Am fünfzehnten Novembertag irgendwann
Immer unsichtbarer wurden die Greifarme der Psychiatrie und des Jugendamtes. Sie schienen allmählich mit meinem Simon zu verschwinden. Bald werden sie tun, als hätte es ihn nie gegeben? Weg ist er? Wer hätte das je geglaubt? Wir sind doch nicht in einem Film? Er liegt versteckt hinter Mauern, muss Medikamente schlucken, die keiner kennt und hat keine Rechte mehr. Sie reden von einer Krankheit, die keiner kennt, die uns keiner verrät. Ich glaube meinen eigenen Erlebnissen nicht mehr.


Erik, ein Arzt versucht zu helfen. Simon solle jetzt Mitarbeit für sich selbst lernen. Baumgart meint, mein gerichtlicher Antrag sei in Ordnung. Ich könne ihn losschicken. Was heißt das? Unterstützt er ihn jetzt?


Unterstützt Baumgart vom Jugendamt jetzt meinen Antrag?

Und die Eichenholzzeitmaschine läuft weiter. Sie zeigt den Fortgang meiner Geschichte am fünfzehnten Novembertag irgendwann. Der zuständige Richter Tramper bekam ebenfalls die Beschwerdeaufstellung. Dieselbe, die das Jugendamt von mir bekommen hat. Meine Rechtsanwältin kümmert sich um eine Verlegung von Vertrauensmängeln. Ich versuche ganz viel in Gang zu setzen. Die Menschen verstehen alle, wie schlimm das für uns ist. Sie arbeiten gut, doch unwirksam. Optimalste Hilfe oder die allerkleinsten Hilfen bleiben hinter irgendwelchen Riegeln eingeschlossen, ignoriert.

Wohin ich auch renne, die geschlossenen Türen stehen stets vor meiner Nase. Deutschland hatte ich vorher so niemals erlebt. Diese Strukturen kannte ich nicht. Versteckt, vergraben, unsichtbar existieren sie unter uns. Wer nicht betroffen ist, will das nicht glauben, nicht wissen oder verschweigt sie. Unsichtbare Strukturen hinter Mauern von Ämtern, jetzt zeigen sie sich im vollen Umfang. Sie bäumen sich vor mir hoch, für ein Menschengehirn wie das meine entsetzlich.

Ich spreche auch wieder eine ambulante Verlegung an, erkläre wie das vor sich gehen könnte. Selbst Baumgart sagt wieder: „Die Beschwerde gegen die Vorgänge der Psychiatrie und die Verlegungsmöglichkeiten, die Sie hier beschreiben, sind o. k. Schicken Sie das Papier weg, zum Gericht!“ Warum macht er das nicht selbst? Er hat die Kompetenz das zu tun. Es ist mir ein Rätsel geblieben. Nur er war mit dem Richter in Kontakt und konnte ein Wort dafür sprechen. Aber ich schicke den Antrag sofort zum Gericht. Alle waren mit dem Richter in Kontakt, auch die Gerichtsgutachterin, sogar ständig. Und auch die Psychiatrie, leider.

Immer wieder stand und stehe ich im Flur des Jugendamtes und warte. „Ich habe nie gewusst oder gemerkt, was der Junge hat“, meinte Baumgart. Ich frage ihn: „Was hat er denn, eine Psychose, eine Schizophrenie, eine Hebephrenie?“ – „Um Gottes willen, nein, so schlimm ist es nicht, die Diagnose ist noch gar nicht fertig“, antwortet er.

Ich drehe die Eichenholzzeitmaschine zwei Monate weiter und suche die Stelle, an der Baumgart sagen wird: „Sehen Sie, ich habe ganz viel über Schizophrenien gelesen. Ich habe die Zeit gefunden. Ich habe schon immer gewusst, dass der Junge krank ist, - schwerkrank.“ Hier steht er, hier sagt er mir das. Er öffnet unten links seine Schreibtischtür und zeigt mir mehrere dicke Bücher. Ältere Bände zeigt er mir. Die stammen aus einer Zeit, als es noch keine Taschenbücher gab. Diese Bücher, die so alt aussehen, sind oft um Neunzehnhundertdreißig herum geschrieben worden. Noch bevor in dieser bekannten Psychiatrie, die angeblich erkrankten Menschen einem politischen Wertesystem zum Opfer fielen. Wieder erschrecke ich mich und verrate nichts.

„Ich kenne mich aus“, sagt Baumgart wieder nach einer unheimlichen Pause „Ich erkenne die Krankheiten und die Verhaltensweisen, die ganzen psychischen Krankheiten. Ich wusste schon immer, dass der Junge krank ist.“

Dass er einmal etwas anderes behauptete und sich jetzt total widersprach, weiß er vielleicht gar nicht mehr.

Und wenn meinem Sohn gerade Mal keine schwere Krankheit anhängt wird, so hängt man ihm Selbstmordabsichten an. Mir übrigens wird jetzt öfter ein psychologischer Dienst ins Haus geschickt. Der psychologische Dienst zeigt sich in der Form eines großen, schlanken Mannes mittleren Alters. Ich zeige mich ihm als eine starke Mutter, die engagiert ist, und Hilfe für ihren Sohn braucht. Ich erkläre und erzähle ihm das Zugetragene im Detail: die Widersprüche der Handelnden und meine Hilflosigkeit denen gegenüber. Mir stellt er auch Fragen, die ich klar beantworte.

Ja, er soll mir helfen, dass ich meinen Sohn besuchen kann, so oft wie möglich, dass mein Sohn diese Klinik verlassen kann und wir wieder Menschenwürde zurück erlangen. Er soll mir helfen, dieser psychologische Dienst. Damit er sich wegen mir keine Sorgen mehr machen muss und nicht mehr kommen braucht. Ich frage dem psychologischen Dienst, was ich seiner Meinung nach machen solle, wie sich eventuell dieser psychologische Dienst für unsere Bedürfnisse einsetzen könne. Vor allem, wie er uns schnell helfen könne. Er verabschiedet sich wieder und wünscht mir viel Glück. So kompetent oder handlungsbereit erscheint dieser psychologische Dienst mir nicht. Ich brauche seine Visitenkarte nicht, die er mir jetzt in die Hand drücken will, nur sein Versprechen zu helfen. Das hätte ich gerne.

Aber Erik will die Visitenkarte. Er lässt sich eine Visitenkarte geben. Er ruft öfter dort an und erkundigt sich nach etwas. Er fragt auch, wer ihn zu mir schickte und welche Eindrücke er von mir hat. Erik hat meine Vollmacht und darf fragen. Teilweise erzählt er mir im Nachhinein, welche Fragen und Gespräche er mit dem psychologischen Dienst hatte oder noch haben will. Mit den Antworten des psychologischen Dienstes ist nicht so viel anzufangen, - noch nicht.

Dieser psychologische Dienst hätte eigentlich auch erkennen können, dass Simon, egal ob krank oder gesund, bei mir gut versorgt wäre. Doch es scheint nicht seine Aufgabe zu sein. Welche Aufgabe hat er? Wer schickte ihn auf wessen Anraten zu mir? Es bleibt ein Rätsel. Eine Art Pferdegeflüster setzen die weiblichen Ärzte der Psychiatrie in Gang. Das Geflüster erreicht auch Simon. Dieses Geflüster ist die Vermutung: es könne bei der Mutter eine psychische Krankheit vorliegen.

Die Ärztinnen der Psychiatrie unterscheiden sich also nicht von den Machenschaften, die Simons Vater versuchte. Er versuchte auch, solche Waffen für den Kampf gegen mich. Nur die sind mächtiger. Sie gelten als kompetent. Sie arbeiten aber wie er, nicht intelligenter, nicht feiner, nicht moralischer, für ihre eigenen Interessen. Henry hat inzwischen keinen Anwalt mehr. Er hat schon mehrere ausprobiert, entweder wollten sie ihn nicht mehr vertreten oder umgekehrt.

Ich erkenne nicht, ob Henry schon je einmal oder gerade jetzt Simon wirklich geholfen hat. Ich überlege ehrlich und neutral. Ich habe aber nichts in Erinnerung.

Erik hat Recht. Der psychologische Dienst kann wohl doch noch gebraucht werden. Ich könnte ihn als Zeuge vor Gericht bestellen. Er hat meine Erzählungen gehört und erkannt, in welcher Ohnmacht ich stecke, und festgestellt, dass ich wohl klar im Kopf bin.


Simon glaubt, sterben zu müssen
und bereitet mich auf seinen Tod vor

Manchmal, wenn ich die alte Eichenholzzeitmaschine in Gang setze, scheint sie alleine zu bestimmen, wo sie und mit welcher Geschichte sie beginnt. Da scheint eine tiefe Spur, eine Kerbe an manchen Stellen in ihr zu sein, in die sie immer wieder hinein fällt. Und sie beginnt mit der Geschichte, als mich Simon mit seinen dreizehn Jahren bei meinen Besuch in der Psychiatrie auf seinen Tod vorbereiten will. Er schaut und kontrolliert mein Gesicht. Dann weist er mich darauf hin, dass ich nicht zu weinen hätte. Wir müssten alle mal sterben. Und er wäre wohl der nächste Betroffene. Er merkt das. Der Tod ist schon in ihm. Er erklärt mir, wie er sich anfühlt. Mir kullern die Tränen herunter. Er will mich trösten. Weint dabei aber plötzlich selbst. Er weint und bittet flehend: "Hilfe,

Hilfe!
Ich bin dreizehn.
Ich bin in der Klapse.
Wer holt mich hier raus?
Sehstörungen,
wacklige Beine,
Schwächeanfälle,
Kreislaufbeschwerden,
zittrige Hände beim Schreiben,
traurig machen die Medikamente,
und ich soll davon glücklich werden.

Die behaupten,
ich wäre jetzt viel besser drauf.
Das stimmt nicht.
Ich war zu Hause viel glücklicher.
Die anderen Probleme,
den Streit zwischen Vater und Mutter um mich,
hätte ich schon alleine irgendwann aus der Welt schaffen können.
Ich konnte draußen mit meinen Freunden spielen.
Jetzt bin ich lustlos und traurig.
Die Tabletten sollen glücklicher machen und ich weiß,
ich muss bald sterben,
Hilfe!
Wer holt mich hier raus?“
Hilfe!

"Du stirbst nicht, bitte sterbe nicht. Alles wird wieder gut. Wir müssen nur wollen. Wir müssen warten, Simon. Ich weiß nichts Besseres als warten bis alles vorbei ist", weine ich, hilflos. Alle möglichen Wege zur Hilfe sind ausgeschöpft. Wir werden gequält, gefoltert und keiner glaubt uns, dass so etwas geschehen kann.


Viele Fluchtgedanken

Simon, ich habe einen Arzt kennen gelernt. Einen ägyptischen. Er möchte in Ägypten, in seinem Land, Schulen und Kindergärten bauen und schöne Systeme hier von uns abschauen. Dieser Arzt hat mich eingeladen nach Ägypten zu fliegen und dort in einem Kindergarten zu arbeiten. Ich könnte dich mitnehmen, du würdest dort auf eine deutsche Schule gehen. Er könnte von heute auf morgen für uns Flugtickets besorgen und bei der nächsten längeren Besuchszeit verschwinden wir heimlich und sind für immer weg.“

Während ich erzähle, wird Simon eher noch besorgter. Nein, er wehrt ab und schaut ängstlich. „Also gut, lieber nicht! Aber wenn es ganz schlimm wird: Ich habe seine Telefonnummer. Wir können jederzeit darauf zurückgreifen.“ – „Ja, o. k. behalte das im Auge. Aber mache das nicht, Mama!“ Wir sitzen auf einer Bank im Schatten und malen. Wir malen Autos ganze Autoberge. Simon mit seiner schwachen, unruhigen und zeitweilig zitternden Hand.

„Das ist noch längst nicht alles. Er bekommt jetzt sechshundert Milligramm und wird auf achthundert raufgesetzt.“, antwortet die Ärztin der Psychiatrie. Sie sagt das cool, bestimmend und freundlich zugleich wie eine Nachrichtensprecherin. Meine Verzweiflung hat sie gemerkt. Dennoch, sie scheint mich zu belächeln. Achthundert Milligramm Solian gegen Traurigkeit. Es läuft hier etwas ganz anderes ab, als Schwester Katja damals aus den Patientendaten vorgelesen hatte, die ich nicht wissen durfte. Nach diesen ersten Daten aus der geschlossenen Psychiatrie wäre Simon schon wieder medikamentenfrei. „Baumgart vom Jugendamt weiß mit Sicherheit mehr. Ihm hatten diese Daten doch vorgelegen. Er redet nicht mit Eltern“, erinnert mich die Eichenholzzeitmaschine quietschend morsch und überdreht.

Erst war Simon im Spannungsfeld nur zwischen seinen geschiedenen Eltern. Das hielt er nicht aus. Jetzt steht er im Spannungsfeld zwischen der Uneinigkeit von Eltern, dem Jugendamt, welches kritiklos hinnimmt, was Ärzte in einer Psychiatrie tun, und den Ärzten der Psychiatrie, die keine plausiblen Erklärungen für ihr Tun abgeben. Keine Kommunikation erachten sie für notwendig. Viele Henrys hier um uns herum. Sie machten die Klinik in Herdecke vor meinem Sohn schlecht. Henrys Schema! Wie lange hält Simon das noch aus? Ich versäume nicht, Baumgart hin und wieder zu fragen, ob es sein könnte, dass Simon in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie eventuell erst eine Psychose bekommen könnte. Oder eine bekommen hat? Er antwortet mir nicht.


Erik bemüht sich persönlich
beim Jugendamt und in der Psychiatrie
um Besserungen

Er sorgt für einen
"runden" Gesprächstisch für alle

Jetzt kommt Erik mit zum Jugendamt und unterstützt mich mit seiner persönlichen Anwesenheit. Er hat sich auch persönlich mit der jungen Ärztin in Verbindung gesetzt. Er hat sich um regelmäßige Gesprächstermine gekümmert, an dem alle Betroffenen über die Behandlungsweise und die Zukunftsplanung eingeweiht werden mögen. Beim ersten Termin erzählt die Ärztin Erik, was sie mit Simon medikamentös vorhat. Ich verstehe nichts. Erik, wird ernst und meint nach einer Pause: "Meine Güte, das können Sie doch nicht machen? Gibt es da keine anderen Wege?" Ich höre von einer Medikamentenumstellung. Erik spricht weiter mit der Ärztin, die ihm ebenfalls aufmerksam zuhört. Die beiden haben dann vereinbart, doch erst einmal die zurzeit eingenommenen Medikamente zu reduzieren und Simon dabei zu beobachten. Ich bin erleichtert. Das Gespräch dauert. Alle nehmen sich Zeit und die Ärztin sitzt immer dabei. Sie entzieht sich dem Gespräch nicht und holt stattdessen eine stellvertretende Psychologin, die dann auch nur bedingt Auskunft geben darf. Sie redet hin und wieder mit Simon. Ich höre nur zu. Ganz selten ergänze ich mit Informationen das Gespräch inhaltlich. Es soll jetzt regelmäßig so einen Runden Tisch geben und Erik wird dabei sein, vierzehntägig.

Auch Baumgart ist bei dem ersten Gespräch dabei. Er entschuldigt sich, als Amtsvertreter nur einmal dabei sein zu können. Henry wurde eingeladen, aber kam nicht. Simon bekommt also ab morgen eine reduzierte Menge der Tabletten. Simon wird dabei angespornt, mitzuarbeiten. Es liegt an ihm, wie er sich bald fühlen wird. Er soll entscheiden, was jetzt gemacht werden kann. Wenn er sich besser fühlt, also die reduzierte Menge besser für ihn sein wird, wird weiter reduziert. Wenn er sich nicht besser fühlen sollte, weiß er selbst, es ist besser, Medikamente zu nehmen. Mitarbeit wird jetzt zum Zauberwort gemacht, und Simon ist aufmerksam dabei. Mitarbeit heißt auch, bald einen neuen Plan zu entwickeln, indem jede und jeder eingeweiht ist. Sicherheit ist der Zauber, der so wohl bald entstehen wird.

Ich darf Simon jetzt regelmäßig besuchen. Nicht nur das, wir dürfen telefonieren. Auch nach einundzwanzig Uhr darf ich ihm eine gute Nacht wünschen. Ich kann wieder gut schlafen. Ich weiß, wie es ihm geht.

Halt, die Sache hatte noch einen Haken. Ich drehe ein Stückchen die Eichenholzzeitmaschine zurück und höre mir das Gespräch der Medikamentenreduzierung noch einmal an. Dr. Sieknecht meint in einem ganz kurzen, aber eindeutigen Satz, wegen der Reduzierung brauche sie noch Gedenkzeit. Ansonsten sei alles geklärt. Was soll denn das schon wieder, denke ich heimlich? „Lass man“, sagt Erik beruhigend als wir nach dem Gespräch draußen zwischen den Räumlichkeiten der Psychiatrie und des Domes standen. Hier zeigt es die Eichenholzzeitmaschine: Wir stehen und verabschieden uns. Erik sagt: „Lass man! Sie wird es schon machen. Warte ab! Bis morgen.“ Das sagte er noch. Und ich wünsche Simon am Telefon eine gute Nacht.


Der Beweis
mit gutem Willen von allen Seiten
kann Simon zeigen:

Eine Medikamentenreduzierung wirkt Wunder

Tatsächlich! Dr. Sieknecht startet schon am nächsten Tag mit dem Versuch einer Medikamentenreduzierung. Sie kommunizierte noch mit Erik deswegen, bevor sie mich anrief, um ein paar Daten zu erfragen und mir mitzuteilen, dass sie mit der Reduzierung begonnen habe. Sie würde jetzt noch einmal mit Baumgart und mit Erik kommunizieren. Wir verabschieden uns. Erik nimmt jetzt auch Kontakt zur Gerichtsgutachterin auf und teilt es mir mit. Er kann sehr einfühlend zu allen Personen sprechen und viele Informationen bekommen. Alle kommunizieren mit einander. Auch ich und meine Informationen gebe ich weiter. Glücklich bin ich, Erik dabei zu haben. Warum braucht man nur einen persönlich bekannten Arzt, der Hilft, um mit der Situation in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie klarzukommen?

Herr Tannen ruft mich an. Er fragt nach Simons und nach meinem Wohlbefinden. Erleichtert erzähle ich ihm unsere neue Situation. Auch er ist erleichtert. Er wünscht uns weiter viel Glück und dass sich alles zum Guten verkehrt. Ich soll ihn weiter informieren. Tage später lässt sich Dr. Sieknecht noch einmal Eriks Dienstellennummer von mir geben. Sie gibt mir die Auskunft: „Es klappt erfreulicher Weise.“

Nochmals Tage später: Simon geht es nach und nach besser. Wir haben Kontakt. Auch ich kann prüfen, wie es ihm geht. Baumgart vom Jugendamt ist erfreut über den für beide Seiten neuen hoffnungsvollen Weg. Es gefällt ihm wohl auch, langsam und allmählich meine Bekannten und Freunde kennen zu lernen. Denn mancher ist Arzt und mancher Pastor. Ich scheine damit einen guten Eindruck zu hinterlassen. „Wenn die Entwicklung Simons so weitergeht, wird weiter abgesetzt“, bestimmt er, als ich am Telefon Befürchtungen ausspreche. Ein Wunder ist passiert. „Aber weiter aufpassen“, warnt Micha, der Pastor.

Ich stelle an der Eichenholzzeitmaschine herum. Wieder gibt Dr. Sieknecht allen am Telefon das Resultat der bisherigen Medikamentenreduzierung bekannt: "Es klappt erfreulicher Weise ganz gut. Mit weniger Medikamenten fühlt sich Simon besser. Wenn das alles so weiter geht, könne Simon bald mehr Schulunterricht nehmen und nach den Herbstferien in die Stadt zur Schule gehen. Aber auf weniger als hundert Milligramm lasse ich mich nicht ein.“ Mein Bauch fängt langsam an, sich zusammenzuziehen, aber das verrate ich nicht. Sie ist ja noch nicht bei hundert Milligramm angekommen. Also wieso sollte ich jetzt darüber verhandeln. Das wird später Erik machen. Sie begründet weiter, wenn er auf weniger als hundert Milligramm gesetzt würde, entspräche das den Diagnoseunterlagen nicht mehr. Darauf würde sie sich nicht einlassen. "Ich freue mich, dass alles so weit gut klappt", antworte ich ihr. Wir verabschieden uns am Telefon.

Was sagte sie noch? Das würde mit den Diagnoseunterlagen nicht übereinstimmen? Wenn sie später dann die letzten hundert Milligramm auch noch weg ließe? Mein Kopf befasst sich mit Fragen. Simon wird nach den schon erstellten Diagnoseunterlagen behandelt? Nicht umgekehrt? Er wird nicht behandelt, wie er es braucht, sondern wie die Unterlagen es brauchen? Dabei hörte ich doch, es gibt noch keine Diagnoseunterlagen? Herrn Tannen am Telefon meint „Abwarten“, Erik am Telefon meint: „Abwarten“. Dasselbe meint Micha, der hinzufügt: „Aber aufpassen!“ Auch Jan und der Gerichtsgutachterin teile ich mein Unverständnis darüber mit. Die Gerichtsgutachterin freut sich, dass es Simon nun besser geht. Und Baumgart sagt wie schon einmal: „Wenn es Simon besser gehen werde, wird weiter heruntergesetzt!“ Ein Wort. Eine Sicherheit. Ein verdientes Glück.

Frau Schweiger, die Gerichtsgutachterin, hatte sich bei den Ärzten erkundigt. Sie hat von direkter Quelle gehört, dass es Simon besser geht, mit weniger Medikamenten. Sie lässt sich von mir erzählen, wie es dazu kam. Ich rede vor ihr wie mir der Mund gewachsen ist: "… Die Diagnose und die Diagnoseunterlagen sind ja gar nicht so sicher, haben alle Ärzte und Frau Mull gesagt. Das hat auch Herr Baumgart zugegeben. Komisch, dass sich Frau Dr. Sieknecht danach richten will und deswegen nicht unter hundert Milligramm heruntersetzen möchte. …"

Simon hat Vertrauen wiederbekommen. Ja, er arbeitet jetzt mit. Er arbeitet für sich selbst, damit das alles ein Ende hat. Wir telefonieren oft. Er braucht meinen Rat. Zwischendurch erzählt Dr. Sieknecht immer noch am Telefon von psychotischen Verhaltensweisen in Simon. Ich frage dann genau, welche und wie verhielt er sich? Sie berichtet, sie wäre von dem Dreizehnjährigen, trotz Ärztin mit weißem Kittel, freundschaftlich auf die Schulter geklopft worden. Sie wäre mit einem kessen Spruch begrüßt worden, zwar nett, aber nicht angemessen für eine Ärztin. Er hätte sie dabei geduzt. Ich verrate ihr nicht, dass ich nicht verstehe, dass so etwas mit Medikamenten geheilt werden soll.

Henry darf jetzt auch mit Simon telefonieren. Denn, was ich darf, darf er auch, diese Neutralitätsbewahrung. Doch er nimmt an keiner Gesprächsrunde teil. Wahrscheinlich weiß er nicht, worauf es ankommt. Wahrscheinlich weiß er nicht, dass Simon sich wegen der Medikamentenreduzierung unter einer besonderen Beobachtung steht und sich jetzt besonders wohlfühlen muss.

Henry ruft Simon an. Der Opa sei sehr krank geworden. Er läge im Sterben. Henry ist gestresst und überträgt seinen Stress auf Simon. Er beschuldigt Simon, dass er nicht zu seinen Opa könne, sondern dort in der Klapse läge. So verstand es Simon. Er weinte sich bei mir aus. Nur einigermaßen konnte ich ihn trösten. Dann starb der Opa und Simon wurde beschimpft, nicht dabei gewesen zu sein. Sogar mit einem ordinären Schimpfwort wie Kinder nie zuvor beschimpft wurden. Dann lebte der Opa wieder. Und Simon zweifelt an, dass sein Papa ihn liebt.

Ich schreibe Herrn Baumgart diesbezüglich: - Sehr geehrter Herr Baumgart, herzlichen Dank für den Gesprächstermin am siebzehnten Neunten und Ihre Bemühungen. Kurz möchte ich über neue aktuelle Ereignisse berichten:

Nachdem ich am Abend des gestrigen Tages den Test bei Frau Schweiger fertigstellte, war ich vor einundzwanzig Uhr zu Hause und durfte noch mit Simon telefonieren. Simon war sehr traurig, weil er von seinem Vater die Auskunft bekam, dass sein Opa verstorben sei. Gleichzeitig wurde er aber auch vom Vater beschimpft, er tauge zu nichts und er sei ein „Arschloch“, weil er die Klinik nicht verlassen könne. Ich erzählte Schwester Ute vom verstorbenen Opa. Sie kümmerte sich um Simon.

In dieser Nacht durfte ich Simon auch später noch mal anrufen und fragen, wie es dem Opa geht. Er war völlig „durch den Wind“. Denn diesmal lebte sein Opa wieder. So lautete die Nachricht seines Vaters. Er sei nur ohnmächtig geworden, würde aber bald sterben, und Simon könnte nicht einmal nach Dortmund fahren, um ihn noch einmal zu sehen. Ich gab ihm Telefonnummern und Vorschläge, wie er den Opa noch einmal erreichen könnte, um ein paar nette Worte zu sagen. Ich geriet dadurch in eine Auseinandersetzung mit dem Krankenpfleger Martens, der wissen wollte, was denn nun eigentlich los sei, und wie könne man mit solch schlechten Informationen leben, wie Simon das jetzt tun muss? Ich konnte ihm aber keine besseren Informationen geben. Nur Trost und wie er jetzt damit umgehen kann.

Ich finde es absolut nicht in Ordnung, dass Simon so schlechte Informationen erhält, und nicht weiß, woran er ist. Ich muss eine Auseinandersetzung mit dem Krankenpfleger in Kauf nehmen für eine Sache, in der ich gar nicht stecke. Doch meine größte Sorge: Simon soll doch von den Medikamenten runter. Warum wird er so in Unruhe gebracht, gerade jetzt? Mit freundlichen Grüßen. - Ilka Hölzer

Baumgart antwortet auf den Brief mündlich: „Ich sagte dem Vater, er solle es anderen überlassen, Simon auf das Ableben des Großvaters vorzubereiten. Der Vater ist nicht in der Lage, es tröstend und beruhigend beizubringen. Er hat sehr oft Besuchsverbot, denn er unterdrückt und demütigt Simon sehr oft mit seinem eigenen Stress.


Bald stirbt der Opa wirklich

„Simon, habe deinen Opa lieb und verabschiede dich von ihm, sprich ihm die liebsten Worte, die du kennst. Er wird es hören, auch wenn er weit weg ist. Er wird es wissen und dir auch alles Liebe wünschen. Er wird an dich denken und dich lieb haben, bis er geht. Du kannst ruhig schlafen. Er ist dir nicht böse. Er träumt von dir. Er wird sich ganz normal von dir verabschieden, als ginge er auf eine weite Reise. Er wird dabei sogar erleichtert und ganz liebevoll sein. Sprich mit ihm in Gedanken. Er ist nicht traurig. Auch du darfst von ihm träumen, wenn du möchtest“, Simon lauscht während ich so durch das Telefon spreche. Er denkt nach. Simon durfte sein Handy mit ans Bett nehmen, - ausnahmsweise. Ich darf mit ihm telefonieren und sage ihm nochmal: „Simon, Dein Opa wünscht Dir alles Gute.“

Es scheint jetzt alles gut zu werden. Und doch immer noch habe ich das Gefühl, vielleicht ein Angstgefühl aus der Vergangenheit. Angst wegen Heimlichkeiten. Nachdem, was wir erlebten, beim Jugendamt und in der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist das doch kein Wunder. Die unterschiedlichen Sätze, die Betonungen, was hinter den Sätzen gemeint ist, ob Augen und Münder auch passen zu dem, was gesagt wird. Ich sehe alles und weiß, manche Dinge sind nicht beständig. Besonders bei der Gerichtsgutachterin. Sie erscheint mir sehr wechselartig, salomonisch sagt Erik. Gerade die Person, die jetzt so wichtig ist, äußert sich so wenig eindeutig. Sie kann sich sehr verschieden verhalten, im kürzesten Zeitraum. Ich stehe wie auf Eiern, so unsicher.

Sie können mit uns machen, was sie wollen. Sie machten es eine lange Zeit. Tausend Leute gehen an mir vorbei. Ich sitze im Park auf einer Bank. Keiner weiß, dass Menschenrechte im Grunde gar nicht vorhanden sind. Und sie gerade an einer Person vorbeigegangen sind, die sich mitten in Deutschland befindet und keine Rechte mehr hat. Es tut alles so weh. Auch die Unwissenden verletzen mich irgendwie. Diese unerfahrenen Gesichter, die an mir vorübergehen. Was ich bisher erlebte, merken die nicht.


Kein wirkliches Vertrauen
geben die Psychiater,
keine wirklichen Gespräche
und keinen Augenkontakt

hundertprozentige Sicherheit fühle weder ich noch Simon

Wieder ein Gespräch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Baumgart, der manchmal doch dabei ist, Dr. Sieknecht, und ich. Erik kommt später. Der weitere Verlauf wird besprochen. Es wird anheim gestellt, unbedingt die Gerichtsgutachterin zu bedrängen, damit sie mit ihrem Gutachten fertig wird. Das tat ich schon eine ganze Weile und berichte jetzt darüber, was ich alles unternommen hatte und wie der Stand ist. Wir behalten Augenkontakt, die junge Ärztin und ich. Sie meint es ernst oder lügt sie gerade? Sie redet mit mir, aber will mich gar nicht so wahrnehmen. Sie redet mehr mit Herrn Baumgart und manchmal meint sie das gut mit dem Sorgerecht und manchmal meint sie das nicht so gut mit dem Sorgerecht. Sie lächelt entstellt. Sie schaut mehr auf Baumgart als auf mich. Sie integriert mich nicht wirklich in das Gespräch. Es ist als spräche sie mit Baumgart mit Hilfe eines Codes. Mir fehlt die Offenheit. Ich suche Ehrlichkeit. Ich fühle mich verloren ohne Erik.

Aber was soll im Sorgerechtsverfahren schon passieren? Alle zusammen sehen jetzt Simon und sind über dessen Fortschritt informiert. Henry kommt wieder nicht zu den Gesprächen am runden Tisch. Welche Probleme gibt es denn jetzt noch? Warum bin ich so unruhig? Ständig werde ich von misstrauischer Aufmerksamkeit ergriffen. Panik macht sich in meinen Knochen breit. Ich spüre keine Beachtung, weder von Baumgart noch von der Ärztin. Deren gesprochene Worte sind so gar nichts mehr. Es fehlt etwas darin.

Aber ich warte auf Worte. Das weiß ich jetzt. Ich warte auf mehr Stellungnahme, mehr offene Zusagen. Ich warte auf ein Lob, dass durch mich und mein Handeln Positives passiert ist, was das Wohlergehen und die Entwicklung von Simon bedeutend verbesserte. Ja, auf das warte ich. Und wenn schon mal vom Sorgerecht gesprochen wird, möchte ich mehr Stellungnahme. Doch keiner dieser Anwesenden spricht direkte Worte aus. Alle unterhalten und planen im Stillen zusammen. Was meint die Gerichtsgutachterin? Was meint Baumgart und der weibliche kühle Psychiater der Psychiatrie. Sie haben doch Vorstellungen, die sie jetzt erzählen könne. Ich verrate meine Unruhe nicht. Hoffentlich kommt Erik bald. Ich brauche ihn. Die Zeit drängt. Auf jeden Fall ist klar, Simon soll die Klinik bald verlassen. Das hatten die doch jetzt so gemeint, oder? Außerdem gibt es keine bessere Fürsorgeperson als Simons Mutter für Simon als mich. Das dürfte doch so gemeint sein, oder? Oder wie viel soll ich da noch beweisen?

Der psychologische Dienst wird mich als verantwortungsbewusst erklären müssen, wenn er als Zeuge aufgestellt wird. Dieser psychologische Dienst hat eine starke Frau kennengelernt in einer unglaublichen Situation. Dieser Dienst hat meine Kraft und meinen Einsatz gespürt. Baumgart hat ständig erfahren müssen, dass mein Einsatz Simon Nutzen gebracht hat. Von Frau Mull hat er gehört, zu wem Simon eine enge Bindung hat. Und ständig erfährt er, woher die Risse kommen, wenn es zwischen Simon und mir mal nicht stimmen sollte.

„Lasse ihn nicht gewinnen“, sagten damals bei meinem ersten Besuch in der Psychiatrie Frau Mull und Herr Baumgart zu wie aus einem Mund, als Simon sagte: „Mein Vater gewinnt immer. Da kann ich nichts gegen tun.“ Jetzt haben sie alles lange genug erlebt, was los ist mit Hölzers. Der dümmste Mensch, sollte den Druck des Vaters jetzt kennen, den Simon erleiden muss. Vieles ist in der letzten Zeit geklärt worden, zwar vorher auch schon, aber lassen wir die Vergangenheit.

Ich hatte niemals bisher Besuchsverbot bekommen, weil sich Simon bei mir wohl fühlt. Er bleibt nach meinem Besuch mit Hoffnung und gutem Gefühl zurück. Alle sehen es oder bekommen Auskunft darüber. Herr Baumgart meint laut: „Ich bin erfreut. Ich freue mich für den Jungen, dass die Medikamentenreduzierung eine positive Wirkung zeigt.“ Die Krankenschwestern und Pfleger lassen uns länger als vereinbart zusammen, wenn es ihnen möglich ist, denn eine positive Wirkung ist denen auch deutlich erkennbar geworden. Die Gerichtsgutachterin hört alles von jedem, also, was wollen sie noch? Was stellen sie sich vor? Ich sitze in der Gesprächsrunde mit Baumgart und Dr. Sieknecht und wurde gerade gefragt, ob ich wüsste, wie weit die Gerichtsgutachterin mit ihren Recherchen ist und zähle auf, was sie planungsmäßig noch tun will und warte auf Erik.

"Kann das sein, dass die heimlich manchmal keinem der Eltern das Sorgerecht wieder geben wollen?" fragt Simon plötzlich und wittert Verrat. "Ich spreche viel mit der Gutachterin, damit die Sache schnell vorangeht", entschied Simon und gibt es mir preis. Jetzt scheint er zu merken, er kann Einfluss nehmen. Jetzt heißt es Gutachten fordern, drängen und aufpassen. Frau Schweiger findet Simon oft in meinem schwarzen Kapuzenpulli und sagt es mir. Sie strahlt währenddessen menschliches Verständnis aus. Sie deutet an, dass dies ein positives Ereignis ist. Er benötigt ihn für die Zeit, in der ich ihn nicht besuchen kann. Frau Schweiger berichtet weiter lächelnd. Sie scheint von Vielem positiv beeindruckt zu sein.

Mit Simons Medikamentenreduzierung klappt immer noch alles gut. Er fühlt sich immer besser, je weniger er nimmt. Diese Medikamente können nur langsam und vorsichtig heruntergesetzt meint auch Erik. Die Eichenholzzeitmaschine steht bereits auf fast Mitte Oktober. Das ist über ein Monat vor Beginn der Reduzierung und zwei Wochen nach dem letzten Plangespräch, an dem ich angehalten wurde, die Gerichtsgutachterin zu bedrängen, damit die Sache des Sorgerechts geklärt wird. Nun sitzen Dr. Sieknecht, Erik, Simon und ich wieder zusammen. Simon ist total außer sich und aggressiv. Es wurde vom Ärzteteam bestimmt, er solle in das Haus der jüngeren Kinder und Jugendlichen. Er sei ja so ein Grenzfall mit dreizehn Jahren. Aber er sei mit seinen dreizehn Jahren eigentlich noch sehr unreif. Er lasse sich von den Älteren unterdrücken. Aber das stellte man schon vor über fünf Monaten fest. Warum wurde er nicht gleich nach dem geschlossenen Psychiatrieaufenthalt in das Haus der Jüngeren geschickt?

Erik fragt: „Ist das Ihr endgültiger Beschluss?“ Dr. Sieknecht nickt und ließ da nicht locker. Dann erzählt sie, sie habe beobachtet, wie Simon schnell und mit totaler Anstrengung einen Streit zwischen den älteren Patienten und den Betreuern vermeiden wollte. Er brachte das in Ordnung, was die älteren Jugendlichen vorher beschmutzten und danach mit cool provozierenden Mienen den Betreuern gegenüberstanden und nicht daran dachten, die verschmutzten Dinge wieder zu säubern.

Ja, das macht Simon. Ich erinnere mich an das Erlebnis mit Pitt. Da war wieder einmal Pitt mit den jüngeren Jungen und zwölfjährigen Simon zusammen. Sie standen vor unserem Küchenfenster, als ich Bratkartoffeln briet. Ich beobachtete am Fenster wie Pitt auf leere Coladosen trat und sie auf unserem Hof liegen ließ. Er rülpste dabei und ständig spuckte er gegen meine Kartoffelkiste. Ich wurde wütend, riss das Fenster auf und wollte Pitt dazu bringen, dass er alles zu reinigen hatte und anschließend unseren Hof zu verlassen hätte. Mit provozierendem Lachen stand Pitt da und rührte sich nicht. In dem Moment schmiss Simon alle Coladosen weg, nahm die Kartoffelkiste und wusch sie im Keller. Ich nutzte die Gelegenheit, um mit Simon alleine im Keller zu reden: „Ist das dein Freund, kann so etwas Dein Freund sein?“

Simon fühlte sich von älteren Jungen und jungen Männern magisch angezogen. Sie sollten ihm ein Vorbild sein, - irgendeins. Er fand nicht immer gut, was sie taten. Doch er wünschte sich die Präsenz dieser jungen Männer. Ich wünschte mir Pitt zum Teufel. Doch er war der Nachbar und schon stand der aufdringliche Junge in unserem Flur und wartete, bis Simon fertig ist, die Kartoffelkiste zu reinigen, und wieder raus käme. Widerlich war mir zumute. Wütend forderte ich ihn auf, er solle aus dem Flur verschwinden. Doch er tat es nicht. Vielleicht hätte ich bei ihm schon mit der Polizei drohen müssen, überlegte ich später. Er war in seinem Alter straffällig und was er tat, war Hausfriedensbruch und seine Eltern zu dumm und zu cool, um ihn an irgendwas zu hindern.

Doch die Eichenholzzeitmaschine zeigt mir jetzt immer noch den runden Tisch dieser Klinik und meine heimliche Fragestellung, wann kann Simon das Krankenhaus wirklich verlassen, wenn er jetzt noch in ein anderes Haus wechseln soll? Simon ist total dagegen. Sollte er nicht mitarbeiten für sich selbst? Wo ist jetzt seine Stimme, die eventuell sagen darf, ich werde zusehen, dass ich das nächste Mal den Großen nicht helfe und halte mich da raus? Wo ist die vorgeschlagene Alternativmöglichkeit für Simon? Nur, damit das Mitbestimmungsrecht nicht zur Lüge wird? Doch für Dr. Sieknecht ist die Verlegung beschlossen. Sie lässt nichts rückgängig machen. Erik meint: „O. k. machen wir das Beste draus.“


Ganz ohne der
versprochenen Mitbestimmung

soll Simon in das Haus
der jüngeren Kinder
zu einem anderen Arzt

Wir helfen Köfferchen tragen, und es gibt danach ein gutes ausgiebiges Gespräch mit einer Sozialpädagogin des neuen Hauses. Das Gespräch mit Frau Ahl gibt Mut und Vertrauen. Erik ist bei uns, als wir uns alle kennen lernen. Frau Ahl wünscht sich eine gute Zusammenarbeit mit allen für Simon. Sie nimmt mir die Furcht wegen der Medikamente und garantiert, dass hier alle darauf achten, nicht zu viel und nichts Überflüssiges zu geben. Also, eine bessere Change als im anderen Haus? „Keine Sorge, die Medikamente werden weiter reduziert“, sagte sie in Anwesenheit von Herrn Dr. Stampfstein, der sich inzwischen auch gezeigt hat, sich als neuer ärztlicher Betreuer Simons vorstellt und freundlich zustimmt: „Keine Sorge.“

Zum ersten Mal bekommt Simon jetzt die Erlaubnis eines Wochenendbesuch. Das heißt, Sonnabend und Sonntag darf er von mir er abgeholt werden, denn sein Vater hat Besuchsverbot. Der neue Arzt verspricht sogar, dass Simon nächstes Wochenende eventuell zu Hause übernachten darf. Er scheint sehr nett, freundlich. Er lacht sehr viel, etwas komisch. Aber er meint es wohl gut. Simon beruhigt sich. Übermorgen wird er abgeholt und darf nach Hause. Er war lange nicht mehr zu Hause. Telefonieren darf ich jeden Abend, wenn es passt. Wir freuen uns. Eigentlich doch eine Befreiung, das Doppelgesicht von Dr. Sieknecht verlassen zu können. Dennoch meldet sich immer wieder so ein chronisch angelegtes Misstrauen in mir, eine tiefe Angst in meinen Knochen. Vielleicht ein Trauma, was ich immer zurückbehalten werde.

Nach der Verlegung meldet sich Herr Baumgart auch telefonisch und erkundigt sich nach unserem Wohlbefinden. Ich erzähle Herrn Baumgart von der Verlegung Simons, die Gründe dafür und berichte von dem Gespräch mit Frau Ahl. Ich berichte von der Erlaubnis, Simon am Wochenende holen zu dürfen, eine Erlaubnis des neuen Arztes. Außerdem informiere ich Baumgart über die neu geplanten Besuchs- und Telefonrechte und dass ich zufrieden bin. Dasselbe erzähle ich Herrn Tannen, der sich nach unserem Wohlbefinden erkundigt. Freudestrahlend verabschiede ich mich von Herrn Tannen mit den Worten: „Es muss dort also erst immer ein Arzt an der Seite einer Normalperson, einer Mutter, stehen und sich denen zeigen. Dann geht es gut.“

Doch egal wie. Alles jetzt versprochen. Weniger Medikamente seien viel besser. Sie seien ganz vorsichtig mit Medikamenten, falls wirklich eine Medikamentenumstellung sein müsse, würden sie mich sofort anrufen und kommen lassen. Sorgen müsse ich mir nicht machen. Simon, Erik und ich hörten: „Wir wünschen uns nichts lieber als eine gute Zusammenarbeit mit den Eltern, vor allem wegen der Kinder, damit sie sich sicher fühlen.“ Mit diesen Worten lächelte Frau Ahl offen und Dr. Stampfstein bestätigte das neben ihr. Wir reichen uns die Hände: „Für nächstes Wochenende überlegen wir, ob Simon auch zu Hause übernachten darf.“ Simon darf mit vor die Tür. „Simon, was wollen wir überhaupt mehr. Es scheint doch hier nur besser als drüben zu sein.“ Sind wir hier sicherer? Simon war nicht mehr ganz so ungehalten und aggressiv. Übermorgen wird er nach Hause fahren dürfen, in zwei Tagen.


Was ist Solian?
..... Solian ....

Ist es wahr,
wir dürfe wieder normale Menschen sein

Ich stehe wie auf Eiern – Ein Trauma?
Simon darf endlich einmal nach Hause

Ein richtig langes schönes Wochenende für Simon und mich. Schon die Hinfahrt im Auto genieße ich. Dann das Abholen meines allerliebsten Jungen, das Warten auf ihn, bis er seine Sachen gepackt hat. Er hat seine Sachen schon gepackt. Er wartet mit Tasche auf mich. Ich genoss mit ihm das Verabschieden der netten Krankenschwester in der in der Psychiatrie. Jede Minute genießen wir im Auto auf der Fahrt nach Hause. Das schöne Wetter genießen wir. Und wir tragen die Zukunftspläne bei uns. Wir können die Zukunft riechen während wir fahren, eine schöne Zukunft. Wir sehen den weiten blauen Himmel während unserer ersten Heimfahrt.

Heimlich unter freien Himmel während der Autofahrt mache ich Hausaufgaben mit Simon, ohne dass er das merkt: „Simon, Du bist ja ein Junge und bist immer gerne mit Jungen und Männern zusammen. Inzwischen findest Du auch Mädchen ganz nett, habe ich gemerkt.“ Simon lächelt heimlich. „Stelle Dir mal eine Gesellschaft ohne Frauen und Mädchen vor“, fordere ich ihn anschließend auf. Er lacht und meint: „So ein Unsinn, das gibt es doch gar nicht.“ – „Doch das hat es schon gegeben, Gruppen, in denen nur Männer und Frauen getrennt leben wollten, die trafen sich nur selten.“ Ich erzähle drüber. Wir diskutieren drüber. Der Pubertierende Junge weiß einiges darauf zu sagen. Wir machen Witze, manchmal. Zum Schluss meint Simon: „Mir gefällt es besser, wenn alle gemischt zusammen bleiben.“ „Mir auch“, sage ich.

„Wie wäre eine Gesellschaft mit nur Weißen, nur Schwarzen, nur einer Kultur und einer Sprache?“ – „Da müsste vielleicht die Natur überall gleich aussehen. Das Äußerliche machte die äußeren Gegebenheiten. Sonst wären alle gar nicht so verschieden. Aber wir können es hinnehmen, wie es ist. Verschiedene Kulturen bereichern uns alle“. – „Aber wie wäre eine Gesellschaft, in der Alt und Jung getrennt werden?“ Simon spürt Verrat. Er sieht sich selbst im Krankenhaus bei den Jüngeren. „Oh, nein, ich meine das Alter zwischen achtzehn und achtzig und die noch jüngeren Kinder.“ Wir überlegen? „Ist aber alles nicht so großartig, das voneinander zu trennen. Alles gehört zusammen“. – „Welche Vorteile gibt es, wenn ein jüngerer Junge unter älteren Jugendlichen ist?“ – „Er kann von ihnen lernen. Er muss entscheiden, was prima ist, wenn sie so oder so sind. Und er muss sich entscheiden lernen, was er bei ihnen recht schräg findet. Und er muss lernen, sich dann zu distanzieren. Es gibt so viele verschiedene Wege und Verhaltensweisen, um sich zu distanzieren. Manchmal braucht einer Übung und mehrere Anlaufversuche“.

„Das kann man auch lernen, wenn man bei den Jüngeren ist“. – „Ach nein“, das glaubt Simon nicht. „Ach doch“, ich glaube es. „Man trägt doch überall Verantwortung und kann entscheiden. Was an Menschen super ist, kann ich selbst entscheiden. Wann ich sie schräg drauf finde, kann ich selbst entscheiden. Sich eventuell als Älterer einmischen, wenn sie Hilfe brauchen und streiten. Das kann man entscheiden. Manchmal erkennt man sich selbst wieder. Also, wie man selbst gewesen ist, als man jünger war, als jetzt Älterer. Man kann noch mal zusehen, was sich zwischen denen so abspielt. Und alles, was man selbst schon einmal erlebt hatte, entdeckt man wieder. Nur diesmal als Älterer. Man steckt nicht mehr so zwischendrin. Man sieht alles ganz anders. Manchmal ist das total witzig, wenn plötzlich ein anderer, jetzt kleinerer Junge, die Fehler macht, die man selbst einmal gemacht hat oder einfach aus einer Situation nicht rauskommt. Plötzlich ist man der Ältere, kennt mit Leichtigkeit die Lösung des Problems und kann dem Jüngeren eventuell aus seinen Konflikten helfen, oder der Ältere beobachtet nur und bekommt manchmal ein witziges Gefühl dabei“.

„Mama, erzähle mir bitte weiter über die Gesellschaft und so. Das ist schön. Das macht mich ganz glücklich.“ Ich freue mich, mein Sohn, der mit mir im Auto sitzt, verlangt danach, weiter über die Gesellschaft zu reden und sieht total glücklich dabei aus. So habe ich es lange nicht mehr gesehen. Natürlich rede ich weiter und er bringt sich ein, meistens aber genießt er, wenn ich weiterrede von meinen Vorstellungen. Die von uns schön kreierte Gesellschaft, wie sie eigentlich aussehen müsste und was alles dazu gehört, füllt die ganze Autofahrt. Zum Schluss werden Jugendliche einmal die Woche durch die Straßen laufen und die Leute fragen was sie unglücklich, glücklich macht oder, was sie noch brauchen. Wenn man darüber redet, kann die beste Hilfe und Abhilfe entstehen. Ja, es macht stark, wenn man sich selbst im Klaren darüber ist, wie die Gesellschaft aussehen soll, in der man lebt. Es bringt Spaß, darüber zu reden, wie man eine neue schöne Gesellschaft entstehen lassen kann“. Unsere Gesellschaft ist schon fast fertig. Die Konzepte da sind. Und wir sind in unserer Stadt. Simon wird mich an diesen beiden Tagen noch öfter wegen dieser neuen Gesellschaft ansprechen.

In unserer Stadt angekommen, kaufen wir ein Skateboard. Aber einzelne Teile zum Zusammenbauen. Wir essen zum Mittag Spinat, zwei Tage lang, Simons Lieblingsspeise, und laden dabei Freunde ein. Zu Hause ist eine ruhige, glückliche Atmosphäre. Micha, der Pastor, bringt am ersten Nachmittag Kuchen mit. Zu dritt sitzen wir draußen auf der Bank. Simon verteilt Kaffee und Kuchen. Ich glaube so eifrig das erste Mal. Simons Freunde kommen und Pitt ist zurückhaltend und irgendwie lieb. Ihre Aktivitäten auf der Straße sind Mountainbike fahren, Fußball spielen und Skaten. Der nächste Tag verläuft ganz ähnlich. Nur darf ich Simon schon sehr früh abholen, früher als vom Arzt entschieden. Die Schwestern sind sehr tolerant und locker. Pitts Bruder, der gleichaltrige Junge, isst mit uns heute Spinat. Und außerdem ist Gregor dabei. Er kann so gut mit Jungen umgehen und kennt schlagartig Witze, fröhliche Sprüche und Antworten. Die Jungen kommen so manches Mal aus dem Lachen nicht heraus.

Ich sitze auf unseren nicht gemähten Rasen hinter dem Haus, auf unserer grünen Blumenwiese. Alles verschwindet, was gewesen ist. Alles Neue kommt. Der Himmel ist blau. Wir erholen uns wie lange nicht mehr. Simon spielt Fußball mit seinen Freunden. Vielleicht haben sie gerade damit aufgehört und skaten wieder. Wir bekamen auch Besuch. Jede und jeder der Freunde wollte Simon ein wenig erleben. Er ist glücklich und fit durch viel weniger Medikamente, etwa einhundert Milligramm. Mir fällt ein Gedicht ein.


Einzigartig

einzigartig
wir sitzen im Garten
auf dem nicht gemähten Rasen

einzigartig
jeder Halm ist einzigartig
jedes Blatt und jede Blume
jede Maus und jeder Igel

einzigartig
jeder Mensch ist einzigartig
und von Minute zu Minute fühlt er ein ganz klein wenig anders – einzigartig
jede Woche einzigartig und anders als die letzte,
man kann sie steuern, ein wenig, einzigartig

jeder Tag ist einzigartig und nicht so wie der letzte
jede Stunde unfassbar
jede Minute ist einzigartig
jede Wolke einzigartig und nach jeder Sekunde verändert sie sich
jedes Geschehen einmalig
nichts kommt mehr so wie es mal kam
wenn doch gehen wir anders damit um
logisch


Simon kommt, um nach mir zu sehen. Wir sitzen zusammen auf der Blumenwiese, auf dem nicht gemähten Rasen. Ich trage mein neues Gedicht vor. Simon hört zu und meint leise, um den Zauber nicht zu stören: „Das stimmt.“

Das Gesellschaftsthema führen wir fort. Simon verlangt danach. Dann reden wir ein wenig über das Krankenhaus. Simons Gefühl ist bei dem Gedanken, wieder zurückfahren zu müssen, mumlig. Als wenn irgendetwas passieren könne, denkt er. Er deutet eine heimliche Medikamentenumstellung an, weswegen er das Haus wechseln sollte. Ich beruhige Simon, doch unheimliche Gefühle habe ich auch, bei allem, was jetzt schön ist. Wir haben beide diese Ängste tief im Bauch. Vielleicht leiden wir beide an einem Trauma. Vielleicht an einer ganz realistischen Ahnung? Der glückliche Moment hat alles überdeckt. Auf dem Weg zurück zum Kinderhaus der Klinik meldet sich ein panisches ängstliches Etwas. Gregor kommt wieder. Mit ihm und seinem Auto werden wir heute Abend zurückfahren.

Simon packt einen separaten Rucksack mit gesundem Essbarem. Das braucht er jetzt. Mit einer Menge Apfelsinen und Paprikaschoten wird Simon von mir und Gregor am Sonntagabend in die Klinik zurückgefahren. Eine Schwester empfängt uns. Ich hatte sie schon kennen gelernt. Sie begrüßt und lacht, als sie den separaten Rucksack mit den Paprikaschoten sieht: "Ach, du meine Güte, was hast Du da alles mitgebracht?“ „Simon möchte jetzt ganz gesund leben“, trage ich erklärend bei. Sie lacht wieder: „Simon, lasse Dich mal ansehen. Super siehst Du aus. Na, du hast es aber schön gehabt die letzten Tage, was? - Er hat sich wirklich gut erholt", so verabschiedet sie sich von mir und Gregor: „Wenn das so weiter geht, können wir mit Simon zufrieden sein.“

Ein wenig erzähle ich ihr noch vom Wochenende und dass das uns allen gut getan hat. Gregor steht neben und bestätigt alles, was ich sage: „Ich habe vor, morgen mit Frau Ahl zu telefonieren, wollte ihr ein wenig über das Wochenende erzählen und fragen, ob Simon nächstes Wochenende dann auch zu Hause übernachten darf. Er freut sich schon darauf.“

Soweit die Krankenschwester nach Plan informiert ist, wird Frau Ahl morgen Vormittag Dienst haben. Ich laufe noch einmal zu Simon, der an der Tür steht und halte ihn fest. „Simon gehe rein und mache die Augen zu, - eine Minute lang. Er steht jetzt im Flur hinter dem Eingang und mir. Ich halte ihm die Augen zu und zähle eine Minute ab, ungefähr. „Siehst Du, die längste Zeit bis zum nächsten Wochenende hast Du schon hinter Dir. Eine Minute bist du schon drinnen. Jetzt wird die Zeit immer kürzer, jede Minute kürzer. Wenn Du dich gleich schlafen legst, werden ganz viele Minuten vergehen. Lasse es dir gut gehen, Simon. Ich habe Dich lieb.“ – „Ich dich auch Mama.“

Gregor steht am Auto. Die Krankenschwester ist bereits auch drinnen in der Psychiatrie, in einem Vorraum mit geöffneter Tür sieht sie uns freundlich zu. Ich verabschiede mich noch einmal mit Winken. Sie auch. Sie bedankt sich noch einmal wegen des schönen Wochenendes, das Simon bei mir verlebt hatte. Aber wieso? Ich bin doch seine Mutter.

Mit Gregor fahre ich jetzt nach Hause. Wir gehen noch ein bisschen spazieren im bunten Herbstmonat irgendwann. Einzigartig!
(© Ilona Meschke 2008)


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