am vierundzwanzigsten Novembertag irgendwann
Ich bin es der Gesellschaft schuldig, ein Buch zu schreiben. Schon alleine wegen der Richtlinie der EU, von der ich erfahre. Sonst kennt sie kaum jemand.


Herr Baumgart und ich
verlassen mit dem aufgedunsenen,
sich unwohlfühlenden Simon
die Kinder- und Jugendpsychiatrie in K

Wir fahren in ein Kinderheim nach C

Wie wird es Simon im Heim ergehen?

Es ist Morgen am vierundzwanzigsten Novembertag irgendwann. Langsam wird es hell. Ich bin früh aufgestanden. Ich richte oben die kleine Mansarde unter dem Dach etwas verspätet herbstlich ein. Die Gartenmöbel haben dort Platz gefunden. Herbstblätter und Strohblumen dekorieren den kleinen Raum. Ich sitze am geöffneten Fenster, eine größere Dachluke, und schaue hinaus über die Dächer. Die Welt ein klein wenig höher betrachtend sitze ich fast auf dem Dach. Ich spüre den frischen Wind, sehe die schon fast kahl gewordenen Laubbäume und den freien weiten Himmel, Freiheit und frische Luft. Unten fliegen die Blätter herum.

Damals war es nicht der Herbst. Es war im Februar. Das Jahr begann, als in allerletzter Minute Simon doch noch aus einem unheimlichen Karussell gerettet werden konnte. Oder war es die Geisterbahn eines Jahrmarktes, die den Kindern Zuflucht in eine andere Welt versprach? Hinten am Ausgang aber nicht mehr alle Kinder heile heraus ließ? Sondern entstellt, unbeweglich, mit verlorenem Vertrauen und traurig für immer und ewig? Ob es Kinder gab, die nicht mehr herauskamen, weiß ich nicht. Wir waren ja die Gladiatoren einer römischen Arena. So verglich ich das Erlebte.

Freiheit fühle ich jetzt oben auf dem Dach. Mein Körper scheint ein wenig neues Blut zu bekommen. Ich schaue in die Richtung der Bushaltestelle, an der ich damals mit Simons Gepäck stand und auf Baumgart wartete, der mich dort abholen wollte. Er kam. Ich stieg in seinen Wagen und wir fuhren los, um Simon zu holen. Baumgart sprach hinter seinem Steuer über dies und das. Er sagte, nachdem er Simon in das Heim gegeben haben werde und er formell aufgenommen werde, werde er, Baumgart, diesen Fall an einen Arbeitskollegen abgeben. Gundalf wird der neue Betreuer vom Jugendamt in B für Simon sein. Ich kenne ihn. Er saß in einem Zimmer neben Baumgart. Mit einer Tür direkt von Zimmer zu Zimmer waren die beiden verbunden. Diese Tür wurde nur selten geschlossen. Es war schon ein befreiendes Gefühl, Simon erst einmal in das Heim zu bringen und außerdem Baumgart als Schreibtischhengst loszuwerden, obwohl die Lage immer noch unfrei und ungewiss war.

Dann standen wir unten im Foyer des Qualenhauses, um Simon abzuholen. Baumgart kontaktierte mit dem gesamten Personal sehr freundlich, auch als dann der Dr. Stampfstein kam. Baumgart hatte wohl meine innere Distanz, die ich jetzt in diesen Räumlichkeiten einnahm, verstanden, hoffte, dass ich ruhig blieb, und stellte sich sogar vor mich, als Dr. Stampfstein darauf bestand, mich auch sehr freundlich begrüßen zu wollen. Baumgart trat einen Schritt zur Seite als Dr. Stampfstein das forderte. Dr. Stampfstein kam mit ungefähr drei Schritten auf mich zu und reichte mir freundlich die Hand. Ich überreichte ihm meine Hand und grüßte angemessen in einer Haltung, die von keinem kritisiert werden konnte. Jetzt gab er Simon, der noch hinter ihm stand, frei.

Baumgart verabschiedete sich, während ich unmerklich darauf verzichtete und Simon leise zur Ausgangstür ziehen wollte. Doch das Psychiatriepersonal von ca. fünf Frauen wollte sich noch von ihm verabschieden und alles Gute wünschen. Also ging ich langsam alleine zum Ausgang, eine Hand an der Tür zum Öffnen, die andere winkte Simon bei Gelegenheit zu und deutete ihm zum Ausgang heraus zu gehen.

Jetzt saßen wir beide hinten im Auto zusammen. Baumgart fuhr in die Richtung des ausgesuchten Jugend- und Kinderheimes nach C, ungefähr hundert Kilometer vom schrecklichen Ort entfernt und auch hundert Meter entfernt vom eigenem Zuhause. Das Jugendamt hatte immer noch die alte Strategie beibehalten, Simon weit entfernt vom Wohnort beider Eltern unterzubringen, obwohl die Verhältnisse sich geändert haben. Aber wer weiß? Hundert Kilometer sind keine so weite Entfernung. Nur, dass ich nicht motorisiert war, sondern Simons Vater.

Neben Simon im Auto sitzend, merkte ich plötzlich, wie abweisend Simon war. Als ich seine Aufmerksamkeit forderte, machte er mich schuldig. Wieder wurde in seinen Kopf gehämmert, ich sei an all dem Schuld, was passierte und was er mitmachen musste. Und zusätzlich trüge ich inzwischen Schuld daran, das Sorgerecht verloren zu haben, so dass Simon jetzt in das Heim kam. Sogar warf Simon mir noch vor, dass sein Vater meinte, dass ich nur das alleinige Sorgerecht haben wollte, damit er ihn nicht mehr besuchen und nicht mehr sehen dürfe.

Das war gemein. Aber Simon hätte wissen können, wer das wirklich verlangt hatte, denn er kannte alle Erlebnisse und ich erinnerte ihn auch daran. Ich hätte ihn in die Klapse gebracht, warf er mir plötzlich wieder vor, obwohl er das nicht mehr tun wollte. Das versuchte sein Vater immer noch ständig vor Simon zu behaupten. Aber auch, dass Jugendämter, Therapeuten und Psychologen an all dem schuld seien. Henry fragt nicht danach, ob er selbst mit seinem Verhalten und dem ganzen Vorspiel das Geschehene inszeniert hat. Kann er wohl auch nicht mehr. Er würde es wohl nicht aushalten können, selbst schuldig daran zu sein. Selbst schuldig dafür, was alles mit dem eigenen Kind passiert war.

Simon hatte mir von selbst so oft verziehen, egal für welche Fehler. Wir wollten von da an immer zusammenhalten, Kraft sammeln und nie wieder etwas passieren lassen, was einmal passierte.

Doch jetzt sitzt er neben mir und sperrt sich. Er war, als wäre eine unsichtbare Mauer um ihn herum. Das tut weh. Ich wollte den Jungen jetzt nicht voll schwafeln und aufklären. Höchstens kurze Sätze konnte ich ihm sagen, obwohl er sie nicht hören wollte: „Simon merkst du nicht. Wir fahren weg. Immer weiter weg von der Folterkammer. Nie wieder in das Qualenhaus, das Kinder missachtet.“

Er distanzierte sich immer noch, obwohl er mir jetzt erlaubte, seine Hand zu halten. Ich durfte ihn freundlich anschauen. Er schaute zurück und irgendwas wollte sich immer wieder von mir distanzieren. Ich konnte nur für ihn und für mich Hoffnung haben. Ganz viel. Ich musste Rücksicht auf seine innere Angst nehmen. Die Angst vor dem Kinderheim. Wir beide wussten nicht wirklich, wo es hinging.

Jetzt sitze ich immer noch auf dem Dach oder auf dem kleinen Fenster meiner Mansarde, schaue bewusst nicht in die Himmelsrichtung, wo zwanzig Kilometer entfernt die mysteriöse Arena, die Kinder- und Jugendpsychiatrie in K, zu finden ist. Erinnere mich aber, wie Sieknecht öfter meinte, die Eltern würden sich überbieten und Simon Geschenke machen. Sie stellte das hin, als würden beide Eltern um Simons Gunst konkurrieren. Einmal dementierte ich ihre Aussage und sagte ihr, ich würde mit meinen Geschenken einen Trost und einen Ersatz für die fehlende Verbindung und Nähe zu mir schaffen wollen. Ich merkte, es tue Simon gut. Simon verstehe meine Geschenke und nehme sie auch so wahr. Es gebe nur wenige Möglichkeiten für mich, Simon etwas Gutes zu tun und Vertrauen zu geben. Meine Geschenke seien sinnvoll, und es tue ihm gut, das merke. Und deswegen mache ich weiter so!

Sieknecht hörte das zwar, doch ihre starke Arroganz ließ meinen Worten keinen Zugang zu ihr. Ich saß mit meinem Sohn jetzt hinten zusammen in Baumgarts Auto. Er sah, dass ich ein Geschenk für ihn in meiner Hand halte. Denn das Geschenk war immerhin ein ziemlich großes Paket, ein Spiel, Europoly, ähnlich wie Monopoly. Die Jugend liebt nun mal die neuen Euros. Ich weniger. Ich merke, wie viel schneller mein Geld dadurch verschwindet.

Simon saß die letzte Zeit viel dort, wo er eingesperrt war, und spielte dieses Spiel. Oft auch ganz für sich alleine. Das riesengroße Geschenk in meiner Hand musste er schon eine Weile gesehen haben. Erst nach längerer Zeit im Auto hinten und wieder mehr die Einklang zwischen uns, brachte ihn dazu, das Paket aus meinem Arm zu ziehen. Er packte es aus. Er betrachtete es lange. Ich sagte: „In Deinem neuen schönen Zimmer kannst Du Dich jetzt immer zurück ziehen, wenn es dir zwischen den anderen wird, und dieses Spiel spielen.“

Ich entferne mich vom Dach, verlasse meine Mansarde, gehe in meine Wohnung zurück und schaue in die Eichenholzzeitmaschine. Ich stelle den Zeitpunkt ein, zu dem jetzt viele Personen auf dem Parkplatz vor dem Kinderheim in C stehen.

Simons Vater steigt aus seinem PKW. Er sieht Simon und will sich ihm nähern. Ich gehe etwas aus der Reichweite und überlasse Simon den Rest der Reaktionen. Simon möchte gar nicht öffentlich das vordemonstrieren, was sein Vater sich wünscht. Sein Vater, das ist deutlich, will Simon mit ganzer Körperhaltung vereinnahmen. Er strengt sich an, zu zeigen, dass sein Sohn zu ihm gehört. Der Sohn nicht. Er versucht sanft einen Abstand zu erreichen. Eine peinliche Situation. Ich will das Gehabe nicht merken. Ich will nicht mitmachen, nicht dagegen spielen, Simon nicht noch mehr verunsichern oder in Verlegenheit bringen. Ich bleibe stehen, wo ich bin. Verloren steht Simon jetzt zwischen mehreren Leuten und zwischen Vater und Mutter. Er hat sich alleine ins Freie gestellt.

Im Heimgebäude angekommen, begrüßt eine freundliche Leiterin, Frau Piel, alle angekommenen Personen mit Kaffee und mit den Worten: „Aus der Klinik kam auch gerade ein Anruf. Simons Lehrerin rief an, Simon solle gleich auf die normale Schule. Er lernt gut.“

Immerhin eine gute Nachricht. Ansonsten sitzen wir alle sehr öde an einem runden Tisch. Aber wir sitzen alle zusammen endlich mal an einem runden Tisch mit einer guten Nachricht. Henry hatte es zwischenzeitlich doch noch geschafft, Simon so an sich heran zu zerren, dass er sich neben ihm setzen konnte. Es sieht alles ein wenig peinlich und verloren aus. Die allgemeine Atmosphäre am runden Tisch ist trostlos bis miserabel. Sämtliche Details werden angesprochen. Baumgart spricht aus, was geplant sei. Das Jugendamt wolle Simon solange finanzieren, bis er einen Realschulabschluss geschafft habe, denn das sei ja damals die Schule, aus der er gehen musste. Dann sagte er streng, es sei angedacht, den Jungen nach dem Heimaufenthalt der Mutter zuzuführen. Dabei sah er Henry an. Sein Gesicht sehe ich daraufhin. Ich kann es nicht beschreiben.

Zwischendurch wird Baumgart hart, denn zwei Maßnahmen hätten seines Erachtens zu unterbleiben: Der Vater dürfe niemals ausgeschlossen werden. Außerdem müsse Simon die Medikamente weiter nehmen wie in der Klinik.

Das werden wir noch sehen, denke ich mir heimlich bei der letzteren Aussage. Leider klärte Simon vorher auf, Heimleute sind anders, die wollen das nicht. Die machen das nur, wenn es nötig ist. Es ist, als wäre Baumgarts Kommentar für Frau Piel unpassend gewesen. Sie spürte die Bedrückung am runden Tisch.

Frau Piel versucht mit Simon ein Gespräch. Sie spricht über das Taschengeld, was Simon in seinem Alter hier zusteht. Simon schaut interessiert auf. Er sieht Frau Piel in die Augen. Jetzt werden ein paar andere Fragen gestellt. Die Gesellschaft am runden Tisch wird etwas heiterer. Ein Praktikant sitzt mit am Tisch und ebenfalls ein Betreuer. Wie gut, zwei Männer für Simon. Vielleicht endlich die richtigen Vorbilder. Die Besprechung ist beendet. Henry verabschiedet sich. Ich habe noch Zeit, Simons Zimmer zu sehen, zu bestaunen und ein wenig mit Simon einzurichten, mit ihm alleine zu sein und auch noch einmal interne Dinge mit ihm zu regeln. Beispielsweise sprach ich vor Simon heimlich die Medikamentenfrage an, nehmen oder nicht nehmen? Ich werde die Leute gelegentlich, aber recht bald daraufhin ansprechen. Ich tat das schon. Sie machten mir Hoffnung. Simon solle erst noch einmal warten.


Almut hat eine Zeitung für mich mit Hauptthema:
‚Kinder als Testpersonen‘,

(Text lese: NEUNTE NOBEMBERTAG)
Hier bekomme ich sie das erste Mal zu Gesicht
Eine neue EU-Richtlinie wurde installiert und keiner kennt sie.

Ich drehe die Eichenholzzeitmaschine weiter vor und sehe im Kulturkreis Almut wieder. Ein bisschen verhalten ziehe ich mich von ihr zurück, denn sie war diejenige, die meine Unterlagen damals dem Landesjugendamt zuschob und anschließend kein Verständnis mehr für mich hatte, weil das Landesjugendamt nicht helfen wollte. Doch jetzt kommt sie auf mich zu und schiebt eine Zeitschrift in meine Hand. Ich möchte sie doch bitte nehmen und lesen. Alle Leute in dieser Gruppe wissen inzwischen, dass Simon jetzt seinen Aufenthaltsort gewechselt hat und im Kinderheim wohnt.

Ich lese die große Überschrift auf der Zeitung: „Kinder als Testpersonen, EU-Richtlinie erleichtert Arzneimittelversuche mit Minderjährigen und lebensbedrohlich Erkrankten.“ Ich schaue Almut hinterher, die sich verabschiedet hatte und langsam zur Ausgangstür geht. Ich kann aber nicht denken und behalte die Zeitung in der Hand. Almut geht raus. Ein Gesetz, eine Richtlinie, die im März letzten Jahres herausgegeben wurde. Im Mai wurde Simon ins Landeskrankenhaus gebracht. Das Jugendamt hatte sozusagen das Sorgerecht, lies die Ärzte walten wie sie wollten, nebenan sind ja Forschungsanstalten. Andy in diesem Krankenhaus bekommt das gleiche Medikament, nur der andere Junge nicht, dessen Sorgerecht die Eltern haben. Diesen Artikel habe ich am neunten Novembertag unter meine Erzählung gehängt. Er stammt von BioSkop:

Einige Zeit konnte ich diesen Artikel nicht lesen. Als ich es dann aber schaffte, stand ich beim Jugendamt vor Herrn Baumgart, zeigte ihm die Zeitung und wollte wissen, ob Simon irgendwelchen Versuchen zum Opfer gefallen ist. Baumgart erschrak als er meine Frage hörte, zumindest machte er ein sehr ernstes Gesicht, schaute mir fest in die Augen und sagte: „Nein, wirklich nicht! Das machen wir nicht.“ Ich schaute ihn auch lange an, bis ich entschlossen zur Tür wieder hinausging.

Im April letzten Jahres beschlossen das Europaparlament und EU-Regierungen neue Richtlinien zur Durchführung von klinischen Prüfungen von Arzneimitteln. Sollte das Jugendamt zusammen mit der Klinik Forschungsarbeiten an nichteinwilligungsfähigen Personen, Kindern, betreiben, deren Sorgerecht sie haben? Und wenn sie das nicht wollen, wie Herr Baumgart, werden sie dann in der Lage sein, es zu verhindern?

Ließ sich nicht erst der Chef von Baumgart auf mein und Eriks Drängen hin die Unterlagen aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie in K zum Überprüfen geben? Willkür in der menschlichen Behandlungsweise konnte Baumgarts Chef, Zeitparker, nicht erkennen. Warum war Frau Möller plötzlich nicht mehr im Amt? Warum fehlte Frau Ahl so plötzlich in dieser Klinik? Warum hatte das Jugendamt keine Diagnoseunterlagen? Und warum habe ich das Sorgerecht für Simon nicht bekommen?

Ich hebe diesen Zeitungsartikel nicht nur gut auf. Er wird künftig sämtlichen Briefen oder Unterlagen als Kopie beigefügt. Und die Familie von Andy bekommt diesen Artikel ebenfalls.

Ich halte einen Zeitungsartikel in den Händen. Und sollten diese Richtlinien hier in Deutschland noch nicht verabschiedet worden sein, so existieren doch entmoralisierte Köpfe, die an den richtigen Quellen sitzen, um diese Richtlinien durchzudrücken. Wenn auch vertuschend oder unbemerkt öffnen sie die Türen dazu. Vielleicht taten sie es schon, bevor die Gesetze Gültigkeit hatten. Es gibt interessierte Mächte, die Gesetze entwerfen, um sie dann eingesetzt zu bekommen oder sie taten dies schon und wollen im Nachhinein eine gesetzliche Regelung. Die Richtlinie entstand, kurz bevor Simon im Krankenhaus war.

Leponex ist schon älter. Aber wahrscheinlich bisher nie bei Kindern angewandt, nachdem sich bei Erwachsenen die Nebenwirkungen schon einmal als tödlich erwiesen haben, - lt. Internetauskünfte. Ist das der Schutz, den Jugendämtern Jugendlichen und Kindern geben?

Die Eichenholzzeitmaschine läuft weiter. Ich sehe mich immer noch mit dem Zeitungsartikel in der Hand aus der Fachzeitschrift ‚BioSkop’ und kein anderer Zeitungsleser erfährt von solch einer Richtlinie. Mit dem Zeitungsartikel in der Hand sehe ich mich bei meinen ersten Versuchen, ein Buch darüber zu schreiben, was Simon und ich erlebten. Was wird aus dem Buch, welches ich, die Aushilfsautorin, Simon schon einmal versprochen hatte und schreiben will? Wird es jemals fertig geschrieben werden? Wird es Simon und anderen helfen? Wird es gut verkauft werden? Der Artikel in meiner Hand wird mir das nicht verraten.

Um mich herum liegt wieder einmal Papier, Papierberge, Briefe, Stellungnahmen, Merkzettel, Telefonnummern, Infos, unterm Tisch und überm Tisch, rechts und links von mir Sprüche, Zusagen, Absagen, verschwiegene Absagen stecken in meinem Kopf, nicht auf Papier. Bilder, Gesichter und Zustände sitzen vor dem Fenster. Werde ich diese Ablage je sortieren können? Werde ich aus diesem Berg ein sortiertes Buch hinbekommen?


Es regnet Papier von der Decke
Erinnerungen, Puzzleteile,
die einen Nichteingeweihten umwerfen können

Was wird aus dem Buch? Das ich für dich schreiben möchte, Simon? Soll der Rest des Buches mit Briefen vollgestopft werden wie ein Papierkorb? Doch wie soll Simon da durchsteigen, wenn er einmal dieses Buch lesen wird und vieles mit anderen Augen sehen kann? Wie soll das Lesen? Wird dieses Buches denn überhaupt ertragbar sein? Wer liest es freiwillig? Am besten ist, ich vermumme mich erst einmal in meinem schwarzen Kapuzenshirt und ruhe mich aus, weg von der Eichenholzzeitmaschine. Es ist doch nicht normal, was wir erlebten mitten in Deutschland.

Doch ich krieche wieder hin zur Eichenholzzeitmaschine und glotze hinein. Frau Piel scheint mich gut zu verstehen. Sie wollen Simon erst einem sehr guten Arzt, einem Psychiater, vorstellen und die Medikamentenmenge auch langsam reduzieren, nach Ermessen des Arztes. Ich hoffe, denn ich brauche mir keine Sorgen zu machen, falls geglaubt wird, Simon müsse wieder in eine Psychiatrie, würde er in eine ganz andere kommen.

Allerdings glaubt Frau Piel, Simon besser noch nicht auf die öffentliche Schule zu schicken. Erst solle er zur Heimschule, dann die Medikamente ein wenig reduzieren, so plant Frau Piel. Wenn Simon sich gut und sicher fühlt, solle er auf die öffentliche Schule. Da hat Frau Piel noch Bedenken. Alle vierzehn Tage am Wochenende darf Simon jetzt zu mir. In den Osterferien und zu Pfingsten endlich einmal richtig lange. Die Zeit wird gut genutzt. Die Ohnmacht, dass alles noch nicht so aussieht, wie eigentlich geplant wurde, belastet uns immer noch. Denn das Reduzieren hat noch nicht stattgefunden.


Simon lebt zwei Monate im Heim
Kein Besuch wurde gecancelt

Welche Veränderungen im Kinderheim von C?

Seit zwei Monaten lebt Simon nun bereits im Kinderheim. Er hat sich gut eingelebt oder sagen wir, den Umständen entsprechend, denn er nimmt immer noch Medikamente. Sogar dieselbe Menge wie bisher.

Versprochen wurde, sie würden langsam damit heruntergehen. Wollten sie auch. Doch zwei Vorfälle vor gut einem Monat hinderten die Heimleitung daran. Simon wurde massiv aggressiv, als ein Junge sein Fahrrad entführte. Dieser verursachte einen Unfall mit Totalschaden an seinem Fahrrad. Dem Jungen selbst ist zum Glück nichts passiert. Doch während der Betrachtung des kaputten Rades, kochte Simon über. Er soll auf den Jungen losgegangen sein. Betreuer mussten ihn zurückhalten. So begründete die Leitung das Aufschieben der Reduzierung der Medikamente. Sie könnten nicht verantworten, dass durch Simons Aggressionen anderen Kindern etwas zustößt. Das möchte ich auch nicht. Das ist halbwegs verständlich, doch es geht nicht um Beruhigungsmittel, sondern um ein gefährliches Psychopharmaka. Auch Frau Piel könnte entgegengesetzt argumentieren.

Der zweite Vorfall war, dass ein kleinerer Junge permanent ärgerte. Simon ging mit einem Pizzamesser auf ihn los. Man musste Simon zurückhalten, denn es sah gefährlich aus. Ich erschrak, als ich das hörte. Simon wollte sich Respekt verschaffen, sagte er. Eine ziemlich bescheuerte Art, sich Respekt zu verschaffen, indem man andere bedroht, das meinte ich. Erschrocken und enttäuscht frage ich Simon: „Was wird aus der Medikamentenreduzierung?“ Und ich frage ihn ängstlicher: „Hast Du Dich wirklich nicht mehr unter Kontrolle?“ Simon streitet das ab. Er verspricht, das künftig zu unterlassen. Er wollte den Jungen nicht wirklich verletzen. Er wollte beängstigend wirken. Es ist alles so nervend. Es macht kaputt. Aber diesmal ist es Simon selbst, der das zu verantworten hat, zumindest ein wenig. Das hat sich verändert.

Simon bekommt nach diesen Vorfällen einen Anti-Wutanfall-Brief von mir. Aber es sind auch drei Tafeln Schokolade dabei mit Euro-Schein-Papier verpackt, denn Euros liebt er. Zehntausend und fünfzigtausend Euro Schokoladetafeln stecken in dem Brief. Ich habe diesen Brief mit passenden Bildchen und Sprechblasen aus dem Computerprogramm gestaltet. Schöne bunte Schriften benutzt. Alles ein wenig aufgeheitert.


Wie Bomben sollen die Anweisungen aussehen, die es zu beachten galt:
Mein lieber, teurer Junge! Hier sind zwei teure Schokoladen für Dich!
Ich hoffe, sie sind Dir ebenbürtig!

Jetzt kommt das, was die Großmutter des Klassenfreundes von Harry Potter ihm immer zugeschickt hat. In der ersten Bombe steht:
Du sollst keine Wutanfälle mehr kriegen. Denn kriegen kommt von Krieg, und das machen wir nicht. Wutanfälle braucht man nur im Krieg, und wir brauchen keine! Verstanden?

In der zweiten Bombe steht:

Wenn ein Junge etwas unabsichtlich tut, gibt es ja keinen Grund, so wütend zu werden. Da muss man sich beherrschen üben.

In der dritten Bombe steht:
Wenn ein Junge fies sein will, sagt er ja nicht die Wahrheit. Er will Dich doch nur herunterziehen. Und Du lässt Dir das gefallen, und anschließend ist es Dir peinlich. Er hat Dich auf ein Niveau heruntergeholt, auf das Du nicht gehörst.
Was machen Vierzehnjährige gegen Wutanfälle?

Erste Lösungsbombe:
Immer mit Worten äußern. Die anderen es hören lassen, sie merken, wer gemein ist.

Zweite Lösungsbombe:
Viel Sport machen. Das macht stark. Da braucht man keine Beweise mehr, was man kann. Dann lässt man sich nicht mehr herunterziehen.

Dritte Lösungsbombe:
Mit Betreuern oder Herrn Schwarz, dem Psychologen, darüber reden. Außerdem hatten Herr Schwarz und ich Rollenspiele für dich ausgedacht. Das ist wie Theater und macht Spaß. Nebenbei lernst du mit Konflikten umzugehen. Frage Herrn Schwarz schnell danach. Du willst das jetzt machen und lernen.

Lieber Simon, wir sprachen über Hermann Hesse, weißt Du noch? In der Pubertät mit vierzehn oder fünfzehn landete er in der Klapse, zwei Jahre lang, so flippig war der. Er sagte danach, als er erwachsen war: „Weich ist stärker als hart, Wasser stärker als Fels, Liebe stärker als Gewalt.“
Wir dachten darüber nach, weißt Du noch?

Bunte Denkwolken hat der Brief auf der nächsten Seite:
Wer das alles weiß, verliert sich nicht an fremde fiese Provokationen. Du musst ja Adam nicht lieben, doch der kann einem nur Leidtun. Du bleib bei Dir auf Deinem Niveau.

Ich möchte, dass Du darüber nachdenkst und Dir das merkst. Geh in Dein Zimmer und sage heimlich aber laut: „Liebe Mutter, Du hast Recht, ich werde ehrlichen Herzens daran denken. Ich werde das alles befolgen.“

Dann geh zu Frau Piel und spricht mit ihr darüber. Und ganz schnell zu Herrn Schwarz und frage nach dem Rollenspiel. Wenn Du alles erledigt hast, lasse Dir Deine Schokolade schmecken.
Bis Freitag, Deine Mam


Am vierundzwanzigsten Novembertag irgendwann sitze ich vor der Eichenholzzeitmaschine und hoffe noch so kräftig für Simon, dass er zu Herrn Schwarz geht, ihm sagt, wie wichtig jetzt seine Rollenspiele sind. Doch Simon ist wahrscheinlich so in sich eingeschlossen. Alleine macht er es wohl nicht.

Seit diesen beiden Vorfällen wird Simon nicht wieder wegen Aggressionsausbrüchen auffällig. Doch wir warten auf die Reduzierung der Medikamente.
(© Ilona Meschke 2008)

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