau Mull. Er wird mir später seine Gemälde zum Aufbewahren geben.


Endlich gute Nachrichten

Simon lebt wieder auf. Von allen Seiten erzählen sie es. Die Ärzte und ihr Team, aber auch Frau Möller und das Jugendamt. Er spielt Fußball, Basketball und tobt wieder. Er ist aufgeschlossener. Er betreut den Hund der Krankenschwester, wenn sie Dienst hat. Frau Möller weiß nicht, ob die Medikamente jetzt ein wenig reduziert oder etwas angehoben wurden. Sie weiß also weniger als ich von Schwester Katja hörte. Jetzt wird es Zeit, zu reagieren. Erik und ich möchten wieder wissen, wie es weiter gehen soll. Telefonisch kann das Frau Möller auch nicht so genau sagen und längeres Nachfragen artet in härtere Dispute aus. Wie lange soll noch gewartet werden? Das ist unlogisch.

Schreibe Frau Möller einen Brief: - Sehr geehrte Frau Möller, erfreulicherweise hat sich Simons Zustand verbessert. Er ist seelisch gestärkt, tobt und spielt wieder. Er ist also wieder der „Alte“.

Jetzt ist es an der Zeit, über neue Behandlungsmöglichkeiten nachzudenken. Ich kenne da zwei Möglichkeiten: ist er stabil, hat er Selbstwert und Selbstbewusstsein wieder gewonnen, dann braucht er die Medikamente nicht mehr. Sie sollten langsam abgesetzt werden, denn nur so kann man erkennen, ob das nötig ist. Oder man versucht das nicht und versucht jetzt die Medikamentenmenge auf seinen Körper abzustimmen und lässt ihn in diesem Zustand – wie lange? Was steht im Plan?

Ich bestehe auf die erste Möglichkeit. Sie vertrauen den Medikamenten. Ich habe Vertrauen zu meinem Sohn. Es sind nicht die Medikamente, die ihn gesund werden lassen. Es ist die andere Umgebung und die Betreuung. Sie meinem, Verantwortung zu zeigen, indem Sie auf Medikamente setzen. Meine Verantwortung sagt mir: nicht geben, was nicht nötig ist. Ich trage einen großen Teil Verantwortung für Simon, denn ich erklärte Dr. Bück vor Simons Einlieferung sein Verhalten und seinen Zustand. Und ich hielt ihn fest, bis der Krankenwagen kam. Ich wünsche jetzt, dass mir diese Verantwortung nicht versagt wird.

Ich bin Simons Mutter, und ich rechne damit, bald oder irgendwann das Sorgerecht zu bekommen. In diesem Zustand wäre es angebracht, mich in das Gesundheitsverfahren und in die Zielsetzung einzubinden „wie geht das Ganze weiter? Räumen Sie mir bitte Mitbestimmungsrecht ein. Lassen Sie mich nicht außen vor. Denn es kann sein, dass alle Betroffenen wieder mit mir zusammen arbeiten müssen, wenn es um Simons Wohlbefinden geht.

Ich hatte schon gesagt, ich möchte eine gute Zusammenarbeit. Dazu gehört die fachliche Aufklärung, die Beratung, aber auch Mitentscheidung und Eigenverantwortung. Herzliche Grüße und Dank für das Verständnis, - Ilka Hölzer


Die Hoffnung auf Änderung
gestaltet sich als Flopp

Die Hiobsbotschaft vom Jugendamt

Frau Möller reagiert nicht auf meinen Brief. Können die beim Jugendamt nicht planen? Sieben Tage später, nachdem sich alle angeblich freuten, dass es Simon besser geht, warnt mich Frau Möller, es würde demnächst einen neuen Gerichtsbeschluss geben, der besagt, dass Simon noch drei Monate in der Anstalt bleiben soll, hauptsächlich wegen Suizidgefährdung. Was denn, wie passt das zusammen? Es ginge ihm die ganze Zeit besser, die Medikamente wären reduziert, was ich nicht wirklich wissen durfte, weil es nur eine Krankenschwester verraten hatte? Jetzt solle er da drinnen bleiben.

"Nein, das stimmt nicht!" Ich ängstige mich laut empört und flehend durch den Telefonhörer: "Haben Sie nicht die ganze Zeit selbst gehört und erzählt, dass eine Besserung eingetreten ist? Bekommt mein Junge nie wieder eine Chance da herauszukommen? Er wollte weg! Er wollte nach Hause und hält diesen Krankenhausaufenthalt nicht mehr aus. Alle sagen, es gehe ihm besser. Das hat er auch gehört. Da glaubte er natürlich, rauskommen zu können und darf es nicht. Das ist sein Problem. Wahrscheinlich bekommt er noch eine Psychose da drin!" Ich weine, wir diskutieren durcheinander und dann sage ich: "Frau Möller, das dürfen Sie nicht zulassen, damit, nur damit bringen Sie ihn um."

Ein paar Male wird das Gespräch beendet. Erik spricht wieder mit Frau Möller, aber so viel mehr konnte er bisher auch gar nicht erreichen. Es ist unglaublich. Simon soll weiter in der Anstalt bleiben, drei Monate, weil er angeblich eine Steckdose von Klebestreifen befreit hat und angedroht hat: „Wenn ich nicht nach Hause darf, nehme ich die Steckdose weiter auseinander.“ Er will leben. Er will raus. Und die machen daraus eine Suizidgefährdung. Sie sorgen dafür, dass er bald nicht mehr leben will, weil er es nicht mehr aushält. Sie zwingen ihn in eine Art psychische Krankheit hinein. Alles erscheint mir so deutlich unwahr.

Die wollen das nicht verstehen? Die lügen doch? Ich weiß nicht mehr, was hier mit uns gespielt wird. Wenn sie wollen, machen sie uns alle fertig. Und keiner wird es sehen, keiner wird es merken, keiner will wissen, keiner merkt, dass wir kaputt gemacht wurden. Warum lassen die uns nicht mehr zufrieden? Gekrümmt hocke ich auf meinem Teppichboden und weine, immer mehr, und weiß doch, das hilft nicht weiter. Frau Möller verspricht, Simon ins Krankenhaus nach Herdecke zu schicken, wenn sein Vater ein Einverständnis dafür gibt und sie hofft heimlich dabei, er tut es nicht.

Frau Möller baut mir eine Falle. Von jetzt an hasst mich Simon wieder. Dabei bin ich die einzige Person, der er jederzeit hätte vertrauen kann. Das kann ihr nicht unbekannt sein. Sie ahnt, dass der Vater dem anderen Krankenhaus in Herdecke nicht zusagen wird, weil ich das vorschlage. Doch ich werde es versuchen. Es gibt da zufällig einen Trick: "Ja, Frau Möller, ich werde mit Simons Vater reden und ihm um die Zusage bitten. Morgen werde ich Sie wieder anrufen."


Ist Frau Möller nicht mehr ehrlich?
Ich fühle anders
Doch sie versprach es am Telefon

Simons letzte Rettung
Herdecke - ein anderes Krankenhaus

Ich rufe Simons Oma an. Sie wohnt ganz nahe bei Herdecke. Nur ihr Einverständnis kann erhoffen. Sie kann Henry überreden. Und immer noch begreife ich nicht: „Er wollte raus, er wollte raus. Weshalb lassen die Simon nicht frei? Was haben wir getan? Dumm sind die nicht, nein, alles Pädagogen, Sozialpädagogen, Psychologen und Ärzte, die zusammen gemeinschaftlich uns so behandeln. Sie sagen uns nicht, weshalb sie das mit uns machen. Und niemand wird uns glauben, was sie mit uns machen. Ich sage noch mal: „Frau Möller, wollen die, dass er eine Psychose bekommt? Er riss nur Klebestreifen von einer Steckdose ab und drohte: Ich nehme die weiter auseinander, wenn ich nicht nach Hause darf. Frau Möller, sie haben doch selber Kinder."

Meine Argumente prallen ab. Dann sind es doch Verbrecher. Denn so dumm kann niemand sein. Warum wiederhole ich mich ständig? Obwohl, ich glaube, Frau Möller, hätte am liebsten irgendwie anders gehandelt.

Noch am selben Tag am Abend spreche ich mit Simons Oma am Telefon: „Es ist für Simon wirklich besser, sein Vater willigt ein. Die Klinik behandelt Menschen anders. Sie geben möglichst keine Medikamente, wollen ganz eng mit den Familien zusammen arbeiten. Dann hast du Simon in deiner Nähe. Herdecke ist doch bei Euch um die Ecke.“ Das war der Punkt. Nur deshalb regte sich die schwerfällige Frau und überzeugte ihren Sohn, die Einwilligung zu geben. Nicht gerade günstig, die Oma so nahe bei Simon zu haben. Aber besser als alles andere. Ich warte bis in die Nacht hinein auf ihren Rückruf. Vielleicht hat sie es ja auch nicht gerade einfach mit der Überzeugungsaufgabe. Schließlich telefoniere ich noch einmal mit Simons Vater, der meine Erklärungen erst einmal sacken lassen wollte. Um null Uhr fünfunddreißig telefoniere ich ein letztes Mal und Simons Oma berichtet mir, dass der Vater wohl einverstanden ist. Das wird Frau Möller morgen gleich hören, damit sie endlich etwas Vernünftiges für Simon tut.

Frau Möller verspricht die Anträge fertig zu machen: „Aber was, wenn die Ärzte in Herdecke gleiches feststellen wie im Landeskrankenhaus und Simon genauso behandelt wird?“ – „Dann weiß ich zumindest, was er hat, es wird gesagt, es wird gezeigt, es wird erklärt. Damit kann ich besser leben. Dann kann ich Simon helfen, weil ich es verstehe. Ich habe Geldreserven und kann ihn besuchen.“

Frau Möller hat sich um einen zweiten Elterngesprächstermin im Krankenhaus bemüht. Erik darf mich nicht begleiten. Das wollen die weiblichen Ärzte nicht. Ob Enrico mich noch einmal begleiten darf, darüber muss noch strengstens nachgedacht werden. Aber schließlich wird er dürfen. Vielleicht, weil sie sich sonst lächerlich machen. Meine Begleitung wird aufmerksam zuhören und die Gesprächsinhalte niederschreiben. Alles lief ungefähr so ab wie beim ersten Gespräch. Die Ärztin kommt für eine Minute ins Gesprächszimmer. Die Psychologin, Frau Mull, bemüht sich länger. Sie benimmt sich fair, aber kritisch gegen mich, unkritisch ihren Vorgesetzten gegenüber. Menschlich ist sie schon. Sie hofft, ich bringe ihr das auch entgegen. Wir reden immer von Zusammenarbeit und Verständnis. Sie weiß sicherlich, das sind Floskeln. Aber Frau Mull gibt sich Mühe und zeigt auch „einen Draht“ zu Simon. Es sieht aus, als wären sie sich wenigstens sympathisch, ein kleines gutes Zeichen.

Das Gespräch mit Frau Mull ist beinahe zu Ende, da, kommt der weibliche, abgeklärte Arzt noch einmal ins Zimmer. Teilnahmslos und sachlich wird berichtet, dass soeben ein Fax eingetroffen wäre. Ein Fax von Frau Möller, eine Nachricht, es werde von Seiten der Mutter gewünscht, dass Simon nach Herdecke verlegt wird. Mit dieser Information und dem Fax in der Hand nimmt die Weißgekleidete cool ihrem Platz wieder ein. Frau Mull, neben ihr sitzend, wird ein wenig nervös. Sie macht jetzt einen Vorschlag: „Nah, … vielleicht wird es auch langsam Zeit, dass ein Besuch stattfindet. Vielleicht sollte die Mutter den Jungen auch erst einmal sehen, wenn man bedenkt, wie lange die sich nicht gesehen haben.“


Enrico schreibt als Zeuge
über die Person Simon Hölzer

Ich, ein guter Bekannter von Ilka Hölzer, kenne Simon ein wenig. Er war mir gegenüber meistens etwas reserviert bis distanziert. Ich habe ihn aber mehrmals beim Spielen mit etwa gleichaltrigen Kindern aus der Nachbarschaft seines Wohnortes beobachtet. Simon war stets sehr munter, lebhaft und schien sich mit seinen Spielgefährten gut zu verstehen. Er sielte mit ihnen Fußball, tollte mit ihnen herum und unterhielt sich mit ihnen. Er schien durchaus recht beliebt bei den Kids in der Nachbarschaft zu sein. Er wirkte recht aufgeschlossen und gut gelaunt im Kreis seiner „Kumpels“. Von Verstörtheit, Niedergeschlagenheit, Desinteresse, Verstocktheit war bei diesen Gelegenheiten nichts zu erkennen. Auf mich wirkte Simon, wenn ich ihn mal allein sah, manchmal etwas traurig. Er sprach meist nur wenige Worte mit mir, verhielt sich aber keineswegs unfreundlich oder ablehnend mir gegenüber. Auf jeden Fall wirkte er auf mich völlig normal, soweit ich dies beurteilen kann.

Ich war anwesend bei dem Gespräch im Krankenhaus zwischen Frau Hölzer und Frau Mull sowie Dr. Ramm. Ich war die ganze Zeit während dieses Gespräches anwesend, als Zeuge gewissermaßen. Es ist hierbei jedoch noch anzumerken, dass meine Anwesenheit bei diesem Gespräch zuerst diskutiert wurde und nur zögernd stattgegeben wurde.

Folgendes möchte ich zu diesem Gespräch aussagen: Frau Ilka Hölzer hat sich ziemlich ruhig und vernünftig verhalten. Sie war durchaus gewillt, mit dem Krankenhaus zusammenzuarbeiten. Dies hat sie eindeutig gesagt.

Sie äußerte Bedenken bezüglich der Medikamente, die Simon verabreicht wurden. Es wurde ihr mitgeteilt, dass Simon weiterhin Medikamente erhalte. Die Einnahme der Medikamente wurde seitens der Klinik gerechtfertigt und verteidigt, unter anderem damit, dass bei Simon eine Psychose diagnostiziert wurde, wenn gleich eingeräumt wurde, dass dies nicht so ganz sicher wäre. Außerdem sei Simon eine „Anlage“ zu einer Psychose und die bisherigen Lebensumstände seien als eine „Begünstigung“ zum Ausbruch derselben zu verstehen. Simon rede mit einer Mütze und dieses sei nicht normal, wurde z.B. gesagt. Ich selbst habe Simon nie in einer solchen Situation beobachtet.

Die Frage von Simons Mutter nach einer alternativen Behandlungsmöglichkeit und auf welche Art und Weise er sonst noch therapiert würde, wurde nicht klar beantwortet. Im Gegenteil, es wurde gar keine Auskunft darüber erteilt. Bedenken seitens der Mutter wegen der Medikamenteneinnahme wurden unwirsch abgelehnt mit der Begründung, sie, die behandelnden Ärzte und Psychologen seien die Fachleute und wüssten, was zu tun sei. Die Frage von Simons Mutter nach dem Gesundheitszustand ihres Sohnes wurde nur unzureichend beantwortet. Es ginge ihm den Umständen entsprechend gut war die einzige Antwort.

Besonders stark wurde der Wunsch von Frau Hölzer nach einer Verlegung Simons in das Klinikum in Herdecke einen Tag später am Telefon kritisiert. Dies sei angeblich nicht geeignet, Simons Gesundung bzw. Zustand zu fördern, sondern im Gegenteil eher hinderlich. Simon sei mitgeteilt worden, dass seine Mutter dies beabsichtige und er solle verstört darauf reagiert haben. Es wurde ferner noch gesagt, dass Frau Hölzers Argumente und der häufige Schriftverkehr und dessen Inhalt unrealistisch sei, bezüglich Simons Situation. Hinzufügen möchte ich noch, dass ich selbst die ganze Zeit nur zugehört habe, aber mich nicht in das Gespräch eingeschaltet habe.

Telefonate zwischen Frau Hölzer und dem Klinikum: - Insgesamt dreimal war ich bei solchen Telefonaten im Zeitraum Ende Mai bis Anfang Juli bei Frau Hölzer anwesend. In allen drei Telefonaten, bei denen sie sich nach Simons Zustand und Genesung erkundigte, erhielt sie nur ausweichende und spärliche Auskünfte. Es gehe Simon gut, er spiele mit anderen Kindern und bekomme weiterhin Medikamente. Über andere Formen der Therapie wurden keinerlei Aussagen und Hinweise seitens der Klinik getroffen. Auch wann eine Entlassung Simons bevorstehe, wurde nicht erwähnt. Bei einem Telefonat wurde außerdem gesagt, dass Frau Hölzer ihren Sohn nicht besuchen dürfte, obwohl dies bei ihrem Besuch in der Klinik erlaubt werden sollte. - Enrico K.

Ja, das hörte Enrico, denn ich stellte das Telefon laut, ohne die Gegenseite aufzuklären. Ein sehr strafbarer, ungehobelter Akt von mir. Enrico hörte Frau Mull einen Tag später reden, sie würden es nicht zu lassen, Simon nach Herdecke zu verlegen. Simon selbst wurde das erzählt, er wäre total fertig gewesen. Unter diesen Umständen könnten noch lange keine Besuche stattfinden. Weil sie meinem Sohn Dinge erzählen, die er noch gar nicht hören soll, darf ich ihn nicht besuchen. Weil sie meinem Sohn nervös machen, so wie sie es erzählen, darf ich ihn nicht besuchen. Wie hat mein Sohn reagiert, dass er von ihrer Seite noch drei Monate länger bei ihnen bleiben soll? Sie haben es nicht erzählt.

„Frau Möller, wie können die das machen? Warum haben Sie das Fax geschickt? Warum erklären die meinem Sohn, dass Herdecke nichts für ihn ist? Warum macht das keiner von uns? Sie machen mit mir und Simon genau dasselbe, was Henry mit uns machte, das ist nicht möglich. Dafür hätten wir nie Ärzte und kein Jugendamt gebraucht. Diese Zerreißproben konnten wir doch alleine machen?“

Leider ist Frau Möller nicht zu Simon in die Klinik gefahren. Sie verspricht aber, die Anträge seien fertig. Sie lägen bei ihr auf dem Tisch. Zwei Tage vor ihrem Urlaub wolle sie noch die Anträge nach Herdecke schicken. Sie werde drei Wochen wegbleiben und Ende Juli zurück sein. Im Klartext, drei Wochen müssen wir so aushalten. Dann wird Simon bereits fast drei Monate in der Anstalt sein. Wie wird er das aushalten?

Ich stelle die Eichenholzzeitmaschine aus, setze mich auf mein Fahrrad, um die Trümmerhaufen der ehemaligen Speicherhäuser zu sehen. Wieder stehe ich mit meinem Fahrrad auf der Anhöhe der zugepflasterten Allee und schaue mir die riesengroßen Trümmerhaufen an. Ein Eckchen des von hier aus allerletzten Speicherhauses steht noch ungesprengt da. Es sieht wahnsinnig aus. Warmer Wind weht mir ins Gesicht. Ich schiebe mein Fahrrad auf die stillgelegten Bahnschienen und gehe den botanischen Tunnelweg entlang bis zur Lichtung. Die ganze Trockenwiese ist im matschigen Sand vergraben. Ein komisches Gefühl überkommt mich. Eigentlich mochte ich sie doch gar nicht, diese Speicherhäuser? Aber gesprengt hätte ich sie nun auch nicht gleich. Hätten sie nicht als Denkmäler einer längst vergessenen geschützt werden sollen?

Die Kapuze meines schwarzen Kapuzen-T-Shirts ziehe ich herunter, wie andere jetzt den Hut abziehen würden, wenn sie vor diesen Trümmerhaufen stehen. Dann umgehe ich das Gebiet weiträumig, komme rechts an wieder an der Apfelplantage vorbei, die ich mit Jan oft besuchte. Die Bäume sind alt. Teilweise tragen sie gerade noch rote Früchte. Ich schaue mir die Elevatoren an, nur von der Ferne. Jetzt bin ich an der anderen Seite, an der Hauptstraße des Nachbarortes. Von hier aus führt ein Weg direkt in das Gelände. Hier kann ich wieder Fahrrad fahren. Ich stehe ziemlich nah an den Trümmerhaufen. Mit mir zusammen stehen jetzt fünf Radfahrer hier und schauen sich die Trümmerhaufen an. An der ganz gebliebenen Hausecke stehe ich jetzt. Total dicke Wände hatten diese Häuser, stelle ich fest. Wehmut trage ich mit mir. Der warme Wind bläst mir Staub auf meine Kleidung. Aber das mag ich doch nicht. Ich will doch diesen Staub nicht an meiner Kleidung haben. Alles voller Trümmer. Ich greife zufällig in meine Hosentaschen, einer Hose, die ich lange Zeit nicht mehr trug. Jetzt erinnere ich mich, wann ich sie das letzte Mal getragen habe. Alte zerfledderte Zettel sind da drin. Ich hole sie raus, erkenne sie wieder und erinnere mich auch, Simon gab sie mir einmal diskret weinend und versöhnend mit, als ich ihn das erste Mal in der Klapse wiedersah und wir alleine miteinander sprechen konnten.

Mich schmerzt etwas, als ich diese Zettel in meiner Hosentasche berührte. Dennoch hole ich jetzt die Zettel aus der Tasche. Simon so tief verletzt, spricht und schreibt aus, wie ihm damals fühlte: - „So, Du Scheißmutter, weißt Du eigentlich wie lange ich hier schon in dieser Klapse hänge? Sechs Wochen. Ich soll noch drei Monate in diesem Kasten sein. Das gefällt Dir doch!!! Wenn Du mir noch eine Postkarte schreibst, bringe ich Dich um. Ich hasse Dich!“

Wehmut steigt noch mehr in mir hoch. Verletzt für alle Zeiten spreche ich zu den Trümmerhaufen und meine sie nicht: „Du hast Recht. Wir hätten keine Psychiater gebraucht, die uns Trümmerhaufen in den Weg räumen, mein geliebter Simon.“

„Weißt Du was? Du kannst mich mal am Arsch lecken! Ich habe die Schnauze voll, erst steckst Du und Dein Scheißjugendamt mich in die Klapse und jetzt versuchst Du Dich wieder einzuschleimen, indem Du mir Postkarten schickst. Du nervst mich. Also lass mich in Ruhe. Du hast mir nur fünf Minuten bei Dr. Bück Zeit gegeben. Ich bin mit Dir mitgekommen. Und dann stand ein Krankenwagen vor der Tür. Ich bin jetzt sechs Wochen hier, Du Schlampe. Du hast endgültig leer geschissen bei mir. Tu nicht so, als hätten wir uns gerne …“

Ich glaube, keiner hatte wirklich je Wert darauf gelegt, Simon zu erklären, warum ich dafür war, ihn ins Krankenhaus einweisen zu lassen. Sie haben nicht einmal Herrn Tannen zu ihm gelassen, eine bekannte Vertrauensperson, der unsere Beziehung achtete.

Ja, eine Mutter kann eine Scheißmutter werden. Und so wurde ich eine ohne es zu wollen. Ich lese die geschriebenen Zettel weiter und wieder. Ich lasse mich zu Boden nieder: - „… Ich bin mit zu Dr. Bück gefahren, nur für Dich ... Und Du Scheißmutter …“.
- Schrecklich! Ich schaue auf die Briefe. Ich schaue auf die Trümmerhaufen. So viel geraubte Lebenszeit. Wann wird mein Sohn mich wieder verstehen können?

(© Ilona Meschke 2008)

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