am zwanzigsten Novembertag irgendwann
Gute und schlechte Träume, ob Traum oder Realität, einer dieser gleichgeschalteten Amtsköpfe springt ab und rettet uns, - nur wer?


Ich bin wieder stark genug. Ich sitze auf dem Boden der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Wand gelehnt. Meine Augen funktionieren wieder. Ich glotze auf die entstellten Leiber der liegenden Kinder im Himmelbett. Hausintern war vorgegeben, Simon musste auf diese Art gequält werden, - unschuldig. Obwohl es ihm vorher mit dem Reduzieren viel schwächerer Medikamente besser ging und wir wieder glücklich waren. Diese Kinder, er ist nicht der einzige. Sie werden jetzt wohl immer krank bleiben, ob sie es vorher waren oder nicht. Ich mache mir nicht so viele Gedanken im Voraus. Solange ich gerade noch aufrecht stehen kann, bald kann ich es wieder, bin ich für Simon da. Die Eichenholzzeitmaschine stellt sich ab und an, von selbst.


Träume und Wahrheiten
Alpträume

Am zwanzigsten Novembertag wache ich früh morgens auf. Ich sitze in meinem Bett. Es ist noch dunkel. Ich träumte und eigentlich fühle ich mich gut. Ich träumte viel. Ich träumte als sei der Traum Realität. Ich träumte das schon einige Male. Ich träumte, als würde es bald passieren. Ich träumte von einen Zufall, der uns beschützt, im letzten Moment. Ich bin wach gegenwärtig und liege noch im Bett mit diesem Traum.

Ich war dabei wie einer dieser Amtsleute einen Pkw bei sich hatte, Simon aus dieser Anstalt entführte und flüchtete. ‚Einer will aussteigen‘, denke ich. Wir, Simon und ich sollten einsteigen in einen Pkw mit Laderaum. Hinten saß Simon. Es war noch alles dran an ihm. Nur schwerfällig war er jetzt. Der Wagen ist vollgepackt und mit dem Einpacken von Dingen wurde ich nicht fertig. Es sollten noch viele Schuhe im Auto untergebracht werden. Immer wieder lief ich raus und rein, um die Schuhe, die draußen stehen, unter zu bringen. Doch ich bekam das Einpacken nicht unter Kontrolle. Immer wieder standen Schuhe draußen.

Plötzlich saßen wir drin im Auto und jemand fährt schnell los, uns zu retten. Ließ, den Rest der Schuhe am Wegrand stehen. Es war der allerletzte Moment, denn schon kamen die Psychiater, um diesen Wagen anzuhalten. Jemand fuhr mit uns weg, - geflüchtete. Jemand, der nicht mehr mitspielen wollte. Er hatte es geschafft. Wir sitzen im Auto und fahren, im allerletzten Moment. Ich träume. Wer sitzt da, neben mir? Wer könnte das sein?

Die Zeit vergeht. Ich sitze noch im Bett. Mehr und mehr sehe ich die gegenwärtige Realität. Ich sehe, dass Simon verstümmelt ist. Von der Kinder- und Jugendpsychiatrie mit Erlaubnis des Jugendamtes. Geholfen hatte keiner, obwohl ich laut war. Ich kenne Simons Retter noch nicht.

Jetzt sehe ich Männer bei mir im Zimmer neben meinen Bett auf dem Boden sitzen. Verstümmelte Männer. Ich erkenne sie. Ich habe die letzte Zeit oft mit ihnen geredet, doch vorher nie gesehen. Sie sitzen auf dem Boden und warten geduldig bis ich wach bin. Sie haben viel Zeit. Es sind die Männer, nach denen unsere Straßen genannt wurden, die Naziopfer unserer Stadt. Sie schauen gelassen zu mir. Die schweren Verwundungen sind noch zu erkennen. Deformiert an Kopf und Körper, aber gut getrocknet ist das Blut, schwarz geworden. Sie wissen von meinem Träumereien. Ich sage ihnen jetzt: „Solange Simon lebt, werde ich durchhalten. Ich werde jede Möglichkeit nutzen, die helfen könnte.“ Ich weiß, sie wollten das hören. Sie wünschen mir viel Glück. Ich sehe ihre Hände. Zum ersten Mal sehe ich solche geschlagenen, geschundenen, verkrusteten Hände. Sie alle schauen mich an. Sie werden hinter mir stehen, soweit sie das können. Sie wollen Simon und mir die Kraft geben. Kraft, die sie für sich selbst nicht hatten. Je heller es wird, desto unsichtbarer werden sie. Vielleicht sind sie gar nicht weg. Vielleicht sitzen sie gerade bei Simon und geben ihm diese Kraft. Simon ruft an. Ich bekomme immer mehr Kontakt zu ihm, illegal.

Ich muss den zuständigen Richter noch einmal schreiben, um neu Erlebtes zu berichten. Herr Baumgart bekommt keine Post mehr von mir. Nur noch das Landesjugendamt, die Gerichtsgutachterin, der neue Rechtsanwalt und Tannen.

Ich schicke ihnen allen diesen Nachtrag, um für Simon einen neuen Betreuer zu bekommen. Bemerkenswert, wie leicht Simon eine Selbstmordgefährdung angehängt bekommt, und ihn das länger im Krankenhaus bleiben lässt. Wie primitiv und unlogisch alles wird. Und es doch geht es. Gleichgeschaltet machen alle studierten Tätigen mit.

Es entsteht die Erlebnisschilderung Nummer sieben: - „Die für mich schrecklichsten Erlebnisse“, so der Titel. „Waren das eventuell die ‚wahnhaften‘ Depressionen bei Simon, die er in die Zukunft sah und nichts Gutes ahnte? Ließ ihn diese Gegebenheit noch länger in der Kinder- und Jugendpsychiatrie?“ Ich schreibe weiter dort, wo ich aufhörte. Ich schreibe vom neuen Zustand und von allem, was vorgefallen war. Auch von dem, was Simon und Andy, der körperlich aufgeblähte Junge, der neben Simon im Himmelbett lag, aus der Psychiatrie berichteten. Ich stelle anschließend logisch menschliche Fragen, da ich selbst kein Psychiater bin und mich nur mit logischen menschlichen Fragen wehren kann.

Ich schildere noch einmal, wie Gregor Simon gesehen hatte, und nach seinem Besuch zu Baumgart ins Jugendamt ging. Wie erschrocken und entrüstet er war und mit dem Vorgehen ebenfalls menschlich total überfordert war. Ich berichte über Frau Weidmann, die ich aufsuchte, die einzige, die sich wirklich wieder erfolgreich um Besuche gekümmert hat und mich und Simon weiter unterstützen will. Ich beschrieb die Hinhaltaktionen des Dr. Stampfstein, seine ständigen Zusagen, Absagen und Blockaden. Auch seine Provokationen ließ ich nicht weg, sondern gab alles wortwörtlich wieder. Ich beanstandete die letzte Begründung der gerichtlichen Verlängerung eines Krankenhausaufenthaltes und erklärte den Vorfall jetzt genauer. Denn von Baumgart hörte ich, dass Simon im Badezimmer der Anstalt stand und sich die Zähne nicht putzen wollte. Daraufhin sagte eine Krankenschwester: „Simon, wenn Du dir jetzt die Zähne nicht putzt, hast Du mit achtzehn keine mehr.“ Er erwiderte: „Ich werde keine achtzehn.“ Ich fragte Baumgart daraufhin, was noch passiert sei, er meinte, das sei alles. Deswegen können Ärzte den Aufenthalt wegen Suizidgefährdung wieder um drei Monate verlängern und Sozialpädagogen vom Jugendamt das schweigend hinnehmen.

Und ich erklärte, was das für Simon bedeutet, obwohl Baumgart das hätte selbst wissen können. Eine Suizidgefährdung wird durch die Verlängerung des Aufenthaltes höchstens gefördert. Aber Baumgart hat irgendwelche Waffen gegen Entsetzen und Verzweiflung anderer Menschen. Sie wissen schon lange, er kommt nie mehr raus, bis er dort stirbt. Nur darf ich nicht sagen, was ich weiß, und die sitzen weiter an ihren Schreibtischen. Es wird nicht als Mord dargestellt, sondern als seine Krankheit.

Ich berichtete von Zeitparker, der letztendlich alles so lassen wollte, wie es ist. Keine Willkür wollte er sehen. Mit einer schwachen Begründung speiste er mich ab: „Ihre Besuche taten dem Jungen nicht gut.“ Dann begründete ich mit Vorfällen und Zeugen, dass das alles nicht stimmt. Das Gegenteil sei der Fall. Er entgegnet nichts.

Zum Schluss beschrieb ich Zeitparker mein Erlebnis, wie ich Simon wieder sah, erstmalig Anfang November. Als ich für eine Stunde Simon wieder sehen durfte, ihn sah und erschrak. Ich beschrieb die Verfassung zweier Jungen. Ich erzählte, Simon hätte Dr. Stampfstein gefragt, weshalb seine Eltern eine Besuchersperre bekommen hätten, worauf hin Dr. Stampfstein antwortete: „Deine Eltern sind beide psychisch krank. Die sollen sich um sich selbst kümmern!“ Dann fragte ich den Richter, mit welchem Recht der Psychiater das behauptete, denn er war nie mein Arzt. Er untersuchte mich nie und sah mich zweimal, - eine vage Ferndiagnose, - eine Frechheit. Ich fragte den Richter wie ein seriöser Arzt einem Dreizehnjährigen das erzählen kann. Noch habe ich keine Antwort.

Ich beschrieb dem Richter, wie ich versucht hatte, Baumgart zu erklären, dass Simon Angst habe vor den Ärzten und der Psychiatrie. Baumgart meinte plötzlich und tatsächlich, er wüsste, dass Simon Angst vor der Klinik habe. Aber dann sagte Baumgart, sein Vater sei schuld daran. Der habe ihm das eingeredet. Nein, diesmal hatte der Vater nichts getan. Simon merkt selbst, was mit ihm dort passiert: „Nein, Baumgart! Diesmal nicht! Diesmal missbrauchst und verschiebst Du unsere problematische Lebenssituation, die Du genau, aber untätig erkanntest“, dachte ich mir heimlich. Dem Richter erklärte ich was ich Baumgart öfter erklärte, dass Baumgarts Aussage diesbezüglich nicht stimmen könne. Denn Simon war das letzte Wochenende bei mir ganz anders eingestellt. Er freute sich auf seinen ersten Schultag, den Sieknecht versprach, weil er sich besser fühlte mit herunter gesetzten Solian. Er freute sich auf das nächste Wochenende, um zu Hause schlafen zu können. Sie konnten von jetzt an in der Psychiatrie Simons Vertrauen gewinnen. Sie legten keinen Wert darauf. Simons Vater hatte schon lange keinen Kontakt mehr zu Simon wegen der Besuchersperren. Seine Beeinflussung ließ radikal nach.

Ich listete dem Richter Dr. Stampfsteins Argumente auf, die er während des letzen Gespräches wegen dieser neuen Medikamenteneinnahme erklärte. Wenigstens machte er sich diese Mühe, wobei gesagt werden muss, richtig Mühe hatte er dabei nicht, diese Umstellung zu erklären. Er beschrieb Vorteile, keine Nachteile. Dieses Medikament solle für Psychosen und Wahnvorstellungen sehr gut geeignet sein, womit er eigentlich verriet, mit welchem Krankheitsbild er Simon ausstatten will. Er erklärte, es sei gut verträglich. Er verriet nicht, dass es Simon aufschwemmt, bewegungslos und körperlich krank macht. Dass er auch Atemnot dadurch bekommt und eine Fresssucht, die er nicht mehr von alleine bändigen kann, verriet Dr. Stampfstein nicht. Simon, der immer schlank und sportlich war.

Warum diese Medikamentenumstellung überhaupt? Dr. Stampfstein weiß nur eine Antwort: „Dies geschah im Auftrag von Sieknecht.“ Aber Sieknecht versprach doch ebenfalls damals, wenn das nicht mehr nötig sei, werde das nicht getan, sondern bis zu hundert Milligramm bei Solian heruntergegangen. Sie wollte es lediglich in ihrem Hinterkopf lassen. Ein anderes Mal begründete Dr. Stampfstein die Medikamentenumstellung einfach damit: „Es geschah hausintern!“ – hausintern?

Ich kritisierte Dr. Stampfstein vor dem Richter, dass dieser sich laut darüber freue, wieder Waffengleichheit zwischen Vater und Mutter schaffen zu können. Waffengleichheit der Eltern vor dem Tor eines Klinikum?. Vater und Mutter sollten sich lediglich bekriegen, anstatt dass das Klinikum Simon beisteht. Das war es also, was die Psychiater gut findet und mit uns praktiziert.

Ich berichtete von einer Zeugin Frau Ahl, die vielleicht etwas über die Medikamentenumstellung sagen kann. Zumindest kann sie mit Gewissheit sagen, dass uns ein gegenteiliges Vorgehen versprochen wurde. Sie hat ihren Arbeitsplatz sehr schnell nach diesem Gespräch verlassen.

Ich erzählte, dass Zeitparker vom Jugendamt, sich erstmalig auf Anraten von Herrn Mayer Diagnoseunterlagen zukommen ließ, aber sie mir, Simons Mutter, nicht geben wollte. Immer noch und erst recht nicht mehr sieht Zeitparker irgendeine Willkür von Seiten des Dr. Stampfstein. Zeitparker verrät auch Herrn Mayer nicht irgendwelche Symptome des Krankheitsbildes. Ich stellte vor dem Richter diese Unaufgeklärtheit und die Geheimnistuerei infrage, denn es handelt sich um meinen Sohn.

Ich habe heimlich so ziemlich alle Gespräche jetzt auf einem Diktiergerät aufgenommen. Zeitparker redet lange darauf. Er redet natürlich im Auftrag der Psychiater. Er unterscheidet sich von Baumgart nicht. Und er behauptet in diesem Gespräch, die Besuche zwischen Simon und mir hätten Simon nicht gut getan. Er verrät nicht, ob das so in den Unterlagen steht. Zeitparkers Mordwaffe: „Ihre Besuche taten dem Jungen nicht gut.“ Er scheint eine Ecke schlimmer als Baumgart zu sein. Ich höre ihn in der Eichenholzzeitmaschine noch ergänzend sagen, Simons Gesundheit läge ihm sehr am Herzen. Aber ich weiß jetzt, es gibt so starke Lügen. Lügen, die Menschen töten können. Falsche Redereien sind die größten wirksamsten Waffen, mit denen ich bisher klarkommen musste. Das schrieb ich dem Richter nicht, sondern ich widerlegte Zeitparkers Aussagen. Alles kann schon längst untersucht werden.

Schwestern und Pfleger, Freunde und Kinder auf der Straße, aber auch Simon selbst können genau erzählen, wie Simon vor der Medikamentenumstellung war. Sieknecht äußerte sich immer positiv, auch vor Baumgart. Die Krankenschwester sagte wortwörtlich: „Das Wochenende war ja schön für Simon.“ Alle Information gingen an Erik und der Gerichtsgutachterin weiter. Herr Tannen bekam auch so viel mit, der daraufhin mit mir telefonierte. Nur die Besuche des Vaters hätten Simon nicht gut getan, so hieß es noch vor Kurzem. Dr. Stampfstein war ja ganz großzügig mit Besuchen anfangs. Das ist ein Beweis dafür, dass vorher alles gut verlief, sonst hätte ich eine Besuchersperre bekommen. Vorher wurde mir nie eine Besuchersperre erteilt, also was tut da Simon nicht gut. Ich hatte immer einen guten Kontakt zu dem Personal gehalten. Das musste ich dem Richter noch ausführlich darlegen. Auch, dass ich immer bereit war, eine Mutter-Kind-Therapie zu machen, falls ich irgendwelche Fehler als Mutter mache, könne ich daran arbeiten. Das schreibe ich dem Richter noch.

Die Medikamentenumstellung war im Hinterkopf von Dr. Sieknecht und wurde vollzogen, denn sie stand vielleicht im Plan. Im Plan steht vielleicht oder mit Sicherheit auch noch vermerkt, ich solle von Simon ausgesperrt werden, weil ich zu viele Fragen stelle. Es stehen vielleicht die Gründe der Verlegung ganz anders darin. Und alles ist für Zeitparker keine Willkür. Er könnte doch in die Psychiatrie gehen und sich die Unterlagen geben lassen? Simon habe nirgendwo ein richtiges Zuhause, denn ich akzeptiere seine noch nicht sicher diagnostizierte Krankheit nicht. Eine Krankheit, die mir kein Psychiater erklären will, wie Frau Mull damals schon sagte. O. k. das schreibe ich dem Richter nicht.

Gut, aber jetzt kam da noch der zweite Besuch, über den ich berichten muss:
Vor drei Wochen berichtete mir Dr. Stampfstein, wenn bei Simon das Medikament vollkommen umgestellt worden sei, bekomme er nur noch kleine Mengen - dreimal fünfzig Milligramm. Das werde in ungefähr vierzehn Tagen der Fall sein. Das sei das Gute an Leponex. Es würden nur kleine Mengen gebraucht.

Gestern wurde gesagt, er bekomme jetzt täglich dreihundert Milligramm, also das Doppelte. Ich hörte so etwas wie im Hause sei das Medikament automatisch weiter erhöht worden, und es solle noch weiter erhöht werden? Wo ist da die medizinische Begründung?

Dem entsprechend geht es Simon noch schlechter und keiner nimmt Notiz davon. Frau Weidmann fragte nach der Begründung. Aber nicht einmal sie bekam eine sachliche Begründung. Dr. Stampfstein ließ sich darauf nicht ein.

Simon glaubte, der Biochemiearzt wolle ihn damit bestrafen, weil er die Medikamente nicht vertrage. Zeitlich unbegrenzt sind wir alle bestraft worden. Für nichts. Wir wurden schuldlos bestraft mit diesem Vorgehen. Ich beschreibe, wie der Biochemiepsychiater den hilflosen Jungen unter Druck setzt, er muss dem Psychiater versprechen nicht bei mir anzurufen, sonst würde er eingesperrt werden. Dass Simon es trotzdem tut, schreibe ich natürlich nicht.

Dr. Stampfstein sagte mir beim letzten Gespräch, Simon habe Potentiale und bald solle er mehr Schulunterricht bekommen. Allerdings sollte dies ursprünglich schon nach den Herbstferien geschehen. Doch am ersten Schultag war die Medikamentenumstellung. Als ich zweieinhalb Wochen nach diesem Gespräch Simon besuchte und ihn danach fragte, widersprach mir Simon, das Gegenteil sei passiert. Laufend bekomme er Schulunterricht gekürzt. Er sagte, in der letzten Woche habe er nur noch vier Unterrichtsstunden gehabt. Ich war ebenfalls irritiert über diese Falschaussagen seitens des Psychiaters.

Besuchszeit wollte Dr. Stampfstein mir nur zwei Stunden am Sonnabend einräumen und dann wollte er weiter sehen, wie es läuft. Er tat, als hätten wir nie zuvor Tagesurlaub gehabt, der gut lief. Er räumte dann jedoch ein, wenn der Besuch mit Frau Schweiger, die uns zusammen erleben wollte, gelaufen sei, würde Simon einen halben Tagesurlaub bekommen. Und für diese Aussage hätte ich sogar eine Zeugin, setzte er lachend hinzu und deutete auf Frau Mull, die neben ihm saß.

Gregor muss aussagen. Micha will aussagen. Zwei Familien mit Kindern aus der Nachbarschaft, Familie P., Familie S. und der Vater von Maylin können ebenfalls aussagen. Ihre vollständigen Namen, Adresse und Telefonnummern lasse ich dem Richter zukommen.

Eine Anlage für den Richter beschreibt das Medikament, das Simon jetzt bekommt, und ich schreibe dazu:
„Er bekommt es, so hörte ich am Freitagabend von Simon selbst, jetzt hin und wieder mit Aspirin. Es wird zunehmend mehr, Simon schläft nur noch und keiner weiß, warum das sein muss.“

Zu der Medikamentenumstellung schreibe ich jetzt auch, was ich von Simon später während des zweiten Besuches von ihm hörte. Heimlich sprach er auf Band.


Simon erinnert sich
wie er die Medikamentenumstellung erlebte

Simon selbst sein einziger Zeuge

Als er nach dem Tagesurlaub wieder ins Krankenhaus kam, legte er sich bald schlafen. Er wollte die Zeit bis zum nächsten Besuch vergehen lassen, denn das nächste Wochenende sollte mit Übernachtung zu Hause sein. Simon stand am Montag früh auf und hoffte auf einen richtigen versprochenen Schulunterricht, denn es war der erste Schultag nach den Herbstferien. Er frühstückte. Gleich nach dem Frühstück gab es anstatt des weißen Solians zusätzlich eine gelbe Tablette. Er nahm diese ein. Er musste austreten und ging in den Toilettenraum. Hier wurde ihm schwarz vor Augen. Er fiel und lag auf dem Boden. Als er langsam zu sich kam, war Philipp ebenfalls im Toilettenraum, der besorgt war und fragte: „Simon, was ist denn mit Dir los?“ Als Simon danach durch den Flur ging, traf er Dr. Stampfstein, der sich zu wundern schien, denn er sagte: „Oh Simon, was ist mit Dir los? Du siehst ja ganz blass aus?“ Die Visite war an diesem Tag erst viel später. Es gab also keinerlei Anlass für diese Umstellung. Simon wurde schlafen gelegt.


Und was erzählt Andy noch so?

Der Richter erfährt auch von Andys Aussagen: „Als ich Simon für zwei Stunden am Sonnabend besuchte, schlief Simon noch im Kuschelraum. Die Krankenschwester wollte ihn wecken. Ich meinte, es sei vielleicht besser, ihn erst ausschlafen zu lassen, und ich würde so lange warten. Die Schwester verneinte, wecken müsse man ihn schon, weil er sonst den ganzen Tag schlafen würde. Wir weckten Simon und Andy, seinen neuen Freund, der auch im Kuschelraum lag. Andy ist erst dreizehn geworden, schien aber etwas kräftiger als der einige Monate ältere Simon. Er ließ sich besser wecken als Simon und erzählte mir, nur wegen der Medikamente müsse er ständig schlafen.

Andy erzählte, er bekomme die gleiche Menge Leponex wie Simon. Es seien täglich drei Tabletten. Wie viel Milligramm das inzwischen seien, wüssten sie beide nicht. Es mache sie dick und hungrig. Gerne würde Andy -wie auch Simon - wieder so schlank werden, wie vorher. Doch sie schaffen es nicht. Sie fühlen sich unwohl mit ihren Bäuchen. Beide haben eine trockene verstopfte Nase und bekommen kaum Luft. Es ist wie eine Erkältung und dagegen hat Dr. Stampfstein ihnen auch noch Aspirin verabreicht. Er ist der erste Arzt, den ich kenne, der Kinder Aspirin gibt.

Andy erzählte von seinem Leben und einer Einrichtung in Hamburg, in der er vorher gewesen ist. Er zeigte die Narbe eines Messerstichs am Arm, denn die Kinder und Jugendlichen seien grob und gewalttätig gewesen. Sie seien von den Betreuern ausgenutzt worden. Seit ungefähr vier Monaten sei er bereits hier.

Wann er entlassen werde, wisse er nicht. In der Psychosegruppe jeden Freitag habe Dr. Stampfstein insgesamt drei dreizehnjährige Jungen, Simon, Hussein und ihn. Beim letzten Mal sei es ihm, Simon aber auch Dr. Stampfstein nach einem Gespräch über Psychose sehr schlecht gegangen und Dr. Stampfstein habe ihm und den beiden Jungen ziemlich nervös und zerstreut Aspirin gegeben.

Andy erinnerte sich, dass Dr. Stampfstein schnell nervös, unruhig, zerstreut und auch oft weinerlich wirke. Er bekäme dann oft eine piepsige Frauenstimme. Dann entferne sich der Psychiater stets und nehme unruhig Tabletten ein. Andy endete diese Darstellung mit einer kindlichen Schlussfolgerung: „Na ja, auch ein Arzt kann sich mal schlecht fühlen.“ Ich ließ das Argument so stehen.


Wichtig!
Eine Frage an alle
und an das Gericht lese ich vor:

Über Kinder mit Fürsorgerecht
beim Jugendamt

Ich habe die drei dreizehnjährigen Jungen alle kennen gelernt, die bei Dr. Stampfstein an einer zusätzlichen Psychose-Gruppe teilnehmen, auch Hussein. Hussein geht es sehr viel besser, er sieht normal aus und bekommt kein Leponex. Und ich habe erfahren, seine Eltern hätten das vollständige Sorgerecht.

Wahrscheinlich können sich die Psychiater in K bei Hussein nicht alles leisten. Dann holen seine Eltern ihr den Jungen zurück, während Andys Eltern darum kämpfen müssen, dass Sorgerecht wieder zu bekommen. Andy durfte seine Eltern schon sehr lange nicht sehen. Sie scheinen noch grausamer behandelt zu werden wie Simon und seine Eltern. Also diesen beiden Jungen, denen schicksalsträchtig, den Eltern das Sorgerecht oder Teilsorgerecht entzogen wurde, beziehungsweise aus Naivität überlassen wurde, nur diese, bekommen in der Klinik Leponex, und das irgendwie, ohne Absprache der Menge, ohne weshalb und warum, aber mit sehr viel Falschaussagen und Intrigen


Was passiert da
hinter den Mauern
der Psychiatrie?

Am Ende des Besuches am Sonnabend, hatte Andy sich eine Dreiviertelstunde wachgeredet. Simon war immer noch ein wenig wie in Trance versetzt. Trotz allem bekamen die beiden ihre nächsten Tabletten, eine inzwischen ganz andere Menge, als beim ersten Gespräch von Dr. Stampfstein gesagt wurde. Ich durfte mit Simon ins Kaffee gehen. Als wir zurück kamen, schlief Andy wieder. Simon saß im Tagesraum auf dem Sofa, wurde etwas unruhig, atmete schwer, zitterte und schlief auf dem Sofa ein. Er bekam kaum Luft und quälte sich im Schlaf.

Ich erinnere mich noch. Ich sagte ihm, als er noch einmal die Augen aufschlug: „Simon, ich wünschte, Du könntest nach Hause fahren, und dafür machen sie das alles mit mir.“ – „Nein, Mama, das will ich nicht. Das sollen die mit dir nicht machen.“, sagte er noch. Das schreibe ich dem Richter nicht.

Und ich schreibe in der Eichenholzzeitmasche weiter an den Richter: „Ich berichtete den anwesenden Schwestern, dass Simon nach knapp zwei Stunden Wachzustand wieder schlafe. Sie nahmen meine Berichterstattung ernst. Ich weiß nicht, was sie daraufhin vorhatten oder wie sie damit umgingen. Aber sie waren ernst, als es um Simon ging. Denn ich bin seine Mutter. Als ich dann aber auch für Andy sprach, damit für diesen Jungen auch etwas getan werde: „Andy schläft auch wieder.“ Da sahen die Krankenschwestern Andys Qualen ganz locker: „Ach der, er will eh Winterschlaf machen.“ Und das stimmt nicht.

Andy wollte am liebsten raus in den Regen, Radfahren oder Fußballspielen, wieder schlank werden, aber er sei müde. Stattdessen solle ihre Dosis hausintern verdoppelt werden, wurde inzwischen schon gesagt.


Zwei Ärzte unterhalten sich
auf öffentlicher Straße

Sie sprechen eine ganz unbeachtete
Tatsache aus

Bei einem Normalbürger unseres Landes hat es sich nicht herumgesprochen. Ende Oktober hörte ich ebenfalls zwei Ärzte diskutieren, nachdem sie sich meinen Sorgen annahmen. Sie stehen immer noch auf der Straße und diskutieren jetzt hier in der Eichenholzzeitmaschine, ob es denn gut und richtig oder kritisch zu betrachten sei, dass Dauerpatienten ein Zusatzgeschäft für Krankenhäuser sind.

Ich kenne oder hörte insgesamt von vier Kindern, die länger als vorgesehen in der Psychiatrie in K verweilen. Diese Kinder werden alle vom Jugendamt betreut. Das Jugendamt lud mich noch nicht zu einem Gesprächstermin ein, in dem besprochen werden soll, was mit Simon nach der gerichtlichen Verlängerung geschieht. Alles schweigt angsterregend.

Ich ende mein Schriftstück für den Richter: - Ende November habe ich einen nächsten Gesprächstermin mit Dr. Stampfstein. Ich möchte nicht alleine mit ihm sprechen! Und doch darf ich keine Begleitperson mitnehmen. Bitte, Herr Richter Tramper, helfen Sie. - Ilka Hölzer

Jede Menge Anlagen, jede Menge Text. Die Arbeit ist vollbracht. Ich erzähle Simon am Telefon, Micha und Norma sind gerade dabei, den Text nach Verständlichkeit zu kontrollieren. Dann geht die Sache zum Gericht. Simon fragt nach, ob Antwort gekommen ist. Simon fragt jeden Tag.


Ich zoome das Bild in der Eichenholzzeitmasche und lese vor:
Denn Richter Tramper antwortet auf
diese vielen geschilderten Erlebnisse

Richter Tramper antwortet. Ich habe seinen Brief in der Hand. Mein Magen schmerzt. Ich werden unruhig, öffne aber den Brief. Ich verstehe die Antwort nicht, nur Wörter Zeilen und Text. Wenig Text. Mir verschwimmt irgendetwas. Meine Augen stimmen nicht mehr. Ich frage Gregor: „Gregor, ich kann den Brief nicht verstehen. Kannst Du ihn für mich lesen?“ Gregor steht in meiner Wohnung ganz still vor dem Fenster. Mit gerunzelter Stirn hebt er seine linke Hand und nimmt den Brief vom Richter geschriebenen. Unsauber, etwas geknickt mit schiefen Zeilen ist er. Wohl ist er schief aus dem Drucker gekommen. Gregor liest sehr lange. Er hat doch nur ein paar Zeilen zu lesen. Gregor sagt ernst: „Mir ist übel. Ich setze mich erst einmal hin.“ Er setzt sich auf mein Sofa und ist still. Dann sagt er: „Ich verstehe ihn auch nicht so genau. Irgendwie ist mir übel.“

Richter Tramper schreibt: "In der Familiensache Hölzer, sehe ich derzeit keine Veranlassung, anstelle des Jugendamtes einen anderen Pfleger zu bestellen. Die Vorwürfe gegen das Jugendamt vermag ich nicht recht nachzuvollziehen. Ich bitte auch zu bedenken, dass Ihr eigenes Verhalten im NLK Kö zur Verunsicherung von Simon beigetragen haben dürfte. Die Reaktion der Klinik und des Jugendamtes ist m. E. nicht zu beanstanden. Ich weise ferner darauf hin, dass die Erstellung des Gutachtens in Aussicht steht und dann in einer erneuten Verhandlung über die weiteren Maßnahmen zu entscheiden sein wird."

Ich rufe Erik an und lese den Brief vor, gebrochen, zerstückelt Wort für Wort, zusammenhanglos für mich, Erik hört zu und sagt: „Ja, los, habe verstanden, lies weiter!“ Jetzt bin ich am Ende. „Mit freundlichen Grüßen“, steht noch da.

„Ilka gut, er schreibt ja auch, 'wenn Simon diese Anstalt verlässt'. Also, auf jeden Fall ist klar, er verlässt sie bald. Konzentriere Du Dich auf die Gerichtsgutachterin“, so Erik. Doch ich sage: „Aber ihr ist so wenig zu vertrauen. Sie ist während unseres Gespräches sehr nett. Es kommt was Positives rüber. Aber das ändert sich einen Tag später. Dann hat sie mit diesem Richter gesprochen. Plötzlich wird sie eine ganz andere Tonart bekommen. Sie wird dann immer am Telefon sehr kurz angebunden sein. Und wenn wir dann zusammen sprechen, wird  alles verständnislos. Absagen werden begründet, wogegen ich mich im ersten Moment gar nicht wehren kann. Die altbekannten Behauptungen und Ziele seitens der Psychiatrie und Jugendamt blasen alles von ihr neu Erlebtes und von ihr Gesagtes in den Wind.“


Gregor geht.
Er entschuldigt sich noch.
Er will nicht wiederkommen.
Er kann nicht.
Er hält das alles nicht aus.
Endgültig soll seine Entscheidung jetzt sein!

Die Krankenkasse schweigt
auf meine Darstellungen und meinen Hilferuf
Ich zerre massiver an diesen Mauern

Lange wird es dauern, bis ich nach vielen Gesprächen den richtigen verantwortlichen Mann der Krankenkasse gefunden habe, der hinter den Mauern der Kinder- und Jugendpsychiatrie in K prüfen kann. Im ganzen Bundesgebiet Deutschland gibt es Städte, wo ich anrufen könne und mich mit Personen verbinden lassen solle. Immer wieder wende ich mich erfolglos an die Frau zurück, die meine schriftlichen Unterlagen bekam und weiterschickte. Jetzt sagt sie, in meiner eigenen Stadt sei eine Stelle mit einem Dr. Kaufmann, eine Person an die ich mich diesbezüglich wenden könne. Sie sagt noch: „Verraten Sie bitte nicht, dass ich Ihnen die Adresse gegeben habe. Der will nicht gestört werden.“

In derselben Stadt, am selben Ort und im selben Gebäude hängt dieser Mann rum, in der ich jetzt gerade jeden Tag in einer Fortbildung für Grafikprogramme sitze. In einem Komplex, in dem viele Firmen ihren Sitz haben, ist auch meine Computerschule, zu der ich inzwischen jeden Morgen gehe. der sich nicht verraten lassen will. An genau derselben Stelle, ganz unten im Foyer, hinter der großen Treppe ist noch eine Räumlichkeit. Ein dunkler Eingang, den keiner beachtet. Dort sitzt dieser Dr. Kaufmann, der niemanden sprechen möchte.

Ich werde von seinen Angestellten ein paar Mal rausgeschickt, denn ich solle alles mit den Sachbearbeitern klären. Dr. Kaufmann sei nicht zuständig für mich. Ich erkläre, worum es geht und dass da eine Klinik zu prüfen sei, und er genau diese Kontrolle zu tätigen habe. Die Medikamente sollen sehr teuer sein und ich hätte jede Menge Beweise, dass mein Sohn diese Medikamente nicht braucht und auch nicht den Klinikaufenthalt, - im Gegenteil.

Ich werde hinausgeschickt. Ich warte noch eine Weile. Der Gang ist frei. Alle Frauen sitzen irgendwo. Stur stracks eile ich zwar unerwünscht, aber doch hindurch. Der Name links an der zweiten Tür stimmt. Ich klopfe an und öffne gleich. Ein erstaunter großer, hagerer Mann sitzt vor einem großen glänzenden Schreibtisch. Ich stelle mich vor und erkläre weshalb ich da bin. Erkläre, was in der Klinik abgelaufen ist; und hole die ganzen selbst erstellten Unterlagen hervor: „Wenn Sie uns helfen, können Sie also sehr viel Geld sparen. Bitte helfen Sie uns, Herr Dr. Kaufmann.“

„Wer hat Sie zu mir geschickt?“ Er scheint nicht erfreut davon, dass ich ihn gefunden habe. „Ich habe Sie alleine gefunden. Oben ist nämlich meine Computerschule und unten im Foyer machen wir oft Pause. Da fragte ich jemanden, der die gleiche Krankenkasse hat, wofür denn diese Stelle sei. Und er erzählte Genaueres. Ich meine, das ist die Stelle, die ich suche“. Ich staune fast ein wenig, denn er hatte meine Unterlagen schon und benötigt meine Ausfertigungen gar nicht mehr. „Sie haben diese Unterlagen schon? Sie haben mir gar nicht geantwortet? Haben Sie die gründlich gelesen? Bitte lesen Sie diese Unterlagen. Es geht um einen dreizehnjährigen Jungen, der bereits siebeneinhalb Monate in dieser Psychiatrie abhängt und sich sehr quält. Umsonst, denn das müsste nicht sein. Ich habe die Beweise.“

Das Gespräch wird im Sande verlaufen, denn dieser Doktor findet nichts Außergewöhnliches an all dem was gemacht wird. Das Krankenhaus wäre ein sehr gutes Krankenhaus. Ich würde mich umsonst aufregen. Aber meine Argumente sind treffend. Ich habe Beweise, dass vieles nicht richtig sein kann. Er beantwortet ähnlich wie der Richter, die Psychiater, die hinter diesen Mauern tätig sind, und die Monster vom Jugendamt mit ihrem üblichen Hohngeflüster. Er sagt, ich würde wohl meinen Jungen verunsichern. Deswegen sei alles so schlimm. Ich sagte noch: „Dr. Kaufmann, auch dafür gibt es Beweise, dass dies alles so nicht stimmt. Bitte denken Sie an Ihr Gewissen und schauen Sie noch einmal in die Unterlagen. Hier ist meine Telefonnummer. Vielleicht kann ich ja auch ganz schnell aus der Krankenkasse austreten, vielleicht geht es um Leben und Tod, irgendwie ja schon. Noch lebt er, welchen Schaden er bekommen hat, weiß ich noch nicht.“

Öfter mache ich mit meinen Kollegen jetzt Pause und wir stellen uns nahe dieser Tür. Hin und wieder öffnet diese Tür. Ein hagerer Mann mit Totemgesicht schleicht heraus und will sich etwas zu essen holen. „Guten Tag, Herr Dr. Kaufmann. Denken Sie noch an mich und meinen Sohn, Simon?“ – „Äh, guten Tag“, erwidert er. Er erinnert sich nicht an meinen Namen, doch daran, wer ich bin. Ich versäume nicht, ihn hin und wieder zu treffen und zu grüßen, ob er uns auch nicht vergessen hat. Nur weiß ich nicht, wie ich aus einer gesetzlichen Krankenkasse austreten kann. Es geht nur, wenn ich wechsele und eine Vierteljahreskündigung berücksichtige, habe ich erfahren. Das dauert viel zu lange. Doch ich trete aus, gehe in eine Naturkrankenkasse. Aber noch muss ich die Kündigungsfrist abwarten. Alles andere könnte verheerende Folgen haben, die sich für Simon nicht besser auswirken. Jetzt telefoniert Simon wieder illegal mit mir und fragt, was ich getan habe.


Ich stelle noch einen Antrag:
Die Wahrnehmung
meines Erziehungsrechtes

Mit Fristsetzung beantrage ich, mein Erziehungsrecht wahrnehmen zu können. Simon soll bei mir eine Schwimmlernstunde einmal wöchentlich bekommen und zweimal wöchentlich eine Zeichenstunde. Ich bin kompetent dafür und kann das durch Unterlagen nachweisen. Diesen Antrag an das Jugendamt bekommt die Gerichtsgutachterin. Außerdem bekommt Dr. Stampfstein den Antrag beim nächsten Termin vorgelegt, den das Jugendamt nicht beantwortet hatte. „Nenein neein“, mit Worten aus der Tiefe seines Halses stottert Dr. Stampfstein und schließt das Thema ab. Dann sagt er noch: „Versicherungstechnisch ist dies nicht möglich.“

Darüber werde ich später mit der Gerichtsgutachterin diskutieren. Mal sehen, wie viele gut gemeinte vernünftige Angebote einer Mutter noch abgelehnt werden. Natürlich weiß ich nicht, welche Versicherung ein Erziehungsberechtigter benötigt, um seine Erziehungspflicht gewissenhaft nachzugehen. Wer weiß das schon? Es geht nur in die Hose, wenn das nicht verantwortungsvoll und pflichtbewusst wahrgenommen wird.

Ich helfe Andy
und nehme Kontakt zu seiner Familie auf

Denn Andy sucht seine
verlorengegangene Familie

Andy habe ich versprochen, seine Familie zu suchen. Es war etwas schwer. Überall in Hamburg suche ich jetzt seine Mutter. Den Vornamen sagte er mir. Den Nachnamen wusste ich von ihm. Er bestätigte auch, dass sie so heißt. Da kann ich sie natürlich nicht finden, wenn sie anders heißt, Und nicht wirklich seine Mama ist, was er mir ja auch verschwiegen hat. Er hat von seinen Träumen geredet, aber nicht von dem, was wirklich ist. Und wenn sie nicht in Hamburg wohnt? „Andy, ich habe mich dämlich gesucht und reihenweise die verkehrten Leute angerufen. Ich lasse mir den Namen des Vaters geben. Irgendwann fand ich ihn und per Telefon lernten wir uns kennen.

Wir müssen ja zusammenhalten in einer ähnlichen prekären Situation. Wobei es denen noch schlechter geht als Simon und mir. John ist der Papa. Er hat eine Freundin, die sozusagen Stiefmutter von Andy ist, denn seine Mutter ist verstorben. Seine Mutter hatte das Sorgerecht für ihn. Doch dann stritten Großmutter und Vater plötzlich um das Sorgerecht. Das dort hiesige Jugendamt brachte ihn ins Kinderheim, anstatt sich darum zu kümmern, dass der Vater das Sorgerecht bekommt.

Im Kinderheim bekam er eine Psychose. Er wurde in das Landeskrankenhaus gebracht. Seit vier Monaten wird er von Dr. Stampfstein behandelt. Sein Vater bekam ihn nicht zu Gesicht. Er wurde von Dr. Stampfstein ausgeschlossen. Andys sogenannte Stiefmutter bekam ebenfalls kein Recht, ihn zu besuchen. So war der Junge Dr. Stampfstein ausgeliefert. Die Oma sah Andy ein paar Male. Andy wird beim nächsten Besuch eine Telefonkarte und die Telefonnummer seines Vaters bekommen, die wohl irgendwie verloren gegangen war. Noch mehr, er bekommt einen schönen Gruß von seinem Vater und ein paar neue Geschichten. Aber auch die Zuversicht, dass wir jetzt alle zusammenhalten.


Es gibt so viele Stellen,
wohin man laufen kann,
um auf Hilfe zu hoffen:

Und wofür ist ein
Kinderschutzbund da?

Der Kinderschutzbund kann uns in diesem Fall nicht helfen. Ihnen fehlt die Lobby. Auch andere Vereine müssen kleine Brötchen backen, wenn es um Psychiatrien geht. Und die Adresse eines Theologen bekomme ich noch von Micha. Dieser solle sehr viel am Kinderschutzgesetz mit gearbeitet haben. Doch der weiß nur, ohne Sorgerecht ist gar nichts zu machen. Aber auch diese Kinder müssen doch unter das Kinderschutzgesetz fallen? Warum kann ich nichts mehr verstehen? Geht mir tatsächlich die Realität verloren? Ständig sagt meine Logik mir: „Das geht doch nicht!“


Wie geht es jetzt
mit den hineingemischten Personen

im Falle ‚Simon Hölzer‘ weiter?

Simon weiß inzwischen, bald werde ich zweimal mit Frau Schweiger kommen. Sie möchte sehen, wie wir miteinander klar kommen.

Welche Anrufe erreichen mich noch? War es Micha? War es Erik? „Ilka, gib nicht auf. Dein Sohn, er braucht Dich jetzt. Ihr seid nicht krank. Krank sind die in der „Klinik“ und das System. Es ist Schizophrenie pur, was da passiert. Warte ab. Der Junge kommt da heraus. Seid froh, dass Ihr die anderen seid - nicht die Kranken.

Es kracht so aus der Eichenholzzeitmaschine heraus. Ich weiß nicht mehr, wer das ständig sagte. Nur gut, dass jemand dabei war. „Den Nichtkranken geht es zwar schlecht, doch sie kommen raus aus der Situation. Irgendwie oder eben nicht. Doch: solange es geht, kämpfen. „Aber ich wollte nie kämpfen. Ich wollte nie Krieg. Nicht hier und nirgendwo.“ Egal, was da aus der Eichenholzzeitmaschine krächzt. Es gibt Kraft. Ich brauchte Menschen, die meinen Rücken stärken.

Jetzt kann Simon wieder anrufen. Ich habe Kraft. Die Eichenholzzeitmaschine hat sie nicht. Sie krächzt und der Bildschirm ist schwarz.

Was ist Leponex?


Am zwanzigsten Novembertag irgendwann stelle ich die olle Eichenholzzeitmaschine ab und gehe in meinen Garten. Es ist warm und windig. Die Blätter fliegen alle noch bunt von den Bäumen und ich beobachte einen Igel. Mein Magen dreht sich wie eine Wäschetrommel. Ich verstehe nicht, warum hier alles so normal aussieht. Es kommt mir vor wie Hohn. Warum ignoriert hier draußen alles unser Leid. Hört denn keiner, versteht den keiner: „Ein unterdrückendes Regime in der Großklinik erschreckt demokratische Deutsche. Hier wird nicht gefragt: Was hast Du? Woran leidest Du? Hier wird nicht gesagt: Versuche zu verstehen, was Du hast. Hier wird bestimmt: Das hast Du! Das sind Deine Symptome, und wenn Du abstreitest, dass Du diese Symptome hast, werden wir Dir beibringen, dass Du sie hast, und Du hast das zu akzeptieren!“

Dr. Stampfstein macht mit drei Dreizehnjährigen Psychose-Unterricht. Sie sollen verstehen, was eine Psychose ist und wie sie sich bemerkbar macht. Bis dahin scheint alles korrekt. Doch Dr. Stampfstein sagte den Jungen: „Denn wer eine Psychose hat, hat das gefälligst zu akzeptieren.“ Der Schlussspruch irritiert, müsste es nicht heißen: „Kontrolliert Euch, denn es ist möglich, dass Ihr eine habt; wenn Ihr eine habt, müsst Ihr lernen, damit umzugehen und das zu verstehen. Wir wollen nur helfen.“

Ich gehe aus dem hohnbesudelten Garten, indem alles so normal ist und werde noch einmal zu den Riesenschotterhaufen fahren, zu den gesprengten Speicherhäusern. Danach zu einem Heimatpfleger. Ich werde mir über die Speicherhäuser erzählen lassen. Erst muss ich mich wieder beruhigen. Dann muss ich was tun, ganz viel tun. Ich muss ganz viel tun. Niemals schlafen, immer was tun und an Simon denken. Simon ständig beruhigen und trösten, im Herzen halten.
(© Ilona Meschke 2008)

Tintenfass

Freie Gruppe
Buch und Kunstwerkstatt in Braunschweig

… es knistert …

… oder brennt es schon? …


Buch

zurück
weiter
zurück zur Startseite
Kommentar