am dreißigsten Novembertag irgendwann
Wie kann ein rechtloser Mensch mit entrissenem Kind weiterleben? Wie mit leergekratztem, gekrümmten Magen und mit dem Loch in der Herzgegend? Wie mit vorübergehenden Menschen, die das ignorieren?


Bei Jugendamt und Gericht
siegte die Gewalt sechs Jahre lang

Ich fühlte Hohn und Verspottung dabei, einfach gesund zu sein und zu bleiben, anstatt krank zu werden und unter starken Schmerzen zu leiden.

Ich schalte die Eichenholzzeitmaschine ein. Am dreißigsten Novembertag irgendwann möchte ich kein Fenster mehr sehen, keinen Kamin und kein Feuer. Nicht ein einziges Mal werde ich mich umschauen. Dunkelheit möchte ich. Ich träume nichts mehr. Nicht einmal mehr im Traum sehe ich Simon. Er ist weg, von heute auf morgen aus meinen Träumen verschwunden, obwohl ich versuche, zielstrebig wieder von ihm zu träumen. Es geling mir nicht. Ich wache auf, innerlich leer, hilflos und depressiv. Ich versuche nicht, dagegen etwas zu tun. Die Menschen hier zu Lande empören sich, wenn ein Unfallopfer auf der Straße liegen bleibt, mit gebrochenen Knochen und blutend. Sie empören sich, wenn alle vorbei gehen und fahren und niemand hilft. Aber im Innern dürfen wir die größten Verletzungen mit uns tragen. Da dürfen alle Menschen vorbei gehen und vorbei fahren. Niemand empört sich und niemand redet von unterlassener Hilfe.

Oder die werden wegen Suizidgefahr mit Handschellen abgeführt in die Psychiatrie und zwangsweise mit gefährlichen Psychopharmaka zugepumpt. Ähnlich wie bei Jonas, der nur seine Vaterrechte zurück haben wollte. So werden sie behandelt und anschließend wieder herausgeschmissen auf die Straße, noch verletzter als zuvor.

Simon will keine Gespräche am Handy mit mir. Er drückt meine Anrufe weg.


Ich schreibe Simon. Ich schreibe nicht mehr alles, nur noch einen Teil von dem, was ich ihm sagen möchte:
Mein lieber Sohn, ich hoffe es geht Dir gut. Ich möchte Dir ein paar Zeilen schreiben, weil wir noch nicht miteinander quatschen konnten. Das war in letzter Zeit auch immer ein wenig schwierig. Aber ich hoffe, wir schaffen es wieder. Möchtest Du das nicht auch?

Man muss auch nicht immer über ernste Dinge reden, doch im Moment wünsche ich mir auch, zu wissen, was Du Dir denn so dachtest, warum alles so kam. Du weißt ja, ich hatte ein Sorgerecht mit einer Klausel, ich solle Dich erst aus der Einrichtung holen, wenn Ärzte dafür sprechen. Das hätte jetzt geklappt. Dr. Walle reagierte genauso, wie es Dr. F., der uns seinerzeit einen guten sicheren Weg beschrieb, voraussagte.

Jetzt hast Du aber eigenständig einen anderen Weg eingeschlagen. Ein großer Teil meines Herzens freute sich darüber. Warum, das möchte ich Dir später erklären. Der andere Teil trauert und sorgt sich.

Zwar massiv, aber eigenständig hast Du Dein Recht gefordert. Das fand ich gut. Und der Richter war auch beeindruckt, denn er ließ Dich gewinnen, ganz wichtig, er hat Dich gewinnen lassen, nicht irgendein Elternteil von Dir. Er sah Dich ohne Medikamente. Er war beeindruckt über Deinen festen Willen und wusste, Du bist fast fünfzehn. Er dachte sich, das Beste ist, wenn der Junge den Weg selbst geht. So lese ich es aus dem gerichtlichen Beschluss.

Theoretisch hättest Du also alleine zum Richter gehen können und beantragen, was Du willst. Aber halt – das eine ist der gewonnene Beschluss – die Arbeit, die dahinter steckt, fängt erst an. Jetzt bist Du eigenverantwortlich für Dich selbst. Es ist ein wenig früh, aber es ist so. Alles kannst Du sicher nicht, und Du musst fragen. Ich möchte Dir auch helfen.

Ich wünsche mir sehr, dass dieser Beschluss Dich selbstsicher macht, und Du unter keinem anderen Puschen gerätst. Freiheit bedeutet es, überall fragen zu können. Was Du mit mir vor dem Richter gemacht hast, war, glaube ich, gar nicht nötig. Darüber möchte ich mit Dir noch einmal sprechen. Aufrichtig und ehrlich sein, hieße jetzt für Dich, darüber mit mir zu sprechen. Das lässt uns beide besser fühlen. Bevor Du leben konntest, bist Du neun Monate direkt unter meinem Herzen gewachsen. Wir wussten gegenseitig, wie es uns geht. Das möchte ich heute auch noch wissen, wie es Dir geht. Ich kann gar nicht anders. Verachte das nicht.

Ich habe Dich lieb. Ich habe nur aus Verzweiflung ausgerufen, dass ich Dich vier Jahre nicht sehen möchte, weil ich so die einzige Möglichkeit gesehen habe, Dir Ruhe zu geben. Ich möchte keine Situation herstellen wie vor zwei Jahren. Ich möchte nicht, dass wir uns alle im Kreise drehen. Dass alles noch einmal passiert, das würde ich nicht verkraften. Lieber gebe ich auf. Ich bin nur aus einem Kriegsfeld heraus gegangen, weil Krieg sinnlos ist. Eine andere Lösung habe ich nicht gesehen. Ein Krieg um Dich, ist ein Krieg gegen Dich. Das möchte ich nicht. Bitte verstehe das und akzeptiere es.

Lasse uns bitte darüber sprechen. Aber vor allem darüber, wie ich Dich jetzt unterstützen kann. Vergiss bitte nicht, ich habe eine Menge für Dich getan. Und vieles weißt Du auch noch gar nicht. Lege bitte den Hörer nie wieder auf, wenn ich mit Dir telefonieren möchte. Ich wünsche Dir viel Glück. Und noch was, - ich glaube an Dich! - Deine Mam - Das Leben ist interessant. - Welcher Weg soll es denn sein? - Such Dir einen! - Habe Dich lieb.


Simon schweigt und lässt sich nicht sehen. Vor kurzen schlief ich nicht aus Sorge, Simon könnte bei der Medikamentenentsorgung erwischt werden. Jetzt wache ich ständig in der Nacht auf, weil es für das plötzlich umgekehrte Ereignis keine Erklärung in der Nacht gibt.


Simon bleibt kalt und schweigsam

Bald bin ich wieder in der alten Wohnung und reiße den alten Teppichboden raus. Plötzlich steht Henry im Hausflur vor der Wohnungstür. Provokativ hält er einen Schmierzettel entgegen, auf dem Dinge aufgezählt sind, die Simon haben möchte. Er hält den Zettel hin mit der schweigenden Aufforderung, ich hätte ihn zu nehmen. Er schaut dabei vorbei an mir und spricht, als widere es ihm an vor meiner Tür zu stehen. Eine andere Seite von ihm scheint auszusehen, als gefiele es ihm, provokativ vor meiner Tür zu stehen. Er soll aber verschwinden. Das sage ich ihm. Simon kann sich seine Sachen selber holen. Ihm wird schon nichts passieren. Er weiß das sicher. Henry bleibt im Hausflur stehen. Mir ist zum Schreien. Jetzt sieht Henry, dass ich nicht alleine in der Wohnung bin. Peter ist da und zeigt sich. Henry verschwindet.

Kurze Zeit später verriet Peter leise, Simon sei gekommen und hole sich seine Sachen aus seinem Zimmer. Er habe sich leise mit seinem eigenen Wohnungsschlüssel herein geschlichen. Langsam gehe ich in sein Zimmer: „Simon, wie geht es Dir? Simon, alles klar?“ Er antwortet ziemlich scharf: „Mir geht’s gut. Ich treffe mich jetzt wieder mit Pitt. Er ist mein Freund.“ Jetzt geht er abweisend an mir vorbei und verlässt sein Zimmer. Eine ganze Weile bleibe ich stehen, bin erstarrt. Die Aussage war gemein. Dann sehe ich Henry wieder vor der Wohnungstür: „Verschwinde!“, rufe ich „Verschwinde!“ Das Monster holt tief Luft und stößt während des Ausatmens heraus: „Ich gehe nur mit meinem Kind hier wieder raus, nur mit meinem Kind!“ Ich schreie. Ich schreie weiter. Sie gehen.

Ich schreie weiter und schmeiße mich dabei auf den Boden, wie ich es schon einmal tat, als ich Simon nicht wieder aus der Psychiatrie in K herausbekommen konnte. Doch jetzt liegt kein Teppich mehr da. Ich schmeiße mich weiter zu Boden. Peter kommt. Er hält mich fest. Ich kann mich nicht mehr fallen lassen.


Schutzlos und niemand ist dagewesen
Kein Gott in der Nähe, nirgends,
niemals war Gott hier!
Keine Ausgestoßenen,
keine Geschändeten und Gemordeten,
sind da - für einen Rat.
Ich leide an Prellungen,
habe Schmerzen.
Es tut mir gut.
Aus!

Alles leer!
Schreie, Schreie, immer noch, ich schreie.
Peter hält mich immer noch.
Ich kann mich nicht mehr hinwerfen.


Simon schreibt Peter eine SMS

Peter hält mich fest. Ich kann mich nicht mehr hinwerfen. Sein Handy klingelt. Es liegt auf dem Tisch. Er sagt es ist Simon: „Sag meiner Mutter, ich werde sie irgendwann später besuchen.“

Doch die nächste Nachricht verbleibt. Wieder wache ich im Schlafe auf, mit Schmerzen, mit Weinen. Ich gehe raus in den Wald. Er liegt voller Schnee. Ich komme nicht mehr zurück, nie wieder. „Herr Baumgart, was haben Sie getan? Aufgepasst, dass die Väter ihre Kinder bekommen durch Ihre ignorante Toleranzbewahrung, wenn Väter sich vorbeibenehmen. Die Mütter wie geklonte Mütter behandelt, immer und immer wieder. Ich werde Ihnen das nie vergessen!“

Warum schafft es Henry, im richtigen Moment zuzuschlagen? Aber er durfte immer. Seine Taten wurden nie geschwächt. Ich möchte nicht in Baumgarts Haut stecken, nicht in ihrer aller Häute. Aber ist das nicht egal? Ich lege mich wieder ins Bett, aber schlafe nicht.

Ich bekomme Zahnwurzelentzündungen und meine Zähne werden bald repariert. Ich fühle Schmerzen am Herz, massiv. Ich gehe meine Wege so schlapp als müsse ich bald sterben. Ich bin froh, herzkrank zu sein, dann stellt sich heraus, ich bin nicht herzkrank. Und auch die Prellungen vergehen wieder. Nur ein bleib, das Schweigen meines Sohnes und der Hohn meines Schicksals.


Mein Brustkorb ist gesund.
Mein Herz geht nicht kaputt.
Das kann doch nicht gesund sein?

Ich spüre eine Folter.
Die Folter gesund zu sein ist irgendwie zeitlos.
Zeitlos gefoltert.
Und still ist es dabei.
Der schweigende Hohn ist immer präsent.


Weihnachten - und keiner kommt

Es ist heilig Abend. Ich hole den Weihnachtsschmuck. Ich lege die Weihnachtsfiguren unserer Krippe auf den Boden des neuen Wohnzimmers der neuen Wohnung. Ich hole einen Hammer. Ich schlage auf die Figuren. Ich schlage auf die Krippe. Welch ein Material? Ich wusste nie, dass sich unser Weihnachtsschmuck so schlecht kaputt hauen lässt. Ich lege die Krippe mit vertrocknetem Moos in die Mitte des Raumes und zünde alles an. Es kokelt vor sich hin. Eine Flamme kommt. Es stinkt. Ich lösche. Ein Brandfleck bleibt. Der Teppichboden hat ein Loch. Die Figuren sind rußig geworden. Sie lassen sich also nicht verbrennen.

Ich öffne das Fenster und entsorge zu Weihnachten heilig allen Weihnachtsschmuck. Ich hänge meine selbst gemalten Bilder von der Wand. Stelle sie raus vor die Container. Irgendjemand wird sie später mitnehmen. Ich hole allen Zimmerschmuck, besuche damit andere Container und schmucke sie damit. Die Sachen werden später von anderen Leuten weggeholt sein.

Ich hole Kleidungsstücke und Geschirr und schmücke den Zaun des Weges dort, wo die Container stehen. Irgendwelche Leute werden sich später darüber freuen. Ich mache meine Wohnung leer, die ganze heilige Nacht. Ich höre nichts von Simon. Ich falle in den Schlaf. Ich träume nichts von Simon. Zeitloses Schweigen!


Silvester – mein Sohn schweigt

Niemand hätte mich so verletzen können, außer Simon. Simon kann das. Ich habe versucht, ihm Briefe zu schreiben. Jetzt habe ich Angst zu schreiben. Ich habe versucht, ihn auf Handy zu erreichen. Jetzt habe ich Angst, wieder abgewiesen zu werden.

Ich schreibe Simon. Aber wie kann ich ihn erreichen? Ich schreibe im vorsichtigen, einfachen Ton noch einmal alles auf, was Simon wissen sollte und nie vergessen sollte. Was immer zwischen uns ist, egal wann wir uns wieder haben. Ich schreibe, was er immer wissen sollte. Philipps Oma hat Geduld. Sie hebt die Briefe auf, bis Simon kommt. Aber diesen möchte ich ihm irgendwie persönlich geben.


Ich erkläre alle Fragen noch mal genau:
Lieber Simon, ich möchte Dir noch mal erklären, warum ich Dich in die Klapse brachte. Hebe den Brief gut auf, bis Du ihn genau verstanden hast. Halte ihn geheim.

Warum brachte ich Dich in die Klapse?
Warum habe ich Probleme mit Pitt?
Warum schmiss ich die Pillen nicht alle auf einmal weg?
Warum rief ich, ich möchte Dich lieber vier Jahre nicht sehen?
Bitte komme und lasse Dir von mir erzählen und erklären, warum was passierte, was ich wirklich tat und was nicht. Lasse niemanden über mich reden. Lasse mich selbst reden, bitte.


In der Schulpause stehe ich an der Pforte. Simon sieht mich und nähert sich kleinlaut und vorsichtig. Ich gebe ihm den Brief, lächele und verabschiede mich, ebenso vorsichtig. Dann sehe ich ihn am Nachmittag. Er besucht mich. Wir sind sehr schweigsam. Ich hoffe, er kommt bald wieder. Ich hoffe, er kommt bald richtig zu mir, doch sehe ich nichts mehr und träume nichts mehr.

Wir feiern. Wir feiern alle. Alle feiern wir Silvester und wünschen und ein schönes neues Jahr. Ich feier Silvester. Ich habe noch Geschirr. Ich schmeiße alles kaputt. Das bringt Glück.


Ein neues Jahr für alle

Die Eisschollen der Aue fangen langsam an zu schmelzen, ganz langsam. Bald wird wieder Hochwasser kommen, vielleicht auch Wasser im Keller. Vorsorglich stehen ja schon längst die Gummistiefel oben auf der Kellertreppe. Doch noch einmal friert es. Die Wüste der Eisschollen bleibt noch erhalten. Riesige glatte Eisflächen auf wieder anderen Flächen. Und wieder sehe ich auf die alten Bahngleise, dort hinüber, wo einst die Speicherhäuser standen aus der Nazizeit. Mit bestem Material und Billiglöhnern wurden sie seinerzeit hochgeknüppelt, um Proviant für die Soldaten zu beherbergen. Zur gleichen Zeit wurden in unserer Stadt sieben neue Kasernen gebaut und angeblich wusste keiner, dass Krieg gemacht werden sollte. Wie ähnlich ist das alles mit meiner Geschichte?

Dicke Eisschollen ließen die vertrockneten Sumpfgräser unter sich, auch dort. Selbst kleineres Buschwerk konnte sich der Vereisung nicht entziehen. Alles wirkt wie ein Naturkrieg hier unter dem Eis. Und wir schauen weg. Er betrifft uns nicht. Wir können ihn entdecken, aber er trifft uns nicht hautnah. Vielleicht erholt sich das Buschwerk im Frühjahr - mit Sicherheit. Doch die Spuren des Winters werden dann immer noch zu erkennen sein. Wo ist Simon? Wann wird mein Loch im Magen gefüllt. Bleibt alles so wie es ist?

Jetzt erst ist die große Aue insgesamt zu sehen, eine Riesenfläche mit all ihren zerbrochenen Eisschollen, direkt vor meinen Füßen, zerstört, das ganze Gebiet. Ich sehe hinüber auf die andere Seite zu einer spiegelglatten Eisfläche. Kinder laufen Schlittschuhe darauf. Wie einst Simon gleiten sie und schweben dahin, selbstsicher über diesen Boden. Die graue Wolkendecke zerreißt. Der Himmel wird blau. Die Sonne bestrahlt wieder Land und Menschen. Aber mich bestrahlt sie nicht. Sie wollte mich niemals bestrahlen. Sie ignoriert mich.

Für einen Moment wird alles klar und hell. Wie schön für die Glücklichen, wenn der blaue Himmel kommt. Jeder gehört unter diesen Himmel, dachte ich immer. Ist es denn wirklich so schwer, alle darunter zu lassen?


Ich schreibe Simon ein Gedicht über all das, was er bisher lernte:


verlorene Menschheit

Es gibt Menschen,
die treten ihre Freunde nieder.
Sie treten, treten und treten und hoffen auf Geld.

Es gibt Menschen,
die saugen die Menschen aus.
Jedes rote Tröpfchen Blut, bis zum allerletzten.

Es gibt Menschen,
die höhlen Menschen von innen aus.
Sie kratzen, kratzen und kratzen das Innere sauber weg.
Bis zum dunklen Nichts.
Dann stellen sie Akten in ihnen hinein.

Es gibt Menschen,
die verraten nicht,
dass sie längst Nazis geworden sind.
Denn sie brauchen Diener.
Sie wollen immer mehr werden für böse Taten mit verdrehter Wahrheit,
wie eine treffende Begründung für Ahnungslose,
eiskalt und berechnend.

Es gibt Menschen,
die hassen, hassen und hassen.
Bis sie verkrampft niederfallen und daran sterben.

Es gibt Menschen,
die lassen Bomben auf Menschen fallen.
Auf deren Kinder,
auf deren Städte,
auf deren Chemiefabriken und Atomkraftwerke.
Und sie haben einen Grund gefunden,
es zu tun.

Es gibt Menschen,
die verachten die anderen Menschen.
Sie verachten, verachten und verachten.
Bis sie nicht mehr können und wahnsinnig werden.

Es gibt Menschen,
die vergasen die andere Menschen.
Millionen davon,
denn sie sind es nicht selbst.
Sie sind die anderen.

Es gibt Menschen,
die treten die Geschenke der anderen nieder,
ihre Liebe,
die geschenkten Urlaubstage,
alle Mühe,
alle Kraft
Sie wünschen dem Schenker
einen Sturz in die Klippen des Bodetals.

Es gibt Menschen, die haben keine Mutter.
Es gibt Menschen, die verraten ihre Mutter.
Es gibt Menschen, die treten ihre Mutter.
Treten, treten und treten,
denn sie glauben,
die wird nicht mehr gebraucht.

Es gibt Menschen,
die hat es nie, niemals gegeben.
Denn sie hatten keine Mutter.


Philips Oma bekommt das Gedicht und gibt es ihm. Sie sagt, Simon sei immer seltener bei Philipp. Er ist mit den Kindern und Jugendlichen auf unserer alten Straße zusammen. Die, die hinter mir her spuckten, dachte ich. Der Pöbel, der mich schlecht machen wollte, die Henry vorher beim Jugendamt als asozial angeschwärzte, zu denen Simon seines Erachtens keinen Kontakt haben sollte. Und jetzt?

Philipps Oma will Simon zu sich holen. Er soll meine Briefe vor ihr lesen. Ich gab ihr das Gedicht und sagte: „Manchmal bin ich frustriert und hart“, aber egal. Die Oma ist tolerant. Simon verstand das Gedicht nicht, erklärte sie. Er münzte alles auf sich, obwohl nur die letzten Strophen zu ihm passten.

Ich schaffe es, Simon am Handy zu erreichen: „Du hast mich Nazi genannt!“ Ich verneine das am Festnetz: „Das habe ich nicht getan. Ich habe gesagt, es gibt Menschen, die sind es. Haben sie es Dir nie verraten?“ Er sagt: „Ich weiß, dass Jessica ein Fascho ist.“ Dann lässt er Ausrufe aus sich wie sein Vater: „Ich trete die noch mal in‘n Arsch!“ Ich sage: „Das wirst Du nicht tun. Das ist ein Mädchen. Wie siehst Du aus, wenn Du das machst, und wenn Du so etwas ausrufst? Du solltest Dich für Deine Stimme und Deinen Ausruf schämen. Lasse das in Zukunft.“ Simon erwidert darauf hin nichts. Er hat mir wohl Recht gegeben. Aber schön, ihn gehört zu haben.

Ein anderes Mal erreiche ich ihn auf Handy. Wieder ist er bei den Kindern und Eltern unserer alten Straße. Ich höre sie lästern und lachen, als ich Simon noch einmal erklären will, warum ich umzog, denn er versteht jetzt alles anders. Ich bat ihn, zu mir zu kommen. Plötzlich lachte Simon mit den anderen. Sein Charakter ist verändert. Wirklich, oder tut er nur so? Wieder wache ich in der Nacht auf, will herauslaufen in den Schnee bei Minusgraden und nie wiederkommen. Peter hält mich fest, was denkt der, wie das auszuhalten ist.


Die zweite Beschwerde vor dem Oberlandesgericht
Nach allem, was wir erleben, als das Jugendamt in B das Gesundheitsfürsorgerecht hatte passiert von Henrys Seite mal wieder Erstaunliches.

Henry lässt die Gesundheitsfürsorge
lieber beim Jugendamt, anstatt sie mir zu lassen

Und wie kam es dazu? – Es war dieselbe Richterin, die auch mit unserem letzten Beschwerdeverfahren zu tun hatte. Ich stelle in der Eichenholzzeitmaschine herum und finde den Gerichtsbeschluss vom Oberlandesgericht, indem steht, dass ich das Gesundheitsfürsorgerecht wieder verlor, ansonsten das Sorgerecht behalte. Das Aufenthaltsbestimmungsrecht bleibt beim Vater. Das Gesundheitsfürsorgerecht geht zurück an das Jugendamt. Ausgerechnet, nach allem, was wir erlebten. Wie kam es dazu?

Simon selbst steht jetzt vor der Richterin. Er sieht mich nicht an. Dann beschimpft er mich vor der Richterin. Ich erschrecke. Mein Sohn wird getadelt wegen seines schlechten Benehmens. Ich erkenne Simon nicht mehr wieder. Er macht jetzt deutlich, er wird niemals mit mir zum Arzt gehen wollen. Hinter ihm steht sein Vater. Beide haben die gleiche Körperhaltung. Beide das gleiche Gesicht.

Die Richterin lässt Simon noch Zeit, es sich anders zu überlegen. Ich sitze neben meinem Anwalt und rufe Simon zu: „Nein Simon, dass kannst Du nicht tun, dann bestimmt das Jugendamt wieder über uns alle. Du weißt, was passiert ist!“ Keine Reaktion. Auch Henry reagiert nicht. Ich rufe: „Henry, was soll das. Das ist nicht dein Ernst!“ Er reagiert nicht. Ich rufe: „Simon, bitte mache das nicht. Das Jugendamt soll nie wieder die Gesundheitsfürsorge für dich haben!“ Er reagiert nicht.

Jetzt sagt die Richterin: „Das ist wahr, Simon. Ich würde Dir auch raten, deiner Mutter das Gesundheitsfürsorgerecht zu lassen. Dein Vater wird das Gesundheitsfürsorgerecht für Dich nicht bekommen.“

Er steht da. Er bleibt unverändert stur. Er stellt sich hin wie sein Vater, der dicht hinter ihm steht. Trotzdem rufe ich: „Simon, das darf doch alles nicht noch einmal passieren, was wir erlebten! Bitte lasse mir das Gesundheitsfürsorgerecht.“ Nein, ich solle es nicht bekommen, so verharrt Simon. Ich glaube, Henry ist alles egal. Er würde seinen eigenen Sohn ins Verderben bringen. Er tat es ja schon.

Gundalf hatte also diesmal Recht gehabt, als er dem Anwalt riet, keine Beschwerde einzureichen. Die Verhandlung ist schnell zu ende. Der nächste Schock bleibt in mir. Ich gehe. Ich verspüre fürchterliche Angst, das Jugendamt könnte Simon wieder in die Klapse bringen. Jetzt läuft Gundalf und ruft noch vor der Ausgangtür: „Frau Hölzer, Sie brauchen sich nicht zu sorgen! Keine Angst! Ich mache nichts! Wirklich! Das Jugendamt wird gar nichts tun!“

Simon wird bald meine Briefe zerreißen. Ich muss nettere Briefe schreiben. Henry tut sich schwer, eine Schule für Simon zu finden. Er kam der Auflage nicht nach, Simon einen Psychologen vorzustellen. Er wird stets abgemahnt und ich bekomme die Nachrichten.

In der Nacht stehe ich auf. Ich träume nichts mehr und auch nicht von Simon. Als wenn er nie existierte hätte? Ich sitze im Bett. Ich stehe auf, laufe wieder in den Wald hinein, will nie mehr zurück, kann nicht mehr auf den Beinen stehen, klappe um und falle in den Schnee. Doch ich sterbe nicht. Ich unterkühle mich ein wenig und schreibe Gedichte bis es hell wird.


Warnen

vor Jugendämtern,
die nicht leisten,
was sie versprechen,
Hilfesuchende verlassen,
um sich möglicher Weise der stärken Seite zu widmen,
mit der sie noch lange zusammen zu arbeiten haben.

Warnen
vor Psychiatern in Anstalten,
die eventuell aus wirtschaftlichem Interesse
unmenschlich handeln
oder vielleicht ihren eigen Übungsplatz schaffen
und Macht entwickeln zu können,
um mehr Grenzen überschreiten zu können,
mit Kindern,
deren Sorgerecht die Eltern nicht haben.

Warnen
vor Richtern und Gerichtsgutachterinnen,
die der stärken Seite zugetan sind,
für den Weg mit dem geringsten Widerstand,
da sie auch noch lang zusammenarbeiten,
in diesem Lande.

Warnen
davor, sich die Rechte nehmen zu lassen.


Und wenn ich jetzt noch einmal an die Eichenholzzeitmaschine gehe und richtig tief hinunter kurbele, sehe ich mich ein Gedicht von Brecht abschreiben, der letzten Kriegsjahre hier in Deutschland:


Gedichtet von Brecht:


Wir brauchen keinen Hurrikan,
Wir brauchen kein Taifun,
das was die schrecklich tun können,
das können wir selber tun.


Ein Frage- und Antwortspiel von mir:



Menschen!

Ich dachte, die sind wie - ich.
Alle seien mir ähnlich, leben und handeln wie - ich.
Ist etwas anders?

Ich will es wissen, Menschenkenner sein,
habe ein Recht darauf,
alles zu wissen,
immer mehr und alles wissen
über Menschen.

Habe ich schon jemals irgendeinen gekannt?
Was schweigt da?

Ein Vorhaben, das aufgegeben werden kann?
Wo sind wir?
Wer sind wir?

Aber wenn das alles aufgegeben werden soll,
dann auch jede absolute Schuldzusprechung!
Wirklich?
Will ich das?
Nein – niemals!

Los, los, ich will jetzt eine Antwort!
Ich habe ein Recht darauf!
Ein Recht auf Vertrauen mit Menschen zusammen.
Ein Recht auf Worte, Reden und Auseinandersetzungen.

Niemals habe ich dich so verraten, mein Sohn.
Also tust du es nicht mit mir!
Es gibt immer die Möglichkeit
der besseren oder besten Wege.
Hast du das nicht bei mir gelernt?

Die besseren Wege,
nie die leichtesten.
Du wolltest doch auch ein Happyend?

Ein Happyend?
Gelächter aus der Hölle.

Jeder hat die Veranlagung,
ein Happyend zu geben.
Ja, die Veranlagung schon.
Die Motivation
Den Reiz
Die Intuition für den richtigen Weg – au weia!.

Schaffe ihn! – Den Weg!
Schaffst du ihn?

Es kann auch fehlgeleitet werden.
Also lassen wir es besser?
Wie auch immer, wer weiß?
Ich dachte, das hätte alles einen Wert.


Ich schaue mich im Raum um
erinnere mich noch an die Schule

Eine Schule war gefunden. Dieselbe in die Philipp ging. Also hatte Simon von dort Hilfe bekommen. Zweimal hatte ich die Schule angeschrieben. Zweimal stellte ich mich persönlich vor, als Mutter von Simon. Ich nahm mein Sorgerecht mit, das vorläufige. Ich habe mich immer um seine Schule alleine gekümmert. Konnte immer gut mit den Lehrkräften auskommen, solange sich niemand dazwischen stellte.

Der Rektor und die Klassenlehrerin behaupteten, sie dürften mir keine Auskünfte über Simon geben. Warum nicht? Ich zeige mein Sorgerecht. Sie gaben keine Auskünfte und keine Begründung dafür. „Ich möchte nur behilflich sein“, das erklärte ich ihnen gut: „Nur, wenn ich gebraucht werde, würde ich da sein.“

Die Lehrkräfte, manchmal sollen das auch Pädagogen sein, benahmen sich kalt und abweisend. Wie eine Verbrecherin komme ich mir vor. Sie wollten mich los werden. Ich gab nicht auf. Ihre Arroganz sprudelte über ihre maskierten Gesichter.

Ich erzählte ihnen dennoch: „Simon ist einmal auf dieser Schule eingeschult worden. Und die Klassenlehrerin, Frau Taube, kennt mich bestimmt noch. Sie kennt auch Simons Vergangenheit. Sie würde mich nie abweisen. Können Sie sich mit dieser Lehrerin in Verbindung setzen?“ Ja, Sie können es. Sie arbeitet nicht mehr auf dieser Schule. Frau Taube kennt Simon noch. Sie haben sich mit ihr bereits in Verbindung gesetzt: „Wir wissen, dass Frau Taube Simon noch kennt und sicherlich auch Sie.“ Wer ihnen Auskunftsverbot mit welchem Recht gegeben hatte, erzählten sie nicht. Sie taten, als wäre ich der Störfaktor in der Geschichte meines Sohnes gewesen.

Frau Taube war einmal eine Lehrerin, die mich sehr achtete. Sie wusste sogar noch, dass ich mit Simon in einem Frauenhaus lebte und außerdem bekam sie mit, dass Simon seit der Trennung damals viel ausgeglichener war. Als ich später von den Problemen dieser Trennung erzählte, riet sie mir: „Schreiben Sie alles auf. Wie in einem Tagebuch, Frau Hölzer. Das ist wichtig für Sie und für Simon.“ Ich machte das. Doch was nützt es mir? Ich stand immer noch diesem Rektor und dieser jetzigen Klassenlehrerin gegenüber und glaubte auch ihre Gesichter schon einmal gesehen zu haben. Sie ignorierten mich. Ich hinterlasse denen mit Haltung meine Telefonnummer und meine Adresse mit den Worten: „Bitte schön. Man kann ja nie wissen. Vielleicht brauchen sie mich doch noch.“ Auf ein Neues gedemütigt, verlasse ich das Schulgebäude.

Gleich danach stand ich aufgelöst vor dem Jugendamt. Ich merkte, dass mir der altbekannte Geruch im Jugendamt nicht gut tat. Wie ein Trauma erschien es mir dann, denn ich stand wieder vor Baumgart: „Herr Baumgart, sechs Jahre lang sorgten sie dafür, dass der Vater nicht ausgeschlossen wird, obwohl sie wussten, was er vorhatte. Ich werde als Mutter sogar von den Lehrern ausgeschlossen und sehe meinen Sohn nicht mehr! Es finden keine Besuche statt.“

Nach einer Pause sagt er: „Wir wollen niemanden ausschließen. Setzen Sie sich bitte mit Herrn Gundalf in Verbindung.“ Gundalf setzte er sich mit den Lehrkräften in Verbindung. Doch die ignorierten das Telefongespräch. Gundalf zog sich ganz schnell aus der Affäre. Er untergrub ganz und gar und in allen Gesprächen die Tatsache, dass sie dort die Verantwortung für alles Geschehene zu tragen haben.

Dann unterrichtete er mich, wenn Lehrkräfte nicht der Meinung sind, mit mir oder ihm über Simon sprechen zu müssen, könne er das nicht ändern. Da gäbe es keine Rechte und keine Auflagen. Das läge ihm auch nicht, so etwas zu fordern, denn er sei ein gewaltfreier Mensch, der keine Zwangsmaßnahmen wünscht. Das wühlte mich auf. Mit dieser Aussage fühlte ich mich total hintergangen. Das sagte der Mensch, der absolute Prokura auf andere Menschen erteilt. Das sagte der Mensch, der darum kämpfte, dass eine Mutter das Sorgerecht für ihr Kind nicht mehr bekommt? Das sagte der Mensch, der genau wusste, wenn er gar nicht mehr in der Lage war, etwas in dieser Sache zu tun, wird ein Minderjähriger Druck, Gewalt und Falschaussagen gegen die Mutter jahrelang erleiden.

Ich fand ein Elternratsmitglied und eine Schulsprecherin aus der Schule. Sie wollten helfen, eine Verbindung zu mir und Simon zu schaffen. Dann sprangen sie plötzlich ab. Ich wollte die Gründe kennen. Mir wurde erklärt, etwas mit diesem Namen meines Sohnes würde mit Drogen in Verbindung gebracht. Sie würden noch forschen. Sie wollten nichts mit ihm zu tun haben. Sie wollten meinen Jungen nicht mehr auf dieser Schule haben.

Die Drogengeschichte mussten aber auch inzwischen die Lehrkräfte kennen. Da brauchten sie wohl doch meine Hilfe? Ich nahm also wieder Kontakt auf, doch sie ließen mich wieder in die Schlucht fallen. Entweder begreift das jetzt ebenfalls kein Mensch mehr oder ich bin kein Mensch. Was konnte ich denn jetzt für meinen Jungen tun, um diesen Minderjährigen aus den Drogen heraus zu ziehen?


Simons Drogenproblem

Ich saß noch einmal bei Herrn Tannen. Er hatte das alles schon geahnt und sagt mir: „Es geht Simon genauso schlecht, wie es Ihnen auch geht. Sie fühlen sich schlapp. Sie trauern. Er auch, er fühlt sich nicht anders. Vielleicht ist es gut, mal Abstand zu nehmen und tanzen zu gehen oder so? - Die Entwicklung abwarten. Das ist natürlich schwer. Ich hätte es mir anders gewünscht. Allerdings habe ich auch mit Jugendlichen zu tun, da läuft alles quer.“

Dann erzählte er, was so mit denen passierte. Ich fragte nach seiner Meinung, ob es noch Sinn machen könnte und ich Simon eventuell doch vor Drogen und einer Schulentlassung schützen könnte, wenn ich durch den Anwalt versuche würde Forderungen an den Vater und an vielleicht das Jugendamt. Er antwortete mir: „Ich habe immer nur eine Verantwortung, der muss ich nachgehen muss. Für das Ergebnis bin ich nicht verantwortlich. Ist nicht möglich.“ Also verantwortlich handeln ja. Der Erfolg könnte wieder ausbleiben.

Meine Folgenabschätzung: Ich, Ilka Hölzer, hatte also das Sorgerecht und mein Sohn ein Drogenproblem. Das war ziemlich sicher. Gab es noch ein Möglichkeit für mich, etwas dagegen zu tun?


Erst nach dem Gespräch mit Herrn Tannen fange ich an, noch einmal den Rechtsanwalt zu bitten, genau diesen Brief zu schreiben, den er bekommt. Einen Brief an den Vater, eine Zweitschrift an das Jugendamt und dem Familiengericht:
Sehr geehrter Herr Hölzer, Simon wurde in der Schule beim Kiffen erwischt. Meine Mandantin möchte, dass dafür Sorge getragen wird, dass dieses sofort unterbleibt. So wie Simon sich im Augenblick zu fühlen scheint, ist zu befürchten, dass dies sogar nur ein Einstiegsweg für stärkeren Drogenmissbrauch wird.

Simon soll immer sehr viel Taschengeld mit sich herumtragen. Deswegen könne er sich auch Hanf oder ähnliche Dinge leisten. Er sollte in Zukunft, ein angemessenes Taschengeld bekommen, die Höhe sollte vom Jugendamt bestimmt werden.

Simon soll in der Schule sehr nachgelassen haben. Also muss mehr darauf geachtet werden. Simon wurde um dreiundzwanzig Uhr und zwei Uhr morgens, also in der Nacht auf den Straßen in B gesehen. Das ist für einen fünfzehnjährigen Schüler nicht angemessen. Meine Mandantin möchte, dass ihr Sohn nachts zur Ruhe kommt.

Vielleicht wäre es aber angebracht, wenn Simon ein eigenes Zimmer hat. Das soll ja nicht der Fall sein. Er schläft im Hausflur des Vaters. Ruhe bekommt er so sicher nicht.


Die Informationen bekam ich teilweise von Gregor und teilweise von der Familie Philipps. Doch es klingelt. Die Eichenholzzeitmaschine wird jetzt abgeholt am dreißigsten Novembertag irgendwann.
Schluss mit der Erzählung.


Henry reagiert auf das Schreiben

Ich telefonierte mit dem Rechtsanwalt. Er gab mir zu verstehen, Simon sei gekommen, habe bei ihm vorgesprochen, solle gesagt haben, er solle endlich die Streitsachen seiner Mutter einstellen. Er wolle jetzt in Ruhe gelassen werden. In der Vergangenheit hätten seine Eltern sich immer gegenseitig vor ihm schlecht gemacht. Das solle jetzt aufhören. Er möchte bei dem Vater leben.

Der Anwalt sagte das in einer Sprache, als sei er in den wirklichen Sachverhalt nie involviert worden. Er redete als sei er nie mein Anwalt gewesen. Er redete, als wüsste er nicht, wer die Schlechtredereien unternahm. Er redete als hätte er niemals, sogar richterlich nicht von Beeinflussung des Vaters gehört. Er redete, als wäre es niemals Tatsache gewesen, dass der Vater die Mutter für immer und ewig ausschließen wollte. Er redete mit einer Abwandlung von Formulierungen. Ich schluckte, als ich ihn hörte. Dann sagte er, ihm läge jetzt sehr viel an das Glück und die Gesundheit meines Jungen. Es hörte sich an, als hätte ich nie dafür gesorgt, als wäre der Störfaktur der ganzen Geschichte gewesen.

Gundalf sagte am Telefon, er hätte sich noch einmal mit Simon zusammengesetzt, um ihm zu raten, seine Mutter doch mal zu besuchen. Er blieb ohne Erfolg. Dafür könne er nichts. Doch bei der telefonischen Auskunft über das Ergebnis meint er plötzlich zu mir, Simon müsse eine tiefe Verletzung von mir in sich tragen. Das würde er spüren. Die Verletzung müsse sich zu einer Zeit ereignet haben, die lange zurückliegt. Es habe nichts mit der Maßnahme des Jugendamtes in den letzten zwei Jahren zu tun. Es sei etwas viel Tiefgreifenderes vorher passiert. Und das sei der ganze Auslöser der entstandenen Situation gewesen. Eine Verletzung vorher, die ich ihm zugefügt hätte.

Mein Bauch zog sich wieder zusammen. Mein Herz kochte. Ich weinte und nach dem Telefongespräch auf dem Boden. Der Hörer des Telefons ebenso. Dann überlegte ich, was das gewesen sein könnte. Doch da war nichts von Bedeutung. So eine Verletzung kenne ich nicht. Aber, wenn es so eine Verletzung gegeben hätte, hätten sie doch erst recht helfen müssen und uns zu einem Therapeuten schicken müssen. Aber Gundalf hielt sich für gewaltfrei. Ist er gewaltfrei oder falsch wie niemals ein Mensch vorher gewesen ist? Auf jeden Fall konnte er gewaltfrei seine Akten schließen. Die Folgekosten brauchte das Jugendamt nicht zu zahlen.

Er sagte noch am Telefon, er sehe aus diesem Anlass keinen Grund, weitere Gespräche mit Simon zu führen. Das ist die deutsche Intelligenz, verlogen und verletzend, wo immer es möglich ist. Jetzt habe ich sie kennen gelernt, die deutsche Verwaltungsintelligenz. Außerdem leben wir ja längst nicht mehr im Mittelalter. Gewaltfrei geht anders. Moment mal! Die haben doch auch schon Gewalt mit Sprache gewaltfrei umformuliert, so wie sie sehen und hören, und es anderen erklären wollten.


emotionsgeladen

emotionsgeladene Körper sprechen heute ständig
mit Wort und Schrift.
Immer noch sich ereifernd
und nur noch von mittelalterlichen Verhältnissen
außerhalb ihrer eigenen Welt.

Mit heftigsten, brutalsten Darstellungen
der anderen Welten, in denen sie nicht leben.

Je mehr sie das Mittelalter woanders wahrnehmen,
desto weniger fällt ihnen auf,
wie sich ihre Welt verändert,
und das Mittelalter näher rückt in ihre Welt.

Mit ihrem Willen,
mit ihrer Sichtweise und ihrer Wahrnehmung
haben sie es zu sich geholt.
Mit ihren Gedanken, mit ihrem Wort,
mit dogmatischem Herüberschauen lassen sie
es wachsen in ihrer eigenen Welt.

Und sie merken es nicht.
Nichts schlimmer, als das Mittelalter heute.

Es entstand durch interne Richtlinien und Bedürfnisse,
zunehmende Machtansprüche weniger Menschen,
denen man das Wasser nicht mehr reichen kann.
Sie sitzen zu hoch.

Die Mauern dazwischen sind zu hoch geworden
noch können sie umkehren, aber warum?
Wir reden wohl alle aneinander vorbei,
im mittelalterlich Zeitalter,
mit high tec und bio tec in unseren Köpfen.


Am dreißigsten Novembertag schließe ich meine Geschichte, doch ich bekam noch einen Brief, den Henry an den Anwalt schrieb:


Eins wollte ich noch wissen:
Was wäre mir passiert
hätte ich getan, was Henry tat?

Ich schaue aus dem Fenster. Es ist eiskalt draußen. Darf es auch. Das tut gut. Die Welt vereist. Dann komme ich auf die Idee, mir einmal vor Augen zu führen, was passiert wäre, hätte ich als Simons Mutter reagiert wie Henry die ganzen sechs Jahre lang. Wäre ich die Autoblockaden gefahren hätte, um Simon und dem Vater zu drohen, das Kind weg zunehmen. Was wäre dann passiert? Hätte ich Simon gegen jegliche Bestimmung vor Gericht und mit schriftlicher gemeinsamer Vereinbarung plötzlich gewaltsam aus dem Haushalt des Vaters gezogen und mich in der Kinder- und Jugendpsychiatrie so benommen wie er. Was wäre mir dann passiert? Hätte ich mich beim Jugendamt so benommen wie der Vater, hätte ich dort aus den Räumlichkeiten Simon entführt. Hätte ich jede einzelne Handlung so getätigt wie der Vater. Was wäre mir dann passiert? Hätte ich das alles als Frau gemacht, was Simons Vater sich erlaubte, was wäre mir passiert? Ich hätte ganz schnell verloren. Ich wäre sofort von Simon ausgeschaltet worden, - von Amtswegen. Ich denke jetzt, Hajo hatte Recht, als er schimpfte:“Keine Frauenrechte hier! Patriachat! Es wird verschwiegen, was wahr ist.


Arbeitet das Jugendamt inzwischen besser?
Über abgeschlossene Angelegenheiten
beim Jugendamt

Zwei kleine Kinder sind verhungert. Die Jugendämter müssen sich dafür rechtfertigen. Meine Nachbarin erzählt danach: „Ja, ja die Jugendämter. Sie haben viele Fehler gemacht in der Vergangenheit. Aber das hört jetzt alles auf. Die sind jetzt alle besser geworden. Seit diesen Geschehnissen werden sie kontrolliert. Und jetzt passen alle besser auf.“ Und wieso glaube ich das nicht?

Ein Junge von siebzehneinhalb, lebt auf der Straße in unserer Stadt. Er braucht Hilfe vom Jugendamt. Es wird ihm gesagt, sie könnten nicht mehr helfen. Bis alle Anträge fertig sind, sei er achtzehn geworden. Dann seien sie nicht mehr für ihn zuständig. Drei schon längst straffällig gewordene wohnungslose junge Leute, achtzehn, neunzehn und zwanzig, fängt der Therapeut Pauke auf. Sie wollen sich von ihm helfen lassen. Dafür muss er die finanzielle Hilfe des Jugendamtes in Anspruch nehmen. Der Paragraf zweiundvierzig im Jugendhilfegesetz erlaubt dieses und sichert Hilfe zu. Ein Antrag muss das Jugendamt genehmigen. Die Jungen werden abgewiesen. Das Jugendamt unserer Stadt hilft ihnen nicht, mit der Begründung, dass dieser Paragraf zwar existiert, doch er wird generell nie eingesetzt, trotz bestehendem Rechts, - trotz Paragrafen im Jugendhilfeschutzgesetz.


Es kommt mir ein Gedanke

Hatte Frau Möller damals die Einweisung in die Psychiatrie einer anderen Einrichtung bevorzugt, weil die Kosten verlagert werden sollten? Nach sieben Jahren spüre ich die gesamte Vergangenheit durch meinen Bauch fließen. Denn die drei Jungen bekamen Hilfe, aber nicht vom Jugendamt. Ihnen musste eine Krankheit zugesprochen werden, eine psychische oder seelische Behinderung, die besagt, dass diese nicht auf eigenen Beinen stehen können. Da erst konnte ihnen geholfen werden. Der Geldträger ist jetzt ein anderer, aber ebenso die Personen. Sie werden irgendwie für behindert erklärt.

Kriminalität, unsichere Straßen und Drogen, gehen uns alle an. Die Jugendämter tun, als seien sie nicht beteiligt. Als hätte nicht alles bei ihnen begonnen. Folgekosten tragen sie nicht.

Immer noch schaue ich aus dem Fenster. Ich öffne das Fenster, vereistes Wetter. Plötzlich spüre ich warme und kalte Lüfte, Sturm kommt auf. Das Wetter verändert sich ruckartig. Es hagelt. Es regnet. Es blitzt. Ich kann die andere Straßenseite nicht mehr sehen. Es kracht. Drei Bäume mussten daran glauben. Der Blitz schlug ein. Ich höre noch vom Unwetter im Radio. Ein Hochhaus in der Stadt wird evakuiert. Ich schließe mein Fenster. Das Radio geht aus. Der Strom scheint abgebrochen. Es kracht und Unfallwagen fahren durch die Gegend. Ich höre es. Ich lasse alles krachen. Es tut mir gut. Es soll noch viel mehr passieren. Denn sonst merkt keiner, dass hier was passiert. Nur kann ich gerade keine Kriegsfilme, in denen Kinder und Frauen erschossen werden, sehen.


Verstehe Deinen Sohn, er muss sich schützen, nachdem, was er erlebte.
Das sagen alle.

Was übrig bleibt ist, Stürzen!

Ich verstehe. Und was ihm blieb ist ähnlich wie bei mir. Nur auf der anderen Seite: weglaufen, durchlaufen, weiterlaufen, gegen laufen, weitersuchen, was denn noch? Ich werde es nicht verhindern können. Mein Sohn, der sich einst so eine schöne starke Gemeinschaft wünschte, eine Gesellschaft kreierte, wird die Schule schwänzen und auf der Straße wohnen. Er wird lernen, Beamtete, Ärzte und mich, seine Mutter zu verachten, mit Aggressionen und einer einzigen Sichtweise. Nämlich die, die ihm aufgezwungen werden wird, wie er es zu sehen hat. Er wird weiter mit der Jugendgruppe von Pitt verkehren und mit Maximilian, der aggressive oft straffällig gewordene Arbeiter seines Vaters. Von da aus sind die Gruppierungen nicht weit, die Drogenabhängige, Kleinkriminelle und politisch Rechtsgerichtete beherbergen. Vielleicht für seinen eigenen Schutz. Inzwischen ist er ohne Zukunft.
(© Ilona Meschke 2008)



Simon lebt Jahre später drogensüchtig auf der Straße. Verschließt sich. Vertraut jegliche Behörden nicht, einschließlich Schule und Arge. Keiner machte sich die Mühe, die Diagnoseunterlagen zu berichtigen. Keiner sorgte für eine vernünftige Aufarbeitung seiner Vergangenheit. Er verachtet seine Mutter, die ihn in die Klapse brachte. Das hört er täglich von dort, wo er lebt.


Tintenfass

Freie Gruppe
Buch und Kunstwerkstatt in Braunschweig

… es knistert …

… oder brennt es schon? …


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