am dreiundzwanzigsten Novembertag irgendwann
Wenn es tatsächlich noch einen Retter gab, dann also nur Baumgart, der sein eigenes Auto als Fluchtwagen für uns nimmt und Simon aus der Klinik holen wird?


Aber nicht von heute auf morgen
nein ganz und gar nicht

Er braucht länger, einen längeren Weg
Wie werden Menschen bestraft,
die ihre Berufe missbrauchen
und andere quälen?

Am Morgen den dreiundzwanzigsten Novembertag irgendwann unternehme ich den gleichen Panikspaziergang. Ich eile unter blauem Himmel völlig wach und ungehalten mit meinem leeren Inneren zu den Trümmerhaufen. Versuche mir wieder die verzerrten Gesichter des Richters Tramper und der Gerichtsgutachterin Schweiger im Sand der Trümmerhaufen vorzustellen und dann, wie der Bagger sie Stück für Stück entsorgt.

Irgendetwas gelingt mir dabei nicht. Sie sollen aber entsorgt werden. Sie sollen in die Zeit zurück, genauso wie die Speicherhäuser schon lange ausgedient haben, genauso sollen diese Menschen sich jetzt mit ihnen zusammen zurückziehen. Es gelingt mir nicht, meinen Schmerz und mein leeres Innere damit zu trösten oder irgendwie auszugleichen. Ich lasse diese Vorstellung und gehe heim. Der Schmerz bleibt in mir.


Baumgart verspricht
Simon schnell aus der Klinik zu holen
und in ein Heim zu schicken

Die Eichenholzzeitmaschine zeigt mir jetzt vor meinem lodernden Kaminofen, wie ich nach diesem Gerichtstermin am Telefon stehe. Andys Vater erzähle ich den ganzen Vorfall und auch, dass das doch alles gar nicht zu begreifen ist. „Doch“, sagt er, „Das ist so. Das haben sie mit uns auch gemacht. Das ist nicht nur in Eurer Stadt mit diesen Leuten so. Das gibt es überall.“

Herr Baumgart versucht mich nach dem Termin sehr oft zu erreichen. Er scheint sich wirklich Sorgen zu machen, weil er mich nicht gleich erreichen konnte und meint auf Band: „Frau Hölzer, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Ich weiß, dass die Klinik Simon nicht gut tut. Ich werde ganz schnell ein Heim für ihn finden, wenn er erst dort ist, kann er vielleicht schon in zwei Monaten zu Ihnen nach Hause. Ich habe Unterlagen fertig, die besagen, dass Simon nach dem Heimaufenthalt der Kindesmutter zugeführt wird. Simon weiß Bescheid. Bitte kommen Sie morgen zum Jugendamt.“

Er wollte sich nicht mit den Ärzten der Psychiatrie anlegen und versucht jetzt den zweitbesten Weg einzuschlagen, um zu helfen. Ich begreife eigentlich sehr wenig.

In dem Plan vom Jugendamt wird keine Zeit von zwei Monaten erwähnt, später wird da gesagt, ungefähr sechs Monate bleibt Simon in einem Heim. Dann wird Zeitparker sagen: „Was, sechs Monate hat man Ihnen gesagt? Simon braucht mindestens zwei Jahre.“ Baumgart plant: „Im Heim machen wir Simon zusammen wieder stark.“

Einen Tag später sitzen wir also an einem runden Tisch beim Jugendamt. Diesmal ist es ein richtiger runder Tisch. Baumgart liest Simon den Plan ohne Zeitangabe vor. Dann geht er mit Simon alleine in sein Arbeitszimmer. Er will mit Dr. Stampfstein einen schönen langen Weihnachtsurlaub mit Übernachtung bei mir für Simon aushandeln. Wir anderen gehen während dessen schon nach Hause.

Zu Hause angekommen höre ich am Telefon Herrn Baumgart sagen: „Tut Mitleid. Dr. Stampfstein hat mich abblitzen lassen. Es gilt die Besuchersperre über Weihnachten.“

Simon ruft mich später vom Krankenhaus an: „Ich darf Weihnachten nicht nach Hause, nur wegen Dir, weil Du Dr. Stampfstein auf Band aufgenommen hast.“ Armer Simon! Die Schweiger!? Sie hat mich nach dem Gerichtstermin verraten. Simon sagt: „Sage nicht, das hättest du nicht getan. Ich weiß, dass Du so arbeitest!“ Ja, er weiß es. Immerhin habe ich ihn ebenfalls auf Band interviewt.

Wieder frage ich, ob Pitts Familie Simon schreiben und anrufen kann, damit er sich nicht so alleine fühlt. Sie versprachen es, aber sie werden es nicht tun. Immerhin meldet sich Gregor wieder und besucht ein paar Male Simon Weihnachten in der Psychiatrie. Er ist der einzige, der mir sachliche Auskünfte über ihn gibt, wie fit er ist und so.

Ich schreibe Weihnachtskarten für die Machtgierigen, die die Ohnmächtigen erbarmungslos zu Grunde richten. Karten für die angeblich Gebildeten, die die angeblich Ungebildeten diskreditieren. Karten für die Reichen, die von den Armen zehren, mit einem Weihnachtsmann, den sie verdienen. Der Weihnachtsmann auf der Karte ist ein gieriger hinterhältiger Gnom. Doch ich schicke diese Karten nicht ab.


Weihnachten:
Worte für Starke
die Schwache zu Boden zwingen
Für angeblich Gebildete,
die Ungebildete bloßstellen
Für Reiche
die sich an Arme laben

Über Weihnachten werde ich für Simon Heime aufsuchen, mit Leiter oder Personal sprechen. Es lassen sich gute Gespräche führen. Sie wundern sich nur, weil sonst das Jugendamt sich selbst um einen Heimaufenthalt kümmert und nicht die Mutter. Ich erzähle warum. Ich nehme kein Blatt vor den Mund, um zu erklären, was alles passiert ist und wie es uns geht. Ich sage ihnen, ich möchte jetzt die Heime gerne selber kennen lernen. Sie verstehen mich gut. Sie machen nicht den Eindruck, als könnten sie mir nicht glauben, was ich in der Kinderpsychiatrie alles erlebt habe.

Aber dann äußert ein Leiter: „Oh ja, das Trio sei ihm sehr bekannt, dieser Richter Tramper und seine Gutachterin Schweiger mit Baumgart vom Jugendamt. Einen Moment bin ich still. Ich möchte, dass er mir mehr erzählt. Tut er nicht. Nur im Gesicht erzählt er etwas, dann sagt er: „Aber Sie müssen Ihren Sohn da jetzt raus kriegen.“

Ich frage ihn, ob er den Dr. Stampfstein kennt. „Oh ja, der ist nicht unbedingt beliebt.“ Ein Junge kommt vorbei und sieht mich: „Hallo, Simons Mutter!“ Ich kenne ihn auch und grüße. „He, Moment mal, kennst Du Simon?“ fragt der Leiter des Heimes jetzt. Der Junge bestätigte das und solle sagen, wie Simon so ist und ob Simon o. k. ist. Der Junge erzählt, dass Simon in der Schule nicht mit machen möchte und so blockiert. Der Betreuer meint darauf hin, das habe er gar nicht gefragt. Er möchte nicht wissen, wie Simon in der Schule ist. Er möchte wissen, ob Simon o. k. ist. Der Junge bestätigt das, ja, Simon sei o. k. Der Betreuer schreibt sich Simons Vor- und Zunamen auf und sagt, er würde sich mal mit Baumgart auseinandersetzen.

Diese Geschichte erzähle ich Simon am Telefon gleich. Er hört interessiert zu. Dann erzähle ich über andere Heime, wo ich reingeschaut habe und beschreibe alles. Ich sage aber noch: „Verstehe mich nicht falsch. Ich hätte auch lieber, Du würdest zu mir kommen. Aber der Weg ist: erst ein Heim. Von da aus kannst Du bald zu mir. Sonst lassen sie Dich nicht aus dem Loch raus.“ Dann mache ich einen Fehler und meine, in vielleicht sechs Monaten sei er dann bei mir. Er protestiert: „Was in einem halben Jahr? Zwei Monate, sagte mir Herr Baumgart.“

Weihnachten ist Baumgart im Urlaub. Schon in einer Woche kann Simon wohl auch nicht aus der Zwangseinsperrung heraus, wie er sagte. Ich habe Heime aufgesucht, kennen gelernt, einen guten Eindruck bekommen und eine Liste, die ich Baumgart vorlegen werde, sobald er vom Urlaub zurück ist. Ich tue das trotz meiner Befürchtung, er wird wieder ablehnend und sagen: „Simons Krankheitsbild passt nicht zu diesem Heim.“ Meine Güte, welches Krankheitsbild hat er jetzt wirklich? Welches wird ihm angehängt? Warum zwingt er mich damit so in die Knie, wenn er jetzt helfen will und zu uns steht.


Jugendämter, Psychiatrien und Gerichte
diffamieren Menschen
schriftlich oder diskret

ohne Untersuchungen und Beweise einer Richtigkeit
Die Diffamierungen Hilfesuchender gehen solange weiter bis du umkippst und sie im Recht

Es gibt Post. Richter Tramper mit seinem Gerichtsbeschluss drückt sich noch niederträchtiger aus als die Gerichtsgutachterin Schweiger, um mich zu diskriminieren und zu diffamieren. Ich fasse es immer noch nicht, dass ein Richter so vorgehen darf, dass er Menschen psychisch krank erklären darf, ohne sie untersucht zu haben, ja, ohne sich mit ihnen selbst einmal auseinandergesetzt zu haben.

Obwohl, irgendwie interessiert es mich nicht, was er schreibt. Nicht in diesem Moment. Dafür habe ich keine Kraft mehr. Doch er schreibt: „Die Sachverständige hat zwar die Erziehungsfähigkeit der Eltern nach den allgemeinen Kriterien nicht verneinen können, hat aber ausgeführt, dass bei einer Rückkehr in den mütterlichen Haushalt wie von Simon gewünscht, mit einer Wiederholung der psychotischen Episode zu rechnen sei.“

Diese Behauptung kam von Sieknecht. Und mir hat sie niemals mehr gesagt, wie sie auf solche Einschätzung gekommen ist. Wir überlegten niemals zusammen wie dies zu verhindern sei, sollte ihre Einschätzung realistisch sein.

Die Unverschämtheit des Richters geht weiter, und er schreibt von einer Anhörung der Eltern: „Das Gericht muss nach den bisherigen Erkenntnissen, d.h. nach der Anhörung der Eltern, den Berichten des Jugendamtes, dem mündlichen Gutachten der Sachverständigen und der telefonisch ausgesprochenen Empfehlung von der ‚Klinik’, Dr. Stampfstein, davon ausgehen, dass zwar die generelle Erziehungsfähigkeit der Mutter gegeben sein mag, dass diese aber im konkreten Fall, d.h. bezogen auf die Akzeptanz der Krankheit des Kindes und der Notwendigkeit einer externen Unterbringung, nicht gegeben oder zumindest zweifelhaft ist. Dabei sind zudem erhebliche Anhaltspunkte vorhanden, die bei der Kindesmutter auf eine eigene psychische Erkrankung schließen lassen, wobei auch beim Kindesvater Auffälligkeiten vorhanden zu sein scheinen.“

Im Beschluss bin ich also nicht mehr unrealistisch, sondern psychisch krank, auch wenn nur von Anhaltspunkten geschrieben steht. Außerdem schreibt mich dieser ‚Richter’ etwas psychisch kränker als Simons Vater, denn ich bin ja die gefährliche Person für diese Folterkammer, die für das Sorgerecht normalerweise geeignet sei. Dadurch kann wieder Waffengleichheit zwischen Simons Eltern geschaffen werden, was der Psychiatrie und den Satansärzten zugutekommt. Ich reagiere recht übermüdet auf diesen Text. Er interessiert mich nicht, jetzt nicht.

„Eine Gemeinheit!“ Die Leiterin einer Einrichtung kocht vor Wut. Sie schaut in der Verwaltung nach Listen. Hier werden Kinder, die sich zurzeit noch in einer Psychiatrie befinden, sozusagen freigegeben für Einrichtungen. Die Frau liest sich Simons Unterlagen durch. Aber auch, wie psychisch krank die Mutter sein soll.

Diese Frau kennt mich gut. Auch, wenn wir uns jetzt länger nicht gesehen haben. Ganz diskret will sie sehen, was sie für Simon tun kann. Ich darf nicht wissen oder weitersagen, was ich von ihr höre. Sie warnt mich, nichts zu verraten, was sie mir über mich in diesen Unterlagen vom Jugendamt liest, denn sonst könnte sie ihren Job verlieren. Ich verrate nichts, damit nicht noch eine dritte Frau die Arbeitsstelle wegen uns verlassen muss. Mir wird immer gewisser, dass Frau Möller vom Jugendamt wegen unserer Sache ihren Arbeitsplatz verließ. Auch später die Frau Ahl von der Kinder- und Jugendpsychiatrie. So ist Deutschland. So ist es mitten in Deutschland. Es tut mir gut, dass sie sich für mich so ereifert und empört hat, denn ich kann es selbst nicht mehr.

Aber ich merke auch, so werden meine Schmerzen, mit denen ich ständig herum laufen muss, gelindert. Wenn Menschen sich für mich empören. Und ich weiß, noch heute, wenn ich eine Arbeitsstelle für eine Kinderbetreuung suche, werde ich gefragt, weshalb mein eigener Sohn im Heim gewesen ist. Auf meine Frage, wie die Sachbearbeiter und Koordinatoren zu diesen Informationen kommen, ob ich selbst die Information, die sie über mich haben, sehen könne, werde ich abgewiesen.


Weihnachten verging
kein Heim,
weiter zugelassene Besuchsverbote,
Eine weitere gerichtliche Psychiatrieverlängerung,
weiter leere Versprechungen
Simons Lebenskraft baut rapide ab.

Baumgart ist wieder in seinem Büro. Er bekommt meine Liste mit den Einrichtungen, die ich gesammelt habe. Er sagt wie befürchtet: „Die Heime müssen zu seinem Krankheitsbild passen!“

„Warum findest Du immer freie Einrichtungen und Herr Baumgart nicht?“ will Simon von mir wissen: „Simon, ruf Du selber bei Herrn Baumgart an. Jeden Tag und frage, ob er eine Einrichtung gefunden hat. Du willst endlich raus. Du musst das jetzt machen, Simon, tu das. Nerve Baumgart.“ Simon tut das. Herr Baumgart sagt mir daraufhin ganz stolz: „Simon hat sich persönlich bei mir gemeldet. Er ruft mich selbst an.“ Baumgart scheint sich daraufhin zu bewegen. Doch er besucht mit Simon genau das Heim, in dem Andy eine Psychose bekam und eine Menge schlimme Sachen erzählte. Simon will nicht in das Heim. Baumgart sagt dem Heim ab.

Schnell wollte Baumgart eine Einrichtung für Simon finden. Simon baut ab. Angeblich soll er einen Virus haben. Zum zweiten Mal gibt Simon auf, er will nicht mehr leben. Er wird immer schwächer. Er glaubt, die Klinik niemals mehr verlassen zu können. Ich glaube auch nicht mehr daran, doch würde lieber für ihn sterben. Mein Junge ist schwach geworden und ich bekomme erneut eine Besuchersperre, wieder wird definiert, meine Besuche täten ihm nicht gut. Zwei Monate wartet Simon auf ein Heim. Niemand wird diese Morde bestrafen, wenn es uns nicht mehr gibt. Keiner wird vor dem Tod so bestraft wie wir, die sich nicht sehen dürfen und nicht zusammen sein dürfen.

Ich sitze in der Computerschule und konzentriere mich nicht mehr. Oft gibt es einen Freund oder eine Freundin, die in der Pause mit mir arbeiten. Alle wissen so ziemlich, was ich erlebe. Gut, dass ich da bin. Sie können viele auf mich aufpassen. Baumgart ruft den Leiter der Schule an, ich möge ihn doch zurückrufen, sobald ich kann. Der Leiter fragt Baumgart, während ich im Unterricht sitze: „Weswegen?“ Er möchte erst wissen, ob Baumgart eine gute oder eine schlechte Nachricht für mich hat, sonst würde er ihm gar nichts ausrichten und Frau Hölzer würde nicht zurückrufen.

Baumgart erzählt ihm jetzt, er habe eine gute Nachricht. Er habe mit Simon eine Einrichtung besichtigt, die Simon gefällt. Er soll morgen seine Zustimmung oder Absage für das Heim geben. Er sagt, das Zimmer sehe aus wie sein eigenes zu Hause. Der Leiter der Computerschule geht in meine Klasse: „Eine gute Nachricht für Ilka Hölzer vom Jugendamt! Ihr Sohn Simon hat eine Einrichtung gefunden, die ihm gefällt, und möchte dort bleiben. Sie nehmen ihn auf. Er freut sich auf sein neues Zimmer. Es soll aussehen wie seines zu Hause.“

Keine Angst vorm Warten und Abhören der Nachricht. Alles wurde so schnell erzählt. Danach kommen mir Tränen. Ich sitze ganz schwach vor meinen Computer mit den Grafikprogrammen. Die Kollegen stehen mir bei. Ich danke meinen Freunden in der Computerschule, nachträglich. In der Pause rufe ich Baumgart an und lasse mir das Heim erklären.

Erschöpft, aber freudestrahlend rufe ich Simon nach dem Abendbrot in der Klinik an. Ich möchte stark klingen, immer wenn ich mit Simon telefoniere: „Simon habt ihr endlich ein Heim gefunden? Ich freue mich.“ Plötzlich will er nicht mehr! Er will nicht aufgenommen werden. Er will nicht mehr in ein Heim. Er will absagen. Er will gar nichts mehr. Er hört sich krank und schwach an. Ich erschrecke: „Simon nein, Du musst! Du musst ‚ja’ sagen, sage einfach nur ‚ja’.“ Simon will nicht. Er will nicht mehr und er hat viel Angst. Er wirkt schwach. Ich weine. Ich sage immer wieder: „Du musst, du muss, bitte, bitte.“ Irgendwann fängt er an zu weinen: „Na gut, ich sage ‚ja‘. Aber auf Deine Verantwortung. Du trägst die Verantwortung. Du hast Schuld, wenn irgendwas passiert.“ – „Ja, Simon, wenn irgendwas passiert, bin ich schuld. Ich trage die Verantwortung für das, was Du jetzt machst. Bitte sage ‚Ja‘, morgen zu Herrn Baumgart. Hörst Du?“ – „Ja, Mama!“ Ich versuche ihm noch etwas Mut zu machen. Erinnere ihn an das Zimmer, lasse mir von ihm erklären, wie die Betreuer und Kinder so waren. Ich zwinge ihn regelrecht zu einem Gespräch darüber. Er verspricht noch einmal, morgen früh mit Baumgart zu telefonieren und nur ‚Ja’ zu sagen.



Simons Freiheit – Simons Vorfreiheit

Ich schlafe schlecht, gehe wieder zur Computerschule und rufe am Morgen während des Unterrichts Baumgart an. Simon hat sich noch nicht gemeldet. Ich rufe wieder an. Simon hat sich gemeldet. Er hat zugesagt. Simon darf seine Sachen packen und morgen früh wird er abgeholt. Vorher wird Baumgart mich von zu Hause abholen. Dann werden wir ein letztes Mal in die Kinder- und Jugendpsychiatrie nach K fahren und Simon holen. Ich war erleichtert. Ich dachte an den Traum mit den Schuhen.

„Simon hat alle Sachen gepackt. Sie sind bei mir“, sage ich noch. Es ist klar. Ich bekomme morgen frei. Ich bin erschöpft. Ich sitze im Foyer des großen Gebäudes auf der Treppe. Hinter der Treppe ist eine Abteilung meiner Krankenkasse in der auch Simon ist. Eine hagere Gestalt schleicht heraus und holt sich aus der Cafeteria einen Kaffee und ein Brötchen. Dieses Gespenst habe ich schon kennen gelernt. Er sieht mich. Ich grüße nicht. Er hätte die Aufgabe gehabt, Dr. Stampfstein zu kontrollieren. Bald bin ich in einer anderen Krankenkasse. Warum wurde Simon nicht gleich in ein Heim gebracht? Warum musste er erst an einer schizophrene Elternbesucherregelung vom Jugendamt zerbrechen?

Wegen des anderen Kostenträgers? Der blase hagere Mann schleicht wieder mit seinem Frühstück menschenscheu in seine Räumlichkeiten. Zahlen Krankenkassen lieber? War unsere Folter der Kostenträgergrund? Können Staat und Ämter Sozialgelder einsparen, wenn Kinder in Psychiatrien und nicht gleich in andere Betreuungen geschickt werden. Verantwortungslos, aber glaubhaft erscheint es mir inzwischen.

Wir sitzen hinten in Baumgarts Auto, Simon und ich. Wir fahren in das Kinderheim. Er packt ein Geschenk von mir aus, sein Lieblingsspiel. Er hat es die letzte Zeit im Krankenhaus ständig gespielt, Euro poly. In seinem neuen Zimmer kann er sich jetzt damit zurückziehen.

Trotzdem, vorwurfsvoll sieht Simon mich an, denn ich habe den Prozess verloren, der Simon nach Haus gebracht hätte. Das neue Zimmer mag er am liebsten. Es ist ganz gelb angestrichen und hat einen blauen Teppichboden wie zu Hause.


Zehn Monate,
also fast ein Jahr

hinter Mauern eines angeblichen Krankenhauses
Endlich hat Simon seine Folterklinik verlassen können

Die Heimsuche ist beendet. Was beim Jugendamt sofort hieß, dauerte noch ungefähr drei Monate. Erfahren habe ich von mehreren Menschen in Leitpositionen von Einrichtungen, dass sie das Trio gut kennen, den Richter Tramper, die Gerichtsgutachterin Schweiger und Baumgart vom Jugendamt. Auch der ungeliebte Dr. Stampfstein dieser Klinik ist gut bekannt und wird stets mit Skepsis betrachtet. Doch wurde er deswegen niemals als Oberarzt entlassen.

Dr. Bück, der Psychiater, der Simon einlieferte, hatte viele Jahre eine leitende Stellung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in K gehabt. Deswegen mochte er angeblich seine ehemaligen Arbeitskollegen nicht kontrollieren und schrieb ihnen das gleich sorgevoll unter mein Telefax.

Weniger Sorge hatte er um das Vertrauen seiner Patienten. Eine Frau las mir die Diffamierungen meiner Person in amtlichen Blättern vor.

Ich schaue in eine Eichenholzzeitmaschine und sehe mich, wie ich in eine Eichenholzzeitmaschine schaue. Diese Ilka sieht sich wieder, wie ich in eine Eichenholzzeitmaschine schaut und wieder sieht diese Ilka ein Frau in der Eichenholzzeitmaschine.

Wonach suche ich eigentlich noch?
Vielleicht suche ich immer noch, wer das alles bestraft, wenn wir doch so viel wissen?
(© Ilona Meschke 2008)

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