am zweiundzwanzigsten Novembertag irgendwann
Unschuldig und krank quälte ich mich in das Gerichtsgebäude und erlebte eine unbeschreibliche Atmosphäre. Ich würde einschätzen, keiner der Menschen, die irgendwelche Empfindungsnerven haben, wären zu dieser Zeit jetzt an dieser Stelle gerne gewesen. Und denen, die da sind, sehen deutlich so aus. Aber nicht alle scheinen Empfindungsnerven zu besitzen.


Die Tage vor dem Gerichtstermin

Am zweiundzwanzigsten Novembertag irgendwann habe ich sehr große Schwierigkeiten aufzustehen. Schließlich mache ich es doch. In meine Bettdecke eingewickelt wandere ich in der Wohnung umher, öffne ein Fenster zum Garten hinaus. Kurze Zeit später liege ich wieder quer im Bett. Den Kopf an eine Lehne gelehnt, um mir draußen die graue Welt doch ein wenig anzusehen. Ich schaue hinaus.

ergraut

grau,
die Zeit steht still.
Das dunkle Zimmer
und die wenigen Verpflichtungen
laden ein,
bewegungslos zu bleiben.

wach und leer
im Bett herumschauend,
freiwillig gefesselt
Egalgefühle.

Es passiert nichts,
in diesem Augenblick
die Zeit steht still.

Der Augenblick vergeht nicht mehr.
In der ganzen Welt,
ich spüre es.

Wer hat die Welt zum Stillstand gebracht?
Wer hat die Welt lahmgelegt?

Sind es die Menschen selbst?
Haben sie im tiefsten Grau die Zeit gestoppt?
Dann sind sie mit sich selbst ehrlich.
Was hätten sie Besseres tun können,
als im tiefsten Grau die Welt zu stoppen?

Menschen haben ihre innere Atmosphäre
in die Außenwelt hinausgebracht.
Menschen haben die Welt so grau gemacht?

Widerwillig fühle ich,
doch gleichgültig wie ein Zombie.

Ach, drücke ich mich etwas ethischer
oder realistischer aus:

Wie eine Mumie erhebt sich mein Körper
steif und willenlos aus dem Bett.

Gelähmt, verformt,
jetzt steht ein lebloser Körper senkrecht.

Energie? Verbraucht!
Leid und Schmerz? Vollgestopft der Körper.

Die Masse Mensch,
die einmal sehr beweglich war,
richtet sich wieder zum Fenster.

Nüchtern betrachten die Augen
die Gegenwart draußen.

Ja, die Welt ist stehen geblieben.
Und das in dem allerhässlichsten Moment,
den sie überhaupt jemals von sich zeigte.

Die Straße bleibt leer.
Die Betonwände der Häuser bleiben halb nass,
halb trocken.
Immer da!

Mondlandschaft.
Die einst vom Schneetau
matschig gewordenen
und dann wieder festgefrorenen Reifenspuren
auf der Straße,

sie bleiben immer da.
Der farblose, eintönige Himmel
quillt auf und drückt nach unten auf mich,
auf die schon längst leeren Ruine eines Menschenkopfes.

Die Körper der Menschen draußen,
schwer und unbeweglich.

Mit schwerfälligen Beinen
geistern die ersten Aufgestandenen
die Straße entlang.

Dort ein paar erfrorene Haustiere,
steif geworden an der Hausmauer.

Mit hoch abstehendem Fell
und aufgerissenen Mäulern,
sind sie im Schrecken gestorben.

Die Welt ist in eine Hülle geraten,
ein großes graues Computergehäuse,
zeitlos unbeweglich.

Ich habe mich noch einmal zum Fenster gerangelt.
Nicht aus Neugier,
nur so - ich weiß nicht.

Stehen geblieben alles,
in dem allerhässlichsten Augenblick.

Die Eichenholzzeitmaschine in der jetzt noch dunkler gewordenen Ecke vor dem Kamin, grummelt vor sich hin. Sie scheint schwerfällig geworden zu sein. Es knackt ein paar Mal in ihr. Jetzt zeigt sie die letzten drei Tage vor dem Gerichtstermin. Drei Tage vor dem Gerichtstermin geschieht noch eine Menge. Erst einmal überwindet sich Herr Baumgart, mich noch einmal anzurufen, versichert mir etwas niedergeschlagen, er würde vor Gericht aussagen, dass Simon zu mir will. Ich staune über Baumgart.

Am selben Tage ruft mich die Stiefmutter von Andy an und erzählt mir, dass sie nicht mehr mit Andys Vater zusammen lebt, weil sie diesen ganzen Stress mit dem Jungen und der Psychiatrie nicht verträgt. Es gibt sehr viel Ärger in der Partnerschaft und Schuldzusprüche. Ich habe jetzt den Auftrag bekommen, Andy alles ganz sanft zu informieren, dass er seine Lieblingsstiefmutter verloren hat.

Ich erkläre ihr am Telefon: „Maria, zwei Tage noch, dann habe ich einen Gerichtstermin. Ich bin nicht in der Lage, dir so lange zuzuhören, und bekomme auch ständig Besuchersperren. Ich sehe Andy jetzt gar nicht. Aber ich verspreche, ihn später anzusprechen und ihn weiter zu unterstützen.“

Maria wünscht mir alles Gute für den Termin. Ich weiß nicht, wie ich mich fühlen soll.


Die Antwort
des Landesjugendamtes
bringt mir Almut

Almut scheint immer noch
das kleine Mädchen von einst zu sein

Ich treffe Almut wieder, die Frau, die für mich über Beziehungen ihrer Familie und Befreundete meine und Simons Angelegenheit dem Landesjugendamt zur Prüfung und Hilfe zugeschustert hat.

Sie ist jetzt abweisend und kalt. Sie gibt mir die Unterlagen zurück und meint, sie habe mit ihrer Tochter und deren Freundin gesprochen. Die hätten sich der Sache korrekt angenommen. Es sei alles in Ordnung. Ich solle mich nicht so anstellen. Ich solle nicht alle bekämpfen. Dann würde es Simon besser gehen.

Ich stehe ihr hier in der Eichenholzzeitmaschine jetzt ziemlich platt gegenüber, nehme die Unterlagen, die sie mir zurückreicht, in Empfang und sage nichts. Ihre Augen sind entschlossen. Sie schaut mich nicht direkt an. Sie dreht sich um. Sie geht. Ich sehe sie lange Zeit nicht mehr. Wie der Gerichtstermin verläuft, erfährt sie nie. Meine Gedanken antworten ihr: „Siehst Du, Almut, war wohl nichts mit den Sprüchen, ich sei eine Kassandra und mutig. So schnell stirbt alles in Dir, was Du einst gut gemeint hast. Aber Du hast Dich nicht verändert, seit Du ein kleines Mädchen in der Schule warst und dachtest, die Judenkinder seien schlecht, weil es dir so gesagt wurde. Du bist ein kleines Mädchen geblieben. Was du zu glauben hast, bestimmen andere für dich.“

Vielleicht hat sie meine Gedanken geraten, denn auch ihr Köper taumelt unsicher und hilflos davon. Ich beobachte ihre Bewegung bis ich sie nicht mehr sehe.


Kurz vor den Gerichtstermin
schlägt Henry wieder zu

Ich bekomme Post von einer Psychologin, die Simon jetzt doch nicht mehr behandelt will, falls er nach dem Gerichtstermin zu mir kann. Warum?

Dann bekomme ich noch einen Brief. Kurz vor dem Gerichtstermin schlägt Henry wieder zu. Hat er keine anderen Sorgen? Ich erzählte Frau Schweiger, als wir drei zusammen saßen, mein Konzept, falls Simon nach dem Gerichtstermin die Kinder- und Jugendpsychiatrie in K verlassen kann. Die Psychiaterin war eingebunden. Sie war der Beweis, dass ich vorbereitet war, Simon aufzunehmen und er auch ärztliche Betreuung hätte.

Diese Psychiaterin sagt mir jetzt merkwürdiger Weise ab. Henry kämpft also noch immer. Er war bei ihr und findet nicht richtig, dass diese Frau angeblich von meinem Partner, den ich gar nicht habe, ausgesucht wird, und sie sei deswegen parteiisch. Henry lässt sich auf die römische Arena ein. Komme da was wolle. Unfassbar! Dabei sind es doch nur wir drei, Henry, Ilka, Simon, die auf dem Boden liegen. Nur uns Dreien schadet sein Kampf.

Ich lese den Brief noch mal: Liebe Frau Hölzer, nach unserem Gespräch am Donnerstag habe ich mir noch einmal überlegt, dass es doch nicht günstig wäre, wenn gerade ich die Weiterbehandlung von Simon übernehmen würde, und zwar aus folgendem Grund: Eine Kinder- und jugendpsychiatrische Behandlung bedeutet immer auch eine intensive Einbeziehung der Eltern. Gerade wenn, wie in Ihrem Fall, große Spannungen zwischen den Eltern bestehen, muss die Therapie durch eine neutrale Person erfolgen. Da ich über Ihren Partner und dessen Bekannten mit Ihnen in Kontakt gekommen bin, kann ich vom Vater nur als parteiisch und vorbelastet angesehen werden...

Klar, Henry war bei dieser Ärztin, um meine Planungen noch möglichst schnell zu sprengen. Ich nehme den Brief zum Gerichtstermin mit, als weiteren Beweis, dass er nicht aufhören will, die Mutter Simons zu kämpfen.


Plötzlich höre ich Baumgart noch einmal so,
wie ich es nicht erwartet hatte

Baumgarts Meinung ändert sich oft?
Ist er die Amtsperson aus meinen Träumen, die zurücktritt?

Auch am letzten Tag vor dem Gerichtstermin ruft mich Herr Baumgart noch einmal an. Ich solle wegen einer Personalaufnahme vorbeikommen. Es könne nämlich sein, dass ich das Sorgerecht nicht bekomme, dann müsse Simon in ein Heim. Wir erledigen die Dinge tonlos. Unvermittelt fragt er plötzlich, ob ich eventuell mit Simon in eine andere Stadt ziehen könne? Weit weg vom Vater?

Ich hatte das schon einmal erklärt, ganz amtlich und förmlich. Wenn es sich als notwendig erweise, würde ich das tun. Es müsse dann alles geklärt sein. Es müsse natürlich geklärt sein, wer das Sorgerecht hat. Wir werden sehen, wie sich die Veränderung auswirkt. Die andere Stadt wäre Potsdam. Wir waren in Potsdam. Ich sage Baumgart noch: „Simon braucht endlich wieder Halt und Sicherheit. Ein Elternteil muss das Sorgerecht bekommen. Ein Elternteil, das Simon richtig versteht und kein Druck ausübt. Die Mutter-Kind- Beziehung darf nicht länger strapaziert werden! Da sagt doch Baumgart plötzlich leise kleinlaut: „Das glaube ich auch.“ Ich bleibe vor Baumgart stehen, der nach einer Pause sagt: „Ich habe mir noch einmal alte Unterlagen angesehen. Ich glaube wir haben da einen Fehler gemacht. Er hätten viel früher reagieren müssen.“

Ich gehe das erste Mal aus den Räumlichkeiten des Jugendamtes in B und glaube gerecht behandelt worden zu sein.

Baumgart versprach, dass Simon zu mir kommt. Alles klang so vorsichtig, so mit Vorbehalten. Baumgart erinnerte an die Klinikeinweisung und den Gerichtstermin davor: „Hätten wir damals versucht, das Sorgerecht zu bekommen, wäre das ganze Problem nicht so ausgeartet.“

Während dieser Tage ruft Simon an, ich solle wirklich alles, alles tun, damit ich das Sorgerecht bekomme und er raus kann. Er habe schon seine Sachen gepackt. Ich versichere ihm, sobald mir noch was Wichtiges und Sinnvolles einfällt, würde ich das sofort tun, nichts wünschte ich mir lieber. Ich sacke fast ohnmächtig auf den Teppich, wenn er am Telefon ist, seine Stimme am Telefon tut mir weh.


Der Gerichtstermin beginnt
sich sofort der Angelegenheit zu widmen

Und wäre das alles so nie passiert,
hätte es niemand geschrieben

Der Gerichtstermin beginnt am Morgen. Ich kann kaum aus meinem Bett steigen. Durch meinen Körper zieht sich ein merkwürdiges Stechen, als hätte sich ein Fremdkörper, ein langer Stock in meinem Körper eingeschlichen, als würde er jetzt völlig die linke Körperhälfte beherbergen, vom Fuß bis zu der Schulter und der Hand tut mir bei einer Bewegung weh. Ich hatte so etwas noch nie, meine linke Seite lahmgelegt und vollkommen steif mit Schmerzen, sowie ich anfange etwas bewegen zu wollen. Aber auch, wenn ich den Kopf drehe oder die rechte Seite bewege, bekomme ich Schmerzen zu spüren. Ich zwinge mich in meine Klamotten, schaffe den Weg langsam humpelnd und steif zum Bus. Das Einsteigen ist schwer. Ich setze mich nicht. Ich kann nur stehen. Ich stehe steif im Bus und hoffe, dass er nicht ruckelt.

Hoffentlich sterbe ich jetzt nicht, sagen mir meine Gedanken. Das kann Simon nicht gebrauchen. Ich schleppe mich ins Gerichtsgebäude und schaffe die Treppe hoch. Mit dem linken Bein gehe ich eine Stufe hoch. Das rechte Bein ziehe ich nach. Keinem verrate ich meinen Schmerz. Baumgart steht im Flur und sieht mich. Ich stelle jetzt fest, dass er ungefähr achtzehn oder neunzehn Jahre älter erscheint. Er begrüßt mich steif und starr, steht dabei fest auf dem Boden. Todernst leidend und streng sagt er: „Ihr Junge ist krank! Sehr krank.“ Ich sage nichts und frage nichts, als: „Guten Tag!“

Ich kann auch nicht sprechen ohne warnsinnige Schmerzen zu spüren. Henry steht schweigend fremd und entfernt von mir im Flur vor der Verhandlungstür. Er erscheint jetzt zwölf oder dreizehn Jahre älter. Ich sehe meine tiefen Augenränder in der Eichenholzzeitmaschine. Auch ich bin kaum wiederzuerkennen. Meinen Rechtsanwalt begrüße ich mit Kopfnicken. Er erwidert und kommt zu mir. Er fragt nicht, wie es mir geht. Keiner scheint zu beachten, dass ich humpele und nicht sprechen kann. Ich gebe ihm die schriftliche Absage der Psychiaterin, die ich gestern in Empfang genommen habe und erkläre warum, eine neue die Attacke von Henry.

Er scheint zu begreifen. Der Rechtsanwalt nickt, während die Menschen von der Kinder- und Jugendpsychiatrie aus K mit meinen bewegungsschwachen, kaputten, aufgeblähten Jungen durch den Gerichtsflur schieben. Ein wassersackschweres Kind, total gealtert, starr und interesselos glotzt er umher. Alles steht still im Gerichtsflur herum, vor der verschlossenen Tür des Gerichtssaals. In diesem Moment beschreiten fröhlich erzählend mit frischen rosa Wangen der Richter Tramper und die Gerichtsgutachterin Schweiger die Treppe in den ersten Stock des Gerichtsgebäudes. Freundlich strahlend sie alle zur Begrüßt an. Die Gutachterin schaut freundlich nacheinander alle Personen an, die sie während ihrer Tätigkeit so kennen gelernt hatte. Der Richter Tramper stmpft durch die Tür des Gerichtsaals, ohne jemanden zu sehen. Lebenserfüllt öffnet er und bittet zum Einlass. Die Leute von der Psychiatrie schieben sachlich und pflichterfüllt wie Ordnungshüter meinen Sohn in den Gerichtssaal.

Ich schaffe es, mich mit der rechten Seite schräg, fast liegend auf den Stuhl neben meinen Anwalt zu setzen. Ich sehe Simon mir schräg gegenüber sitzen, wohl drei Meter entfernt. Mir ist, als müsse ich zerbrechen, als ich mir den Jungen näher ansehe und er mich. Uns allen hat die letzte Stunde geschlagen. Außerdem glaube ich, Simon hat jetzt noch mehr Medikamenten bekommen. Ich erkenne es. Ich verstehe die Besuchersperre immer besser. Sie stopfen ihn zu und keiner fragt nach dem Sinn.

Simon zeigt wenig Hoffnung. Er selbst kann nichts für sich tun. Das hat er gelernt. Er hat gelernt, ausgeliefert zu sein. Ein aufgequollenes gealtertes Kind mit den dicken Augen und teilnahmslosem Gesichtsausdruck schaut zu mir herüber. Jetzt schaue ich wieder zurück. Meine Augen sagen: „Gib nicht auf, Simon.“

Die Gerichtsverhandlung beginnt. Ich erklärte schon, die einzigen, die sich wohl und frisch fühlen und auch so aussehen, sind Richter Tramper und Gerichtsgutachterin Schweiger. Nichts scheint sie zu berühren. Sie waren wohl auch die engsten Gesprächspartner überhaupt. Jedes Mal nach einem Termin hörte ich Schweiger sagen, sie müsse morgen eh noch mal mit Richter Tramper sprechen. Beim vorherigen Gerichtstermin hatte Tramper Henry ein paar Mal versichert: „Herr Hölzer, Herr Hölzer, Sie können mir glauben, diese Frau arbeitet wirklich sehr gründlich und genau. Bei der anderen würde es schneller gehen. Aber gründlich und genau arbeitet Frau Schweiger. Nehmen Sie die, Herr Hölzer.“ Ja, und wir beide haben waren damit einverstanden. Wer konnte auch etwas dagegen sagen? Was blieb uns anderes übrig?

Baumgart beginnt mit der mir versprochenen Aussage: „Der Junge möchte gerne bei der Mutter bleiben.“ O.k. aber das wissen bereits alle. Er wird sofort von Frau Schweiger unterbrochen, die einen Augenblick lang Nervosität zeigte, als Baumgart anfing im Namen des Jugendamtes, Worte zu sprechen. Schnell undhektisch erhob sie sich, um klarzustellen, dass sie hier etwas besser wisse. Es war nicht die feine Art und Baumgart wehrte sich nicht mehr. Wegen meiner lähmenden Schmerzen bekam ich wohl gar nicht mit, dass jemand fragte, ob alle Beteiligten einverstanden seien, dass Frau Schweiger das Gutachten mündlich macht und nichts protokolliert werden müsse. In der ganzen Verhandlung wurde nichts protokolliert. Ich erinnere mich nicht, ob wir gefragt wurden, obwohl ich mir vorgenommen hatte, nie wieder ohne Protokollierung vor Gericht zu sitzen.

Frau Schweiger begutachtet kurz. Sie blättert ständig in einer dicken Sammelmappe herum, aber sagt sehr wenig. Ganz schnell werden alle erfahren, die noch einigermaßen Hoffnung hatten, Schweiger hat nicht vor, einem der Eltern das Sorgerecht zuzusprechen. Schweiger holt sich nun Tatsachen, Geschehnisse und Aussagen aus ihrer Sammelmappe, die sie braucht, um ein Ziel zu definieren, das Ziel, welches die Psychiatrie sich wünscht. Richter Tramper ließ Schweiger erzählen. Es erscheint nicht so, als würde er nicht genau wissen, was Schweiger erzählen wird.

Jetzt wird mir die erschreckende und für mich besorgniserregende Stimmlagenveränderung einleuchtender. Ihr persönliches kurz angebunden sein beim gestrigen Telefongespräch leuchtet mir ein. Sie sagte auch, sich mit dem Richter über Inhalte auseinander gesetzt zu haben. Aber vorher behauptete sie, sie habe auch alle Zeugen berücksichtigt und das, was sie sagten. Sie behauptet vor Gericht, alles gründlich untersucht zu haben, beide Eltern seien gleichermaßen fähig, Simon zu erziehen. Deswegen könne sie keinem von ihnen das Sorgerecht absprechen. Das Problem sei, die Eltern stünden sich zu konträr gegenüber. Sie wolle keinem von beiden das Sorgerecht absprechen heißt, keiner bekommt es, alles für Simon?


Moment mal!
Sie soll einem vom beiden
das Sorgerecht geben

Wenn beide Eltern fähig sind!
Das ist ihre Aufgabe!
Dafür wurde sie geholt!

Tatsachen, Geschehnisse und Aussagen hätten normalerweise zu einem anderen Ergebnis geführt, wären sie richtig aufgelistet, gesagt und analysiert worden. Der Sachverstand, um den es anfangs ging, Simon in ein Heim oder zu Pflegeeltern zu geben bis klar ist, wer das Sorgerecht bekommt, damit er nicht zwischen seinen Eltern in Konflikt gerät, ist für sie überholt. Das kann keine Gerichtsgutachterin sein? Das ist kein Mensch?

Inzwischen hat sich der ganze Sachverhalt geändert. Negativ wird jetzt gesehen, was vorher positiv gewesen ist. Jeder im Sozialwesen nicht studierte Mensch, weiß, was das jetzt für Simon bedeutet. Er ist nicht mehr in der Lage, fremden Institutionen wie Heim, Ämtern oder Psychiatrien zu vertrauen. Jedem dieser studierten Figuren ist das deutlich klar. Die können nicht mehr einfach so das Gegenteil behaupten. Die machen sich lächerlich. Sie wissen, was das Beste für Simon ist. Sie wissen, sie schaden sie uns weiter. Es geht nicht anders.

Jetzt ist diese Gutachterin dabei, uns alle mit Freundlichkeit kaltzustellen. Sie liefert uns weiter an die Psychiatrie aus. Sie kennt die Bänder, meine Briefe, Simons Wünsche. Sie weiß, was wir alle durchmachten und sagte das auch.

Was wir alle nicht wissen, ist, keiner weiß, wie lange Simon das noch durchhält. Trotzdem wendet sich die Gerichtsgutachterin nicht. Sie geht ein Risiko auf Leben oder Tod, auf Gesundheit oder Krankheit ein. Sie entscheidet sich für die allerschlimmsten Grausamkeiten, die wir jetzt zu tragen haben und selbst nichts dagegen tun können. Aber es kann nicht sein, dass sie es nicht weiß.

Baumgart sagt nicht mehr. Ich begreife insgesamt überhaupt nicht, was jetzt alles passiert ist oder doch? Nein, ich begreife nichts. Nur vielleicht, dass alles passiert ist, was nie passieren kann. Wir haben es so gelernt. Und ganz schnell und kurz war dieser Gerichtstermin. Ich drehe noch einmal die Eichenholzzeitmaschine zurück, um auf die Inhalte der Gerichtsgutachterin einzugehen:


Und wäre das alles nicht passiert
wäre es niemals niedergeschrieben worden!

Die Gutachterin fährt fort mit ihren Ausführungen. Die Eltern könnten das Kind gleichermaßen gut erziehen. Sie hätten es ja dreizehn Jahre lang geschafft. Meine Augen glotzen starr dabei. Ich staune über ihre Aussage, wäre zu harmlos ausgedrückt. Sie fährt fort. Nur gingen und gehen die Meinungen und Ziele der Eltern derart auseinander, dass diese schlechte Auswirkung für Simon in der Vergangenheit hatte und in Zukunft haben würde. Kein Elternteil sei vom anderen schlecht gemacht oder wollte es bewusst von Kinde trennen. Die erste Aussage stellte sie völlig unrichtig hin. Sie hatte gemerkt, wer engagiert war und eine Verbindung zu Simon hatte. Die zweite Aussage war völlig bewusst gelogen. Jeder wusste, dass Henry vor Simon alles schlecht machte. Das steht doch alles schriftlich. Ich kannte vorher Lügen, aber nicht diese.

Sie bestärkt jetzt ihre Aussagen damit, kein Elternteil sei darin aktiv gewesen, einen geschafften Erfolg des anderen zu zerstören. Das ist doch nachweislich nicht wahr? Und alle im Gerichtssaal sitzen weiter still. Keiner sagt etwas dazu. Auch Baumgart mit seinen Unterlagen schweigt. Dieser Verfahrenspfleger, er ist auch gekommen und hört zu. Mein Brief, den ich zeigen will, noch gestern erhalte, sagt das Gegenteil. Mein Rechtsanwalt nickt, als ich darauf deutete und schweigt. Ich halte den der Psychiaterin hoch.

Herr Tannen aber wusste doch, dreizehn Jahre lang hatte ich Simon erzogen. Herr Tannen wusste von all der Niedermache und Gewalt von Henrys Seite. Selbst Baumgart vom Jugendamt äußerte das gestern noch. Wie konnte diese Schweiger so lügen? Sie hat Enkelkinder in Simons Alter. Warum schweigen die anderen? Warum versprach Baumgart, sich für uns einzusetzen? Jetzt kann er das richtig stellen?

Beide Eltern, sagt Simon machen sich gegenseitig schlecht. Vielleicht kann er selbst gar nicht mehr feststellen, wer der beiden der Verursacher ist. Zu mir sagte er schon mal: „Na, ganz gut bist Du auch nicht. Ich weiß noch nicht wo Du da auch etwas Schlechtes tust, aber ich weiß, dass Du irgendetwas machst.“ Ich konnte ihm keine Antwort geben.

Jetzt weiß ich, was skrupellos ist? Nein, das ist nicht mehr skrupellos. Das ist schlimmer. Schweiger beanstandet jetzt den mehrfachen Schulwechsel in Simons Leben. Damit wollte sie mich belasten. Ich soll Fehler jetzt gemacht haben. Ich lerne warum, denn sie hatte zuvor gegen mich gelogen. Jetzt sucht sie meine Fehler, um ihre Entscheidung zu festigen, falls ich irgendwie noch das Gegenteil beweise oder andere dies für mich tun können. Sehr viel gegen mich hatte sie nicht. Nur die Schulwechsel, die so nicht stimmen. Wir wissen selbst, dass Schulwechsel auch automatisch zustande kommen. Nicht alle Schüler können ewig auf der Grundschule bleiben. Sie weiß, dass ich nur nach der dritten Klasse der Grundschule und von der IGS zur OS außergewöhnliche Schulwechsel bei Simon erzeugte. Sie ignoriert dabei die Maßnahmen des Vaters gegen die Schulen.

Sie redet von einer inneren Aggressivität Simons und lastet es dem Kind selbst an, obwohl jeder, der in die Verhältnisse schaut wie Herr Tannen, klar geworden ist, der Druck des Vaters mache Simon aggressiv. Jetzt bin ich, Ilka, die nie aggressiv war, verantwortlich dafür?

Was Frau Schweiger macht, wollen die Psychiater dieser Klinik. Das hat nichts mehr mit Gerechtigkeit, Fairness oder Wahrheit zu tun. Plötzlich sei an Simons Aggressivität keiner der Eltern mehr schuld, sondern die besonderen Ursachen dafür, wären auch ein Teil seiner Krankheit. Sie halte die Behandlungsweise der Klinik für normal. Auch die Mutter würde mit der Krankheit nicht fertig werden, behauptet sie. Und doch kennt sie meine vielfältigen Wege und meine Planung. Welche Mutter hätte noch besser beweisen können, dass Krankheit und Gesundheit von ihr ernst genommen werden? Eine Haushaltshilfe wurde sogar von mir einmal angesprochen, denn sie wäre preisgünstiger als ein Heim. Warum kann diese Frau so lügen? Warum passiert ihr nichts dabei?

Sie spricht die Sache mit dem Kapuzenpulli wieder an, in den sich Simon ständig kuschelt, weil er mir gehört. Doch diesmal mit einem anderen Ergebnis. Es tue ihm nicht gut, sich mit dem Pulli so von der Gesellschaft abzukapseln. Vorher sagte sie einmal, es täte ihm gut, den Pulli jetzt zu haben. Sie sähe darin die auch die enge Verbindung zu Simon zu mir. Erstaunlich, dass sie zwei Tage zuvor Simons Vater anhand dieses Ereignisses eingehend versuchte klarzumachen, er könne Mutter und Kind nicht trennen. Jetzt nimmt sie diesen Vorfall, und behauptet laut, es tue Simon nicht gut, seiner Mutter so nahe zu sein, sie müssten getrennt werden. Dann behauptet sie, der Vater hätte nie vorgehabt, die Mutter von Simon zu trennen, und alle wissen vom Gegenteil. Sie lügt und alle haben das Wort Lüge aus unserem Wortschatz verbannt. Weil wir es nicht mögen? Weil das zu krass klingt und keiner und keine lüge angeblich bewusst? Nein, sie lügt. Sie versichert noch einmal, sie kenne den Vater und habe das herausgefunden, dass er das nie tun würde. Obwohl der Vater das in der Vergangenheit tat. Alle anderen sagen das so.

Gerichtsgutachterin Schweiger wünscht sich ein gutes Kinderheim für Simon, indem er sich wohl fühlt.  Und sollten Simons Eltern abnorm sein, wie von Seiten der Psychiatrie behauptet wird? Das könne sie nicht sagen. Da halte sie sich raus.

Nichts hat ihre Bemühungen verändert. Simons Eltern dürfen also beide weiter um Simon kämpfen. Simon bleibt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in K. Wir brauchen Gerechtigkeit und Schutz vor Behördenmenschen und vielen die Macht haben und etwas anderes wollen, hier in Deutschland. Wir werden weiter gequält, können aber dankbar sein, dass gesagt wird, Simon solle bald in ein Heim und die ungesunde Folterkammer verlassen. Doch wann? Und dieses Heim kennt keiner. Was sie behaupten, behaupten sie schon monatelang.

Jeder dieser Leute weiß, weswegen ich die Besuchersperre bekam, als ich sie bekam, bekam Simon mehr Medikamente. Und es wurde wieder einmal zugelassen. Wird er wirklich die Kinder- und Jugendpsychiatrie irgendwann verlassen können? Was haben die nicht alles schon versprochen? Er ist doch jetzt schon fast tot?

Zum Schluss macht Schweiger eine allerletzte Aussage mit einer derartigen Kälte gegen mich, denn sie weiß, ich würde ihren Lügen widersprechen können. Sie erwähnt das Frauenhaus, indem ich mit Simon nach der Trennung untergebracht war und meint: „Die Eltern kabbelten sich wohl beide ein wenig oder einmal auch sehr massiv.“ Kabbeln nennt sie es, wenn ein Polizeiwagen vor der Tür steht, und Frau und Kind aus der Wohnung holen muss. „Sie hatten wohl eine härtere Auseinandersetzung gehabt,“ sagt sie jetzt nach einer Pause. Sie geht dabei mit der rechten Hand erklärend hoch und runter. Eine Gestik, die sagen soll, das war nicht schlimm. Jetzt redet sie weiter: „Simon erinnert sich wohl ein wenig, aber kaum an Geschehnisse von Gewalt. Sehr viel Härte oder Gewalt hätte Simon wohl nie erlebt.“

Ich denke: „Nein, Frau Schweiger, Simon kannte keine Härte oder Gewalt, weil er bei mir lebte und von mir gewaltfrei erzogen wurde. Sie wissen davon. Er lernte viel über menschliches Miteinander, gegenseitiges gerechtes Umgehen und Rücksichtnahme, eine Umgestaltung der Gesellschaft ist immer möglich. Dinge, die es in einem Gerichtssaal nicht zu geben scheint. Simon kontrollierte damals im Frauenhaus meine monatelangen Verletzungen jeden Tag. Er erklärte dabei seine Vermutungen, welche Verletzungen recht bald wieder heilen werden, welche längere Zeit dafür brauchten. Eine kleine Verletzung würde wohl nie heilen, stellte er damals fest.

Aber die Gerichtsgutachterin Schweiger hatte noch etwas auf Lager zu sagen, denn sie behauptet gleich danach, Simon wolle nur zur Mutter zurück, weil ihm gar nichts anderes übrig bliebe. Es sei keine Liebe oder Zuneigung zur Mutter da.

Au Weih, dabei war es noch nicht so lange her, als sie uns zusammen beobachtete und sie ein paar Male zu mir sagen musste: „Ich mag Sie. Ich sehe doch, was Sie alles für den Jungen tun. Ich mag Sie wirklich.“ Sie war dabei als Simon sagte: „Immer, wenn Du da bist, fühle ich mich glücklicher.“

Ich musste Frau Schweigers berufliche Bosheit erleben, sonst hätte ich diese ein ganzes Leben nie kennen gelernt und nicht geglaubt. Mit aufgerissenen Augen und starr schmerzenden Körper schaue ich diese Frau an und ich merke, mir gelingt das Sprechen ohne Lähmung und Schmwerz wieder:

„Ich bestehe darauf, dass auf jedem Fall die Sache mit dem Sorgerecht geklärt wird. Einem Elternteil solle das Sorgerecht zugesprochen werden, wenn beide fähig sind. Es kann nicht sein, dass beide Elternteile mit einem eventuell kranken Kind nicht klarkämen. Das ist nicht wahr. Ich möchte, dass sich Frau Schweiger hier und jetzt ein Elternteil aussucht, welches das Sorgerecht bekommt. Das war ihre Aufgabe. Erst recht, wenn beide dazu fähig sind, sich nur konträr gegenüberstehen, muss logischer Weise einer von beiden das Sorgerecht jetzt bekommen.“

Ich kann wieder sprechen, habe aber immer noch Schmerzen im Körper und sitze schief. Und während ich das sage, werde ich vom Richter beschimpft, ich sei unrealistisch. Ich frage mich, wie er das bestimmen durfte, ohne mich zu kennen. Er hat mich nicht einmal angeschaut. Er hat mich nie angesehen und richtet über mich. Ich wünschte mir meine Zeugen hierher, vor allem den Arzt und Herrn Tannen, der Simons Therapeut war. Und auch meine Zeugen. Ich sagte das jetzt. Meine Zeugen und meine Ärzte interessieren den Richter Tramper nicht. Er wolle sie nicht hören, sie seien unrealistisch wie ich es bin. Das sagt er jetzt. Er hatte sie ebenfalls niemals gesehen und diskreditiert sie als ein Richter mit Eid, er wolle neutrale Entscheidungen treffen. So ist ein Richter unserer Stadt in B. Das sind die Familiensitzungen bei Gericht, die nicht öffentlich sind und gesetzlich nicht sein sollen. Damit Familien und Kinder geschützt werden? Wer wird hier geschützt?

Ich möchte, dass Menschen hierher kommen und zuhören. Mir fehlen sie. Bitte kommt, ihr Menschen! Kommt! Es wird Zeit! Ihr könnt jetzt und hier hören, was euch selbst hätte passieren können!

Mit Dr. Stampfstein habe ebenfalls mit Richter Tramper telefoniert, sagt jetzt Richter Tramper. Er informiert weiter, Simon dürfe bald in ein Heim. Das erlaube Dr. Stampfstein, der Psychiater der Kinder- und Jugendpsychiatrie in K. Zunächst sei er, der Richter, aber lt. Dr. Stampfsteins Bitte nachgegangen und eine Verlängerung des Aufenthalts genehmigt. Also soll Simon wieder länger in der Psychiatrie bleiben? Aus datenschutzrechtlichen Gründen habe er, so die Aussage des Richters weiter, diesen schon genehmigten Aufenthalt verschwiegen und die Eltern nicht informiert. „Seit wann geht das so?“ fragt mein Anwalt laut „Wie ist das rechtlich möglich?“ Er bekommt keine Antwort vom Richter, obwohl er laut gefragt hat.

Richter Tramper hält Dr. Stampfstein für einen sehr sympathischen Arzt. Es sei eine Bereicherung, diesen Menschen zu kennen oder kennen gelernt zu haben. Ein bisschen undeutliche gesagt von Richter Tramper. Aber wie sympathisch er den Arzt findet und wie lehrreich und interessant er sei, das war deutlich gesagt. Andys Vater behauptete, Stampfsein sei schwul, auch wegen seiner piepsigen Stimme, wenn er Stress bekommt. Also ficken die beiden zusammen, weiß ich jetzt, und wir sind die Bezahlung.

Richter Tramper schaut immerhin keine Frauen an und fragt nur Männer, welche Gutachterin beispielsweise wir haben möchten, ohne eine vorher zu kennen. Außer der Gutachterin Schweiger, zu der er ein sehr freundschaftliches offen deutlich gewordenes Verhältnis hat, schaut er keine Frauen an.

Herr Baumgart holt jetzt, wie damals bei einem Gespräch mit Erik Formulare für ein Kinderheim heraus. Die Eltern sollen unterschreiben. Gleich hier vor Gericht und der halbtote Simon sitzt dabei. Keiner unterschreibt. Mein Anwalt sagt: „Wie ein Vertreter von Waschmaschinen, so benimmt sich hier der Vertreter vom Jugendamt.“. Er die anderen beiden hätte kritisieren müssen. Aber er rührte sie nicht an. Mein Rechtsanwalt macht deutlich, dass er für seine Mandantin gegen dieses Urteil Beschwerde einlegen werde. Daraufhin reißt die Gutachterin die Augen auf, zieht ihren Mund nach unten zusammen, steht auf, zum Gehen bereit, und wurde danach nie mehr gesehen.

Was hat sie nur erwartet? Sie ist noch irgendwo im Gerichtsaal, unsichtbar und wartet auf Richter Tramper. Ich weiß es. Ich fühle es. Aber bald werde ich erleben, dass sie sich noch einmal revanchiert.

Außerdem werde ich bald erfahren, dass sie gut verdient hat, denn die Richterin im Beschwerdeverfahren wird später laut fragen, was in diesem jetzt gerade in der Eichenholzzeitmaschine gezeigtem Verfahren zehntausend Euro gekostet habe? Sie fragt nach einer Kostenaufschlüsselung.“


Nach dem Gerichtstermin
Stampfstein spricht neue Besuchsverbote aus
Baumgart richtet sich danach

Ich schaue noch eine Weile in die Eichenholzzeitmaschine. Henry ist leider wieder ohne Anwalt gekommen. Er beantragt irgendetwas, unter anderem auch das Sorgerecht für Simon. Damit ist die Sitzung beendet. Auch deshalb, weil keiner ein Formular vom Amt unterschreibt. Deswegen werden morgen alle noch einmal beim Jugendamt sein. Hätten wir diese Formulare unterschrieben, hätten wir das Sorgerecht erst recht nicht, so scheint mir.


abprallen

Ilka prallte ab,
an den Mauern hinter der Psychiatrie,
dem Jugendamt und dem Gericht,
mit Männern darin,
taub und dreist, nie scheu geworden,
ihre Meinung durchzusetzen,
so paranoid die Meinung auch erscheinen mag.

Ilka prallte ab,
an den Mauern hinter der Psychiatrie,
dem Jugendamt und dem Gericht,
mit Männern darin,
stumpf, schwerbeweglich und bürokratiebelastet,
vergessen sie die Verantwortung,
die diese Stühle, auf denen sie sitzen,
vielleicht einst haben sollten.

Ilka prallte ab,
an den Mauern hinter der Psychiatrie,
dem Jugendamt und dem Gericht,
mit Männern darin.
Sie haben eine Waffe
gegen eine einzelne Frau,
eine einzelne alleinstehende Frau,
die wieder leben möchte mit Würde
und mit ihrem Kind.

Ilka prallte ab,
an den Mauern hinter der Psychiatrie,
dem Jugendamt und dem Gericht,
mit Männern darin.
Die Waffe dieser Männer ist leicht anzuwenden,
primitiv und übel zugleich.
Aber wirksam.

Sie behaupten,
diese Frau sei psychisch krank,
hin und wieder anders formuliert.
Sie haben keine Sorge,
erfolgreich dagegen verklagt zu werden,
falls sie Unrecht haben sollten.

Ilka prallte ab,
an den Mauern hinter der Psychiatrie,
dem Jugendamt und dem Gericht,
mit Männern darin,
die dafür sorgen,
dass das Umfeld stimmt, bleibt, wie es ist,
dann wird die Frau, die Mutter, krank!
Und stört nicht mehr.


Wenn jemand wüsste, was Verzweiflung heißt? Doch ich glaube, keiner kennt das so wie ich. Wir werden lange Zeit lebend gefoltert. Acht Monate lang nach Hilfe gesucht, kein Mensch, keine Institution, keine Lobby für uns ist dagewesen, um uns zu retten.

Hätten die Akteure sich wenigstens etwas Schweres, Verzwicktes dabei einfallen lassen, keine primitiven Lügen, damit wir es nicht merken. Irgendetwas, was wirklich klingt. Damit wir nicht merken, alles ist so unnötig gewesen. Aber alles ist so transparent, so durchsichtig, so klar und so frech gewesen. Sie dürfen das. Keiner hält sie auf. Sie machen das. Sie zeigen es offen. Sie zeigen, ihnen kann nichts passieren. Sie zeigen mir, mein Kind hat keine Bedeutung für sie und alle Empfindungen, die sie einst aussprachen, sind nur lächerliche Worte für sie gewesen. Das ist so schlimm.

Am zweiundzwanzigsten Novembertag irgendwann verlasse ich das Gerichtsgebäude. Ich kann jetzt besser humpeln. Der Schmerz und die Lähmung sind ein wenig zurückgegangen.

Ich sitze im Bus. Ich sehe nichts. Nicht, wie viele mit mir fahren. Nicht, ob die Sonne scheint oder ob es regnet. Ich sehe nichts. Ich höre nichts und bin routinemäßig irgendwie in meine Siedlung gekommen. Vor meiner Wohnungstür mache ich halt. Ich stehe davor. Ich kann da nicht rein. Der Raum darin ist dunkel leer und tot. Ich gehe nicht in meine Wohnung und weiß doch nicht wohin. Ich gehe blind und wahrnehmungslos. Ich weiß nur, mir fehlt etwas in der Magenkuhle wie immer, mein Kind. Mir fehlt sonst gar nichts. Ich bin taub. Es stört mich nicht. Ich bin blind. Es stört mich nicht. Ich fühle weiter gar nichts und möchte das auch nicht. Ich gehe und gehe. Nur tief in mir weint mein Kind, ansonsten ist nichts.

Es sind da große Maschinen gekommen. Sie haben mein Kind herausgesogen. Wahrscheinlich haben sie alles andere von mir mit aufgesogen, nur das stört mich jetzt nicht mehr. Mir fehlt etwas, ganz innen drinnen und ich gehe mit dem fehlenden Teil spazieren. Keiner achtet darauf. Keiner hilft. Aber ich will mit dem ausgesaugten Inneren nicht alleine in meiner Wohnung sein. Lieber draußen. Ich möchte meine Schmerzen behalten. Warum verschwinden diese Schmerzen von heute Morgen so allmählich. Ich möchte viel mehr Schmerzen haben, ganz viele Schmerzen. Sie sollen nicht weggehen. Ich habe das Gefühl, sie verhindern, dass ich andere Schmerzen bekomme, unerträglichere Schmerzen.

Ich lasse mich am zweiundzwanzigsten Novembertag irgendwann ins kalte Wasser unseres Flüsschens rollen, irgendwas muss ich tun, um Schmerzen zu behalten. Nur der Fluss lässt mich schmerzhaft frieren, damit ich unerträglichere Schmerzen nicht spüren muss. Ich krieche aus dem eiskalten Fluss, sitze auf dem Boden herum und lasse mich frieren.

Die Naziopfer, nach deren Namen unsere Straßen benannt sind, stehen um mich herum. Es sind noch viel mehr gekommen. Ich drehe mich um. Sie stehen alle um mich herum, sehen mich an und schweigen. Sie sind nicht so deutlich wie am Morgen nach dem Traum. Doch sie sind bei mir. Sie sitzen hier in der Kälte herum. Ja, ja, sie sind da. Ich habe ihnen was zu sagen und fange an zu weinen: „Irgendwann geht alles vorbei ja! Dann ist man tot und merkt nichts mehr. Aber er hat es viel schlimmer. Er lebt und sie pumpen ihn weiter mit diesen Tabletten voll. Das ist eine Achtmonatefolter. Das ist doch noch schlimmer?“ frage ich in der Runde.

Jetzt sind sie richtig da. Sie schauen mich an. Sie setzen sich zu mir auf den Boden. Sie sind mir nicht böse wegen des Vergleiches, sei er richtig oder falsch. Mir erscheint kein Unterschied. Ich bin jetzt nicht in der Lage etwas zu entscheiden. Sie nehmen meine Hände und halten sie. Ich halte verwundete und zerstörte Hände in meiner Hand und schaue darauf. Steif sind sie, vertrocknetes schwarzes Blut floss einmal aus den Wunden. Solche Hände halte ich das erste Mal. Ich schaue sie an und sie sagen mir jetzt: „Du hast uns und Deinem Sohn, Simon, versprochen, durchzuhalten, solange er lebt, und sei es noch so lange.“

Ja, ich hatte es ihnen versprochen an einem sehr zeitigen Morgen. Sie lassen mir Zeit, bleiben geduldig um mich herum stehen. Ihre Hände halte ich weiter. Nichts anderes möchte ich mehr sehen. Nur noch diese gequälten Menschen um mich, die alles hinter sich haben. Wie sie mich anschauen und ich in ihrer Mitte Platz haben darf und wie tröstend das alles ist, in dieser Minute. Später muss ich Simon holen, oder es versuchen, solange bis alles vorbei ist. Immer weiter machen.

Ich schaue ein letztes Mal in die Eichenholzzeitmaschine am zweiundzwanzigsten November irgendwann und sehe mich nass vor unserem kleinen Fluss sitzen. Ich kann die Naziopfer nicht mehr erkennen. Ich stelle die Eichenholzzeitmaschine ab. Ich will nicht mehr hinein schauen. Versuche mich abzureagieren. Ich ziehe mein schwarzes Kapuzenshirt wieder über, noch eine Jacke und trete einen nächsten Panikspaziergang an.

Ich eile durch den Nebel, nicht ganz wach, betäubt, doch zornig eile ich durch die Straßen, sämtliche Wege entlang und zu den Pferdekoppeln. Es dauert gar nicht lange und ich stehe wieder vor den Monstertrümmerhaufen der Speicherhäuser. Es ist mir nicht unheimlich im Nebel vor diesen riesigen Trümmern zu stehen.

Irgendwo hier habe ich den Brief verloren, den Simon schrieb, als er mich hasste, weil er in die Klapse kam, hier vor diesen Trümmerhaufen. Ich finde den Brief nicht mehr. Der Staub der Trümmerhaufen weht auf meine Kleidung. Es macht mir nichts mehr aus. Zwischen riesigen Sandbergen und zerbrochenen Steinen gehe ich umher. Ich finde Sand und Steine mit Abbildungen. Sie zeigen die verzerrten Gesichter der Gerichtsgutachterin Schweiger und des Richters Tramper wieder. Sie sahen so frisch vor dem Gerichtstermin aus. Mit rosa Wangen freundlich grüßend kam Frau Schweiger daher. Egal was sie danach in der Lage war zu tun. Jetzt stecken sie hier fest im riesigen Trümmerhaufen. Ich bleibe davor stehen und warte. Keine frischen roten Wangen haben sie mehr. Im Gegenteil, sie fallen immer mehr und erbärmlicher. Es braucht noch etwas Zeit. Dann kommen auch hierher große Bagger. Stückweise werden sie wegholt. Sie werden zusammen mit dem Müll der gesprengten Bauten entsorgt.

Sie gehen in ihre Zeit zurück,
- dort wo sie hingehörten.
(© Ilona Meschke 2008)

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