am einundzwanzigsten Novembertag irgendwann
Was genau macht ein Mensch, der erlebt, was ich erleben musste? Er entwickelt standhafte Kräfte. So standhaft, ich kannte sie vorher nicht. Er entwickelt eine Feinfühligkeit dafür, wann andere Menschen standhaft bleiben, unehrlich oder unfähig Zweigleisigkeiten in sich verbergen? Solch ein Mensch träumt viel über Dinge, die helfen könnten. Und doch, er steht immer kurz vor dem Absturz. Ich redete viel mit Simon über meine Taten und meine Kraft, verbarg dabei die Leere in meiner Magenkuhle.


Was genau speicherten
die Speicherhäuser unseres Nachbarortes?

Sie versorgten Soldaten für den Krieg
nicht die vor Ort wohnenden
Menschen mit Nahrung

Am zweiundzwanzigsten Novembertag irgendwann fahre ich zu dem Heimatpfleger und lasse mir über die Speicherhäuser erzählen. Dann fahre ich wieder zu den Riesentrümmerhaufen. Vor mir auf dem Boden standen vor kurzer Zeit noch Lagerhäuser, an einem alten verrosteten und nur noch halb existierenden Bahnhof. Nein, nur Bahnschienen stehen da. Der Bahnhof ist weiter westlich gewesen. Diese vier Bauwerke waren ein Komplex, der Heeresverpflegungsamt oder auch Proviantamt genannt wurde. Dieses Amt war nur dafür da, die Versorgung der in den Kasernen untergebrachten Kriegstruppen sicherzustellen, nichts davon war für die Bevölkerung vor Ort, im Gegenteil. Als die Speicherhäuser fertiggebaut waren, waren die ersten von den Nazis politisch Verfolgten schon längst ermordet gewesen. Viele Naziopfer kannten demnach diese Speicherhäuser gar nicht mehr. Der Krieg begann, als diese Komplexe fertig waren.

Die Straßen unseres Ortes, die heute Namen bekannter Naziopfer tragen, bekamen teilweise nur noch den Baubeginns oder die Bauplanung dieses Versorgungsamtes mit. Unsere Straßen, unsere Wohnhäuser kannten viele von ihnen noch nicht. Es waren aber ihre eigenen Baupläne. Erst stoppten die Nazis den Bau. Sie ließen die Pläne unter den Tisch fallen. Nachdem sie dann mit ihren Opfern abgerechnet hatten, holten sie die Baupläne hervor, bauten und ließen sich feiern, als wären es ihre Pläne gewesen.

Vor dem Bau der Speicherhäuser wurden auch viele neue Kasernen gebaut. Insgesamt hatte unsere Stadt neun davon. Das gehörte alles zusammen zur Kriegswirtschaft. Inzwischen sind das glücklicherweise keine Kasernen mehr.

Für die Bauarbeiten der Speicherhäuser wurden Menschen aus dem Elsass und aus Polen geholt. Sie wurden in Baracken untergebracht. Ich weiß nicht, ob sie freiwillig oder unfreiwillig arbeiteten und wie viel sie verdienten. Der Mensch, der diese Speicherhäuser und Kasernen bauen ließ, um unserer Stadt oder sich selbst für damalige Verhältnisse ein gutes Ansehen zu geben, kam an die Macht, nachdem er dafür sorgte, dass ein anderer Bürgermeister ins KZ gebracht wurde. Kein Wunder, dass mir diese Häuser immer unheimlich waren.

Durch den Bau der Speicherhäuser, mussten Landwirte ihre Ländereien verlassen, die allerdings gut bezahlt wurden. Für die Bevölkerung vor Ort hieß dies noch mehr Nahrungsmittelverlust. Ich stehe vor den gewaltigen Trümmerhaufen der alten Speicherhäuser. Alle gesprengt. Es hörte sich an wie Krieg. Der Rest einer Mauer zeigt noch dicke Wände. So zeitlos und vergessen war das hier alles gar nicht. Sturm kommt auf. Ich möchte den Sand nicht an Körper, Kleidung und Gesicht haben, nicht diesen Staub. Ich entferne mich.

Ich drehe ein wenig an der Eichenholzzeitmaschine nach Osten, Süden, Westen und Norden, nur um das Gelände der Psychiatrie zu sehen. Welche Kinder sind noch dort?

Während Andy und Simon, beide dreizehn, immer noch Tag und Nacht aufgebläht fressen, schlafen und sich ganz fürchterlich schlecht und traurig fühlen, hat Jazin, fünfzehn, es geschafft, aus der geschlossenen Station zu entfliehen. Dumm ist nur: Sie finden ihn. Mit Polizeigewalt wird er zurückgeholt. Die Mutter hat das Sorgerecht. Sie will ihn dort lassen, denn Jazin bekommt keine Medikamente. Vier Wochen später wird er in einem Heim untergebracht werden, was die Mutter selbst begutachtete und in dem er therapeutisch betreut wird.

Dann trifft Simon seinen Cousin. Seiner Tante wird versprochen, Lasse wird dort therapeutisch gut betreut und ärztlich beobachtet. Er soll ADS haben. Simons Tante wird seinen Lasse bald wieder aus der Psychiatrie holen, denn die Versprechen waren zu groß und wurden nach Meinung der Tante gar nicht eingehalten. Lasses Eltern haben das Sorgerecht.

Alle Jugendlichen im Haus Zehn, in dem Simon vorher stationiert war, sind in irgendwelche Einrichtungen oder nach Hause gekommen. Nur wenige sind noch dort, die Simon kennt. Die Adventszeit ist gekommen und der dritte dreizehnjährige angebliche Psychose-Patient aus dem Landeskrankenhaus wird schon lange nicht mehr gesehen. Er kam später als Andy und Simon. Er ging früher in eine selbst gewählte Einrichtung. Seine Mutter hat das Sorgerecht.

Ich habe diese Einrichtung besucht und Hussein gesehen. Er ist ohne Medikamente. Zumindest sieht man es ihm nicht an. Ein Platz für Simon wäre frei. Ich spreche mit den Betreuern und erzähle meine Sorgen. Die Leitung würde Simon gerne kennen lernen. Baumgart verweigert und behauptet schon wieder, das Heim wäre entsprechend Simons Krankheitsbild nicht angemessen. Er kennt Simons Krankheitsbild nicht, denn er hat immer noch die unsicheren Diagnoseunterlagen, die nicht aussagefähig sein sollen. Doch er weiß, wie er einer damit Angstgefühle bring und Macht für sich seine Leute. Erregte Diskussionen folgen. Neue Versuche starte ich.

Ich werde Zeitparker sprechen, Simon in diese Einrichtung zu geben. Baumgart will es absolut nicht, und alles wird so gedeichselt, als hätte die Einrichtung jetzt abgesagt, nicht das Jugendamt. Zeitparker behauptet das am Telefon. Ich ahne Böses. Ich ahne: Die Ärzte der Psychiatrie haben abgesagt.


Über den ersten Termin
mit Simon und der Gerichtsgutachterin

Frau Schweiger sieht und sagt offen, Simon gehe es besser, er fühle sich glücklicher in meiner Nähe, sie bekäme mit, was ich alles für ihn tue und das alles sei ihr sympathisch.

Der erste Gerichtsgutachtertermin mit mir und Simon beginnt. Ich stehe zusammen mit der Gerichtsgutachterin im Flur des Landeskrankenhauses. Wir werden zu Simon geführt. Er hängt schwer, schlapp und traurig im Tagesraum. Die anderen Kinder müssen den Tagesraum verlassen. Wir sitzen jetzt alleine an einem großen runden Tisch. Ich habe Zeichenmaterial dabei, doch Simon mit gesenktem Kopf mag nicht zeichnen. Ich erzähle Frau Schweiger, wieso ich darauf komme, Zeichenutensilien mitzunehmen, und erzähle von Simons alten Zeichnungen, von damals, als er noch zu Hause war. Er malte oft Krieg mit rotem Feuer, brennende Menschen und brennende Häuser. Später dachte er sich Pokemonfiguren aus. Dabei hebt Simon den Kopf ein wenig. Er blickt etwas nach oben, ein ganz klein wenig erwartungsvoller. Ich hole zumindest die Zeichenutensilien heraus und ebenso eine Mappe. Simon erkennt sie. Seine alten Zeichnungen liegen darin. Die letzten sind schon zwei Jahre alt. Ich zeige die Zeichnungen und erzähle darüber irgendetwas. Simon zieht jetzt doch die Mappe zu sich und schaut selbst. Alle Zeichnungen sieht er sich noch einmal gründlich an. Wortlos, doch klarer und lebensvoller blickend schiebt er sie wieder zu zurück zu mir. Er will nicht zeichnen. Jetzt nicht.

Da wir aber schon einmal bei Simon und seiner Vergangenheit sind, hole ich noch etwas weiter aus, und erzähle nette Anekdoten über Simon im Kleinkindalter. Simon tut es gut, das alles zu hören. Er soll sich wieder daran erinnern, wer er war, wer er ist und bald wieder werden kann ohne die schon bekannten Hindernisse, - hoffentlich. Er hört immer gespannter zu und findet sich in meinen Erzählungen wieder. Es scheint ihn wacher zu machen. Ich habe ihn lieb, das spürt er. Er fühlt sich geborgen. Das äußert er. Das äußert er vor Frau Schweiger. Er sagt, dass er sich genau in diesem Moment besser fühle. Er hat sichtbar wachere Augen bekommen. Es ist zu erkennen. Auch Frau Schweiger hört nicht nur passiv zu. Sie nimmt ein wenig teil am Gespräch. Sie sieht sich die Zeichnungen noch einmal an.

Nur zufällig habe ich vorgestern Volker kennen gelernt. Er schreibt schöne Geschichten. Volker war im Kulturzentrum und las sie vor. Er ist Hobby-Geschichtenerzähler. Wir trafen uns. Die Geschichte, die er mir dann vorlas, fand ich am schönsten.

Ich erzähle sie Simon jetzt: - „Ein Mädchen, jünger als Simon, musste regelmäßig in Abständen mit seinen Eltern einen Einkaufsbummel in der Stadt erledigen. Erst freute sie sich immer, denn es gab schöne neue Sachen zu kaufen. Bald sah sie weniger Sinn darin, zu Hause neue Dinge auszupacken und die Strapazen der überfüllten Straßen, Geschäfte, Taschen und Busse auf sich zu nehmen. Bis sie einen alten Bettler am Straßenrand entdeckte, der den Trubel beobachtete und eventuell ähnliche Gedanken hatte wie sie. Er sah das kleine Mädchen und diesen Blick vergaß das Mädchen nicht. Sie trafen sich noch einmal und durften sich nicht unterhalten. Die Eltern wollten das nicht. Da gab das Mädchen ihr ganzes Taschengeld für Busfahrten aus, um sich mit dem Bettler zu treffen. Sie erzählten sich viele Dinge, andere Dinge als sonst. Sehr oft redeten sie von Kanada, einem schönen, großen, weiten Land. Der Bettler wusste sehr viel über Kanada. Beide waren niemals da. Doch sie kannten inzwischen zusammen Kanada. Und irgendwann, wenn genug Geld da ist, könnten sie nach Kanada fahren. Als das Mädchen den Bettler wieder einmal besuchen wollte, war er fort. Nicht mehr zu sehen. Das Mädchen suchte überall. Eine Frau im Blumenladen sagte ihr, ihr Freund sei gestorben. Das Mädchen kaufte eine Blume, legte sie auf den Straßenrand, setzte sich daneben und träumte – von Kanada.

.... Bettler und Kind ....

Meine Geschichte endet vielleicht anders als Volkers ursprüngliche, doch Simon sieht hoch, mit großen offenen Augen schaut er mich an. Auch die Gerichtsgutachterin schaut hoch. Sie beobachtet uns. Sie ist sehr verwundert. Dieser Moment hat Zauber.

Jetzt hole ich ein selbst gemaltes Bild aus der Tasche. Der Bettler und das Mädchen sitzen auf dem Straßenrand, haben ganz viel Geld bekommen, könnten nach Kanada. Der Wegweiser zeigt den Weg schon an. Das Bild ist nicht fertig. Simon könnte weiter malen, wie er es sich vorstellt. Simon hat eine Vorstellung und erzählt. Doch er will nicht in das Bild hinein zeichnen. Ich solle eine Fotokopie machen. Dann würde er weiter malen. Beschädigen möchte er das Original nicht.

Jetzt will er wieder malen. Er hat Lust bekommen. Er würde schon. Nur erst wolle er der fertig erzählten Geschichte ein wenig weiter horchen. Es scheint für diese unsere Situation eine sehr gut getroffene Geschichte zu sein. Ich fühle mich ein wenig glücklich in diesem Augenblick.

Nach einer Pause gehen wir alle drei raus, Frau Schweiger Simon und ich, Ilka. Wir gehen durch ein kaltnasses Regenwetter. Ein wenig durch die historischen Straßen der kleinen alten Stadt in der es leider auch so eine schreckliche Psychiatrie gibt. Es gibt hier draußen eine Menge zu sehen. Wir gehen nur kurz durch die kleine Stadt. Simon braucht Haargel, also kaufen wir ein wenig ein. Danach zeigt uns Simon eine Abkürzung, ein paar Höhen und Treppen hoch wieder zum Krankenhaus. Er fängt an zu Klettern und hat Spaß daran trotz seines Gewichtes. Ich mache mit. Die Zeit ist um, und doch war sie voll ausgefüllt. Sie hat Simon ein ganz klein wenig Glück dagelassen. Das sagt Simon auch. Frau Schweiger glaubt ihm durchaus. Auch die frische Luft und das Klettern hat ihm ein wenig gut getan.

Frau Schweiger verabschiedet sich von mir. Sie macht mir Komplimente: „Wie Sie das so hinbekommen haben, in diesem trostlosem Augenblick! Ich mag Sie wirklich gern.“ Das sagt sie mir. Ich schaue uns beide in der Eichenholzzeitmaschine an und erinnere mich noch. Was gibt es jetzt noch zu beweisen? Jetzt kommt Gerechtigkeit. Vielleicht kann sie sogar dafür sorgen, dass ich mit Simon jetzt öfter malen darf und keiner kann mehr sagen, meine Besuche täten Simon nicht gut.

Sogar in der schwierigsten Situation kann ich ihn auffangen. Das braucht manchmal kein Studium. Und auch der nächste Besuch wird ein Erfolg werden. Und Frau Schweiger öffnet sich noch mehr. Sie wird sagen: „Ich bekomme doch mit, was sie alles für den Jungen tun, und wie Sie ihn in dieser Situation auffangen. Ich mag Sie wirklich.“


Simon darf endlich
wieder einmal nach Hause

An einem Sonnabendnachmittag darf ich endlich Simon wieder nach Hause holen. Es gibt wieder Spinat mit Spiegelei zu essen. Simon geht danach raus, er möchte mit seinen Freunden Fußball spielen. Es gelang ihm nicht. Er ist kurzatmig und schlecht in der Bewegung. Seine Freunde, auch Pitt ist dabei, integrieren ihn voll, obwohl sie merken, dass Simon Schwierigkeiten hat. Sehr oft verzieht Simon sich wieder in sein Zimmer, traurig und niedergeschlagen.

Ich soll bei ihm bleiben. Er legt den Kopf auf meinen Schoß und schläft fast. Mehr röchelt und schnarcht er. Er ist so unruhig und kann gar nicht richtig schlafen. Ich streichele ihn. Wenigstens ist er hier. Simon lässt das zu, obwohl er normaler Weise mit dreizehn von seiner Mutter nicht mehr gestreichelt werden wollte. Jetzt schon, jetzt immer.

Simon ist wieder wach. „Simon, ich erzähle Dir zwei Sachen, eine gute und eine Schlechte. Die Schlechte hat auch was Gutes. Gut ist, dass ich durch Micha eine Frau kennen gelernt habe. Wir haben uns getroffen. Sie wollte mir ein wenig helfen und unsere Geschichte hören. Ich habe ihr alle unsere Erlebnisse vom Krankenhaus erzählt. Und, weißt Du. Diese Frau hat zehn Jahre in diese Klinik als Krankenschwester gearbeitet. Sie versucht mich ein wenig zu unterstützen, wenn Sie die Namen ihrer alten Arbeitskollegen erfährt, versucht sie etwas Kontakt herzustellen, der uns vielleicht gut tun könnte.

Sie selbst wollte in einer Psychiatrie nicht mehr arbeiten. Es gefiel ihr nicht, weil sie später mitbekam, dass dort nicht so korrekte Sachen laufen. Sie hat erzählt, dass dieser Dr. Bück lange Zeit, bevor er seine Praxis hatte, selbst Arzt in dieser Psychiatrie war. Wir haben uns in diesen Typen verrannt. Ich mag den nicht mehr. Der hat uns irgendwie verraten und nicht mehr geholfen, als ich um Hilfe bat. Aber das können wir jetzt nicht für uns nutzen. Das müssen wir nur im Gedächtnis behalten.

Gut ist, dass diese Frau manche Krankenschwestern und Pfleger noch gut kennt und überlegt, was sie da für uns machen kann.“

Simon hört einfach nur zu, aber er hört. „Simon, die allerbeste Nachricht ist: Erik hat mich über die Medikamente aufgeklärt, die Du leider zwangsweise einnehmen musst. Er hat erklärt, dass man diese langsam in wenige Mengen irgendwann absetzen muss, und dass Dein Körper dann wieder völlig normal wird. Du wirst wieder normal, nicht so wie Du jetzt bist.“

Simon schüttelt seinen Kopf. Deutlich zeigt er, wie wenig Selbstvertrauen er noch hat. Ich hole Fotos aus einer Kiste: „Simon, schau mal.“ Nein, Simon will nicht. Jetzt geht er in sein Zimmer und will zufriedengelassen werden. Jetzt komme ich nicht mehr richtig an ihn ran. Doch, ich gehe ihm einfach hinterher. Er schmeißt sich auf sein Bett und weint ein wenig, das machte er vorher nie. Frau Schweiger sagte doch, als sie den Trauerkloß im Tagesraum der Psychiatrie sah: „Simon, manchmal ist es gut, wenn man weinen kann. Wenn Du Dich so schlecht fühlst, weine doch einfach ein wenig.“ Nein, das tat er nicht.

Jetzt weint er ein wenig. Ich sitze vor seinem Bett, in das er sich gerade fallen gelassen hat. Ich hatte nicht erwartet, dass er mir nicht zuhören konnte, wenn ich von ‚Besserfühlen‘ rede. Ich hatte nicht erwartet, dass er mir nicht zuhören konnte, wie die boshaften Medikamente wieder abgesetzt werden können: ‚nur kleine Mengen weniger‘. Er fängt an zu schlafen. Jetzt schläft er wirklich ruhiger und besser. Er hat ein wenig Chinaöl, ein Pfefferminzöl, mit einem Q-Tipp in die Naselöcher verabreicht bekommen. So atmet er besser.

Ich sitze da, mit älteren Kinderfotos in der Hand. Ich möchte ihm erklären, wer er früher gewesen ist und das er das nie vergessen darf. Ich zeige dem Schlafenden nach und nach die Fotos. Doch den Rücken zu mir zugedreht, schläft er weiter. Wie eine Figur bleibe ich sitzen, mit einem Foto in der Hand zu ihm zeigend. Die anderen Fotos halte ich in der anderen Hand gesenkt. Die Tränen rollen mir herunter, aber ich habe mir fest vorgenommen, ich zeige ihm die Fotos so lange, bis er aufwacht.

Ich weiß nicht wann, irgendwann öffnet er die Augen. Er guckt mich an: „Was willst Du denn?“ Er sieht meine Tränen herunterlaufen. Mir ist das egal. Ich zeige mit einer Hand immer noch das Foto hoch. Ich sage: „Ich bin traurig, wenn Du Dir die Bilder hier nicht anguckst.“ Er zieht mir das Foto aus der Hand: „Wer ist das denn. Der lächelnde Typ da, muss ja irgendwie gekifft haben.“ Er nimmt die restlichen Fotos aus meiner anderen Hand, schaut sie sich an und sagt: „Doch, das sieht man. Der Kerl da hat gekifft.“

Ich antworte jetzt: „Ich weiß nicht, ob der Kerl gekifft hat. Auf jeden Fall war das ein Super – Schlittschuhläufer. Und er hat sich sauwohl gefühlt, als er auf seinen Schlittschuhen die Teiche überquerte. Als er lernte, alle Huckel und alle Hindernisse zu überwinden. Erinnerst Du Dich daran?“

„Ja!“ Simon erinnert sich „Erinnerst Du Dich, wie schnell Du das lernen konntest? Während alle anderen noch vorsichtig und zögernd an die Sache gingen, hast du die Schlittschuhe das erste Mal angezogen und bist losgeflitzt. Weißt Du jetzt wieder, wer Du bist?“ Simon zeigt ein wenig Lächeln, was nicht wirklich Lächeln ist und sagt: „Der Kerl da hat gekifft.“

Ich antworte: „Egal, Du musst mir nur versprechen, dass Du das in Erinnerung behältst, was für ein guter Skater und Inline-Renner Du warst. Durch die ganze Stadt bist du gerollt und wie Du Deine Judogürtelprüfung hinbekommen hast, erzähle ich dir noch. Das bist Du! Auch wenn du dich jetzt nicht so fühlst. Du sollst Dich nur immer wieder daran erinnern. Versprich mir das?“ Ich warte auf seine Antwort. Er sagt: „O. k., das verspreche ich Dir.“ Ich schaue prüfend auf ihn: „Es kommt wieder! Auch, wenn Du jetzt nichts davon wissen magst.“

Viel Zeit haben wir nicht mehr zusammen. Gregor kommt, obwohl er erst nicht mehr wollte. Er fährt uns zurück zum Krankenhaus. Ich packe wieder eine Menge Obst und Zitronen ein. Aber auch Chinaöl gegen seine Atemnot. Es hat gut gegen die trockene verstopfte Nase und die Kurzatmigkeit geholfen. Im Auto unterhält sich Gregor mit Simon: „Was alles schlecht gelaufen und schlimm ist, Simon, das habe ich von Deiner Mutter gehört. Gibt es denn jetzt etwas, was gut ist? Irgendetwas da im Krankenhaus muss gut sein? Überlege mal. Kannst Du Dich über irgendetwas freuen? Gibt es etwas Nettes dort?“ Simon überlegt. Es ist schon akzeptabel, was Gregor da meint. Ich halte mich aus deren Gespräch heraus. Plötzlich ruft Simon aus: „Ich habe wieder Lebensfreude, die Medikamente lassen nach, mit ihrer Wirkung.“ Ein wenig erleichtert, das zu hören, und weil ich feststelle, Simon kann wieder anders werden, meine ich: „Simon siehst Du, dass wollte ich Dir erklären, wenn die Medikamente wegbleiben, kannst Du wieder der Alte werden. Merke Dir das. Das sagte mir Erik. Niemals vergessen! Ich weiß immer noch nicht wann. Irgendwann wirst Du aber das Krankenhaus verlassen können.

Ich tue alles, was möglich ist. Es kann nicht mehr lange dauern.“ Ich unterhalte mich noch mit der Krankenschwester, aber auch Gregor und Simon unterhalten sich mit der Krankenschwester. Simon zeigt zufrieden die große Tüte Obst. Das hatten wir schon mal und ich bekomme Angstgefühle. Die Krankenschwester findet alles o. k. Ich ziehe mich zurück. Ich kann nicht mehr alles doppelt erleben und tun, als wäre da nicht schon mal etwas Schlimmes passiert. Sie wünscht Gregor und mir eine gute Heimfahrt. Aber Simon steht neben ihr. Ich steige aus umarme ihn und sage: „Ich habe Dich lieb.“ – „Ich Dich auch, Mama“, sagt er.

Die Eichenholzzeitmaschine ist wohl ein wenig zu hektisch gelaufen, denn sie hat ein paar Informationen verschluckt. Als ich Simon an diesem Tage abholte, gab mir die Krankenschwester die Pillen mit. Sie drohte fast, dass Simon die Tabletten ja nehmen müsse. Ich versicherte ihr, die auch zu geben, alles andere sei mir zu riskant, denn ich kenne mich damit nicht aus. Außerdem könne dies eine neue Besuchersperre zur Folge haben, die ich ebenfalls nicht riskieren möchte. Damit war sie zufrieden. Erik sagte mir, wenn …, dann nur von den kleinen Pillen ein Viertel weniger geben, alles andere sei riskant, jedenfalls jetzt. Ich wusste nicht, wie ein Viertel von den kleinen Dingern wegnehmen. Ich schlug mit dem Hammer drauf und hatte Krümel und Pulver. Ein Drittel von der kleinen zerhauenen schmiss ich weg, den Rest gab ich Simon. Das Resultat zeigte sich ihm Auto, - eventuell oder bestimmt.

Davor klärte mich Erik über die Medikamente auf und meinte, wenn Simon diese Dinger dann ausschleichen lässt und medikamentenfrei wird, könne er der gleiche werden wie vorher, und er bleibe nicht so aufgeschwemmt wie jetzt. „Dein Junge ist nicht das Monster. Er mag nur so aussehen. Monster sind die, die mit Euch so umgehen oder es zulassen.“


Über den zweiten Termin mit Simon
vor der Gerichtsgutachterin

Frau Schweiger versichert mir ein zweites Mal, wie sympathisch ihr unsere Zusammenkunft erscheint und die Art, wie ich Simon in seiner Situation auffinge.

Nach diesem Sonnabend kommt der zweite Termin zur Beobachtung von Simon und Ilka. Es wird geprüft, wie gut sie miteinander umgehen können oder so.

Wieder sitzen wir im Tagesraum und eine große Bedrückung ist zu spüren. Dann fängt Simon an zu erzählen, dass Dr. Stampfstein wieder verboten hat, Simon sonnabends nach Hause zu lassen. Ich wusste bisher nichts davon. Das konnte die Gerichtsgutachterin merken. Denn jetzt hört sie mit und beobachtet die bedrückende verzweifelte Stimmung bei mir und bei Simon. Sie sieht, wie ich damit umgehe, wie ich meine eigene Stimmung darüber verberge.

Ich kläre die mit mir zusammen an einem Tisch Sitzenden so ruhig es geht auf: „Man hat mir nichts gesagt und natürlich auch keine Begründung dafür gegeben. Ich weiß nicht warum. Das spricht nicht für die Psychiatrie. Wie so manche Sachen hier laufen, so nennt es Herr Tannen dubios. Es kann aber nicht mehr lange dauern, dann kommst Du hier raus, Simon. Trotzdem versuche ich noch einmal mit den Schwestern oder dem Arzt zu reden. Vielleicht helfen die Schwestern, dass Du doch nach Hause kannst. Mal sehen.“ Ich dachte gerade an die Frau, von der ich Simon am Sonnabend erzählte, ob sie vielleicht helfen kann. Simon schweigt. Ich dachte, vielleicht hilft jetzt die Gerichtsgutachterin, sie sieht die Situation in der wir ständig stecken.

Dann erzählt er noch, dass sein Großvater gestorben ist. Alle schweigen. Simon quält sich auch wegen des Vorwurfs seines Vaters, das sagt er. Simon sei nicht einmal bei ihm gewesen, wird ihm vorgeworfen. Daraufhin sage ich: „Er ist sicher nicht fort gegangen, ohne noch einmal ganz kräftig an Dich gedacht zu haben, da bin ich mir ganz sicher, er hat bestimmt ganz lieb an Dich gedacht.“ Dann schweige ich wieder und sehe, wie und was ich da sage, ist o. k. und tröstend für Simon. Es war weder zu viel noch zu wenig Gesagtes. Aber ich sage dann noch mal: „Es tat ihm gut, dass es Dich gibt, auch wenn Du nicht da warst. Er hat sich von Dir verabschiedet. Du solltest ihm auch noch mal was Nettes sagen, so in Gedanken und dann kannst Du Dich verabschieden. Wollen wir das zusammen machen?“ Nein, das möchte er alleine machen, denn es sei ja nicht mein Vater. Er weiß, dass ich selbst durch die Vorfälle ein gespaltenes Verhältnis zu der Familie habe. Frau Schweiger meint: „Simon, weine doch ruhig mal. Manchmal hilft das auch.“

Aber weinen, das tut er nicht, ein wenig beruhigt ist er doch. Es ist irgendwie ein ganz besonderes Glück, das Frau Schweiger das jetzt so miterlebt, denke ich. Ich habe Spiele mitgebracht, die schon auf dem Tisch liegen und eine Weile trübsinnig angeschaut werden. Dann wird aber doch noch gespielt. Es wird sogar einigermaßen entspannend und auflockernd zugehen. Als ein Spiel plötzlich doch ganz lustig wird, bieten wir Frau Schweiger an, mitzuspielen. Sie tut es und sie lacht dabei. Wir alle lachen ein wenig über die Ergebnisse. Jeder oder jede gewinnt einmal. Das läuft alles ganz gerecht ab.

Wir gehen alle raus in das unfreundliche Wetter. Und gewöhnen uns daran, es tut gut. Ich beschreibe Simon, wie und wo ich den leichten Wind gerade spüre und wo ich ihn am liebsten mag und frage Simon, wo er ihn spürt, an der Nase? Den Ohren vielleicht oder am Hals? Er hört mir zu und nimmt das an, verrät mir aber selbst nicht, wo er den Wind am liebsten mag. Simon hat sein Skateboard mitgenommen und trägt es unterm Arm. Ein wenig probiere ich mich auch mit seinem Skateboard aus, halte mich aber auch wegen der Gerichtsgutachterin etwas zurück.

Wir sind wieder im Tagesraum. Ich schenke Simon ein kleines Taschenbuch. Hier wird gezeigt, wie aus Quadraten, Quader, Dreiecke, Kegel und Kugeln auf Papier, Tiere entstehen können. Am Ende werden diese gut und trickreich ausgemalt bis ein richtig fachmännisches Gemälde daraus wird. Simon behält dieses Buch, weil ich ihn dazu überrede. Eigentlich soll ich alles mit nach Hause nehmen, was er hier noch hat. Schon oft hat er Sachen gepackt, die nach Hause sollen. Frau Schweiger sieht, wie Simon mir seine Sachen mitgibt und kaum noch etwas bei sich in der Klinik haben möchte. Leider ist die Zeit vergangen. Der Beobachtungstermin ist vorbei. Das heißt, ich muss mich wieder von Simon trennen. Frau Schweiger spricht locker und herzlich ihre Komplimente für mich aus. Sie hört, ich bin mit dem Fahrrad gekommen. Sie hätte mich gerne mit ihren PKW mitgenommen, doch dann, wenn dies jemand beobachte, könnte ihr Befangenheit unterstellt werden. Ich erkläre ihr, ich fahre gerne Fahrrad und heute nur die Hälfte der Strecke, denn mein Vater hat eine Partnerin, die in der Nähe wohnt. Die beiden besuche ich jetzt. Wir trennen uns, ohne dass ich weiß, weshalb ich schon wieder eine Besuchersperre bekomme, aber das hatte Frau Schweiger jetzt gehört. Sie hat gemerkt wie bedrückend Simon darauf reagierte. Und wie hilflos und schuldlos wir auf diese Weise gemaßregelt werden. Sie war unmittelbar dabei.

Ich schreibe Frau Schweiger einen Brief:
- Sehr geehrte Frau Schweiger, vom Krankenhaus und vom Jugendamt fühle ich mich ausgesperrt. Man versucht kein klärendes Gespräch, das Simon und mir gut tun würde. Der Richter kann nicht nachvollziehen, weshalb ich anstelle des Jugendamtes einen anderen Betreuer für Simon wünsche, obwohl ich alles schriftlich erklärte. Simon sitzt dort, ich hier, ich kann ihm nicht helfen, und er braucht mich.

Letzten Donnerstag hatte ich einen Gesprächstermin mit Dr. Stampfstein. Er war nicht selbst dabei. Frau Mull führte das Gespräch mit mir. Ich sprach die Medikamente nicht an. Nur die Besuche, denn ich glaube, Simon hätte mich sonst nicht besuchen dürfen. Simon sollte mich am Sonnabend einen halben Tag besuchen dürfen. Er sollte auch Weihnachten kommen dürfen, den vierundzwanzigsten und fünfundzwanzigsten Dezember. Ich hörte von Simon in Ihrer Anwesenheit das erste Mal, dass wir wieder Besuchersperren bekommen haben. Ich hoffte auch, Frau Weidmann wird mir diesmal helfen können, aber Dr. Stampfstein annullierte auch dieses zuerst festgelegte Gespräch wieder.

Am Freitag war ich am Nachmittag beim Elternkaffee im Krankenhaus. Am Sonnabendnachmittag letzter Woche durfte Simon mit mir nach Braunschweig fahren. Wir verbrachten den Nachmittag so gut es ging. Denn die Wirkungen des Medikamentes quälten Simon. Ich äußerte mich nicht negativ über das Medikament. Wir wurden pünktlich ins Krankenhaus zurückgefahren. Simon erzählte im Auto, jetzt habe die Wirkung des Medikamentes nachgelassen, er würde wieder Lustigkeit und Lebensfreude verspüren. Und er erzählte plötzlich viel mehr und lebhafter.

Frau Weidmann schlug einen runden Gesprächstisch für alle beteiligten Personen vor, damit für alle klar wird, was ist und was sein wird. Dr. Stampfstein fand den Gedanken gut. Er schlug den Monat Januar vor. Also soll Simon bis mindestens Januar in dieser Psychiatrie bleiben? Oder wollte er mich wieder provozieren? Die Medikamentenumstellung und die ständige Erhöhung wurden nicht erklärt. Dr. Stampfstein versprach, dass vorgesehen ist, diese wieder herunterzusetzen. Er sagte nicht, wann das sein wird. Ich glaube das alles nicht mehr.

Heute erklärt Simon am Telefon, wie schlecht es ihm geht. Er könne sich in der Schulstunde nicht mehr konzentrieren. Den ganzen Tag tue er nichts als sich zu quälen. Er selbst sagt, wegen der Medikamente, und ich befürchte, er bekommt noch mehr, was ja angedroht wurde, weil es einfach hausintern gemacht wird. Mit weniger Solian ging es ihm Mitte Oktober besser und kein Arzt will das mehr wissen und keiner, der Simon helfen könnte, will davon mehr wissen.

Personen, die mich unterstützen wollen und wollten, werden nach und nach ausgeschlossen. Was kann ich denn nur für Simon tun? Wie lange soll das so weitergehen? Können Sie mich verstehen? Mit freundlichen Grüßen - Ilka Hölzer


Telefongespräche auf Band heimlich aufgenommen beweisen die Unart der Behandlungsweise, aber auch die widersprüchlichen Behauptungen des Psychiaters. Lieber mache ich mich strafbar, als diese Alibi nicht zu haben.

Frau Mull spricht zu Hause auf meinen Anrufbeantworter bezüglich des Wochenendurlaubes an dem Simon nicht kommen soll: - „Ich rufe in Vertretung von Dr. Stampfstein an. Wir wollen Ihnen mitteilen, dass der Simon nicht gut drauf ist. Sicher auch wegen dem Tod des Großvaters, so dass wir sie bitten an diesem Wochenende zu Besuch zu kommen, anstelle eines Tagesurlaubs. Also wie gewohnt am Samstagnachmittag und dann zu Besuch. Sie werden heute Dr. Stampfstein nicht erreichen können. Wenn Sie Fragen haben, können Sie sich auf der Station melden oder morgen bei Dr. Stampfstein. Ja? - Pause – o.k. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Es ist nur so, dass es Simon in den letzten Tagen nicht so gut geht, und da möchten wir ein Auge auf ihn haben. Danke schön! Tschüss!“

Das also wussten sie schon am Donnerstag, es ist doch noch Donnerstagabend. Sonnabend könnte alles ganz anders aussehen. Ich soll mich an Dr. Stampfstein wenden, so die Krankenschwestern, zwar ungern, aber mit Herzklopfen und Ekel.

Ich rufe also trotz allem Dr. Stampfstein an: - “Stampfstein, Haus Acht.“ - „Ja, guten Tag, Frau Hölzer“ - „Ja!“ - „Herr Dr. Stampfstein, ich habe mal eine Frage, denn ich habe gehört, Simon soll am Sonnabend nicht kommen.“ - „Nein, das hatte ja Frau Mull versucht mit Ihnen zu besprechen. Er hat sich doch ein bisschen verschlechtert nach dem letzten Tagesurlaub und ich würde Sie bitten, morgen nur eine Stunde zu Besuch zu kommen, jaaa? - Das werde ich auch nicht mit Ihnen in Frage stellen, - jaaa? Ich möchte auch nicht diskutieren mit Ihnen.“

„Wie? Moment, nach meinem Wochenende?“ - „Jaaa, das ist objektiv. Das können Sie mit allen Kollegen besprechen. Ich bitte Sie auch nicht mehr dieses ganze Zeug – eh – äh - Öl mit auf Station zu nehmen.“ - “Welches Öl?“ - „Sie haben dem Jungen irgendwelches Rosenöl oder so was mitgebracht. Machen Sie es biiitte nicht wieder, jaaa.“

„Ich habe ihm Chinaöl mitgegeben.“ - „Jaach, Machen Sie es bitte nicht, jaa?“ - „Warum?“ - „Ich denke Medikamente, auch Chinaöl ist ein Medikament, bekommt er von uns und nicht von Ihnen, jaa?“ - „Warum darf ich Simon nicht besuchen, glauben Sie denn ...“

„Sie dürfen ihn besuchen, eine Stunde und nicht länger.“ - „Glauben Sie denn, dass das für sein Seelenleben immer so gut ist? ...“ - „Ja, ich glaube, das ist besser. Er hat sich deutlich verschlechtert nach dem letzten Tagesurlaub bei Ihnen. Das ist ganz deutlich geworden.“ - „Das kann ja wohl nicht ...“

„Das wir da unterschiedliche Meinungen haben, das ist mir bewusst, aber das ist meine Einschätzung, die Einschätzung des Teams, die Einschätzung der Oberärztin, Frau Dr. Ramm, die Einschätzung von Dr. Niemeyer und auch die Einschätzung von Frau Mull ... und auch die Einschätzung Ihres Sohnes, das muss ich Ihnen mal ganz offen sagen.“

„Ich bin sehr erstaunt, und ich bin auch schon acht Monate sehr erstaunt über dieses ‚Krankenhaus‘.“ - „Das besprechen Sie bitte mit Frau Dr. Ramm, mit Herrn Dr. Niemeyer, aber nicht mit mir.“


Bei jedem Satz diese hässliche Verachtungsbetonung. Mein Blut kocht über, mein Herzschlag rast, diese abgründige Stimme, die ständig am Satzende bis tief in den Boden geht und andere Menschen beleidigen will. Die schlimmste Menschenverachtung, die es je gab. Dieser ist ein Arzt von einem Landeskrankenhaus. Und ich habe ein Band, auf dem er gesprochen hat.

Dieses Monster machte Aussagen, die Frau Mull nicht sagen wollte, und sie hatte den Besuch auch nicht auf eine Stunde begrenzt.

Am Sonnabend gehe ich zum Krankenhaus, um Simon zu besuchen. Keine der Schwestern achtet auf die Zeit, ob es wirklich eine Stunde ist, die ich da bleibe, wollte keine wissen. Sie sind nett und hilfsbereit. Sie boten mir diesmal eine Tasse Kaffee an. Doch frage ich irgendetwas, sind sie darauf programmiert zu meinen, ich müsse mich an Dr. Stampfstein wenden. Sie kommen mir in einem Rahmen entgegen, den sie verantworten können, so kommt es mir vor.

Aber wissen die, wie das ist, mit Dr. Stampfstein zu sprechen: „Mit diesem Herrn rede ich nicht mehr“, sage ich, doch vielleicht muss ich mich doch irgendwann noch einmal für Simon überwinden.

Simon sitzt in seinem Zimmer, wir spielen mit winzig kleinen Skateboards. Simon hat aus Pappe Bahnen gebastelt. Dann malen wir beide aus verschiedenen Buchstaben bunte Skater. Jede der gemalten Figuren im Comicmalbuch bekommt einen witzigen Spruch. Dann braucht Simon noch etwas Trost. Simon sagt: „Warum kann ich nur glücklich sein, wenn Du da bist.“

Wir spielen weiter: „U, ei, sage das Frau Schweiger, Simon. Sage das den Schwestern, Simon, immer wieder mit Geduld.“ Aber egal, sie haben es eigentlich gesehen. Was wird eigentlich noch erwartet?


Nach meinem Besuch
spricht eine Krankenschwester am Telefon

Ich rufe in der Psychiatrie an und frage eine Krankenschwester nach dem Besuch: „Ich wollte fragen, hm. Ich mache es telefonisch, weil ich es nicht vor Simon fragen wollte, warum Simon das Chinaöl nicht haben darf?“ Die Krankenschwester meint: „Das kann ich Ihnen nicht sagen, Frau Hölzer. Simon ist nicht in meiner Gruppe, und dann möchte ich Sie auch bitten, das mit Dr. Stampfstein zu besprechen.“

Doch dann sagt sie weiter: „ Ich weiß zum Beispiel, dass er es gestern Abend bekommen hat.“ - „Er hat das Chinaöl gestern Abend bekommen?“ - „Ich meine ja.“ - „Heute hat er gesagt, es wurde ihm weggenommen.“ - „Er darf es nicht in seinem Zimmer haben. Es liegt bei uns im Dienstzimmer. Das hat aber nichts damit zu tun, dass er es nicht bekommen hat. Nur es ist bei uns unter Verschluss, weil wir auch kleinere Patienten haben, die das zum Beispiel trinken würden.“ - „Danke, ich bitte Sie nur, geben Sie es ihm. Es ist besser für seine Nase und die Atmung.“ - „Ja, ja, wir haben es ihm auch gegeben. Das kriegt er jetzt regelmäßig. Alles klar?“ – „Ja, o. k. alles klar, danke schön.“ Beide sagen wir: „Tschüss!“

Sie war nett. Sie wollen mich gar nicht so behandeln, wie das Untier Dr. Stampfstein. Ich weiß jetzt, dass Simon das Chinaöl bekommt. Die Krankenschwester wird dafür sorgen, egal, ob sie vorher daran gedacht hatte oder nicht. Nach unserem Gespräch wird sie es Simon geben. Nachdem Erik das Band abgehört hatte, meinte er: „Halt Dir die Krankenschwestern warm.“ Ja, ich tue das. Aber sie reden und winden sich alle so heraus. Was Dr. Stampfstein erzählt, kann die Gerichtsgutachterin nicht bestätigen. Das ist wichtig.


Im Jugendamt vor Baumgart
stehe ich mit meinem Diktiergerät
und dem gesammelten Bandmaterial

Baumgart wollte die
aufgenommenen Bänder nicht hören

„Guten Tag, Herr Baumgart. Ich kann Ihnen jetzt ganz deutlich machen, wer dieser Dr. Stampfstein ist. Ich habe hier ein Diktiergerät und zwei kleine Bänder. Bitte hören Sie, wie er mit mir redet, wie er lügt und ganz andere Sachen erzählt als die Krankenschwestern oder die Psychologin.“ Baumgart wird ernst: „Sie haben Gespräche auf Band aufgenommen? Sie wissen, dass das verboten ist?“ Baumgarts Gesicht wirkt erschrocken und ernst. Nein, Baumgart will diese Bänder nicht abhören. Er warnt mich, ich möge dieses Bandmaterial vernichten. Das sei strafbar, mir könne deswegen etwas passieren. Er ist ernst. Ich fange an zu lachen. Plötzlich muss ich lachen. Ich konnte nicht mehr aufhören. Ich sehe mich dabei in der Eichenholzzeitmaschine. Ich lache und sage Baumgart: „Herr Baumgart, was kann mir denn noch passieren?“


Frau Schweiger hört
sich die Bänder an

ganz genau und ausgiebig
Sie akzeptiert offen meine Ratlosigkeit

Frau Schweiger hört sich die Bänder an und vermutet: „Sie wissen, dass es verboten ist, doch Ihre Hilflosigkeit lässt das wahrscheinlich zu.“ Sie hat wohl Recht und es kommt nicht darauf an, was legal oder illegal ist. Es ist das geringere Übel. Der Anschlag auf uns ist ein größeres Übel. Nur das will ich zeigen können. Wer das in solch einer Situation nicht akzeptieren will, dem ist nicht zu helfen. Doch welche Alibis gibt es noch? Wie viele werden gebraucht? Es fehlt wohl nur der gute Wille seitens der Verantwortlichen. Ich erkläre, was ich Frau Schweiger schon einmal schrieb: „Ich habe vier Menschen mit einer Psychose kennen gelernt.“ Frau Schweiger möchte mehr darüber wissen. Es war die Freundin, die Frau Schweiger selbst einen Brief schrieb, als Zeugin und zur Aufklärung über das Medikament Leponex.

Ich erzähle über die differenzierten Symptome der vier erkrankten Menschen, meiner Freundin, eines Freundes, eines Kumpels und eines Mannes, den ich nur mit Abstand an mich heran lasse. Bemerkenswert war dabei immer, bei allen machte sich die Erkrankung an einem Angstpotenzial bemerkbar, das vorher schon bei jedem Umgekippten vorhanden war. Frau Schweiger hört mir zu.


Henry und ich
sollten uns jetzt vor der
Gerichtsgutachterin unterhalten

Frau Schweiger machte Henry darauf aufmerksam, Gesundheit und Wohlergehen des gemeinsamen Sohnes würden hochgradig beeinträchtigt, wenn er Sohn und Mutter trennen sollte.

Denn wir sitzen bei einem letzten Termin. Sie möchte uns beide beobachten, wie wir uns unterhalten, wenn es um Simon geht. Wir sitzen hier in ihrer Praxis. Die Eichenholzzeitmaschine zeigt es mir wieder. Das ganze findet kurz vor dem Gerichtstermin statt. Zumindest bewegt sich was, und es muss endlich in die richtige Richtung gehen. Nichts ist zeitlos und zwischen meterhohen Wellen und Schluchten, zwischen Glück und Unglück und dem ständig wiederkehrenden plötzlichen Zusammenbruch einer hoffnungsvollen Linie sitzen wir jetzt bei Frau Schweiger, Henry und ich. Wir fangen an. Er ist überhaupt nicht fletschig und herabsetzend. Heute nicht.

Frau Schweiger bringt sich ein. Sie hält eine lange Rede, die Rede „Wie finde ich nach Rom? Rom muss erreicht werden.“ Doch die Rede kenne ich schon. Sie kann lang werden.

Moment, es hieß, wir beide, Henry und ich sollen sich unterhalten. So war es doch geplant. Auch Henry schien die Rede zu kennen. Er unterbricht mit den Worten: „Was soll das, Frau Schweiger? Wollen Sie uns jetzt auf humane Art und Weise klarmachen, dass es kein Sorgerecht oder für irgendwen kein Sorgerecht gibt?“ Ich bin einverstanden mit dem, was er sagt. Die jetzt entstandene Gesprächspause nutze ich und rede mit dem Vater: „Ich habe sehr große Angst, und es macht mich sehr kaputt, deswegen, weil ich glaube, man möchte keinem der Eltern das Sorgerecht geben. Wie Du, Henry, es selber gerade angesprochen hast. Du befürchtest das also auch. Meine Phantasie geht so weit, dass ich denke, es könnte passieren, dass Simon in irgendwelchen Kliniken gequält wird, bis er achtzehn ist. Danach kann er staatlich entmündigt werden, und sie machen weiter. Wir können ihn nie mehr wieder da heraus bekommen. Mir wird übel bei diesem Gedanken, das muss ich nicht erklären. Ich habe große Angst, dass keiner von uns die Gesundheitsfürsorge nach diesem Gerichtstermin in der Hand hält und Simon immer noch weiter anderen Leuten ausgeliefert ist. Simon könnte ein Leben lang nicht heraus kommen. Keiner von uns kann dem Jungen weiter helfen. Könnte so etwas passieren. Ich lebe seit einiger Zeit in dieser Horrorvision. Diese Vorstellung ist nicht abwegig nach dem, was wir erlebten. Ich finde, es ist jetzt ganz wichtig, dass überhaupt einer der Eltern das Sorgerecht bekommt und sich um Simon ganz intensiv kümmern kann. Einer, der schaut, was los ist. Ich möchte Dich fragen, Henry, wie viel Chancen räumst Du Dir ein, das Sorgerecht zu bekommen?“

Das schätzt Henry aber immer noch ganz anders ein als ich. Das hatte ich nicht erwartet. Da verdrängt Henry so viel, um das glauben zu können. Kämpft er in dieser Situation immer noch? Dann kämpft er für sich alleine. Dann kämpft er für den Untergang. Dann merkt er nicht mehr, sein Kampf zerstört alles was noch steht.

Aber er hat mich geduldig aussprechen lassen, obwohl er nicht wollte. Er hat auch die Frage gehört. Henry ergreift das Wort. Er spricht mit Frau Schweiger, nicht unbedingt mit mir. Er spricht deutlich mit Frau Schweiger. Sie geht aber darauf ein. Sie sprechen jetzt beide über das Zusammensein mit Henry und Simon und die Beobachtungen von Frau Schweiger. Frau Schweiger meint: „ Erst dachte ich ja auch, das geht daneben. Erst viel später kam Wärme auf.“ Beide lockerten sich mit einem Lächeln.

Henry sagte noch etwas dazu. Ich verstehe genau, wovon sie reden. Sohn und Vater wurden oft zusammen gesehen. Beziehungslos gingen sie durch die Straßen. Simon watschelte immer teilnahmslos und unglücklich hinter seinem Vater her. Oder sie gingen nebeneinander mit Abstand. Henry demonstriert dabei seine Eile als kontinuierlich arbeitender Mensch, - gestresst. Um etwas Lockerheit wegen der Beobachtung von Frau Schweiger hereinzubringen, fängt Henry an, Simon ein wenig zu treten und zu schubsen, nichts Neues, das kenne ich. Das Treten und Schubsen hat er schon öfter früher als Spiel für Simon benutzt. Eine Aufforderung für ein kleines Gerangel, damit wurde der Spaziergang also aufgelockert.

Was Frau Schweiger in kurzer Zeit erlebt, war allgemein bekannt, die Bezugsperson zu Simon bin ich. Keinen Bezug hat Simon zu seinem Vater. Das ist allen bekannt. Das erklärte Frau Mull, die Psychologin der Psychiatrie. Davon erzählt Herr Tannen und andere Bekannte. Das wissen auch Krankenschwestern und Pfleger. Das verriet mein Kapuzenpulli, den Simon immer noch fest bei sich hat, weil er von mir ist.

Frau Schweiger spricht jetzt auch den Part mit dem Pulli an, den Simon in der Klinik für sich beansprucht und sich darin einkuschelt. Und erklärt Henry wieder eindringlich: „Herr Hölzer, Sie können Mutter und Sohn nicht voneinander trennen. Da ist eine Bindung. Werden die beiden getrennt, geht es beiden nicht mehr gut. Es ist eine ganz fragile Gegebenheit. Geht es der Mutter schlecht, geht es dem Sohn schlecht und umgekehrt.“ Nett von ihr. Sie begreift ja alles und sagt es laut. Was soll schief gehen, bei diesem Gerichtstermin? Alle wissen, was Simons Vater vorhatte und vorhat. Allein das ist wichtig, um richtig agieren zu können.

Unterhalten sollen sich Vater und Mutter, nicht Frau Schweiger, sie wollte zuhören. Aber das klappt wohl nicht richtig. Ich versuche jetzt zu erzählen, was ich plane, wenn ich das Recht wieder habe, für Simon zu sorgen. Ich halte auch gleich Blickkontakt zu Henry und zu Frau Schweiger, nun ist sie ja eh als Gesprächsteilnehmerin integriert, das hat sie ja selbst organisiert. Sie hätte sich eigentlich raushalten müssen. Sie war es doch gewöhnt, diszipliniert zu handeln. Oder nicht? Vielleicht benimmt sie sich immer so, wenn sie Eltern bei ihrem Gespräch beobachten soll. Sie hat sich immer darauf eingelassen und mitgeredet, anstatt daraufhin zuweisen, dass sie nur ein Gespräch zwischen Vater und Mutter beobachtet und sich nicht einmischt. Dabei hat sie versäumt, Vater und Mutter wirklich zu beobachten. Es wäre spannend für sie. Henry ist nicht so bereit, mit mir zu reden oder Blickkontakt zu halten. Aber, vielleicht ist bekannt, wie so etwas bei uns abgelaufen wäre.

Ich erzähle, was ich plane, wenn Simon bei mir zu Hause bleiben kann. Wie ich gesundheitlich und schulleistungsmäßig vorgehe. Ich erzähle, wie ich mir das vorstelle, wenn Simon in eine Einrichtung kommt und wie wichtig ich es finde, das Sorgerecht nicht zu verlieren. Ich beschreibe, wie Simon sich fühlt und leidet, wenn, wenn das Sorgerecht kein Elternteil bekommt.

Ich erkläre, wie es mir dabei ergehen wird. Alles, was Frau Schweiger schon kennen dürfte, versuche ich noch einmal zu erklären. Aber Henry hört noch zu und er unterbricht nicht. Er schaut Frau Schweiger an und wartet, bis er wieder an der Reihe ist. Ich komme dazu, mein Gespräch zu Ende zu bringen. Ich ende damit, wie stolz Simon sein wird, welche Sicherheit er haben wird, wenn seine Mama, die hier ständig verloren hat, jetzt doch noch das Sorgerecht bekommt. Das ist kein Geheimnis. Ich habe es ja eingeklagt. Henry auch. Deswegen sitzen wir hier.

Simon wünscht sich die erste Möglichkeit meiner Planung. Er möchte selbstverständlich nach Hause zu mir und sagt das allen. Er möchte nicht ins Heim, nach dem, was er in der Psychiatrie erlebte. Der Rechtsanwalt weiß das. Er spricht auch gelegentlich mit Frau Schweiger.

Ich schreibe dem Anwalt meine gewünschten Ziele auf, die speziell für den Anwalt sind, nicht für Frau Schweiger: „Einer der beiden Elternteile sollte Simon heute oder morgen aus der Psychiatrie holen können. Simon wartet bereits. Sollte ich selbst über das Sorgerecht nach dem Termin verfügen, gäbe es folgende Möglichkeiten und Alternativen, um Simon gut aufzufangen:

Donnerstag hat eine psychiatrische Praxis in Braunschweig offene Sprechstunde. Ich kann diese mit Simon besuchen. Frau Dr. A wird Simon weiter behandeln. Sollte es über Weihnachten Probleme geben, könnte Simon von Herrn Erik Mayer betreut werden. Er ist Arzt, der ebenfalls Erfahrung in einer psychiatrischen Kinder- und Jugendklinik gesammelt hat.

Notfalls wäre ich auch bereit, Simon zurück zur Psychiatrie zu fahren, wenn ich das Sorgerecht habe und Simon wieder mitnehmen darf. Das stimmt zwar nicht, aber ich behaupte das.

Solange für Simon noch keine therapeutische Tagesklinik gefunden ist, würde er ambulant zu Hause betreut werden. Die therapeutische Tagesklinik würde dann entscheiden, wann Simon wieder stabil genug wäre, in die Schule könnte und alles andere machen. Ich habe zwischenzeitlich von vielen Therapiemöglichkeiten gehört, und ich müsste sehen, welche für Simon die Richtige ist.

Ich habe Kontakt zu einem Arzt. Er ist Chefarzt einer Klinik. Durch private Hilfe konnte ich mich kurz vor diesem Termin noch beraten lassen. Er wird mich nach diesem Gerichtstermin weiter beraten können.

In meinem Bekanntenkreis gibt es ein glücklich verheiratetes Paar. Sie sind im sozialpädagogischen Bereich tätig. Das besondere an ihnen ist, dass der Mann vor fünf Jahren eine Krise hatte, eine Psychose vielleicht und zwangsweise von einem Freund ins Krankenhaus eingewiesen wurde. Er blieb ein halbes Jahr dort und hing knapp zwei Jahre an Psychopharmaka. Es geht ihm wieder gut. Er ist stabil und führt ein ganz normales Leben. Simon und dieser junge Mann haben sich, denke ich, viel zu erzählen, sobald wir uns etwas gesammelt haben. Dieser Mann will sich um Simon kümmern und hat Psychiatrie-Erfahrung.

Ich bin in einem Freundeskreis aufgehoben, der auch Hilfe leisten kann, falls ich mit Simon nicht mehr weiter wüsste. Simon sollte seinen Vater, sooft er will, besuchen. Ich werde diesen Kontakt eher fördern als abbrechen. Allerdings werden wir beide für Simons Gesundheit oder für seine Zukunft nichts zusammen tun können, wie die Vergangenheit zeigte. Sein Vater muss lernen, nichts über mich zu sagen.“

Ich schalte die Eichenholzzeitmaschine aus, am einundzwanzigsten Novembertag irgendwann. Ich weiß, noch drei Tage waren es bis zum Gerichtstermin. Es liegt alles in Frau Schweigers Hand. Ich telefoniere noch einmal mit Frau Schweiger. Sie ist gesprächig. Sie hat gesehen wie ich mit Simon umgehe. Sie wollte sich dann nach unseren Gesprächen immer noch einmal mit dem Richter kurzschließen. Danach ist sie stets kurz angebunden und wechselt ihre Stimmlage. Das verursacht mir jedes Mal Herzklopfen und Magenkrämpfe. Ich rufe danach Herrn Tannen an, der alle meine Schriftstücke bekam und den aktuellen Stand kannte, und bitte ihn, noch einmal ein Gespräch mit Frau Schweiger zu führen. Er zögert und meint, sich reichlich mit Frau Schweiger ausgetauscht zu haben. Trotzdem bitte ich ihn noch einmal und beschreibe ihre ständige wechselnde Stimmlage, wie und wann ich sie erlebte. Herr Tannen sagt auch kurz vor dem Gerichtstermin zu, noch einmal ein Gespräch mit Frau Schweiger zu führen.

Simon war jetzt genau dreizehn und ein dreiviertel Jahr. Also vor seinem vierzehnten Geburtstag. Überall hatte er gesagt, wo er bleiben und wohnen will. Was war noch zu tun? Nichts außer Simon am Telefon Mut zu machen und heimlich massive Sorgen und Misstrauen haben.


Simons kurze Biografie:
- Zwischen vier und neun - der Vorkrieg zwischen Mutter, Vater und Großeltern beginnt. Ab neun – der Vorkrieg eskaliert. Mit Zwölf - der Krieg beginnt. Anfang dreizehn - die Großmächte kommen hinzu und schmettern uns alle nieder. Simon wird zerstört mit Hilfe einer falsch aufgeklärten Mutter in die Klapse gebracht. Sie kommt damit den zerstörenden Mächten einen Schritt zuvor, um Vorteile in Form von Mitbestimmung zu kaufen, die es nicht gab. Bis Ende dreizehn - die Mächte haben ihn und seine zerrissene Familie als Gladiatoren in eine römische Arena gebracht und schauen beim Spektakel zu. Kurz vor Weihnachten: ein Gerichtstermin.

Simons Fähigkeiten: - Er hat zeitweilig gezeigt, dass er sehr lernfähig ist, doch die Schule war nicht so sein Bereich, nicht freiwillig. Als er dann wollte, machte man ihm falsche versprechen. Danach sperrte er sich. Zu Hause konzentrierte er sich mehr auf andere Dinge. Er lernte sofort Inliner laufen mit fünf, um nicht mehr mühselig durch die Stadt zu Fuß gehen zu müssen. Genauso schnell lernte er Schlittschuhlaufen und Skateboard fahren. Er war ein guter, geschickter Kletterer und konnte sehr gut zeichnen. Er hatte sehr viel Phantasie, auch um sich gute Spiele auszudenken.

Er ist sehr Tierlieb und weiß, wie unangenehme Insekten geschützt und dennoch von Menschen fernhalten werden können, ohne mit einer Fliegenklatsche draufschlagen zu müssen.
(© Ilona Meschke 2008)

Tintenfass

Freie Gruppe
Buch und Kunstwerkstatt in Braunschweig

… es knistert …

… oder brennt es schon? …


Buch

zurück
weiter
zurück zur Startseite
Kommentar