am achtzehnten Novembertag irgendwann
Gibt es wirklich schlimmere Katastrophen? Egal, es interessiert nicht mehr. Sie sollen sich andere suchen, mit denen sie weitermachen. Ich wünsche mir, dass Simon zufrieden stirbt und ich mit ihm. Keine Qualen mehr, Tod.


Simon ruft an
Jeden Tag zur gleichen Zeit
Wir telefonieren wir jetzt illegal

Ich sehe mich in der Eichenholzzeitmaschine. Ich sitze auf meinem Sofa und starre aus dem Fenster. Ich starre aus meinem Fenster und sehe nichts mehr. Draußen ist Trubel, für mich weit weg. Ich schließe die Fenster und ziehe die Vorhänge zu. Ich will nichts hören. Andere Menschen wollen mich auch nicht schreien hören. Ich schaue zu den geschlossenen Fenstern in die starre verlogene Welt und halte mir die Ohren zu. Ich starre und lasse alles andere erstarren.

Ich träume, um mich abzulenken, aber starre in die Eichenholzzeitmaschine. Ein Gedicht fliegt durch das Zimmer:


Ilka schläft nicht - Ilka träumt

Ilka schläft nicht,
Ilka träumt,
sie wünscht, Simon würde einschlafen,
ganz in Ruhe,
niemand würde ihn mehr quälen können,
ganz ruhig würde er einschlafen
Ilka wünscht,
Simon wäre tot.

Ilka schläft nicht,
Ilka träumt,
sie wünscht und stellt sich vor,
Simon und Ilka sitzen oben schwebend
auf dem Dach des Domes von K,
ganz in Ruhe,
zufrieden gelassen von allen.
Schauen nach unten,
sehen beide teilnahmslos,
wie sie gesucht werden.

Die Psychiater der „Klinik“
suchen und suchen und suchen beide.
Psychiater laufen um den Dom herum.
Psychiater verschwinden in den Türen
und kommen irgendwo wieder hervor
aus den Fenstern,
aus den Türen des Domes heraus.
Psychiater beschimpfen sich gegenseitig,
weil sie Simon nicht finden.
Psychiater laufen immer,
immer schneller und hektischer.
Ilka und Simon schweben immer noch
ruhig auf dem Dach des Domes,
sind tot und unerreichbar für jedermann.

Die Psychiater unten werden schneller,
immer noch schneller und suchen,
rasend.

Ilka schläft nicht,
Ilka träumt,
sie wünscht und stellt sich vor,
Simon und Ilka sitzen auf der Apfelplantage in K
auf dem Rasen.
Die Sonne scheint.
Der Wind weht leicht und locker.
Beide sitzen sie zusammen,
fühlen sich ruhig und sicher.

Sie schweben leicht auf der Wiese herum.
Die Psychiater kommen.
Simon und Ilka werden entdeckt.
Die Psychiater rennen wütend
auf Simon und Ilka zu.

Psychiater rennen und rennen,
doch sie erreichen Simon nicht.
Psychiater schaffen es nicht,
näher heran an Simon zu kommen.
Psychiater bleiben laufend auf demselben Fleck.

Sie strecken Arme und Hände,
um Simon und Ilka zu greifen,
immer mehr und immer gieriger,
krallend.

Sie können Simon und Ilka nicht fassen.
Schreiend greifen Psychiater
sich gegenseitig wütend in ihre Gesichter
und in ihre Körper.

Sie zerfleischen sich untereinander.


Ich träume weiter, wie sich Psychiater gegenseitig niedermetzeln, aus Gier, aus Rache, aus Hass, aus persönlichem Stolz, Erhabenheit und Machtbedürfnissen mit verstellten Gesichtern, verformten Gliedmaßen und teilweise verlorengegangenen Sinnesorganen. Sie wollen grausam rasend schreien und schaffen es nicht. Wofür?

Das Telefon klingelt, Simon ruft an. Er darf nicht. Er tut es aber. Endlich, Simon. Ich bin schwach und schaffte es kaum, vom Sofa aufzustehen und das Telefon zu greifen. Jetzt habe ich es geschafft, Simon.

Er konnte die geschlossene Abteilung in K verlassen und ruft mich an. Man hatte es ihm verboten, seine Mutter anzurufen. Doch an der Anstaltsschule ist eine Telefonzelle. Simon will mich hören, aber auch, wann er K verlassen kann, und was Ilka, nein, ich, seine Mutter, endlich unternimmt, damit es zu einer Entlassung kommt. Ich weiß nicht, ob er die neue Ohnmachtsinformation schon gehört hat, dass er wegen der Medikamentenumstellung länger in der Psychiatrie in K bleiben soll.

Ich zähle ihm jetzt tagtäglich eine ganze Menge neu überlegter Dinge auf, die helfen können, die Simon Mut machen sollen. Aber er müsse sich gedulden, diese Zauberkraft müsse er sich anschaffen. Sie sei nötig. Die bisherigen Misserfolge verrate ich ihm nicht. Ich ertrage sie doch selber nicht. Nur die Hoffnung auf viele neue Unternehmungen soll er jetzt hören. „Gib’ nicht auf. Wenn Du Dich nicht mehr stark genug fühlst, ruhst Du Dich aus, schläfst und wartest. Wie lange es dauert, kann ich Dir noch nicht sagen, aber ich mache ganz viel. Es gibt ganz viele Möglichkeiten, Hilfe zu bekommen, Simon. Ich renne jeden Tag los. Ich bin ganz stark und helfe Dir!“

Ich werde allmählich richtig wach. Ich wache aus meinen Tagträumen auf. Simon hat eine gebrochene Stimme, die schmerzhaft verloren klingt. Aber desto länger wir telefonieren, je länger ich über meine Einfälle und Ideen rede, je mehr merke ich, wie seine Stimme und er ruhiger werden. Sie klingt getrösteter und dennoch schrecklich. Es ist nicht mehr die Stimme eines dreizehnjährigen Jungen. Simon muss jetzt merken, er muss wissen, dass ich stark bin und ganz viel mache, damit er rauskommt. Nur das hält ihn am Leben, einziger Gedanke. Diese Anrufe müssen ganz viel Wirkung tragen für den armen Jungen. „Rufe mich wieder an, sobald Du kannst, Simon. Ich bleibe täglich um diese Zeit zu Hause, damit du mich hören kannst.“ Wie bekommt er jetzt eine neue Telefonkarte, mein Junge?

Manchmal werde ich nicht zu Hause sein und er wird anrufen. Dann höre ich ihn auf Band mit seiner gebrochenen hilflosen Stimme und liege dabei selbst gekrümmt auf dem Boden. Schon alleine wegen dieser Stimme.


Wie kann ich jetzt
noch Simon helfen?

Keine allergeringste Möglichkeit
ungetan lassen

Ich stelle an der Eichenholzzeitmaschine herum und schaue nur noch halb hinein. Ich sehe wie ich einen Ordner mit allen meinen Stellungnahmen über Jugendamt und Psychiatrie heraus ziehe. Dann stehe ich auf und hole alle diese alten Ordner aus dem alten Holzschrank. Ich schaue auf die Erklärungen, amtlichen Schreiben, Zeugenaussagen anderer Personen. Es ist windig in meinem Zimmer. Die Merkzettel und Telefonnummern fliegen in der Luft herum. Alle Blätter fliegen. Sie fliegen über meinem Kopf hinweg im Kreise. Ich kann sie nicht mehr greifen. Mein Kopf ist hohl, meine Arme und Beine, mein Körper hat sich wieder auf dem Sofa abgelegt. Die Eichenholzzeitmaschine ist ausgegangen. Es ist doch alles schon lange her, was macht mich so schlapp?

Ich liege auf dem Sofa. Sie Eichenholzzeitmaschine stellt sich automatisch wieder an. Die fliegenden Zettel, Gerichtsschreiben und Stellungnahmen kreisen über mir. Schwindlig schwebend falle ich fast in ihren Sog. Langsam und allmählich lassen sie sich auf dem Sofatisch vor meinen Augen nieder. Ich brauche nur das letzte Schreiben mit den drei Anlagen. Das letzte Schreiben, das Baumgart bekommen hat, die Diskussionsblätter für das letzte, hoffentlich allerletzte Gespräch mit ihm. Ich brauche meine Selbstdarstellung nicht und das Kampfblatt, bei dem es um das Sorgerecht geht: ‚Wie soll eine Mutter sein?’, denn die Gerichtsgutachterin hat diese Ausführungen und die Information über Geschehnisse und Gespräche mit Herrn Baumgart schon am gleichen Tag bekommen:

„Dies, liebe Frau Schweiger, diskutierte ich alles beim heutigen Gesprächstermin mit Herrn Baumgart. Das Ergebnis war alles andere als zufriedenstellend. Bitte versetzen Sie sich in diesem Augenblick einmal in meine oder Simons Lage, danke!“

Ich brauche die Darstellung, wie ich meinen Sohn, Simon, kenne, noch einmal. Das Schreiben von damals an die Psychiatrie, die dann ihre Diagnose und die Behandlungsweise überdenken und überprüfen sollten, denn, wenn man seine Verhaltensweisen kennt und die Ursprünge und seiner Motivation, wird es schwieriger, darin eine Psychose zu sehen.

Die Rechtsanwältin bekommt ein Anschreiben mit der Bitte, alle möglichen Wege zu prüfen, wie Simon schnellstens die Psychiatrie verlassen kann. Wie ich schnellsten an das Sorgerecht komme. Ich bin während dieser Arbeit ziemlich schlapp. Eine Unruhe, meinen Schriftwechsel aus irgendeinem Grunde nicht schnell genug fertigzubekommen oder abgegeben zu haben, plagt mich. Diese Panik macht mich nicht stärker. Der ständige Gedanke, eh entmachtet zu sein, es könne niemand mehr helfen, verbessert meine innere Gefühlsnot nicht. Genauso wie diese unterdrückten Gedanken, uns wolle niemand helfen, sie wissen was sie tun und machen weiter.

Ich nehme das letzte Schriftstück mit den drei Anlagen, ziehe das Kampfblatt und die Selbstdarstellung heraus, sowie das Anschreiben für Baumgart und hefte diese Teile weg. Ich hole meine Darstellung über Simon, stelle den Computer an und überarbeite alles. Alles, was zur Vorgeschichte gehört, lasse ich weg. Meine Ausführungen sind zeitlich beschränkt. Nur die Geschehnisse in der Psychiatrie werden herausgehoben, die Behandlungsweise dargestellt und die passive Reaktion des Jugendamtes, das so, wie es sich verhält, niemals in der Lage sein kann, ein Verbrechen an einem Kind zu verhindern. Fragen, die unbeantwortet geblieben sind, werden nach unten gesetzt. Alle Personen mit Namen und Telefonnummern verschwinden. Leider ist noch von Simons Vater die Rede, was bleiben muss, denn sonst kann ich Simons Verhalten nicht erklären. Pitt bleibt darin irgendein sechzehn- oder siebzehnjähriger Junge aus der Nachbarschaft. Das war er eh nur immer. Nur einmal nannte ich seinen Vornamen. Der kommt raus. Diese Anlage hefte ich ganz an den Schluss der gesamten Ausführungen.

Ich entwerfe Anschreiben für den zuständigen Richter und der zuständigen Gerichtsgutachterin, denn diese hatten sich auf meine Anrufe hin noch nicht gemeldet. Einem Psychiatrieverein schicke ich diese Ausführungen mit der Bitte um Hilfe, Beratung oder gar eine Lobby zu nennen, die jetzt für uns wirksam eintreten kann. Obwohl ich mich schon einmal an sie erfolglos wandte. Dann suche ich ein paar mir persönlich bekannte Menschen aus, von denen ich meine, sie hätten irgendwo eine Quelle in greifbarer Nähe, die uns unterstützen könne. Eigentlich will ich jetzt einen langen Spaziergang durch die Stadt machen, um mich zu erholen und gleichzeitig den genannten Personen meine Briefe in den Briefkasten stecken. Doch ich gehe durch die Straßen und weiß nicht, ob ich das Erholen nennen kann. Ich sehe nichts. Ich eile zum Ziel.

Ich spüre Lähmung am Körper. Ich spüre Unruhe, Panik, manchmal Depression, dann wenn die Lähmung nachlässt und Gefühlswellen kommen. Seinem Vater dürfte es ähnlich gehen. Wie ich jetzt durch die Gegend laufe, so laufe ich inzwischen meistens durch die Gegend, wellenartig. Mal bin ich stärker und mal kann ich nichts mehr ertragen. Manchmal fühle ich mich richtig schwach. Ich erhole mich, wenn ich irgendwo ein Schriftstück mit meiner Hilfesuche abgegeben habe oder in einen Briefkasten geworfen habe. Ich fühle, jetzt kann meine Tat durch andere Köpfe und Hände etwas bewirken, was hilft und bekomme Hoffnung. Dann fühle ich Simon in meinem Herzen sitzen und wir sind stark und warten ab. Ich kann ihm beruhigend sagen, meine Arbeit ist vollbracht. Wir warten, was passiert und halten durch. Ich gehe weiter. Unterwegs ist niemand, keinen angetroffen. Keine Menschen. Keine Tiere. Keine Häuser. Keine Straßen. Keine Bäume. Nichts kam mir entgegen.

Zu Hause maile ich allen infrage kommenden Leuten meine Ausführungen zu und bitte um Hilfe. Auch einen Radiosender, einen Bürgerfunk unseres Ortes. Ich maile alle politischen Gruppierungen unseres Ortes mit der Bitte um Hilfe an. Micha ruft an. Er hat den Vorgesetzten von Baumgart ausfindig gemacht, mit Telefonnummer und Sitz der Arbeitsstelle. Zeitparker soll er heißen.

Ich hole meine Selbstdarstellung wieder aus dem Ordner, meine Kompetenz als Erzieherin, mein Kampfblatt mit der Fragestellung: ‚Wie soll eine Mutter sein?’ und drucke die bisher schon verteilten Ausführungen nochmal aus. Ich werde noch ein Anschreiben für Zeitparker machen. Ich sichere ihm zu, es mit keiner psychisch Frau zu tun zu haben, sondern einer ganz normalen Mutter, die sich für ihr Kind einsetzt, die verzweifelt ist. Am nächsten Tag sitze ich mit diesen Unterlagen vor Zeitparkers Arbeitszimmer in der Hauptstelle des Jugendamtes, beim Vorgesetzten von Baumgart.

Ich warte lange, aber egal. Ich bitte ihn, sich diese Ausführungen genau durchzulesen und mich später zu fragen. Ich sage ihm, wir brauchen schnell Hilfe, vor allen Dingen Simon. Ich bitte ihn, guten Willen und Verständnis zu zeigen. Er will das machen. Ich möchte da bleiben und warten, bis er fertig mit lesen ist. Er ist sehr freundlich. Er scheint korrekt zu sein. Er ist gesprächig und sichert Verständnis und Hilfe zu. Er werde sich das heute noch durchlesen. Danach werde er mich anrufen. Ich gehe.

Er wird mich einige Male anrufen. Wir diskutieren lange am Telefon. Ich gehe auf seine Gespräche ein mit treffenden Gegenargumenten. Er gehöre zum Jugendamt, sagt er. Er werde das Jugendamt vertreten. Ich nehme mich in Acht, damit ich das Jugendamt nicht kritisiere. Immer wieder stelle ich die bewiesenen Fakten dar. Ich erkläre alles wieder, was in der Psychiatrie passierte. Ich erkläre genau, was so nicht in Ordnung sein kann. Ich beschreibe die Unstimmigkeiten. Ich erklärte genau, was für jeden Menschen einfach untragbar ist. Die Gespräche werden abgeschlossen, weil er sich noch einmal informieren möchte. Und er wird mich dann wieder zurückrufen, wieder zurückrufen und noch einmal zurückrufen. Unsere Situation wird unverändert bleiben.


Gleichgeschaltet

Sie sind gleichgeschaltet
in ihren Köpfen
mit nicht mehr als zwei oder drei Regeln
ich erkenne wie das geht,
doch nützen wird es mir nicht.
Sie waren gleichgeschaltet eine ganze Weile
Immer, wenn es zu spät ist,
erkennt ich so viel


Ich suche Enrico auf, meinen Exfreund, der damals die ganzen Restriktionen kennen gelernt hatte. „Ilka, ich bin erschrocken, Dich zu sehen. Dir geht es nicht gut, nicht wahr?“ Ich fange an zu weinen. Wir gehen aus seiner elektrotechnischen Schulung heraus in den Park. Er ist erschrocken darüber, dass Simon die Psychiatrie noch nicht verlassen hat. Und sich unser ganzes Schicksal so zugespitzt hat. Er hört sich an, dass unsere Situation nur noch schlimmer geworden ist, nach fünfeinhalb Monaten. Er lässt sich Telefonnummern geben: von Herrn Tannen, von der Gerichtsgutachterin und von Baumgart, um noch einmal zu erzählen, was er alles damals in der Klinik erlebte und wie ihm heute zumute ist, erfahren zu haben, dass sich seit der Zeit nichts verbessert hat. Es ist ihm unvorstellbar, zu wissen Simon ist immer noch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und kann sie nicht verlassen.

Enrico als Zeuge hört auch die Stellungnahmen der Personen, die jetzt nicht mehr versäumen sollen, sich für Simons Wohl einzusetzen, zumindest Personen, auf die man noch setzen kann oder muss.

Er schreibt die Telefonaussagen nieder:
Am zweiundzwanzigsten Oktober irgendwann habe ich mit den oben genannten Personen Telefonate geführt und Aussagen über den Besuch von einer guten Bekannten, Frau Ilka Hölzer, im Landeskrankenhaus gemacht. Ich war bei diesem Gespräch, das mit Frau Mull und Frau Dr. Ramm seitens der Klinik geführt wurde anwesend. Nach meiner Aussage gab mir Frau Schweiger folgende Auskunft: „Ich nehme Ihre Aussagen zur Kenntnis. Wenn sich Situation und/oder Notwendigkeit ergeben und Sie möchten, dann können Sie Ihre Aussagen schriftlich formulieren.

Herr Tannen sagte mir folgendes: „Ich glaube Ihren Aussagen. Frau Hölzer reagiert öfter sensibel bezüglich der Situation ihres Sohnes Simon betreffend. Sollte es sich so ergeben, können Sie Ihre Aussagen schriftlich bestätigen. Ich werde Sie und/oder Frau Hölzer darüber informieren.“ Herr Tannen notierte sich meine Telefonnummer.

Herr Baumgart antwortete mir wie folgt: „Frau Hölzer reagiert äußerst sensibel, ihren Sohn und die Situation um ihn betreffend. Das Klinikum erwarte eine Entschuldigung von Frau Hölzer. Simon habe eine Phase auf dem Weg zur Besserung gehabt, aber die sehr konträren Vorstellungen seiner Eltern sind für seine Gesundung eher ein Hindernis und immer noch gewesen. Dr. Stampfstein wird Frau Hölzer über eine Aufhebung der Kontaktsperre informieren und ihre Besuche weiter erlauben. Wann dies sein wird, weiß ich noch nicht. Simon erhält weiter Medikamente. Diese wird er auch nach einer Entlassung in geringer Dosis weiter bekommen. Er wird derzeit weiterhin entsprechend der gestellten Diagnose behandelt. In Herdecke würde Simon genauso therapiert werden wie in dieser Klinik bei gleicher Diagnose. Simon ist derzeit wieder auf dem Weg der Besserung.

Nach Baumgarts Aussage also sei die Behandlung von Simon richtig und in der jetzigen Art und Weise erfolgreich. Ich könne von ihm nähere Aussagen in Zukunft erhalten, falls er von Frau Hölzer dazu ermächtigt würde. Ich könne auch weiterhin Aussagen zur Situation um Simon machen beziehungsweise bestätigen. Unterschrift: Enrico H.

Enrico hatte bereits eine schriftliche Aussage fertig. Sie liegt bei den Anlagen. Auch die Rechtsanwältin schreibt Herrn Baumgart noch einmal an. Herr Baumgart antwortet steif nach Vorschrift der Psychiatrie, obwohl er die Tatsachen anders erlebte. Welch ein schlechtes Behördengedächtnis. Er hat bereits der Psychiatrie gerichtlich genehmigt, dass Simon drei Monate länger in der Psychiatrie bleibt. Das Gericht hat zugesagt. All das, nachdem er mir und Simon etwas ganz anderes versprochen hatte.

Er forderte mich auch, ich hätte mich bei der Kinder- und Jugendpsychiatrie in K und bei Dr. Stampfstein zu entschuldigen. Ich glaubte meinen Ohren nicht mehr. Dafür, dass mein Sohn und ich misshandelt, gequält und schikaniert werden?. Die Gerichtsgutachterin wird wohl wissen, was alles passiert. Sie hat meine Infos. Ich höre sie nicht. Ich hoffe auf sie. Ich versuche, nicht mehr irritiert über Baumgarts Aussagen, Versuchen und Forderungen zu sein.  Monster der Behörden sitzen an Schreibtischen. Sie verbarrikadieren die Gerechtigkeit hinter sich. Aber wie komme durchdringe ich jetzt die Barrikade.

Gleichschaltung! Jetzt redet keiner mehr von einer psychischen Krankheit in mir, alle sind vorsichtig geworden. Auf Enricos Zeugenaussage handeln Herr Tannen und Frau Schweiger ganz ähnlich, wobei Herr Tannen sich die Telefonnummer von Enrico geben lässt und Frau Schweiger darauf verzichtet. Alle beschreiben mich mit Begriffen ‚ wie sensibel’ oder ‚übersensibel’. Wobei Herr Tannen öfter ‚sensibel’ sagt, wenn es um Simon geht. Er sagte mir einmal: „Ich möchte keines meiner Kinder in dieser Lage wissen, in der Simon steckt“ und war sehr betroffen. Scheint auch noch so zu sein. Vielleicht würde er ja auch sensibel in solch einer Situation reagieren und schließt das jetzt am Telefon nicht aus. Doch Frau Schweiger und er unterhielten sich oft und träfen auf Übereinstimmungen. Da flossen dann Kompromisse von einem Kopf zum anderen. Man darf mich auch sensibel nennen. Aber die Frage ist, was will mensch damit erreichen? Welcher Mensch will was erreichen? Kennen sie ihre verschiedenen Absichten, wenn sie sich unterhalten? Erzählen sie sich, wie ihre Ziele aussehen? Reden sie deutlich oder schwammig? Stimmen sie sich gegenseitig in einigen Details zu und meinen ein anderes Ziel? Alles ist sehr undurchsichtig. Aber Herr Tannen wird noch gefragt, zumindest von Frau Schweiger.

Aber sie kenne alle das bösartigste Ziel, was von der Psychiatrie gesteckt worden ist. Vielleicht sogar Herr Tannen. Ob der auch wusste, was inzwischen mit Simons Sorgerecht gemacht werden soll? Dann hat er es mir nicht erzählt. Herr Tannen sagt zu Enrico, seine Aussagen nehme Frau Schweiger auf und lasse in ihr Gesamtbild mit einfließen. Er müsse vor Gericht nicht als Zeuge auftreten, nicht in diesem Fall. Als Therapeut und Vertrauensmensch für Simon ist das auch immer schwierig. Sie lassen alle ihre Gedanken ineinander verschmelzen und die mächtigsten der Hierarche meißeln ein passendes Schwert. Kein Wunder, dass unsere Rechte verloren gingen. Jeder von ihnen hat einen guten Posten oder gute Aufträge, - jahrelang.


In anderen Staaten
soll es eine Gegenlobby zu Psychiatrien geben

Sie hätten dort unseren Fall untersucht
nur in Deutschland nicht?

Mit Hajo besuche ich eine Arztpraxis. Er kennt dort einen Psychiater, der sich meiner Geschichte angenommen hat. Ihm ist es total unverständlich, dass ein Dreizehnjähriger sechs Monate lang in einer Psychiatrie verweilt und noch länger verweilen soll – egal, was er hat.

Sollte er eine Psychose haben, hätte er dort trotzdem nicht sechs Monate zu verweilen. Das ist allgemein unter Ärzten bekannt. Doch wie er uns helfen könne, weiß er nicht. In Deutschland seien die Richtlinien nicht so festgelegt. In einem anderen Staat hätten sie unseren Fall schon untersucht. Da gäbe es eine Gegenlobby. Er kritisiert stark, dass Krankenhäuser durch Langzeitpatienten sehr viel besser verdienen. Es soll dafür auch keine treffende Begründung. Es kann mit nicht wirklich gerechtfertigt sein. Eher habe dies oft dramatische Folgen habe. Nämlich diese, weshalb wir hier zusammen sitzen. Ich erwähne, wie das Medikament heißt, das der betroffene Junge inzwischen einnimmt. Der Arzt macht ein ernstes Gesicht. Es ist einen Moment lang still im Gesprächszimmer. Ich bekomme Panik während dieser Stille.

Mit sämtlichen Ausführungen gehe ich jetzt zur Sachbearbeiterin meiner Krankenkasse, die sich von mir die Situation schildern lässt. Sie will meine Unterlagen zur nächst höheren Abteilung weitergeben. Dann höre ich nichts mehr von ihr. Ich werde mich wieder bei der Sachbearbeiterin melden, nachdem ich einige Zeit abgewartet habe. Sie wird versichern, sich mit der anderen Stelle noch einmal in Verbindung zu setzen. Doch es wird nicht passieren. Ich werde mich erneut melden, doch bekomme keine Auskunft von der nächst höheren Abteilung. Dann wird sie mir die Telefonnummer einer anderen Stadt geben und den Namen einer anderen Sachbearbeiterin nennen. Von dieser Sachbearbeiterin bekomme ich wieder Telefonnummern. Sie können mich und meine Sorge übrigens gut verstehen und würden auch gerne helfen. Das wird mir von allen versichert. Später wird sich herausstellen, dass die Unterlagen durch verschiedene Hände gegangen sind. Inzwischen weiß keiner oder keine mehr, wo diese Unterlagen geblieben sind. Ich werde daraufhin noch einmal Unterlagen schicken und mich später wieder bei dieser Frau melden. Erst einmal wird genau dasselbe geschehen.

Ich drehe weiter an der Eichenholzzeitmaschine hin und her und sehe jetzt den Brief, den ich danach an die Gerichtsgutachterin schrieb. Ich lasse die Eichenholzzeitmaschine stehen und gehe zum Schrank. Hier finde ich einen Aktenordner und unter vielem Schriftkram ist dieser Brief zu finden. Ich ziehe ihn heraus. Ich erinnere mich auch an einen Grund, speziell sie angeschrieben zu haben. Sie war jetzt nun mal die wichtigste Person für das Sorgerecht. Sie ist auch diejenige gewesen, die mich ‚übersensibel’ bezeichnet hat und diesen Begriff in die Köpfe der anderen Eingeweihten und Verantwortlichen geschoben hat, - rundherum:

Mein Brief an die Gerichtsgutachterin: - Sehr geehrte Frau Schweiger, viele Personen, die beruflich an uns oder unserer Situation tätig sind, nennen mich sensibel bis übersensibel betreffend der schon bekannten Situation. Sie selbst sollen mich schon einmal ‚übermütterlich’ genannt haben, habe ich nur zufällig gehört. Normaler Weise ganz unproblematisch und ungefährlich. Jedenfalls sind es normaler Weise nicht die richtigen Ausdrücke, die dazu führen könnten, ein Sorgerecht zu verlieren. Trotz allem ist die Rede davon, und ich stecke in der verzwickten Situation, dass ich beobachtet werde, dass Gespräche über mich geführt und Entscheidungen getroffen werden, ohne dass ich dabei sitze. Ich sprach bereits von Personen, die beruflich an uns oder unserer Situation tätig sind, aber nicht mit uns. Da bekommt man sehr wenig mit und letztendlich könnte es passieren, dass solch eine Definition doch gefährlicher ist, als von meiner Seite her eingeschätzt werden kann.

Mir bleiben sehr wenig Gelegenheiten, mich zu äußern, denn es wird über mich gesprochen, meine eigene Aussage bleibt damit unausgesprochen.

Deswegen möchte ich mich jetzt zu dem Gehörten äußern. Selbst habe ich diese Situation, in der wir stecken, noch nie erlebt; auch andere Leute, fallen in Ohnmacht, wenn ich unsere Situation schildere, und haben das noch nicht erlebt. Simon versuche ich stark und geduldig zu machen. Ich merke es tut ihm gut, dass ich in dieser Situation, in der er steckt, so behandele, wie ich das im Moment mache. Würde ich Simon falsch behandeln, würde er danach nicht so ausgeglichen reagieren. Im Krankenhaus wurde sehr oft gesagt, ich würde ihn wie einen Achtjährigen behandeln. Auf der anderen Seite wurde einfach so gesagt, wir hätten kein Mutter-Kind-Verhältnis, sondern ein Schwester-Bruder-Verhältnis. Irgendwo wird immer querfeldein irgendetwas gesehen oder gesagt. Es wäre schön, wenn ich selbst auch gefragt werden würde und Stellung nehmen könnte.

Warum ich das Sorgerecht haben möchte, Frau Schweiger? Ich weiß, Simon wünscht sich das so. Simon sagte im Beisein von Herrn Baumgart und Frau Mull beim ersten Besuchstermin im Klinikum: „Mein Vater gewinnt immer. Da kann man nichts machen.“ Daraufhin antworteten beide, Frau Mull und auch Herr Baumgart: „Lasse ihn nicht gewinnen.“ Soweit ich Simon kenne, sagen diese Worte: „Ich möchte zwar etwas anderes. Aber mein Vater gewinnt immer.“ Frau Mull redet auch von der engen Beziehung, die wir zusammen haben. Es wird Simon stärken und er wird lernen, sich nicht mehr unterdrücken zu lassen, wenn sein Vater einmal verliert, aber die Mutter gewinnt. Wenn wir alle verlieren, und kein Elternteil bekommt für Simon das Sorgerecht, wird das Simon keineswegs helfen. Im Gegenteil, er hat dann mit verloren. Keiner seiner Eltern wäre für ihn stark genug. Das wird er weiter auf sich münzen. Er wird weiter unsicher auf Eiern gehend durch die Gegend schlürfen müssen. Er bekommt dadurch keinen Halt.

Sie begrüßten mich im Krankenhaus lächelnd und sagten, Simon trägt ständig mein altes verwaschenes Sweatshirt, oder er hat es zumindest bei sich. Als Sie mir das sagten, hinterließ das für mich den Eindruck, als würde mir das positiv angerechnet. Simon wird in diesem Augenblick des Gewinnens stark werden, bald fähig zu lernen, sich von Älteren nicht unterdrücken zu lassen. Ein Kleidungsstück, das einem selbst nicht gehört, trägt ein Mensch nur mit sich, wenn er zu diesem Menschen, der vorher drinsteckte, eine ganz besondere Verbindung hat.

Es wird eher unbegreiflich für Außenstehende sein, mir dieses Sorgerecht zu entziehen und keinem der Eltern das Sorgerecht zu geben. Simon hat Probleme mit seiner „Ich-Findung“. Mit einer starken Mutter, die für ihn das Sorgerecht gewinnt, kann sich das im Nu ändern. Es hängt doch alles miteinander zusammen. Ich kenne auch seine Stärken, seine Schwächen und überhaupt seine vielen guten Qualitäten. Ich kann ihm helfen, wieder Selbstsicherheit zu erlangen. Und es wäre mir auch damals gelungen, hätte ich das Sorgerecht gehabt. Als ich Simon ein Jahr von der Schule nehmen wollte, auf einem Bauernhof arbeiten lassen und dann nach einem Jahr auf die Waldorfschule mit einer Klassenwiederholung gebracht hätte. Es war ein langes, durchorganisiertes Programm - mit Lehrkräften, die helfen wollten. Es hätte mit Sicherheit gut geklappt. Nur, weil ein gemeinsames Sorgerecht besteht und sein Vater eine Unterschrift dafür aus Konkurrenzkampf verweigerte, ist das alles geplatzt. Und das alleine, was ich da für Simon erarbeitet hatte, beweist Verantwortung, Engagement und Kraft einer Mutter.

Für Simons Gesundung würde ich auch die richtigen Stellen suchen. Auch vom Jugendamt würde ich Hilfe oder Beratung annehmen. Nur werden dann Simon und ich entscheidungsfähig sein, und das wird große Wirkungen auf Simon haben. Das heißt Bürgerrecht, Vertrauen, ein Gefühl der Freiheit und der Ausgeglichenheit für uns beide, aber ganz besonders für Simon.

Wenn Simon in eine therapeutische Einrichtung kommt, weil dies in seiner Situation der bessere Weg ist, wird nicht zwangsweise über unsere Köpfe hinweg entschieden. Ich darf für und mit meinem Sohn entscheiden, verhandeln und aussuchen. Welch gutes Gefühl, dies haben zu können. Etwas, das eigentlich jedem zusteht.

Wenn Simon wieder gesund ist, und ich glaube fest daran, dass dies geschehen wird, muss geprüft werden, ob er seinen Vater besuchen kann oder nicht. Aber ich habe dann Entscheidungsgewalt. Sein Vater wird sich in dieser Situation auch besser fühlen als in der jetzigen. Ich hätte mir auch ein gutes gemeinsames Sorgerecht vorstellen können. Aber am verfehlten Ziel bin ich nicht schuld. Simons Vater müsste sich unserem Schema anpassen, ob er will oder nicht. Das entmachtet seine Unterstellungen und seinen Kampf gegen mich. Er wird kleinlauter werden. Mehr wird da nicht passieren. Das ist genau das, was wir schon immer brauchten.

Ganz logisch gesehen, kann mir niemand die Kompetenz als Mutter absprechen. Rein menschlich gesehen, sollte dies niemals geschehen - meine Meinung, meine Moral. Und doch habe ich begründete Sorgen, dass systematisch eine große Entscheidungsgewalt, vielleicht sogar intellektueller Druck und Manipulation, vom höheren Personal in der Klinik ausgeht, die da etwas anderes machen wollen. Ich hoffe, dass mein Schriftstück der Klinik jetzt nicht offenbart wird.

Ich erzählte Simon einmal aus dem Tagebuch der Anne Frank, welche Gedanken sie in der Not entwickeln konnte. Ich hoffe, Simon erinnert sich daran. Vielleicht können sie ihm auch Mut machen. Simon benutzte ungefähr diese Worte, als ich ihn in der Klinik wieder sah: „Dr. Sieknecht sagte, bei seinem Vater könne er nicht bleiben, es täte ihm nicht gut. Bei seiner Mutter auch nicht, es würde ihn wieder ins Landeskrankenhaus bringen“. Als gäbe es nicht andere Umstände und Gründe, die ihn dort hin brächten. Diese Begründung stand nackt da und nicht im Kontext. Es bedürfte einiger Erklärungen, wie so etwas gesagt werden kann und welche Theorie dahinter steckt. Wenn es noch wichtig ist, möchte ich diese Begründung erklärt bekommen, damit ich eine Stellungnahme dazu leisten kann.

Die Herrschaften sagten doch sonst, ich hätte mit Simon eher eine Schwester-Bruder-Beziehung als eine Mutter-Sohn-Beziehung und. Das sei nicht gut. Ja, bringt das einen Sohn ins Krankenhaus? Ich hätte gerne eine Erklärung, welche Theorie haben sie dafür? Durch gemeinsame Gespräche lässt sich vieles verhindern.

Dann wurde behauptet, ich behandele Simon wie einen Achtjährigen und nicht wie dreizehn. Ja, wie passt denn das alles zueinander? Können solche Aussagen einer Mutter das Sorgerecht nehmen? Nebenbei gesagt, ich fühle, dass Simon das so braucht, zurzeit wenigstens. Herr Baumgart sagte einem Freund, einem Anrufer trotz seiner Schweigepflicht: „Die Eltern würden sich wundern. Sie bekämen beide das Sorgerecht nicht. Sie würden sich zu konträr gegenüberstehen“. Er erzählt es einer fremden Person am Telefon, ohne mit einem Elternteil ein klärendes Gespräch zu führen. Doch die Verhältnisse, weshalb sie konträr einander gegenüberstehen und wer dafür verantwortlich ist, soll einfach keine Rolle spielen. Wieso fängt Herr Baumgart wieder an, alle Taten und Beweise vom Tisch zu kehren? Mit der Bitte um Klärung verbleibe ich mit freundlichen Grüßen. - Ilka Hölzer


Simon ruft wieder an. Immer öfter findet er die Gelegenheit. Er hört sich an, was ich alles getan habe. Ich lese auch Briefe vor. Er ist sehr aufmerksam dabei, aber ein absoluter Trost scheint das alles nicht für ihn zu sein. Zumindest ist es besser als gar nichts zu hören. Das merke ich deutlich. Zwei Stunden hat er jetzt täglich Unterricht. Es interessiert ihn nicht so sonderlich. Aber er kommt dadurch mehr raus. Das ist besser für ihn. Seine Stimme hört sich so traurig und langsam an, dass mir jedes Mal das Herz zu Boden fällt, wenn ich ihn höre. Aber immer, wenn wir eine Weile miteinander reden, bessert sich das.


Freunde durften also
mit Simon sprechen

Johann ruft an. Er hat sich lange nicht mehr gemeldet. Johann ging mit Simon zusammen auf die Realschule. Sie wurden feste Freunde. Sie brauchten einander. Sie waren beide die Klassenkasper und hatten ähnliche Sorgen. Johann ist auch ein kleiner, zierlicher Junge wie Simon. Nachdem Simon die Realschule verlassen musste, dauerte es nicht lange, da verließ Johann die Schule auch, höre ich jetzt. Er hat Simon schon lange vermisst. Ich erzähle, was passiert ist. Er möchte die Telefonnummer von Simon. Gerne gebe ich die, dabei erfahre ich: Freunde dürfen Simon anrufen. Sie dürfen mit Simon quatschen. Mal sehen, was Freunde noch alles dürfen.

Ich treffe mich mit Almut, einer älteren Dame. Wir sitzen in ihrem großen Garten. Mitten in der Stadt hat sie ein großes Haus mit Garten am Fluss. Wir trinken Tee. Der Gärtner arbeitet in ihrem Garten. Ich erzähle alles, was Simon und mir passierte. Denn das will sie wissen. Deswegen treffen wir uns. „Ilka, was Du da erzählst, das ist ja unbeschreiblich.“ – „Aber ich habe es aufgeschrieben, Almut. Sieh hier sind sieben Seiten, chronologisch abgearbeitet, mit schriftlichen Zeugenaussagen. Alles da. Alles gründlich erklärt.“ Ich zeige Almut meinen mitgebrachten Schriftverkehr. Aber wir unterbrechen das Thema auch und erzählen andere Dinge. Beispielsweise, was sie noch alles in ihrem Garten vorhat. Oder, ob ich ihr vielleicht für ein bisschen gegen Bezahlung helfen könne. „Jetzt nicht, Almut. Lass uns später darüber reden.“

Jetzt erzählt Almut von früher. Als sie noch jung war. Sie beschreibt sich als Schülerin in der Nazizeit. „Ilka, Du kannst Dir ja gar nicht vorstellen, wie das damals gewesen ist. Ich wollte nie Schlechtes über Juden glauben. Dann hatten wir auch jüdische Mädchen in der Schule. Ich befreundete mich mit ihnen. Dann hat wirklich eine mal einen Radiergummi oder irgendwas geklaut, und dann hatte man den Beweis vor Augen gesetzt bekommen: Siehst du, die sind ja wohl doch schlechter als wir, wenn die schon stehlen! Da sind die Schülerinnen hin und her gerissen worden. Wussten gar nicht mehr, bin ich nicht gut, weil ich jetzt gerade schlecht über das jüdische Mädchen denke, oder sind wir wirklich die besseren. Verstehst Du das?“ Nickend höre ich aufmerksam zu. Ich mag es, wenn mir von Früher erzählt wird.

Ich erzähle Almut, dass ich gerade ein Buch über den trojanischen Krieg und über Kassandra lese und berichte davon. Da sagte sie einfach: „Ja, Ilka, Du bist Kassandra. Immer und überall bist du eine richtige Kassandra, wenn ich Dich erlebe.“ Hoffentlich habe ich das wirklich verdient, dass mir da gesagt wird.

Später werden wir in ihr Haus gehen. Alles gut eingerichtet. Dann wird sie ein Buch aus dem Schrank holen und zeigen. Kassandra, in etwas älterer Ausgabe als das meine. Sie wird sagen, dass ihre Tochter eine Psychologin ist und deren Freundin beim Landesjugendamt tätig ist. Sie wird meine schriftlichen Unterlagen nehmen und mit ihrer Tochter besprechen, wie sie helfen kann. Ihre Tochter wird dann mit der Freundin vom Landesjugendamt sprechen. Denn sie möchte mir und Simon gerne helfen. Wir werden sehen. Ich werde ihr sehr dankbar sein und erleichtert Hoffnung sammeln. Simon wird auch davon hören, beim nächsten Telefongespräch. Wir verabschieden uns. Aber dann sagt sie noch: „Ilka, irgendwann wirst Du Simon wieder besuchen können oder ein Geschenk schicken. Bitte kaufe ihm ein schönes Kleidungsstück oder irgendetwas, was er mag und können. Kaufe ihm eine schöne Winterjacke. Hier ist Geld. Sage ihm, das ist ein Geschenk von Deiner Freundin, Almut, die ihm auch alles Gute wünscht. Und ihm wünscht, dass er die Klinik bald verlassen kann.“

Eine Freundin schreibt Frau Schweiger einen Brief. Denn Anfang der neunziger Jahre hatte sie eine Psychose bekommen. Sie wüsste und könne bezeugen, dass das Medikament, welches Simon bekommt, wegen seiner Gefährlichkeit bei erwachsenen Personen abgesetzt wurde. Auch Erik bemühte sich öfter um Gespräche mit Frau Schweiger, mit Herrn Tannen und auch hin und wieder mit dem ‚sozialpsychologischen Dienst‘. Geschickt sucht er sich Personen aus, die durch Gespräche untereinander viele Meinungen austauschen und in der Lage sein müssten, seine Stellungnahme mit einfließen zu lassen. Erik kontaktiert auch immer wieder mit dem Jugendamt und Herrn Baumgart. Er hat die Vollmacht von mir erhalten. Er darf deswegen gar nicht abgeschottet werden. Diese Personen machen das auch nicht, nur was empfangen sie sonst noch in ihren Köpfen? Sie weihen Erik nicht in ihre Machenschaften ein.

Wieder klingelt das Telefon: „Ilka, wir kennen uns. Wir haben uns das letzte Mal vor zwei Jahren gesehen, bei der Sommerparty unseres Bürgersenders. Simon hattest Du auch dabei. Erinnerst Du Dich?“ Ich antworte nach kurzer Gedenkzeit: „Hallo Daniel, wie geht es Dir?“ – „Besser, als es Dir geht, wie ich ja so gehört und gelesen habe.“ – „Ja, richtig!“ Wir unterhalten uns. Zum Schluss sagt er, und ich meine, er hat Recht: „Wir haben uns beraten unser Team vom Sender. Wir wollen da noch nichts machen. Wir könnten auch Fehler machen, die Euch noch mehr in Schwierigkeiten bringen, Ilka. Das allerbeste ist doch, erst einmal zu sehen, dass Simon da wieder raus kommt. Wenn wir uns da einmischen, sperren sie Dich eher noch mehr aus.“ – „Ja, danke, Daniel. Ich verstehe schon, was Du meinst.“

„Reiße nicht zu viele Türen auf, Ilka. Ich kann Dich ja verstehen. Aber, trotzdem nicht ganz so viele Türen. Du brauchst auch noch Kraft für später. Aber, wenn Du schon in Kontakt mit den Vorgesetzten des Herrn Baumgart bist, dann fordere die Diagnoseunterlagen jetzt an. Wir sollten uns die durchsehen“, sagt Erik. „Du kämpfst wie eine Löwin um ihr Junges, und hast ein Gedächtnis wie ein Buch“, sagt Erik mir am Telefon, kenne ich schon. „Ich habe ein Gedächtnis wie in diesem Buche steht, Erik“, werde ich ihm bald antworten und schaue weiter in die Eichenholzzeitmaschine hinein zu ihm. „Dann habe ich ein dickes Buch in der Hand und werde es ihm zeigen. Er wird aus der Eichenholzzeitmaschine herausschauen und mich hören, während ich hineinspreche. Erik in der Eichenholzzeitmaschine schaut, als sähe oder höre er mich.

„Simon habe eine Phase auf dem Weg zur Besserung gehabt, aber die sehr konträren Vorstellungen seiner Eltern seien jetzt für seine Gesundung eher ein Hindernis und auch bisher gewesen.“ Das, Baumgart, hast Du also Enrico erzählt, obwohl Du wusstest, dass das Hindernis der Gesundung eine unbegründete Medikamentenumstellung seitens der Kinder- und Jugendpsychiatrie in K gewesen ist. Du grausamer Verbrecher vom Jugendamt. Es gibt ein altes Buch, ein Gesetzbuch. Es spricht von Menschenwürde. Der Fehler war nur: In Paragraf eins steht zwar noch immer die Menschenwürde beschrieben, auch Menschenrechte kommen nicht zu kurz, doch hätten sie die einfach in den zweiten Paragrafen schreiben sollen und in den ersten dieses:

„Dieses Buch hat jeder zu lesen. Jeder und jede, die hier schläft, sitzt, geht, arbeitet oder isst!“ Jetzt kennt und liest das Buch keiner und keine von all denen, die sich in Menschenrechte einmischen dürfen. Das Buch nennt sich Grundgesetz, also das Wichtigste von allen. Niemand hat es gelesen. Schüler und Schülerinnen kennen es nicht.
(© Ilona Meschke 2008)

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Buch und Kunstwerkstatt in Braunschweig

… es knistert …

… oder brennt es schon? …


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