Am sechzehnten Novembertag irgendwann
Auf der Suche nach einer Überschrift für die Mitte meiner Geschichte stoße ich auf Begriffe wie: Repressalien, Gladiatoren, Verstümmelung, Mord, Gewalt, Ethik, Ästhetik, Wertschätzung.


Nach allen gegenteiligen Versprechen,
nach dem Beweis der Nichtnotwendigkeit
unterliegt Simon einer Medikamentenumstellung


Grausamer als je zuvor

Es ist Mitternacht und der sechzehnte Novembertag irgendwann beginnt. Ich habe den Kaminofen an. Draußen ist es stockfinster. Ich kurbele weiter an der Eichenholzzeitmaschine herum. Dort, wo ich gerade in der Eichenholzzeitmaschine zu sehen bin, bin ich ebenfalls schon früh aufgestanden, obwohl ich gut schlafen hätte können, denn in der Psychiatrie soll ja jetzt alles für uns besser gestaltet werden. Mich plagt Unruhe, deshalb ich lasse die formellen Maßnahmen nicht, um dennoch etwas getan zu haben, damit Simon noch schneller die Kinder- und Jugendpsychiatrie verlassen kann. Meine Arbeit im Hintergrund muss weiterlaufen.

Ich stelle die Eichenholzzeitmaschine ein paar Stunden nach vorn. Herr Baumgart ruft an. Er fragt, wie das letzte Wochenende verlaufen sei. Ich erzähle den gesamten Verlauf. Ich ihn glücklich. Ich erzähle ihm glücklich, was jetzt in Psychiatrie schon angesprochen wurde, nämlich dass es künftig noch mehr Freiheiten für uns geben solle. An diesem Montagvormittag rufe ich auch die Station an. Nicht gleich frage ich nach einen neuen Wochenendbesuch mit Übernachtung. Erst einmal erkundige ich mich, wie Simon sich eingelebt hat. Mir wird gesagt, es sei ein normaler täglicher Ablauf gewesen. Aber Simon hätten sie erst einmal schlafen gelegt. Er sei noch müde. Frau Ahl bekam ich nicht zu sprechen. Sie sei zu beschäftigt. Und wegen der Übernachtung am nächsten Wochenende, da solle ich später mit dem Arzt reden. Er sei zurzeit noch bei der Visite. Daraufhin versuche später noch ein paar Mal anzurufen. Zumindest ist das meine öffentliche Begründung. Meine heimliche Begründung liegt in meiner Beunruhigung, dass Simon noch schläft. Und ich höre stets, er schliefe immer noch. Tatsächlich bekomme ich nach knapp einem halben Tag doch noch ein Gespräch mit Dr. Stampfstein: „Simon geht es nicht so gut. Ich habe ihn schlafen gelegt.“ Mich überrascht die Kürze seiner Sätze. Es entsteht eine kurze Gesprächspause am Telefon. Dann sage ich: „Ich wollte wegen der Übernachtung am Wochenende fragen, weil wir so geplant haben.“ Dr. Stampfstein antwortet darauf: „Sind Sie die Fachkraft oder ich?“ Er will von mir eine Antwort auf etwas, was ich gar nicht fragte.

Wieder entsteht eine Gesprächspause. Ich suche in meinem Kopf nach einer Weiterführung des Gespräches. Doch der ist gerade durch Erstaunen lahm gelegt. Mein Körper ist starr, aber steht noch am Telefon mit Hörer in der Hand. Mein Mund ist sprachlos. Ich weiß nicht, ob ich ihn wieder aufbekomme. Und wieder krampft sich mein Bauch zusammen durch die gewöhnliche Angst, die jetzt wieder begründet scheint. Mein Kopf weiß keine Frage und keine Weiterführung des Gespräches. Doch Dr. Stampfstein bleibt am Telefon. Ich will mehr wissen, das ist mir klar. Nach dieser Pause sagt Dr. Stampfstein: „Und ich werde ihm auch bald die Medikamente umstellen, denn ich weiß, wie man mit einer Psychose umgeht.“

Ich antworte nicht auf diese Provokation. Er sagt auch nichts mehr. Ich lege den schweigenden Hörer nieder. Mit zittrig gewordenem Körper rufe ich gleich Herrn Baumgart an, schildere fassungslos und panisch mein letztes Telefonat. Schnell gebe ich die Sätze weiter, die dort gesprochen wurden.

"Herr Baumgart, Sie wissen, Simon hatte mit der Reduzierung Fortschritte gemacht. Alle freuten sich!" Baumgart beruhigt mich: "Ihr Junge wird die Klinik bald verlassen. Das ist beschlossen."

Ich interpretiere aus seinen Worten: So weit darf die Kinder- und Jugendpsychiatrie also doch nicht gehen wie Dr. Stampfstein das jetzt macht. Jetzt haben die einen deutlichen Fehler gemacht, der die Vorgänge offensichtlicher macht. Diesen Fehler durften sie sich nicht mehr erlauben. So dumm wird keiner sein, da mitzuspielen. Auch Baumgart nicht. Der Beweis, dass die Medikamentenreduzierung besser war, liegt auf der Hand.

Warum schläft Simon den ganzen Tag? Ich rufe noch einmal eine Krankenschwester an und frage etwas mehr. Es wird offensichtlich. Die Medikamentenumstellung hatte bereits stattgefunden, ohne vorherige Information. Simon schläft. Wieder rufe ich das Jugendamt an: „Herr Baumgart, ich habe in der Klinik jetzt erfahren, die Medikamentenumstellung fand bereits statt, seit man mir dort erzählt, Simon schläft. Er schläft schon den ganzen Tag. So wie viele Menschen Simon am Wochenende erlebt haben, werden Sie ihn am Donnerstag, wenn Sie dann in die Psychiatrie fahren möchten, nicht mehr sehen können“, weine ich „Dr. Stampfstein lügt, wenn er sagt, er will die Medikamentenumstellung noch vornehmen, weil es Simon heute nicht so gut geht. Es geht ihm nicht gut, weil diese Medikamentenumstellung stattgefunden hat. Bitte sprechen Sie erst mit den Krankenschwestern und mit Frau Ahl. Alle können meine Aussage bestätigen.“

Ich rufe noch einmal gegen einundzwanzig Uhr in der Kinder- und Jugendpsychiatrie an. „Simon schläft noch“, sagte eine Schwester, deren Namen ich mir merke. Sie erklärt: „Die Medikamente haben natürlich immer so harte Nebenwirkungen, der Blutdruck bei Simon ist völlig runter. Wir beobachten ihn weiter. Wir werden sehen“. Ich frage sie direkter: „Seit wann bekommt er andere Medikamente?“ – „Seit heute Morgen, steht hier im Plan.“

Ich bin fast ohnmächtig und völlig alleine in meiner Wohnung. Klar ist, als der Mediziner sagte, er habe Simon schlafen gelegt, stopfte er schon in ihm das hinein, was er angedrohte, erst noch tun zu wollen. Weil ich meine Probleme mit dieser Nachricht habe, soll ich den Arzt morgen gegen acht, halb neun sprechen. Das schlägt mir Krankenschwester vor. Ich bedanke mich, stehend und ohnmächtig zugleich. Ich bleibe lange Zeit so stehen. Was soll ich denn auch anderes tun?

Dann rufe ich Frau Schweiger an. Ich frage, wie weit das Gutachten sei, in der Hoffnung, Simon bald faire Rechte einräumen zu können. Sie sagte mir, am Donnerstag würde sie Simon besuchen. „Dann werden Sie Simon nicht mehr so glücklich sehen, wie ich ihn am Wochenende erlebte. Ich habe viele Zeugen dafür, dass er glücklich und gesund war, bevor er eine heimliche Medikamentenumstellung bekam, die er nicht brauchte." Ich schildere ihr, so gut es geht, den Vorfall.

Alle beauftragten Personen für unseren Fall sind informiert worden: Mit der Reduzierung der Medikamente, ging es Simon immer besser. Zeugen gibt es genügend, die wissen, dass Simon am Wochenende glücklich und gesund war. Er wurde am Abend in die Kinder- und Jugendpsychiatrie zurück gebracht und sah erholt aus. Bewiesen ist auch, dass am nächsten Morgen schon eine heimliche unbegründete Medikamentenumstellung bei meinem Sohn vorgenommen wurde. Das ist ein deutlicher Anschlag auf die Gesundheit und Freiheit eines rechtlosen Kindes!

Falls jemand denkt, ich täte mir was an: Solche Vermutungen hörte ich vom psychiatrischen Dienst. Das würde ich niemals tun, solange ich glaube, dass Simon noch keine Psychose hat. Ich würde mich niemals umbringen, solange er lebt. Und wenn er jetzt im Krankenhaus eine Psychose bekommt, dann braucht er mich erst recht. Also bringe ich mich nicht um. Ich halte durch. Ich möchte, dass die beauftragten Personen, die das Vorgehen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie jetzt mitbekamen, entsprechend verantwortungsvoll handeln.

Ich warte auf Hilfe in meinem leeren Raum, nach dem Wochenende, dass uns so viel Hoffnung gab. „Ihr beauftragten Personen, komm endlich aus Eure Löcher und helft uns. Ich laufe raus. Ich will zu Simon. Ich laufe halbe achtzehn Kilometer und liege irgendwo im Wald.

Am sechzehnten Novembertag irgendwann sehe ich mich in der Eichenholzzeitmaschine irgendwo hinlaufen und stelle sie ab. Ich mache eine Pause und gehe selbst spazieren. Ich stehe auf der Weide nahe bei den Pferdeköpfen und nehme ihre beruhigende Aura auf. Weit weg sehe ich Menschen. Ich sehe wie sie geboren werden und langsam aber sicher entarten.

Ich höre unsere Vergangenheit. Ich höre Dr. Ramm am Telefon, wie sie sich damals in der geschlossenen Station widersprach und alle Fakten anders erzählte, als sie im Detail zutrafen. Ich erinnere mich, als sie sich überrumpelt fühlte, weil ich ihr andere Informationen gab. Aus diesem Grunde wurde sie erst unehrlich und wollte mit noch mehr verkehrten Aussagen mich unterdrücken. Dann erinnere ich mich an Dr. Bück, der auf keinen Fall die Klinik kontrollieren wollte, und es denen schriftlich versicherte. Das war ihm wichtiger als seine ehemaligen Patienten.

Ich höre den sonst schweigenden Baumgart und Frau Mull sagen: „Simon, lasse Deinen Vater nicht gewinnen!“ als Simon sagte: „Mein Vater gewinnt immer. Dagegen kann man nichts machen.“ Und schon nagten und verbissen sie sich selbst in ihre gut gemeinten Vorschläge. Ihre guten Vorschläge kloppten sie anschließen mit ihren Taten oder Unterlassungen selbst in die Tonne. Dann spielte Dr. Sieknecht unheimliche hinterhältige Rolle. Die Ärztin, die anfangs bereit war, Erik für uns sprechen zu lassen und uns alle an einen Gesprächstisch holte. Simon solle Mitbestimmung und Vertrauen lernen, hieß es da. Er könne für sich selbst viel tun. Beinahe glaube ich, Sieknecht hat das zu Anfang ehrlich gemeint, wobei es ihr äußerst schwer gefallen sein musste, sich mit mir oder Simon im Blickkontakt zu unterhalten. Ich erinnere mich selbst, dass ich Simon gut zuredete und Sieknecht als eine nette junge Frau darstellte, mit der man gut auskommen könne, menschlichen Kontakt suchen sollte, ja, vielleicht ein bisschen kumpelhaft zu ihr sein. Er versuchte es und sie machte daraus psychotische Verhaltensweisen, weil er sie plötzlich duzte, trotz ihres weißen Kittels. Diese Frau hat selbst ein dreijähriges Kind. Wie soll ich je begreifen, was sie anschließend mit meinem Jungen tun ließ. Ich gehe jetzt davon aus, dass sie gewusst haben musste, was Simon bevor stehen wird, als sie ihn auf die andere Station schickte. Sie wusste und sagte überall: „Erstaunlicher Weise klappt die Medikamentenreduzierung gut“. Wie konnten alle die, die an diesen Vorgängen verantwortlichen Menschen, das mit Simon machen? Wie konnten sie das alles bis hier zulassen? Und immer noch versichern sie alle noch, es gehe um seine Gesundheit, sein Vertrauen und seine Entwicklung.

Wie gerne hätte Simon jetzt in der Schule gelernt? Wie gerne mag er die Gesellschaft zum Guten verändern? Wie gerne wollte er tatsächlich mit Konflikten klarzukommen und Selbstbestimmung für sich erzielen? Wie viel Gelegenheit ist ihm schon verloren gegangen? Wie dankbar wäre er mir gewesen, hätten sie ihn dort menschengerecht und würdig behandelt, in den wichtigsten Entwicklungsjahren seines Lebens? Und wem kann er noch glauben?

Sieknecht hatte den Fall Simon Hölzer an den Psychiater, einem Oberarzt, Dr. Stampfstein, weiter gegeben, nicht aus plausiblen Gründen. Plausibel waren ihre Gründe nicht, die sie uns am Runden Tisch genannt hatte. Sie schob Simon ab, damit die Medikamentenumstellung, die sie einmal ansprach, ein anderer macht. Das also saß in ihrem Hinterkopf. Wahrscheinlich steckte in diesem Hinterkopf auch der Glaube, die allergrößte Gefahr besteht darin, Diagnoseunterlagen ändern zu müssen. Ich hatte am Telefon gehört, es gab noch keine Visite. Ich hatte gehört, dass keiner Krankenschwester bekannt war, dass sich Simons Verhalten sich an dem Morgen nach dem Besuch am Wochenende irgendwie geändert oder verschlechtert hatte. Also wurde willkürlich gehandelt. Und jeder der beauftragen Personen für Simons Falls konnte sich ebenso informieren, denn ich informierte sie. Jetzt müssen sie handeln. Und die Zusage von Baumgart ist da.

Mir ist natürlich so, als haben wir alles schon erlebt. Ich fühle mich in einem Teufelskreis mit ständiger Wiederholung. Wir scheinen wir in immer heißere Löcher zu fallen. Immer schon frage ich, wann lassen die uns endlich raus? Ich glaube, ich schaue gerade traumatisiert aus dem Fenster eines Pferdestalls. Zu hell. Schwindelanfall? Ich sehe nichts mehr. Ich fühle nur noch Gewalt. Ich fühle Grausamkeit, die niemand glaubt. Mein ganzer Körper ist von diesem Gefühl eingenommen. Ich weiß, alle in diesem Fall eingebundenen Personen wissen. Ich weiß, ich brauche Hilfe, Hilfe und Hilfe, ganz viel Hilfe.

Wieder kurbele ich an der Eichenholzzeitmaschine herum. Ich spüre noch Hilfe, trotz der Zusage von Baumgart. Der hilflose Erik versucht durch die eingebundenen Personen zu informieren. Und Micha empört sich. Gregor verabschiedet sich von mir: „Du, Ilka, ich halte das bei dir und bei Simon nicht mehr aus. Ich muss euch beide verlassen.“

Genau das tat Enrico mit meiner Hilfe damals und Martin. Ganz ohne Erklärung entzog sich Martin. Ich lasse meinen kleinen Nebenverdienst sausen. Ich kann mich an keiner Arbeitsstelle mehr konzentriert. Die Nachbarn, zu denen ich mir immer Kontakt wünschte, machen einen Bogen um unser Haus. Sie tun so, als wüssten sie nichts von dem, was uns passiert. Nein, sie tun so, als wüssten sie ganz viel. Sonst hätten sie diesem Bogen nicht gemacht. Ist da schlimmer als eine öffentliche Steinigung? Alle tun so, als passiere nichts. Alles ist unsichtbar, grausamer und gemeiner als eine sichtbare Ohrfeige oder eine Bombe, die uns trifft. Ich entferne mich jetzt von dem kleinen Fenster im Pferdestall.

Dr. Sieknecht hat mein Kind ausgeliefert. Ab wann waren es ehrliche Gespräche und ab wann war der Anschlaggedanke im Hinterkopf. Das kann ich nur erahnen und wichtig ist das nicht. Dennoch Friedensabkommen und Kriegsabsichten gehen so subtil ineinander über. Aber ganz deutlich erinnere ich mich an ihre letzten verzogenen Gesichtszüge. Als wir uns verabschiedeten und ich mit Simon zu der anderen Kinderstation der Kinder- und Jugendpsychiatrie in K ging, riet sie mir noch, ich solle die Gutachterin ein wenig bedrängen, damit diese das Sorgerecht schneller fertig macht. Sie verzog ihr Gesicht dabei. Wie pervers! Sie hat sich dabei nicht ein einziges Mal gewünscht, dass ich es bekomme. Sie sagte es nie, und sie meinte es nie so. Ich hatte darauf geachtet. Wie fein ist das überhaupt, einen anderen Menschen anzuheuern, eine Tätigkeit zu machen, bei der er geplant als Verlierer ausgehen soll? Realistisch denken? Mir werfen die vor, ich wäre unrealistisch? „Frau Mull, wer von uns beiden denkt denn jetzt realistisch und wer nicht?

Davon mal ganz abgesehen, wie weit kann und darf ich realistisch denken? Jetzt, in dieser Situation? Soll ich etwa realistisch denken, um mich anschließend aufhängen zu müssen oder um eine Psychose zu bekommen, Frau Mull?“ Hilfe! Ich brauche Hilfe!

Plötzlich sehe ich wieder etwas beim Blick aus dem Fenster des Pferdestalls. Frau Mull steht da! Grau und schattig. Sie beschützt die Vampire hinter sich. Ich kenne diese Vampire. Ich habe sie alle schon einmal gesehen. Sie speisen und ernähren sich von uns. Spaziergänger und Nachbarn gehen den Weg entlang. Sie gehen direkt in die Vampire hinein und wieder heraus, als wären sie durch Luft. Sie sehen nichts oder wollen nichts sehen.

Ich gehe aus dem Pferdestall. Ich gehe nach Hause. Ich will mich schlafen legen, aber schlafe nicht ein in dieser Nacht. In der Nacht des Montags zum Dienstag. Nach dem Wochenende als Simon bei mir war. Ich kenne jetzt diese Medikamentenumstellung am frühen Montagmorgen, die Misshandlung meines Sohnes. Die Eichenholzzeitmaschine zeigt mir, wie ich aus dem Bett gehe, mich anziehe, mit einer Flasche Mineralwasser und Brote das Fahrrad aus dem Keller hole und Rad fahre. Ich fahre in eine Richtung, die mein innerer Kompass bestimmt. Ich komme unserem Qualenhaus immer näher. Noch einmal die Uhrzeit, zwei Uhr zweiunddreißig bin ich also los gefahren immer auf der Landstraße. Unter leuchtendem Sternenhimmel durchfahre ich stille Dörfer und schlafende, teilweise abgeerntete Felder, das allererste Mal in dieser Nacht. Und das wird nicht die letzte sein, während ich tagsüber im Warteraum des Jugendamtes verbringen werde, kontinuierlich.

Ich fahre und pausiere hin und wieder. Ich spreche mit den Sternen. Ich bitte sie um Kraft und Energie, ganz besonders für Simon. Ich bitte sie um eine leuchtende Zukunft. Hin und wieder Sitze ich auch im Gras, esse und trinke und wünsche und wünsche mir von den Sternen noch viel intensiver Kraft, Schutz für Simon und eine leuchtende Zukunft. Ich habe die Kinder- und Jugendpsychiatrie erreicht. Diese Psychiatrie besteht aus mehreren Häusern, Straßen und Wegen, wie ein kleines Dorf. Ich kenne das Haus, das Kinderhaus, in welchem mein Junge sich befindet. Ich weiß, hinter welchem Fenster er schläft. Ich sitze jetzt unter seinem Fenster. Ich bin ihm ganz nahe. Ich gebe ihm ganz viel Energie und Kraft und die allerbesten Träume. Ich rede und unterhalte mich mit ihm mental. Es schützt ihn. Er träumt es, stelle ich mir vor. Er träumt, dass ich hier bin, ihn tröste und beschütze. Ich weiß, er merkt, ich bin hier. Er schläft deswegen schon viel wohliger. Ich bin ganz sicher. Ich wünsche mir und ihm Kraft. Soviel und solange wir das brauchen. Alles andere in der Welt interessiert nicht mehr.

Simon wusste, was die Ärzte vorhatten. Simon schöpfte Verdacht und erzählte davon. Simon erzählte davon, dass irgendwer in der Kinder- und Jugendpsychiatrie plant, gegen mein Sorgerecht für ihn zu kämpfen. Er hört das irgendwo aus internen Gesprächen. Schade, dass er nicht genauer erzählte. Schade, dass ich seine Information so zurückhielt, obwohl ich auch ständig böse Ahnungen dieser Art in mir trage.

Ich sitze unter seinem Fenster und denke noch einmal gründlich über alles nach. Simon hatte so viel erahnt oder gehört, als Erik und ich noch nicht am Gesprächstisch bei Dr. Sieknecht waren. Er kannte den Grund, warum er aggressiv wurde. Und diese Aggressivität wurde ihm angelastet. Ständig schickt man uns in so eine Teufelsspirale. Hätte es uns geholfen, Simons Vermutungen im Auto weiter zuzuhören, anstatt über eine schöne Gesellschaft zu sprechen? „Wie schön für euch, dass jetzt endlich alles so gut läuft, - aber aufpassen!“ warnte Micha noch vor Kurzem.

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie hat keine Macht mehr über den Jungen, wenn ich mein Sorgerecht für ihn bekomme. So absurd alles ist. Nur Verbrecher handeln so. Wir leben in einer Demokratie und nicht mehr in der Geschichte wie sie einst in Deutschland gewesen war. Simon wird nach diesem Vorfall die Kinder- und Jugendpsychiatrie verlassen können, wenn ich das Sorgerecht habe. Aber auch vorher. Baumgart bestätigte das. Baumgart, der Herdecke verhindert hatte. Der uns überhaupt die ganzen Schwierigkeiten machte, weil er angab, für Simons Wohlergehen zu handeln. Und ich sagte zu Simon im Auto, nachdem er seine Vermutung aussprach: „Du, das können die nicht machen. Dafür sind die Frau Schweiger, der Richter und Herr Baumgart zuständig. Dr. Sieknecht ist da völlig raus.“ Doch ich selbst unterdrücke doch stets meine Angst, tagein, tagaus. Jetzt geht es nicht mehr anders. Jetzt wird uns da herausgeholfen. Die Sterne schauen runter zu mir. Ich sehe, sie mögen mich und Simon lieber, als die schrägen Gestalten, die sich durch so manche berufliche Karriere in so manche Positionen hinein geschlichen haben, um herzlos wie eine Maschine fett zu werden.


Über die Begegnung mit Simon
nach der Medikamentenumstellung

Ich sitze unter Simons Fenster und langsam wird es heller. Und ich glaube, es gibt irgendwo eine Kraft, die uns beschützt. Die ich nicht kenne. Aber sie ist da. Sie führt mich immer. Sie gibt mir Gelegenheit, zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle zu sein. Es wird langsam heller und die Sonne hat uns wieder. Gegen sieben Uhr geht das Licht in der Station an. Dabei geht es vor allen Dingen um den Lieferwagen, der vor der Eingangstür steht. Nahrung soll ausgeladen werden. Die Eingangstür der Klinik geht auf. Ich schaue dem Lieferwagen und den beschäftigten Leuten interesselos zu.

Dann lasse ich mich zufällig - war es Zufall? - zur richtigen Zeit an der Eingangstür sehen. Die Krankenschwester, die Simon am Sonntagabend nach unserem Wochenende so freundlich empfangen hatte, steht jetzt im Flur. Ich begrüße sie. Ich frage nach Simon und in diesem Augenblick taumelt Simon die Treppe herunter.

Ich sehe ihn hinter der Krankenschwester vorbei gehen, mache sie darauf aufmerksam, dass Simon hinter ihr auf der Treppe gebeugt herumschleicht, und frage, ob ich mit ihm sprechen darf. Sie willigt zögernd ein. Sie kann nicht anders. Sie fragt Simon vorher scheinbar verwundert, was er auf der Treppe macht und warum er nicht im Bett liegt. Simon sagt, er ginge schon seit vier Uhr dreißig die Treppe herauf und herunter. Jetzt dürfen wir zusammen sprechen. Wir setzen uns zusammen unten auf die Treppenstufen.

Die Krankenschwester lässt uns alleine. Ich sitze neben ihm auf der Treppe und schaue ihn an. „Ich habe dir doch gesagt, dass etwas Schlimmes passiert. Ich habe gesagt, was die vorhaben“, sagt er im Flüsterton „Ja, Simon, du hattest Recht. Wann ist das passiert?“ frage ich und bekomme heraus, dass es früh am Morgen war, als er die anderen Tabletten bekam. Sie lagen in einem Schälchen neben seinem Frühstück, und noch keine Visite hatte stattgefunden, die das Handeln hätte damit  begründen können, es wäre ihm schlechter gegangen. Frau Ahl sagte noch, in solchen Fällen hätten sie mich jetzt geholt, damals in der Anwesenheit, des noch freundlich lächelnden Dr. Stampfstein. Eine Visite hatte gar nicht stattgefunden. Er nahm die Tabletten ein, ihm wurde schwarz vor den Augen. Er suchte eine Toilette auf, fand sie, merkte, dass er auf dem Boden lag. Ein anderer Junge entdeckte ihn liegend auf dem Boden und redete mit ihm. Das wusste er noch.

So also sind die Verhältnisse in der Kinder- und Jugendpsychiatrie von K. Diesmal bekomme ich Simons Berichterstattung, den Tatbestand eines Opfers direkt geschildert. Besser als letztes Mal in der geschlossenen Abteilung, als mit banalen Aussagen die Zwangsmedikamenteneinnahme begann. Jetzt wissen wir, das ist Willkür.

Irgendwann fand sich Simon im Bett wieder. Nachdem ich Simon versicherte, dass es gut ist, dass ich seinen Bericht jetzt kenne, erzähle ich Simon: „Ich war die ganze Nacht bei dir, unter dem Fenster. Hast du geträumt, dass ich da unten sitze und für dich ganz viel Kraft und Energie aus der Luft nach oben gebracht habe? Und dass die Sterne uns in dieser Nacht halfen? Sie haben mir das zu verstehen gegeben.“ Er antwortet benommen: „Aber ich weiß nicht, wovon ich geträumt habe, und ob ich geträumt habe. Was du dir gewünscht hast, weiß ich nicht. Ich weiß gar nichts mehr.“

Ich sage ihm: „Erst einmal egal, wichtig ist, gute starke Dinge geträumt zu haben. Denn das macht stark. Auch wenn man sich nicht mehr daran erinnert. Irgendeine Kraft hat mich im richtigen Augenblick zu dir geführt. Jetzt sitzen wir hier zusammen. Wäre ich später gekommen oder früher, hätte ich dich nicht angetroffen.“ – „Ja, o. k. das stimmt schon“, meint Simon, „bleib stark, Mama“, sagt er noch. – „Du auch“. Ich will ihn umarmen. Ich will ihn streicheln. Ich fasse zufällig an seinen Bauch. Der Bauch schien mir unnatürlich aufgebläht. Ich schaue unter seinen Jogginganzug. „Lass das! Schaue da nicht runter. Mein Bauch ist dick geworden. Du sollst dir keine Sorgen darüber machen, dass der Bauch so aufgeschwollen aussieht.“ Er will mich schützen, von meinen Schmerzen befreien, und mir seinen aufgeblähten Bauch nicht zeigen. Er will damit alleine klar kommen. Mir tut das weh. Das arme Kind. „Simon“, sage ich, doch ich weiß nichts weiter zu sagen. „So, ich denke, Ihr habt jetzt lange genug zusammen geredet, Simon“, meint die Krankenschwester, die zurückgekommen ist. „Ich bin bei dir, meistens unter dem Fenster, Simon“, flüstere ich ihm noch zu und frage die Schwester, ob sie denn den Grund der Medikamentenumstellung kennt. Ob sie sich noch an die Ankunft Sonntagabend erinnert als Simon so fröhlich und fit war. Ich frage sie, ob sie sich vielleicht denken kann, wie irritiert ich bin. Sie kann das alles zurückhaltend bejahen. Aber sie weiß nicht, welche Gründe vorlagen. Es war wohl von Anfang an geplant, denke ich und verschweige meine Gedanken, während sie noch sagt, sie habe keinen Dienst gehabt. Sie werde Dr. Stampfstein holen, sobald er eingetroffen ist. Der könne mit mir reden, falls ich noch etwas Zeit hätte. Ich warte also wieder.


Obwohl ich immer noch denke,
vorsichtig sein zu müssen,
rede ich von

Zwangsfütterung und Körpermisshandlung

Der Fall Simon Hölzer, jetzt kann von Zwangsfütterung und Körpermisshandlung gesprochen werden, vor diesen ganzen Beweisen wäre das eine zu vage Äußerung gewesen. Ich kann mich nicht mehr strafbar machen.

Ich stelle die Eichenholzzeitmaschine ab, die mich zu sehr belastet. Ich gehe raus. Wieder auf die Weide und stehe bei den Pferden. Anders als die Pferde denken wir. Wir sprechen, lesen und schreiben und kennen die Seitenzahlen eines Buches.

Ich kann mehr. Ich kann hinter vielen Gesichtern lesen. Aus den Ereignissen und schrecklichen Geschehen meines Lebens habe ich gelernt, Grimassen zu erkennen. Jedes Wimpernzucken fällt mir auf. Jede plötzliche Stille, die eine Bedeutung hat und ob die Stimme und der Ton zum Gesicht passen, erkenne ich. Die Gedanken, wenn Menschen im Gespräch vor mir sitzen, lese ich mehr als das gesagte Wort, was ich ebenfalls höre. Es versteckt, verbirgt oder vergräbt viel hinter manchem Gesicht. Tief vergrabenes lässt sich am besten erkennen. Die Pferde und Kühe auf der Weide sind nicht vergraben und hinterhältig. Deswegen stehe ich hier auf der Weide und vergrabe meinen Kopf in die Köpfe der Pferde und erhole mich von den Menschen. Die Pferdeköpfe sind nicht so durchgraben, wüst und zertrampelt. Böse in der Tiefe kochen die Gefühlswallungen, die Gedankenfurchen der Menschen, gespeichert hinter und vor den Gesichtern, verästelt in Wege, die sich wie Irrwege nicht mehr zusammenfügen lassen. Sie können sich nur noch mehr verästeln und finden den Rückweg nie mehr.


Die Begegnung mit Dr. Stampfstein
nach der Medikamentenumstellung

„Dr. Stampfstein kam dann noch am selben Morgen zu mir nach raus, denn ich wartete draußen, am Tag nach der Medikamentenumstellung an meinem armen Sohn“, berichte ich leise dem Pferd auf der Weise „Er kam, weil die Krankenschwester ihn bat. Doch ein klärendes Gespräch mit mir zu führen, hatte er nicht vor. Er nahm die Krankenschwester gleich mit nach draußen als Verstärkung oder Zeugin. Er kam mir sehr verärgert auf mich zu. Er war nicht der Meinung, dass ich das Recht hätte, mich auf dem Gelände aufzuhalten. Ich frage mich still, was er erwartet hatte.

Er beruhigte sich nicht. um mich danach zu einem Gespräch hereinzulassen. Meine Ruhe schien ihn zu zermürben. Er näherte sich schnell mit allen seinen Gefühlswallungen, die in ihm steckten. Er plante, mich zu provozieren, damit mir irgendein Versehen, irgendein Ausrasten passierte. Er zog die Krankenschwester also als Zeugin mit sich raus. Er wollte, dass ich mich daneben benähme. Dann erst hätte er mich belasten können. Mir vielleicht eine Besuchersperre oder noch mehr amtliche Strafmaßnahmen völlig korrekt auferlegen. Nur, durch ein Fehlverhalten, ahnte ich.

Vielleicht könnte er mir dadurch sogar das Sorgerecht strittig machen? Er kam näher. Die Krankenschwester blieb zurück, vielleicht fünf Schritte. Vielmehr, sie ging nur noch langsam hinter Dr. Stampfstein her, der außer sich nach vorne eilte, hin zu mir. Ich saß am Rande einer Sandkiste und sah beide kommen. Dr. Stampfstein drohte mit Polizei und ich solle das Gelände verlassen. Ich beobachtete ihn. Er kam immer näher. Sehr nah. So bis er sich ganz nah zu mir herunter beugen konnte. Er beschimpfte mich mit irgendwas, was ich nicht mitbekam. Er und drohte mit Gestiken. Er kam immer näher, obwohl näher ging gar nicht mehr. Ich solle das Gelände zu verlassen. Er würde die Polizei holen. Ich konnte aber nicht weg. Ich bat ihn ein kleines Stück zur Seite zu gehen. Dann würde ich auch gehen wollen. Das tat er nicht. Er wollte seine Haltung nicht verändern. Ich sollte von ihm weg kriechen und das sofort. Ich versicherte ihm dreimal hintereinander, dass ich gehen werde, wenn er mir noch einen Moment Zeit lassen würde und mir den Weg zum Aufstehen frei machen würde. Tat er nicht. Er wurde immer wütender, besonders, nachdem ich ihn das dritte Mal ruhig bat. Nicht einmal dies bisschen Würde wollte er mir nicht geben, etwas Zeit und etwas Platz zum Aufstehen. Dieser Mensch kann nur demütigen, denke ich und konnte überhaupt nicht weg. Er war zu nahe herüber gebeugt. Deswegen beobachtete ich ihn genauer. Sein Alter konnte ich nicht schätzen, seit ich ihn das erste Mal sah. Jetzt, da er so herunterschaute, sah ich ein nervöses heruntergefallenes Schwabbelgesicht, das immer nervöser wurde und dabei rot anlief.

Seine Stimme klang erst normal unsympathisch, drohend bis hässlich und unverschämt. Danach wurde seine Stimme immer piepsiger bis er total hell schimpfte wie eine meckernde Hexenfrau. Dr. Stampfstein war nicht groß und stark, im Gegenteil kurz und gedrungen, eine merkwürdige Gestalt mit einer schimpfenden Frauenpiepsstimme. Jetzt sah ich sein Gesicht ganz genau und genauer. Ich sah ihn als Junge. Ich sah die Zeit, als er einer war. Seine piepsige Stimme und sein Weinen, als er von anderen Schülern seiner Klasse gehänselt wurde, wollte keiner hören. Sie ärgerten ihn deswegen noch mehr. Sie wurden immer grausamer dabei. Keiner hatte mit ihm Mitleid als er ein Junge war. Kaltgestellt, gedemütigt wurde er. Alle taten ihm das an. Tief verletzt ein ganzes Leben lang schon ist er. Jetzt hasst er. Er hasst alle anderen Menschen. Sein Vater sagte ihm einmal: „Werde Psychiater, dann hast Du Macht über alle, dann kannst Du denen zeigen, wer du geworden bist.“

Immer noch ging er nicht zurück, damit ich aufstehen und gehen konnte. Immer wütender piepste er mich an, weil ich gar nichts tue. Weil er nicht erreichen konnte, dass ich frech wurde. Aber ich hatte gar nicht mehr so viel Kraft. Ich war müde. Er kam immer näher noch näher heran und fasste an meinen Arm. Und in diesem Augenblick zog ihn die Schwester zurück: „Herr Dr. Stampfstein, kommen Sie doch endlich! Die Frau Hölzer hat gesagt, sie wolle gehen. Kommen Sie! Sie wird dann schon gehen.“ Er ließ sich von der Krankenschwester zurückführen, die seinen Arm noch festhält. Er war sehr aufgeregt. Er war jetzt rot angelaufen, der gedrungene Mann mit der piepsigen Frauenstimme. Der Oberarzt der psychiatrischen Kinderabteilung.

Dieser Mann betreut Kinder, oft wirklich psychisch kranke Kinder oder auch sehr sensible Kinder und kann mit meinem Sohn machen, was er will. Mich gruselt und doch ich muss mich auf die Wege konzentrieren, die alles weitere verhindern können, höre ich mich denken. Und so entferne ich mich ebenfalls von der Pferdeweide, schnell hin zur Eichenholzzeitmaschine, mit dem Gefühl, nichts versäumen zu wollen, was noch geregelt werden kann.

Die Eichenholzzeitmaschine zeigt mir den Dr. Stampfstein und die Krankenschwester noch einmal, die sich bereits drei Meter entfernt haben, um wieder in die Station zu gelangen. Immer noch dreht sich Dr. Stampfstein zu mir um. Ich gehe zu meinem Fahrrad. Es steht am Geländer der Eingangstür vom Kinderhaus. Dr. Stampfstein dreht sich um, stellt sich mir in den Weg, möchte mich angreifen. Ich gehe ein Schritt zur Seite und sage: „Ich möchte nur mein Fahrrad holen. Das steht dort. Bitte lassen Sie mich dorthin.“ Ich sage das wieder dreimal mit Pausen dazwischen. Er stellt sich ständig wieder in den Weg und dann will er mir das Fahrrad nicht geben. Er will mich provozieren. Das ist klar.

Doch mit dem Fahrrad und meinem Herkommen hat er noch eine andere Idee. Ich werde das noch erfahren. Die Krankenschwester redet beruhigend auf die Gestalt ein: „Kommen Sie, Dr. Stampfstein.“ Jetzt ist er ins Haus gegangen. Ich schließe mein Fahrrad auf, die Tränen kullern mir herunter. Die Krankenschwester steht vor mir. Er hat sie für sich als Zeugin gegen mich mit aus dem Kinderhaus herausgezogen, weg von ihrer Arbeit. Jetzt ist sie ja vielleicht meine Zeugin gegen ihn. Vielleicht frage ich sie nur deswegen, um einmal abzutasten, und sehe sie mit ehrlichem, aber verweinten Gesicht an: „Was dürfen Sie hier eigentlich alles noch mit uns machen?“ Sie antwortet: „Ich kann beide verstehen. Sie haben es nicht leicht und Dr. Stampfstein auch nicht.“ Ich frage sie aus irgendeiner Vorsichtsmaßnahme heraus leider nicht mehr: „Und das Kind, Simon?“


Über die Sorge
wegen zu vieler Kenntnisse

auf der Landstraße verfolgt
und festgenommen zu werden

Ich fahre aus der Ortschaft der Kinder- und Jugendpsychiatrie von K. Danach die Landstraße entlang. Mir fällt ein: Wenn der Psychiater erfahren wird, was ich weiß, was Simon mir erzählt hat, wird er mich nicht wegfahren lassen wollen. Er wird mich vielleicht mit der Polizei unterwegs abfangen. Eine Telefonzelle sichte ich meines Weges. Ich rufe Gregor an erzähle schnell und präzise, was alles vorgefallen ist und wo ich bin. Er möge schnell bei Baumgart anrufen, sich vorstellen und sagen, wie er am Wochenende Simon erlebte und wie betroffen er ist nach dem, was er gerade von mir erfahren hat. Er wollte eigentlich nicht. Zwar ist er erschrocken, doch sperrt er sich, anzurufen. Er musste aber, denn wenn er sich jetzt nicht einsatzbereit zeige, für mich und Simon, könne ich es nicht mehr begreifen. Dann wäre er kein Freund mehr für mich, und nie gewesen. Er tut es, das versichert er mir. Er will auch sagen, wie betroffen er ist, nachdem er hörte, was sich inzwischen zugetragen hat und genau beschreiben, wie er am Wochenende Simon erlebte.

Ich fahre weiter. Ich habe wieder Kraft und kann schnell Fahrrad fahren. Ich mache wieder an der nächsten Telefonzelle halt und rufe Gregor an. Was ich jetzt höre, verschlägt mir den Atem. Nicht nur Gregor hat Baumgart eine Menge berichtet. Baumgart hat Gregor ebenfalls eine ganze Menge Dinge erzählt. Über uns, die getrennten Familienmitglieder, trotz seiner Schweigepflicht. Ich hatte nicht verlangt, dass Baumgart diesem für ihn fremden Mann am Telefon so viel erzählt und bin erstaunt darüber. Doch unsere Ahnung, die Sorge um das Sorgerecht bewahrheitet sich jetzt. Gregor soll nur weiter zuhören. Gut, dass Baumgart so viel erzählt. Vielleicht belaste ich ihn deswegen. Er hat Gregor all das gesagt, was er hätte mit mir besprechen müssen, als er so verschwiegen war.

Ich setze mich erneut auf mein Rad und fahre in Richtung Jugendamt. Herr Baumgart hatte meinen gerichtlichen Antrag begutachtet und gemeint, dieser Antrag sei in Ordnung: „Schicken Sie ihn zum Gericht.“ Er freute sich einige Wochen mit uns, dass es Simon wieder besser ging. Jetzt hat er einer fremden Person bestätigt, es sei schon lange besprochen worden und die Eltern von Simon würden sich noch wundern, denn keiner von ihnen würde das Sorgerecht bekommen. Und die Begründung solle heißen, sie stünden sich zu konträr gegenüber. Er habe heute Morgen auch ein Gespräch mit dem Psychiater gehabt, erzählt er Gregor. Er habe außerdem große Sorge um mich. Ich sei wahrscheinlich psychisch erkrankt, erzählt er Gregor, dem für ihn fremden Mann.

„Noch nicht, Baumgart, Du alte Sau“, sage ich mir auf dem Fahrrad sitzend, „solange es Dich gibt und die anderen Verbrecher, die uns fertigmachen wollen, werde ich gesund bleiben. Hole Deinen psychologischen Dienst nur. Eer wird Dich in die Klapse bringen, nicht mich. Zum Schluss werdet Ihr alle eingesperrt. Ich weiß noch nicht wie, aber es wird passieren.“ Ich fahre weiter.


Baumgart will uns überraschen
Beide Eltern werden sich wundern
– hört Gregor von Baumgart trotz Schweigepflicht

Ich halte an der nächsten Telefonzelle. Ich rufe Erik an. Ich erzähle ihm alles, was passierte. Hin und wieder muss er die Leute der Klinik vertrösten, in der er arbeitet. Teilweise etwas genervt. Aber er will mich hören: „ Bitte, ich habe hier ein wichtiges Telefongespräch. Ich komme später. Ich habe jetzt keine Zeit für Sie“, sagt er, dann lässt er mich weiter reden. Die Telefonkarte ist nicht mehr ganz voll. Ich muss mich kurz fassen. „Die katastrophalste Situation, die je passieren konnte, Ilka. Gut, dass du angerufen hast. Bleibe ruhig und vernünftig. Sobald ich in der Lage bin, werde ich mit Herrn Baumgart sprechen.“

Ich bin froh, meine ganzen Informationen bei Erik gelassen zu haben. Eine Polizeistreife ist noch nicht vorbei gefahren. Ich vertraue Erik: „Erik, ich habe noch eine Ortschaft zu durchfahren. Dann bin ich vor der Stadt. Ich werde geradewegs zum Jugendamt fahren und Herrn Baumgart alles schildern. Er sitzt vor seinem Schreibtisch. Ich glaube, er weiß, dass ich komme.“ Wir beenden das Gespräch. Ich fahre weiter.

Zwei Telefonkarten habe ich noch, mit ein wenig Zeit und Geld gespeichert. Ich fahre durch meine Stadt und finde die nächste Telefonzelle. Ich rufe Micha an, erzähle ihm nur noch kurz, was passierte, und dann meinen Auftrag: „Micha, du warst am Sonnabend bei uns, rufe Baumgart an, erzähle, dass du der Pastor bist. Baumgarts Bruder soll übrigens auch Pastor sein. So etwas beeindruckt Baumgart. Erzähle ihm Deinen Eindruck von Simon als wir im Garten Kuchen aßen. Sage, dass Du alles unglaublich findest und keine Worte mehr hast.“ Ja, Micha, der mich ermahnte, aufzupassen, ist empört. Er nimmt selbstverständlich eine Verbindung zu Baumgart auf. Ich fahre weiter. Es ist noch keine Polizei in Sicht. Ich werde jetzt Baumgart in seinem Büro antreffen. Erik hat schon mit ihm telefoniert.

Ich stelle mein Fahrrad ab und gehe geradewegs in das Jugendamt. Dr. Stampfstein hat mich also nicht wie befürchtet, durch die Polizei verfolgen lassen und abgefangen, um seine Untat zu vertuschen. Ich hörte ja von Simon, dass er ohne Grund die Umstellung vorgenommen hatte. Baumgart sitzt an seinem Schreibtisch und die Tür ist offen. Wir begrüßen uns. Ich darf eintreten und erzähle gleich: „Gestern, Herr Baumgart, rief ich Sie an, und Sie versicherten mir, dass Simon in Kürze das Krankenhaus verlassen wird, als ich Ihnen erzählte, was Dr. Stampfstein mit meinem Sohn vorhat. Ich beschrieb schon, wie er das betonte und wie er mich damit bedrohte. Was er tun wollte, hatte er in Wirklichkeit schon längst getan. Gestern Morgen ohne einen treffenden Grund. Es fand überhaupt keine Visite statt. Da wurden Simon schon die Tabletten nach dem Frühstück gegeben. Vorher war er fit, danach nicht mehr.“

Ich schildere chronologisch, was ich über die Medikamentenumstellung erfahren habe und von wem, beschreibe das ungehaltene Benehmen des Psychiaters bis ich von der Berührung meines Arms seitens des Psychiaters ankomme. Da hakt Baumgart nach: „Hat er Sie angefasst? Hat er Sie angefasst, hat er sie angegriffen?“ Ich sage nach kurzer Überlegung: „Nein, so ist es nicht gewesen. Er wollte meinen Arm greifen, berührt und angefasst hat er ihn schon, aber dann hielt ihn die Krankenschwester zurück. Ich habe und ich hatte keine Angst vor ihm. Körperlich kann er mir jedenfalls nichts tun. Es ist nichts passiert, denn die Krankenschwester war dabei. Angefasst aber, zumindest berührt hat er meinen Arm.“ Ich erzähle weiter und bitte ihn: „Bitte bringen Sie diesen Namen der Krankenschwester in Erfahrung und fragen Sie sie, was passierte. Sie wird zumindest den Vorgang nicht abstreiten.“

Danach versichere ich ihm noch einmal: „Es geht mir darum, dass mein Sohn so schnell wie möglich dieses Krankenhaus verlässt. So, wie Sie es mir gestern am Telefon versicherten. Ich wünsche mir, dass Sie mit Frau Ahl sprechen, der Sozialpädagogin. Mit ihr zusammen hatten wir vor Tagen ein längeres Gespräch, während Simon verlegt wurde. Ich erzählte davon am Telefon. Herr Dr. Stampfstein versicherte Erik Mayer, mir und Simon, dass es zu keiner Medikamentenumstellung komme. Falls wirklich etwas passiere, dass die Umstellung rechtfertige, würde ich kommen dürfen und die Notwendigkeit verstehen. Dr. Stampfstein war letzte Woche sehr freundlich und räumte mir und Simon ein ganzes Wochenende Besuchszeit für die nächste Woche ein. Das wissen Sie. Und das weiß Frau Ahl. Was jetzt passiert ist, ist das ganze Gegenteil. - Bitte sprechen Sie mit der Krankenschwester, die anwesend war. Vor allen Dingen aber mit Frau Ahl und horchen Sie sich um, Simon fühlte sich bei mir wohl. Er selbst kann noch alles erklären, wenn er gefragt wird.“

Herr Baumgart hat für morgen einen Gesprächstermin gegeben. Erik darf dabei sein. Mir ist das viel zu langsam. Er könne doch gleich Erik kommen lassen, um der Sache auf den Grund zu gehen. Gleich in meiner Anwesenheit könne die Psychiatrie anrufen und sich vergewissern, dass meine Informationen stimmen. Danach soll er Simon holen. Es geht um ein Kind, für das er die Verantwortung trägt. Das da jetzt raus geholt werden muss. Besser heute als morgen.

Ich verlasse enttäuscht das Jugendamt. Mit den Erwartungen, die morgen erst passieren sollen. Baumgart sagt noch: „Der Junge ist wohlauf. Ich habe noch mit Dr. Stampfstein telefoniert.“ Meine Antwort: „Ich weiß, dass er Sie angerufen hat. Ich habe es schon gehört. Ich habe es allerdingst anders erlebt, als ihnen gesagt wurde. Mein Junge taumelt langsam die Treppen im Krankenhaus auf und ab und hat einen aufgeblähten Bauch, der schmerzt. Alles wegen einer einzigen gelblichen Tablette.“

Ich will das Jugendamt verlassen und Herr Baumgart sieht mich an und sagt noch: „Tun Sie was für sich!“ Ich frage: „Bitte?“ Er wiederholt seinen Spruch. Ich ahne jetzt, was er meint: „Ja, ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Ich habe etwas für mich getan. Jetzt sind Sie dran, Herr Baumgart. Tun Sie etwas für mich und für mein Kind! Dann werden Sie mich anders sehen!“

Ich fahre nach Hause. Erik ruft an. Er weiß, wir werden uns morgen beim Jugendamt sehen. Ich telefoniere mit Herrn Tannen. Er ist sehr betroffen. Er schweigt auch eine Weile wie Erik, als er meine Geschichte hört. Er findet die Sache dubios. Mehr kann er nicht sagen. Er weiß auch nicht, was er für uns tun kann. Er versucht sein Möglichstes, um mich zu trösten. Aber das klappt nichts. Auch Micha meint, ich solle ja einen korrekten Kopf behalten. Er möchte, dass mir nichts passiert. Ich weine am Telefon, und sie hören sich das an: „Sei stark für Simon und für Dich. Dein Sohn braucht dich jetzt.“ Ja, das ist doch immer das gleiche. Warum noch? Wir sterben. Was tue ich denn schon, um ihm zu helfen?

Ich sehe mich in der Eichenholzzeitmaschine und im Spiegel. Ich habe immer Augenränder. Jetzt besonders und ganz verweinte Augen. Ich lege mich schlafen. Nur ein bisschen. Dann wache ich auf, setze mich an den Computer und schreibe sieben Seiten.

Hat Herr Tannen nicht auch schon mal gemeint, zu allem, was jemand schreibt, dazu gehöre eine Selbstdarstellung, sonst machen das andere. Also schreibe ich Herrn Baumgart, wer ich bin, welche Kompetenzen ich habe, und frage ihn, wie eine Mutter, die ein Kind erzieht oder pflegen muss, sein soll. Ich frage ihn, nach seiner Moral und Ethik, nach seiner Verantwortung und ob er wirklich meinen könne, ein Kind sei woanders besser aufgehoben als zu Hause. Ich frage, ob er Eltern mit Fehlern kenne und weshalb Fehler nicht mit der betreffenden Person besprochen werden könnten. Ich frage wie viel Sinn das mache, wenn man mit vielen Personen über Betroffene, hinter deren Rücken über Standpunkte, Meinungen und Behauptungen spreche und Konzepte entwickelt, ohne sich direkt zusammen zu setzen wie beispielsweise Herr Tannen das immer tat. Lernen wir denn nicht alle voneinander? Das schreibe ich natürlich nicht.

Ich zähle Baumgart noch einmal auf, was in den vier Jahren geschah, seit ich das erste Mal Hilfe beim Jugendamt suchte und ihn vor mir hatte. Versuche ganz deutlich zu machen, wie ich ständig versuchte, Dialoge zu schaffen. Mit allen wollte ich reden, um für Simon einen möglichst angenehmen Rahmen zu schaffen, in dem er sich entwickeln kann. Ich schreibe mehrere Anlagen. In Anlage zwei beschrieb ich unser ganzes Wochenende, die Spiele und wie wir uns unterhielten. Vor allen Dingen erzähle ich über unsere Kreation, wie wir eine starke, gute Gesellschaft schaffen können und die langen Unterhaltungen mit Simon auf. Anlage eins gibt sämtliche Geschehnisse aufgelistet wieder, die fragwürdig erscheinen, und die bisher entstandenen Widersprüche. Ich benannte das Papier, die Briefe, die Ereignisse und die Zeugen, die das bisher immer wieder bestätigen konnten.

Ich beanstande sein Vorgehen, weil er immer wieder in einer Situation, die ihm schon lange bekannt war, nämlich dass die Eltern sehr ungleich waren, Neutralität bewahren wollte, obwohl doch irgendwann katastrophale Verhältnisse so geschaffen werden. Wenn Eingeweihte nicht endlich Position ergriffen, um dort zu unterstützen und mitzumachen, wo der Versuch gestartet wird, eine Normalität zu schaffen, tut man nichts für das Wohl des Kindes. Dem Schwächeren solle geholfen werden. Nur so könne Brutalität abgeschafft werden. So beanstandete ich auch, dass Baumgart viel so oft gefordert hat, der Kindesvater dürfe nicht ausgeschlossen werden. Ja, wäre er irgendwann mal ausgeschlossen worden, bis er sich an Regeln hielt, dann wäre es besser gewesen.

Das, was Baumgart mit konträrem Gegenüberstehen bezeichne, habe mit unserem Fall gar nichts zu tun. Die Verschiedenheit liegt darin: Der eine demütigt und unterdrückt sein Kind und arbeitet nachweislich gegen die Mutter. Hätte Simon hier zu Lande vom Jugendamt und Gericht Konsequenzen und Fairness gelernt und seine Mutter mit Hilfe dieser Institution Jugendamt gewinnen können, sei es ihm sehr viel besser gegangen. Bisher hat er zusammen mit dieser Institution nur verlieren gelernt. Noch mehr verloren als vorher. Die Versäumnisse eines Amtes können mir nicht angelastet werden. Es wäre jetzt höchste Zeit, das alles in Ordnung zu bringen.

Dann beanstandete ich noch, es sei bekannt und bewiesen, dass mich Simons Vater wo es möglich war, schlecht gemacht hat. Das gleiche mache er mit allen Institutionen und Menschen, die helfen sollen. Dies wurde nie unterbunden. Baumgart weiß davon, er sagte es schon selbst. Simon lernt von seinem Vater ständig, Therapeuten, Psychologen, Psychiater taugen nichts. Sie hätten unanständige Berufe, und überhaupt die Beamten vom Jugendamt. Da helfe keiner. Bisher kann Simon gar nichts anderes glauben, als sein Vater habe Recht. Denn er erfuhr, dass ihm nie einer hilft. Das alles nur in die falsche Richtung geht und in eine Katastrophe ende. Anders war es nicht!


Wir befinden uns
in einer einzigen großen

römischen Arena

Anfangs hatte Simon nur ein Problem. Seine Eltern bekämpfen sich gegenseitig, so wie er es sagt. Es ging dabei um ihn. Er war hilflos. Ich holte, wie alle mir rieten, die Ämter und Institutionen. Jetzt sind wir ganz viele. Ich sehe mich mit Simon und seinem Vater unten in einer großen römischen Arena im Sand stehen.

Wir sollen kämpfen. Weit oben in der aller ersten Sitzreihe sitzen die Löwen und Stiere, die Ärzte, die Psychiater von der Kinder- und Jugendpsychiatrie in K. In der zweiten Reihe sitzen Menschen wie Frau Mull und vielleicht Frau Schweiger, die Psychologen. In der dritten Reihe die Leute vom Jugendamt. Sozialpädagogen nennen sie sich. Sie schauen unserem Kampf in der Arena zu. Wir können nicht mehr fliehen. Wenn unser Kampf den Stieren und Psychiatern nicht heftig genug ist, helfen sie nach. Wir können nicht mehr weglaufen. Wir können die Sitzenden nicht erreichen. Keine Hilfeschreie taugen etwas. Wir sollen kämpfen. Wir sollen uns zerfleischen. Simon, den schaffen sie alleine. Simon hatte Recht, als er sagte: „Mit dem kleineren Problem hätte er doch noch klarkommen können. Jetzt geht gar nichts mehr“.

Ich stelle die Eichenholzzeitmaschine ab. Vielleicht sollte ich noch sagen, dass ich später selbst versuchte, Frau Ahl in der Psychiatrie zu erreichen. Ein paar Mal war sie angeblich nicht anwesend. So wurde es gesagt. Ich nehme künftig ein kleines Diktiergerät und nehme am laut gestellten Telefon die Stimmen auf. Bald werde ich zeigen können, was in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in K so gesagt wird. Ich darf mich in dieser Weise strafbar machen. Ich habe dadurch nichts zu verlieren.


Keinen Gesprächstisch mehr
bei Stampfstein

Erik wird beschimpft
verachtet und ausgesperrt

Erik versuchte am gleichen Tage noch Dr. Stampfstein telefonisch zu erreichen. Dieser gab Erik daraufhin eine Telefonsperre und erteilte ihm absolutes Hausverbot. Also wird es keinen runden Tisch mehr geben und keine Dialoge. Persönlich von Dr. Stampfstein wurde ihm mit erniedrigender Betonung gesagt, die Sache ginge ihn nichts an. Er hätte in der Klinik nie wieder anzurufen oder diese zu betreten. „Er hat aber eine Vollmacht von mir bekommen, Herr Baumgart“, sage ich. Doch Baumgart nimmt nur zur Kenntnis. Erik versuchte noch ein Telefonat mit dem obersten Chef der Kinder- und Jugendpsychiatrie zu führen. Dieser meinte nur wenig freundlicher, er möge sich aus der Angelegenheit herauszuhalten. Er würde die Verhältnisse überhaupt nicht kennen.

So behauptete dieser unverschämte mächtige Mann, meine Freunde würden angeblich die Verhältnisse nicht kennen. Und er, der Fremde, würde unsere Verhältnisse besser kennen? Welche Verhältnisse? Morgen ist der Termin mit Baumgart. Ich lege mich jetzt schlafen. Auch, wenn es schon fünf Uhr morgens ist. Herzensschmerz kann nicht schlafen.
(© Ilona Meschke 2008)

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