am fünfundzwanzigsten Novembertag irgendwann
Zwar versichert Frau Piel, die Leiterin des Heimes, es würde alles anders werden. Sie hätten solch ein Dogma wie im Jugendamt herrscht nicht. Doch, was ist mit dem versprochenen Versuch der Medikamentenreduzierung? Gehen wir wirklich so locker und offen miteinander um wie so offen gesagt?
Was ist mit Simons Schule?
Lähmung - ich schaffe nur ganz kleine Protestschritte.

Wir reduzieren heimlich
gefährliche Tabletten

Lohnt sich Leben?
Lohnt sich miteinander?
Wie, wann und wo?

Am fünfundzwanzigsten Novembertag irgendwann wird jedem Menschen bewusst, die Novembertage vergehen jetzt langsam. Es wird kälter. Auch die frische kühle Luft dieses fünfundzwanzigsten Novembers ist zu spüren. Ich stehe vor unseren Flussniederungen, die mit Nebel bedeckt sind. Hinten das bunte Laub der Bäume. So viele Blätter schon abgefallen. Nebelschwaden legen sich auf den Wiesen. Still liegen sie in ihrem Raum. Ein Erscheinungsbild tut sich jetzt wieder auf, als wenn die Zeit sich nicht rührt. Nur hin und wieder weht unter dem Nebel ein kleiner Wind. Er wirbelt lockenförmige Schwingungen in das luftige weißgraue Element. Nebel windet sich um meine Waden. Ich fühle kühle schwerelose Luft. Ein irres Gefühl.

Ich stampfe quer über die Wiese zu einem Teich, umhüllt mit riesigen großen Bäumen verschiedener Art. Die Baumstämme umgehe ich mit ungefähr dreißig Spaziergangschritten. So riesig ist der Umfang eines einzigen Baumes. Der kleine Teich erscheint da mehr wie ein tiefer Tümpel. Geheimnisvoll ist er im Nebel versteckt. Kein Tropfen Wasser ist mit dem Auge zu erkennen. Alles ist schwarz da unten. Es könnte also auch eine tiefe Schlucht unter diesem Nebel sein. Eine Schlucht in eine andere Welt?

Wie dringend konnte damals ich eine neue Welt gebrauchen. Auch wenn sich die Alte inzwischen etwas verbessert hatte. So ist es noch heute bedrückend. Anstrengend war es, denn mein Verstand merkte, es rührte sich nichts.

Meine Schuhe weichen durch. Langsam aber sicher werden meine Füße mit Wasser getränkt. Das ist mir gar nicht unangenehm. Ich gehe weiter und stoße bald auf die Eichenholzsitzreihe sowie einen großen Grillplatz. Noch feuchter ist die Luft geworden. Der Grillplatz ist vom Naturschutzgebiet mit großen alten Baumstämmen getrennt. Auf einem der Baumstämme steht groß in schwarzer Schrift: „Auf die Freunde …“. Die Bänke sind mit der gleichen Schrift und Farbe beschmiert: „Danke für nichts …“. Darum herum überall zerhauene Bierflaschen und anderes Glas. Ich verstehe, Jugendliche in Alkohol und Frust ertrunken, oft ohne Arbeit oder Ausbildungsstelle und keine Zukunftsperspektiven. Jetzt auch noch enttäuscht durch die Freunde, die sie nicht verstanden haben, und das sicher gegenseitig.

Ich gehe zurück, dorthin, wo die Eichenholzzeitmaschine steht. Zwei Monate sind bereits vergangen und immer noch wurde dem Simon einfach nur so vorerzählt, er würde bald weniger Medikamente bekommen. Wir warten und warten. Simon glaubt an nichts mehr. Das ist seine größte Lebenserfahrung geworden, das Gesagte nicht zu glauben.

Versprechungen, die vom Umfeld vorserviert werden, sind alle gelogen oder nie ernst gemeint. Egal, um welche Wichtigkeiten es geht und was es für ihn bedeutet hätte, einmal einen Erfolg zu buchen.

Ansonsten hat er an Lebenserfahrung viel versäumt. Er hat die Zeit an Schulstoff und Zukunftssicherung versäumt. Er hat dadurch versäumt gleichwertig sicher neben seinen Altersgenossen zu stehen.

Immer noch geht er nicht auf die öffentliche Schule, obwohl wir anfangs gegenteiliges hörten. Wann kann er sich endlich wieder gesellschaftlich und sozial weiter entwickeln? Die geplanten Rollenspiele beim Psychologen Schwarz im Kinderheim in C, in denen er Verhaltensmuster hätte lernen können, fanden noch nicht statt. Inzwischen wird gesagt, Simon will gar nicht mitmachen. Sollte das vielleicht heißen, nicht mehr? Er war doch motiviert und musste warten. Er verweigert es jetzt, sich von Herrn Schwarz therapeutisch behandeln zu lassen, höre ich.

Mir ist nicht klar, ob sein Vater wieder den Bereich Therapie oder den Menschen, Herrn Schwarz, vor Simon abgewertet hat. Aber ich sehe, Simon verweigert strikt den Kontakt zu Herrn Schwarz. Er benimmt sich flatschig in seiner Gegenwart. Ich sehe es selbst. Was ist passiert? Das war der Mensch, mit dem Simon soziale Verhaltensspiele trainieren sollte. Auch damit die Medikamente reduziert werden können. Ich bin erbost! Ich bin empört! Ich erzähle Frau Piel meine Vermutungen, Simons Vater hätte damit zu tun, dass Simon sich unbegründet verweigert. Ich festige meine Vermutungen mit Erzählungen aus der Vergangenheit. Frau Piel vermutet also Ähnliches. Sie sichert mir teilweise zu, die Belegschaft im Hause beobachtet viel. Sie hätte ähnliche Gedanken.

Fakt ist aber, Simon spielt nicht mit, das Programm so einzuhalten. Das müsste die Heimbelegschaft so akzeptieren wie es ist.


Während Simon nichts mehr glaubt
und nicht mehr selbst was für sich tut,
trete ich neue Mauern mit der nächstbesten Möglichkeit ein

Ich suchte den Kontakt
zu den behandelnden Ärzten

Ich wende mich an die Arztpraxis, bei der Simon jetzt Patient ist. Frau Piel unterrichtete ich vorher von meinem Vorhaben. Sie gab mir auch die Adresse und die Telefonnummer, damit ich mich informieren kann. Ich bat um ein Gespräch. Ich weiß, sie haben Unterlagen von der Kinder- und Jugendpsychiatrie aus K, deren Inhalt ich nicht kenne. Deswegen stelle ich meine Unterlagen zusammen, mit dem, was Simon und ich zehn Monate lang in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in K erlebten. Damit wird die Praxis bald eine Gegendarstellung haben. Sie sollen auch wissen, dass es mir bekannt ist, dass auch ich von der Kinder- und Jugendpsychiatrie in K mit irgendwelchen angeblichen psychischen Krankheiten diffamiert worden bin, ohne ein Recht darauf zu haben, das zu tun. Allein deswegen, so bat ich, müsse bei meinem Sohn erneut beobachtet werden, was wirklich Fakt ist. Ich bat um Medikamentenreduzierung. Ich erklärte den neuen zuständigen Ärzten, über ein Jahr in einer schwierigen Lebenssituation gestanden zu haben. Simon und ich erlebten weder Menschlichkeit noch Transparenz. Wir tragen eine erhebliche Angst und viel Misstrauen mit uns. Ich bitte sie um Verständnis deswegen:

Ich schreibe vor dem Termin: Arztpraxis in H. - Sehr geehrter Herr Dr. Walle, als Mutter Ihres oben genannten Patienten wünschte ich ein Gespräch mit Ihnen. Ihre Adresse und Telefonnummer bekam ich von der Einrichtung, in der mein Sohn zurzeit untergebracht ist. Einen Gesprächstermin bekam ich aus Ihrer Praxis für den oben angegebenen Tag.

Ich wünsche mir für Simon, dass er die Medikamente, die er zur Zeit immer noch und durch die Entscheidung der Klinik in K bekommt, bald und so schnell wie möglich herab- oder heruntersetzen kann. Denn es ist Simon selbst, den Angehörigen und den engsten Freunden sowie seinem ehemaligen Therapeuten nicht klar, weshalb diese überhaupt verabreicht wurden. Alle haben ein Krankheitsbild für eine solche Medikation nicht erkannt und sehen deshalb die Vorgehensweise in der Klinik in K, die Fragen nie beantwortete, dubios. Als Antwort bekam ich stets nur, ich und meine Zeugen wären unrealistisch. Später behauptete man von mir, ich könne eventuell eine psychische Krankheit haben. Das war die Antwort auf Fragen, die ich stellte. Ein sauberer Umgang mit uns von Seiten der Kinder- und Jugendpsychiatrie in K war das also allein schon deshalb nicht. Er war eher dramatisch.

Weshalb wir das Heilverfahren nicht nachvollziehen können, geht eventuell aus den beiliegenden Unterlagen hervor. Dort, wo gelbe Zettel stecken, ist die Vorgehensweise im Krankenhaus geschildert. Die erste Schilderung sollte erklären, dass Simon, wenn er mit einer Mütze gesprochen hat, dies eventuell nicht gleich der Nachweis einer Psychose sein muss.

Aggressionen, die er hat, sind hauptsächlich auch auf die Medikation zurückzuführen. Er hat Angst, alle könnten mit ihm machen, was er nicht möchte.

Simon war einmal ein hübscher, schlanker, sportlicher Junge, bevor man diese Medikamente gab. Wir warten schon lange darauf, dass er sie reduzieren darf und es wieder eine neue Chance des Wohlbefindens gibt. Ich möchte nur verstehen, was Simon wirklich hat, und was ihm gut tut. Bitte helfen Sie uns und lassen Sie eine Zusammenarbeit zu. Vor allem erst einmal haben Sie bitte Verständnis wegen der langen schriftlichen Unterlagen. Mit freundlichen Grüßen, H.

Auch Frau Piel muss ich noch einmal schreiben. Gelähmt und frustriert, glaube ich nicht mehr, aus diesem Labyrinth zu kommen. Wir werden weiter gequält. Ein freies glückliches Leben ist uns nicht gegönnt. Ich sehe ständig den Unglückshaufen Simon vor mir.

Am Telefon verheddere ich mich während des Gespräches mit Frau Piel. Ich kritisiere den gefühlten Stillstand. Simon hat zwar selbst Herrn Schwarz abgelehnt, der persönlich deswegen sehr beleidigt war. Doch Simon hat auch viel für sich getan, um zu zeigen, dass sie eine Reduzierung vornehmen können. Brisante Auswirkungen wegen Aggressionen gibt es nicht mehr, wie Besorgte vermuteten.

Er kann seine Aggressionen, die er nur bekommt, wenn er selbst angegriffen wird, beherrschen und versucht ständig andere Wege zu gehen. Er hat es bewiesen. Was soll er noch tun? Frau Piel sichert am Telefon sogar meine Aussage ab. Dennoch passieren keine Veränderungen für Simon, der sich nicht mehr überreden lassen möchte, er könne selbst was für sich tun. Egal, was ich ihm sage oder tröste. Simon bleibt ein sterbender Trauerkloß, dem niemand hilft.

Ich schreibe Frau Piel: Sehr geehrte Frau Piel, für die gute Betreuung, die netten fachmännischen Auskünfte am Telefon und für die Zeit, die Sie sich dafür nehmen. Aber auch für die pädagogische Leistung, die Sie erbringen, bedanke ich mich recht herzlich bei Ihnen.

Meine Sorge liegt darin, dass ich zumindest hoffte, dass für Simon, wenn er dann in eine andere Einrichtung kommt, die Medikation, die die Klinik bestimmte, langsam heruntergesetzt und geschaut wird, ob es wirklich nötig ist. Dies hoffte ich seit fast zweieinhalb Monaten und ich bin sicher, Simon tat das auch. Ich weiß nicht, ob Sie sich vorstellen können, wie es einem nach so langer Zeit der Hoffnung geht, in der dann doch nichts passiert ist.

Die Dosis soll gering sein, wird jetzt gesagt. Doch würde er fünfundzwanzig Milligramm mehr nehmen, ginge es ihm schlecht ohne schlafen zu können, wurde ebenfalls gesagt. Würde Simon darauf noch einmal die genannte Menge mehr bekommen, schläft er nur noch, würde wieder dicker und schwerer werden. Paradoxer Weise müsste man ihm dann noch mehr geben, denn nach Gewicht wird verabreicht. Haben denn diese Medikamente einen Trieb zur Selbsterhaltung? Oder besser: Ist denen ein Mechanismus eingebaut, der dafür sorgt, dass der Mensch nach der Gewichtszunahme durch die Medikamente immer mehr nehmen muss? Wir wissen das nicht. Wir sind ohnmächtig.

Aus meiner geschilderten Sichtweise ist die Dosis hoch. Ich weiß, Simon ist dadurch beeinträchtigt. Die Kinder auf der Straße bei ihm zu Hause versuchen ihn ständig zu motivieren. Früher war er derjenige, der den Antrieb anderen gab, nette Spiele zu machen, er war lustig und hatte Phantasie. Ich finde es traurig, ihn heute zu beobachten. Mit seinem Körpergewicht kommt er oft nicht klar. Er wirkt ungeschickt. Ich denke, eine pädagogische Arbeit an Simon könnte viel effektiver sein. Ich wünsche mir, dass er bald wieder er selbst sein darf.

Gegen seine Aggressionen könnte ich ihn homöopathisch behandeln lassen. Ich erklärte Dr. M, der in einer Praxis, zehn Minuten vom Kinderheim entfernt, tätig ist, Simons Verhalten und die Behandlungsweise. Dr. M kommt ursprünglich ebenfalls aus einer Kinder- und Jugendpsychiatrie. Er sagt, er könne Simon behandeln und das kann parallel zu allen anderen Behandlungen, die laufen, erfolgen. Ich möchte Simon bei ihm behandeln lassen. Es wäre gut und ratsam, wenn die anderen Ärzte darüber informiert würden, sagt der Doktor. Der Erfolg wäre in kurzer Zeit ersichtlich. Nebenwirkungen gibt es keine.

Und auch diese Maßnahme würde meines Erachtens eine pädagogische Arbeit an Simon nur unterstützen. In der Hoffnung auf Verständnis mit freundlichen Grüßen. Ilka Hölzer


In C gibt es eine sehr gute und bekannte homöopathische Praxis,
zumindest hat sie einen guten Ruf

Mühsame Versuche
eine zusätzliche
homöopathische Behandlung
durchzusetzen


Eine Psychose lässt sich sicher nicht homöopathisch behandeln, doch, wer hat eine? Vielleicht viele Menschen in einer Psychiatrie, aber vielleicht gar nicht die Patienten selbst, schon gar nicht Simon? Doch gegen Aggressionen und für Wohlbefinden kann man sehr viel homöopathisch tun. Das weiß ich, und das bestätigte mir der Arzt einer homöopathischen Praxis am Ende der Straße des Kinderheimes, in dem Simon sich zurzeit befindet. Sie hat einen guten Ruf.

Ich habe mit Gregor eine Familie kennen gelernt. Sie sind aus unserer Stadt. Sie haben alle ihre Kinder dort behandeln lassen. Seitdem sind sie gesundheitlich wohlauf. Vorher sah alles gesundheitlich sehr besorgniserregend und kritisch aus. So fingen langsam auch die Eltern an, ihre eigenen gesundheitlichen Beschwerden homöopathisch in dieser Praxis behandeln zu lassen. Als ich dann nach dieser Praxis recherchierte, stellte ich fest, sie ist nicht nur in derselben Stadt, in der sich das Kinderheim befindet. Sie in Simons Nähe. Das ist kein Zufall. Das glaube ich nicht.

Die Krankenkasse zahlt nicht für diese Behandlung. Ich handele mit dem Arzt einen Preis aus. Für mich ist er immer noch sehr hoch. Trotz allem ist die Praxis im Angebot sehr großzügig und entgegenkommend. Jetzt heißt es, Frau Piel davon zu überzeugen und eine Erlaubnis für eine Nebenbehandlung zu bekommen, hauptsächlich zum Abbau von Aggressionen und Aufbau von Wohlbefinden sowie Sicherheit. Die beiden Praxen, die Simon behandeln werden, mögen dann Hand in Hand arbeiten und Psychopharmaka langsam weglassen aus Simons Körper. So erklärt mir das der Homöopath, der zusätzlich sehr hilfreiche Gespräche führt.

Noch bevor ich die Genehmigung von der Einrichtungsleitung bekomme, wird der Gesprächstermin in der psychiatrischen Praxis, die das Kinderheim für Simon suchte stattfinden.

Ich setze mich in den Zug nach H. Ich sitze im Wartezimmer der Praxis. Jetzt sitze ich dem Arzt gegenüber, der die schriftlichen Unterlagen von mir auf seinem Schreibtisch abgelegt hat. Vieles aus den Unterlagen der Klinik von K sei ihm unklar, meint der Psychiater, Dr. Walle. Und vieles aus den Unterlagen nimmt er so zur Kenntnis. Er hört die Sorge wegen der Medikamente. Er will sehen, was sich machen lässt. Er macht aber keine Zusagen in irgendeine Richtung. Ich spreche Simons Situation an, die ständigen Reden, er solle für sich selbst arbeiten und etwas tun, und die ständigen Niederlagen, denn sein eigenes Tun brachte den Erfolg nie. Ich beschrieb seine Körperhaltung, wenn er selbst das bemängelt und sein Misstrauen. Wieder sagt der Arzt, er wolle sehen, was sich tun lässt, ohne weitere Zusicherungen und ohne mehr zu sagen. Er spricht nicht von Mensch zu Mensch mit mir. Er sichert mir keinerlei Verständnis zu. Weshalb ich als Mutter Simons mit ihm zu sprechen wünschte, lässt ihn cool. Wie die Zusammenarbeit zwischen ihm und der homöopathischen Praxis klappen wird, kann ich auch nicht so richtig aus seinem Gesicht lesen, als ich ihm mein Vorhaben verriet. - Neutralität? – Er sagt, er sei neutral, obwohl seine klassische Medizin besser ist? - Vielleicht?

So egal, er hat sich neutral erklärt, besser als gar nichts, wenn auch nicht so ganz glaubhaft. Sich neutral zu verstehen kann auch nicht schaden. Dann hat er das wohl schon ein wenig, hoffe ich.


Der neue Sachbearbeiter vom Jugendamt

und die neuen Stolpersteine

Simon ist drei Monate im Heim. Was hat sich geändert? Es gibt für uns einen neuen Jugendamtssachbearbeiter. Und gerade jetzt zeigt mir die Eichenholzzeitmaschine die Stelle des ersten Besuches mit Gundalf im Kinderheim. Ich drehe die Eichenholzzeitmaschine auf ungefähr eineinhalb Monate wieder zurück. Ich fahre mit Herrn Gundalf zusammen ins Heim nach C, um ein Gespräch mit der Heimleitung wahrzunehmen. Wir fahren mit einem Dienstwagen und einem Fahrer, angestellt vom Jugendamt in B. Gundalf fährt also nicht mit seinem Privatwagen. Er holt sich den Fahrer vom Jugendamt und einen Dienstwagen. So eine Art ausgebauten Autobus. Ganz hinten sind Plätze, auf einem sitze ich. Vor mir sind keine Plätze. Ganz vorne sind Plätze. Die sind belegt von Gundalf als Beifahrer und dem Fahrer. Dieser Autobus vom Jugendamt? Ganz gut, dadurch gibt es einen zusätzlichen Arbeitsplatz. Die beiden unterhalten sich fröhlich und erfrischend. Ich höre zu. Ich halte mich raus aus dem Gespräch und sitze hinten. Nur, wenn ich angesprochen werde, gebe ich meinen Teil dazu.

Wir sind angekommen. Herr Gundalf lernt das Personal des Heimes kennen und Frau Piel, die Leiterin, während Simon mir ein nahe gelegenes Gelände zeigt. Danach sitzen wir alle zusammen. Viele Details werden auf den Tisch gelegt. Immer, wenn ich das Wort Zusammenarbeit höre, wird mir flau im Magen. Vielleicht reagiere ich äußerlich unsicher und abgeneigt auf dieses Wort, das ich verlogen finde. Wenn Leute vom Amt das aussprechen, die entweder alle Stricke in der eigenen Hand haben oder sie doch lieber ihrem Vorgesetzen überlassen und gar nicht erst danach greifen. Frau Piel ist eine aufmerksame junge Frau. Sie hat auch einen Platz, an dem sie alle gut beobachten kann. Alle reden gerne von Zusammenarbeit. Auch im Personal des Heimes ganz unten. Das lasse ich noch gelten. Aber auch das ist keine Zusammenarbeit auf gleicher Ebene, sondern auf ganz anderen nicht von mir kalkulierbaren Strukturen. Frau Piel widerspricht dem nicht und doch verändert sie das Wort Zusammenarbeit: „Ja, das stimmt schon. Wir gehen hier alle sehr offen miteinander um, Herr Gundalf“, sagt sie schließlich. ‚Offen‘ also, ja! Jetzt weiß ich und merke, es gibt sich jemand Mühe, die Situation korrekter zu erkennen und keinen zu belügen. Offen stimmt. Offen versucht sie ehrlich. Offen kann ich gelten lassen. Hier wird wenigstens kein Unsinn geredet. Kann ich mich jetzt verlassen, auf das Gesagte?


Die Einrichtung und das Jugendamt
scheinen mich zu bekämpfen,
wenn es um die Erlangung
des Sorgerechtes für Simon geht

Wie ist das möglich?

Offen miteinander umgehen trifft nicht ganz zu. Gerade kurz vor unserem Gespräch saßen Frau Piel und Herr Gundalf zusammen in einem separaten Zimmer für ein internes Gespräch. Sie gaben zwar viel weiter, aber nicht alles. Sonst hätten sie nicht separat miteinander reden müssen. Ich werde mehr und mehr mitbekommen, dass die Einrichtung und Frau Piel nicht daran interessiert sind, mich zu unterstützen, wenn es um die Erlangung des Sorgerechts von Simon geht. Sie laufen dann natürlich Gefahr, die Medikamente und den Arzt nicht selbst bestimmen zu können. Sie laufen Gefahr, dass ich Simon aus dem Heim hole. Warum sollten sie daran interessiert sein? Zum Wohle der Menschheit? Sollten sie sich jetzt nicht doch einen Stoß geben, um für eine bessere Mutter-Kind-Verbindung zu arbeiten, die doch genug gelitten hatte? Sie wollen Simon in dieser Medikation lassen, selbst kontrollieren, wann er sie absetzt, sagt Frau Piel jetzt deutlich. Das dauere mir zu lange, sage ich. Herr Gundalf hatte also intern von Frau Piel gehört, er müsse dafür sorgen, dass das Sorgerecht noch beim Jugendamt bleibe. Das sehe ich an ihrer Haltung mir gegenüber, immer dann, wenn das Sorgerecht angesprochen wird. Sie wissen von mir, und ich sprach offen darüber, dass ich mich darum weiter kümmere, endlich das Sorgerecht für Simon zu bekommen.

Ich spreche jetzt weiter offen über die Probleme, die ich sehe, wenn Simon die Medikamente weiter einnimmt. Es tue mir leid, dass Simon keine Therapie und keine Rollenspiele mache. Vielleicht gebe es einen anderen Therapeuten in der Stadt, mit dem Simon besser warm werden könne. Vielleicht sollte er einfach zu Herrn Schwarz geschickt werden, egal, ob er will oder nicht. Er würde ja gehen, wenn ihm gesagt würde, dass nur dann die Medikamente heruntergesetzt werden.

Also es hat sich etwas verändert, wenn auch nicht so viel in dieser Hierarchie: Sind wir wieder Menschen? Sind wir keine? Ich kann mit denen Reden. Ich kann mich mit ihnen auseinandersetzen. Wir dürfen uns teilweise sympathisch sein. Die Betreuerinnen sind mir sympathisch. Sie vertreten ähnliche Meinungen. Das hat sich deutlich geändert. Ich mag das Personal. Sie scheine fähig. Sie sind fröhlich. Sie sind konsequent. Wir verstehen uns.

Mit einer Frau, die Simon auch betreut, konnte ich wiederum nicht ausdiskutieren, was ich von den Unterlagen aus dem Qualenhaus in K halte. Ich versuchte kurz zu erzählen, was wir durchmachten. Sie war dafür nicht aufgeschlossen: „Simon ist ein netter Junge. Ich mag ihn leiden. Aber die Krankheit hat er! Das haben sie in der Klinik festgestellt! - So!“ Davon ging sie aus. Ich behielt danach meine Gedanken für mich. Ich mag die engagierte Frau Piel sehr gerne. Sie taktiert interessant. Ich weiß, sie taktiert. Ich taktiere ebenso. Das weiß ich und höchstwahrscheinlich auch sie. Aber sie weiß nicht alles, genauso, wie ich nicht alles weiß. Ich glaube Frau Piel hat Tiefblick. Fast macht es mir Spaß, wäre da nicht diese üble Brisanz mit dem, worum wir eigentlich zu kämpfen haben.

Ganz ‚offen‘ bekommen wir doch nicht alles hin. Frau Piel behält nicht einmal unbedingt geheim, dass sie nicht daran interessiert ist, mir das Sorgerecht zu gönnen. Ich habe mehr Geheimnisse. Ich muss. Schon alleine darf mir ähnliche Sanktionen, die sie sich erlauben, mir nicht erlauben. Aber, ich habe noch mehr Geheimnisse in dieser Offenheit. Die Strukturen ändern sich hoffentlich. Wie lange Simon im Heim bleibt hängt vielleicht bald von unseren Strukturen ab.


Darf es sich Gundalf so einfach machen?
Gundalf erteilt dem Kinderheim in C
absolute Prokura


Gundalf, ein jüngerer Kollege von Baumgart, ist sehr viel offener und erzählt mehr. Ich weiß jetzt viel besser, woran ich bin. Ja, das hat sich geändert. Jetzt aber gibt Gundalf öffentlich am Gesprächstisch bekannt, er habe der Einrichtung nach diesem ersten Entwicklungsgespräch, welches Schwarz, Piel und er gerade miteinander geführt haben, dem Heim absolute Prokura erteilt.

Erstaunlich, ja, Gundalf ist offener, und ich staune und frage mich natürlich, ob er das machen darf. Darf er dem Heim absolute Prokura erteilen? Hat er nicht die Aufgabe, alles mit zu beaufsichtigen? Gundalf macht es sich leicht. Hat Baumgart nicht stillschweigend dasselbe getan? Er hatte damit eine miserable Behandlungsweise oder Misshandlungen, zu verbuchen. Er litt sogar persönlich eine Weile deswegen mit uns. Ich schweige. Ich sage heimlich nichts dazu.

Auf jeden Fall nehme ich meine Termine, die ich von Herrn Schwarz bekomme, noch wahr. Ich borge mir das Auto meines Vaters, manchmal spendet er mir das Benzingeld noch dazu. Dann nehme ich mir von der Computerschule frei - die machen das sofort - und fahre hundert Kilometer weiter in die Stadt C, um mit Simons Therapeuten, den er ja nicht haben will, zu diskutieren, wie man ihn jetzt dazu bringen kann, dass er endlich zu ihm geht.

Herr Schwarz ist schon ein bisschen sonderlich. Immer wenn ich etwas sagen will, ihm Anhaltpunkte für ein bestimmtes Thema gebe, geht er darin auf und erklärt und erzählt, nur gehört hat er mich nicht mehr mit meinem eigentlichen Problem. Dann kommt er zurück in die gegenwärtige Wirklichkeit, in das Eben und Jetzt. Denn immerhin sitze ich bei ihm im Sprechzimmer und will ein ganz anderes Ziel und keine ausschweifenden Reden.

Im Grunde ist er meiner Meinung und will mit versuchen, Simon noch einmal für eine Therapie zurück zu gewinnen. Er möchte auch dafür sorgen, dass Simon diese Medikamente los wird. Doch wir erreichen zusammen gar nichts. Aber Herr Schwarz hatte mich schon, bevor ich kam, gleich darauf hingewiesen, sie im Heim hätten jetzt absolute Prokura erteilt bekommen, diesen Spruch musste er nun noch einmal aufsagen, in voll ausgestreckter Haltung.

Vor und nach den Terminen mit Herrn Schwarz bekomme ich auch Simon außerhalb der Besuchszeiten zu sehen. Das ist ja immerhin auch mein Ziel. Auch deswegen nehme ich die Termine unter anderem wahr. Ich bekomme Unterhaltungen mit Simons Betreuerinnen in Simons dabei sein. Das erlebt er vertraulich. Ich streite mit Simon nach dem Termin mit Herrn Schwarz: „Was Du mir da sagst und wie Du Herrn Schwarz siehst, - teilweise stimmt das. Das bekomme ich auch mit. Aber auch das ist ein Mensch. Der will helfen. Der will Dir helfen. Das muss man doch mal akzeptieren. Man muss lernen, alle Menschen zu verstehen und mit ihnen auszukommen. Du jetzt auch. Du willst doch eine schöne Gesellschaft, in der jeder jeden versteht!“

Aber Simon bleibt stur und ich glaube, sein Vater ist da mit im Spiel, wie damals bei Herrn Tannen. Der Gedanke macht wieder ohnmächtig. Wir vertragen uns. Simon glaubt, Herr Schwarz helfe nicht, und er will sich nicht mehr überreden lassen, zu ihm zu gehen. Das kann ich verstehen.

Simon befindet sich immer noch in der Heimschule, auch nach Ostern, und die versprochene langsame Reduzierung der Medikamente hat nicht stattgefunden. Sie haben ihn einmal erwischt, dass er die Medikamente völlig wegwarf und drohten ihm an, wenn er das noch einmal tun würde, würden sie ihm die einspritzen. Er erzählte, wie es war, als er sie wegließ. Da konnte er wieder Skateboard laufen, ganz anders, als zuvor. Er konnte sich sehr viel mehr freuen. Er war viel fitter, eine kurze Weile. Jetzt hat er Angst, sie würden ihm Spritzen geben, wenn er das wieder täte.

Ein anderes Mal darf ich ihn nicht nach Hause fahren, denn es geht ihm schlecht. Er ist immunschwach, hat einen Infekt, so wird erzählt. Ich könne ihn aber besuchen. Er liegt im Bett. Er sieht sehr trostlos aus, als ich in das Zimmer trete und ihn sehe. „Mama, ich wusste ja nicht, wann Du kommst. Aber ich fühlte als Du da warst“, höre ich diesem traurigen Brocken sagen. Ich setze mich auf sein Bett, froh, wieder in seiner Nähe zu sein. Ich glaube ihm jedes Wort. Er fühlt es immer, wenn ich komme. Ich streichele ihn. Wahrscheinlich behandele ich ihn nicht so wie einen vierzehnjährigen Jungen. Eher so, wie er es jetzt braucht, und so, wie er ist, in dieser miserablen Situation. Ich zeige ihm, was ich in der Grafikstunde gelernt habe. Ich zeige ihm lauter lustige bunte Kalligrafien von Skateboardjungen, die Überschläge machen und deren Räder manchmal vom Skateboard abfallen und in der Luft daherfliegen. Er findet die Werke schön. Er darf sie behalten. Wir zeichnen.


Simon hat Angst,
will nicht mitmachen
und hat sich selbst
schon lange aufgegeben

Die Entscheidung
heimlich Tabletten zu reduzieren

Jetzt stelle ich die Eichenholzzeitmaschine weiter und entdecke unseren allerersten langen Urlaub. Fünf Tage bekamen wir im Mai, ein Jahr, nachdem Simon in die Kinder- und Jugendpsychiatrie nach K gelangte. Wir bekommen fünf Tage auch nehmen wir uns endlich eine eigene Entscheidungsgewalt, behördlich verboten. Ich gehe das Risiko ein. Ich möchte, wobei Simon weniger dafür ist. Er hat inzwischen große Angst bekommen, alles könne schlimmer werden, wenn er mit einer Reduzierung von Tabletten aus eigener Entscheidung erwischt wird. Er sich selbst schon lange aufgegeben. Die Aufgabe steckt so tief in ihm. Ist jetzt alles zu spät? Er reagiert auf nichts mehr. Eigentlich ist er verloren.

Nein, vielleicht doch noch nicht, denn er weint. Er weint ängstlich und weigert sich total, nach dem Urlaub im Heim zu versuchen, eine kleine Pille wegzulassen, als wir am ersten Urlaubstag darüber sprachen. Fast will er es jetzt nicht einmal zu Hause machen. Doch ich verabreiche ihm die Pillen erst einmal so, wie ich das wollte, eine weniger. Wieder spreche ich das mit Erik ab.

Zu Hause wird es erst einmal so gemacht. Jeden Morgen in diesen fünf Tagen bekommt Simon eine kleine Pille weniger verabreicht. Schon am ersten Morgen fühlt er sich viel wacher und ungequälter. Er steht ganz anders auf seinem Skateboard. Das Fußballspielen macht mehr Freude. Er wird wacher und freut sich manchmal. Das ist uns das allergrößte Glück. Wir wollen gar nicht mehr viel, nur das. Eine kleine Menge wird der Anfang sein. Ich weiß noch nicht wie es weiter geht, doch wir haben noch drei Tage Zeit, zu überlegen, wie Simon die Reduzierung im Heim heimlich weiterführen kann.

Simon steht in der Küche am Waschbecken und wäscht sich die Hände. Er hat seine langen Hosen ein wenig hochgekrempelt, weil ihm durch den Sport so warm geworden ist. Mit diesen Medikamenten wird einem schneller warm. Das Herz fängt schneller zu klopfen an, Unruhe durchzieht seinen Körper und jetzt sehe ich seine nackten Beine. Die Haut musste sich seit Beginn der Einnahme schnell ausdehnen, um die immer dicker werdenden Beine zu umhüllen. Simons Haut an den Beinen ist dünn und Adern gucken hervor. Rot und krank sehen seine angeschwollenen Beine aus. Simon sagt, er müsse sich vorsehen mit seiner Haut, sie wird an den meisten Stellen schnell wund und schmerzt. Das alles wusste ich vorher nicht. Er verschwieg mir das. Er versteckte sich immer gerne in langärmligen Klamotten und langen großen Hosen. Wieder verstumme ich voll innerer Schmerzen und erinnere mich daran, wie die Heimlehrerin sagte: „Dieser Junge ist nicht in Ordnung, er ist verstört. Er versteckt sich an den wärmsten Tagen in den dicksten Klamotten.“

Ein Brief für Simon, er soll darauf vertrauen, dass er seinen Betreuerinnen nur beweisen muss, dass es für ihn besser ist, weniger Medikamente zu haben. Doch Simons Innerstes ist herunter geschlittert bis in die tiefste dunkle Kuhle. Er hat keine Motivation mehr, für sich Anstrengungen zu unternehmen. Ihm fehlt jegliche Selbstachtung. Er hat keine Kraft mehr, gegen Pro und Kontra anzustinken. Wieder zeige ich ihm mit herunter rollenden Tränen die Fotos aus vergangenen Tagen, als er lachte, als er glücklich war auf dem Eis, auf den Bäumen und überall. Simon weigert sich auch am letzten Vormittag zu Hause zu versprechen, im Heim eine kleine morgendliche Tablette wegzulassen. Er weigert sich, an irgendetwas zu glauben oder jemandem zu vertrauen.

Er geht jetzt raus nach unserer Diskussion und unserem Frühstück. Ich schaue aus dem Fenster, ein wenig besorgt. Ich werde ihn nie alleine lassen, bis er aus allem Dilemma herausgekommen ist, für sich selbst sorgen kann und ich ihn endlich wieder frei habe. Aber wie kann ich ihm jetzt wieder sagen, was er machen muss. Mir fällt nur ständig das Briefeschreiben ein. Das geht so schön. Da kann einem keiner ins Wort fallen. Meine Briefe hängen mir allmählich zum Halse heraus, doch wenn ich dann beginne zu schreiben, geht es eigentlich wieder. Ich schaffe es wieder, mich dort hineinzuarbeiten, und weiß genau, alles tue ich für ihn.


Ein Brief für Simon: Sich lieb haben ...

Selbstakzeptanz

Man muss sich selbst lieb haben.
Man muss sich akzeptieren mit dem, was man kann
und mit dem, was man nicht kann.

Man muss sich lieb haben,
auch seine Fehler akzeptieren können.

Man muss sich lieb haben
und seine Probleme kennen lernen und akzeptieren.
Nur so sind sie zu lösen.

Bist Du einmal krank,
hast Bauchweh, Fuß- oder Kopfschmerzen,
musst Du die Stellen Deines kranken Körpers lieb haben.
Dann wird’s besser.

Du hast gute Gründe,
Dich lieb zu haben und zu akzeptieren,
denn Du bist großartig.

Problemlösung
Wenn Du Dich lieb hast,
kannst Du besser über Deine Probleme sprechen,
denn Du akzeptierst Dich mit Deinen Problemen.
Und so löst man Probleme am besten.

Medikamenteneinnahme –
heimlich selbst heruntersetzen?
Überlegungen dazu!

Deine Betreuer und der Arzt wollten eigentlich die Medikamente heruntersetzen, richtig? Im aggressiven hilflosen Verhalten, welches Du zeigtest, sahen sie eine Gefahr und taten es deshalb nicht, oder?

So sieht der Sachverhalt aus, den wir vor Augen haben müssen, um weiter zu überlegen, was zu tun ist? Stelle Dir Deine Betreuerinnen vor, schau in sie hinein.

Kannst Du trotz allem weitermachen, wie Du es fünf Tage schon probiert hast? Um wacher und glücklicher zu sein? Heimlich, ohne entdeckt zu werden?

Wenn Du später beweisen kannst, dass es besser für dich war und Du nicht aggressiv bist, was soll Dir dann passieren?

Stelle Dir die Situation vor. Lerne zu sprechen und zu diskutieren, auch wenn es erst einmal nur ein paar Worte sind: „Mir geht es so besser. Ich lasse eine kleine Pille schon ganze zwei Wochen weg.“ Das ist eine Notlüge, gültig in der Not. Wenn Du Notlügen hast, sind sie in diesem Fall berechtigt, oder? Wenn Du Pech hast und deine Notlügen werden aufgedeckt, sage ihnen, dass es nur eine Notlüge war, weil Du nicht weiter wusstest - ganz wichtig, das zu sagen!

Wenn Deine Betreuer sagen, sie müssten spritzen, wenn Du nicht alles einnimmst, heißt die Frage, ob das nur eine Drohung ist, die sie sich später noch überlegen, oder ob sie es wirklich tun.

Zeit zum Überlegen lassen:
Klar ist, sie wollen es nicht wirklich, oder?

Stelle sie Dir vor, schau in sie hinein, was werden sie tun, wenn sie Dich entdecken?

Sie sind sicher nicht böse oder rechthaberisch, so wie die Ärzte der mysteriösen Psychiatrie? Verhindern kannst Du vieles, wenn Du gut diskutierst, ruhig bleibst und keine Wutanfälle bekommst. Wenn sich herausgestellt hat, dass weniger für Dich gut ist und Du sie bittest und anständig mit ihnen redest, wie werden sie dann reagieren? Stelle sie Dir vor.

Mache ihnen klar,
es geht Dir besser so.
Du willst glücklicher und lebenslustiger,
wacher und sportlicher werden.
Es ist Dein Körper
und Du hast alle Rechte über Deinen Körper.
Oder welche Argumente hast Du?

Ist es nicht besser, eine Möglichkeit zu finden, über sich selbst zu bestimmen? Auch wenn die Gefahr besteht entdeckt zu werden und anschließend Spritzen zu bekommen? Was hast Du zu verlieren?

Doch halt, die Medikamente müssen langsam heruntergesetzt werden. Du darfst nur jeden Morgen eine kleine weglassen. Überlege, welche Möglichkeiten es gibt. Akzeptiere, dass es nur eine kleine sein darf, bis wir weiter darüber sprechen, sonst könnte das ungesund und gefährlich werden. Es würde viel schneller auffallen und Du hättest gar nichts davon.

Du hast mitbekommen, wie es Dir fünf Tage mit einer kleinen weniger geht. Entscheide Dich hier zu Hause, was Du im Kinderheim machen wirst und sprich noch hier zu Hause mit mir darüber. Ich möchte Deine Entscheidung hören. Viel Erfolg beim Nachdenken! Deine Mam


Heute spätestens neunzehn Uhr soll Simon zurück in das Heim gefahren werden. Sie legen keinen Wert auf Pünktlichkeit. Es wird deswegen keine Besuchersperre geben, würden wir eine Stunde oder eine halbe später ankommen. Das hat sich geändert. Um siebzehn Uhr hole ich Simon in die Wohnung. Ich gebe ihm diesen Brief. Wir sitzen beide auf dem Sofa. Es ist still. Ich mache gar nichts. Er liest. Seine Gefühle beim Lesen sind manchmal ungehalten. Er streitet innerlich. Dann sagt er: „Ja, Mama, Du hast ja Recht.“

Dann bricht er in Tränen aus: „Na gut, dann mache ich das eben. Aber Du bist Schuld daran, wenn etwas schief geht!“ Er weint und schimpft. Ich bleibe auf dem Sofa sitzen, aber sage ihm jetzt: „Simon, Du hast noch eine Stunde Zeit. Du kannst noch auf die Straße. Wir fahren später ins Heim. Deiner Betreuerin ist egal, wann wir kommen. Hauptsache, wir hatten einen schönen Urlaub zusammen, hoffte sie für uns.“ Ich lächele ihn bei der Wiedergabe dieser Nachricht zu. Er nimmt sie zur Kenntnis und geht wieder auf die Straße. Er hat jetzt etwas Abstand von dem Brief, kennt ihn aber. Das ist irgendwie gut gelaufen, fühle ich. Deine Mam.


Vielleicht ängstige ich mich inzwischen mehr als Simon
Simon hat es geschafft,
heimlich eine kleine schreckliche Tablette
wegzuspülen
und macht weiter

Ich drehe weiter an der Eichenholzzeitmaschine herum, nur um berichten zu können: es klappt. Simon schafft es, jeden Tag eine kleine von diesen gemeinen Glückstötern täglich wegzulassen. Manchmal schafft er es nicht gleich am Morgen. Da wird geguckt. Dann macht er es mittags. Doch kontinuierlich kann er eine davon weglassen. Er gewöhnt sich daran und benimmt sich dabei ganz cool. Ich lebe immer noch mit der Angst, was passiert, wenn sie ihn erwischen? Werden sie genauso grausam werden, wie die Menschen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in K? Werden sie ihre Prokura ausnutzen, um zu Monstern zu werden? Ich bekomme Angst in der Nacht und schlafe nicht richtig, ständig schlafe ich nicht gut.

Ich bekomme am Morgen Angst. In meinen Gedanken nimmt Simon gerade die Pillen mit einer kleinen weniger. Erwischen sie ihn? Ich habe mittags sehr oft Angst, was wird passieren, sollten sie ihn erwischen? Ich telefoniere mit Simon. Er weiß schon lange, wenn ich sage: „Stopp, aufpassen, jetzt nur mit ‚Nein‘ oder ‚Ja‘ antworten,“ Dann antwortet er nur mit JA oder NEIN. Ich kündige an: „Halt jetzt eine interne Frage! Nur JA oder NEIN antworten!“ Es funktioniert. Falls er erwischt wird, wird er sagen, er habe die Abnahme der Tabletten von selbst unternommen, weil er nicht dafür bestraft werden kann. Es sei schon drei Wochen so, dass er, Simon, von selbst eine kleine Tablette täglich weglässt. Er weiß, das Sorgerecht wäre in Gefahr.

Ich spreche mit den Betreuern am Telefon. Simon macht Fortschritte, höre ich immer. Viel wird erzählt. Sie haben die heimliche Medikamentenreduzierung also nicht gemerkt. Das wird mir bei den Gesprächen klar. Ich spreche mit Frau Piel. Sie erzählt vom letzten Arztbesuch und dass bestimmt wurde, jetzt am Morgen eine kleine Pille bei Simon weg zu lassen. Simon erzählt mir daraufhin glücklich unter vier Augen, dass er jetzt bereits eine kleine am Morgen legal weglassen kann und die heimliche dafür gegen Mittag weglässt. Mittags scheint es überhaupt einfacher zu sein. Sie haben ihn halbwegs kontrolliert. Sie sagen, Simon nehme die Tabletten ganz lieb und freiwillig. Auf ihn sei verlass. Sicher ist, jeden Mittag rutsch eine schreckliche kleine Tablette in den Abfluss hinunter rutscht.

Paradoxerweise lässt Simon eine kleine Pille weg, fühlt sich wohler, macht Fortschritte und bekommt DADURCH legal eine kleine Menge vom Heim oder vom behandelnden Arzt reduziert.

Mit noch mehr heimlicher Reduzierung wird Simon auch bald auf die städtische Schule geschickt. Wäre das alles nicht geglückt, wäre alles unverändert geblieben. Eine Bosheit, eine Schizophrenie staatlicher Organe. Sie treiben Menschen in den Abgrund. Wer hätte das vorher geglaubt?


Wann kommt Simon endlich
auf die städtische Schule?

Wir warteten auch hier vergeblich
Simons Schulsituation
im Jugend- und Kinderheim C
bleibt unbeweglich

Nach Ostern ist Simon nicht wie mehrfach versprochen auf die Stadtschule gegangen. Parallel dazu gesagt, auch eine Medikamentenreduzierung geschah von Seiten des Heimes nicht weiter. Es wurde zwar um eine einzige Pille reduziert, nachdem wir selbst damit begannen, doch danach passiert gar nichts mehr. Gut, dass er selbst reduziert hat. Wochen sind vergangen. Inzwischen nimmt Simon schon am Morgen, mittags und abends eine halbe heimlich weniger. Alle drei Wochen konnte er kontinuierlich eine kleine Menge reduziert. Er fühlt sich immer wohler und verändert sich merklich in seiner Körperbewegung und seiner Reaktion. Er wirkt etwas schlanker und seine wunde Haut bessert sich. Immer wieder frage ich Frau Piel, die selbst eine Tablette weniger gab: „Es geht ihm doch besser nach Ihrer kleinen Reduzierung am Morgen, wieso wird damit nicht weiter gemacht?“

Es passiert aber nichts. Simon wird in geregelten Abständen weiter heimlich reduzieren müssen. Inzwischen wird er als selbstsicher genug betrachtet, um die städtische Schule zu besuchen. Er kann also selbst was für sich tun, aber nur heimlich. Immer noch trage ich ständig die Angst mit mir herum, sie könnten in diesem Augenblick Simon erwischen, wie er seine Medikamente heimlich reduziert.

Simon weiß, wenn er sich bei der heimlichen Reduzierung gesundheitlich unwohl fühlt, soll er an diesem Punkt die Reduzierung lassen und später versuchen weiter zu reduzieren. Er ist aufgeklärt und wird immer routinierter. Immer wieder erkundige ich mich bei den Betreuern über Simon und höre nur positive Nachrichten. Sie haben nichts gemerkt. Sie bestätigen ständig, dass es gut ist, was wir heimlich tun. Ich kontrolliere seine Haut. Die aufgequollenen Beine werden langsam, aber zusehends dünner. Die durchsichtige Haut verändert sich ziemlich schnell. Wir können zufrieden sein.

Erik meint, prima, Simon macht das gut, keine Sorge. Es könnte ein Vorteil sein, dass er es heimlich macht. Weil sonst zu sehr auf ihn geachtet werden würde. „Benimmt er sich einmal anders? Wird das gleich der Reduzierung zu Grunde gelegt? Er würde ständig kontrolliert werden, ist er zu unruhig und zu wütend geworden? Sicher wegen der Reduzierung der Tabletten. Wir müssen das wieder rückgängig machen.“

Jegliche Veränderung an Simon würde wahrscheinlich ständig der Reduzierung der Tabletten zugeordnet werden, gerade wenn diese negativ seien. Es entstehen sehr viel schneller Blockaden. Erik zeichnet mir immer die positiven Seiten einer schlechten Situation auf. Die Lage sei einfach großartig, denn sie hätte viel schlechter sein können und es sei gut so.


Ich kämpfe weiter
Für offizielle Tablettenreduzierung,
einen normalen Schulbesuch,
eine homöopathische Behandlung

Doch eine offizielle Reduzierung ist besser, sicherer und weitaus beruhigender. Eine offizielle Reduzierung entlastet Simon. Noch einmal werde ich die Arztpraxis des Heimes anschreiben, meine homöopathische Praxis, Frau Piel und Herr Schwarz vom Kinderheim. Denn ein bleibender Zustand kann das nicht sein. Immer muss ich mit der Angst leben, was wäre, wenn das Ganze auffliegt? Auch muss ich alle aufklären, warum Simon die dicke Kleidung gerne trägt. Denn den Pädagogen und Psychologen fällt der Grund dafür nicht automatisch ein.


Der Brief:
Aus der Besorgnis heraus, innerhalb der Einrichtung, in der sich Simon Hölzer befindet, könnte das gesundheitliche Ziel aus den Augen verloren gehen, schreibe ich kurz meine Wünsche und Vorstellungen auf, die auch identisch mit denen der Einrichtung sind. Doch teilweise sieht bisher die Praxis anders aus als die Theorie.

So wie ich es aus Gesprächen verstanden habe, war vorgesehen, die Medikamente langsam herunterzusetzen, um zu sehen, wie es Simon damit geht. Wir hätten feststellen können, braucht er sie wirklich, oder ist überhaupt nicht nachvollziehbar, warum er sie nehmen musste? Die Besorgnis, die sich im Nachhinein auftat, ist verständlich. Doch hilflose Aggressivität nach Provokationen hatte er mit der Medikation, nicht ohne. Und diese Art von Vorfällen kamen meines Wissens nicht mehr vor.

Simon nahm Mitte Mai, nach einem Vierteljahr, eine kleine Tablette weniger. Er weiß nicht, wann er das nächste Mal wieder heruntersetzen darf. Er wird dadurch überhaupt nicht motiviert, sich entsprechend zu verhalten, um als positives Ergebnis – als Belohnung, dafür, die nächste Tablette weglassen zu dürfen.

Bitte machen Sie die Zusage, geben Sie Simon einen Plan, dass er selbst die Möglichkeit hat, durch sein Verhalten zu bestimmen, wie und wann er die Tabletten heruntersetzen darf. Es werde ihm damit besser gehen.

Ich glaube, Simon muss wacher werden. Er braucht die Kraft und Energie, um sich richtig wehren zu können, und um sich mit seinen Schwächen auseinander setzen zu können. Denn sich Zeit zu nehmen, nachzudenken, sich zu beherrschen und möglicherweise seinen eigenen Willen durchzusetzen kostet Kraft und Energie, nicht loszurennen und andere zu bedrohen oder womöglich das zu tun, was die wollen, die einen nicht zufriedenlassen.

Die anfangs besprochenen therapeutischen und pädagogischen Maßnahmen blieben überwiegend aus, weil Simon es nicht möchte. Aber man kann doch von ihm selbst nicht verlangen, dass er versteht, was gut für ihn ist. Ich bin der Meinung, er braucht dringend und so früh wie möglich eine Therapie und pädagogische Hilfe in Form von Spielen oder Sport. Solange Simon dies nicht ausprobiert hat, wird er immer „nein“ sagen.

Mir kommt Simon sehr unausgelastet vor. Das ist meine Wahrnehmung, wenn ich mit ihm telefoniere. Den roten Kapuzenpulli und auch den Eminem-Pulli bekam Simon in der Psychiatrie mit der umstrittenen Behandlungsweise. Also während einer sehr schwierigen Zeit geschenkt. Nach diesen Geschenken sprachen Ärzte aus unerklärlichen Gründen Besuchsverbote aus. Simon behielt diese Teile an seinem Körper. Er zog sie nicht mehr aus, egal wie warm oder wie dreckig die Teile wurden. Hinzu kommt, dass er seinen dick gewordenen Körper verstecken wollte, sich vielleicht ganz und gar verstecken. So deute ich diese Reaktion, und er deutet das auch hin und wieder so an.

Sollte dies zutreffen, und Simon verhält sich in der Einrichtung nicht anders, dann wird deutlich, dass er dringend andere Hilfe braucht als einfach Medikamente weiter zu schlucken. Das bringt ihn noch mehr in eine verzwickte tiefe Schicksalskuhle, aus der er immer schlechter heraus kommt.

Für eine gute Therapie und ein pädagogisches Auffangen wird Simon erst hinterher dankbar sein, nicht vorher. Mit der zusätzlichen homöopathischen Behandlung verspreche ich mir große Hilfe für Simon.

Bis Montag verabschiede ich mich. Mit freundlichen Grüßen und vielen Dank für das Verständnis. Ilka Hölzer


Lange Diskussionen musste ich mit Frau Piel führen. Ein paar Mal hatte ich das Gefühl, sie verleugne ihre Anwesenheit, als ich in der Einrichtung anrief. Letztendlich gab sie mir nach langem Schweigen aber doch endlich die Erlaubnis, Simon homöopathisch in der von mir ausgesuchten Praxis behandeln zu lassen. Hier in der Eichenholzzeitmaschine macht sie jetzt kurzen Prozess und trägt die Termine in ihren Kalender ein, die mir die homöopathische Praxis gab.

Der homöopathische Arzt bekommt alle Unterlagen, die er für Simons Behandlung braucht. Er bekommt auch die kritischen Stellungnahmen der fraglichen Behandlungsweise von der Kinder- und Jugendpsychiatrie in K von mir. Nun steht der Termin bald an.

Am fünfundzwanzigsten Novembertag irgendwann stelle ich die Eichenholzzeitmaschine aus, starre in die dunkle Bildröhre, möchte über das Geschehene nachdenken und weigere mich gleich wieder schüttelnd. Ich lernte mit den Ohren. Ich lernte, was ich hörte. Ich hörte Demokratie, Gerechtigkeit und Freiheit. Ich sah Gerechtigkeit, Demokratie und Freiheit, wo immer ich hinblickte. Ich sehe anders. Das Gelernte bröckelt. Ich schüttele mich tüchtig. Ich schüttele alles von mir weg.
(© Ilona Meschke 2008)

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