Am vierzehnten Novembertag irgendwann
Es kann immer noch mehr passieren.
Es gibt schlimmere Repressionen.
Wir glauben nicht daran und sind denen deswegen schutzlos ausgeliefert.
Blitzartig zielen giftige Organismen auf uns, an uns. Sie verästeln sich überall. Jetzt dürfen wir den Verstand ausschalten, ein wenig
Sieh zu, dass Du die Lähmung im Griff bekommst.
Dann mache langsam weiter.


Mach einfach weiter
Versuche ein Roboter oder Klon zu sein

Mach weiter solange Simon lebt.
Wieder Jugendamt!
Wieder Baumgart!
Diesmal ohne Simon …
Kommt er nochmal zurück?
Baumgart! Lass ihn frei!

Die Eichenholzzeitmaschine scheint mich nicht mehr weglassen zu wollen, am vierzehnten Novembertag irgendwann. Sie zeigt, ich sitze gerade Herrn Baumgart gegenüber. Denn Frau Möller hat ihren ersten Urlaubstag. Da ist so ein Gefühl in mir. Da ist so ein Geruch, so ein großes Amt. Der Boden knackt. Ein gruseliges Schweigen, eine stille Autoritätsperson sitzend befindet sich im Raum. Hier hält sich eine Luft auf, die schon lange vor mir dagewesen ist. Sie wird oft stickig genannt. Ich möchte sagen, sie enthält boshaftes Grauen, vielleicht von der Kraft der aktivierten Autorität wird das Grauen belebt, heimlich und untransparent. Es nimmt ganz viel. Ich weiß nicht wie es passiert, aber ich weiß, dass es passiert. Es nimmt meine Stimme. Ich weiß nicht wie, aber ich weiß, dass das passiert. Es saugt langsam meinen Magen aus. Auch diesmal weiß ich nicht wie das passiert, nur, es passiert. Und ich weiß, wenn ich mich diesem Raum erst einmal wieder entferne, ich draußen an der frischen Luft bin, dann merke ich, dass ich wieder ganz viel mehr verloren habe und nichts wieder bekommen habe, was mir dort entzogen wurde. Und doch gehe ich wieder hinein, weil ich Verlorengegangenes wieder haben möchte. Und ich weiß, wenn ich diesen Raum verlasse, habe ich wieder viel mehr verloren als wiederbekommen. Doch ich gehe wieder rein. Wieder und wieder.

Diese Luft darin gibt auch etwas, ein wenig Furcht, Zwicken in der Magengegend, Bedrückung und Druck, eine heimliche tückische Gewalt. Und ich gehe immer wieder dahin zurück.

Deswegen stelle ich jetzt auch die Eichenholzzeitmaschine ein paar Minuten zurück. Jetzt stehe ich noch vor der Tür des Jugendamtes. Sie ist schon geöffnet und Baumgart begrüßt mich förmlich. Förmlich spricht er mit seiner üblichen Amtsstimme. Er hat jetzt die richtige Distanz eingenommen, die er braucht und rasselt seine Information bürokratisch von oben herab zu mir herunter: „Übrigens, ab jetzt übernehme ich ihren Fall wieder. Frau Möller scheidet aus. Ihr Anerkennungsjahr wird nicht verlängert.“

Schluss! Stille! Ich bin starr geworden und verrate das nicht. Der hohle Raum ist still und riecht. Hohl macht mich alles innen drinnen und hohl ist alles außen herum. Vielleicht passe ich mich nur den Gegebenheiten an. Sicherheit kenne ich nicht mehr. Vielleicht war die klug genug nicht mitzukommen und wartet vor der Ausgangstür auf mich. Mein Mut, der bekam im Fahrstuhl Schwindelattacken. Er leidet stets an Kreislaufschwäche, wenn er mit in die Räumlichkeiten des Jugendamtes soll. Er liegt jetzt matt im Flur herum. Er ist nicht mit hinein in den Raum gekommen. Und ich stehe in der Luft des Jugendamtes starr geworden durch die allererste Information. Jetzt kann sich die Autoritätsperson mit mir befassen. Ich bin entsprechend akklimatisiert. Ich sehe jetzt einen Zeitstillstand in der Eichenholzzeitmaschine.

Frau Möller ist alleinstehend. Sie zieht zwei Kinder groß, etwas jünger als Simon. Simon erklärte sie oft, dass man auch, wenn man nur einen Hauptschulabschluss hat, später immer noch einen schönen Beruf erlernen kann. Es ist alles nachzuholen. Und dann erzählte sie Simon ihren Weg, den sie gegangen ist. Es sollte erst nicht klappen in der Schule. Sie besuchte auch eine Hauptschule und später hatte sie alles nachgeholt, was nötig war, um einen schönen Beruf zu erlernen. Sie wusste vor zwei Tagen nicht, dass sie aus dem Urlaub nicht mehr zurückkommt. Sie erfuhr es am letzten Arbeitstag. Ich weiß das, denn wir telefonierten noch miteinander.

Sie sagte mir das Datum, an dem sie wieder an ihrem Arbeitsplatz sitzen werde, vermutlich. An ihrem letzten Arbeitstag und unserem letzten Telefonat erschien sie mir etwas durcheinander. Ich merkte es. Und ich bemerkte, Baumgart saß in ihrem Zimmer. Das war sicher der Moment, als ihr gesagt wurde, dass sie nicht zurückkommen solle, - sehr kurzfristig bekanntgegeben, diese Nichtverlängerung.

Da hörte sie sich mit den Zusagen, die sie gab, auch unwirklicher an und war sehr gestresst. Sie behauptete, sie hätte ihr Versprechen gehalten und die Anträge werden schon per Post nach Herdecke geschickt worden. Ich solle heute kommen und mit Herrn Baumgart das Besuchsrecht besprechen, sagte sie mir noch. Ja, und dann sagte auch, Herr Baumgart gerade in ihrem Zimmer sitzen. Ja, das hatte sie gesagt.

Ich bekomme Schuldgefühle Frau Möller gegenüber. Bestimmt meinten die vom Jugendamt, sie wäre unserem Fall nicht gewachsen gewesen. Nicht nur bestimmt, ich weiß es jetzt hundertprozentig  genau. Meine Unruhe und Angst schweigen still und lassen sich flach auf dem gebohnerten Boden und auf meine Füße nieder, die jetzt deswegen fest auf dem Boden stehen bleiben. Ich weiß nicht, was aus den Herdecke-Anträgen geworden ist.

„Ich habe schon mit dem Krankenhaus gesprochen“, sagt jetzt Herr Baumgart nach einer langen Pause, wobei er nicht verraten hat, mit welchem Krankenhaus. Seine Stimmlage ist jetzt etwas näherkommend, er hat jetzt also eine positive Nachricht für mich: „Das mit dem Besuchsrecht bekommen wir hin. Es ist jetzt an der Zeit. Natürlich darf dann der Vater auch den Sohn besuchen, aber ich versuche es so hinzubekommen, dass Sie die Erste sind, die den Jungen besuchen darf.“ Also meint er dieses Krankenhaus, was Simon verlassen soll. Ich werde nie erfahren, warum er seine Zusage, ich solle die Erste sein, die Simon besucht, so wieder nicht hinbekam. Ich erinnere mich nur, dass ich nicht die Erste sein werde, sondern einen Tag später komme, nachdem Simon seinen Vater schon gesehen hatte.

Die Eichenholzzeitmaschine läuft weiter. Ich stehe immer noch in Baumgarts Zimmer und habe Enricos Stellungnahmen als Zeuge in der Hand. Außerdem habe ich eine lange schriftliche Beschwerde, in der ich ausführlich die Belastungspunkte der Psychiatrie festhalte, nachdem ich die Erlebnisse genau beschrieben habe. Es sind ja auch alle Beschuldigungen bewiesen und hinterlegt. Auch durch meine unrealistischen Schreiben mit Fragestellungen, auf die jede Mutter ein Recht haben dürfte. Und das Jugendamt ist informiert. Es bekommt diese Schreiben nicht alleine, Insbesondere kann die Gerichtsgutachterin darüber mitentscheiden, wie unrealistisch ich bin.

„Ich hatte ja nie, geahnt wie krank Simon ist. Gut, dass Sie so aufgepasst haben und dafür gesorgt haben, dass er in die Klinik kommt.“, sagt Herr Baumgart plötzlich, aber nicht in Amtssprache. Er bekam eine leise dumpfe Stimme dafür, um mir dies zu sagen. Mir wird übel, aber das verrate ich nicht. Er hat eine Praktikantin in seinem Zimmer beisitzen, die er mir auch vorstellte, als ich eintrat.

Ich überreiche Herrn Baumgart das Schreibzeug. Jetzt bietet er mir einen Stuhl an und wir sitzen uns gegenüber. Ich beobachte Herrn Baumgart. Er scheint mein Papier aufmerksam zu lesen und gibt zwischendurch zu: „Wenn sich das so abgespielt hat, verstecken sich die Ärzte hinter uns, dem Jugendamt, da wir einen Teil der Fürsorge haben. Das dürfen sie nicht.“

Herr Baumgart liest weiter irgendwo im Papier: - Anliegend erhalten sie eine Aufstellung über die bisherigen Geschehnisse im Krankenhaus, die in mir als betroffene Mutter Misstrauen erwecken. Damit spreche ich den Ärzten im NLK Königslutter keine Kompetenz ab, doch die Behandlungsweise finde ich nicht tragbar.

Wir passen einfach besser zum Klinikum Herdecke und deren Heilverfahren. Ich sage absichtlich „wir“, denn, solange Simon nicht erwachsen ist, hilflos und noch nicht für sich selber sorgen kann, gehören wir zusammen. Und ich werde auf nach meinem besten Gewissen und meiner größten Verantwortung auf ihn aufpassen. Es ist mir beim besten Willen nicht möglich nachzugeben, wenn ich der Meinung bin, hier stimmt etwas nicht.

Telefonisch setzten wir uns nach dem Gesprächstermin mit dem Klinikum auseinander. Sie werden sich erinnern. Ich sollte nicht außer Acht lassen, dass eine Mutter subjektiv ist. Ich nenne das ein Totschlagargument, denn, wenn das so gesehen wird, sind die Gewinner einer Diskussion schon bekannt, bevor alles beginnt. Man vergisst dabei, dass auch Ärzte Menschen sind und außerdem subjektiv sein können.

Ich wurde gefragt, was, wenn sie in Herdecke die gleiche Diagnose stellen? Dann soll Simon erst recht nach Herdecke gehen, da dort ein anderes Heilverfahren geschehen soll. Es könnte sein, dass Simon dort ohne Medikamente zurecht kommt, denn darum ging es ja die ganze Zeit. Ich denke auch nicht, dass ich diejenige war, die einen rollenden Stein in Gang gesetzt hat, sondern diejenigen, die nach Fragen schwiegen. Es ist ohnehin nicht einfach, ein Kind in der Psychiatrie zu haben.“

Jetzt geht es mir vor allem um den Besuch. Ich möchte Simon sehen. Denn bei einem Besuchsverbot geht es nicht um Simons Wohl. Das Klinikum setzt mich unter Druck. Es wird mir abverlangt, ich solle seine Krankheit so sehen wie sie. Ich bitte um die Erlaubnis, ihn besuchen zu können. Nur so kann ich auch selbst verstehen, ob er krank ist. Freundlichen Gruß - Ilka Hölzer

Als Anlage 2: - Standpunkte: Eine Aufstellung über Geschehnisse, die mich misstrauisch machen: „Sechs Tage nach Einweisung ins Krankenhaus bekam Simon Medikamente. Durch einen Krankenpfleger erfuhr ich nur zufällig davon, obwohl mir versichert wurde, wenn es dazu kommen sollte, würde ich benachrichtigt.

Simon bekommt Haldol, ein starkes Psychopharmaka, das Wadenkrämpfe verursacht. Außerdem Akiniton, es soll die Krämpfe wieder beseitigen. Und Valium als Beruhigungsmittel. Ein Arzt, der mich beriet, sagte deutlich, er bekomme einen Groll, wenn er das höre. Das Beruhigungsmittel war ihm verständlich, denn Simon rastete aus. Die Psychosemittel verstand er nicht, denn nicht einmal nach zehn, erst recht nicht nach zwei Tagen kann man bei einem Kind oder Jugendlichen eine Psychose feststellen, da die Phantasiewelt in dem Alter viel zu groß und ein Schutz in schwierigen Situationen ist. Der Arzt berät mich und hilft mir weiter. Er ist bereit, sich mit dem Jugendamt für mich und Simon auseinanderzusetzen. Ansonsten verstehe er sich als Kollege der Ärzte im NLK Königslutter und möchte nicht mit Namen genannt werden.“

Frau Dr. Fuck, NLK, begründete die Medikamenteneinnahme telefonisch mit falschen Auskünften: Simon habe Medizin erst nach zehn Tagen bekommen. Er habe eine schwere Psychose. Sie habe den Bericht von Dr. Becker vorliegen, der dies bestätige. Aus Empörung stellte ich das Telefon laut. Eine Freundin, die mich in dieser Situation nicht alleine lassen wollte und sich in meiner Wohnung befand, hörte mit.

Es ging der Ärztin nur darum, die Medikamenteneinnahme in ihrem Hause zu rechtfertigen mit allen Mitteln. Auch Falschaussagen waren recht.

Es kann ihr bei dieser Behauptung nicht in erster Linie um das Wohlbefinden ihres Patienten und dessen Mutter gegangen sein, sonst hätte sie mich anders aufgeklärt.

Ich sprach mit Dr. Bück. Er möchte mir Auskünfte in seinem Hause geben. Wie die Klinik mit Simon verfahre, bleibe für ihn Sache der Klinik, antwortete er. Ich denke, er versteht sich ebenfalls als Kollege der anderen Ärzte. Dr. Bück hatte nach Simons Einweisung nur telefonisch den Verdacht einer Psychose geäußert und darum gebeten, das zu beobachten. Als wir über Simons Verhalten in den letzten zwei Wochen, denn erst dann kam ihm der Verdacht, sprachen, stellte sich eher eine verzwickte Situation heraus, in der Simon steckte. Sie sprachen nur immer sehr kurz miteinander. Simons Vater war dabei und setze Simon unter Druck. Simon durfte nicht mehr alles sagen, war verängstigt und veränderte sein sonstiges Benehmen. Herr Dr. Bück akzeptierte diesen Einwand von mir. Er wollte dem Krankenhaus nach unserem Gespräch zufaxen und dort auch bekannt geben, dass wir beide ein gutes Gespräch geführt hätten.

Jetzt ist zumindest verständlich geworden, aus welchen Gründen Simon ausrastete, nachdem er nämlich nicht wusste, wann er wieder aus dem Krankenhaus heraus kommen würde, allzu schnell gehandelt wurde, und ihm außer Beruhigungsmittel auch Psychomittel verabreicht wurden. Doch wenn damit ein Fehler gemacht wurde, sollte dieser korrigiert werden, und nicht noch zur Verteidigung weiter geführt werden.

Frau Dr. Ramm beschrieb mir zwei Auffälligkeiten von Simon. Um Simons Verhalten zu begründen, schrieb ich zwei Seiten über Simons Probleme und seine daraus resultierenden Eigenschaften so wie ich sie sehe und wie ich ihn kenne. Dieses Schreiben liegt allen Beteiligten vor. Herr Tannen, der Simon jahrelang kennt, hält meine Erklärungen für gut und wichtig. Frau Mull hielt diese Ausfertigung für ein nicht ernst zu nehmendes Papier, weil es eine Mutter schrieb. Ich verlange aber eine Berücksichtigung meiner Ausführungen.“

Frau Dr. Ramm und Frau Mull mussten mit Unkenntnis antworten, als ich fragte, ob es Simon bewusst sei, dass die Mütze, mit der er redet, nur eine Mütze ist, mit der er sich tröstet. Oder hat er wirklich eine falsche Wahrnehmung und die Mütze ist für ihn keine Mütze mehr? Ich finde es schlimm, dass das nie eine Rolle gespielt hat. Die Feststellung ihrer Diagnose ging mir zu schnell. Daraus resultierte eine weitere Medikamenteneinnahme.

Frau Mull selbst, die Simons Verhalten für auffällig hält, meint, sie habe eine dreizehnjährige Tochter und einen sechszehnjährigen Sohn, die nicht auf die Idee kämen, mit einer Mütze zu sprechen. Das finde ich ein schwaches, ungeschicktes Argument. Wir stecken alle in einer anderen Situation, einer anderen Entwicklungsphase, und wir sind Individuen. Als ich nach der Einweisung Simons nach Hause kam, sprach ich mit seinem Pulli und stellte mir vor, Simon könne mich hören. Ich hoffe irgendwann versteht er, warum ich wollte, dass er in die Psychiatrie kam. Bisher scheint keiner in der Lage, ihn richtig aufzuklären und ihn so zu behandeln, dass er das alles verstehen kann und vertraut.

Die Medikamente wurden ungefähr zehn Tage später ersetzt durch Solian und Laubel. Solian ist wieder ein Psychomittel und Laubel das Beruhigungsmittel, obwohl ich nicht mehr vermute, dass Simon ausrastet. Das Beruhigungsmittel macht nach längerer Einnahme süchtig.

Wenn man sich einer Psychose oder ähnlichem noch nicht sicher ist, so könnte doch das Beruhigungsmittel eventuell eingespart werden. Doch mir antwortet keiner.

Ich erstellte einen dem Jugendamt schon vorliegenden reichlich gewordenen Schriftwechsel mit Fragen, die bisher nicht beantwortet wurden. Ich wollte eine Zusammenarbeit, denn auch meine Kenntnisse über Simon sind wichtig für eine Diagnose, die gestellt werden soll. So wird es Betroffenen im Internet von Ärzten erklärt. Wer ein psychisches Krankheitsbild in einem Dreizehnjährigen feststellen will, kann am besten mit Personen, die ihn vorher gut wahrgenommen haben, arbeiten. Und ich möchte ebenfalls eine Chance haben, die fraglichen Verhaltensauffälligkeiten zu klären oder festzustellen: Oh je, es ist tatsächlich befremdlich – es könnten anormalitäten sein. Es kann sein, dass ich bald mit dieser eventuellen Krankheit umgehen muss. Doch ich durfte mich lediglich bei Frau Mull über sein Wohlbefinden informieren. Nicht einmal therapeutische Maßnahmen oder andere Beschäftigungen wurden mir erzählt.

Ein Mediziner riet mir: „Wäre es mein Sohn, würde ich vor der Tür der Klinik und vor dem Jugendamt stehen. Sie sollten jetzt deutlicher reden, ist es eine Psychose? Gut, dann sind Medikamente gerechtfertigt. Ist es keine, wird abgesetzt!“ Ein Arzt, der oben schon erwähnt wurde und mich bis heute am meisten unterstützt und beraten hat, findet das Vorgehen der Klinik ein „Unding“, denn wie kann eine Mutter so ausgeschlossen werden, die mit so viel Mühe ein Gespräch sucht.“

Allgemein sprechen Kliniken immer den Wunsch von Zusammenarbeit aus. In dieser Klinik erlebe ich das Gegenteil. Je mehr ich zusammenarbeiten möchte, desto mehr schirmt man mich ab.

Ich fuhr mit einem Bekannten zum NLK. Ich konnte mit Frau Mull einen Termin wahrnehmen. Frau Dr. Ramm war kurze Zeit dabei. Wesentliche Punkte des Gespräches halte ich schriftlich fest, was natürlich auch der Bekannte mitbekam: Frau Mull erzählte ich über ein Projekt, dass Herr Tannen dem Jugendamt für Simon zugefaxt hatte. Es war ein Vorschlag von ihm für Simon nach seinem Krankenhausaufenthalt. Frau Mull äußerte mit Skepsis, es sei die Frage, ob das nun zu Simon passe, denn es habe sich ja bei Simon eine Anlage einer psychischen Erkrankung herausgestellt, Simons bisherige Lebensumstände waren für sie lediglich eine Begünstigung des Ausbruchs. Sie hatte jetzt einen etwas anderen Begriff als der, der im gerichtlichen Antrag stand, auf dem einen richterlichen Beschluss folgte. Analysiert wird diese Krankheit nur durch Verhaltensweisen und Auffälligkeiten. Auch jetzt wurde nicht erwähnt, was, welche und in welcher Situation. Vielleicht hat man Angst vor meinen Darstellungen und Erklärungen. Selbst Herr Tannen hat bei Simon höchstens leichte psychotische Störungen festgestellt und, er ahme Reaktionen seines Vaters nach, um sich stärker zu machen. Die Klinik hat mit seinen Ausführungen gearbeitet. Ich hätte auch gern einen Einblick und fragte nach den Unterlagen, doch ich fuhr später ohne nach Hause.

Als ich erwähnte, dass Herr Tannen in unseren Gesprächen immer von jahrelangen Umwelteinflüssen ausging, war er für Frau Mull nur der Analytiker und kein Mediziner, immer in solchen Augenblicken. Was macht diese Frauen so erhaben, dass sie einen Analytiker ausschalten, der Simon seit vier Jahren erlebt?

Auf Nachfrage nach dem Gespräch mit Frau Mull hörte ich dass der Kontakt zwischen Herrn Tannen und Frau Mull nie so groß war, obwohl die Klinik doch versprochen hatte, Kontakt aufzunehmen, damit Simon eine bekannte Vertrauensperson hat, wenn er seine Eltern wochenlang nicht sehen darf. Auch Herr Tannen schlug vor, Simon bei Dr. Bück untersuchen zu lassen, bis dieser persönliche Zerrissenheit analysierte.

Nach dem gleichen Schema wie anfangs Frau Dr. Fuck, die sich auf Dr. Bück berief und dabei nicht die korrekte Wahrheit sprach, macht es jetzt Frau Mull, indem sie Herrn Tannen und seine Betrachtungen und Aussagen benutzte, wenn es für sie günstig ist.

Sie scheinen sich aus den Gutachten herauszuholen, was sie selber wollen – ganz subjektiv. Was nicht in den Kram passt, lassen sie weg. Vielleicht immer noch, um eine Medikamenteneinnahme zu begründen.

Sie widersprechen sich, mal ist Herr Tannen kompetent für sie, mal nicht. Auch um ein passendes Projekt für Simon nach seinem Krankenhausaufenthalt zu finden, besitzt er keine Kompetenz mehr. Und Simon ist dabei der Leidtragende.

Ich habe das Gefühl, der Status der Ärzte im Krankenhaus zählt mehr als mein Kind – ihr Patient. Außerdem habe ich schon längere Zeit Angst: Je mehr ich mich um Simons Wohl bemühe, desto nachtragender werden die Ärzte in der Psychiatrie. Und dies schlägt sich in der Diagnose nieder.

Ein weiteres Argument für die vorläufige Diagnose äußerte Frau Mull, Simon war ja schon vorher verhaltensauffällig. Schließlich ging er zur Therapie, musste den Psychologen besuchen. Nur, dass dieser eine andere Analyse hatte, wollen sie nicht sehen. Müssen dabei aber immer wieder zugeben, dass auch ihre Analyse nicht sicher ist. Da könne man sich nie sicher sein.

Meine Fürsorge für Simon wurde plötzlich auch negativ gewertet, obwohl der Therapeut und der Arzt seelische Zerrissenheit begutachteten und Simon sehr viel Nähe braucht.

Wie Frau Mull versicherte, ist eine Diagnose ist nicht total sicher. Sie ist nicht hundertprozentig feststellbar. Trotz allem versicherte mir Frau Dr. Ramm, sie würde nichts wider ihres Wissen tun und Simon weiter Medikamente einnehmen lassen. Sehr viele Widersprüche! Wenn die Diagnose nicht sicher ist, könnte man doch ein Absetzen riskieren. Auch mein mich beratender Arzt ist der Meinung. Er sagte, da würde gar nichts passieren. Es sei außerdem die Aufgabe eines Krankenhauses, die Medikamente in seinen Räumlichkeiten und unter seiner Kontrolle wieder abzusetzen und zu prüfen, ob dies möglich ist. – Natürlich stellt er nur eine „Ferndiagnose“, doch ich besitze keine Unterlagen, die ich ihm zur Verfügung stellen kann, damit er mir privat helfen kann, um das aufzufangen, was bei Verantwortlichen versäumt wird.

Simon hat das Recht, wenigstens einmal eine Reduzierung auszuprobieren, denn man fing viel zu früh an, Medikamente zu geben. Er hatte keine Gelegenheit zu beweisen, dass es ohne geht. Mir sagt mein logischer Gedankengang, der den ganzen Vorgang im Nachhinein abspielte, dass eine Diagnose bei Simon zu schnell gestellt wurde und man dabei nicht alles berücksichtigt hatte.

Ich erfuhr von Simons Freizeitangebot, doch nichts über Therapien. Gespräche, wenn sie überhaupt liefen, waren nur oberflächlich. Praktisch war es gar nichts, was ich über Simon erfuhr. Doch als Frau Dr. Ramm erzählte, sie habe eine Nachricht vom Jugendamt, dass ich versuche, Simon nach Herdecke zu verlegen, machte Frau Mull Zugeständnisse, nach so langer Zeit will ja eine Mutter den Sohn mal sehen. Wir müssen sehen, dass das bald klappt. So viel wurde immer hin erreicht. Wir verabschiedeten uns freundlich.

Simon selbst möchte nicht in dieser Psychiatrie bleiben. Ich denke, mit einigen Erklärungen ist es einfach, ihm erst einmal diese Alternative zu geben.

Zwei Tage nach dem Gesprächstermin erzählte mir Frau Mull telefonisch, dass ihr Team eingehende Gespräche hatte, und es für besser gehalten wird, wenn ich Simon nicht besuche. Die Begründung hing, mit dem Krankenhaus in Herdecke zusammen. Ebenfalls wurde bemängelt, dass ich anders denke und ihre Diagnose nicht akzeptiere. Dies alles würde Simon nicht gut tun. Ich sah nicht ein, warum das eine Rolle spielt. Ich erinnerte daran, dass meine Erlebnisse und Erfahrungen mit dem Krankenhaus auf keiner Postkarte stünden. Ich versicherte ebenfalls, dass ich interessiert daran bin, dass sich Simon dort wohl fühlt, solange er dort ist. Nie werde ich vor ihm das Krankenhaus kritisieren, solang er sich dort befindet. Überhaupt sollte der Besuch mit Begleitung stattfinden, damit sein Vater auch begleitet wird.

Aus welchen Gründen darf ich Simon nicht besuchen? Mein Misstrauen gegen dieses Krankenhaus wird immer größer!

Frau Mull sagte auch, es seien eingehende Gespräche mit Simon geführt worden, dass er nach Herdecke solle. Das verwirre Simon angeblich, und meine Briefe und Fragen könne man gar nicht beantworten. Sie seien irrational. Ich sei ein sehr unrealistischer Mensch.

Besonders empört war ich über das Gespräch, weil aus den Aussagen hervorging, dass die Psychiatrie jetzt Ähnliches tat, was vorher zwischen den geschiedenen Eltern und Simon geschah. Sie fanden die Lösung mit Herdecke schlecht und sprachen mit Simon alleine darüber. Sie verunsicherten ihn mit einer einseitigen Meinung. Ich bat das Jugendamt, sich darum zu kümmern, die Gespräche mit Simon über Herdecke sofort zu unterbinden.

Zu den anderen Dingen, die mir vorgeworfen wurden, gegen meine Person, kann ich nur deutlich fragen, was wäre passiert, hätte ich solche Dinge dem Personal der Psychiatrie vorgeworfen? Denn man kann ihr Vorgehen ebenfalls unrealistisch und irrational beschreiben. Genauso wie ich eine Mutter bin und subjektiv werden kann, so sind sie das angebliche unschlagbare hohe Krankenhauspersonal, das nie Fehler macht. Also ebenfalls subjektiv. ...


Herr Baumgart sitzt immer noch am Schreibtisch und liest. Er kümmert sich danach um einen Elternbesuch. Ich beobachte ihn aufmerksam. Er ignoriert Herdecke. Er thematisiert Herdecke nicht. Ich habe Angst, ihn deswegen anzusprechen. Der Besuchstermin ist gekommen. Mit Herrn Baumgart und einer Praktikantin vom Jugendamt fahre ich jetzt in die Psychiatrie, Simon besuchen. Simon reagiert aggressiv auf mich. Er schrieb mir zur der Zeit die später bekommenen Briefe, indem er mir die Schuld der Verlängerung des Psychiatrieaufenthalts gibt. Er will nichts von mir wissen. Herr Baumgart will den Besuch abbrechen.

Frau Mull ist da ganz anderer Meinung, also darf ich bei ihm bleiben. Wir sitzen da und schauen uns an. Simon beschimpft mich. Ich lasse ihn. Ich habe eine Melone mitgebracht. Er will sie nicht. Frau Mull sagt: „Na, da gibt es aber bei uns eine Menge Abnehmer, wenn Du sie nicht willst, Simon.“ Baumgart meint: „Mit dem Vater hat der Junge sich gestern besser verstanden.“ Woraufhin Frau Mull erklärt: „Die beiden haben aber auch keine Beziehung zu einander. Deswegen muss Simon auch nicht sauer sein auf seinem Vater. Da berührt Simon nichts. Zu der Mutter hat er eine weitaus stärkere Bindung. Da ist alles emotionaler.“ Ich lasse die Melone in der Psychiatrie. Dann halt als Spende für die anderen.

Henry mit gleicher Besatzung vom Jugendamt besuchte also gestern Simon, denn es herrscht Gleichberechtigung. Wie war das mit Baumgarts Zusage, ich solle die Erste sein, die Simon besucht? Und lief bei denen am gestrigen Tag sehr viel ruhiger ab, aber beziehungsloser, hoffentlich merkt das die Gerichtsgutachterin auch. Oder Frau Mull muss ihr das schildern. Sie reden doch alle zusammen. Aber an all das denke ich später. Jetzt sitzt mir Simon gegenüber. Ich schaue ihn an. „Mein Vater gewinnt immer!“, sagt Simon jetzt. „Lasse ihn nicht gewinnen!“, sagen Frau Mull und Herr Baumgart plötzlich auch wie aus einem Munde.

Simon will meinen schwarzen Kapuzenpulli, obwohl es warm ist. „Ja, Simon. Ich gebe ihn dir gerne. Ich schenke ihn dir.“ Simon hält nichts von dem Geschenk. Er fordert ihn aber dennoch. Ich lasse ihn. Er nimmt ihn.

Auf dem Rückweg erklärt mir Herr Baumgart die Gebäude des Landeskrankenhauses, ein großes Areal. „Und da rechts von Ihnen sind Forschungsanstalten. „Es ist ein ganz modernes Krankenhaus. Sie arbeiten eng mit den Forschungsanstalten zusammen“, sagt er stolz und mir. Mir wird übel. Ich verrate das nicht.

„Gehört der schwarze Kapuzenpulli Ihnen, den Simon immer bei sich hat?“, fragt Frau Schweiger, die Gerichtsgutachterin, beim nächsten Gesprächstermin. „Ich habe ihn Simon geschenkt“, antworte ich. „Er hält ihn ständig bei sich. Er kuschelt sich immer darin ein“, erzählt mir Frau Schweiger. Die Stimmlage und die Betonung von Frau Schweiger lassen darauf schließen, dass das ein sehr positives Zeichen ist und für mich spricht.

Der Juli vergeht. Simon nimmt noch immer Medikamente und Herdecke ist kein Thema für Baumgart. Er ignoriert auch alle anderen möglichen Verlegungen. Aber es muss Rechte und Möglichkeiten geben, Simon aus diesem Krankenhaus herauszubekommen. Ich frage mich überall durch. Gerade telefoniere ich hier mit dem Kinderschutzbund, die mein Problem verstehen, aber keine Lobby haben, um zu helfen. Beim Hin und Her kurbeln an der Eichenholzzeitmaschine finde ich noch so einiges.

Aktuell ist aber, Vater und Mutter dürfen Simon jetzt wöchentlich einmal besuchen. Leider wird Henry nicht dabei beobachtet. Simon erzählt mir: „Gestern war mein Vater hier. Ich musste ihm versprechen, dass ich zu ihm gehe und nicht zu Dir. Ich habe es ihm versprochen, und jetzt möchte ich gar nicht mehr, jetzt, weil Du hier bist, möchte ich lieber zu Dir.“ Ich wollte vorsichtig sein, mir das anhören und vor Simon nur über uns sprechen. Ich fühle mich in seiner Nähe so erleichtert und glücklich. Ich fühle die Zusammengehörigkeit, dass er zu mir gehört, und sage: „Ich bin froh, Dich endlich wieder zu sehen. Es tut mir gut, bei dir zu sein, Simon. Ich hoffe, dass das alles bald vorbei ist. Lasse dich nicht von deinen Papa unter Druck setzen. Der darf das nicht. Ich möchte Dich um Verzeihung bitten, Simon, dass ich Dich hierher brachte. Ich wusste nicht, wie das hier abläuft, das war ein Fehler. Alles wird wieder gut. Wir müssen nur wollen.“ – „Ja, Mama, ich verzeihe Dir“, sagt Simon. Wir verbringen regelmäßig eine schöne intensive Zeit zusammen, soweit diese Zeit schön zu nennen ist. Alles Zugetragene erzähle ich natürlich dem Jugendamt, Frau Schweiger und all denen, die das wissen müssen. Ist doch klar.

Meistens sitzen wir in einer Eisdiele. Ich höre Simons Rapper-Lieder und ein Antifa-Lied in Deutsch. Manchmal dürfen wir länger zusammensitzen als zeitlich mit den Ärzten vereinbart wurde. Den Krankenpflegern ist die einseitig vereinbarte Zeit egal. Ich nehme Simons Zeichnungen mit nach Hause. Und Zettelchen, die er mir zusteckte, damit ich sie noch mal lese, nachdem wir uns verziehen hatten.

Ich rede nie von den Medikamenten, die Simon bekommt. Ich kritisiere das Krankenhaus nicht vor ihm, in dem er sein muss. Ich spreche nicht von Herdecke. Das kann ich später machen. Ich darf jetzt auch mit Simon telefonieren. Wir gehen spazieren. Wir essen Eis. Wir zeichnen im Tagesraum. Es soll ja alles bald dem Ende zu gehen, verspricht Baumgart. Simon hat die geschlossene Abteilung der Psychiatrie verlassen. Ich frage Baumgart nicht nach einem Plan danach. Ich hoffe auf die Gerichtsgutachterin.

Simon erzählt, was er Schlimmes in der Psychiatrie erlebte. Zwei dreizehnjährige Nazis wären mit ihm dort untergebracht worden. Sie verhauten ihn derb in der Nacht, als er schon fast eingeschlafen war. Sie verhauten ihn so, dass er kaum noch atmen konnte, weil er mit ihnen nicht einer Meinung sein konnte. Sie schlugen und verletzten ihn und keiner der Pfleger kam, um ihm zu helfen. Wie schlimm das für ihn gewesen war, sehe ich, während er erzählt und seine Stimmlage dabei verändert. Schließlich kämpft er schon mit den Tränen. Was ist in diesem Krankenhaus los, wo Kinder angeblich betreut und therapiert werden sollen? „Simon, was Du jetzt durchmachst, wird dich stark für später machen. Nie wieder wird Dir so etwas passieren. … Was wir jetzt falsch gemacht haben, werden wir nie wieder falsch machen. Wir werden alles später besser machen. Wir können nur lernen und immer stärker werden. Gerade Du jetzt. Wir müssen nur wollen und wir wollen ja.“ Simon ist mit meinen Trostworten getröstet. Ich drücke ihn. Wir beruhigen uns zusammen.

Ein anderes Mal schaut Simon mich nicht mehr an, für einen Moment, denn Simon will keinen Hund mehr von mir. Henry hat davon gehört. Mit rotem Kopf soll er wutentbrannt ausgerastet sein. Henry fluchte, seine Mutter würde sich nur bei ihm einschleimen wollen, die verspricht das nur, um Simon zu kriegen. Simon habe sofort den Hund zu vergessen. So schnell und brutal schüchtert Henry seinen Sohn ein. Natürlich erzähle ich das weiter. Aber ich bin auch restlos bedient. Dieser Kerl, wird er einmal aufhören, Bomben zu werfen? Sogar jetzt lässt er Simon mit seiner Familienpolitik nicht in Ruhe und kämpft? Warum darf er noch mit Simon alleine sein? Der Neutralität wegen? Er sollte beobachtet werden! Simon erzählt das weiter. Das ist gut. Er kann gefragt werden. Frau Schweiger ist bereits dabei ein Gutachten zu erarbeiten. Sie braucht die kleinen Alibis für eine schnelle Gerichtsentscheidung über das Sorgerecht.

Ich schaue noch ein wenig in der Eichenholzzeitmaschine herum. Ich schaue mir die ersten Begegnungen mit Simon noch einmal an. Es tut mir gut.
(© Ilona Meschke 2008)

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