am zehnten Novembertag irgendwann
Mit einer ungeheuren Panik im Bauch und Angstgefühlen in den Knochen konnte ich es gar nicht ertragen, mein Kind nicht schnellstens aus dieser Kinder- und Jugendpsychiatrie aus K herausholen zu können. Betrogen und hintergangen in einer Form, die keiner glaubt. Zwangsmedikation für Kinder in Deutschland. Warten und Hoffen während Simon gequält wird.

Am zehnten Novembertag irgendwann stehe ich auf. Am zehnten Tag eines Monats ist so ungefähr ein Drittel des gesamten Monats vergangen. Mehr darüber wissen wir nicht. Das ist nur leere Zeit, die unter den Lebenden zu füllen ist, und manch einem ist es nicht erlaubt, die Zeit so zu füllen und zu gestalten, wie er sich das erträumt hat. Manch einer hier zu Lande wird gequält mit unterlassener Hilfestellung.

Ich schaue aus dem Fenster, hinüber zum Garten. Grau sieht alles aus an diesem Novembertag. Ein Schrei! Ich erschrecke, eine Katze starrt mich an. Alle Haare stehen ihr zu Berge. Sie bewegt sich kein bisschen mehr. Sie glotzt mich nur an, als hätte ich sie schon einmal umgebracht, als wäre sie vor ihrem eigenen Schrei erstarrt. Die Hecken und Bäume stehen still. Das längst vergammelte Laub, denkt nicht daran herunterzufallen. Alles sieht aus wie verunstaltet. Mir stehen die Haare ebenfalls zu Berge. Ich mache das Fenster zu. Ziehe Vorhänge zu. Ich schaue noch einmal durch den Vorhang nach draußen und sehe hinter einem Baum meine frühere Rechtsanwältin, ebenfalls in grauen Farben, in ihrem grauen Büro, wie sie versucht Schriftstücke aufzusetzen. Sie schreibt die Gutachterin ebenfalls an mit der Bitte, die Arbeit recht bald aufzunehmen, um das Verfahren zu beschleunigen. Sie stellt noch einmal Ereignisse vor Gericht dar, die eindeutig zeigen, dass ich stets kooperativ mit allen zusammen arbeiten wollte und es auch tat, im Gegensatz zum Kindesvater. Sachkenntnisse, die dem Jugendamt ebenfalls bekannt sind und doch nie die verdiente sichtbare Wirkung zeigten. Auch jetzt nicht, um das Verfahren zu beschleunigen. Die Rechtsanwältin versteht meine Ungeduld, doch sie kann nicht anders. Sie arbeitet den Schreibkram ab wie ihre anderen Vorgänge. Obwohl dies hier uns betrifft. - Währenddessen schluckt Simon weiterhin gefährliche Tabletten und ist gefangen in einer Klinik in K. Das ist das Bild aus der Vergangenheit im Grau eines erstarrten Garten. Noch einmal schaue ich mir verwirrt die vielleicht schon lange tot gegangene starre Katze an. Sie glotzt mir weiter direkt in meine Augen, aber bewegt sich nicht mehr. Das alles ist nicht möglich. Mir stehen die Haare immer noch zu Berge. Schnell dichte ich die Vorhangslücke wieder ab.

Übrigens, Frau Möller vom Jugendamt war über die Medikation informiert. Sie musste sie ja erlauben. Sie erklärte mir damals, Simon sei ausgeflippt, andere müssten vor ihm geschützt werden, deswegen würden ihm Medikamente verabreicht. Alles andere wäre verantwortungslos anderen gegenüber gewesen. Simon hätte eine ungeheure aufgestaute Wut herausgelassen. Zurzeit sei ihm mit diesen Medikamenten geholfen. Er solle mit einem Messer dagestanden und gedroht haben. Aber wie kam er zu einem Messer? Keiner fragt nach. Wir sollten jetzt den Ärzten vertrauen, riet sie mir. Sie wusste, dass ich sehr viel Angst vor diesen Medikamenten hatte. Sie hatte Verständnis für uns gezeigt.

Simon hatte doch vielleicht nur ein Frühstücksmesser in der Hand oder gab es gefährliche Messer in der Klinik? Kann der zierliche, dünne, gerade erst dreizehn gewordene Simon wirklich so gefährlich sein? Er war noch nicht so ausgewachsen gewesen wie andere in dem Alter. Außerdem besaß er eine Menge Hemmschwellen, mehr als seine Kumpels. Er konnte andere nie verletzen. Ich stellte mir vor, er versuchte zu drohen, um endlich aus der Klinik herauszukommen, die sein Vater Klapse nannte. Er hatte wohl noch nicht genug erklärt bekommen oder eingesehen, weshalb er dort war. Denn sie versprachen mehr Kommunikation, als sie gaben. Simon interpretiert Eminem, den Rapper. Denn er hatte Mut am falschen Ort, und die Ärzte begriffen das nicht?

Die Ärzte im Krankenhaus waren nicht der Meinung, dass sie mich über die Verabreichung der Medikation hätten aufklären müssen. Sie hätten nur mit dem Jugendamt zu tun, nicht mit den Eltern. Zumindest war es für sie sehr viel einfacher. Sie waren sehr arrogant und total unmenschlich. Ich hatte mir Ärzte anders vorgestellt. So darf das kein Jugendamt erlauben. Gesundheit für das Kind bedeutet Kommunikation und dass eine Mutter versteht, was da gemacht wird. Allmählich verbleicht vor meinen Augen die Hülle Krankenhaus, und es erscheint mir eine Anstalt. Die Eichenholzzeitmaschine setzt sich in Gang und zeigt die Anstalt, die Anstalt, in der mein Simon eingesperrt ist, obwohl er nichts getan hat, ja, in die wohl kaum Kinder oder überhaupt Menschen gehören. Eine Anstalt, in der Angehörige und Betroffene rechtlos werden mitten in Deutschland. Warum setzte sich die Eichenholzzeitmaschine in Gang? Ganz von selbst? Hier bewegt sich doch sonst nichts mehr? Ich stehe immer noch am Vorhang und weiß, wenn ich ihn etwas aufziehe, sehe ich die Katze wieder, die Rechtsanwältin mit ihren abgearbeiteten Unterlagen ist längst verblasst, aber das Erscheinungsbild eines riesengroßen Komplexes wird kommen, in dem Menschen nur noch innerlich nach Hilfe schreien dürfen und still sein müssen, Wut und Enttäuschung in sich hineinfressen, weil sie sonst noch mehr Ohnmacht ausgesetzt werden. Die Lebenden und die Toten aus früheren Zeiten. Ich lasse den Vorhang geschlossen. Meine Arme sind viel zu starr, um sich hoch zu bewegen.

Und die Eichenholzzeitmaschine zeigt mich wieder am Telefon: Auch Frau Mull erzählt mir nur, wie sie selbst als Psychologin Simon behandelt. Sie hat nicht die Aufgabe zu erzählen, was Ärzte mit Simon machen. Die Schwestern und Krankenpfleger sprängen ihre Kompetenzen, wenn sie mir erzählen, welche Medikamente Simon bekommt. Von jetzt an dürften sie mir gar nichts mehr erzählen. Nur Frau Mull hat die Aufgabe bekommen, mir direkt Informationen zu gebe? „Katastrophale Verhältnisse. Sie entziehen sich der Verpflichtung Patienten gegenüber, wenn sie Eltern nicht einweihen. Und ihr seid die Eltern, egal wer da das Sorgerecht hat oder nicht“, meint Erik, der Arzt. „Trotzdem darfst du jetzt nicht mit der Tür ins Haus fallen, so dass die sich überrumpelt fühlen. Du musst mit der Frau vom Jugendamt reden. Da muss ein Weg gefunden werden, um diese Hierarchie aufzulösen.“


In allen Knochen
spüre ich eine Bedrohung

Bedrückend bitte ich um Aufklärung

Nach längeren Gesprächen also bekomme ich die Vollmacht von Frau Möller, selbst mit den Ärzten zu reden und kooperieren zu können. Sie sorgt für einen Gesprächstermin mit der zuständigen Ärztin. Ich darf mich von da an ausführlich aufklären lassen, auch telefonisch. Der Termin soll erst in einer Woche sein und was ich mühsam ausgehandelt in die Wege bringe, darf auch Simons Vater tun. Vielleicht wird dem gesagt, wem er das zu verdanken hat. Doch ich muss mich weiter um Simon kümmern. Ich darf nach längerer Diskussion mit dem Klinikum Enrico als Beistand mitnehmen. Ich werde mit der Ärztin vor dem Termin telefonieren, nachdem ich mich noch einmal eingehend von Erik habe beraten lassen. der jetzt immer Zeit für mich hat. Ich telefoniere mit der Klinik und bekomme nicht die zuständige Ärztin, sondern eine Oberärztin ans Telefon. Sie hat Simons Daten im Bildschirm und spricht mit mir. Sie hält meine Informationen, die ich direkt von einem Kinderpsychiater habe, der heute in einer Behindertenklinik tätig ist, für Unsinn. Zum Beispiel sei es überhaupt nicht so, dass eine Psychose bei Kindern schlechter festzustellen sei als bei einem Erwachsenen, das würden sie sofort erkennen können. Auch schon Dr. Bück habe bei Simon eine schwere Psychose erkannt. Mir hatte er das nicht gesagt. Wem kann ich jetzt vertrauen? „Das steht in keiner Unterlage“, sage ich ihr und höre ihre Antwort: „Ich bitte Sie, so etwas schreibt man nicht! Das erzählt man sich intern!“

Ich muss das Gespräch abschließen, indem ich alle Aussagen für mich offen lasse, denn ich merke, desto mehr ich versuche meine Unklarheiten und Zweifel der Oberärztin deutlich zu machen, desto kränker wird Simon von ihr verbal gemacht. Erst redete sie von etwas Psychose, dann von einer schwachen Psychose. Vorher waren da noch psychotische Störungen. Aber jetzt ist sie dabei, Simon eine schwere Psychose anzuhängen. Ich fühle Simon und mich bedroht. Ich fühle es in allen Knochen. Dabei verhandle ich doch nur und frage die Ärzte. Habe Angst vor der nächsten Antwort. Angst in den Abgrund gezwängt zu werden. Was ich eigentlich mache, ich bettle auf moderne Art? Meine Hand und mein Arm, die die Aufgabe haben, den Telefonhörer an mein Ohr zu heben, sind steif und zitterig geworden.

Nach meiner letzten Frage gibt mir die Ärztin die Namen der Medikamente und die verabreichte Menge bekannt. Danach rufe ich wieder Erik an, denn der wollte das wissen. Mit zittriger gebrochener Stimme lese ich ihm vor, was auf dem Zettel vor mir notiert ist, wobei die Medikamente alle ein wenig anders heißen als ich aufschrieb. Doch Erik kennt sie und erklärt mir die Medikamente, stellt sie teilweise in Frage. Er bereitet mich auf den Termin mit der zuständigen Ärztin vor. Er beruhigt mich, denn die Medikamente seien jetzt auch nicht gleich so gefährlich, wie ich mir das vorstelle, doch: „Das ist kein Kinderspiel, Ilka, was da geschieht. Du trägst die Verantwortung für dein Kind“, so sagt er es. Er selbst hat vier.

Frau Möller vom Jugendamt ist keine Psychose bekannt, hörte dies auch von den Ärzten nicht, nur ein Ausflippen aus Stresssituationen heraus. Sie weiß von den Medikamenten, kennt sie aber nicht. Sie nimmt nur Informationen der Ärzte auf, vertraut und erlaubt ihnen, das zu machen, was sie für richtig halten. Mit der Einnahme dieser Medikamente aber wird auch im Verborgenen bleiben, was Simon eigentlich wirklich hat oder hatte, niemals hatte oder möglicherweise erst in einer Anstalt wie dieser Klinik in K mit einer falschen Behandlungsweise bekommt. Einer falschen Therapie, der wir uns mit allen Konsequenzen unterziehen müssen. Übel ist mir. Wenn er dort erst krank wird, können sie alle Beweise darüber mit ihren eigenen Interpretationen vertuschen. Angeblich benimmt er sich jetzt normal, weil er Psychopharmaka einnimmt, so behaupten die Ärzte innerhalb der Anstalt. Wir da draußen glauben nicht an eine Psychose. Die Symptome hätten uns gezeigt werden müssen. Angeblich war das aber nicht notwendig, denn eine Kommunikation gab es von Seiten der Klinik bisher nur mit dem Jugendamt, welches trotz Ungereimtheiten vertraute.

Kinder und Jugendliche haben eine ganz andere unrealistisch verspielte Phantasiewelt. In einer Situation wie dieser, artet bei Simon eine Phantasiewelt aus. Es wird Zeit, ihm ausgiebig zu erklären, warum er sich im Krankenhaus befindet, damit er erkennt: Es ist gut gemeint. Wer tut das?

Eine von Simons Eigenschaften als heranwachsender und schon leicht pubertierender Junge ist, den Mut zu haben, eine Hemmschwelle zu überwinden und loszulassen. Mit dieser Überwindung, die für Kinder leichter ist, weil es nur gegenwärtig darum geht, sich eine Handlung getraut zu haben, spielt Simon. Er spielt, er probiert mit Ausflippen andere in die Knie zu zwingen. Ein Fehler, dass er genau dieses in der Klapse zeigte. Aber er ist nun mal ein Junge. Das müssen die doch kennen.

Vorsichtig sein, muss man gerade bei jungen Menschen, mit der Festlegung eines Krankenbildes dieser Art. Ich muss mich also davon überzeugen, ob Dr. Bück den Ärzten dieser Anstalt in K gesagt hat, Simon habe eine schwere Psychose, denn eine Psychose ist kein Kinderspiel.

„Die Medikamente sind kein Kinderspiel. Man gibt sie nicht ohne Weiteres. Solche Medikation bedürfte nochmals einer gründlichen Untersuchung, einer Überprüfung an anderem Ort vielleicht. Und ebenfalls einer gründlichen Unterredung mit den Angehörigen an einem Tisch mit Entscheidungsfreiheit“, stelle ich fest, nachdem ich mich ebenfalls mit mehreren Fachleuten unterhielt und nicht nur mit Erik. Der Gesprächstermin im Krankenhaus ließ noch ein paar Tage auf sich warten.


Es bleibt mir nur eine Möglichkeit
Briefe und Dialoge

Ganz schnell

Jetzt muss ich schriftlich arbeiten und sagen, was ich will. So werden Wörter festgehalten und der Stil der Auseinandersetzung. Genauso wie ich Schriftstücke hinterlege oder sie einfach anderen zur Überprüfung gebe, die entscheiden können, wie nachvollziehbar meine Schreiben überhaupt sind. Alle, die sich jetzt miteinander austauschen in Simons Fall, sollen meine Informationen, meinen Kenntnisstand und meine Stellungnahmen kennen. Zu meiner Verwunderung wird es aber nie eine schriftliche Antwort auf meine Briefe geben. Manche Personen antworteten nicht einmal mündlich. Unglaublich, weil es wirklich um eine Sache geht, die kein Kinderspiel ist.

Ob dann anders durch die Schreiben gehandelt werde, kann ich natürlich nicht ergründen. Logischer Weise gibt es aber Veränderungen wie jedes Handeln irgendeine Veränderung bringt. Die meisten Schriftstücke werde ich in der Nacht schreiben. Immer wieder wird es passieren, dass ich zu einer außergewöhnlichen Nachtzeit wach werde, hellwach und genau wissen werde, was ich zu tun oder zu schreiben habe und wie es sich anhören müsse.

Dr. Bück versichert dem Ärzten,
er werde das hohe Personal im Klinikum
nicht kontrollieren

Ich sitze wieder am Computer und schreibe, mache Ausdrucke und kennzeichne die Schriftstücke, wer welchns bekommt. Dann stehe ich früh vor allgemeinen Arbeitsbeginn persönlich beim Empfänger der Schreiben, gebe sie ab und warte gleich auf eine Antwort. Die Zeit muss man sich schon nehmen. Es sollen ja keine Missverständnisse entstehen. Ich bin persönlich da. Ich zeige ich mein Gesicht. Ich bin bereit, zu erklären oder Fragen zu beantworten. Jedes Mal, wenn ich einen fertigen Schriftwechselstoß verteilt habe, bin ich froh, dies gemacht zu haben, und warte die Reaktionen und Veränderungen ab. Nur so fühlt mein Magen wieder Hoffnung. Ich hätte es anders nicht ausgehalten. Die kleinste Möglichkeit, die kleinste Tat, um Simon zu helfen versäume ich nicht.

Das Jugendamt und die Praxis Dr. Bück bekommen erste Schreiben von mir: - Im Landeskrankenhaus hat sich etwas verselbständigt, was gesundheitlich für Simon einfach sehr problematisch ist. Seit Montag darf ich mich bei den Ärzten informieren. Simon werde mit 1. Valium, 2. Haldol und 3. Akiniton behandelt.

Ich erkundigte und beriet mich eingehend – auch mit zwei Ärzten, Fachärzten dieses Bereichs. Das erste Medikament wäre noch verständlich, da es sich um ein Beruhigungsmittel handelt und Simon in einer sehr ungehaltenen aggressiven Stimmung gewesen sein muss. Bei der zweiten und dritten Arznei handelt es sich um ein Medikament, welches Erwachsene nach bzw. während einer Psychose bekommen.

Eine Psychose hatte Simon nie gehabt. Simon war immer klar in seinen Erzählungen und Handlungen. Was er tat und vorhatte, zeichnete, schrieb er vorher oder machte ganz einfach Sprüche darüber. Ich habe seine Zeichnungen und seine Briefe zu Hause. Er ist klar und realistisch in sich und kann keine Psychose haben. Da ist ein Fehler unterlaufen. Das muss dringend geklärt werden.

Beim gestrigen Telefongespräch mit der Oberärztin, gab es Ungereimtheiten. Sie war der Meinung, Simon habe die Psychosemittel nach zehn Tagen Aufenthalt im Krankenhaus bekommen und sie sagte, Simon hätte eine schwere Psychose. Das kann nicht sein. Das muss überprüft werden.

Nach sechs Tagen hörte ich von einem Pfleger, dass Simon Medikamente bekommt. Nach so kurzer Zeit kann bei Kindern keine Psychose diagnostiziert werden. Es ist überhaupt sehr schwer, dies bei Kindern zu erkennen, da sie sich bei Schwierigkeiten in ein ganz anderes Weltbild fallen lassen, ohne dass eine Psychose vorhanden ist.

Herr Dr. Bück lieferte Simon ein, meinetwegen zu seinem Selbstschutz. Ich habe das Faxdiktat mithören können. Simon hatte viel Kontakt zum Jugendamt, und Simon erschien allen klar, nur grämte er sich. Menschen, die Simon vorher erlebt und gesehen haben, glauben niemals an eine Psychose. Er schwebt zwischen Depressionen und Aggressionen und kennt seine eigene Verzweiflung und Hilflosigkeit, aber sieht und stellt sich nichts Verwirrendes vor. Von daher sind die Medikamente falsch.

Wir wollten, dass er Ruhe bekommt und sich wieder aufbauen kann und stark wird. So habe ich es verstanden. Da wurden Medikamente nie erwähnt. Ich hörte nur, dass auch Fachleute sagen, warum sollte ein Junge wie Simon dort Medikamente bekommen, der braucht doch keine Medikamente. Die Psychiatrien seien längst nicht mehr so, wie man sie sich von früher her vorstellt. Wir sollten Simon nicht mit den falschen Medikamenten versorgen. Herzliche Grüße und Dank für das Verständnis. - Ilka Hölzer


Die Eichenholzzeitmaschine läuft weiter. Ich schaue näher hinein. Dr. Bück steht vor seiner Praxis früh am Morgen. Er hat gerade noch Zeit, sich mit meinem Brief zu befassen. Wir sitzen in seinem Sprechzimmer. Er sagt nicht viel, nur dass ich mir doch nicht so viele Sorgen machen solle. „Herr Dr. Bück, haben Sie am Telefon mit der Oberärztin gesprochen? Haben Sie ihr gesagt, Simon habe eine schwere Psychose?“ – „Ich habe nur den Verdacht einer Psychose ausgesprochen.“ Das sagt er mir.

Ein Glück, jetzt ist alles aufgeklärt. Mit Erleichterung nehme ich die restlichen Schriftstücke, die ich aus meiner Tasche geholt hatte und auf seinem Schreibtisch vor mir liegen habe, in die Hand, um diese wieder in meine Tasche verschwinden zu lassen. Dr. Bück beobachtet, ich habe noch andere Ausdrucke für andere Eingeweihte. Dr. Bück aber schaut ernst und korrekt. Er sagt, er werde meinen Brief jetzt dem Krankenhaus zufaxen. Vielleicht will er mir die Arbeit etwas erleichtern. Er schreibt einen Vermerk unter diesen Brief bevor er faxt:

„Ich versichere dem NLK,
dass es nicht von mir kontrolliert wird.“

Ich bekomme eine Kopie, lese diesen Satz, bekomme schwache Beine und verstehe jetzt gar nichts mehr. Ich merke nur, eine Angst kriecht in mir hoch. Ich fürchte mich, zu fragen, was das soll. Ich fühle weiche Zitterknie und unsichtbare grausame Mauern, die mich einzukerkern scheinen. Ich scheine mich nicht mehr auszukennen in dieser Welt. Herr Dr. Bück überreicht mir die Faxkopie. Ich schaue ihn beunruhigt an. Dr. Bück fand alles selbstverständlich und verabschiedete sich freundlich von mir.


Jetzt nachdenken -
aber nicht zu viel denken,

ruhig denken,
gefiltert denken,
eben nicht alles denken!

Er hat mir erzählt, er habe nur den Verdacht einer Psychose geäußert. Alles andere verstehe ich eh nicht. Ich stehe jetzt bei Frau Möller vor der Tür. Die Gänge des Jugendamtes sind lang, aber gut und still genug zum Nachdenken, aber nicht zu viel denken, ruhig denken, gefiltert denken und nicht alles denken. Frau Möller nimmt die Schreiben entgegen. Sie setzt sich auf ihren Stuhl und liest. Sie schaut mich an: „Danke für Ihre Ausführungen, Frau Hölzer, ich werde mich noch eingehender damit befassen. Aber machen Sie sich nicht so viele Sorgen.“ – „Frau Möller, wissen Sie, warum Herr Dr. Bück unter das Fax schrieb, er werde das NLK nicht kontrollieren? Was versichert er denen?“ Ich zeigte ihr dieses von ihm weitergeschickte Fax. Nein, Frau Möller weiß das nicht.

Ich verteile die restlichen Ausdrucke in den Briefkästen nur mit der Bitte um Kenntnisnahme. Von Herrn Tannen bekomme ich gleich immer eine Stellungnahme und telefonische Beratung dazu. Manchmal macht er mir nur Mut und wünscht mir alles Gute auch für Simon. Er ist bereit, Simon zu besuchen, denn er ist die einzige Person, zu der Simon immer Vertrauen haben konnte. Die Psychologin des Krankenhauses, Frau Mull, hat Verständnis für diese Bitte, kann aber noch nichts dazu sagen.

Jetzt bin ich wieder zu Hause. Enrico versteht den Satz auch nicht, den Dr. Bück unter das Fax schrieb. Er versteht meine Beunruhigung, sein Kopf arbeitet Verschwörungstheorien aus. „Nazistaat!“, ruft er plötzlich aus. Ich fange an zu weinen: „Nein, nein, lasse das bitte, Enrico. Dann sind wir doch verloren.“ Enrico haut verzweifelt ab. Ich stehe alleine in meiner Wohnung. Ich weine, heftig, hilflos, verzweifelt, mit der Faxkopie in der Hand.


Schnell schmeiße ich den Computer noch mal an und schreibe noch einmal an Dr. Bück: - Sehr geehrter Herr Dr. Bück, bezugnehmend auf das Schreiben, das ich ihnen heute Morgen persönlich übergab, möchte ich versichern: ‚Ich habe vor, mit dem Landeskrankenhaus zum Wohle Simons gut zusammen zu arbeiten. Wenn es um Psychopharmaka geht, ist die Gesellschaft stark gespalten. Der größere Teil davon, glaube ich, will sie möglichst vermeiden. Und ich versichere Ihnen, dass meine Bemühungen und Nachfragen aus Angst und Sorge geschehen.

Sie sagten nach der Einweisung Simons in das Krankenhaus hätten Sie am Telefon Vermutungen einer Psychose geäußert. Mir gegenüber taten Sie dies nicht. Das enttäuscht mich etwas. Doch aus welchen Gründen schlossen Sie das?

Wann und in welchem Zeitraum kann man Ihrer Ansicht nach eine Psychose feststellen? Sollte man Medikamente vor der richtigen Diagnose verabreichen, ohne Absprache bei Eltern, die bei solch einer Diagnose immer beratend und informativ mitwirken können, und über Verhaltensweisen aufklären können?

Ich stehe mehr auf dem Standpunkt, solche Medikamente möglichst zu vermeiden, was raten Sie mir? Bitte beantworten Sie mir diese Fragen oder geben Sie mir einen Gesprächstermin so bald wie möglich. Wir haben Sie doch als Arzt gewählt, und ich fühle mich einfach schlecht informiert. Herzliche Grüße und Dank für das Verständnis, - Ilka Hölzer


Komischerweise wagte ich nie die Frage an ihm persönlich, warum er unter der Faxkopie handschriftlich versicherte, dass er das Krankenhaus nicht kontrollieren wolle? Ich habe Angst. Ich weiß nicht, was Enrico macht. Er meldet sich nicht mehr. Ich weiß nicht, was mein lieber Simon gerade macht. Mein Magen krümmt sich wieder und wieder. Ich übergebe mich, obwohl ich noch nichts gegessen habe.

Ein wenig erhole ich mich, hole mein Fahrrad, nehme den Brief, fahre langsam und unsicher durch die Stadt bis zum Briefkasten der Praxis von Dr. Bück. Den Brief schmeiße ich hinein und fahre wieder zurück nach Hause. Ich sitze in einem leeren Raum und weiß nicht wohin mit dem allen. Ich weiß nicht, wohin mit mir. Das Telefon klingelt. Micha ruft an. Ich weine ihm eine Zehnminuten-Geschichte vor, und dann weine ich nur noch. Micha ist ganz still, obwohl ich nichts mehr sage.

Dann sagt er: „So jetzt muss ein anderes Krankenhaus her. Ein Krankenhaus, dem man vertrauen kann. Da wird Simon eingeliefert und es wird eine wirkliche Diagnose gestellt, indem Du mitwirken kannst, Ilka.“ – „Dieses Krankenhaus heißt Herdecke. Es hat eine Kinder- und Jugendpsychiatrie. Sie meiden dort Medikamente und greifen eher zu anderen Heilmitteln. Sie wollen stets Gespräche, damit Familienmitglieder eingeweiht sind und zusammen mit ihnen arbeiten. Es liegt ein wenig entfernt, aber es muss sein. Ich werde mich da jetzt mal umhorchen. Ruh dich aus. Bleibe ganz ruhig. Du hörst wieder von mir.“ Micha ist Pastor. Wir legen die Hörer auf. Ich sitze in meiner Wohnung und weine mich lange aus. Plötzlich klingelt es unverhofft, ein wenig zu früh für das Projekt Herdecke. Dr. Bück ruft an: „Frau Hölzer, ich möchte auf jeden Fall ganz schnell einen Gesprächstermin mit Ihnen vereinbaren. Wann klappt das? In den nächsten Tagen? Morgen?“ – „Ja, morgen!“

Ich drehe die Zeit in der Eichenholzeitmaschine nach vorne, um den Termin gleich noch einmal wahrnehmen zu können. Ich erzähle, was ich zwischenzeitlich über Psychosen erfahren habe, über meine Zweifel, wenn es um Simon geht, frage nach Wegen, was zu machen sei, um mit den Verantwortlichen in der Klinik einen gemeinsamen Weg gehen zu können. Und ich frage auch, weshalb er, Dr. Bück, den Verdacht einer Psychose bei Simon äußerte. Er war doch in der Praxis während der Kontrolltermine immer ganz still gewesen und hätte nichts gesagt.

Simon äußerte aber deutlich und klar weshalb er Dr. nichts sagte. Er meinte, was er Dr. Bück erzählen werde, wird dem Jugendamt und Herrn Tannen gleich weitererzählt. Was er Herrn Tannen erzähle, wird nicht weitererzählt, vielleicht, denn ganz sicher sei das nicht. Was er dem Jugendamt erzähle, wird wiederum allen anderen weitererzählt. Deswegen werde Simon nichts mehr sagen wollen und sagte auch nichts mehr. Also wie konnte Dr. Bück bei dem schweigendem Sitzenden, der nur diese Erklärung seines Schweigens bekannt gegeben hatte, einen Verdacht einer Psychose äußern?

Dr. Bück hat alles angehört, was ich fragend erzählte und erklärte. Eine Pause, eine Schweigeminute, breitete sich im Raum aus. Dr. Bück lächelte jetzt ein wenig und sagte: „Ich werde dem Krankenhaus und der zuständigen Ärztin schreiben, dass wir beide zusammen ein sehr gutes Gespräch geführt haben.“ Gut, dann wissen die im Krankenhaus mich einzuschätzen, denn bald habe ich ja einen Termin mit denen. Er sagt noch, er werde einen Gruß an Simon schicken. Auch gut, dann weiß Simon, ich habe ihn nicht vergessen, ich tue was für ihn.

In dem Moment, als ich außerhalb der Praxis draußen herum stand, wusste ich, ich hatte keine einzige Frage beantwortet bekommen. Ich stellte nur fest, ganz ruhig und schaute auf die Allee mit den Bäumen vor der Tür der Praxis, ein schönes altes Haus, vielleicht Jugendstil. Ganz ruhig beschließe ich für mich, wenn ich den Termin im Krankenhaus wahrnehme, passieren mir diese Fehler nicht mehr. Ich werde auf die Antworten warten.

Ich habe für den Rest des Tages eine leere Zeit. Verzweiflung und Hoffnung wechseln ständig in mir. In der nächsten Nacht erzähle ich Simon ganz viele Geschichten, nur so in Gedanken. Ich erzählte ihm von Hoffnung und dass wir noch etwas warten müssen. Ich erzähle so stark in mir drin, dass er meine Nachricht bekommen haben muss. Ich träume von ihm und mir. Er hat das Tagebuch, hoffentlich schreibt er rein. Er hat meine Nachricht bekommen. Ich wache auf in der Nacht und weiß, ich muss seine Handlungen und sein Benehmen vor dem Termin gut erklären. Es darf nichts vergessen werden, wie es im Internet zu lesen war: „Die Eltern müssen das Kind beschreiben, wie es selber war, wie seine Beziehungen gewesen sind. Die Ärzte müssen diese Beschreibungen ernst nehmen. Nur so kommen sie zu guten Diagnosen und passenden Therapien.“ Ich stehe auf und erkläre meinen Sohn im Computer:

Vor allem vor dem hohen Krankenhauspersonal
beschreibe ich meinen Sohn und seine Beziehungen,
so wie ich ihn kenne und erlebte:


Simons Vater:
Dem Vater geht es ständig schlecht. Er steht stets unter Stress, der in Hass und Verachtung auf andere Menschen, soziale- oder Wirtschaftssysteme, Behörden und was auch immer umgewandelt wird. Im Laufe der Jahre hat sich das in ihm gestapelt. Er findet auch immer wieder Beweise, dass alle Dinge schlecht und ungerecht sind. Nur er ist der einzige Kämpfer, der alles „ins Lot“ zu bringen hat. Oft hatte ich das Gefühl, er arbeite direkt daraufhin, um Beweise zu haben, dass alles schlecht sei, und er in diesen oder anderen Sachen als Verlierer unwillkürlich herausgehe. Danach könne dann begründet werden, andere oder irgendwelche Systeme seien schlecht. Trotz der immer größer werdenden Unzufriedenheit in ihm, kommt er selbst damit wahrscheinlich ein wenig besser klar als seine Mitmenschen, die mit Ohnmacht und Mitleid das mit ansehen müssen. Verlassen kann man ihn nur schwer, denn er kann auch aus Verzweiflung weinen und sagen, dass er Menschen gern hat und liebt. Doch wenn man es nicht schafft, sich von ihm zu trennen, zerbricht man.

In seinen Augen bin ich diejenige, die an der Ehescheidung Schuld ist. Außerdem bin ich ein ganz verachtenswerter Mensch, der viele Schwächen hat, von angeblich schlechter Schulbildung bis hin zu vielen anderen schlechten Eigenschaften. Er will seinen Sohn für sich haben und arbeitet massiv daran, ohne Rücksicht auf Empfindungen des Sohnes. Der Vater erzählt, er bekomme seinen Sohn stets zerrissen und unglücklich zu sich, nachdem er bei mir war. Und bei ihm zu Hause taue Simon erst wieder auf und könne glücklich sein. Der Sohn erzählt mir das Gegenteil, sein Vater hätte ihn bei sich zu Hause „angeschnauzt“, er solle endlich lachen und glücklich sein. Doch Simon hatte keinen Grund, glücklich zu sein. Er war traurig. Simon „muckst nicht auf“, wenn sein Vater etwas sagt. Simon steht unter massivem Druck des Vaters. Der Vater ist sehr aggressiv. Ich wünsche mir, dass Simon seinen Vater in nächster Zeit im Krankenhaus nicht sieht. Ich habe Angst, Simon könnte „umkippen“

Simons Verhalten in der Not
Simon war noch sehr dünn und klein, als er eingeschult wurde. Viele Kinder, mit denen er zu tun hatte, waren schon sehr „durchtrieben“. Simon wurde sehr oft geärgert. Er wollte sich nichts gefallen lassen und sich auch nicht ständig ärgern lassen, er meinte, das würde er nur schaffen, wenn er mit Aggressivität (Schreien, Treten, Schubsen) antworte. Er hat leider nie eine andere Abwehr kennen gelernt und Diskussionen unter Kindern fand er sehr unwirksam.

Simon sucht immer männliche Vorbilder
Er hat manchmal Angst zu verlieren. Richtige Wettkämpfe mochte er nie freiwillig eingehen. Er suchte und sucht immer noch ältere Jungen oder Männer, von denen er sich abgucken kann, wie ein richtiger Junge oder ein werdender Mann denn zu sein hat. Das richtige Vorbild hat er noch nicht gefunden, aber er möchte ein „Richtiger“ werden. Zurzeit denkt er immer daran, wie oft er doch versagt hat.

Simons Superstar Eminem
Simon will sein wie Eminem. Färbt sich die Haare blond wie er. Versteckt sich stets unter einer Mütze wie er, und er ist genauso cool. Eminem fällt auf. Er kennt die härtesten Slum-Ausdrücke und die entsprechende dazugehörige Sprache. Wer das kennt und so reden kann als Jugendlicher, ist stark und kann gar nicht mehr angegriffen werden. Und wer den Mut hat, aufzufallen wie Eminem, ist ebenfalls stark und wird nicht mehr angegriffen werden. Eminem ist ein Rapper und „spielt verrückt“. Er stoppt Autos und stellt sich cool mit einem Messer hinter dem „Rotlichtmilieu“. Er ist mal ein Superstar, mal ein Straßentyrann und dann zeigt er sich wieder von einer anderen besseren Seite. Mal verachtet er Lesben und Schwule, aber dann schützt er wieder Minderheiten. Er „kloppt“ sich auf der Straße, erzeugt ein Superschauspiel und hat Gerichtsklagen wegen Körperverletzungen „am Hals“. Aber er hat auch sehr viel Stil. Nie würde er seine Freunde verraten. Wer es schafft Eminem genauso nachzumachen (wie Simon??) ist cool, stark, mutig und erntet Anerkennung.

Eminem und sein großer Boss meinen, die Eltern sollten keine Sorge um ihre Kinder haben, denn Erziehung beginne im Elternhaus. Ich denke, die haben da Recht, nur die Betonung liegt auf „beginnt“ und Jugendliche sind gerade dabei, sich vom Elternhaus zu lösen.

Alesky, ein anderer Superstar, und Eminem singen Lieder von Liebeskummer und Hilflosigkeit, die bis zum Selbstmord führen. Simon schreibt Briefe an Eminem, die er versteckt und nicht abschickt. In den Briefen entschuldigt er sich, dass er erst dreizehn geworden ist, seine Hilflosigkeit und sein Frust sich nicht auf Liebeskummer bezieht, sondern dass er einfach schlecht ist überall. Ein Mädchen, das ihn liebt, will sich umbringen, weil er das so nicht empfindet. In der Schule ist er schlecht. Er weiß auch nicht warum, alle und überall sagen sie, er sei schlecht. Und er beschreibt Eminem wie er sich umbringen will, nur hat er es doch noch nicht so geschafft.

Im Krankenhaus soll Simon mit seiner Mütze gesprochen haben. Ich glaube, er sprach mit Eminem. Er spielte. Er stellte es sich vor, um die Situation aushalten zu können. Die Mütze ist eine Eminem-Mütze.

Simons Freund Pitt
Pitt ist ein vielleicht Achtzehnjähriger mit einem sehr schlechten Hauptschulabschluss. Er hatte eine Ausbildungsstelle, die ihm seine Mutter besorgt hatte. Pitt hat diese „geschmissen“ und macht jetzt gar nichts außer Videos ansehen, Playstation und mit den Jüngeren spielen. Als wir vor vier Jahren in die Siedlung zogen, spielte Simon mit dem jüngeren Bruder, doch Pitt war immer dabei. Der Älteste bestimmte überwiegend unter den Brüdern, wer welchen Freund bekam. Ich sah das recht kritisch und auch Simon ließ sich nicht immer darauf ein. Doch je mehr Simon in die Pubertät kam, wurde er von Pitt angezogen. Pitt war modisch und konnte immerhin äußerlich einen richtigen Jungen darstellen. Er hat Videos, auf die er recht stolz ist. Kämpfer rissen dem Opfer Arme und Beine ab und schlugen damit. Ich wollte, dass die Jungen nur draußen spielten und Simon nicht in die Wohnung zu Pitt ging. Die Eltern belogen mich, und Simon durfte heimlich rein. Pitt fing Simon nach der Schule ab, bevor er zu mir nach Hause kam. Wenn Simon mit Pitt nichts zu tun haben wollte, fragte Pitt jede Viertelstunde nach, ob Simon jetzt Lust habe.

Simons Sensibilität
Als er klein war und Walt-Disney-Filme sah, lachten seine Altersgenossen über verschiedene Szenen, die zwar lustig, doch mit ernsterem Hintergrund waren. Simon meldete sich daraufhin lautstark und empört, man hätte darüber nicht zu lachen, es sei überhaupt nicht lustig. Ich ließ ihn nur Filme sehen, die altersgemäß waren. In der Schule beobachtete er, wie Schüler unfair von anderen behandelt wurden. Er erzählte dies und wir taten etwas zusammen, um denen zu helfen. Er machte mit vier Jahren lautstark achtzehnjährige Jungen in der Stadt an, die mit Cola-Dosen schmissen und diese zertraten, weil sich Tiere daran verletzen könnten. Ich glaube, er zwingt sich selbst, die Filme zu gucken, die er mit Pitt, auch seinem Vater oder bei den Großeltern in Dortmund sieht. Er soll nicht sensibel darauf reagieren, denn er ist ein „Kerl“, wird ihm gesagt. Simon kuschelt gerne. Wir lasen Geschichten, dann kuschelte er sich an mich und wir schliefen ein.

Herr Tannen findet die Darstellung passend
: „Besser hätte ich es gar nicht treffen können, wie Sie Simon beschrieben haben. Frau Hölzer, machen Sie weiter. Bitte, geben Sie nicht auf. Mir liegt auch sehr viel daran, dass es Simon und Ihnen beide bald besser geht!“ Dann sagt er noch: „Was mir an den ganzen gut gelungenen Schreiben fehlt, ist eine persönliche Darstellung. Sagen Sie immer deutlich, wer Sie sind, und was Sie erreichen möchten. Sonst tun das andere für Sie.“ Also besser selbst bestimmen. Ansonsten ist der Weg sehr gut. Wie gesagt, er wüsste selber keinen besseren Weg."


Frau Möller meint, dass wäre schon alles in Ordnung, was ich da schreibe: „Aber beachten Sie auch, eine Kritik von Ihnen ist subjektiv, also einseitig gesehen.“ Doch sie zeigt Verständnis. Sie sagt nicht genau, an welcher Stelle sie Subjektivität sieht, denn wir waren uns in vielen Punkten einig, was Simon betrifft. Nur im Großen und Ganzen ohne Dialog wegen der Mutterbeziehung urteilt sie so. Aber sie hat vielleicht noch nicht verstanden, dass Ärzte normalerweise sich bei Eltern über das Kind informieren sollten, bevor sie es untersuchen.

Frau Mull, die Psychologin von K, findet die Darstellung unrealistisch, geschrieben von einer Mutter: „Deswegen kann man diese Briefe auch gar nicht beantworten. Dazu sei keiner in der Lage. Das sei alles sehr unrealistisch.“ Danach erzählt sie mir am Telefon als Mutter von ihren eigenen Kindern, beurteilte, bewertete und verglich sie mit Simon, so wie sie sie sah. Vielleicht findet sie sich als Psychologin realistischer, wenn sie als Mutter über ihre Kinder spricht. Vielleicht findet sie sich überhaupt realistischer als andere Leute, die keine Psychologen sind. Es hört sich aber nicht so an. Aber Frau Mull sagt jetzt, sie werde die Schriftstücke an die Ärzte weitergeben und schauen, was sich machen lasse. Vielleicht ein wenig überheblich gesagt. Aber vielleicht kann und will sie helfen.

Frau Schweiger, die Gerichtsgutachterin, schweigt
immer noch. Sie hat alle Schreiben, die ich irgendwann und irgendwem schickte, bekommen. Der Anrufbeantworter, auf dem ich schon öfter mal sprach, hat noch nicht zurückgerufen. Ich schilderte meine Not darauf und nachfragen darf man ja, wann sie sich endlich für uns einsetzt. Denn sie ist zurzeit die größte Hoffnung einer anderen Wende, einer Rettung. So blicke ich auf das schweigende Telefon und beschäftige mich mit handlungsfähigen und –unfähigen Personen.


Ich bekomme nicht wirklich Kontakt
mit den Verantwortlichen der Klinik

Handlungsunfähige und Handlungsfähige

Der selbst Handlungsunfähige ist eine freie mitfühlende Person, teilt Leid, hat Verständnis und ruft zu neuem Mut auf, zum Weitermachen. Ja, er kritisiert laut, ist klar und eindeutig, doch er weiß, seine Hände sind ihm gebunden.

Der Verantwortliche hat Verständnis und viel Geduld. Er sitzt zwischen zwei Stühlen, der Obrigkeit untertänig versucht er zu schlichten, ist aber nicht bereit, chaotische Hierarchien und Systeme zu brechen. Er schweigt unauffällig auf Fragen seiner Bittsteller. Er versteht nicht immer gleich, - sicherheitshalber. Aber er versteht teilweise und gibt keine konkreten Versprechen ab. Er beugt sich dem Starken, hilft und sucht nach einem annehmbaren Weg für den Schwachen, den Hilfesuchenden. Der Weg muss praktisch und leicht begehbar sein. Aber er führt hinten herum, durch einen Keller. Ja sind wir denn im Mittelalter?

Der Handlungsfähige mit der Federführung in der Hand hat sich den Verantwortlichen zum Spielball gemacht. Wichtig ist für sie stets die Diskretion. Auch wenn uns das nicht logisch erscheint. Der Handlungsfähige braucht Verschlossenheit. Nichttransparenz bedeutet Macht. Ignoranz und Arroganz dienen ihnen dabei. Sie wirken wie Bunker und schützen die gesamten Machenschaften. Der Handlungsfähige schützt keine Menschen, für die er angeblich den Posten bekam, im demokratischen Staat. Vielleicht hat er doch andere Interessen, die niemand erwartet und wissen darf.

Und ich erfasse wieder den Augenblick meiner Erinnerung, als ich das erste Mal mit Frau Möller in der Anstalt saß, Simon eingeliefert wurde. Ich die Anstalt  noch für eine normale Klinik hielt und Frau Mull Aussagen und Stellungnahmen auf Papier festhielt. Ich beobachtete stockend, wie unheimlich gierig Frau Mull reagierte, als Frau Möller in Simons Vater ein etwas psychotisches oder nicht ganz korrektes Verhalten erklären wollte. Die Begriffe und Formulierungen vergaß ich. Doch ich sah, Frau Mull von K sog die Aussage gierig mit Augen und Ohren in sich hinein. Der Stift in ihrer Hand bewegte sich schnell, schneller als je zuvor. Die Spalte, in die sie zu schreiben hatte, musste sie nicht mit ihren Augen suchen lassen. Sie wusste gleich, wohin sie zu schreiben hatte.

Sie da in K, sie leben und zehren von der Lebenssubstanz anderer Menschen, indem sie nach psychischen Erkrankungen oder Auffälligkeiten suchen. Haben sie was gefunden, stürzen sie sich gierig drauf. Da ist ihre Speisekarte und ich dachte, alles komme Simon zugute, weil die Suche auf möglichst schnelle Heilung und Wohlbefinden heißen sollte. Ich starre auf meine Eichenholzzeitmaschine. Ich frage diese Maschine ständig: „Warum? Warum das alles?“ Die Eichenholzzeitmaschine regt sich nicht.
(© Ilona Meschke 2008)

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… es knistert …

… oder brennt es schon? …


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