am achtundzwanzigsten Novembertag irgendwann
Ich organisiere ein neues friedliches zu Hause.
Anfangs gab es privat nur eine feindliche Familie, die des Vaters, die auf Simon und mich einwirken sollte. Das zog wahrscheinlich viele an, die meinten, ihren Nutzen daraus ziehen zu können.


Immer mehr Bomben musste ich von allen Seiten abwehren. Ich brauchte sozialen Rückhalt. Wieder sollte Gregor helfen.
Unser Umfeld zeigt
immer mehr Feindschaft

Ungefähr ein halbes Jahr war Simon jetzt im Kinderheim. Ich kämpfte hart und gewann so wenig. Mein erstandenes Sorgerecht fühlte sich so unsicher in meinen Händen an. Es war voller Sanktionen und nur vorläufig bis zur Hauptverhandlung in meiner Hand. Die Situation nutzte Henry aus, wo er konnte. Er kritisierte vor Simon, ich wäre eh nicht in der Lage, das Sorgerecht zu bekommen. Warum kritisiert der Kerl sich nicht selbst? Simon beschimpfte mich weiter, ich wäre überhaupt schuldig, dass er in die Klapse kam. Auch für diese Beschuldigungen sorgte sein Vater. Sie sind falsch, aber leider, sie wirkten auf Simon. Immer nachdem Simon seinen Vater besucht hatte, redete er kein Wort mehr mit mir.

Die anschließenden Gespräche mit Simon, kosteten mir danach verdammt viel Mühe. Immer, wenn ich nach einem Gespräch glaubte, wir sind uns einig geworden, gab es irgendwann später wieder einen Moment, an dem mich Simon von neuem beschuldigte. Er glaubte jetzt sogar, ich würde mit dem Jugendamt unter einer Decke stecken. Der ganze Schwachsinn kam von seinem Vater.

Verzweifelt klagte ich Gregor mein Leid und bat ihn, mit Simon und mir einen Ausflug zu machen. Ein Ausflug zusammen war längs geplant. Doch jetzt mit einem bestimmten Ziel und Gregor bekäme das gesamte Benzingeld und ein reichhaltiges Picknick dazu. Nur bat ich ihm, den Ausflug in Richtung Kinderheim nach C zu verlegen und Simon mitzunehmen. Ich bat ihn außerdem, mit Simon ein paar Worte zu wechseln, so das Wichtigste, was er über die gesamte Geschichte wusste. Warum wirkte Gregor nur so anziehend auf Simon? Warum hatte er nur diesen Einfluss? Alles hat Gregor. Er könnte mir stets sofort helfen. Aber hilfsbereit war er nicht. Auch diesmal verweigerte er seine Hilfe, warum nur? Gregor wusste aber, dass unsere Freundschaft deswegen schon längst zu bröckeln begann. Deswegen ließ er sich wohl doch noch überreden, auf meine Bitte einzugehen.

Wir fuhren unter bewölkten Himmel ins Kinderheim nach C. Verletzt stand ich im Flur des Kinderheimes, als mein Sohn Gregor stürmisch begrüßte und mich nicht sehen wollte. Wieso hat Gregor so einen gemeinen Einfluss? Denn Freiwillig kam er nicht. Simon wusste nicht, dass ich es war, der Gregor meistens für Besuche überreden musste. „Willst Du nicht mal Deine Mutter begrüßen, Simon“, sagte die Betreuerin noch als wir ankamen. Doch auch das hörte Simon nicht. Wir fuhren dann ins Grüne an plätschernden Bächen vorbei und Simon saß vorne als Beifahrer und quatschte mit Gregor. Viele Dinge lassen sich nicht erklären. Genauso wenig wie diese stehen gebliebene Eichenholzzeitmaschine oder das graue kalte Wetter draußen. Ich setze mich vor den Kamin.

Simon sah während des ganzen Ausfluges nur Gregor an, sprang ihm in die Arme und beide machten Witze und hatten ihren Spaß. Wir setzten uns auf eine Wiese. Ich mit einem Korb und verteilte Kartoffelsalat, Schnitzel, Obst, Schokolade und Kuchen. Alle aßen. Wir aßen alle drei, wobei die beiden sich amüsierten. Kalt wurde ich sitzen gelassen. Es schmerzte mir ein schwarzes Loch ins Herz und dehnte sich aus. Vielleicht wird Gregor mal ein gutes Wort für mich einlegen? Aber nichts kam. Ich durfte weiter das Essen verteilen. Gregor meinte danach, er wolle jetzt mal alleine sein und spazierte einen kleinen Bach entlang. Damit meinte er, sein Nötigstes getan zu haben.

Ich nutzte die Gelegenheit, um Kontakt zu Simon zu bekommen, doch Simon blieb kalt und eisern. Ich hatte die Bänder und mein Diktiergerät mitgenommen und bat Simon, mal durchzuhören, was ich alles anstellte, um ihm zu helfen. Er konnte hören, wie ich von Stampfstein behandelt wurde. Dann erzählte ich mehr über meine Bemühungen und meine endlose Raserei. Alles, um zu helfen. Simon hörte und blieb kalt. Gregor kam zurück. Er legte kein Wort für mich ein bis zum Abend.

Wir spazierten noch einmal durch die Stadt. Dann brachten wir Simon wieder ins Heim. Simon verabschiedete sich von Gregor im spielerischem Kampf und spaßigem Gerede. Dann ging er in sein Zimmer und ließ mich stehen. Gregor und ich, wir fuhren nach Hause zurück, wo mich Gregor vor meiner Tür absetzte. Ich gab ihm das Benzingeld, ansonsten ließ ich ihn stehen und verabschiedete mich nicht mehr von ihm.

Die Lage zwischen mir und Simon besserte sich allmählich wieder. Der Kontakt wurde besser. Die Hintergründe dafür kenne ich nicht. Es rappelt und quickt in der Ecke, wo die Eichenholzzeitmaschine steht. Plötzlich läuft die Eichenholzzeitmaschine weiter. Ich stelle sie ab. Draußen ist es dunkel geworden. Außerdem ist es kalt. Wir haben inzwischen das erste Mal Minusgrade in diesem angehenden Winter. Ich hole mir ein ausgeliehenes Buch, setze mich wieder vor den Kamin und lese.

‚Die islamische Frau ist anders, Vorurteile und Realitäten’ von Farideh Akashe-Böhme, einer Iranerin, die im Kampf der Kulturen aufklären will. Mit dem Ziel, Frieden zu schaffen. Sie stellt zwei sehr streitsüchtige Kulturen gegenüber, die sich gar nicht so sehr voneinander unterscheiden. Außer dass unsere Welt hier wirtschaftlich geprägt ist und rasend schnell auf immer neue Hochleistung gequält ist.

Ich lese dieses Buch bei Kerzenschein und diskutiere mit dem Feuer. Am Ende des Buches wirft Farideh ihrer eigenen Bevölkerung einen Familismus vor. Ja, das war es! Familismus? Familistisch! Familistisch wie rassistisch oder fundamentalistisch! Wer weiß nicht, was das heißt? Ich weiß es. Ich höre das Wort zum ersten Mal und kenne die Bedeutung sofort. Genau, das ist es! Faridehs Welt kennt diesen Begriff. Sie wissen, sie sind so oder können so werden. In unserer Welt kommt dieser Begriff gar nicht vor. Er wird bei uns nicht verraten. Also sind wir nicht so? Wir werden niemanden verurteilen können, der familistisch ist. Und seien die Folgen noch so schwer und verbrecherisch. Wir erkennen nicht, was familistisch ist, denn wir haben diesen Begriff nicht. Wir befassen uns nicht damit. Mit dieser Nichtdefinition sind wir angeblich sozialer. Darauf bin ich reingefallen. Denn ich hatte mit Familismus zu tun.

Es ist schon spät geworden, dennoch schalte ich die Eichenholzzeitmaschine wieder ein. Sie läuft weiter.


Dem Behördenapparat noch nicht entkommen,
musste ich uns jetzt
vor den Großfamilien schützen
Simon darf jetzt oft nach Hause
- doch die Sache mit Pitt
wird deutlich problematischer

Die Eichenholzzeitmaschine läuft. Sie zeigt mir jetzt Pitt von damals. Simons älterer Freund war ein viel größeres Problem als bisher geschildert wurde. Pitt, ein Teil der Gesellschaft, in der sich Simon ebenfalls befand, bevor er massive Probleme bekam.

Die älteren Kinder, die Simon unter Druck setzen wollten, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen, sind ein Teil dessen, was Simons Schicksal bestimmte, nicht nur Henrys Einfluss. Jugendliche, deren Eltern es nicht in den Sinn kommt, sich gegenüber allen sozial zu verhalten und die Verhaltensweisen ihrer Kinder danach zu kontrollieren, sondern die eigenen Vorteile durchgehen lassen und seien sie noch so unsozial anderen gegenüber, prägen unsere Gesellschaft. Privatpersonen prägen die Gesellschaft. Sie prägen unsere Institutionen, unsere Einrichtungen, unsere Psychiatrien und unsere Jugendämter.

Ich sehe in die Eichenholzzeitmaschine. Es ist Karfreitag. Ich sitze vor dem Computer. Ich arbeite an einer großen Datenbank, denn sie muss auf den neusten Stand aufgebessert werden. Sie kommt aus einem Architektenbüro, in dem ich zurzeit befristet beschäftigt bin. Die Überstunden mache ich jetzt zu Hause. Ich stelle jetzt ein Jahr zurück und suche den Karfreitag im letzten Jahr. Da war der Karfreitag, der ganze einundzwanzig Tage früher im Kalender stand als der letzte? Nicht möglich. Nie ist mir solch ein großer Unterschied zwischen den Karfreitagen aufgefallen. Aber egal. Ich schaue mir jetzt den Karfreitag an, indem Simon hier im Auto sitzt. Wir sind auf dem Weg vom Heim nach Hause. Es ist sehr schönes Wetter. Zu Hause soll es Spargel und panierten Fisch geben. Ein paar Freunde sind eingeladen und werden bald kommen. Die Familie von Pitt sitzt draußen in ihrem Garten, der an unseren Garten grenzt und vor unserem Wohnhaus liegt. Zu Hause angekommen hält sich Simon auf dem Hof zwischen Garten und Wohnung mit einigen gleichaltrigen Jungen auf. Alle drei vermissen nichts und niemanden. Sie spielen Fußball.

Auch der jüngere Bruder von Pitt ist dabei. Vielleicht erfuhr Pitt durch seinen Bruder ganz schnell, dass Simon wieder zu Hause ist. Für mich hört in diesem Moment die Ruhe auf. Ich beobachte, Simon gerät in eine sehr verhaltene Disposition, wenn Pitt oder Jessica sich nähern, sich Unbemerkt dazwischen mischen. Sie spielen erst mit, lösen dann aber die spielende Gruppe während ihres Mitmachens auf. Die Gruppen wird von ihrem Spiel wegen anderer Interessen abgelenkt.

Pitt versucht jetzt Simon von den anderen weg in sein Zimmer zu locken. Erst draußen neben der Gruppe. Dann drinnen vom Fenster aus. Er ruft ständig heraus, was er dort für Filme oder Musik hat. Simon bleibt unten in hilfloser Haltung, denn er weiß, er wird nicht mehr in Ruhe gelassen. Pitt bleibt penetrant. Simon bleibt unten bei Mobbi stehen. Der dritte Junge, der zuvor zur Gruppe gehörte, hat sich bereits verdrückt. Simon und Pitts Bruder sitzen jetzt neben Pitts Eltern im Garten. Die Eltern hatten allerding wie ich auch, mitbekommen, dass die älteren Zwei die jüngere Gruppe gestört und aufgelöst hatte. Während Pitt immer aus dem Fenster seines Zimmers grollt und Simon dabei zu unterhalten versucht. Sitzen beide Eltern weiter im Garten und fordern Simon auf, doch zu Pitt zu gehen. Kaum zu glauben? Sie sehen doch, Simon will gar nicht. Ihr anderer Sohn, der echte Freund von Simon beobachtet Pitt und seine Eltern. Dann entfernt er sich, als müsse das jetzt so sein. Er entfernt sich von Simon, obwohl sich beide zusammen neben die Eltern setzten. Simon sitzt alleine neben Pitts und Mobbis Eltern. Ich wünsche mir, Simon würde sich jetzt auch von ganz alleine entfernen. Vielleicht zu mir herüber kommen.

Doch Simon bleibt wie angewurzelt eine Weile verloren sitzen, wo er ist. Jedenfalls so eine Minute lang oder zwei. Jetzt dreht Pitt seine Musikanlage auf, um Simon vielleicht auch der ganzen Straße seine neuesten Stücke vorzustellen, eine Musik, die Simon gar nicht interessiert. Die Straße mit Musik gefüllt. Die gesamte Straße, - Karfreitag. Simon macht nicht den Eindruck, als interessiere er sich für Pitts Musik. Ein peinliches Gefühlt breitet sich in mir aus, während ich beobachten musste wie Pitts Eltern, die mich nicht sehen, ebenfalls und immer noch penetrant auf Simon einreden, zu Pitt zu gehen, anstatt dafür zu sorgen, dass der mal wieder leiser stellt. Sie reden auf den vierzehnjährigen unter Medikamenten stehenden Simon noch immer ein, er solle doch hochgehen zu seinem Freund, seinem angeblichen Freund. Ich koche noch keinen Spargel. Ich stehe vor dem Fenster und koche vor Wut. Ich glaube nicht, dass Simon jetzt zu Pitt hochgegangen ist. Aber ich weiß das nicht. Er hat sich entfernt.

Ich weiß es nicht anders. Ich gehe geradewegs zu Pitts Eltern, stehe vor den Sitzenden und weise sie darauf hin, dass ich soeben ihre penetrante Überredung am Küchenfenster beobachten konnte. Ich weise sie daraufhin, dass ich das nicht noch einmal sehen und hören möchte. Ich bitte sie darum, Simon die wenigen Tage, die er hier zu Hause ist, in Ruhe zu lassen. Ich bemerke eine lockere coole verständnislose Haltung bei Pitts Vater.

Viel dummdreiste Eigenschaften habe ich von denen schon mitbekommen. Meistens verstehen sie dann nicht, warum andere es anders wollen. Sie scheinen wenig zu verstehen? Nein, sie verstehen eine Menge. Sie setzen ihre Interessen durch, die ich nicht kenne. Auch sie gaben sich als Freunde von Simon aus, taten aber nicht für ihn als er in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in K war. Sie gaben nur an, mit zu helfen und beizustehen. Sie hielten nicht eine  Versprechung ein.  Es gibt eine sinnvolle Struktur innerhalb der Familie. Der Älteste befasst sich stets mit Kindern im Alter des jüngeren Bruders. Die jüngeren Geschwister von Pitt gewannen durch Pitt, der überall Größte ist, Sicherheit. Ihnen tat es gut. Dafür führt Pitt die jüngeren Geschwister auch. Sein Bruder gab Simon an Pitt ab, ohne mit der Wimper zu zucken, als Pitt das plante.

Leider gewöhnte sich Simon an Pitt später manchmal, was mir sehr ungelegen kam. Denn Simon hatte genug versäumt und ich alle Hände voll zu tun, mit Simon versäumte Lebenszeit aufzuholen. Ich musste Simon auch stark genug gegen Pitt und seine Familie machen. Gespräche und Training, damit Simon sich angemessen verhält, werde ich nach langem Zeitverlust mit Simon selbst nachholen müssen. Vieles wird er nicht allein geschaffen. Pitts Eltern verkehren übrigens immer noch mit Toni und seiner Familie im Nachbargarten, weit hinten heraus. Und Toni verkehrt mit Simons Vater, denn der gibt ihm Arbeit. Ich muss aufpassen. Es ist eine ganze Horde gegen eine allein stehende Mutter mit einem vielleicht inzwischen gerade einen pubertären Jungen. Zurzeit ist Pitt ein ähnlicher Faktor wie Henry für Simon. Mit Familismus ohne Grenzen.

Henry ist zwar ebenfalls im Garten bei Toni hin und wieder zu finden. Aber sie arbeiten wohl doch nicht wirklich zusammen gegen uns. Henry schwärzt ja sogar alle Kinder und Jugendliche auf unserer Straße vor dem Jugendamt an. Sie würden nichts taugen und Simon würde durch sie in die falschen Bahnen geleitet, soll er vor Gundalf oder Baumgart gesagt haben. Da musste ich ebenfalls aufpassen und vor dem Jugendamt erklären, dass alles nicht so dramatisch war, sondern nur dramatisch dargestellt wurde.

Ich schaue wieder in die Eichenholzzeitmaschine und beobachte, Diskussionen und Dispute bei Pitt wirken nicht. Er ist ein unaufrichtiger Junge. Während er mir stets Missachtung zeigt, schleimt er vor Simon, er sei ein guter Freund. Er versucht Simon beizubringen, wie cool und intolerant man sich benehmen kann, um banale Ziele durchzusetzen. Jedes Verhalten ist also bewusst und strategisch. Es sind einfache Techniken, die von Pitt und sogar aktiv von seinen Eltern angewandt werden.

„Lass sie doch zusammen“, wurde einmal von Pitts Mutter gesagt als Pitt und Simon neben ihr standen, „beide haben doch sonst keinen. Was ist denn dagegen zu sagen, dass sie zusammen sind?“ so bäumte sich Pitts Mutter vor mir als Heilige auf, obwohl ich nur Richtlinien klären wollte. Und beide Jungen standen plötzlich da, als wäre die Mutter von Pitt im Recht. Es stimmt gar nicht, dass Simon sonst niemanden hat, das organisierte Pitt. Ja, manchmal bin ich froh, dass Simon sich noch im Heim befindet. Wir müssen uns jetzt langsam stark machen und an dem Problem arbeiten. Simon muss ausprobieren und bestimmen, zu welchem Freund er wirklich will, ohne sich überrumpeln zu lassen und auf Penetranz hereinzufallen.

Wir nutzen die Zeit im Heim. Hier soll Simon zur Ruhe kommen. Mit günstigen Zeitabständen kann Simon dann zu Hause ausprobieren, sich durchzusetzen. Simon wird alles langsam in Griff bekommen, und niemand mehr wird an unserem gemeinsamen gegenseitigen Vertrauen rütteln können. Auch nicht irgendwelche Freunde. Das ist mein Ziel, das ich anstreben werde, bevor Simon das Heim verlässt.


Simon lernt,
sich abzugrenzen
und seine Freunde
selbst auszusuchen

Erst als das Frühjahr vergeht und der Sommer in hoher Blühte steht, habe ich eine gute Gelegenheit gefunden, das Thema mit Pitt wieder anzuschneiden. Ich frage Simon noch im Auto zur Hinfahrt nach Hause, wie er denn das letzte Wochenende so zu Hause empfand. Simon fand dieses Wochenende schön. Ich fand dieses vergangene Wochenende auch sehr schön, ruhig und harmonisch. Ich frage Simon, ob er noch wüsste, wer an diesem Wochenende fehlte. Es fehlte nämlich Pitt. Wir unterhalten uns während der ganzen Autofahrt darüber, was von ihm im Heim verlangt wird, betreffend Rücksichtnahme, wenn es um Jüngere geht, als er es ist. Genauso hätte Pitt oft mit ihm umgehen müssen und Probleme entstanden, als er dies nicht tat. Simon fängt an, gerne im Auto über dies und jenes zu sprechen und zu diskutieren. Er akzeptiert und versteht, dass vieles nicht akzeptabel ist, was Pitt macht. Vor allem hat Simon sich einen Grundsatz zurecht gelegt, wer seine Mutter missachtet oder gegen sie arbeitet, kann ein Freund nicht sein. Simon gibt zu, dass Pitt das macht. Er erkennt die Probleme, die er und wir zusammen durch den älteren Freund bisher hatten, jetzt inzwischen wieder haben und künftig haben werden.

Simon fragt am Schluss des Gespräches: „Wie findest Du Mobbi und die anderen“. Mobbi, der jüngere Bruder von Pitt. „Alles klar, total o. k.“ Jetzt ist für Simon die Sache klar. Er schafft es tatsächlich sich von Pitt zu entfernen und intensiv sich unter die Gleichaltrigen zu mischen und locker seinen Weg zu gehen. Simon tritt Pitt drei Tage lang konsequent gegenüber während Pitt recht hilflos dasteht, weil er Simon nicht mehr gängeln konnte.

Super, ich freue mich darüber und erzähle diesmal selbst über die Nachbarkinder und Simon später Frau Piel am Telefon: „Jetzt scheint alles total gut zu klappen. Nur, wenn es Probleme geben sollte, müssen wir am Wochenende wo anders hin.“ Pitt guckt dumm aus der Wäsche, verzieht das Gesicht voller Hass, wenn er mir entgegenkommt. Die massive Art und Weise, wie er das macht, ist irgendwie bedenklich. Doch dagegen kann ich nichts tun. Auf jeden Fall lernt Simon jetzt selbst, sich abzugrenzen, dorthin zu gehen, wo es ihm Spaß macht, und nicht, wo gesagt wird, es würde Spaß machen. Augen zu und durch.


Manchmal steht das Wasser bis zum Hals
Hochwasser und Nachbarschaftshilfe

Simon ist längst zurück ins Heim gefahren und kann das Hochwasser unserer kleinen Siedlung nicht mehr sehen. Doch er hätte Lust darauf. Am Telefon hört er gespannt zu, wenn ich erkläre, wie wir das Wasser aus dem Keller pumpen und zwischen Steinen und Putz dringt immer wieder Wasser ein. Es will sich nicht mit dem hohl gepumpten Raum anfreunden, sondern drückt sich zwischen den zusammengebauten Mauersteinen neu in den Keller hinein. Es läuft an der Mauer herunter, klares Wasser. Ich beschreibe Simon alles. Auch den technischen Hilfsdienst mit seinen Geräten und seinen Taten. Überall stehen große mit Alarmlichter geschmückte Pumpautos auf der Straße. Am liebsten wäre Simon gekommen, um sich das anzusehen. Aber vielleicht bleibt noch ein Teil der Katastrophe für ihn übrig, wenn er mich wieder besuchen darf.

Nachbarschaftshilfe ist angesagt. Ich benehme mich überall hilfsbereit und freundlich. Da bleibt mir ein heimliches Gefühl zurück, wenn Pitt mich bekämpfen will und seine Familie mitmacht, habe ich alle anderen als Freunde gewonnen, denen ich mich jetzt hilfsbereit zeigen kann. Alle Kinder benehmen sich mir gegenüber und meinem neuen Freund normal. Das Augenmerk aller ist auf das Hochwasser und die noch kommende Sensation gerichtet. Nur Pitt hat ein Gesicht voller Verachtung und Hass auf mich gerichtet, immer wenn ich ihm begegne. Er legt es sogar darauf an, mich mit seinem von Hass erfüllten Gesicht zu begegnen und es mir zu zeigen.

Ich hatte Bedenken, doch er ist nicht mehr als ein vielleicht inzwischen fast achtzehnjähriger junger Mann, der nicht sehr viel kann. Die Eltern gehen an mir vorbei. Sie grüßen nicht mehr. Aber die jüngeren Geschwister benehmen sich unbefangen, lieb und freundlich.

Ich muss weiter aufpassen, dass ich mit allen anderen gut klarkomme, und Peter macht mit. Er ist auch für andere voll im Einsatz wegen des Hochwassers. Die Sache läuft gut. Das Hochwasser ist wohl extra für mich gekommen. Die jüngeren Geschwister von Pitt borgen sich aus Simons Vorratskammer Inliner, einen Fußball und diverse andere Spielsachen aus. Ich bin großzügig, mache aber klar, dass sie alles auch zurückbringen müssen. Doch am Abend muss ich vor ihrer Tür stehen, klingeln und viele Dinge zurückholen.

Manchmal ist der Keller offen, und sie bedienen sich selbst. Manchmal denke ich, sie warten darauf, dass ich vergesse, was sie haben und diverse Spielgeräte von uns für immer dort bleiben. Doch wenn ich an der Tür stehe, um unsere Hobby- und Freizeitgeräte zurück zu fordern, werden sie von den Eltern freundlich und anstandslos zurückgegeben. Ich weise sie nicht mehr daraufhin, doch einmal auf die Kinder zu achten, damit sie die Gegenstände selbst zurückbringen. Ich benehme mich großzügig und freundlich. Auch um Simon zu zeigen: „Schau, wie wir das hier machen ist das gut und richtig.“

Etwas später borgten sich die Geschwister von Pitt wieder Spielgeräte aus und wieder weise ich sie darauf hin, am Abend spätesten alles zurückzubringen. Ich mahne an, dass sie das trotz Aufforderung nie taten. Irgendwann werde ich wohl tatsächlich deswegen sagen müssen, es gibt nichts mehr. Jetzt sehe ich spöttische Minen. Ich sehe das mit Enttäuschung und sage es ihnen. Sie hören nicht auf damit. Sie scheinen mich noch mehr zu verspotten. Von jetzt an gebe ich Simons Spielgeräte nicht mehr heraus. Schlecht gelaufen. Denn Simon wollte doch Tim weiter als Freund.

Simon fährt inzwischen selbständig mit dem Zug nach Hause und zurück. Im Heim wird ihm vertraut. Deswegen durfte ich beim Jugendamt eine Bahncard beantragen, die aber noch auf sich warten lässt. Er nimmt nur noch höchstens ein Viertel der Menge der Medikamente, die man ihm gibt. Der Leitung im Heim fällt das nicht auf. Immer noch lebe ich mit der Angst im Magen, er könnte erwischt werden und ich könnte das Gesundheitsfürsorgerecht wieder verlieren. Dann könnte ich keinen Arzt mehr für unsere Interessen aufsuchen.


Pitts Eltern ignorieren das Verhalten ihrer Kinder total
Pitt hasste mich und sah dabei sehr gefährlich aus

Noch vor Simons Besuch
bewirft Pitt mich mit Gegenständen

Die Eichenholzzeitmaschine zeigt mir die Stelle, an der Simon jetzt inzwischen sehr gut gelernt hat, sich selbst abzugrenzen und seine Freizeitgestaltung mit Freunden zu unternehmen, die er sich selbst aussucht. Doch Pitt ist mir unheimlich. Dieses Wochenende besucht mich Simon. Ich plane einen Ausflug, doch Simon will nicht mit. Er will mit seinen Freunden spielen. Ich plane mal ein Wochenende in Peters Wohnung zu wohnen, doch er will nicht. Er will auch kein Wochenende im Garten campieren mit Grillfest und Federball. Paul, ein gleichaltriger Junge auf unserer Straße, kommt mir entgegen. Freundlich grüßt er mich. Ich sage: „Ich hole jetzt Simon von Bahnhof ab. Soll er zu Dir kommen? Wartest Du auf ihn?“ Paul freut sich, ja, er würde noch etwas besorgen. Bald sei er zu Hause. Simon solle ihn holen. Alles klar. Simon wird dieses Wochenende hauptsächlich mit Paul zusammen sein. Später ist auch Tim dabei und Pitt hält sich heraus. Jetzt verschwinden drei aus meinem Blickfeld und aus der Eichenholzzeitmaschine.

Irgendwann am späteren Abend sitze ich Simon gegenüber. Er schaut mich nur erschrocken an, kommt mir sehr verstört vor, Er redet auch kein Wort mehr mit mir. Er schließt meine Anwesenheit aus. Nicht ganz, er starrt mich an. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Oder doch? Ich warte ab, was er mir zu sagen hat. Ich warte. Ich bin wie verrückt und frage ihn empört: „Wo bist Du gewesen? Warst Du vielleicht wieder in der Wohnung von Pitt?“ Simon nickte und verriet mir nicht, was ihm dort erzählt wurde.

Ganz freiwillig fährt Simon am nächsten Tag mit mir in den Garten. Dort verleben wir unser Wochenende bis ich ihn wieder zum Bahnhof fahre. „Wer die Mutter eines Freundes schlecht macht, kann kein Freund sein!“ Dieser Meinung ist auch Simon. Soweit sind wir uns einig. Was alles gesagt wurde, um Simon so zu irritieren, weiß ich nicht. Ich bekomme es nicht aus ihm heraus.

Wieder vergehen zwei Wochen. Jedes zweite Wochenende besucht Simon seinen Vater, der die Straßenbande bei uns asozial findet. Also gehe ich davon aus, dass Simon doch wirklich bei seinem Vater bleibt. Doch je näher das zweite Wochenende rückt, desto merkwürdiger wird Paul mir gegenüber. Paul sitzt immer mehr mit Pitt in irgendeiner Ecke zusammen. Wenn ich sie treffe, benimmt sich Paul inzwischen wie Pitt. Die Sache ist klar. Ich grüße alle beide nicht mehr und gehe vorbei. Kurz vorher traf ich Paul immer noch ahnungslos und freundlich lächelnd.

Das Hochwasser sickert langsam ab und leider zeigen sich Simons Freunde nicht als seine Freunde. Simon trauert. Das tut auch mir weh. Trotz aller Geschehnisse besitzt Tim, die Unverschämtheit bei mir an der Tür zu klingeln, um Simon abzuholen. Ich nutze die Gelegenheit, hole ihn rein, um mit ihm vor Simon zu diskutieren. Vergeblich. Er ist nicht mehr empfänglich für irgendetwas Menschliches. Was passiert ist, schreibe ich später an die Eltern per Einschreiben, denn eine andere Lösung gibt es nicht mehr. Ich sitze vor der Eichenholzzeitmaschine und verstehe heute überhaupt nicht mehr, wie sinnvoll es war, diesen Brief geschrieben zu haben. Es ging die letzten Tage grob zu. Grenzen jeglicher Art wurden überschritten. Aber ich musste auch Peter schützen. Denn eine ganze Pöbelmeute zog ihn da mit Behauptungen hinein, mit denen keiner rechnen konnte. Ich lese mir diesen Brief noch einmal durch. Vielleicht macht es ja Sinn - keine Ahnung - und draußen ist es dunkel und kalt. Müde bin ich nicht, also lese ich.


An die Familie von Pitt und Mobbe:
Sehr geehrte Familie S, seit vier Jahren bewohnen wir, mein Sohn Simon und ich, dieselbe Straße als Ihre Nachbarn. Seither war Simon ein Spielgefährte einer größeren Kinderschar auf unserer Straße. Das Sozialverhalten Ihres älteren Sohnes Pitt ließ zu wünschen übrig. Nur deshalb fand ich es stets problematisch, dass er sich unter Jungen mischt, die halb so groß, jünger und längst nicht so reif waren wie er. Es gelang ihm nicht, gewisse Regelungen einzuhalten, wenn er und Simon zusammen sind. Kurz gesagt, Pitt verfolgte stets seine eigenen Interessen. Das bedeutete für die Jüngeren stets eine gewisse Unterwerfung und auch eine geistige Unterdrückung in einer wichtigen Entwicklungsphase. Simon bekam dies zu spüren. Auch wenn es um Sachbeschädigung und Müllentsorgung ging, waren Jüngere diejenigen, die das in Ordnung bringen mussten, was Pitt verursachte. Ich versuchte auch mehrfach, Sie in Kenntnis zu setzen, was passiert ist. Verbesserungen oder eine gewisse achtvolle gegenseitige Verständigung konnte ich in all den Jahren nicht erfahren.

Als sich eine engere Freundschaft zwischen Ihrem jüngeren Sohn, Mobbe, und Simon entwickelte, stellte sich Pitt dazwischen. Er wünschte sich unglücklicherweise Simon als Kumpel und Freundersatz und setzte für das Gelingen einen massiven kämpferischen Einsatz ein. Ich erinnere mich noch gut an vergangene Zeit, als Simon versuchte, sich von Pitt loszulösen und wieder auf den gleichaltrigen Tim zugehen wollte. Tim rief Simon aber leider zu: „Ich spiele nicht mehr mit Dir, denn Du willst nicht mit Pitt, meinem Bruder, zusammen sein, und das finde ich gemein von Dir.“ Als Simon deswegen drei Tage keinen Freund mehr hatte, denn unter den anderen kleineren Jungen schien Pitt schon der Boss zu sein, ging Simon wieder zu der Gruppe, in der man Pitt nur so nehmen und akzeptieren konnte, wie er war und ist. Mit viel Geduld und den falschen Argumenten wurde Simon gezeigt, wie Pitt ein akzeptabler, großzügiger Freund sein kann.

Wegen Pitt gab es viel Ärger und Spannungen, die Sie auch stets ignorierten. Den Brief schreibe ich, weil das Fass bereits übergelaufen ist. Es muss etwas geschehen. Und wenn Sie nicht wollen, dass diese Spannungen wachsen, und Pitt sich künftig womöglich noch wegen einer Körperverletzung zu verantworten hat, sollten Sie allmählich doch reagieren, denn er scheint mich auf ganz merkwürdige Art zu hassen. Ich benutze dieses Wort ‚hassen‘.

Wie Sie wissen, lebt Simon zurzeit in einer pädagogischen Einrichtung und ist nur selten zu Hause. Aus der Entfernung hat er Zeit und Ruhe, sich selbst zu finden und sich zu entwickeln. Er hatte, wenn er hier zu Hause ist, bereits ein gesundes Maß gefunden, sich von Pitt zu lösen und auf Tim zuzugehen. Das war sein Wunsch. Das tat er. Dies waren schöne Tage.

Doch damit schien Pitt auf Dauer nicht einverstanden. Er grüßt mich seit langem nicht mehr und geht mit verachtungsvoller Miene an mir vorbei, was für Simon nie akzeptabel war und auch nicht sein kann. Ich finde mich damit ab. Doch mehr und mehr versteht er es, seine Kumpels zu überzeugen, das Gleiche zu tun. Bevor Simon wieder nach Hause kam, versuchte Pitt, mich aufs schärfste zu provozieren. Der bereits zirka achtzehnjährige junge Mann musste meinen Mülleimer so voll spucken, dass ich keine Stelle mehr gefunden habe, um ihn anzufassen und zu öffnen. Auch im Gang vom Hof zum Mülleimer war alles vollgespuckt. Es ist wohl klar, dass mir das nicht gefällt. Pitt und Mobbe lachten nur höhnisch. Der kleine Bruder wurde bereits von Pitt erzogen.

Sie spielten und spielen ständig vor meinem Fenstern Fußball. Ganz unverblümt, erzählte mir Mobbe einmal in der Vergangenheit, dass sie vor Ihre Fenster nicht spielen dürfen, deshalb müssen sie immer zu mir kommen. Da dürfen sie spielen. Das kümmert die Eltern nicht. Da gehen Ihre Scheiben nicht kaputt. Und den ständigen Müll und die Spucke habe ich ebenfalls bei mir. Ich werde ausgelacht, wenn mir das nicht gefällt.

Seit längerem nutzt Pitt seine Zeit, um mir Äpfel mit hartem Wurf gegen die Fensterscheiben zu werfen. Mobbe borgte sich eine Leiter, die zwar zurückgebracht wurde, doch so an die Wand zurückgestellt, dass er selbst noch bemerken konnte, dass diese hinter ihm umkippte, bevor er verschwand. Bei der Frage, warum er die Leiter nicht wenigsten wieder so hinstellen könne, wie sie stand, bekam ich nur freche, dumme Antworten und ein höhnisches Gelächter. Vor den anderen Kindern versucht er sich stark und mich lächerlich zu machen.

Noch nie habe ich erlebt, dass Kinder, ohne zu fragen in einen fremden Keller gehen, um sich Sachen zu borgen oder zu behalten, weil sie diese trotz Aufforderung drei Wochen nicht zurückbringen, bis ich selbst vor Ihrer Tür stehe und mir diese hole. Ihre Kinder machen das mit Ihrem Wissen. Die weiteren Kleinigkeiten zähle ich nicht mehr auf.

Letztes Wochenende kam mein Sohn Simon nach Hause. Er war lange Zeit in Ihrer Wohnung, was ich nie so gern gesehen habe, und ich sagte das sehr oft. Er kam diesmal völlig verstört und verwirrt nach Hause, denn Ihre Kinder schafften es, mit all den beschriebenen Geschehnissen, mich maßlos schlecht und lächerlich darzustellen, so dass es Simon nicht mehr gut gehen konnte.

Am nächsten Morgen klopfte Ihr Sohn Mobbe an meine Wohnungstür. Ich startete tatsächlich noch einen Versuch mit Mobbe zu reden und meinte, wenn er nicht bereit sei, die Sache mit der Leiter und ein paar andere Dinge so zu erzählen, wie sie sich zugetragen haben, könne er unmöglich Simons wirklicher Freund sein. Ich fragte ihn ebenfalls, ob es schon irgendwo einen Menschen gegeben hat, der seine eigene Mutter vor ihm versucht hat so schlecht hinzustellen, wie sie es mit mir, Simons Mutter, zu tun pflegen, so dass er nicht mehr wusste, ob er zu ihr stehen konnte. Ebenfalls fragte ich ihn, ob er nicht auch noch seine Mutter brauche und wie er es denn fände, wenn das jemand mit ihm und seiner Mutter täte. Ich sah Spott in seinem Gesicht und merkte die Sinnlosigkeit des Gespräches.

Als ich danach einkaufen ging, und die Kinderschar mir entgegen kam, spuckten sie vor, neben und hinter meinen Füßen auf den Boden, machten Laute als müssten sie sich übergeben. Sie taten dies unter Mobbes Regie. Und dies geschah vor Ihrer Haustür.

Als ich Wäsche aufhängte, mich auf meinem Hof bewegte, schmissen Kinder aus Ihrem Garten Äpfel und Tannenzapfen nach mir, wie anfangs Pitt das alleine tat. Sie machten dumme Sprüche. Ich habe Sie, Frau S., kurz vorher im Garten sitzen gesehen und denke, dass Sie genau beobachten konnten, was passierte. Doch jahrelang habe ich erfahren müssen, dass geduldet wird, was Ihre Kinder machen. „Lasse die Kinder doch auf der Straße groß werden, das geht“, habe ich von Ihnen gehört, Herr S.

Aber nachdem die jüngeren Kinder aufhörten mit Äpfeln zu werfen, spürte ich haarscharf Gegenstände von Pitt geworfen an mir vorbei zielend an meiner Hausmauer abprallen. Und, da bin ich mir ganz sicher, das waren keine Äpfel. Diese Gegenstände hätten mich verletzen können.

Am Sonntagmittag während der Mittagspause und lange Zeit später, versuchten Kinder mich vor meiner Eingangstür zu provozieren. Animiert wurden die anderen Kinder von Mobbe und Ihrer Tochter Joan. Verstecken spielten sie sonst nur am Bauwagen. Heute vor meiner Tür. Laut lachend stand Joan mit anderen vor meinem Fenster während Mobbe laut trampelnd um meine Wohnung zuging und sich versteckte. Mobbe zeigte die richtige Lautstärke zum Lachen an, die andere nachmachen sollten. Auch Pitt war dabei und gab Rückendeckung. Es war vor, während und nach der Mittagspause. Erst als ich Hilfe bekam, nur indem zwei andere Personen vor der Eingangstür standen und sich unterhielten, mein Freund und mein Nachbar, saßen Sie plötzlich vorne vor Ihrer Eingangstür und beobachteten das Geschehen. Ich denke, es ist an der Zeit, Abstand von einander zu halten.

Bitte lassen Sie Ihre Kinder bei sich und nicht vor meiner Haustür. Mehr als schon passierte, darf ich nicht dulden. Ich werde von Ihnen gezwungen, mir Hilfe zu verschaffen, wenn sich Ereignisse dieser Art steigern. Ilka Hölzer


Nun gut, diesen Brief schrieb ich auch, weil ich einen Zeugen hatte, Peter, der zumindest teilweise gesehen hat, was vor allem Pitts Geschwister, inzwischen machten. Aber es hatte noch einen anderen Grund, weshalb ich diesen Brief schrieb, denn inzwischen belastete die Familie von Pitt auch meinen Freund, Peter, der darüber so erschrocken ist, dass ich die Vorgeschichte, weshalb wir so bekämpft werden, einfach klarstellen muss. Nicht für diese Familie, aber vielleicht kommt mal ein anderer und will mehr Hintergründe wissen.


Im Eiltempo suche ich eine neue Wohnung für Simon und mich
Und im Nachbarort habe ich eine moderne Hauptschule mit gutem Ruf
für Simon gefunden

Wir brauchen einen neuen Wohnort
und eine gut funktionierende Schule

Wir haben Herbst. Mein Sohn ist bei mir zu Hause. Sagenhaft, noch immer weiß ich nicht, was Familie S. ihm erzählt hat. Teilweise bekomme ich mit, es waren einfach nur Erlebnisse so erzählt, so verändert und hingestellt, dass ich der Sonderling und Miesmacher einer ganzen Siedlung sei, peinlich. Dann sagte ich Simon, nach dem Einkaufen: „Du, die stehen alle auf der Straße, und wenn ich rauskommen will, nur zum Einkaufen, spucken auch die kleinsten Kinder, die mich vorher sehr gerne mochten, hinter mir her.“ - „Wollen wir umziehen?“ ist sein Gedanke. Aber dann sehe ich unsere Wohnung, aus der wir jetzt nicht mehr heraus gehen, und denke, wir haben doch alles so schön gemacht hier. Ich sage Simon: „Sollen wir denn so feige sein?“ Dann sage ich: „Laufen wir dann vielleicht vor Problemen davon?“ „Da hast Du ja Recht. Das machen wir nicht,“ antwortet er. Wie schnell kann man ihn doch noch überzeugen. Er ist sehr unerfahren. Er hat keinen Standpunkt. Nicht wirklich.

Als der Wochenendurlaub vorbei ist und Simon schon längst wieder im Heim angekommen, telefoniere ich noch einmal mit Simon: „Simon, du hast Recht, wir suchen besser eine neue Wohnung. Nur um vom Schussfeld wegzukommen, damit wir uns wohl fühlen.“

Simon meint: „Dann laufen wir vor Probleme davon.“ Ich antworte: „Ja, aber es hat doch auch wenig Sinn, sich ewig schlechte Gesichter und Streit aufzuladen. Es gibt doch so viel anderes zu tun.“ Richtig einig waren wir uns nicht. Doch dann wünschte sich Simon eine schöne Wohnung mit Badewanne und weißen Kacheln. Und ich achte bei der Wohnungssuche gut darauf, in der Nähe einer sehr guten Hauptschule unserer Stadt zu wohnen oder zumindest eine gute Busverbindung zu dieser Schule zu haben. Und weiße Kacheln im Badezimmer.

Simon hat es bis jetzt geschafft, seine Medikamente zu reduzieren, ohne dass die Heimleitung oder auch nur eine einzige Betreuerin das merkt. Er macht das so gut. Und das ist und bleibt Priorität, auf unserer Sorgenliste. Simon hat keine dicken Beine mehr mit roter angeschwollener Haut, die beginnen will aufzuplatzen. Simon ist wieder schlanker und lebhafter geworden, will Freunde haben und mit ihnen Sport treiben. Er geht wieder auf die öffentliche Schule, benimmt sich anständig und lernt fleißig. Die Betreuer mögen ihn. Die Heimleitung ist zufrieden. Frau Piel selbst hat Entwicklungsberichte geschrieben, aus dem man lesen kann, Simon hat die Medikation nicht nötig. Wir haben jede Menge Zeugen, die hörten, wie Simon abgesetzt hat, und wir behielten die schrecklichen Pillen als Beweis, falls er erwischt wird und alles gut gemeint ist, kann nichts passieren. Wenn es gut gemeint ist?

Jetzt aber wir stehen vor einem neuen Problem. Vielleicht schon immer. Aber vorher konnte die Eskalation noch zurück gehalten werden. Nur mit meinem Freund gehe ich noch vor die Haustür. Doch die Kinder spucken und die Erwachsenen sehen das angeblich nicht. Pitt und Mobbe lästern vor meinem Freund: „Hat sie schon wieder einen Neuen. Nächste Woche ist ein anderer dran.“

Simon entscheidet einen Tag später am Telefon fester: „Gar nicht so schlecht, eine andere Wohnung. Ich möchte ein Badezimmer. Ein richtig großes, ohne Spinnen und ohne dass dies unten im Keller ist. Ein Badezimmer mit Fliesen auf dem Boden und Kacheln an der Wand. Aber auch ein großes eigenes Zimmer.“ Gut! Ich habe mich schon auf die Wohnungssuche gemacht und Simon von einigen Wohnungen erzählt.

Aber dann gab es doch diesen Grund und es war gut, Familie S einen Brief zu schreiben. Denn die Gerüchteküche über mich kam von dort. Und ich sehe da noch einen zweiten Brief in der Eichenholzzeitmaschine, gerichtet an Jessicas Vater, eine Familie, die sozusagen als zweite Großfamilie sehr stark befreundet mit Familie S fast neben uns wohnen. Ich fragte Jessicas Vater, warum sie das alles so mitmachen? Er antwortete in einer Stimme, sie war widerlich, die Antwort merkwürdig und unklar. Es tat mir leid ihn gefragt zu haben. Schnell wollte ich wieder gehen. Da sagte er mit perverser Tonart weiter: „Schaff Dir en neuen Lover an! Dann kannste wieder mit uns reden!“ – „Bitte?“ Ich traute meinen Ohren nicht. Er stellte Peter perfide hin. Ich erschrak. Ich erzählte es ihm und er erschrak. Familie S ist also zu allem fähig. Das hatte sich Pitt nicht selbst ausgedacht. Das glaube ich nicht. Das waren seine Eltern oder deren Freunde. Und warum ließen sie ihre Kinder dann so dicht zum Spucken an meine Wohnung, wenn sie so etwas selber glauben? Ich hätte meinen Simon nicht dorthin gelassen? Warum ließen sich alle von Peter helfen und fanden ihn sympathisch?

Ich sehe mich hilflos in der Wohnung aus dem Fenster starren. Jessicas Familie geht vorüber. Sie haben längst mitbekommen, dass ich angefangen, habe umzuziehen. Denn sie haben mich beobachtet, wie ich mir Vaters Auto borgte und Wohnungsinventar zum Zwischenlager in unseren Schrebergarten fahre. Ich starre vom Fenster raus die vorbeigehende geschlossene Familie von Jessica an. Sie mussten mein Tun entdeckt haben, denn ihr behindertes Kind schnitt mir Grimmassen von außen zu. Sie machen sich über das vollgeladene Auto lustig. Ich kann nur mit Gedichten und Wortspielen antworten. Familismus ist natürlich kein Sozialismus, eher Tunnelblick und Fanatismus. Dann wird das Ganze zum Fundamentalismus, zum grenzenlosen Kampf ohne Gefühle oder Verständnis für andere. Alles ausgeschaltet. Für mich ist die Sache klar.


Ich kenne jetzt ein Kochrezept:
kochen oder kühlen
Kochrezept:

Man nehme einen alten Ledersack,
der so ca. 60 Liter trägt.
Lasse einen Esslöffel Mineralien
und einen halben Liter Wasser hinein.
Dann kommt ein Teelöffel Stolz,
ein Teelöffel Arroganz
und ein Teelöffel Selbstbewusstsein hinzu.

Ebenfalls etwas Neid,
Hass und Gewalt,
jeweils ein Teelöffel.
Man lasse alles gären,
bis die hohle Zelle voll ist.
Was entsteht?

Ein Mensch!
So entsteht ein Mensch!


Viele Gedichte beschreiben die Gesichter:

Hässliche Welt
Die Welt ist hässlich,
am hässlichsten sind aber Menschen

Nichts ist hässlicher als unsere Welt,
in der nur hässliche Menschen wohnen.
Allerhässlichste Menschen.

Menschen können Sieges erhoben glücklich sein,
wenn sie sich gegenseitig
zermetzeln und zerfleischen können.

Was unterscheidet einen Menschen von einem Ork?
Es gibt den Ork nicht wirklich,
den Menschen aber leider doch.

Der Mensch hat im Märchen den Ork erfunden.
Wird er je aufmerksam genug sein,
um zu erfahren,
dass er und der Ork dieselben sind?
Dann schlägt er das Märchenbuch zu.


Doch, wenn ich so weiterdenke, bekomme ich einen Tunnelblick. Es sind doch nicht alle Menschen, die ich da draußen sehe. Was passiert, wenn Simon auch noch diese letzte schlimme Behauptung hört. Auch ich nehme vor Jessicas Vater kein Blatt mehr vor den Mund und schreibe, wer hier auf der Straße eigentlich von wem misshandelt wird und wurde, nur um an die eigentliche Ursache des Streits zu erinnern. Es war nichts weiter als der Kampf um Simon, koste es, was es wolle. Man verhandelt hier nicht mit der Mutter, um Freundschaften Minderjähriger zu fördern und es allen recht zu machen. Man bekämpft die Mutter, weil wir alleine sind, weil wir alleine schwach sind, gegen brutale Großfamilien. Hoffentlich hat die Heimleitung daran gedacht, Simons Handy abzunehmen, damit er keine unangenehmen Anrufe bekommt?

Monatelang hatte keiner etwas gegen Peter gesagt. Wäre tatsächlich passiert, was behauptet wird, wäre Empörung früher geschehen und vielleicht in einer einigermaßen gehobelten Form. Wie schändlich haben sich Erwachsene und Kinder benommen. Musste Familie S nicht auch vor den anderen Eltern begründen, weswegen ihre Kinder die anderen zu solchen Taten animieren?

Ich könnte das selber nicht mitmachen. Auch Simon zog sich zurück, als andere Kinder damals eine Frau verhöhnten und mit Ente Ulla beschimpften. Wir können so selbst nicht sein. Doch andere tun es mit uns. Ich hätte mich geschämt in deren Haut zu stecken. Doch schreibe ich Jessicas Vater auf Zettel noch mal auf, was passierte und wer hier von wem missbraucht wird und wurde.


Vielleicht ist Jessicas Vater in der Lage, nachzudenken:
Sehr geehrter Paule Peters, wer hier missbraucht wurde, war Simon. Mit Pitt fing alles an als Simon zehn war und für Pitts Interessen nicht geeignet. Er schloss Freundschaft mit Mobbe im gleichen Alter. Das konnte der ältere Pitt, der keinen gleichaltrigen Freund hatte, nicht verkraften. Er musste sich zwischen die beiden stellen.

Wer missbraucht wurde, war Simon. Ihm wurden die selbst gemalten Comics von Pitt in sein Zimmer gelegt. Comics wie Mädchen und Jungen zusammen ficken und Simon wollte das nicht. Ich brachte die Comics seiner Mutter. Sie stellte sich dumm als ich sagte: „Die Comics von Pitt interessieren Simon nicht. Er ist noch nicht so alt mit zehn.

Wer missbraucht wurde, war Simon von Pitt. Der stand auf der Leiter zum Kinderzimmer und hielt Simon an, endlich ein Mädchen zu küssen und hörte nicht auf, Simon damit zu belästigen mit knapp elf.

Wer missbraucht wurde, war Simon von Jessica, die Pitt überredete, Simon als Freund zu nehmen. Simon konnte machen, was er wollte, er wurde Jessica nicht mehr los. Sie zogen ihn unfreiwillig bis in den Park hinein und ich suchte Simon. Hoffentlich ließ er sich nichts gefallen mit zwölf und auch mit dreizehn.

Ich habe die Plastiktüte voller Liebesbriefe in der Mansarde stehen, womit Simon belästigt wurde. Es wird Zeit, sie zurück zu geben. Tagelang stand Jesica unter Simons Fenster und ließ ihn nicht in Ruhe. Pitt und Mobbe sahen zu und freuten sich über Streit und Schauspiele.

Wer missbraucht wurde, war Simon. Jessica drohte mit Selbstmordversuchen, wenn Simon sie nicht liebt. Sie können die Briefe lesen.

Wer missbraucht wurde, war Simon. Er wusste nicht mehr weiter zwischen diesen ganz hartnäckigen gefühllosen Menschen, die älter sind als er und die ihn benutzen wollten für ihre Interessen und ihr Gelächter.

Mit dieser kleinen Gedankenstütze gebe ich Jessicas Vater die Plastiktüte mit Jessicas Liebesbriefen zurück. Er wird mir sogar auf einem Zettel antworten. Aber derweil lernt Simon immer mehr, sich abzugrenzen, erst einmal zu merken, was er will und vernünftig findet. Wir kommen aus allen Löchern raus. Es dauert gar nicht mehr lange. Wir sind schon fast am Ende. Es ist doch zu merken. Wir finden bald Frieden.

Ich schreibe dem Vater noch zum Schluss: „Wir werden missbraucht, denn was wir erlebten, das war die Härte. Lassen Sie uns also mit Ihren schrecklichen Gerüchten und Ihrem hässlichen Charakter in Ruhe. Wir haben Ihre bösartige Phantasie nicht und sind dem unterlegen, das gebe ich zu, und ich bin froh darüber.“


Wie gesagt, er schreibt sogar zurück:
Von jetzt an, werden Simon und ich in unserer Gartenlaube oder in Jugendherbergen übernachten, bis wir beide umgezogen sind. Hin und wieder verabredet sich Simon mit Philipp, seinen ehemaligen Klassenfreund aus der Realschule. Er braucht die Kinder auf der Straße nicht unbedingt.

Nie war ich so aufgeregt
Nie so frei
und doch immer noch in Sorge

Misstrauische Angst, tief eingekerkert und alle Menschen sind unbekannte Wesen geworden, die sich outen, wenn der Tag gekommen ist.


Simon ist medikamentenfrei

Ich stelle die Eichenholzzeitmaschine am achtundzwanzigsten Novembertag irgendwann wieder aus.

Zehn Wochen nach der versprochenen Reduzierung von Leponex geschieht nichts. Die Begründung der Heimleitung lautet, es gebe keinen zuständigen Arzt mehr, der das genehmigen kann. Nachdem sie dann offiziell fünfundzwanzig Milligramm heruntergesetzt haben, werde ich nicht mehr davon unterrichtet. Doch als ich das so nebenbei hörte, wusste ich, das waren die letzten fünfundzwanzig Milligramm, die Simon noch genommen hatte. Ein freudiges Gefühl überkam mich. Ich wusste, jetzt ist er medikamentenfrei, Simon.

Er fährt mit dem Zug zu mir nach Hause und bestätigt mir meine Annahme. Ja, er ist medikamentenfrei. Welch ein Glück. Er springt durch die Wohnung. Er freut sich. So habe ich ihn lange nicht mehr gesehen. Welch Glück? Welch Sorge?
(© Ilona Meschke 2008)

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