Die Querumer Waldelfengeschichte



davor
mittendrin
danach
und hinterher?



1


eine Querumer Waldelfenfrau sitzt
vor einer alten Baumruine im milden Herbstwind

Da ist eine sehr alte Baumruine. Die Elfenfrau sitzt vor dem Eingang der Ruine auf einem kleinen lichten Hügel und lässt sich von der Sonne bescheinen, von der Herbstsonne. Die Luft ist mild. Die Sonne brennt gar nicht mehr so heiß auf ihrer nackten Haut. Die Wintervorbereitungen ihrer kleinen Familie haben langsam Form und Plan angenommen. Sie haben für den Winter einen neuen Wohnraum gefunden. Ein Grund, weswegen die Querumer Waldelfenfrau dort gerade sitzt, träumend in sich gekehrt vor dem Eingang der in der Sonne weißleuchtenden Baumruine.



Sie wartet auf Guston, dem Vater ihrer beiden Kinder. Denn Guston ist in der Baumruine, sehr tief unten. Diese Ruine trägt viele kleine Geheimnisse für Waldelfen in sich. Ach, sie hat sogar Regeln, die nirgendwo geschrieben stehen, da ein Waldelf von selbst merkt, wie er sich der Ruine zu nähern hat. Vielleicht steuert das der sehr alte Geist dieser Ruine. Die erste bemerkenswerte Regel scheint zu sein, wenn ein Waldelf diese Ruine betreten mag oder muss, betritt er sie stets alleine. Egal, welcher Elf sie gerade betreten will. Er handelt nach diesem Muster ganz von alleine. Er steht eine Weile davor und entscheidet sich, alleine in das Innere dieser Ruine zu steigen, auch wenn er vorher etwas anderes plante. Wenn die Schwelle dieser Baumruine betreten wird, passiert alles wie von selbst. Also eine Regel mit einem geheimnisvollen Sinn. Eine darüberstehende Regel scheint zu sein, dass keine anderen Erd- oder Waldbewohner diese Ruine und ihren Unterbau zu besteigen haben. Aber auch das macht kein Anderer von sich aus. Diese Ruine ist nur für Waldelfen, für Querumer Waldelfen. Sie ist unten groß und höhlenartig mit geheimnisvollem Inventar, welches zu einer bestimmten Geschichte gehört. Sie enthält alles Wissen, was die Elfen gesammelt haben. Nur unter ihres gleichen sprechen die Elfen von der Ruine oder über sie. Sie nennen sie dann den Elfenbaum. Andere Waldbewohner sitzen schon mal davor und sonnen sich. Doch betreten wird sie von denen nicht - wie von selbst. Jetzt ist Guston alleine in das Innere der Ruine gestiegen und Mieme sitzt träumend oben davor bis ihr Mann aus der Tiefe wieder empor steigen wird. - Doch wann ist das?
(© Ilona Meschke 2010)


2

ein Querumer Waldelfenmann steht
vor einem unausgebrüteten Vogelei

Er heißt Guston. Er steht mindestens zehn Meter unter der Erde vor diesem Ei, welches ein Vogel einst zurück ließ, den kein anderer Waldbewohner kannte. Dieser Vogel war groß und am Bauch ziemlich bunt gemustert, an vielen Stellen blauschimmernd. Er gehörte in einen anderen Wald, so viel war klar. Doch wo er herkam, verriet er nicht. Guston erinnert sich noch an diesem außergewöhnlichen Gast. Alle einheimischen Waldbewohner ließen ihn zufrieden. Anfangs alle, denn die älteren Waldbewohner ignorieren ihn klug und zeigten sich ihm nicht. Sie wollten ihm das Gefühl geben, er wäre in diesem Wald ganz alleine, damit er sein Ei in Ruhe ausbrütete, obwohl sie ein wenig Sorge dabei herumtrugen, denn sie kannten ihn und seine Gefahren nicht, die er mit sich hätte bringen können. Die Jüngeren, die Kinder schlichen sich aber bald neugierig an ihn heran. Sie umzingelten ihn lautlos bis eine ganze Schar um dem brütenden Vogel herum saß, stand oder kniete und ihm beim ausbrüten des Eis zusah.  Er bemerkte alles nicht, brütete auf seinem Nachwuchs herum und fühlte sich lange Zeit sicher. Dann prüften die jungen Waldgeschöpfe weiter lautlos jede Einzelheit an ihm mit allen Augen, die ihnen zur Verfügung standen. Es kamen immer mehr Waldkinder angeschlichen, standen und saßen um ihn herum. Leuchtende Augenpaare klebten von allen Seiten an jeder seiner Bewegung und an dem großen Ei. Als der große Vogel sein großes blaugeschecktes Ei voll unter Kontrolle hatte und richtig auf ihm saß, hob er sein Haupt nach langer Zeit wieder und sah seine veränderte Umgebung erneut. Da traute er seinen Augen nicht mehr. Da stand plötzlich ein ganzer Haufen voller stummer Wesen um ihn herum. Er wusste nicht, ob Figuren oder Geister, vielleicht Tote oder Bildnisse, die ihm mit seinen Augen einfangen wollten. Bei diesem Eindruck erschrak er vollends, gurgelte aus seinem Hals einen lauten angstvollen Schrei heraus. Sein gelber krummer Schnabel war dabei weit aufgerissen. Mit einem heftigen Flügelschlag flog er davon soweit er konnte. Die Kinder des Waldes flogen durch seinen Flugwind, den er erzeugte, kreuz und quer durcheinander. Wie ein unaufgeräumtes Kinderzimmer sah der Wald an dieser Stelle für einen Augenblick aus. Der fremde Vogel ließ eigenes Kind, sein Ei, zurück. Auch Tage später kam er nicht zurück, um das Ei zu holen. So ängstlich kann ein großer starker Vogel sein. Und Guston grübelt eine ganze Weile vor diesem Vogelei, welches die Elfen durch Beschluss der ältesten Zehn unten in der Elfenzentrale bis heute als Erinnerungsstück ausstellt haben.

„Du sollst jetzt nicht an Deinen Kindererinnerungen festhalten. Oder große, fremde, bunte, aber verblichene Eier bewundern! Trage unsere neue Wohnung ins Elfenbuch ein. Trage ein, an welcher Stelle wir im Winter wohnen und schaue nach, wo sich die anderen Elfen im Winter befinden, damit wir sie erreichen können, Guston. Dann vergiss nicht, zu den Schriften der Erfahrungen zu gehen und aufzuschreiben, was Kimon in der menschlichen Schule erlebte.“ Das alles meint er, flüstert ihm gerade Mieme, seine Frau, ins Ohr. Wie kann das sein? Sie sitzt doch oben vor der Ruine?

Vielleicht nur eine Vorstellung von ihm, dass sie das sagt. Vielleicht nur ein Traum. Elfen träumen viel. Auf jeden Fall hat Mieme ihn jetzt wieder wachgerüttelt, falls sie es gewesen ist. Sie war es in irgendeiner Weise, da ist er sich sicher. Er wird seine Aufgaben im zentralen Meldeamt der Baumruine jetzt erledigen, schauen wer von ihnen neu geboren oder gar gestorben ist, wer krank geworden ist oder irgendeine Hilfe, eine Adoption für den Winter braucht. Doch Querumer Waldelfen sind meisten nie so krank und sterben auch nicht so schnell.
(© Ilona Meschke 2010)


3

ein Querumer Waldelfenkind
mit einer Blechtrommel

Die erwachsenen Familienmitglieder haben viel mit den Wintervorbereitungen zu tun. Ähnlich wie die Tiere im Wald, die sich um ihre Verpflegung und ihr Winterquartier zu kümmern haben, da es für sie lebensnotwendig ist, für den Winter vorzusorgen. Nur Waldelfen, zumindest Querumer Waldelfen müssen ihre Kleidung und Decken instand setzen. Sie renovieren ihre Baumhöhlen mit Lehm und Holz. Unsere Familie zieht außerdem vor dem Winter noch um. Guston und Mieme haben gerade ein neues Winterquartier gefunden, besichtigt und sich dafür entschieden. Eine Erdhöhle wie meistens. Nicht alle Waldelfen wohnen unten, direkt unter einer Baumwurzel. Manche wohnen ganz oben im Baum. So ein Baum hat viele Untermieter. Unten ist die neue Höhle unserer Waldelfen nicht so breit verwohnt. Oben ist sie höher als die Alte. Es können zwei Etagen entstehen. Ihre Kinder haben sie eine Zeit lang in der alten Erdhöhle zurückgelassen.

Kimon lauscht vor dieser Erdhöhle. Er nimmt eine Art Trommelgeräusch wahr. Dabei beobachtet er seinen halbschlafenden kleinen Bruder Tunga eine Weile, bis er glaubt, sich aus der gemütlichen Behausung der Baumhöhle unbemerkt herausschleichen zu können. Er verdeckt den Zugang wie gewöhnlich, damit der kleine Bruder geschützt bleibt. Aber dann ist er wie der Blitz verschwunden, klettert über Geäst, rennt durch Gräser und duftendem weichen Waldboden. Er springt und jongliert über Hindernisse, die sich ihm in den Weg stellen und kommt diesem merkwürdigen Trommelgeräusch immer näher. Er sieht ein Menschenkind auf einer Bank sitzen. Das ist selten, die kommen sonst nicht alleine in den Wald. Ein Junge sitzt auf der Bank und trommelt. Kimon bastelt sich selbst Trommeln. Doch die sind alle aus Holz. Alles was er sich baut ist hölzern. Doch die Trommel des Jungen klingt blechern. Das ist weitaus interessanter für diesen Wald, für den Specht und für Kimon, also ihm. Ob er trommeln darf?

Zu ihrem eigenen Schutz wollen Waldelfen nicht von Menschen entdeckt werden. Zum Schutz beider sollten Waldelfen sich nicht von Menschen entdecken lassen. Doch für Waldelfen gibt es keine festgeschriebenen Gesetze und keine Verbote. Selten hat ein Elf Gesetze oder Verbote ausgesprochen, weil er damit etwas Böses herstellt, was Unheil bringt. Wer Verbote ausspricht, macht sich strafbar, wenn dieses Verbot von einem anderen Elfen nicht eingehalten werden kann, der damit genötigt wird, ein Verbot zu missachten. Der Elf, der das Verbot gemacht hat, hat schuld, wenn ein anderer Elf es nicht einhält oder einhalten kann.

Elfen beraten sich nur. Kleine Elfen werden nur von Gefahren, Vorteilen oder Nachteilen hören, wenn sie sich beispielsweise einem Menschen zeigen würden. „Du kannst es machen, wenn Dir klar ist, was Du erzeugst“, sagte die Ma einmal mit einem ernsten Gesichtsausdruck. „Schlimmstenfalls für Dich, wenn ein Menschenkind dich fängt und nicht wieder hergeben will. Was es sieht, will es oft haben. Gefangensein deswegen wird selten passieren. Wir sind flinker und wendiger. Doch das Kind könnte von dir erzählen und keiner glaubt ihm, weil es Menschen sind.“ Ma zählte Kimon so viele Möglichkeiten auf, was passieren könnte, wenn er sich einem Menschenkind zeigen würde. Er konnte sich das kaum merken und Ma zählte weiter auf, solange bis Kimon kein Interesse mehr hatte, sich irgendeinem Menschenkind zu zeigen. Jetzt beobachtet er von allernächster Nähe das große vor ihm sitzende Menschenkind, seine blecherne Trommel und die darauf schlagenden Schlagstöcke aus Holz. Er hat plötzlich wieder das Gefühl, sich zeigen zu wollen. Es drängte ihn dazu. Nein, nicht dem Menschenkind. Er ist doch kein alberner Kobold, sagt er sich immer wieder. Er zeigt sich einfach nur dieser tanzenden Trommel und den Schlagstöcken ganz kurz. Nein, das ist gelogen. Die Trommel hat keine Augen. Also, wie ein Kobold beugt er sich über das Menschenkind, nur kurz und springt lautlos wieder zurück in das Gestrüpp, wo er niemals wieder von dem Kind entdeckt werden wird. Die Augen des Menschenkindes kullern fast aus den Augenhöhlen. Der Kopf dreht sich dorthin, wo er das noch nie Gesehene gerade zu sehen bekommen hatte und dann rundherum. Der Junge sucht benommen hinter sich. Er sucht danach, was er gerade zu sehen vernommen hatte und sieht nichts mehr. „Wie groß wachsen seine Augen noch? Sieht er jetzt größer?“ überlegt Kimon im selben Augenblick. Jetzt sitzt der Junge auf der Bank und trommelt nicht mehr. Dann trommelt er wieder, doch langsam und unkoordiniert. Aber dann vergaß er, was er gesehen hatte und macht weiter wie zuvor. Das gefällt Kimon nicht. Etwas war passiert, was die Mutter damals nicht aufgezählt hatte. Er hatte sich gezeigt und nichts passiert, außer dass der Junge vergessen hat, ihn gesehen zu haben und weiter trommelt. Niemand wird ihn entdecken. Niemand wird ihn trommeln lassen. Und der Junge trommelt alleine weiter. Nicht gesehen zu werden bringt manchmal einsames Gefühl.

Jetzt hört er wieder die Warnungen seiner Mutter im Kopf und in seinen Ohren so, als würde sie vor ihm stehen. In einem sicheren Versteck, nahe des trommelnden Jungen und der Trommelgeräusche fängt Kimon an zu träumen. Er träumt davon die schönste blecherne Trommel im gesamten Querumer Wald zu besitzen und blechern trommeln zu können wie der Junge. Sie spazieren zusammen durch den Wald, er und das Menschenkind. Der Traum schleicht sich langsam von Dannen. Er kam nur kurz, um Kimon zu trösten. Doch jetzt macht sich ein sehr angespannter Traum an den Elfenjungen zu schaffen. Dieser Traum zeigt Kimon, wie er sich noch einmal dem Menschenkind zeigt, das ihn diesmal richtig sieht und nicht wieder vergisst. Immer wieder zeigt sich Kimon diesem Jungen und versteckt sich danach wieder. Der Junge versucht Kimon zu finden, kann ihn aber nicht finden. Er weint jämmerlich und bitterlich und hört nicht auf damit. „Bitte, bitte nicht mehr traurig sein“, bettelt Kimon und stellt sich vor dem Jungen. Der Junge schaut ihn an, direkt vor sich. Er könnte ihn fangen. Menschen wissen das und machen das. Das war Kimons Fehler. Der Junge schnappt zu. Kimon erschreckt aus seinen Traum und stößt einen Laut aus sich heraus und der Junge hört auf zu trommeln. Er schaut verwirrt um sich. Die Trommel stellt er auf die Bank. Während das Menschenkind in alle Richtungen nach einem unbekannten Wesen mit zarten Schreckenslauten sucht, zieht das Elfenkind flink die Trommel von der Bank. Jetzt erschreckt der Mensch und gibt ebenfalls einen Schreckenslaut kund, denn er sieht seine Trommel nicht mehr. Er sucht die Trommel, die sekundenspäter wieder auf der Bank Platz genommen hat, als wäre sie nie weg gewesen. Misstrauisch schaut der Menschenjunge seine Trommel an. Er fasst sie nicht mehr an. Er will sie nicht mehr haben. Dann läuft er davon. Kimon sitzt jetzt ratlos im Gebüsch vor der Bank und vor der zurückgelassenen Trommel. Der Junge ist fort. Er hat keine Ahnung, wie das jetzt weitergehen soll.

„Anstatt mir zu Hause Geschichten zu erzählten, treibst Du Dich hier herum. Du treibst lauter Unsinn mit Menschenkindern wie ein alberner Kobold. Du weißt genau, die Ma sorgt sich, wenn wir Menschen nicht in Ruhe lassen.“ Wo kommt dieser Tadel her? Kimon dreht seinen Kopf erstaunt nach oben und sieht seinen kleinen Bruder Tunga auf einem Baum sitzen. „Warum bist Du mir nachgelaufen? Wie lange bist Du schon hier?“ fragt Kimon Tunga entsetzt. Er fängt ihn ein und zieht ihn an der Hand und manchmal aber auch am Haarschopf nach Hause.

Kimon wird noch dreimal an diese Stelle zurückgehen und entdecken, dass der Menschenjunge seine Trommel nicht mehr zurückgeholt hat. Am vierten Tag wird er beschließen, diese Trommel mitzunehmen. Denn bald wird der Specht wieder an den Bäumen klopfen. Da muss er mitmachen, um den von den Elfenkindern ständig geärgerten Specht weiter zu irritieren. Die Querumer-Waldelfenkinder sind manchmal eben doch Kobolde.
(© Ilona Meschke 2010)


4

Der geheimnisvolle zentrale Punkt
der Querumer Waldelfen

Es ist die alte Baumruine, die alle Querumer Waldelfen aufsuchen. Hier, im Inneren der Ruine tragen sie sich ein. Sie schreiben den anderen Waldelfen, wo sie zurzeit wohnen, wie sie leben und ob es da sonst noch etwas Wichtiges gibt. Hier bleiben sie in Kontakt, auch wenn sie sich sonst lange Zeit nicht sehen. Hier ist die freiwillige Schule der jungen Elfen, die sie einmal im Leben lange Zeit besuchen. Lange ist oft nur eine Woche. Ansonsten ist ihre Schule überall, wo sie sich befinden. Hauptsächlich aber unter freien Himmel, denn nur, wenn Geist und Himmel verbunden sind und die Kraft des Erdbodens unter ihren Füßen, lässt es sich richtig weiträumig lernen. Doch wenn die einmalige Schule ihres Lebens stattfindet, findet sie im Elfenbaum statt. Den Zeitpunkt entscheidet jeder Elf selbst. Die Familienmitglieder sitzen dann vor der Ruine und verharren oder amüsieren sich, während ihr Schützling dort drunten lernt, ein erwachsener Elf zu werden. Meistens aber legen sie unterhaltsame Feste mit ihren besten Speisen zum Schmausen ein. Wenn der junge Elf plötzlich wieder irgendwann aus der Baumruine lugt, wird er umsorgt und gefeiert. Der junge Waldelf hält dann ausgiebig Vorträge darüber, wie seine Erlebniswelt unten in der Baumruine ausgesehen hat und was er dort unten lernte. Er erzählt von besonderen Entdeckungen und Funden, die andere Elfen vor ihm lange Zeit nicht mehr erwähnten oder selbst schon vergessen hatten. So lernt jeder der Elfen und Elfinnen wieder erneut. Er erzählt von den vielen Erfahrungsberichten, die dort unten festgehalten werden, eine Art Wissenschaft, die keine Türen für weiteres oder gegenteiliges Wissen schließt. Eine Wissenschaft, die nicht so absolut ist. Die sich manchmal ebenso achtungsvoll wieder ausklammern lässt wie sie niedergeschrieben wurde, als sie zu diesem Zeitpunkt gültig war.

Dann, wenn es einmal wieder andere Erfahrungen gibt, wird sich keiner mehr an sie festklammern wie es bei den Menschen oft der Fall war oder auch ist. Jeder erwachsene Elf wird als erfahrener erlebender Elf gesehen und darf die Erfahrungen, die er erlebte in einer tiefen Höhle der Ruine niederschreiben. Jeder Elf schreibt dann das Erlebte, niemals aber seine eigene Meinung über die Dinge. Jeder Elf hat das Recht ein Wissenschaftler zu sein.
(© Ilona Meschke 2010)


5

von der Entstehung
des Elfenbaums

Es handelt sich bei dem Elfenbaum einmal um eine einst erstaunlich große Eiche. Mit einem langen Leben starb sie fast ebenso lange und langsam. Die Baumruine sind ihre Überreste. Der Eichenbaum hatte vor vielen Jahren toter-Baum-lebtden höchsten Platz am Waldboden eingenommen als der Querumer Wald unendlich groß war und die Dörfer der Menschen noch sehr klein waren. Der Baum überragte die vielen anderen Bäume und die Menschen verehrten ihn einmal als göttlichen Baum. Ja, damals taten die Menschen das noch. Ihre Hügelbeete und Wölbäcker legten sie möglichst nahe dieser großen prächtigen Eiche an. Die Eiche überlebte alle ihre Zeitgenossinnen bis sie wirklich ein sehr alter Baum wurde. Die Menschen verehrten sie jetzt erst recht. Eines Tages schlug ein Blitz in die alte Eiche. Der spaltete ihren Stamm in sieben Teile. Damit war die Eiche mitten in ihr Herz getroffen. Lange noch schauten die Menschen beim langsamen Vergehen der Eiche zu. Ihre Stammteile ragten teilweise noch wie Speere gen Himmel. Teil für Teil krachte aber bald abgeschwächt zu Boden. Sie schauten sich dann die zu Boden liegenden Teilstämme und das allmählich immer schwächer blühende Geäst an, bis nur noch wenig dünne Stammreste wie hohe Holzkeile in den Himmel ragten. Der vergehende Baum wurde noch lange bestaunt oder es wurde um die alte Eiche getrauert. Die Eiche erinnerte an alles Vergängliche überhaupt.

Dann kam die Zeit, da sonderten sich die Menschen immer mehr von der Natur ab. Die Dörfer und Städte wurden größer. Manch einer von ihnen hatte nie einen richtigen großen Wald gesehen. Ängste überkamen ihnen vor dem Wald, man könne sich verlaufen, man könne dort verhungern. Sie verlernten mit großräumiger Natur zu leben. Das Schlimmste aber bis heute, sie verdrängen durch ihr maßloses Verlangen nach Wohlstand und Überfluss allmählich die letzten Waldstücke. Sie vernichteten dabei alle anderen Erdbewohner und deren Lebensräume achtlos also gäbe es nur noch sie. Sie merken nicht mehr, dass das, was sie vernichteten oder bis heute noch vernichten, genauso zu ihnen gehört. Dass sie mit solch einer Vernichtung sich auch selbst vernichten.

„Moment, wir hörten gerade, dass die meisten Menschen das alles gar nicht wollten. Sie wurden von nur ganz wenigen mächtigen manipuliert. Ihnen wurde beigebracht, dass sie sich gegen wenige Mächtige nicht wehren können“, wird Guston seinem Bruder bald berichtigen.

Doch weiter zu der alten Eichenruine. Die Menschen verließen diese Ruine als sie fertig gestorben war. Sie zeigt immer noch eine hölzerne Holzwand und Teile die zum Stamm gehörten. Das alles ist gut mit lebendenBaum-Blume Gewächsen umgeben und teilweise versteckt. Um der Baumruine herum ist inzwischen ein schöner kahler Ort mit Trockengewächsen entstanden, ein kleiner Sonnen- und Feierplatz für Elfen. Innen wurde der Elfenbaum gut und haltbar ausgebaut. Schon sehr lange gilt die Ruine als zentraler Punkt für alle im Querumer Wald lebende Elfen. Sie ist ausgestattet als Schule und Stätte der Wissenschaft, als Geschichtslexikon, als besondere Ereigniserzählungen und als Einwohnermeldeamt, als Kochlernstube für Nahrung oder Medizin, als Orientierung für ihre Kleiderherstellung und als Wärmeplatz im Winter, falls jemand seine Behausung verloren hat. Alles Denkbare wird dort nachgeschlagen oder getätigt. Alle Querumer Elfen, die es gibt, sind dort eingetragen, schreiben ihre Erlebnisse dort unten in die Höhlen. Sie ist der Beratungsort und die Schule der jungen Elfen, die selbst bestimmen, wann sie die Schule besuchen wollen.

Jetzt ist Guston gerade in der Ruine und wird bald niederschreiben, was sein Kimon in der Menschenkinderschule erlebte. Ausgerechnet in diesem Herbst wird er sich lange in der Höhle aufhalten und lesen. Er wird ganz viele Begegnungen mit Menschen lesen. So viel, dass Mieme ihm oben ein Zeichen dalässt, das ihm sagen soll, sie sei schon zu den Kindern nach Hause gegangen, während er die ganze Nacht und drei weitere noch lesen wird. Warum er das tun wird und warum gerade in diesem Herbst? Da hat er keine Ahnung.
(© Ilona Meschke 2010)


6

Guston berichtet
auf einem dicken Leinenpapier

Bedächtig gingen die beiden, Mieme und er, zur alten Elfenbaum, denn beide finden die erlebte Geschichte von Kimon sehr merkwürdig und mittteilbar. Deswegen wollen sie das auch als Erfahrungsbericht aufschreiben. „Eigentlich wollte Kimon die Menschenschule beobachten“, schreibt Guston jetzt unterwärts in der Höhle dieser alten Ruine. „Doch dann viel ihm dieses Mädel auf. Er entdeckte es immer abseits stehend von den anderen Kindern, - ängstlich am Rande.“ Nach jedem Satz, den Guston niederschreibt, meint er noch einmal, ohne es image003aufzuschreiben: „Sehr merkwürdig, sehr, sehr merkwürdig.“ Dann fährt er fort. „Es viel Kimon auf, das Mädchen brachte kein einziges Wort aus dem Mund heraus. Weder im Unterricht noch auf dem Pausenhof. Sie sprach nicht. Dabei lernte sie auch nicht gut. Was sie lernte, weiß ja keiner, denn sie sagte nichts und keiner fragte sie danach. Sie musste aufpassen, nicht gehänselt zu werden, weil sie anders war. Aber sie musste jeden Tag hingehen, in diese Schule, obwohl sie dort wahrscheinlich gar nicht hin gehörte und sich quälte.“ Guston machte wieder eine Pause, denn immer will er schreiben, wie fürchterlich, wie merkwürdig, aber das ist seine eigene Meinung, die nicht in den Erfahrungsbericht hinein gehört. Vielleicht schafft er es nicht ganz, seine eigene Meinung aus dem Bericht herauszulassen. Denn jetzt schreibt er: „Die Menschen hatten keine bessere Idee, als dieses Kind in die Schulaufgabenhilfe zu stecken. Jetzt musste sie wöchentlich viermal länger in der Schule bleiben, obwohl sie da nicht hingehörte, denn in der Schulaufgabenhilfe passierte ihr dasselbe, und sie verhielt sich genauso. Mein Sohn Kimon ließ dieses Mädchen nicht aus den Augen. Das Mädchen heißt Jenny oder Jennifer. Es stand weiterhin abseits, mit seinem leicht lockigen, langen Haar, das in der Sonne leuchtete. Doch dann passierte ein Wunder. Die Leiterin der Schulaufgabenhilfe kam mit einer neuen Betreuerin für die Kinder. Sie stellte sich vor und erzählte den Schülern über sich. Jennifer schaute die neue Betreuerin lange an. Die Betreuerin schaute auch Jennifer an, und die Leiterin bestimmte, Jennifer gehöre jetzt zu der neuen Betreuerin. Es war so, als können die beiden sich am besten verstehen. Die Betreuerin akzeptierte, dass Jennifer nicht sprechen wollte. Sie zeigte aber alles, was wichtig war für die Schullerninformationen. Danach sollten alle Kinder etwas anderes tun, basteln, draußen spielen und das Kind solle nicht mehr so ganz abseits gestanden haben. Es soll dicht an der Betreuerin gestanden haben, die sie ein bisschen ermunterte, etwas mitzuspielen. Es dauerte gar nicht mehr lange, und die Betreuerin holte ein dickes Buch, ein Kinderlexikon, heraus und fing an bei A vorzulesen. Dann hörte sie auf zu lesen und sie unterhielt sich mit Jennifer noch einmal darüber, was sie eigentlich zusammen gelesen haben. Bei A war Adern das Stichwort. Und sie zählten zusammen auf, was eigentlich alles Adern hat. Dann schauten sie sich ihre Arme und Hände an wie gleich alles ist. Sie hatten überall dieselben Adern und Jennifers Augen waren schon viel lebhafter dabei, aber auch ein Fluss hat Adern. Sie gingen mit den anderen Kindern heraus, um draußen zu spielen. Plötzlich viel ihnen ein Kastanienblatt auf den Boden. Ein sehr schönes Kastanienblatt. Die Betreuerin hob das Blatt auf. Sie betrachtete es: „Jennifer schau, es hat überall Adern. Schöne Adern, schau mal wie wir.“ Beide schauten auf das Blatt, was gerade vom Baum herunterfiel. Sie schauten auf die Makellosigkeit und die Schönheit des Blattes. Sie verglichen beide die Adern des Blattes mit den Adern in ihren Händen. Die Betreuerin sagte dann: „Siehst Du, - alle Bäume und jedes einzelne Blatt sind unsere Brüder.“ Das Mädchen staunte daraufhin. Sie war absolut einverstanden mit dieser Aussage. Sie schaute strahlend auf die Betreuerin und auf das Blatt. Sie durfte es behalten und ging acht voll mit dem Blatt nach Hause.

Mein Sohn freute sich darüber ebenso und lernte die beiden zu mögen. Er beschreibt die beiden kniend mit ihren langen leuchtenden Haaren in der Sonne auf dem Schulhof sitzend, prüfend auf das Kastanienblatt, und er beschreibt ihre Hände und ihre leuchtenden Augen als sie zueinander fanden. Eine andere Welt entstand im Nu. Mit dem Blatt in der Hand verließ Jennifer an diesem Tag die Schule glücklich wie mein Sohn, der danach die gesamte Geschichte zu Hause erzählte.“

Jetzt macht Guston eine Pause mit schreiben und freut sich selbst. Dann raffelt er sich noch einmal zum Stift, um weiter zu schreiben: „Am nächsten Tag sahen alle eine total glückliche Jennifer in der Schulaufgabenhilfe. Nach Erledigung der Schulaufgaben lasen sie weiter in diesem Kinderlexikon. Dann sagte die Betreuerin das erste Mal: „Jennifer, ich kann nicht mehr so viel lesen. Hilfst Du mir? Nur ein kurzes Stückchen. Solange du willst.“ Da fing das Mädchen an zu lesen. Sie las vorsichtig weiter. Sie hatte eine schöne Stimme und konnte lesen. Sie freute sich, lesen zu können und gelobt zu werden, und dann sprach sie immer mehr, so langsam und vorsichtig.“ Guston schreibt als Fazit unter dieser Erlebniserzählung: Menschen werden glücklich, wenn sie in der Lage sind, Blätter als ihre Brüder zu sehen.
(© Ilona Meschke 2010)


7

gleich unter Kimons erster Geschichte
wird noch ein zweites Erlebnis geschrieben

Das war die schöne Seite des Erlebnisses mit den beiden Menschen. Doch danach beobachtete Kimon die darauf folgende beängstigende Seite“, fuhr Guston fort „Die Betreuerin schaute die Blätter immer wieder besorgt an. Sie war gar nicht mehr so glücklich. Sie untersucht noch heute die Blätter, die inzwischen deutlich krank geworden sind. Jetzt im Herbst findet sie kein einziges schönes Herbstblatt für die Kinder mehr, die Pocken-am-Ahornblatt-3Blätter, die Brüder, sterben zu schnell und zeigen keine Verfärbung mehr. In der zweiten Hälfte des Sommers hat die Großstadt Braunschweig keine frischen Sommerbäume mehr. Das Mädchen ist bereits größer als mein Sohn, denn die Menschen wachsen schneller. - Vielleicht, weil sie von Anfang an größer sind als wir. - Vielleicht, weil sie angehalten werden, sich in so kurzer Zeit immer so viele Informationen hineinzustopfen, ohne noch Zeit zu haben, sich mit den Dingen mehr zu beschäftigen. Ohne den Kindern Zeit zu geben, selbst zu überlegen, welche Informationen zu ihm passen und welche nicht. Sie lassen ihren Kindern keine Zeit zum wachsen. Sie wachsen immer schneller, auf jeden Fall schneller als Elfenkinder und werden schneller älter. Jennifer ist schon fast eine junge Frau geworden. Ihre ehemalige Betreuerin sieht sorgevoll auf die Blätter der Bäume, was den Blättern gar nicht hilft.“ So und jetzt ist Guston endlich fertig mit dem Bericht und macht eine Pause.
(© Ilona Meschke 2010)


8

nachdem Kimon über seine Begegnung
mit Menschen erzählt hat

Und jeder, der die Erzählung kennt und daran denkt, ist besorgt. Tunga, der kleinste, sorgt sich, weil er merkt, alle sorgen sich. Kimon sorgt sich um die Betreuerin und ihre Bäume. Mieme ängstigt sich vor dem Treiben der Menschen überhaupt. Unheimlich sind ihr die Schulen, in denen es Kinder gibt, die nicht mehr sprechen. Schulen, in denen schon bei den jüngsten Menschen eine gewisse Unterdrückung und Nichtakzeptanz hineingewachsen ist, obwohl so viel noch gar nicht wachsen konnte. - Schrecklich, wenn es einen selbst trifft. - Schrecklich, wenn ein Mädchen abseits steht und immer wieder in diese Schule muss. - Schrecklich bei den Erwachsenen, denn auch dort kann es einen treffen. - Schrecklich findet Mieme das rücksichtslose Wachstum der Städte. Die staubigen lauten Straßen. Die Sonne, die darauf prallt. Und sie beobachtet, die Menschen fühlen sich auch damit nicht wohler und ändern nichts. Es scheint ihnen schlechter zu gehen im Laufe der letzten Jahre. Sie sehen oft stumpf aus. Sie bekommen durch die schlechte Stadtluft schneller Falten in ihre Haut. Guston ist bedrückt, weil er oft beobachtet hat, wie die Menschen ein Problem verschweigen und es anschließend nicht mehr sehen.
(© Ilona Meschke 2010)


9

Guston liest
über Menschen

Die Erfahrungsberichte fesseln Guston plötzlich so, als gäbe es eine wichtige Nachricht für ihn darin. Mieme ging alleine nach Hause. Das seit vielen Jahren immer dicker werdende Sammelwerk „Erfahrungsberichte mit Menschen“ ist zu einem Buch gebunden und geklebt. Immer wieder kommen Neuigkeiten hinzu, die erneut in die richtige Rubrik eingearbeitet werden, falls es denn Neuigkeiten sind. Doppelt steht nichts da. Das ist wichtig, denn das Buch ist bereits so hoch mit Blättern wie die längsten Elfen. Einfach ist es, in der Mitte zu lesen. Kompliziert wird es, wenn man in den Anfang schauen will oder in das Ende des Buches. Guston liest. Licht bekommt er tagsüber von oben, denn das Werk liegt auf dem großen Sockel einer abgestorbenen Baumwurzel, die von oben immer noch ein wenig Beleuchtung erhält. In der Nacht kurbelt er an einem alten Rad herum und treibt so ein Dynamo an, der eine alte Fahrradlampe zum Leuchten bring. Guston wird dabei fast nicht müde. Immerhin wird er sich durch das Kurbeln an dem Rad später genau erinnern können, dass er insgesamt sieben Nächte da unten sein wird. Nicht in einem durch. Erst einmal drei nach der ersten Nacht. Er wird still in sich gekehrt drei Tage und Nächte zu Hause sein. Dann wird er wieder in den Elfenbaum gehen und drei Tage und drei Nächte weiterlesen. Und immer nur wird er einen kleinen Teil von dem erfahren, wer die Menschen wirklich sind.
(© Ilona Meschke 2010)


10

Querumer Waldelfen berichten sehr viel
über Menschen

„Nie hat ein Mensch einen Waldelfen getötet. Das ist nicht bekannt und auch nicht glaubhaft. Doch sie töten sich gegenseitig schon mal. Oft machen sie das in Gruppen aufgrund eines angelernten Zugehörigkeitsgefühls.sterbende-Blume-web So entstehen oft viele getötete Menschen und die Gruppen werden von Anführern gesteuert. Manchmal werden die Überlebenden der kämpfenden Gruppen als Mörder bezeichnet und manchmal als Helden. Manchmal entsteht eine neue Regierung, die die vorherigen Helden ebenfalls zu Mördern oder Verbrechern macht. Allgemein ausgedrückt sind Helden, die getötet haben später keine Helden mehr. Durch ihr Tun entstehen lange Zeit Verletzungen im Geist bei den Überlebenden, die den Opfern nahe standen. Das ist oft ein Grund, neu mit den kämpferischen Auseinandersetzungen wieder zu beginnen.“

Guston kann sehr wenig von all dem nachvollziehen. Als er aber „angelerntes Zugehörigkeitsgefühl“ las, musste er an das verängstigte Mädchen denken, das in der Schule und sonst nie sprach, sicher fehlte ihm das Zugehörigkeitsgefühl, eine Sicherheit die alle Wesen brauchen. Als er „lange Zeit Verletzungen im Geist“ las, musste er ebenfalls an das Mädchen denken. Er verglich jedes im Buch stehende Ereignis mit den beiden Menschen, die er durch seinen Sohn erlebte.

„Auch einzelne Menschen töten oder lassen gegenseitig töten. Sie agieren ebenfalls aus einer Art Zusammengehörigkeitsgefühl, aus eigenen oder Gruppeninteressen mit dem Ziel, sich Vorteile in Form von Besitz oder Dominanz zu verschaffen, - oder aus Stress. Aber es wird nicht nur getötet. Sehr viel häufiger werden die Interessen agierender Personen mit anderen schroffen Mitteln durchgesetzt. Ganz besonders aber zählen höher gestellte Menschen den unten Angestellten Gründe von Notwendigkeiten auf, weswegen alles so und nicht anders passieren müsse. Sie sollen dann die Notwendigkeit sehen und danach handeln, anstatt danach, was sie selber wollen. Menschen sind einer Hierarchie zugeordnet. Unten in der Hierarchie ist schlecht überschaubar, was oben gemacht wird. Auch ziemlich weit oben durchblicken viele nicht mehr, was das ist, was gemacht werden soll, tun sie dennoch. Dieses Vorgehen hat sie schon in die katastrophalsten Situationen gebracht.

Guston hat schon mehr von der Geschichte und diesem großen Wirtschaftsystem der Menschen gehört. Er kennt ein paar Beispiele von dem, was er las. Ihm schaudert, denn er erinnert sich, manchmal werden die Herrscher erst viel später verurteilt. Dann erst erkannten die Menschen wieder den Verbrecher in ihm. Manchmal soll er wahnsinnig gewesen sein, und sie wussten sich nicht mehr zu helfen. Ein immer wiederkehrendes Ereignis in trockenes-Blatteiner sich sonst so schnell verändernden Welt. Guston sieht auf einem alten Tierleder im Buch aufgeklebt geschrieben: „Menschen gehen in jeder Zeit davon aus, dass sie in einer veränderten Welt leben und die moderne ist anders als die alte. - Und es stimmt nicht! Nur das Bild, was sie sehen erscheint so. Nur die Technik in allen Gebieten und jeder Form von Architektur, Transportmittel bis hin zu Kommunikationsmittel ist gewachsen. Jedes andere Konstrukt im Menschen ist nach wie vor enthalten und nicht aufgebessert worden, auch nicht die unheilbringenden Teile haben sich in ihm verbessert.“  Guston stellt sich unten im Elfenbaum den kleinen Bach in der Nähe seiner kleinen Baumhöhle vor. Das Wasser fließt und fließt schon viele Jahre. Manchmal viel und manchmal wenig. Es schlägt mal große und mal kleine Wellen. Eine Welle entsteht aus ganz vielen Einzelteilen. Jedes Geschehnis der Menschen hat auch ganz viele verschiedene Teile, auch wenn es, um den Daumen gepeilt, immer wiederkehrend ist. Insgesamt nur ein Konstrukt, was sich durchgesetzt hat? Er versteht ein bisschen, nicht so viel. Er blättert dieses Thema weg. Er möchte jetzt endlich mit den wirklichen Begegnungen von Menschen und Elfen beginnen zu lesen.

Wenn sich ein Waldelf einem Menschen zeigt, sieht ein Mensch den Waldelf nicht. Das ist eine Möglichkeit, die passieren kann. Es liegt wohl daran, dass Menschen meistens nicht an Waldelfen glauben. Doch ist ein Waldelf erst einmal lange in der Wohnung eines Menschen, verändert sich der Mensch. Es ist, als bekomme der Mensch mehr Zeit und Ruhe durch die Anwesenheit eines Elfs. Guston schmunzelt vor Freude. Es macht ihm Spaß, das zu lesen. Das kann also auch passieren. Guston denkt eine Weile über diese vielen unterschiedlichen Verhaltensweisen nach, die er mitbekam. So unterschiedlich ist Mensch, denkt sich Guston, wie könne er da nur durchsteigen? Aber was veranlasst ihn nur, das zu wollen? Diese Frage kann er auch nicht beantworten. Also, wenn er sich selbst nicht einmal versteht, wie soll er denn dann den Menschen verstehen?

Und jetzt kommen die lebendigen unterhaltsamen Seiten. Menschen können Waldelfen also auch erkennen. Viele Erlebnisse sind festgehalten. Guston stellt nach langer Leserei einen Fazit auf, endlich ähneln sich die Menschen auch mal untereinander, denn jedes Mal wird ein Mensch, der einen Querumer Waldelfen zu Gesicht bekommen hat, einen deutlich verwunderten Gesichtsausdruck bekommen. Er schaut lange hin. Sein Gemüt und seine Gedanken verändern sich. Er macht einen äußerst glücklichen Eindruck, weiß aber nicht genau, was er insgesamt davon zu halten hat. Doch er kennt keinen Streit und keine Traurigkeit mehr, falls ihn diese Gefühle gerade quälten. Wenn er dann vom Querumer Waldelf angesprochen wird, erwidert er fünf bis acht Mal mit Stottern oder er gibt erst einmal keine Antwort. Bei Kindern ist das sehr viel einfacher. Die unterhalten sich gleich mit dem Elf. Ein erwachsener Mensch vergisst oft nach einer Elfenbegegnung, dass er einen getroffen hat. Ein Kind eher nicht. Manchmal erzählt das Kind von einem Elfen und gilt bei den Erwachsenen als Spinner oder Träumer. Erwachsene verraten gar nicht, einen gesehen zu haben. Auch dann nicht, wenn zu beobachten ist, dass sie sich noch erinnern.

Für gestresste Menschen wirkt ein Waldelf, auch wenn er nur so herumsteht wie Medizin. Für unfair gewordene Menschen wie eine Kopfwäsche innen. Alles ist weggespült und sie fangen an, neu zu denken. Guston lacht wieder einmal. Er stellt noch einmal fest: „Querumer Waldelfen machen Menschen glücklich.“ Er blättert erleichtert weiter in dem Buch herum: „Waldelfen faszinieren Menschen also.“
(© Ilona Meschke 2010)


11

Guston verarbeitet Informationen langsam
indem er sehr oft von ihnen spricht

Guston erzählt seinen Kindern lustige Begegnungen mit Menschen vor dem Schlafengehen, während Mieme immer wieder darauf hinweist, dass es für Waldelfen nicht üblich ist, sich den Menschen zu zeigen, und es könne zu unangenehmen Situationen für beide kommen. Sie gehören nicht zueinander, Menschen und Elfen. Doch heimlich beobachtet Mieme die Frau, die sich die inzwischen die sehr krank gewordenen Blätter besorgt ansah. Blätter der Stadtbäume, die sie damals vor dem Mädchen, Jennifer, „unsere Brüder“ nannte. Doch alles nebenbei, denn alle vier Elfen richten gerade in der obersten Etage ein warmes Bett für den Winter her. Danach verbrennungen-durch-Ozon---Blattentsteht ein warmes Bett für alle vier ganz unten, je nachdem wie das Klima im Winter ist, werden sie ihr Bett wechseln. Nach der Arbeit legen Mieme und Guston ihre Kinder schlafen und Guston erzählt Menschengeschichten, anstatt über ihren Nachbarn, den Waldbewohnern. Als die Kinder schliefen erzählt Guston Mieme die ernsteren Begegnungen, Beobachtungen und Gegebenheiten, die er gelesen hatte. Mieme findet Menschen unheimlich. Sie weiß nicht, weswegen Guston gerade jetzt die Winterlektüre „Menschen“ aufschlägt und sie selbst heimlich die Frau mit ihren kranken Blättern besucht. Sehr ernste Gespräche über Menschen führt Guston mit seinem Freund bei den täglichen, ausgiebigen Spaziergängen nach Feierabend. Der Freund antwortet Guston mit Bitterkeit, ihre Städte würden immer hässlicher mit bombastischen Gebäuden und aggressiven Straßenverkehr. Die Menge der Menschen spielt da keine Rolle. Ihre Maßlosigkeit aber schon. Die wenigen Bäume, die sie gelassen haben, sterben ihnen weg. Je größer ihre Städte desto weniger wurden die Wälder. Sie kennen bald keinen Wald mehr. Sie haben unseren Großvätern den Wald und oft auch das Leben geraubt. Doch wir müssen uns nicht fürchten. Sie haben unseren Wald unter Naturschutz gestellt.
(© Ilona Meschke 2010)


12

Kimon trommelt
für den Specht

Kimon nahm die erworbene Blechtrommel und versteckte sie am großen Baum unter Laub, wo der Specht sich eingenistet hat. Er holt jetzt seine Holztrommel und Tunga entdeckt ihn dabei. Blitzschnell holt auch Tunga seine Trommel aus dem Untergeschoß des neuen Winterquartiers und rennt dem großen Bruder hinterher. Kimon stellt sich vor den großen Baum, schaut hoch zum Specht und trommelt zärtlich Spechtklopfen nach, wie die schönste Spechtfrau es tun würde. Sein Bruder Tunga steht mit seiner Trommel hinter Kimon. Er versucht blitzschnell einen Standplatz direkt vor Kimon zu bekommen und trommelt ebenso wie er. Der alte Specht, mittlerweile schon griesgrämig geworden, hofft dass er diesmal nicht geärgert wird und die allerschönste Spechtbraut tatsächlich an seinem Baum unter ihm klopft. Doch er wagt es nicht herauszuschauen. Er verdächtigt das kleine Elfenpack, es könne ihn täuschen. Er schaut nicht heraus. Nicht ein kleines bisschen nach unten, um der Gefahr zu entgehen, getäuscht zu werden. Obwohl er gerade jetzt die Chance verpassen könnte, die allerschönste Frau anzutreffen. Was da? Der Specht horcht weiter. Er hört eventuell wie zwei Spechtfrauen unter ihm klopfen. Sie scheinen sich um eine Wohnung unter ihm zu streiten. Sie haben das gar nicht nötig. Sie dürften seinetwegen beide unter ihm wohnen. Er würde sie sogar beide liebhaben. Gleich zwei Frauen, die sich um ihn streiten? In die allerschönsten Gedanken verfallen, möchte er keine Frauenbegegnung versäumen. Er hört, eine klopft unten und wird von der anderen weg gejagt im ständig wiederkehrenden Fortgang. Er will den Streit schlichten. Jetzt sofort und schaut herunter.

Er sieht jetzt, wie sich zwei Elfenjungen mit jeweils einer Trommel um die Hüften herum gebunden streiten. Einer will immer vor dem anderen stehen und dabei den anderen möglichst verdecken. Sie trommeln ein Spechtklopfen nach, so zart, als würde es sich um weibliche Spechte handeln. Wäre der Specht klug und vernünftig, hätte er sich jetzt schnell zurückgezogen, denn die kleinen Elfen haben ihn noch nicht entdeckt. Doch sein Ärger darüber lässt ihn lauthals herunter schimpfen: „Kleines Elfenpack, ihr seid Kobolde!“ Die Elfen schauen nach oben mit aufgerissenem Mund: „Kobolde? – Wir wollen uns verabschieden und dir einen schönen entspannenden Winter wünschen. Sei bitte nicht unfair“, sagt Kimon und Tunga bestätigt das: „Ja!“

Doch der schimpft weiter: „Trommeln dürfen Elfen erst, wenn die erste Blüte wieder blüht. Trommeln dürfen Elfen erst, wenn die letzte Blüte blüht und die ersten Blätter der Bäume erwachsen geworden sind. Trommeln dürfen Elfen erst wieder, wenn die ersten Frühjahrskinder geschlüpft oder geboren werden. Trommeln dürfen sie, wenn das erste bunte Herbstblatt fällt. Trommeln dürfen sie für die Zugvögel, damit alle merken, es wird Zeit, sich aufzumachen; aber Spechte dürfen sie nicht mit Trommeln ärgern, ihr Kobolde!“ Doch Kimon ruft: „Nein, lieber Grimm Rinde, wir verabschieden uns wegen des kommenden Winters.“ Jetzt trommeln die beiden andere Laute. Sie trommeln alle Elfenkinder zusammen und es klappt. Alle kommen mit ihren Trommeln, Flöten Rasseln und Gesängen. Sie freuten sich, über das Maß heraus noch einmal musizieren zu können und machten sofort mit. „Moment, was ist das? Die Elfenverabschiedungszeremonie der Kinder wird da getrommelt und gesungen? Die hat doch schon längst stattgefunden?“ fragt sich Mieme. Sie sitzt am plätschernden Bach und färbt noch ein paar Kleidungsstücke mit Holunderbeeren ein. Doch jetzt unterbricht sie ihre Arbeit und pirscht sich in Richtung der Musiker und Musikerinnen. Sie entdeckt ihre beiden Jungen und den schimpfenden Grimm Rinde oben auf dem Baum. Sie sieht, jeder dieser Kinder wurde von ihren Jungen animiert, noch einmal für den Specht zu musizieren, der nichts davon hielt. Es erklingt dennoch ein zarter heller Waldgesang. Es kling angenehm für alle Ohren. Aber in Ordnung ist das nicht. Und der Specht? Er schimpft sich bald den Schnabel weg.

„Deine Kinder scheinen wirklich Kobolde zu sein.“ So klang es hinter Mieme. Sie dreht sich um und sieht Guston auf einem Ast sitzen. Sie schaut ihn eine Weile an, woraufhin er nur sagt: „Sag nichts, ich weiß, du sagst auch ohne Worte, das du drei Kobolde hast und sogar einen sehr großen dabei.“ Sie dreht sich um und schaut dem Treiben ihrer Söhne weiter zu. Dann dreht sie sich wieder um zu ihrem Guston und verrät ihm: „Ich sorge mich, weil du dich so sehr um die Menschen kümmerst und viel zu viel über sie liest. Warum willst du sie verstehen?“ Er hat gehofft, gefragt zu werden. Er klettert näher an sie heran: „Liebe Mieme, ich kann es dir wirklich nicht sagen. Als ich da unten war, war es als würden alle unsere Urururgroßväter mich nicht gehen lassen wollen. Dann verspürte ich selbst diesen Drang es tun zu müssen. Ich weiß nicht warum. Du brauchst dich nicht zu sorgen, die Menschen selbst haben unseren Wald unter Naturschutz gestellt. Und Kriege sollen hier auch nicht stattfinden.“ Die beiden schauten sich weiter still an. Sie sagt: „Sicher hast du Recht. Sie werden den letzten großen Wald in ihrer Stadtumgebung schützen. Sie wissen längst, ohne Wälder stirbt die Welt. Sie wissen selbst, wo sie her sind. Die toten Materialien, mit dem sie viele mächtige große Sachen bauen, hat sie nicht zum Leben geweckt. Sie stammen von dort, wo auch wir herkommen. Sie können sich bekriegen, um alle Bodenschätze, die es gibt.“ Mieme macht eine Pause und sagt dann: „Aber ein Krieg um die Atemluft können sie nicht führen. Wie würde der denn aussehen?“

Wieder stehen sich die beiden schweigend gegenüber. Dann sagte er: „Diesmal bist du auch ein Kobold! Was beobachtest du immer diese Menschenfrau, die sich die sterbenden Blätter in der Stadt anschaut?“ Sie sagt: „Ich fürchte mich nicht. Unser Wald ist gesund. Er hat nichts mit den Bäumen in der Stadt zu tun.“ Dann erwidert er: „Falls unser Wald angesteckt wird, werden wir ihn verarzten. Wir wollen niemals unsere Ängste und Sorgen verschweigen. Das schickt sich nicht für Elfen. Wir bleiben ehrlich. Nur das ist gesund für uns alle.“ Sie schenken dem Treiben der Elfenkinder vor sich wieder ihre Aufmerksamkeit bis Mieme schnell wie der Wind davon klettert.

Guston dreht sich um, zu der Lücke aus der sie verschwunden ist und folgt ihr behutsam aber flink. Mieme ist in der Baumwohnung angekommen. Sie sucht unter den gut sortierten Leinenbeutelchen nach ganz bestimmten Essensvorräten und hält gerade einen Beutel mit getrockneten Würmern in der Hand, als Guston ebenfalls zu Hause angekommen ist. Er steht hinter ihr und beobachtet ihr Treiben. Die Würmer sind zufällig auf irgendeine Weise verendet und dann von den Elfen gesammelt worden. Guston fragt jetzt: „So viele gute Würmer für den Specht? Warum nehmen wir nicht deine Lieblingsspeise aus den Vorräten, um ihn zu trösten?“  Sie antwortet: „Der kostbare Schnee, der uns auf jeden Fall am Leben lässt, muss erst noch kommen.“ Bei dem letzten Wort „kommen“ war sie schon von der Wohnung entfernt. Sie klettert den Spechtbaum herauf, bleibt auf einem Ast nahe seinem Eingang sitzen und bittet den Specht, sich sehen zu lassen. Durch die Würmer klappte das gut und beide genossen oben auf dem Baum den Sonnenuntergang. Sie versicherte ihm, dass er nach dem Winter auf jeden Fall die allerschönste Sechtin treffen wird. Er ist zufrieden. Allein schon wegen der Würmer. Sie werden sich bald verabschieden. Dann werden sie sich gegenseitig den schönsten und angenehmsten Winter und auch schöne Winterträume wünschen.

Zu ungefähr diesem Zeitpunkt haben die Elfenjungen den Specht verlassen und sich auch von den anderen Elfenkinder verabschiedet. Sie kommen nach Hause und treffen nur den Vater an: „Wo ist Ma?“ fragt Tunga. Guston antwortet gelassen. Sie bringt dem Specht gerade unsere allerschönsten Trockenwürmer. – Und wenn der Winter beginnt, erzähle ich eine allerschönste Specht-Elfen-Herbst-Geschichte.
(© Ilona Meschke 2010)


13

der Winter kommt
und am Ende fällt der Schnee

Sie haben sich für den Winter wie alle Querumer Waldelfen gut vorbereitet. Waldelfen überwintern immer in Gruppen oder in Familien zusammen. Da kann es schon sein, dass während des Winters ein Elf zu ihnen kommt, aus irgendwelchen Gründen keine Behausung mehr hat oder auch keine Vorräte mehr. Der wird ohne Komplikationen aufgenommen. Mieme und Guston haben sehr viel Platz in ihrer Baumhöhle. Sie ist sehr gut ausgebaut. Mit Lehm und Holz haben sie alles gut verputzt. Selbst hergestellte Baumwolle für die Schlafstellen, Kleidung und Decken aus Leinen mit Beeren gefärbt, gewähren ihnen Wärme. Erst jetzt im Winter finden sie richtig Zeit, um sich satt zu essen. Haselnüsse, Walnüsse, Trockenobst und Honig sind Winterhausüberwiegen ihre Nährstoffe. Vor dem Haus sammeln sie Regenwasser bis der Schnee kommt. Draußen vor dem Haus toben sie sich nur selten aus. Dann achten sie darauf, nur trocken zurück in die Behausung zu kommen, denn Feuchtigkeit wäre unangenehm und bliebe in der Höhle. Sie wärmen sich gegenseitig in der Nacht und ihre Geschichten und ihre Fantasien finden kein Ende. Unten in der Höhle ist ein kleines Loch im Putz. Dort grenzt ein Maulwurfbau an. So haben sie einen ganz direkten Nachbarn, der ihnen hin und wieder ins Fenster hinein schaut. Immer, wenn die Geschichten über sämtliche Waldbewohner erzählt werden, kommt auch dieser Maulwurf in ihren Geschichten vor und nicht immer ist der Maulwurf mit diesen Geschichten einverstanden. Gerade muss er stark gegen ihre Geschichten protestieren. Und vor allem Kimon führt lange Diskussionen mit ihm, während Tunga teilnahmslos zuhört und Mieme Streitigkeiten versucht zu schlichten. Der Maulwurf, Dunkerhardt, versucht Guston, der sich gar nicht an der Auseinandersetzung beteiligt hatte, auf seine Seite zu bekommen. Doch Guston malt weiter an den Wänden mit Beerentinte. Er will sich nicht einmischen. Dunkerhardt muss sich also etwas einfallen lassen: „Guston, ich weiß, ihr esst keine lebenden Würmer, nur vollendete, trockene. Ich habe einen Toten. Der ist noch frisch. Magst du ein Stück probieren?“ Und jeder der vier Höhlenbewohner horcht nach diesen Worten auf. – Jeder der vier Bewohner bekommt ein anderes Gesicht und verfolgt das weitere Geschehen.

Sie alle hören oft menschliche Reiter mit Pferden kommen oder Spaziergänger, manchmal mit Hund. In drei Jahreszeiten versäumen sie nicht, nachzuschauen, wer sich dort bewegt und ob das bekannte Gesichter sind, die schon öfter einmal kamen. Aber auch, was die so treiben, entgeht ihnen nicht. Doch im Winter ist das alles anders. Keinem interessiert, wer sich oben im Schnee aufhält. Lediglich wird nur gehorcht und aufgepasst, ob fremde Geräusche nicht doch etwas zu nahe am eigenen Quartier sind. Ein Notausgang hat jeder Haushalt.
(© Ilona Meschke 2010)


14

gespannt hört die Elfenfamilie
auf Kimons plötzliche Fieberträume

Er redete im Traum darüber und Mieme erschreckt. Welcher Waldelf wäre so dumm, aus der Stadt kranke Blätter mitzubringen? Niemals Kimon. Welcher Waldelf hätte sich nicht gründlich gewaschen, nachdem er die Menschenstadt besuchte? Wie kam seine Mutter auf den Gedanken, ihm ein Verbot zu erteilen, was unter Waldelfen niemals üblich war? Mieme steht erschrocken vor Kimon und den Rest der Familie, die ebenfalls erschrocken dasteht. Jetzt im Winter wurden viele Geschichten und Erinnerungen ausgetauscht. Das ganze vergangene Jahr wird nacherzählt, überdacht und aufgearbeitet. Und jetzt erinnert ein Traum Kimon an die Verletzung des Verbotes wieder. Er hatte noch immer sehr oft die Menschenfrau besucht, die die kranken Blätter im Visier hat. Denn er versteht noch immer nicht, weshalb sie so wenig tut, um die Bäume zu verarzten. Er schaute öfter vorbei, so ein- oder zweimal alle vier Wochen durchschnittlich, um zu sehen, wasMehltau-befallenes-Eichenblatt ihr denn so eingefallen ist oder ob sie sich noch sorgt. Oder hat sie inzwischen auch vergessen, was um sie herum passiert und sieht es einfach nicht mehr. Nach der Exkursion badete er im Teich des Vorwaldes bis er sicher war, alle baumkrankmachenden Wesen vernichtet zu haben, bevor er in den Wald zurückkehrte. Das sind Richtlinien, die der Wald alleine irgendwie vorgeschrieben hat. Jeder würde es richtig machen, wenn er auf das Rauschen seiner Stimme achtet. Da brauchen keine Verbote erteilt zu werden, denn Verbote bringen Schaden. Sie erheben sich über die Köpfe der Lebewesen und verletzten alle gegeneinander. Miemes Worte kreisen sich streng und böse vor Kimon in der Luft und machen ihn krank. Mieme sitzt jetzt nahe bei Kimon, sieht die bösen Worte über ihn kreisen, die lange Zeit in ihm verharrten. Jetzt bittet sie Kimon um Verzeihung: „Wie unkontrolliert und dumm ich gewesen bin. Mich hat etwas anderes beherrscht. Es war die Angst wegen irgendetwas. Es ist etwas anders seit des vergangenem Herbstes. Verzeihung, lieber Sohn. Ich muss dir etwas erklären. Aber ich spüre immer so eine Enge in mir. Immer, wenn es um die Menschen geht. Wir erzählen in letzter Zeit so viel über sie. Ihre Eigenarten verwirren mich. Wir wollen sie plötzlich verstehen und ich verstehe nicht warum. Warum lassen wir sie nicht in Ruhe? Wann verstehen wir alle, was wir da machen? Verzeihst du mir, Kimon?“

Kimon antwortet nur zögernd und fragt danach: „Aber jetzt kannst du mir auch verraten, was du immer bei den Menschen gemacht hast, wenn du so besorgt bist.“ Sie überlegt: „Wir hätten zusammen gehen sollen, Kimon. Ich habe für die Frau, die traurig Blätter anschaut, Unterlagen besorgt, indem steht, was für die Bäume nötig ist, damit sie wieder gesunden können. Sie staunte über das Papier, als sie in ihren vielen Papieren, die sie schon kannte immer wieder die verteilten Papierblätter von mir fand. Überall fand sie Papierblätter: auf Tischen, unter Tischen, zwischen Bücher versteckt und zum Schluss suchte sie sogar unter ihren Teppichboden, ob dort noch ein Papierblatt zu finden ist. Sie las immer wieder, wie man welche Bäume und Blätter gesund bekommen könne und fragte sich, woher dieses Papier kommt. Ich hatte es ja von einem Professor gestohlen, wie Menschen so sagen. Denn der Professor brauchte es nicht mehr.“

Mieme ist vorher also bei einem Professor gewesen? Sie erzählt weiter: „Ich habe in einem Dorf einen Professor gefunden, der wohl der liebevollste Professor von allen anderen Professoren gewesen ist. Ich zeigte mich dem Professor, deswegen wollte ich dich nicht mitnehmen, obwohl ich jetzt meine, unsinnig gehandelt zu haben. Der Professor wohnt in einem großen Haus. Eingerichtet ist es gut und sauber. Überall stehen dort Holzmöbelstücke, verziert aus totem Holz. Hin und wieder haben wir das ja auch, nur nicht so reichhaltig oder überflüssig viel. Er sagte mir, nachdem er mich lange anstaunte, er wisse von den kranken Bäumen überall in der Stadt. Diese Krankheiten haben sich überall, nicht nur in Braunschweig, sehr schnell ausgebreitet. Das passiert, weil die Bäume nicht genug widerstandsfähig sind. Doch ich fragte, weswegen sie widerstandsunfähig sind. Dann schüttelte er seinen Kopf und stöhnte. Er sagte, er könne nicht so viele Fragen beantworten als ich nur eine Frage fragte. Also blieb ich für die Antwort einer Frage sitzen. Er vergaß mich.

Dann sah er mich wieder und erinnerte sich an meine Frage. Er setzte sich und stöhnte. Dann meinte er, es gäbe so viele Bäume wie früher nicht mehr, aber sehr viel mehr Autoverkehr, viel mehr Feinstaub in der Luft durch viele Maschinen. Die immer weniger werdenden Bäume können das nicht allein verkraften. Die Menschen image005und die Regierungen seien immer rücksichtsloser mit der Natur geworden. Pestizide benutzen sie immer mehr, obwohl sie längst gelernt haben wie schädlich und krankmachend das ist. Sie streuen auch im Winter wieder mehr Salz, Sogar mit Laugenzusatz und wissen, dass unsere Umwelt damit total zerstört wird. Das braucht nicht mehr viel Zeit. Alles interessiert sie nicht mehr, obwohl das auch an ihre eigene Gesundheit geht oder schon gegangen ist. All diese Gifte vertragen die wenigen Bäume nicht mehr. Sind erst alle weg, fehlt uns der Sauerstoff zum Atmen. Viele Gifte werden hier nach außen getragen, obwohl vieles nicht einmal nötig sei. Der Klimagipfel in Kopenhagen wäre überhaupt nicht gut verlaufen, die schräge Politik mit ganz anderen Interessen hätte sich da durchsetzen können. Es wären total schlechte Zeiten für einen Baum, sagte er. Dann überlegte er weiter und setzte hinzu: aber nicht nur für einen Baum.  Ich sah ihn an. Er grämte sich. Was in der Stadt passiert, das will er nicht. Ich fragte keine Frage mehr. Die Antwort war ein bisschen zu lang.

Doch er antwortete nach einer Pause weiter. Er hätte sich im Institut schon einmal für die Bäume eingesetzt, da wurde ihm gesagt, er solle sich da raushalten. Das wäre überhaupt nicht sein Fachgebiet. Das solle er anderen überlassen, die mehr Kenntnisse darüber haben. Dann zeigte er mir empört selbstgepflückte Blätter kranker Bäume. Die hatte er am 1. September vergangenem Herbstes gepflückt. Er beschwerte sich über sein Institut und über die Stadtregierung. Er sei Professor für ein anderes Gebiet und solle sich raushalten, wenn er kranke Bäume sieht! Jeder Mensch könne erkennen, dass diese Bäume oder Blätter krank sind. Die anderen Menschen, die nicht studiert haben, sollen sich da erst recht heraushalten. Jede Meinung, die nicht die Wirtschaft vertrete, würde ignoriert werden. Und diese Wirtschaftsleute seien so mächtig groß und stark geworden, viel zu groß jeder einzelne Konzern. Sie würden sich nicht die Butter vom Brot wegnehmen lassen und immer aggressiver ihre Strategien nach ihrer Interessenslage fortsetzen. Dann machte er wieder eine Pause, während ich noch arbeiten musste, damit ich mir das merken und verstehen konnte.

Dann fing er an von Ursachen zu berichten, die Ursachen der krank gewordenen Blätter will keiner erforschen.“ Mieme macht eine Pause. Aber während sie erzählt hatte, sind alle vier Elfen in der Mitte ihrer Behausung zusammengerückt. Jetzt sitzen alle ganz still und machen ebenfalls eine Pause, eine lange Pause. Sie haben Zeit und nicht viel Arbeit. Es ist ja Winter. Auch Dunkerhardt, der Maulwurf, der durch sein Fenster zu ihnen hereinschaut, macht jetzt eine Pause und schnarcht ein wenig. „Obwohl ich nur eine Frage stellte, antwortete er immer noch mehr. Ich wünsche mir jetzt, dass wir zusammen in der Kreismitte unsere Hände berühren, uns anschauen und uns immer fester halten. Ich wünsche, dass ihr mir verzeiht und möchte, dass wir dann was essen, bevor ich weiter über die Antworten des Professors berichte. Auch unser Gast am Fenster gegenüber bekommt etwas Leckeres zu essen.“

„Ich werde zusammen mit Tunga in die Vorratskammer gehen und allen etwas Leckeres zu essen holen. Ich bin nicht mehr gekränkt. Ich glaube, das Verbot ist von uns gelaufen. Tunga und Kimon holen die Stärkung für alle. Mieme und Guston sind ganz still. Desto stiller es wird, vernehmen sie aus weiter Ferne etwas. Ein fremdes Geräusch, zumindest im tiefschlafenden Wald unter einer Schneedecke von fünfzig oder sechzig Zentimeter ungewöhnlich. „Hoffentlich hat sich das herausgelaufene Verbot auch aufgelöst und richtet draußen nicht irgendeinen Schaden an. Ich glaube immer noch seine Geräusche zu hören“, meint Guston. Nach einer Weile Wartens bemerkt er dann noch einmal: „Es jammert wirklich lange, diese Verbot.“
(© Ilona Meschke 2010)


15

was passiert
im Querumer Wald?

Ich weiß nicht genau, wer an diesem Tag oder dieser Nacht von den Menschen alle Fieberträume beziehungsweise Magenschmerzen wie Kimon hatte. Ich kenne aber diesen Abend des achten Januars noch. Zur selben Nacht als Mieme noch lange über die Begegnung mit dem Professor erzählt, sitzen wir in einen gemieteten Raum ziemlich am Rande der Stadt. Achtzig Menschen schauen sich dort einen Film an. Sie diskutieren über diesen Film, denn das Thema war der Verkauf von Braunschweigs Tafelsilber. Sind Privatisierungen nicht doch eine Bevölkerungsenteignung und was geschah alles mit dem Schlosspark in Braunschweig, nachdem dort ein schöner Park mit zweihundertjährigen Bäumen vernichtet wurde und ein Kaufhaus mit angeblich alten Schlossarkaden gebaut war?

Wir diskutieren darüber, während ein Moderator seine Handynachricht las. Danach benimmt er sich still und benommen. Es sieht nach einer Todesnachricht aus, die er gerade bekommen hat. Doch dann sagt er: „Wer es noch nicht weiß. Ich muss euch allen bekanntgeben. Heute ist eine Harvester in die Mitte des Querumer Waldes gedrungen und die ersten Bäume wurden gesägt oder niedergeknickt.“ Er bricht die Moderation ab. Keiner und keine sagt mehr ein Wort, - niedergedrückt, die Stimmung.

Wieder kommt ein Anruf. Der Moderator unterhält sich mit einem vor Ort. Es sei nur eine Maschine gesehen worden, eine alleine, die einen Wald schnell niederschaffen könne. Die Menschen vor Ort versuchten diese Maschine zu stoppen. Sie forderten die Arbeiter auf, den Wald zu verlassen. Das war eine Nebelaktion als der Schnee am höchsten war und von den Lobbyisten gesagt wurde, vor dem fünfzehnten Januar würde nichts passieren. So wollten sie wohl heimlich Tatsachen schaffen und der Bevölkerung ein Stoppelfeld hinterlassen, im Jahre zweitausendzehn. Dabei schickten sie doch noch Biologen heraus, um zu erkunden, welche Bäume nicht gefällt werden sollten, um Waldtiere zu schützen. Unter solch einer Schneedecke ist natürlich kein einziges Tier zu finden. Alles eine Lüge der Regierenden im Rathaus für Medienpropaganda?

Aber auch, wenn sie Tiere wirklich schützen wollten, wo ist der neue Lebensraum für sie? Nach einer stillen fassungslosen Minute wird uns diese Maschine, Harvester, beschrieben. In Sekundenschnelle säge sie einen etwa zwanzig- oder dreißigjährigen Baum von unten ab. Bäume bis so ungefähr dreißig oder fünfzig Zentimeter kann diese Maschine Bäume von unten absägen und im Nu greifen. Mit einer viertel Umdrehung liegt der Baum dann waagerecht in der Luft und wird von der Harvester, Erntemaschine, immer noch festgehalten. In dieser Greifhaltung schiebt die Maschine den Stamm von links nach rechts und entästet ihn. Nach dieser Prozedur sägt sie den Stamm in Portionsstücke von Zirka einem Meter und Zwanzig. So zerstückelt liegen die Teile dann im tiefen Schnee. Der Baum ist nach einer kurzen Minute nicht mehr zu erkennen. Welch ein erschreckendes, unfaires, perverses Bild stellen wir uns alle vor, alle die sich lange dagegen wehrten. Die Menschen vor Ort standen  da, konnten sich nicht wehren, schauten zu und schimpften. Wie wertlos ist doch Leben? Wie wertlos machen Lebende Leben? Sei es der Baum, der so achtlos schnell von einer Maschine zerstückelt wird oder die „wertlose“ Bevölkerung, die bei der sinnlosen Vernichtung ihres Waldes zuschauen darf und jetzt wieder einmal klarsieht: Sie sind und bleiben rechtlos, wenn Einflussreichere ihre Machenschaften durchsetzen wollen.Wie vor hundert Jahren?

Wir brechen die Veranstaltung ab. Die meisten der Menschen, die mit der neuesten Nachricht jetzt konfrontiert waren, sind still. Es gibt welche, die weinen, die empören sich und schimpfen. Wenige sind auch dadurch richtig aggressiv geworden.

Und die Waldelfen sitzen weiter in ihrem Winterquartier. „Der Professor sprach von Ursachen, die die Menschen nicht weiter verfolgen wollten oder nicht dürften“, erinnert sich Mieme weiter und erzählt es Guston in dieser Nacht „da sei zum Beispiel von einer Motte die Rede gewesen, die sich überall ganz schnell verbreitet haben soll und es wird von einer Epidemie geredet. Eine Epidemie sei ganz normal. Die hat es zu allen Zeiten gegeben, wird den Menschen gesagt. So sollen die Menschen das hinnehmen und der Professor findet das verkehrt. Er ist der Ansicht, dass jede Epidemie anders ist und immer auch ganz bestimmte Ursachen hat, egal zu welcher Zeit sie in das normale Lebensumfeld eingedrungen sei. Meistens hat es etwas mit der Lebensweise der Menschen zu tun, die für Ungleichgewicht in der Natur sorgen. Die Ursachen könne man herausbekommen, wenn man die Wahrheit wissen möchte, sagte der Professor.“ Auch in der Behausung der Elfen wird viel und lange nachgedacht, besonders im Winter, besonders heute, bis sie wieder einschliefen und während des Schlafens den neuen Stoff verarbeiten. Nur Guston wacht auf. Ein merkwürdig wahr erscheinender Traum hat ihn geweckt. Er hört in sich gesunken dieses Leise Geräusch, obwohl es inzwischen still geworden ist. Er untersucht meditativ seine Umwelt hinter der Behausung ab, was war da. Das können Elfen manchmal. Plötzlich hört er viele Stimmen weinen. Er sitzt und horcht immer tiefer in sich und nach außen.
(© Ilona Meschke 2010)


16

der Professor
erzählte Mieme noch viel mehr

Mieme wacht wieder auf und berichtet weiter über die Aussagen des Professors: „Guston, der Professor sagte, er hätte die anderen Professoren gefragt, ob sie sich dem Problem der sterbenden Bäume annehmen wollen. Nach den wirklichen Ursachen dieser ganzen Krankheitserreger schauen. Die aber bekamen kein Geld für ihre Forschung. Dafür will keiner Geld ausgeben, weil das nicht innovativ ist, also man kann es nicht verkaufen wie Gifte, Herbizide oder Pestizide. Aus diesem Grunde bemühen sich manche Menschen immer umsonst, etwas für die Umwelt zu tun.“ Guston widmet sich immer mehr den Interessanten, wenn auch nicht schönen Informationen seiner Mieme zu: „Die Fachleute sollten sich also sehr bemüht haben, für die Gesundheit der Bäume forschen und helfen zu dürfen. Dann soll denen gesagt worden sein, dass es andere Aufträge für sie gäbe. Inzwischen sehen sie deswegen keine Probleme mehr. Und so sähen das die Menschen immer, wenn sie etwas nicht mehr dürfen. Wenn in der Hierarchie oben etwas nicht gewollt ist und anstrengend wird, etwas durchzubekommen. Sie sähen dann keine Probleme mehr.“ Guston antwortet: „Das schöpft Vertrauen. Aber eher so, dass keiner einen anderen mehr vertrauen kann.“ Mieme redet weiter: „Pilze, Bakterien-, Viren- oder Insektenbefälle haben immer einen Grund, der oft mit Menschen und ihrer Lebensweise zu tun haben. Wir wissen das. Aber in einem Forschungsinstitut der Menschen soll das untergraben werden. Es soll behauptet werden, eine Epidemie kommt immer mal vor. Das hätte es früher auch schon gegeben und nicht erst jetzt wegen der Umweltprobleme. Früher waren Epidemien auch oft Umwelteinflüsse durch zu starke Veränderungen in der Umwelt. Wir Elfen wissen das. Die Menschen sicherlich auch, doch sie dürfen das nicht wissen. Sie sollen ihrer Wirtschaft mit Nichtwissen Narrenfreiheit geben. Hört sich schrecklich an, nicht wahr? Guston, ich möchte kein Mensch sein!“ Guston fragt noch einmal nach: „Der Professor bemängelt und kritisiert das alles?“ Mieme antwortet: „Ja sicher, er schaut mit seinen lieben Augen betrügt drein, wenn er das alles sagt. Der Professor sagt, in Wirklichkeit glauben die Menschen Vieles auch nicht. Aber sie wollen mitunter auch glauben, damit sie nicht mit Schuld konfrontiert werden. Sie belügen sich selbst so, bis sie ihre eigenen Lügen glauben und keine Probleme mehr sehen. Sie sind sich selbst gar nicht mehr. Sie sind abhängig von den Regierenden, die sie selbst gewählt haben, nicht umgekehrt, dass die Regierenden für sie etwas Gutes tun. Die Regierung soll die Interessen der Menschen vertreten, deshalb wählen die Menschen andere Menschen in Regierungen, die sie vertreten sollen. Anschließend vertreten die Regierenden immer nur sich selbst. Verstehst du das alles, Guston. Viele, viele Jahre geht das so.“ Guston antwortet: „Um das alles zu verstehen, dafür brauche ich wohl noch eine Weile.“

Mieme erklärt weiter: „Die Regierenden sind oft mit der großen Wirtschaft so verbunden, Gesetze, die entstehen, sind nur noch Rechte der wenigen Menschen, die ihre Sitzplätze ganz oben in den Konzernen haben. Alle anderen haben immer weniger Rechte, erst recht, wenn diese Leben keine Menschen sind, sagt der Professor. Nichtmenschen haben bei den Menschen überhaupt keine Rechte. Und er hat auch noch gesagt. Manche Menschen sehen klar und befürworten das Ungerechte, weil sie glauben, irgendwann auch ganz oben zu stehen und Macht zu haben. Und das finden sie gut.“ Guston verzerrt sein Gesicht total: „Übel! - Das sie alle so verschieden sind und wiederherum nicht, habe ich schon gelesen. Schwierig, da durchzusteigen.“ Aber Mieme ist immer noch nicht fertig: „Der Professor sagt Menschen sind abhängig von ihrem Arbeitgeber. Sie würden niemals ihren Arbeitgeber kritisieren, egal, was der tut. Deswegen kann der Arbeitgeber alles machen, was er will, weil die meisten Menschen sich von ihm abhängig gemacht haben, anstatt authentisch und autonom zu sein.“ Guston hat eine Frage: „Aber Menschen haben doch gelernt. Sie gelten als kluge Wesen. Sie nennen sich doch selbst die intelligentesten Wesen der Erde. Wie mag sich ein intelligentester Erdbewohner fühlen, wenn er sich so benimmt?“ Mieme weiß da keine Antwort: „Der Professor sagt, die sind feige. Sie belügen sich selbst, aber nur, solange es ihnen gut geht, sagt der Professor. Deswegen nehmen sie das verkehrte Rollenspiel so in Kauf, anstatt es andersherum zu fordern und sich zu sagen, der Arbeitgeber und die Wirtschaft müssten für sie da sein, denn nur mit ihnen sind die Bedürfnisse der Erzeugnisse gedeckt. Der Arbeitgeber existiert in seiner Position nur, weil es sie gibt als Arbeitsleistende und als Nutzer der Produkte. Der Arbeitgeber ist der Diener, - nicht umgekehrt. Und wenn das nicht so bleibt und anders herum gehandhabt wird, solle die Welt der Menschen ziemlich gefährlich werden, so meint das der Professor.“

Mieme wurde langsam still und wieder müde. Da meldet sich Kimon aus der äußersten Ecke und ziemlich laut: „Das muss man doch dem Menschen alles Mal wieder verraten und erklären. Der hat das bestimmt vergessen, weil sie ihm keine Zeit gegeben haben wie den Schülern in der Schule.“ Guston schweigt. Dann sagt er seinem Sohn: „Kimon, großer Junge, lasse deinen Bruder und deine Mutter schlafen und wache mit mir. Höre auf jedes Geräusch, was du glaubst, wahrgenommen zu haben.“ Kimon ist bereit: „Ja, Vater. – Vater, ich träumte von aufgeschreckten Waldbewohnern. Sie weinten und bluteten.“
(© Ilona Meschke 2010)


17

das erste Mal
erscheint mir eine Waldelfin

Gleich neben mir wird Musik gehört. Ich sehe den langen Mann mit Kopfhörer in den Ohren links neben mir. Irgendwie kenne ich auch die Musik, die da zu hören ist. Bin ich nicht gerade heute Morgen von dieser Musik im Radio geweckt worden? Das ist das Stück von Unheil. Nein, von Unheilig: „Wir sind geboren, um zu leben. Weil jeder von uns spürte wie wertvoll Leben ist?“ Also tröstet sich mein Nachbar mit Schlagern? Wir sind doch ganz normale Leute.

Vor Kälte stecke ich meine Hände in die Jeanstasche. Ich fühle Körner, ach ja, die Sonnenblumenkerne vom letzten Herbst. Drei Stück sind zufällig in der Hosentasche geblieben und mit mir gekommen. Ich hole die drei Körner aus meiner Tasche und schaue sie an. Sie liegen in meiner zitterigen, kalten Hand und tanzen. Sie singen: „Wir sind geboren, um zu leben. Weil jeder von uns spüre wie wertvoll Leben ist?“ Jetzt weiß ich wieder ganz genau, warum ich hier in der Kälte stehe, im tiefsten Schnee.

Ich singe mit meinen Sonnenblumenkernen dieses Lied. Meine Vorstellungen werden schön dabei. In der Luft tanzen die Vögel nach unserer Melodie, auch Sommervögel, Zugvögel. Plötzlich kommen auch Siebenschläfer aus ihren Behausungen hervor. Sie tanzen und singen mit uns. Maulwürfe, Hamster, die Kreuzotter und die dicke Wühlmaus singen jetzt mit: „Wir sind geboren, um zu leben. Weil jeder von uns spürt wie wertvoll Leben ist?“

Vor mir eine grässliche Maschine. Die stelle ich mir nicht vor. Sie steht da. Eine, die ganz nah an mir heran gerückt ist. Ihre große metallende Greifzange ist direkt vor mir. Sie zeigt mir ihre gelenkigen Drehungen und Kunststücke, dieses Vieh. Jetzt öffnet sie sich und zeigt ihren Rachen. Sie ist dasselbe, was in früheren Zeiten die gefährlichen Drachen waren. Nur braucht sie keine sieben Köpfe mehr. Der Fahrer in der Maschine droht, ich hätte zu verschwinden. Ist er immer noch so geil darauf, weiter zu arbeiten? In einer halben Stunde spätestens müssen die Schluss machen. Soviel haben wir schon erreichen können.

Sie dürfen keine Überstunden oder Nachtstunden mehr einlegen. „Geht nach Hause! Geht nach Hause!“ So werden die Männer in den Maschinen von den Demonstranten aufgefordert.

Ich stehe mit meinen Sonnenblumen vor einer Maschine. Die Tiere tanzen um mich herum. Meine Vorstellungen sollen bleiben. Doch leider verschwinden sie allmählich. Ich singe immer noch: „Wir sind geboren, um zu leben. Weil jeder von uns spürte wie wertvoll Leben ist?“

Und plötzlich sehe ich keine Tiere mehr. Zu sehen ist nur noch der aufgewühlte und festgetretene Schnee. Darunter und darüber die Reste eines einst schönen zerstörten Waldstückes. Zwei Polizisten fordern mich auf, meinen Standort zu verlassen. Ich singe weiter mit meinen Sonnenblumen.„Vorsicht, meine Sonnenblumenkerne“, fordere ich einen Polizisten auf, der meinen Arm oder mich ganz heftig zur Seite drücken will. Ich gebe ihm zu verstehen, gehen zu wollen. Ich drehe mich um und will gehen. Mit dem einen Bein rutsche ich auf dem festgetretenen Schnee. Mit dem anderen Beim stolpere ich über Äste, die gerade noch ein ganzer Baum gewesen sind.

Ich bin gefallen, und wo sind meine Sonnenblumenkerne? Ich bleibe liegen und singe ein anderes Lied: „Reise, reise, Seemannsreise, jeder tut’s auf seine Weise.“
(Rammstein)

Als das Lied verlor sich. Ich liege immer noch auf Schnee und Geäst. Die Polizisten haben mich liegen lassen und sind einer anderen entfernteren Stelle tätig, um Demonstranten aus dem Wald zu jagen. Ich hebe mein Gesicht aus dem Schnee und schaue mir mein ruhiger gewordenes Umfeld an. Aber ich traue der Welt nicht mehr so ganz, denn vor mir steht, wenn ich es richtig deuten darf, eine Waldelfenfrau. Eine Weile schaue ich sie verdutzt an. Sie ließ das zu. Sie ist verletzt worden. Aus einer Kopfwunde rann das Blut herunter. „Du brauchst Hilfe!“ rufe ich. Doch sie sagt vom Schock wahrscheinlich noch nicht ganz erholt: „Ja, hilf uns. Höre nie auf, diesen Wald zu schützen. Rette immer das, was noch steht!“

Du brauchst Hilfe! Du brauchst Hilfe!“ rufe ich jetzt erst voller Entsetzen und suche nach der Waldelfin, die ich nicht mehr finden kann. „Nein, das ist schon o.k. nur ‚ne kleine Kratzwunde am Arm. Das gibt sich wieder!“ ruft mir eine Demonstrantin entgegen. Doch die meine ich gar nicht. Ich frage sie und andere: „Hilfe, habt ihr das gerade gesehen. Wir müssen etwas unternehmen.“  „Wir haben alles gesehen, dokumentiert und fotografiert. Steh‘ auf! Oder bist du verletzt?“ Das sagte gerade ein anderer Demonstrant. Ich stehe auf und suche und wünsche mir, die Waldelfin wieder zu sehen. „Deine Sonnenblumenkörner wirst du jetzt nicht mehr wiederfinden“, sagt ein anderer Protestler. Und ich bin mir nicht mehr sicher, ob alles erlebte Realität oder Phantasie gewesen ist.
(© Ilona Meschke 2010)


18

haltet die Maschinen an
die noch nicht geborenen Kinder danken euch dafür

Wer irgendwie und irgendwann Zeit hat, ist im Querumer Wald, um die Zerstörung aufzuhalten. Mitunter waren dreihundert an der Zahl. Sie hielten die Maschinen an, auch vor Fernsehsenders oder Presse. Ein bis zwei Stunden sind die Abholzarbeiten schon täglich verzögert worden. Die Bauherren, deren Arbeiter und auch die Polizei sind nicht in der Lage gewesen zwischen Baustelle, Baumfällungen oder Rodungen zu unterscheiden und die gesetzlichen Vorkehrungen dafür einzuhalten. Von der Protestseite sind viele Strafanzeigen eingegangen. Auch die Polizei hat Ordnungswidrigkeiten angezeigt.

Strafanzeigen wegen eindringen einer Baustelle beispielsweise. Da wir aber kaum hinter eine Absperrung gehen konnten, da durch ein Trennband gar nicht ersichtlich war, ob rechts oder links vom einem Trennband gestanden wird, werden diese Ordnungswidrigkeiten sicher noch eingestellt werden. Und der Tierschutzpropaganda seitens der Stadt und des Umweltamtes hat sich inzwischen auch als reine Lüge einen ganz anderen Weg geschaffen. Auch die vorher von den Biologen gekennzeichneten Bäume werden noch radikal vernichtet. Später wird die Bevölkerung in der Zeitung erfahren, angeblich hätte es auf einer Riesenfläche von achtzehntausend Bäumen keine einzigen Tiere gegeben. Vielleicht haben sie deshalb im tiefsten Schnee angefangen, um keine Tiere zu finden. Und weil auch deswegen Strafanzeigen herausgegangen sind, wird bald gesagt, diese Bäume sind schließlich abgeklopft worden. Da war kein Tier. Vielleicht werden sogar Zeitungsleser bald meinen, von der Presse verschaukelt zu werden. Denn ein wenig persönlichen Respektwunsch wird auch ein Zeitungsleser besitzen. Strafbar machen sich Bauherren, die keinen Bauzaun aufstellen, die bei Rodungen keine Schilder mit abgesperrten Hindernissen aufstellen. Strafbar machen sich Menschen, die in der Vegetationszeit Rodungen durchführen. Sicher wird man aber einen Weg finden, diese Leute zu schützen.

Wie einem Arbeiter zumute ist, der ständig die Menschen ertragen muss, die sich gegen seine Aufgaben wehren, weiß ich nicht. Doch merke ich immer wieder, dass die sich vehement Mühe geben, zu glauben, sie wären auf der richtigen Seite. Ich bin jetzt zu Hause, gehe hoch in meine Mansarde. Dort habe ich ein kleines Atelier eingerichtet. Um vor Traurigkeit und Verzweiflung nicht unter zu gehen, reagiere ich mich mit Zeichnen ab. Ich male Waldelfen im Wald.

Hinter mir am Kaminholz knackt es manchmal. Ich achte es nicht. Ich vertiefe mich in meine Zeichnung. „Sag bloß nicht, dass du mich da malst. Sag bloß nicht, ich bin das da!“ Ich drehe mich um und staune. Die Waldelfenfrau sitzt locker auf meinem Kaminholz und schaut vielleicht schon die ganze Zeit zu wie ich male. „Nein, nein, das ist eine Waldelfe aus dem Oderwald“, sage ich schnell, höre auf zu zeichnen und setze mich auf einen kleinen Teppichläufer mit dem Rücken zur Wand. Sie sitzt jetzt gut verarztet auf meinem Holz, doch in tiefster Trauer. Ich merke ihr das an. Wir schauen uns beide neugierig an. Ich platze heraus: „Ich schäme mich vor dir, ein Mensch zu sein.“ Plötzlich sagt sie mir: „Dann schäme dich nur weiter. Wer damit anfängt, hängt richtig tief in der Falle und wird sich nicht mehr frei bewegen können. Wenn ihr gelernt habt, so mit euch umzugehen, können wir euch nicht als Hilfe gebrauchen.“ Ich stutze überrascht, umgehe ihre Meinung und frage sie: „Wer ist denn ‚Wir‘? Gibt es noch mehr Waldelfen hier?“ Auch sie hat meine Frage so jetzt nicht erwartet, das sehe ich ihr an. Sie antwortet mir aber nicht. „Ich freue mich, dich hier bei mir zu sehen, obwohl der Anlass sehr traurig ist.“ Ich mache eine Pause. Habe ich das Richtige gesagt? „Ich würde dich gerne einladen, hier bei mir zu wohnen. Du kannst mir sagen, was du brauchst. Ich besorge das alles“, versuche ich zu erklären. Plötzlich klettert etwas am Holz hoch und vielleicht noch etwas. Ich sehe einen kleinen Waldelfen, der gerade noch so sagen kann: „Wir wohnen schon hier. Wir haben gar nicht gefragt. Wir holen uns immer selbst, was wir brauchen.“ Und schon ist der Knirps verschwunden. Doch nicht freiwillig. Er ist von irgendwem heruntergezogen worden. Ein anderer Knirps kletterte hoch und zeigte sich: „Mein kleiner Bruder ist noch viel zu voreilig. Ich heiße Kimon!“ „Hallo, Kimon“, grüße ich und lachte gleich, denn er wurde jetzt von seinem Bruder wieder heruntergezogen.
(© Ilona Meschke 2010)

Wie wird es weitergehen?
Was passiert Weihnachten?
schützt euren Wald!

Gebt der Geschichte ein Happy-End
danke


Freie Gruppe

Buch und Kunstwerkstatt in Braunschweig
… es knistert …
… oder brennt es schon? …


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Kommentar


Informationen über den Querumer Wald
und die Hintergründe der Waldvernichtung unter:

www.flughafen-braunschweig.info
www.braunschweig-online.com
www.querumer-forst.de
www.waggum-online.de
www.waggum.de