am neunundzwanzigsten Novembertag irgendwann
Dicke Mauern verschwinden nie. Wir müssen uns gegen Boshaftigkeit seitens des Heimes absichern. Simon vergisst seine Medikamentenbox im Heim. Jetzt bekommen sie vielleicht heraus, er nimmt keine Medikamente mehr.

Am neunundzwanzigsten Novembertag irgendwann stelle ich die Eichenholzzeitmaschine ohne irgendwelche Gefühle in mir an. Ich stelle sie einfach an. Sie rollt und rollt zurück. Sie zeigt mir wieder, wie ich ständig da auf dem Boden vor dem Kamin an irgendeinem Novembertag sitze und in die Eichenholzzeitmaschine schaue. Sie rollt weiter zurück, sie rollt und rollt, und zeigt den Beginn der Geschichte. Sie zeigt plötzlich den ersten Novembertag wieder an dem ich diese Geschichte niederschrieb.


Es wäre ein
glücklicher Moment gewesen

Mein Bericht ist zeitlos, irgendwie zeitlos, behaupte ich und schreibe den ersten Novembertag irgendwann nieder. Und während eine verkrüppelte alte vergessene Weidenreihe ihre schon längst vertrockneten Blätter fallen ließ, stehe ich darunter, schaue über gelb gewordene Gräser bis über den Fluss hinweg zu den alten Bahnschienen und grübele.

Es wäre ein glücklicher Moment gewesen. Und doch, ich schaue mit durchwachsenen Gefühlen in die Natur, zu stillgelegten, rostigen, fast zugewachsenen Gleisen und großen fast zerfallenen gespenstischen Speicherhäusern aus der Nazi-Zeit. Warum stehen sie jetzt dort? Sind die nicht gesprengt worden? Kaputt, bis auf übrig gebliebene Säulen, die sich immer noch in den Himmel ragen? Ein schwarzes Kapuzen-T-Shirt verbirgt mein Frösteln. Dabei hatte Simon doch Großartiges vollbracht. Simon, mein geliebter Junge. Nun, nichts von dem, wovon der Normalbürger träumt. Nein, er hatte es geschafft, heimlich, langsam und verschwiegen, Tabletten ‚ausschleichen‘ zu lassen. Grausame Tabletten. Es war schwer, doch er hat es geschafft. Er hat sie vollständig abgesetzt, trotz scharfer Kontrolle im Kinderheim. Bis heute wissen wir beide nicht, warum er damit gequält wurde. Ich weiß nur, warum ich es nicht verhindern konnte.

Wie beweisen wir, dass Simon seit knapp einem halben Monat kein Leponex mehr schluckt. Mit offenen Karten spielen, wird geraten.

Frau Piel und Herr Gundalf, wann haben die mit offenen Karten gespielt? Unser Homöopath, sagt er nicht immer noch: Alles wird gut. Was kann denn noch geschehen? Sie sehen doch jetzt alle, Simon braucht das nicht. Doch wo bekomme ich Vertrauen her?

Es funktioniert da kein Vertrauen mehr. Vertrauen beim Jugendamt? Vertrauen zur Kinder- und Jugendeinrichtung in C, wie denn? Wie und wo kann ich mir Vertrauen holen? Ich suche überall danach, innen in mir und auch außen herum, die Bäume draußen, der klare Himmel so groß, so weit. Wohin führt das alles?


Nichts da, mit Vertrauen. Alles weg!
Es gibt kein Vertrauen!

Jetzt am Freitag ist Simon bei mir. Er ist mit dem Zug mit einer Bahncard angereist. Sonntagabend wird er zurückfahren. Jetzt ist er zu Hause sicher und ohne Medikamente. Die Box hat er vergessen. Das haben sie längst entdeckt. Wie können wir jetzt das Heim weiter täuschen? Unvorsichtig und übermütig ist er gewesen. Aber glücklich war er als er ankam. Voller Leben und voll gesund geblieben.


Bosheiten sind in dieser Welt versteckt
manch einer entdeckt sie nie.

Sie werden ihn erwischen

Wie täuschen wir eine Medikamenteneinnahme mit einer vergessenen Medikamentenbox vor? Ratlos schaue ich mit durchwachsenen Gefühlen in die Natur, gehe spazieren auf Gleisen und immer näher heran zu den großen, bombastischen, fast zerfallenen gespenstischen Speicherhäusern aus der Nazi-Zeit. Sie schweigen! Sie verraten mir nichts! Die Eichenholzzeitmaschine zeigt Bilder, ist still und schweigt! Auch sie beantwortet meine große Frage nicht? Sie zeigt, ich erschrecke! Ich bin nahe an den Speicherhäusern? Sie sind doch weg? Warum stehen sie da? So fest und groß wie nie zuvor?

Ich verberge mein Frösteln immer mehr im schwarzen Kapuzen-T-Shirt und starre auf die festen, jetzt rissigen Mauern. Was hat das zu bedeuten? Diese sind gesprengt worden! Ich weiß es genau, jetzt stehen sie da und werden nie mehr entweichen. Zeitlos.

Ich fliehe. Ich flüchte vor den Speicherhäusern. Ich entkomme nicht! Nicht durch Laufen! Weiter Laufen! Vorwärts Laufen! Überspringen! Nie stehen Bleiben!

Ich kann nur langsam gehen. Vorsichtig gehen. Unbemerkt gehen. Vertrauen! Zum Jugendamt? Vertrauen zum Heim? Haben sie mir Vertrauen gezeigt? Niemals werden sie zugeben, Fehler gemacht zu haben, die andere Menschen jahrelang quälten. Sie werden sich wie die Reißwölfe benehmen. Sie stehen bereits hinter diesen Mauern der Speicherhäuser. Sie essen vom Festessen alter Strukturen, die keiner mehr kennt. Die keiner glaubt. Ich bin mit Simon alleine auf einer ganz anderen Seite. Und diese Mauern verschwinden nie.

Sie verraten mehr als sie erzählen, zeigen sich mit voller Kraft und Grausamkeit. Wenn sie sich öffnen, ist es für uns zu spät. Vertrauen zur Einrichtung? Nein, die Betreuerinnen hängen mit drin. Sie werden sich selbst verteidigen und absichern, - nicht uns. Auch sie sitzen hinter diesen Mauern und müssen hören. Müssen lernen, zu gehorchen und das alles richtig ist, was getan wird. Keine Möglichkeit, ihnen zu vertrauen. Hinter den dicken Mauern reißen sie bald ihre Mäuler auf, werden sich gegenseitig immer wieder bestätigen, richtig gehandelt zu haben, egal wie verkehrt es sein wird.

Vertrauen zur Petition? Ich habe nicht eine einzige Antwort von dieser Behörde auf meine dicke umfangreiche Beschwerde, nur nichtssagende freundliche Worte am Telefon, dass die Angelegenheit bearbeitet wird. Doch mir ist, als gäbe es diese Behörde gar nicht. Wo ist denn unsere Sicherheit? Zumindest haben die Schweigepflicht.

Ich gehe nach Hause, langsam schleiche ich mich von den Speicherhäusern weg und sie entdecken mich dabei, wie ich mich Schritt für Schritt entferne, kalt und boshaft beobachten sie mich dabei. Doch lassen mich. Ein Irrweg? Sie wissen schon jetzt, sie haben mich. Sie gewinnen immer, harte Mauern.

Zuhause angekommen sitze ich vor Schreibtisch und Telefon. Noch könnten Leute im Büro sein und arbeiten, und ich versuche meine Liste durchzutelefonieren. Die Liste mit den Hilfestellen. Hin und wieder erreiche ich eine Stimme auf der anderen Seite. Ich berichte dann über die Gründe meiner Ratlosigkeit. Ich schreibe die Hilfestellen an. Ich berichte über das ganz neue aktuelle Geschehen, suche ein Faxgerät auf und achte darauf, wirklich alle Stellen mit denen ich in Kontakt war, angeschrieben zu haben.


Präsidenten des Niedersächsischen Landtags
Landtagsverwaltung, Ausschuss für Jugend und Sport

Die Petition

Und ich faxe es zu:
Sehr geehrter Herr R., bitte helfen Sie uns schnell, das aktuelle Problem zu lösen. Ich möchte den Arzttermin in der nächsten Woche aufrechterhalten und für Simons Gesundheit weiterhin sorgen, ohne in Konflikte mit der Einrichtung zu geraten. Ich möchte, dass Simon Medikamente nur dann nimmt, wenn er sie wirklich braucht. Bitte verraten Sie noch keinem, dass Simon Leponex schon lange nicht mehr einnimmt.

Letztes Wochenende, war Simon zu Hause bei mir. Am Freitagnachmittag wurde er von seinem Freund, Philipp, vom Bahnhof abgeholt. Er sollte bei mir eine Box mit Medikamenten abgeben und sagte dann aber, dass die Box im Büro der Einrichtung liegen geblieben ist. Auf meine Frage, was wir jetzt tun könnten, meinte er: „Egal.“ Er legte mir eine Handvoll Leponex auf den Tisch, die er in der Hosentasche trug und meinte, das sei der Rest der letzten vierzehn Tage, alle Tabletten, die er nicht im Waschbecken weggespült habe. Über einen Monat nimmt Simon kein Leponex mehr. Er hat sie heimlich langsam ausschleichen lassen, angefangen Ende April. Dann holte er eine kleine Milchkanne aus seinem Zimmer und verriet, dass er die Tabletten in seinem Zimmer sammelte und versteckte. Im Heim spülte er sie im Waschbecken runter.

Ich beschreibe weiter, wie er die Medikamente herunter gesetzt hat, wie er sich vorher und nachher damit fühlte, und vor allen Dingen auch, wie er aussah und nach und nach immer fitter wurde und jetzt ist. Simon ist wieder ein schlanker sportlicher Junge geworden. Dann beschreibe ich kurz, welchen Repressionen und welchen Sorgen wir ausgesetzt sind, dass es Zeit wird, eine gerade Linie weiterzugehen, um sich der ständigen Sorgen zu entledigen.


Ich schreibe weiter:
Ich habe nach diesen Informationen einen Facharzt ausfindig gemacht und möchte mich beraten lassen. Ich gebe Daten und Telefonnummern bekannt. Es sind drei verschiedene Ärzte, die ich schon am Telefon gesprochen hatte.


Ich gehe ins Detail, aber ich jongliere. Ich rief in Wirklichkeit zuerst den Arzt an, der sich Simon ansehen solle, den ich kenne, der für uns arbeiten soll und fälschte die Uhrzeitangabe auf einem von mir erstellten Merkzettel als Beweis. Erst als klar war, dass Dr. Walle in H, der für das Heim arbeitet, sich bereits im Wochenende befand, rufe ich diesen an und spreche auf seinen Anrufbeantworter, tue so als wäre er der erste Arzt, den ich anrufe, schildere die Situation und dass ich jetzt zu Hause wegen einer ganz dringenden Angelegenheit einen Arzt aufsuche, mich von ihm beraten lassen würde, doch ihn leider erst Montag wieder erreichen könne und daher jetzt einen beratenden Arzt hier bei uns zu Hause in B anrufen werde.

Dies alles vermerkte ich auf meinen Zettel mit manipulierter Zeit und Reihenfolge. Denn den Arzt, den ich wollte, hatte ich natürlich schon eine Stunde zuvor angerufen, damit ich ihn auch erreichen kann. Dieser soll sich Simon ansehen. Doch leider geht das nicht gleich. Aber dann erreichte ich einen anderen Arzt in Hannover und bekomme gute Informationen. Ich schreibe mir alles mit meiner eigens bestimmten Urzeit auf, als Beweis, dass ich überrascht gewesen war, aber auch etwas unternahm. Dieser Arzt gab mir dann einen Termin, den ich unbedingt mit Simon wahrnehmen möchte. Auch für Frau Piel wird später dieser Arzt nicht weit sein.


Ich schreibe das dem Petitionsausschuss und wollte dort auch am Montag anrufen:
Simon war bei den Anrufen, die ich unternahm, nicht anwesend. Ich habe inzwischen das vorläufige Sorgerecht und muss mich um seine Gesundheit kümmern. Doch die Einrichtung machte deutlich, dass sie dies übernehmen will. Ich möchte eine richtige Zusammenarbeit mit der Einrichtung. Aber ständig muss ich die Ohnmacht erleben, eine Zusammenarbeit dann nicht mehr zu bekommen, wenn es um die Frage der Medikamente geht. Herausgestellt hat sich, dass dem Jungen und allen anderen Beteiligten besser geholfen ist, wenn er ohne Medikamente lebt. Es belastet ihn sehr, dass er „seine Menschenrechte heimlich durch die Hintertür hereinholen“ muss.

Er versteht nicht, dass ich mit der Einrichtung kooperiere, aber gleichzeitig anderer Meinung bin als die Betreuerinnen. Da ist sein Vater anders, der alles schlecht findet, auch mich, seine Mutter. Er erscheint damit für Simon eindeutiger und klarer. Ich erwähne dies, weil mein Vorgehen dadurch ständig erschwert wird. Ich spüre Simons Ungeduld und merke, dass endlich gehandelt werden muss, wenn doch noch alles gut gehen soll.

Simon will nicht verraten, dass er die Medikamente nicht mehr nimmt. Er traut keinem über den Weg. Was er braucht, ist eine Vertrauensperson. Er wollte auch keinen Termin bei einem neuen Psychiater. Er brauche keinen, sagt er. Vielleicht hat er Recht. Wir werden sehen.


Sonnabend ist Simon wieder mit Philipp verabredet. Ich sitze bei den Pferdekoppeln und dichte über Vollmachten, die du unterschreibst, wenn du in Not bist. Dabei geht es um Gefangenschaft, um Leben oder Tod. Um Entscheidungen, die du verschenkst.
(siehe Kapitel 1 ‚Eine unterschriebene Vollmacht)


Dann schreibe ich Simon einen Brief:
Lieber Simon, gestern warst Du zum Kotzen. Ich wollte mit Dir reden, Dir etwas erklären, und Du warst nicht einmal bereit, mir zuzuhören, wolltest sofort dagegen sein, ohne zu hören, ohne zu überlegen, ohne sachlich zu kritisieren.

Es ist einfach hohl, alles für schlecht zu halten, ohne zu erklären, was daran schlecht ist. Da versteht Dich keiner mehr, und keiner möchte sich mit Dir unterhalten, weil es nicht mehr möglich ist. Das könnte Menschen, wenn sie dann immer so sind, einsam machen, weil keiner mehr mit ihnen reden kann.

Du kannst nicht einfach sagen, alle Menschen sind schlecht. Wie kommt es denn, dass Du nicht schlecht bist? Wie kommt es, dass ich, Philipp oder Johann nicht schlecht sind? Wenn Du so etwas sagst, kann Dir auf Dauer keiner mehr zuhören. Du selbst scheinst dabei nur wenig zu verstehen.

Wenn Therapeuten, Psychologen, Psychiater oder das Jugendamt schlecht und überflüssig sein sollten, frage ich mich, wer helfen soll, wenn beispielsweise Alkoholiker, es gibt ganz viele in Deutschland, auch Jugendliche, aggressiv werden, andere verletzen, alles schlecht reden und keine treffende Begründungen für ihre Behauptungen mehr vorlegen können, weil sie nicht mehr imstande sind, etwas zu erklären. Sie fühlen sich in Wirklichkeit einsam, hilflos und alleine gelassen mit ihrem Problem. Wollen aber nicht zugeben, dass sie eins haben, und machen alles andere schlecht, weil sie mit ihrem Leben nicht mehr klar kommen. Jetzt brauchen sie dringend Hilfe von Therapeuten, Psychologen und Psychiatern.

Warum soll ein Psychiater meiner Freundin, die wirklich eine Psychose hat, nicht mit Tabletten helfen, wenn sie sich dann wohler fühlt?

Was machen Menschen, die schreckliche Sachen erlebt haben und nicht mehr im Stande sind, ruhig zu schlafen, immer wieder in Träume verfallen, weil sie das Erlebte nicht verkraften können? Kannst Du Dir Kinder oder Erwachsene vorstellen, die Kriege erlebten, zehn Jahre vom Erlebten träumen und dann selbst zu Grunde gehen? Extremfälle, aber auch kleinere schlechte Träume müssen besser verstanden werden für einen besseren gesünderen Schlaf.

Man kann Therapeuten, Psychologen, Psychiater und Jugendamt kritisieren, wenn die Kritik angemessen ist. Ich mache dies übrigens ständig. Wenn Menschen, die dort arbeiten, dies hören, verbessert man ein wenig die Welt und seine eigene Situation. Das ist sinnvoll. Die Menschen, die in solchen Einrichtungen arbeiten, wollten mit Menschen arbeiten und Menschen helfen. Sie können auch Fehler machen. Aber das kann sie nicht ganz und gar schlecht machen.

Es gibt natürlich auch andere Berufe, die stellen Wirtschaftsprodukte her. Nahrungsmittel, Bücher, Häuser, Autos, Flugzeuge und Atomkraftwerke. Was davon gut oder schlecht ist und welche Menge benötigt wird, interessiert sie oft weniger. Das macht diese Berufe und Menschen nicht besser, als die anderen. Sie wollen Geld verdienen. Aber auch in diesen Berufen machen sich Menschen Gedanken und versuchen in ihrem Rahmen auch Verbesserungen vorzunehmen.

Also nichts ist schlecht. Nur, könnte es sein, das etwas daran schlechter ist. Eigentlich immer das, was besser gemacht werden kann. Übrigens, ich glaube …

ACHTUNG: Ich glaube nur, also werde jetzt nicht wütend, Dein Vater macht nicht nur immer noch Therapeuten, Psychologen, Psychiater und das Jugendamt schlecht, sondern auch immer noch mich. Er braucht Dir nur gegenüberstehen, und schon befiehlt er Dir ohne Worte, was Du zu glauben hast. Früher veränderte sich Deine ganze Köperhaltung einmal so, als wärst Du sein Diener, als er in Deiner Nähe war. Ein Junge ist da hilflos. Anschließend warst Du unzufrieden traurig, fühltest Dich unterdrückt und wurdest aggressiv, wie er es oft ist.

Er hat auch gute Seiten, doch gegen die nicht guten musst Du dich endlich wehren. Rede offen. Diskutiere offen. Er ist egoistisch und weiß manchmal nicht, was er anrichtet. Wehre Dich dagegen! Du bist niemandem Eigentum! Du gehörst Dir!

Du solltest lieber Du selbst sein, eigenständig, selbst bestimmend und erwachsen werden. Also lasse das nicht mehr zu! Zeige ihm die Stirn. Mitleid wäre da tödlich. Das alles hatte uns in der Vergangenheit unglücklich gemacht und Dich in die Psychiatrie gebracht. Weil Du auf keinen anderen als ihm mehr hörtest, was er bezwecken wollte.

Du benahmst Dich in der Psychiatrie wahrscheinlich so wie er von dir verlangte, dass sie Dir diese Diagnose an den Hals geschmissen haben. Entschuldige, wenn das nicht stimmt, aber Du hast mir noch nichts darüber berichtet.

Jetzt musst Du das Gegenteil beweisen!
Mein Rat: Werde erwachsen und eigenständig! Lockere Dich mal! Beide Deiner Eltern machen Fehler wie alle Menschen. Akzeptiere das einfach!

Betreuerinnen in der Einrichtung machen Fehler, aber sind nicht von vornherein schlecht. Sie sind oft genervt, wie Du auch. Du kannst Dich zurückziehen von den nervenden Kindern. Die Betreuer nicht. Sie müssen dableiben und aufpassen. Frage sie, warum sie das so machen und nicht anders. Habe den Mut, Dich damit auseinander zu setzen. Du kannst sie kritisieren, kannst ihnen sagen, „Das finde ich richtig.“ „Das finde ich falsch.“ Du kannst die Welt nicht umkrempeln, aber Du kannst einen Teil für Dich verbessern. Wenn Du das geschafft hast, bist Du erwachsener und selbständiger geworden als manche Erwachsenen. Arbeite daran. Denke daran, die Betreuerinnen haben immer den längeren Arm. Wir können nur mit ihnen zusammen arbeiten. Aber Du solltest auch einmal daran denken, wenn sie nicht mehr da sind und Du in der Gesellschaft, Gemeinschaft oder Team den längeren Arm haben solltest, später, dann wünschst Du Dir von den anderen, die Dir untergeben sind, eine faire Mitarbeit und kein gegeneinander.

Frage sie vielleicht mal: „Ich habe doch über einen Monat bewiesen, dass ich ohne Medikamente besser klar komme als mit. Was muss ich denn noch tun, damit ihr mir glaubt?“ Ich bin sicher, das ist der Weg. Lasse uns bitte darüber sprechen. Lasse uns auch darüber sprechen, wie Du in der Einrichtung noch freier und selbständiger werden kannst. Deine Mam


Simon saß mit dem Brief in seinem Zimmer. Still, - und wir sprachen nicht darüber, keine Kommunikation, keine Antwort, was passieren soll. Doch ich möchte wissen, wie Simon das Problem lösen will. Die Sachlage zwingt zur Vorbereitung. Doch am Abend malen wir zusammen und erholen uns ein wenig. Am nächsten Morgen hat Simon sich schon wieder gleich mit Philipp verabredet.


Wieder schreibe ich ihm einen Brief. Das geht besser als mit ihm zu sprechen:

Lieber Simon, jetzt ist schon Sonntag, und ich glaube, wir können nicht mehr zusammen über die wichtigen Dinge sprechen wie ich es vorhatte.

Auf jeden Fall löst Du ja selbst das Problem mit dem Leponex, wie Du gestern schon sagtest. Ich finde auch, Du kannst das alleine am besten entscheiden, und glaube, Deine Betreuerinnen wollen sich selbst nicht verraten und geben Dir die Medikamentenbox heute Abend heimlich zurück.

Falls etwas anders kommt, hast Du mir dieses Wochenende verraten, dass Du über einen Monat schon ohne Leponex lebst. Du hast mir als Beweis eine Milchkanne voller Tabletten gezeigt. Wir zählten und schätzten ab, dass das stimmen kann, was Du sagst. Dann gabst Du mir noch eine Handvoll in der Einrichtung gesammelter Tabletten.

Nicht vergessen:
Ende April hast Du fünfundzwanzig Milligramm abgesetzt. Mitte Mai durftest Du fünfundzwanzig Milligramm absetzen. Immer am vierzehnten eines jeden Monats hast Du dann fünfundzwanzig Milligramm abgesetzt. Einmal im Sommer hast Du große und kleine Tabletten beim Absetzen vertauscht und dadurch fünfzig Milligramm abgesetzt. Als Du offiziell alle zwei Monate eine absetzen solltest, hast Du ein paar Mal mehr abgesetzt.

Erkläre genau, wie das gewesen ist, daran können die anderen Leute sich besser vorstellen, dass es stimmt, was Du erzählst. Bleibe dabei ganz ruhig, locker und gelassen, nicht aggressiv werden! Versuche unseren Homöopath zu besuchen, wenn du Misstrauen hast. Deine Mam

Bevor ich Simon zum Bahnhof begleite, halte ich ihm diesen Brief vor die Nase. Er ist im Kinderheim angekommen. Sie haben vergessen, ihm sein Handy abzunehmen, gut. So also kann ich ihn erreichen. Ich will wissen, wie die Betreuerinnen reagieren, telefoniere mit ihnen, erzähle über das Wochenende. Sie erzählen ihre Eindrücke über Simon. Es ist alles o. k. Keiner spricht über die vergesse Medikamentenbox. Das erzähle ich auf seinem Handy. Simon hat schlechte Laune. Er fühlt sich unwohl im Heim, immer mehr, ich höre es. Er hat auch die Schnauze voll, von all den Sorgen und Repressionen.


Die Sorge um nichts

Am Montagnachmittag öffne ich den Briefkasten und finde dort einen schon am Sonnabend eingetroffenen Brief von einer netten Betreuerin aus dem Kinderheim: „Sorry, habe vergessen, Simon die Tabletten mitzugeben.“ Die Tabletten stecken ebenfalls im Brief.

Am Abend rufe ich Simon auf Handy an: „Simon, die Tablettenbox ist bei mir. Die Betreuerin hat sie uns in den Briefkasten gesteckt, noch am Sonnabend. Du brauchst nichts zu verraten und kannst weitermachen wie bisher.“ Er wusste das schon und machte auch weiter wie bisher. „Simon, ich habe eine schöne Wohnung gefunden, endlich. Mit einem großen Badezimmer voller weißer Kacheln. Du kennst die Straße, ist es dir recht?“ Simon nimmt meine Nachricht zur Kenntnis und ist einverstanden. Ich sollte eine Wohnung mit weißgekacheltem Badezimmer suchen. Er kennt die Straße und meint, sich daran gewöhnen zu können.

Ja, ich bin losgerannt und habe zwischenzeitlich auch eine Wohnung gesucht und jetzt endlich gefunden. Viele Dinge habe ich bereits in unserer Gartenlaube zwischengelagert, damit die alte Wohnung leer wird, noch bevor ich wusste, in welche Wohnung wir ziehen werden. „Simon, sei fleißig in der Schule. Wir müssen uns darüber unterhalten, ob Du bis zum Zwischenzeugnis wartest oder im Sommer ein gutes Endzeugnis bekommst, um dann nach Hause zu kommen.“

Aber Simon will das Heim sofort verlassen. „Ich kenne inzwischen eine schöne Hauptschule. Sie soll die Beste in B sein. Ich zeige sie Dir beim nächsten Mal.“ Simon nimmt das zur Kenntnis. Hoffentlich hilft ihm die Nachricht, seine Stimmung ein wenig anzuheben.

Ich rufe Hajo an: „Hajo, Du musst heute Abend Zeit für mich haben. Wir müssen feiern, und ich will mich ein wenig erholen. Alles andere erzähle ich Dir später. Wir sind so weit und haben es geschafft aus der miserablen Lage zu kommen. Ich habe Wein und was Schönes zum Essen gekauft, denn Hajo hat Zeit. Ich fahre zu ihm. Ich lasse mich auf sein Sofa fallen. Alles wird gut. Wir essen, trinken, feiern und erzählten. Hajo freut sich, mich endlich einmal wieder so ausgelassen und froh zu erleben und Simon medikamentenfrei zu wissen. Wir schließen den Abend noch lange nicht. Doch feiern auch nicht so lange wie wir vorhatten.


Endlich kann ich einmal feiern,
endlich einmal erholen,

Da klingelt Hajos Telefon

Da klingelt sein Telefon. Hajo macht ein ernstes Gesicht am Telefon. Bald merke ich, der Anruf gilt mir. Eine Betreuerin des Kinderheimes ruft an. Die Telefonnummer bekam sie von meinem Freund, Peter. Er befand sich noch in meiner Wohnung, als von C angerufen wurde. Als die Betreuerin erzählt, was geschah, bekam sie von Peter die Telefonnummer von Hajo. Sie spricht mit Hajo. Sie scheint aufgeregt. Simon ist fort. Keiner weiß, wo er sich aufhält. Die Polizei in C sucht nach ihm. Ich habe keine Ahnung, wo er sein Versteck haben könnte und habe ungünstiger Weise Wein getrunken. Ich mache mir Vorwürfe. Hajo beruhigt mich. Wir einigen uns mit der Betreuerin am Telefon, Simons Vater nicht zu informieren. Die Angelegenheit würde sonst schwieriger werden.

Peter verspricht, in meiner Wohnung zu bleiben und weitere Anrufe anzunehmen. Ich verabschiede mich von Hajo, setze mich auf mein Fahrrad und fahre nach Hause.

Immer wieder versuche ich, Simon auf Handy zu erreichen, die Nachtbetreuerin ebenso. Doch sein Handy ist abgestellt. Und das bleibt. Ich bin längst wieder zu Hause angekommen, und es ist spät. Ich lege mich schlafen. Ich träume von Simon. Alle wollen sie ihn mir plötzlich wieder geben, im Neuschnee. Sie haben einen Fehler bei sich gemerkt und helfen mir jetzt. Ich darf ihn zurückbekommen. Er gehört mir. Überall sammele ich Simon auf, seine Arme, seine Beine, seinen Rumpf. Überall ist er verteilt. Und ich sammle ihn wieder auf, versuche ihn zusammen zu stecken und die Betreuerinnen im Heim helfen mir. Sie sagen: „Jawohl, es ist Dein Sohn.“

Jetzt plötzlich. Ich wache wieder auf. Kaum geschlafen telefoniere ich wieder überall. Es gibt keine Spur von Simon. Der Morgen kommt. Die Einrichtung hat immer noch nichts von Simon gehört. Wo ist er über Nacht geblieben? Hoffentlich nicht erfroren.

Ich weiß, er konnte die Belastung nicht mehr vertragen, aber es sollte doch jetzt alles gut werden. So kurz am Ende vorbeigelaufen, nein. Ich sitze vor dem Telefon. Die Zeit wird lang und leer. Es gibt keine neuen Nachrichten. Ich wähle eine Nummer, eine alte, eine, die ich lange Zeit nicht mehr gewählt habe, aber immer noch im Kopf behalten habe.

Ich rufe Simons Vater an, erzähle, was passiert ist, und frage, ob Simon sich irgendwo bei ihm aufhält. Sein Vater ist besorgt und empört zugleich. Er schmeißt den Hörer auf. Eine Antwort bekam ich nicht. Die Betreuerin erzählt mir kurze Zeit später am Telefon. Er hätte dort angerufen. Er sei keine Hilfe. Er hätte nichts weiter gemacht, als die Insassen des Hauses bescholten. Jetzt bekämen sie ständig seine Anrufe. Das hilft nicht.

Ich gehe Brötchen kaufen. Stehe wieder vor meiner Wohnungstür, da öffnet mir schon mein Freund die Tür mit der Nachricht, Simon habe vor kurzer Zeit sein Handy wieder angestellt. „Die Betreuerin erfuhr, dass Simon in deiner Gartenlaube übernachtet hat. Sie hätte es dem Vater erzählt, der völligen Telefonterror betrieben haben sollte. Jetzt ist er los und holt Simon ab.“

Da habe ich keine Chance mehr mit meinem Rad Simon zu holen. Hätte ich am Abend zuvor keinen Wein getrunken, hätte ich vielleicht geahnt, dass Simon sich in meinem Garten befindet? Oder ich habe nur diesen einen Fehler gemacht, den Vater anzurufen? Was wird jetzt?

Warum hat die Betreuerin ihm erzählt, wo Simon ist? Die wollten doch helfen? So hatte ich geträumt. Jetzt hat das Scheusal Simon in der Hand. Nein, es ist erst einmal gut so. Simon ist dort sicher. Er gibt ihm keine Medikamente. Er kann sich dort aufwärmen und ausschlafen. Er hat jetzt erst mal Ruhe. Trotzdem, das hätte die diensthabende Betreuerin nicht erzählen dürfen, nachdem sie erfuhr, was geschieht, wenn dem Vater etwas verraten wird. Ich habe das Sorgerecht. Die Sache kann gefährlich werden, denn der Vater beschimpft das Heim wie es Simon gerne hört.

Hätten Institutionen Simon einmal gezeigt, dass sie o. k. sind und Simon Gelegenheit gegeben, sich wohl und sicher zu fühlen, wäre alles anders. Wie blind war das? Oder hat das doch System? Denn so blind kann niemand sein. Konnte ich jetzt hoffen, Simon ruht sich bei seinem Vater aus und kommt dann zu mir? Der Vater? Simon muss allein denken.

Simon hat sich ausgeruht. Aber sein Vater weigert sich jetzt, Simon zurück ins Heim zu bringen, also wird er vom Sorgerecht völlig abgeklemmt. Er wird Simon zeigen, dass er alle bekämpft, die uns schlecht taten. Gleich so mit dem großen Holzhammer auf alle. Aber verliert er das Sorgerecht für immer.

Henry gibt vor dem Jugendamt und vor der Heimleitung jetzt bekannt, Simon nehme keine Medikamente mehr. Er habe sie jetzt mit Simon zusammen abgesetzt. Das erzählt mir die Betreuerin vom Heim. Er weiß nicht einmal, dass es tödlich ist, die volle Packung von heute auf morgen abzusetzen. Schön, jetzt wird er das Sorgerecht für immer verlieren.

Zum Lachen ist das zwar nicht. Aber mein Magen hüpft. Ich bin erleichtert. Ich weiß, was jetzt passiert. Vater behält Simon gewaltsam bei sich. Er macht sich strafbar. Während der ganzen Zeit ist sichergestellt, Simon bekommt keine Zwangsmedikation. Wenn er vom Vater weg muss, ist lange bewiesen, er braucht die Medikamente nicht. Es wäre lächerlich und skandalös, ihn dann wieder zu pumpen zu wollen.

Ich erzähle der Betreuerin jetzt, Simon habe mir letztes Wochenende erzählt, dass er schon seit April heimlich anfing, die Medikamente zu reduzieren. Die Betreuerin erzählt mir daraufhin, sie habe im Tagesraum herum geschmissene Leponex gefunden. Ich sage: „Ja, auch hier bei mir steht eine alte Milchkanne mit Leponex. Simon hat die hier zu Hause auch heimlich gesammelt. Er sagte mir anhand der Verfärbung, wie alt welche Tablette bereits sein müsste.“

Ich schaue in die Eichenholzzeitmaschine. Da bin ich draußen. Ich gehe unter freien Himmel spazieren. Der Himmel ist blau. Ich nehme den Weg, der zu den ehemaligen Speicherhäusern führt, um endlich noch einmal zu kontrollieren, ob sie gesprengt sind oder stehen? Sie sind weg! Das große Areal ist leer und platt. Ein paar abmontierte verrostete Bahnschienen liegen noch rum. Gut oder schlecht?

Ich gehe heim, denn mir fällt ein, einen Brief an Gundalf schreiben zu müssen:
Sehr geehrter Herr Gundalf, letzten Freitag trat Simon seinen Wochenendurlaub an. Gleich nach Ankunft sollte er die Box mit Medikamenten abgeben. Wir stellten fest, dass diese im Büro der Einrichtung liegen geblieben ist.

Die fehlenden Medikamente entfachten zwischen uns die alte Diskussion. Simon empfindet es als Heuchelei, dass ich einerseits die Einrichtung mit allen Vorteilen und Nachteilen o. k. finde, andererseits die ärztliche Versorgung kritisiere. Er glaubt nicht an eine ehrliche Zusammenarbeit und nicht daran, dass ich mit meinem vorläufigen Sorgerecht das Sorgerecht wirklich habe. Da ist ihm sein Vater klarer, er ist gegen alle und alles. Er findet sofort eine Möglichkeit, die das dann auch bestätigt. Meine Zwangslage, in der ich agiere, belastet Simon. Er hat dadurch keinen Menschen gefunden, dem er vertrauen kann. Mich belastet diese Situation ebenfalls.

Ich möchte mit meinem vorläufigen Sorgerecht die Gesundheitsfürsorge übernehmen, selber mit ihm zum Psychiater gehen, denn ich habe doch die Gesundheitsfürsorgepflicht. Ich möchte überall eine Zusammenarbeit, die ehrlich ist und ehrlich erscheint. Simon soll endlich Vertrauen bekommen. Immerhin hatte ich in der Vergangenheit Simons Gesundheitsfürsorge nachweislich nie verletzt.

Simon fuhr am Sonntagabend wieder in die Einrichtung. Montagabend lief er weg, raus aus der Einrichtung. Gegen zweiundzwanzig Uhr teilte mir die Dienst habende Betreuerin mit, dass Simon weggelaufen sei. Sie erklärte das mit einem Alltag mit unzufriedenen Kindern. Ich kenne treffendere Gründe, warum Simon abgehauen ist.

Fast die ganze Nacht versuchten wir Simon auf Handy zu erreichen. Es war abgestellt. Leider rief ich aus Verzweiflung am nächsten Morgen Simons Vater an. Ich wurde beschimpft nach dem Motto, wir würden den Jungen kaputt und fertigmachen. Dann legte er auf. Nach dieser schlaflosen Nacht nervte diese Unverschämtheit noch stärker als sonst. Die Betreuerin behandelte er ähnlich, doch sie bekam Simon eine kurze Minute später ans Handy. Simon war in meinem Gartenhäuschen und übernachtete dort. Es wurde beschlossen, dass Simon jetzt zum Vater gehe, der ihn dann nach C fahren werde. Wahrscheinlich, weil er gerade jetzt am Telefon war, doch wir hatten die schlaflose Nacht. Ich kritisierte das, denn es war ganz klar, dass Simons Vater vor Simon die Beschimpfungen gegen uns weiterführen wird. Er gewinnt Simons Gunst dadurch, weil er Simons Handeln kritiklos unterstützt.

Als Grund der Abgängigkeit gab Simon an, er sei überfordert, die Schule und alles andere, doch gibt es mit Sicherheit eine größere Belastung für Simon, nämlich die Angesprochene. Ich wollte mit Simon zwei Stunden später telefonieren und hörte, er bleibe bis neunzehn Uhr beim Vater in B. Noch mehr erstaunte mich, dass ich am gleichen Nachmittag einen Anruf vom Jugendamt bekam. Eine Frau, deren Namen ich nicht registrierte, stellte mir ein Ultimatum. Sie hatte Vater und Sohn vor sich sitzen und erklärte mir, dass Simon bei dem Vater noch bleiben wolle, weil alles so ungerecht im Heim sei. Das sagte sie als Grund, um mich entscheidungsfähig zu machen für irgendwas. Geplant war dann schon, dass Simon bis Freitag bei seinem Vater bleibt. Ich sollte zustimmen oder absagen, ob das infrage kommt. Simon und der Vater hörten gespannt zu, wie ich mich entscheide. Warum werde ich vor meinem Sohn so belastet? Nur, weil ich ein Sorgerecht mit einer Klausel habe, die ständig bestimmt, was ich zu tun und zu lassen habe? Wie ich mich entschied, steht auf der Rückseite meines Schreibens. Mit freundliche Grüßen. Ilka Hölzer

entscheiden
Ich entschied mich für mein Kind.
Für die Gunst meines Kindes, das mithörte.
Ich ließ die Schule meines Kindes Schule sein.
Obwohl es gerade gelernt hatte,
wieder Spaß daran zu haben.
Ich ließ das erwünschte gute Zeugnis.
Den lang ersehnten Erfolg meines Kindes
zu Boden sinken.
Und entschied mich für die Gunst meines Kindes.
Ich gab die gute Erziehung auf.
Die mir sagte:
„Das kann doch jetzt kein Grund sein.“
Ich entschied mich für mein Kind
Für die Gunst meines Kindes,
nicht für das vorläufige Sorgerecht,
indem steht, dass ich mich jetzt, in diesem Augenblick,
strafbar mache und es soeben verloren habe,
mit der Klausel darin, die meint,
ich solle Simon in der Einrichtung lassen,
bis Ärzte anders entscheiden.
Ich entschied mich für die Gunst meines Kindes.
ENDE


Ich gehe mit dem Brief zum Jugendamt. „Wir machen nur Fehler, Frau Hölzer, ja, wir können nur noch Fehler machen“, antwortet Gundalf als er den Brief gelesen hatte. Ich kann ihm nicht mehr böse sein. Das erste Mal entschuldigt sich jemand vom Jugendamt bei mir. Und das ist fast nicht zu glauben. Ich werde wohl bald das Sorgerecht bekommen. Simon nie wieder Medikamente. Und Simons Vater wird kleine Brötchen backen müssen.

Inzwischen ist die Heimleitung aus gegebenem Anlass damit einverstanden, dass ich mich um die Gesundheit Simons kümmere. Ich habe längst schon einige Ärzte angerufen. Jetzt werde ich frei mit Simon zu einem Psychiater, der Simon prüft und ein Gutachten gegen die schlimmen Diagnoseunterlagen von der Kinder- und Jugendpsychiatrie in K machen wird. Vielleicht können wir die verklagen? Eine Gegendiagnose für Simon. Von daher erst einmal gut, dass Simon bei seinem Vater ist.

Briefe an Kinderheim und Jugendamt:
Vielleicht sollten wir uns möglichst schnell zusammensetzen. Ich bin sicher, Simon belastet etwas anderes als das, was er als Erklärung abgibt. Der Brief hinterlässt vielleicht den Eindruck, den ich bestätigen möchte: Ich bin verzweifelt und verärgert zugleich. Ich sehe Simon als Spielball, mich auch. Mit freundlichen Grüßen

Man vertröstet mich. Am Freitag soll das Gespräch stattfinden, dem letzten Wochentag, an dem Simon noch bei seinem Vater verweilt.


Mitten in einem Plangespräch
wird mein Sohn

aus den Räumlichkeiten
des Jugendamtes gewaltsam herausgerissen und entführt

Ich bin ein bisschen früher zum Termin gekommen und spreche mit Gundalf: „Ich möchte und ich kann mich nicht mehr im Kreis herumdrehen.“ Gundalf sagt: „Wir auch nicht, aber leider sieht es so aus, als würden wir das tun.“ Gundalf hat jetzt einen Gesprächspartner am Tisch sitzen. Einen Herrn S. Beide teilen mir folgendes mit: Sie wünschen sich Simon wieder in die Einrichtung zurück und wollen es Simon endlich angenehmer machen, indem er selbst gefragt wird, wie er sich dort wohlfühlen kann. Aber sie machen mir keine Zugeständnisse, was Medikation und ärztliche Behandlung betrifft. Ich sprach es an. Aber darüber wird einfach nicht geredet. Ich brauche gar nicht so viel anzusprechen, sie wissen genau, was ich will. Der mit anwesende Kollege von Gundalf fragt mich ganz beiläufig: „Simon hat die Medikamente abgesetzt. Sie haben ihm sicher dabei geholfen, ja?“ Seine Tonart die er dabei benutzt klingt so unwichtig. Ich antworte ihm „Nein, er tat es alleine gemacht. Ich war erstaunt als er mir am Wochenende erklärte wie er das angefangen hat. Seit April reduziert er langsam heimlich.“ Sie hören meine Antwort und wollen gar nicht mehr wissen. Ganz plötzlich.

Doch jetzt sind Simon und Henry eingetroffen und wir sitzen im Besprechungsraum. Nachdem Henry einen Stuhl neben sich schob, damit Simon dicht neben ihm Platz nehmen kann, Simon aber das altbekannte Spiel weiter spielt und den Stuhl wieder in die Mitte zwischen Vater und Mutter stellt, können wir nun über einen weiteren Plan für Simon sprechen.

Schon während des Platznehmens gibt Henry deutlich zu, er habe Simons Medikamente zugeschickt bekommen, aber gleich danach in den Mülleimer geworfen. Ich frage ihn, ob er wisse, dass es lebensgefährlich sei, wenn diese Medikamente von heute auf morgen eingestellt würden.

Henry schlägt daraufhin einen aggressiven, verachtenden Ton als Antwort durch den Raum, der weder ja noch nein bedeuten kann, er lässt niemanden ausreden, auch nicht die Herrschaften vom Jugendamt. Und Simon fängt dabei zu kichern an. Dann fange ich an, einen Kommentar abzugeben, Henry beugt sich über den Tisch und deutete Gewalt an. Gundalf ermahnt ihn darauf hin: „Hier darf jeder aussprechen, was er will.“

Doch ich lege keinen Wert mehr darauf, nur gut, dass all das gesehen wird. Henry will von Planung nichts wissen und unterbricht fast jeden Kommentar. Dadurch bekommt Simon keine Gelegenheit, zu erklären, warum er aus dem Heim ausgerückt ist. Henry ist fast angriffslustig zu jedem und jedermann. Und Simon findet das Verhalten seines Vaters so lustig und kichert immer wieder von Neuem heimlich in sich hinein.

Gundalf kann nichts mehr ruhig erklären. Sein Kollege auch nicht. Simon und ich haben das nicht mehr vor. Simon kichert weiter. Jetzt verbitten sich beide Beamte diese Tonart und Simon kichert wieder. Henry fühlt sich in die Ecke getrieben. Blitzschnell greift er den Oberarm des Jungen und zerrt ihn aus dem Jugendamt. Simon sah erschrockenen aus. Er hatte seine Füße kaum auf dem Boden, als er so zur Tür gezogen wurde. Die beiden Männer blieben ganz still sitzen.

„Moment mal, Herr Hölzer, setzen Sie sich bitte und lassen Sie ihren Sohn los! Das ist verboten!“ So rief die Stimme von S noch. Henry hält weiter seine Krallen um den stummen Simon. Henry rief noch vor der Ausgangstür: „Und wenn ich dafür in den Knast gehe, ich nehme den Jungen jetzt mit!“

Ich stehe auf und laufe zur Tür: „Simon!“ Die beiden sind fort im Flur oder so. Ich schaue auf die Männer vom Jugendamt. Die sitzen da. „Tun Sie gar nichts? Warum tun Sie nichts?“ - „Was sollen wir tun? Wir können nichts tun. Es hat keinen Sinn etwas zu tun. Nur Sie sind diejenige, die jetzt die Polizei holen kann. Sie haben das Sorgerecht.“

Ach plötzlich und jetzt habe ich das Sorgerecht? Empfehlen, die Polizei zu holen, kann mir aber keiner der beiden. Was soll ich dazu sagen? Haben die solange gebraucht, um mir nach zwei Jahren zu sagen, wir können nichts tun? Wo war denn deren Hilfe, als noch nichts zu spät war? Mir konnten sie durch Simon Gewalt antun. Ihn lassen sie zufrieden und halten ihn nicht fest, als er mein Kind aus dem Jugendamt zerrte. Es hat keinen Sinn, herum zu pöbeln. Die beiden sitzen da. Ich setze mich wieder und warte ab. Alle drei sitzen wir ohne Simon.

Da Gundalf sagt: „Der Vater wird immer präsent sein. Er wird nie wegzudenken sein. Verbal gibt er dem Jungen alles, was er hat. Er würde sogar für ihn in den Knast gehen. Der Sohn ist erst einmal beeindruckt. Im Moment bekommen wir den nicht wieder.“ So stellen die Herrschaften vom Jugendamt gerade fest. Wo hatten sie vorher ihre Klugheit gelassen? Das begreife ich nicht! Plötzlich spielt der Medikamentenentzug auch keine Rolle mehr?

Ich bin die einzige, die unter Polizeieinsatz Simon holen könnte? Nur raten tut es mir keiner der beiden? Ich selbst habe da auch so meine Bedenken. Belügen die mich vielleicht auch, weil sie nichts tun wollen? Es verwirrt mich, dass ich plötzlich mit meinem Sorgerecht etwas tun darf.

Gundalf hat sich schnell bemüht, einen Gerichtstermin zu bekommen, telefonisch vor mir. Er sagt jetzt: „ Passen Sie auf. Wir halten jetzt alle zusammen. Bald haben wir Simon wieder.“ Er telefoniert auch mit Frau Piel. Sie will kommen.


Es steht noch ein Gerichtstermin bevor.
Ich gehe wieder ohne Simon nach Hause

Was wäre passiert, hätte ich die Polizei geholt, Simon wäre gegen mich. Ist er jetzt für mich? Wenn wir uns wieder ausquatschen, ist er für mich, weil ich es unterlassen habe. Ich weiß nicht, wie stabil Simon ist und wie viel Gewalt er noch vertragen kann. Simon hätte gesehen, wie sein Vater abgeführt worden wäre, hätte ich die Polizei geholt. Vielleicht hätte es sogar ein Unglück gegeben und die Polizei hätte geschossen. Ich verspüre Übelkeit, egal wohin ich schaue.

Meine Übelkeit überziehe ich mit Wunderträumen: „Simon bitte komme. Simon bitte komme zurück zu mir. Simon, du weißt, ich habe dich lieb. Komme zurück.“ Nein, das sage ich jetzt nicht, wenn ich Simon auf Handy anrufe. Ich werde nur fragen, wie es ihm geht und ob er o. k. ist. Simon antwortet ganz normal. Er ist lieb zu mir. Ich wünsche ihm einen schönen Tag und freue mich, ihn bald wieder zu sehen. Auch wenn er nicht so viel antwortet nach all dem, was passierte. Es ist wohl gut angerufen zu haben. Wann kommt er? Bleibt er bei mir?


Philipps Mutter bekommt einen Brief, den Simon lesen soll. Denn die Jungen treffen sich nachmittags:

Hallo, lieber Simon, es gibt noch einen Gerichtstermin. Du hast bewiesen, dass Du ohne Leponex viel besser leben kannst, Simon, Superfortschritt! Wir haben noch nicht bewiesen, dass Du nicht krank bist oder warst, Simon, ärgerlich! Das müssen wir noch tun, Simon, wichtig! Falls Du Dich erinnerst, Richter Tramper hast Du letztes Jahr kennen gelernt. Ich glaube, er will weder Deinen Vater noch Deine Mutter gewinnen lassen. Bitte mache deutlich, was du willst. Wenn der sagt, Du sollst zurück in die Einrichtung, bleib cool! Ich habe das schon ganz anders geplant, nur brauchen wir noch ein bisschen Zeit! Irgendwann, wenn die Zeit gekommen ist, darfst Du leben, wo Du willst Simon, versprochen!


Noch ein Brief vor dem Gerichtstermin, denn Simon kommt nicht. Ich kann ihn nicht vorbereiten:

Simon, überlasse mir das Sorgerecht, was ich schon bekommen habe, du darfst dann bleiben, wo du willst, versprochen! Wir reden über alles. Der Richter wird Dich bestimmt in die Einrichtung zurückschicken wollen. Tu, was er sagt, bleibe cool und locker, flippe nicht aus, diskutiere und rede mit dem Richter. Das ist Dein Schutz! Was ist das Wichtigste im Leben? Dein Leben! Ich habe alles geplant. Der Weg ist fertig, um Dich zu holen. Deine Mam
Ich habe Dich lieb.


Der Gerichtstermin beginnt gleich. Auf der Bank beim Familiengericht sehe ich Frau Piel zuerst. Frau Piel glaubt nicht mehr daran, dass Simon zurück in die Einrichtung geht. Der Fall sei für sie erledigt. Sie blickt mich an. Wir denken wohl beide an die herabgesetzten Medikamente. Plötzlich redet sie von Selbstgesprächen, die Simon angeblich führte, als er im Heim war. Ich sagte gleich, bei mir hatte er das nicht gemacht.

Sie hatte in keinem Entwicklungsbericht über Selbstgespräche oder Halluzinationen geschrieben. Jetzt sagt sie das, weil sie weiß, Simon ist entgegengesetzt ihres Wissens medikamentenfrei. Hoffentlich kommt er nicht ins Heim zurück. Ihre Einrichtung ist vertrauensunwürdig. Das erste Mal redet sie von Selbstgesprächen. Vor kurzem noch hat sie Simon am Telefon lange und ausführlich, aber ganz anders beschrieben.

Die schweigenden Mauern der Speicherhäuser logen nicht. Der Frau Piel ging es nie um Simons Gesundheit. Nur um Rechthaberei und Macht. Hoffentlich muss Simon nicht ins Heim zurück.

Gundalf kommt in den Warteraum. Er hat sich dafür stark gemacht, dass das Sorgerecht bei mir bleibt, egal wie entschieden wird. Jetzt geht das auf einmal. Gundalf meint aber auch, der Junge komme zurück ins Heim, gemeinsam seien wir stark. Wie stark denn? Es stehen drei Personen da im Kreis herum. Jeder hat andere Vorstellungen. Was haben und was hatten wir gemeinsam? Er schätzt die Lage also anders ein, als Frau Piel, die ihm antwortete: „Der Zug ist abgefahren. Simon kommt nicht mehr.“

Im Gerichtssaal höre ich. Simon war schon einen Tag vorher beim Richter. Er soll mich total belastet und beschimpft haben. Vielleicht kann er gar nicht anders. Es ist die einzige Strategie, die er kennt, denn er hängt bei seinem Vater ab.

Wie gerne hätte ich Simon gesagt: „Du, es ist nicht o. k. - das Heim zu beschimpfen, mache Verbesserungen, sage, was Du willst! Du, es ist o. k. - das Jugendamt zu beschimpfen, mache Verbesserungen, sage was Du willst. Du, das ist nicht o. k. - Deine Mutter zu beschimpfen, rede mit der.“ Wann kann ich Simon wieder sprechen? Wann?


Kichert jetzt der Richter und nicht mehr Simon?
Simon beschimpft mich, seine Mutter, vor dem Richter

Vor dem Richter, der nach meinen Hilferufen mit Ignoranz antwortete. Der Simon und mich draufgehen lassen hätte, nur um es der Kinder- und Jugendpsychiatrie in K recht zu machen. Simon beschimpfte mich vor einem Richter, der uns verachtete und auch deutlich die Gutachterin manipulierte. Der mich hinterrücks unrealistisch nannte und damit psychisch krank meinte, damit ich das Sorgerecht für meinen Sohn nie mehr bekomme.

In der Gerichtsverhandlung stellt sich heraus: Frau Piel hatte Recht mit Ihren Vermutungen, was Simons Unterbringung betrifft. Er soll bei seinem Vater leben, weil Simon alles andere strikt ablehnt und da er ohne Medikamente klar erschien, soll jetzt sein Wille respektiert werden. Der Richter redet von Respekt?

Also warum belästigte Frau Piel mich mit angeblichen Halluzinationen bei Simon. Plötzlich erschien er allen klar und der Richter schämt sich nicht für die erste Gerichtsverhandlung. Das Jugendamt empfiehlt, dass ich das Sorgerecht behalte. Das zumindest hat geklappt. Doch, was ist ein Sorgerecht ohne Ortsbestimmungsrecht, dies soll dem Vater zugesprochen werden. Ich behalte das Gesundheitsfürsorgerecht, denn dies solle dem Vater niemals ausgehändigt werden.

Auf meine Frage hin, welche Rechte ich denn jetzt hätte, meint Richter Tramper trocken, ich solle meinen Anwalt fragen, der werde mich aufklären. Die altbekannte Klausel, die mich unter Zwang setzte, Simon nicht aus dem Heim holen zu dürfen, solange Ärzte dagegen raten, ist nicht mehr gültig. Und keiner scheint sich darüber Gedanken zu machen, wie sehr wir von Amtswegen gezwungen und gequält wurden, einen Weg zu gehen, der uns getrennt hat, Mutter und Kind. Keiner von denen bekommt Schuldgefühle. Schön und gut und unglaublich, aber was wird aus meinen Jungen?


Also, das Aufenthaltsbestimmungsrecht bekommt Henry und der Richter schreibt:
Unabhängig von der Frage, in welchem Umfang diese Entscheidung von dem Kindesvater beeinflusst wurde, ist das Gericht an diesen Willen des fast fünfzehnjährigen Jugendlichen letztlich, wenn auch mit erheblichen Bedenken, gebunden. Es dürfte unrealistisch und der weiteren Entwicklung Simons abträglich sein, ihn gegen seinen Willen ins Heim zurückzubringen.


Moment, was ist mit mir und Simon? Die können sich an fünf Findern abzählen, dass Henry jetzt tun kann, was er immer wollte, meinen Sohn so gegen mit aufhetzen und unter Druck setzen, dass ich ihn für immer verliere. Ich frage mich natürlich auch, ob der Richter letztes Jahr nicht hätte der gleichen Ansicht sein können. Dann wäre alles noch gut gegangen.


Der Richter gibt weiter bekannt:

Dr. Walle aus C, der zu behandelnde Psychiater hat sich wie folgt geäußert: Da Simon sich offenkundig nicht schlecht ohne Medikamente fühle, halte er es für vertretbar, es bei diesem Zustand zu belassen. Er solle mindestens einmal monatlich einem Psychologen vorgestellt werden, damit dieser den psychischen Zustand des Jungen, seinen Umgang mit dem Problem Aggressivität und seine Stimmungsschwankungen kontrollieren könne.


Wofür habe vor ihm um Hilfe gebeten und bin weit dafür gefahren? Wie oft war ich bei Dr. Walle und bat ihn zu versuchen, die Medikamente zu reduzieren? Er musste gemerkt haben, wie besorgt ich deswegen war. Jetzt ist alles so einfach? Gibt es hier in diesem Gerichtssaal und außerhalb noch irgendeinem Menschen, der Mensch ist. Ich weiß nicht wirklich, wo ich bleiben soll. Aber die machen immer weiter.

Das alles verdanke ich Baumgart von Jugendamt in B, Dr. Stampfstein und anderen Ärzten der Kinder- und Jugendpsychiatrie in K, den Richtern in B, die ich um Hilfe bat, meiner Krankenkasse usw. Was hätte ich denn tun sollen?

Sie wissen alle, Simons Vater hat vor, die Mutter aus Simons Leben total auszuschalten. Kein Mittel finden sie, das jetzt zu verhindern? Ich sitze hier mitten im Gerichtssaal und keiner der Akteure schämt sich.

Die Entscheidung scheint gelaufen zu sein. Gundalf sagt plötzlich: „Passen Sie auf, Frau Hölzer, das werden wir noch in Ordnung bringen.“

Eigentlich begreife ich gar nicht viel. Ich sitze da und weiß, dass man irgendwo sitzen kann, ohne zu denken, einen Stillstand im Gehirn erzeugen, nur noch reden lassen. Nur manchmal hat das Gehirn die üblichen Fragen:

Beim Vater bleiben, der Simon mit Gewalt aus dem Jugendamt gezerrt hat? Und er bekommt das Aufenthaltsbestimmungsrecht, ohne die Besuchszeiten der Mutter zu regeln. Ganz plötzlich wird alles anders. Man durfte den Vater nie ausschließen, trotz aller Problematik und Gewalt, die er in unser Leben gebracht hatte. Plötzlich darf man das mit der Mutter machen?

Die Reden weiter. Ich komme nicht mehr mit. Mein Gehirn sagt mir hypnotisierend: „Nur Simon selbst weiß, seine Mutter hat ihn mit viel Mühe aus allen Zwangslagen gezogen. Er alleine weiß das. Wir haben gemeinsame Geheimnisse.“

Der richterliche Beschluss ist nur darauf ausgerichtet, den Vater drei Monate zu kontrollieren, und dann zu sehen, ob man ihm das gesamte Sorgerecht übertragen kann. Als ich im Vorteil war, schlug er vor, mich zwei Jahre zu kontrollieren. Es gibt so viele abwegige Gestalten hier im Gerichtssaal. Auch dieser Verfahrenspfleger sitzt hier. Warum? Gundalf vom Jugendamt meint, besser keine Beschwerde einlegen. Mein Anwalt meint, Beschwerde einlegen. Ich entscheide wie mein Anwalt meint.

Wir wissen doch jetzt alle, ein Sorgerecht mit der Wegnahme des Aufenthaltsbestimmungsrechts ist gar nichts mehr. Ich wende mich von der Eichenholzzeitmaschine ab. Ich mag nicht erzählen noch in der Eichenholzzeitmaschine beobachten, wie ich alleine nach Hause kam. Ich kenne nur noch das Gefühl dieses leergekratzten Magens, der von da an immer leer sein wird und sich zusammenkrümmt, diese Lücke wo mein Herz heimlich entrissen wurde und die leergekratzte Menschenwürde, die nur mit einem Gehirnstillstand zu ertragen ist.

Ob ich lebte oder gestorben war, egal. Das Gefühl des entrissenen Kindes stirbt nie. Ich hielt einen Schlüssel in der Hand, einen neuen Wohnungsschlüssel, eine Wohnung mit weißen Kacheln im Badezimmer und einem sehr großem Kinderzimmer. Ich stand in meiner alten Wohnung. Ich blieb so stehen und weinte plötzlich - für immer.

Bevor ich das Gericht verließ sah ich, alle verabschiedeten sich, so als wäre nichts Besonderes passiert. Der Rechtsanwalt legt als nächstes Beschwerde ein. Gundalf sagte zu mir noch: „Warten Sie ab! In einem halben Jahr wird Simon vor Ihrer Tür stehen!“ Hätte er das nicht gesagt, hätte ich es glauben können. Doch jetzt hatte er es gesagt und ich wusste, das Gegenteil wird passieren. Dann flirtete er mit Frau Piel. Sie gingen zusammen strahlend die Treppe hinunter.

Ich bemerkte mich während dieser Gedanken in der neuen Wohnung. Ich falle auf den Boden und denke nichts mehr. Irgendwann wache ich auf und versuche aufzustehen. Eine böse Stille antwortet mir auf irgendwas. Sie antwortet lange mit Schweigen. Ich schreie. Es schweigt. Ich weine es schweigt. Ich bleibe auf dem Boden liegen. Es schweigt.

Mit Gehirnstillstand rufe ich Hajo in meiner alten Wohnung an. Ich bekomme Hajo ans Telefon. Er arbeitet in H und will aber morgen zu mir kommen. Dann würde er sich der Angelegenheit annehmen.


Ja, wir haben unter Schizophrenie gelitten und leiden darunter
Die Schizophrenie
ist nicht in uns selbst

Erik ruft an. Ich solle erst einmal ruhig bleiben bis Hajo kommt. Peter ist bei mir. Er sitzt und schweigt. Hajo kommt zur Tür herein. Wir verweilen zu dritt.

„So ein Schwein!“ ruft Hajo plötzlich aus, als er die Unterlagen von Richter Tramper nebeneinander auf dem Tisch liegen sieht: „Es wird gar nicht mehr angedacht, wer von beiden Eltern, nach drei Monaten das Sorgerecht bekommt. So wie sie es vorher bei Dir gemacht haben, als Du im Vorteil gewesen bist, Ilka. Mit welcher Berechtigung gibt der dem Vater noch so viele Vorteile? Bei diesem Richter hattest Du nie eine Chance! Der Vater durfte sich alles erlauben. Du wurdest gemaßregelt, das Sorgerecht zu verlieren, sobald du aus irgendeiner Not gehandelt hattest.“

Er schaut eine Weile kopfschüttelnd auf die Unterlagen und ruft plötzlich: „Frauendiskriminierung! Patriachat! Was hast Du Dir zu Schulden kommen lassen, Ilka? Du bist die einzige gewesen, die zu jeder Zeit richtig gehandelt hat! Wir sind ein Land mit Frauendiskriminierung! Kindesmissbrauch! Es wird den Männern alles Recht gelassen. Auch wenn schon zu erwarten ist, dass die weitere Entwicklung des Jungen in die falsche Richtung führt.“ Er empört sich weiter: „Wie kaltschnäuzig war das alles gegen dich!?“

Auch Hajo scheint es ringsherum ebenso weh zu tun. Aber gut, dass er bei mir ist. Er ereifert ständig nach kurzem Schweigen: „Und diese Frechheit mit der psychischen Erkrankung.“

Ungeheuer in diesem Lande können wir nie verklagen. Gerechtigkeit hat nichts mit Gericht zu tun. Ich sage Hajo: „Ich hoffte beim Gerichtstermin, Simon wieder zu sehen. Aber dieser Richter hat sich Simon einen Tag vorher angehört. Simon war nicht da. Der Richter hat behauptet, Simon hätte mich total beschimpft. Jeder hat das zur Kenntnis genommen und ihm geglaubt!“


Immerhin schrieb der Richter noch in seinem schriftlichen Beschluss:
Eine weitergehende Übertragung der elterlichen Sorge auf den Kindesvater ist zum einen, zumal es sich um ein einstweiliges Anordnungsverfahren handelt, nicht erforderlich. Zum anderen hält es das Gericht angesichts der Uneinsichtigkeit des Kindesvaters in die Erkrankung von Simon für nicht zu verantworten, ihm die elterliche Sorge insgesamt schon jetzt zu übertragen.


Er erwähnte auch noch eine gewisse Beeinflussung des Vaters, die zu Simons Entscheidung beitrug, was für ihn bei der Verhandlung keine Rolle spielte, jedenfalls nicht erwähnt wurde. Aber diese Beeinflussung ist sicher sehr massiv gewesen und Simon läuft Gefahr, jetzt tagtäglich von ihm bedrängt zu werden.

Alle hilflosen Leute besuchen mich und wollen sehen, was ich mache und wie es mir geht, Peter, Hajo, Erik, Micha und Nora, auch Jan. Anita und Jonas empören sich über das Urteil. Die schizophrenen Machthaber legen inzwischen alle Akten nieder.

Am neunundzwanzigsten November irgendwann schalte ich meine Eichenholzzeitmaschine wieder ab, bleibe davor im Dunkeln sitzen. Alles absurd und unglaubhaft! Gibt es wirklich außer uns noch Menschen, die von Behörden an Leib und Seele so verbraucht wurden? Ich möchte das gerne wissen. Ich würde gerne wissen, was Dummheit und Borniertheit war und welche Schandtaten andere Gründe hatten. Ich möchte gerne wissen, welche Rolle Gehälter und Macht dabei spielen, und wie viele Menschen noch zu leiden hatten. Gut, das es stockfinster ist, und ich die Zeit mit Fragen füllen kann. Denn Fragen gibt es so viele.
(© Ilona Meschke 2008)


Tintenfass

Freie Gruppe
Buch und Kunstwerkstatt in Braunschweig

… es knistert …

… oder brennt es schon? …


Buch

zurück
weiter
zurück zur Startseite
Kommentar