am neunten Novembertag irgendwann
Trotz Vertrauen zu dem, was ich tat, laufe ich nicht ohne leeres oder verkrampfendes Gefühl in der Magengegend herum. Ich erfahre leider schnell, eine ganz andere Größenordnung des Schreckens, die sich schon hinter unseren Türen versteckt.


Gregor meint plötzlich
er ahne, ich würde meinen Jungen
nicht mehr wiedersehen

Es fliegt jetzt das amtliche Papier ins Haus

Ich stehe vor der Eichenholzzeitmaschine am neunten Novembertag irgendwann. Ich schaue herein und vergrabe mich wieder einmal in die Zeit. Es war an einem siebenten Maitag, als Simon in die Klinik kam. Dreizehn Jahre ist er jetzt, ein noch recht zierlicher kleiner Junge, sensibel und durch Konflikte Erwachsener und Behörden viel Schulentwicklung versäumt. Simon wehrt sich auf kindliche Art. Ein bis zwei Tage nach der Einweisung kommt amtliches Papier ins Haus.

Dr. Bück schreibt in der ärztlichen Bescheinigung zur Vorlage beim Vormundschaftsgericht: Bei Simon liegen schwer emotionale Störungen und Störungen im Sozialkontakt vor. Gelegentlich zeigt er uneinfühlbare Verhaltensweisen, die auch an ein psychotisches Krankheitsbild erinnern. Es ist unklar, ob Simon zwischenzeitlich auch Drogen einnimmt. Simon ist in hochgradiger Verzweiflung in seiner Position zwischen den geschiedenen Eltern. Simon neigt zu überschießenden Reaktionen, die ihn selbst in Gefahr bringen und auch andere. Z.B. gefährlicher Umgang mit spitzen Gegenständen, unvorsichtige, gefährliche Handlungen im Straßenverkehr. In der Vergangenheit hat Simon auch mehrfach Selbsttötungsgedanken signalisiert.

Ich fand Dr. Bück war korrekt. Er hat vorsichtig die Gründe einer Einlieferung beschrieben, ohne die Ursachen dieser Gründe in seiner Darstellung verschwinden zu lassen. Alles, was er auflistete, kam nur einmal vor.

Frau Möller schrieb dem Gericht einen Antrag: "... Die Entwicklung Simons hat sich derart verschlechtert, dass sowohl der behandelnde Kinder- und Jugendpsychiater noch der co-therapierende Psychologe keinerlei Erfolgsaussicht mehr sehen können. Insbesondere hat sich die Tendenz der angedrohten Selbsttötungsabsichten nicht beheben lassen. Wir müssen auch feststellen, dass insbesondere der Vater des Kindes nicht davon zu überzeugen war und ist, dass es einer dringenden Behandlung bedarf. ..."

Vielleicht ist es besser, amtliche deutsche Schriftstücke genauer durchzulesen. Doch irgendwie vertraute ich der Sachlichkeit von Frau Möller und all dem, was sie eh schon erfahren hatte. Viel zu spät lese ich manchmal ein Papier, in dem mir auffallen wird, ich hätte es früher genauer lesen sollen. Oft sind Darstellungen nicht so korrekt. So schrieb Frau Möller von Verhaltensauffälligkeiten bei Simon vor vier Jahren. Das ist nicht wahr. Es waren nur umstrittene Aussagen seines Vaters, nichts Amtliches. Herr Tannen, etwas kompetenter als Henry, hatte anderes festgestellt: „Das Kind ist normal. Die Eltern brauchen eine Therapie.“ Hätte ich aufgepasst, hätte ich es annullieren können. Doch dann wäre meine Kritik zur Kenntnis genommen und gesagt worden, es sei doch jetzt egal, es gehe doch nur um den Krankenhausaufenthalt, und dass sichergestellt ist, dass etwas getan wird.

Wunderlich diese übertriebenen Ausführungen der Suizidgefährdung. So wie die Amtspersonen das jetzt auf die Spitze treiben, habe ich das nie beschrieben. Er ist normal in seiner Situation. Simon wollte und will sich nicht umbringen, er warnt und er zeigt, wie verzweifelt er ist. Das wäre doch auch ein Grund gewesen, etwas zu tun und es auch so zu begründen. Nein, es muss klipp und klar feststehen, dass ein Krankenhausaufenthalt nötig ist. Also besser aufbauschen als vorsichtig mit Aussagen sein. Überhaupt sprechen wir jetzt Amtsdeutsch, egal wie man was liest, alles klingt entweder so oder so, gut gemeint oder gefährlich. Also kommt es immer auf das Ziel an, ein gutes Ergebnis für Simon.

Der Beschluss des Gerichts lautet: "Die Entscheidung gilt für die Dauer ihrer Erforderlichkeit, längstens jedoch bis zum Ablauf von acht Wochen."

Ein Rechtsanwalt wird als Verfahrenspfleger bestellt, einer, der die Sache mit untersucht und kontrolliert. Acht Wochen lang sollen die Eltern keinen Kontakt zu Simon bekommen o. k. sonst dürften ihn vielleicht schon wieder beide sehen, wegen der Neutralität oder amtlicher Korrektheit. Ich erkundige mich oft bei den Schwestern und Pflegern nach Simons Wohlbefinden und was er so macht. Ihre Auskünfte hören sich beruhigend an. Auch Frau Mull, Simons Psychologin in der Klinik, erzählt ausführlich und viel, was sie speziell mit Simon mache, wie er reagiere, und er habe wohl schon ein wenig Vertrauen zu ihr. Ich müsse mir keine Sorgen machen. Aber sie erzählt mir auch, dass Simons Vater vor der Klinik stand. Er kam nicht herein und schrie: „Simon halt dich wacker! Ich kämpfe um dich! Dein Papa kämpft um dich!“ Mir krümmt sich ein wenig der Magen zusammen beim Zuhören.


Wenn ich mich selbst nicht melde,
scheint alles still in Vergessenheit

geraten zu sein
Wo ist Simon?

Frau Möller, was macht Simon? Wie soll es denn so weitergehen? Jetzt, wo Simon im Krankenhaus ist, sehe ich seinen Vater nicht mehr. Das tut mir gut. Ich möchte aber mehr von Frau Möller wissen, von ihrem weiteren Plan oder mit planen. Ich stehe in meiner Wohnung hilflos und leer, denn in irgendeiner Magengegend fehlt mir Simon.

Und dann schreibe ich Frau Möller einen Brief:
Sehr geehrte Frau Möller, - meine Rechtsanwältin fragt bei Gericht nach dem aktuellen Stand, um das Verfahren zu beschleunigen. Herr Tannen hat meine Erlaubnis, Simon zu besuchen. Er würde es gerne tun. Ich denke, es wäre gut für Simon.

Ich selbst weiß nicht, wie ich neue Informationen über Simon bekommen kann. Ich bin dabei, selbst einen Therapeuten für mich aufzusuchen und will auch Simons Zukunft organisieren. Da wäre es gut, ständig mehr über ihn, seinen Zustand und seine Wünschen zu wissen. Aber auch als Mutter liegt mir sehr viel daran, so dass ich gerne mehr hören würde. Wie das künftig laufen kann, weiß ich nicht, und würde es gerne besprechen.

Ich wünsche mir auch, Simon an einem Feiertag, zu besuchen oder ihn für einen Tag aus dem Krankenhaus zu nehmen, für eine Ruder- und Picknick-Tour, vorausgesetzt er will es. Herzliche Grüße, - Ilka Hölzer

Den Brief gebe ich gleich persönlich ab, um schneller ein wenig Antwort zu erhalten. Frau Möller erzählt mir, ich solle noch etwas warten, es sei noch nicht die Zeit. Ich fühlte in ihren Worten etwas Beunruhigendes, etwas tief Beunruhigendes konnte da stecken. Doch ich weiß und das ist logisch, dass Frau Möller mit diesem Schreiben noch Zeit braucht, um mir zu antworten.

Das Wochenende kommt. Mit Enrico plane ich eine Radtour. Wir stehen auf einer alten verrosteten Brücke in der Sonne und schauen die schon sehr bunte Maiblumenwiese an. Weiter hinten sind schon wieder Pferdekoppeln. Mein Kopf ist frei. Doch der leere Stich in der Magengegend sagt immer wieder: Simon ist weg. Dann fülle ich dieses Vakuum, indem ich ganz viel Schutz und Liebe entwickele und es Simon gedanklich zusende.


Frau Möller verschwieg mir,
was Pfleger jetzt ahnungslos ausplaudern

Informationen durch das Telefon
betrügerisch verschwiegen

Am Abend ruft ein Pfleger der Klinik an, weil Simon noch Kleidungssachen brauche. War schon klar und schon gepackt, ich will sie mit Enrico am Wochenende in die Klinik bringen. Es sind ein paar schöne Geschenke, Trostgeschenke für Simon darin. Schokolade und vor allen Dingen ein Tagebuch, in dem er aufschreiben soll, was in der Klinik so passiert, wie er alles so hinnimmt. Was er sich so denkt und was er sich wünscht, soll er schreiben. Nebenbei erkundige ich mich noch einmal nach Simon. Ahnungslos erzählt mir der Pfleger von Medikamenten, die Simon zu schlucken bekommt.

„Nein! Nein!“ Ich höre mich schreien: „Das stimmt nicht! Die bekommt Simon nicht! Sie irren sich! Das wurde alles ganz anders abgeklärt! Hören Sie auf damit! Bitte! Bitte!“

Ich stehe in meiner Wohnung, alleine. Ich kann nicht beschreiben, wie mir plötzlich ist. Ich merke, wie hilflos ich dagegen bin und wie verzweifelt, wie panisch. Ich merke etwas Böses, ein Verbrechen gegen das ich nicht ankomme. Ich weine, denn eine andere Lösung gibt es nicht. Ich schreie, denn ich kenne keine andere Lösung. Ich werfe mich immer wieder auf den Teppichboden in meinem Zimmer. Ich wollte mich kaputt werfen. Meinen ganzen Körper damit zerstören. Ich weine und schreie immer lauter, und das alles hilft mir gar nicht und auch nicht Simon.

Ich rufe wieder an, suche nach Argumenten, damit ihm keine Medikamente mehr gegeben werden dürfen. Ich höre auch Simon schreien, als ich noch einmal anrufe. Er wehrt sich dagegen. Ich glaube es ist Simon, der da schreit. Und auch der Pfleger sagt, es sei Simon. Ich solle mir keine Sorgen machen, er schläft bald ganz ruhig. Ich beende das Gespräch. Ich weine und schreie und nichts hilft. Wenn ich ruhig bin, bekomme ich eine schweigende Stille als Antwort. Sie schweigt immer wieder hämisch und verbrecherisch: „Wir haben die Macht über Simon! Bring dich um! Werfe zu Boden! Werfe dich kaputt! Nichts änderst du! Schaue dir deine leeren Hände an! Alles bleibt, wie es ist!“ So schweigt es in einer Tour. Die Zeit vergeht nicht. Was soll ich nur tun? Ich werfe mich weiter auf den Boden kaputt, aber Simon hilft das nicht.

Ich rufe Herrn Tannen an und spreche auf seinen Anrufbeantworter. Ich rufe Erik an. Erik ist betroffen. Er gestand mir, eine katastrophale Situation. Ich solle ruhig bleiben, ich solle ganz schnell ein Gespräch mit den Ärzten der Klinik suchen. Ich solle mir die Medikamente aufschreiben lassen, die er bekommt, warum und wie lange er sie bekommt. Wahrscheinlich ist es ja nur ein Beruhigungsmittel, das der Junge jetzt wirklich braucht. Ich verstehe nicht mehr, was mir Erik sonst noch am Telefon alles sagt. Mein Rücken und mein Kopf schmerzen, weil ich mich immer auf den Boden habe fallen lassen.

Enrico kommt mit seinem Auto. Wir fahren in die Klinik, um die Tasche mit der Kleidung zu bringen. Wir stehen vor dem Krankenhaus. Der Pfleger kommt. Er schaut mich erschrocken an: „Ich finde das nicht richtig, dass man Sie nicht von Simons Medikation unterrichtet hat“, sagte er mir „Simon schläft jetzt. So gesehen geht es ihm erst einmal gut. Ich werde sehen, dass ich noch einen Arzt bekomme, mit dem Sie reden können. Ich selbst darf da keinerlei Auskunft geben.“ Mit Enrico setze ich mich in das Wartezimmer. Ich merke, wie mein ganzer Körper zittert. Hier warten wir lange. Immer wieder kommt der Pfleger zurück, um uns zu erzählen, welchen Arzt er am Wochenende noch versucht zu erreichen, um uns aufzuklären.

Enrico bin ich dankbar. Er nimmt alles in Kauf. Auch, dass wir bereits in der Nacht drei Stunden im Warteraum sitzen. Immer wieder kommt der Pfleger mit seinen Bemühungen. Er wollte uns nicht so einfach gehen lassen. Er hat alles getan, was er konnte und sagt schließlich, er könne keinen Arzt auftreiben, der jetzt in der Lage sei, aufzuklären. Er drückt mir Telefonnummern in die Hand und sagt, wen ich morgen wann erreichen kann.

„Wahrscheinlich sind es nur Beruhigungsmittel, die Simon eine Zeit lang tatsächlich braucht, weil er noch nicht genug aufgeklärt ist, was er in der Klinik soll oder weshalb auch immer.“ Das sagte Erik noch einmal am Telefon.

„Was eine Psychose soll Simon haben? Die möchte ich nicht haben. Eine Psychose wäre wirklich schlimm“, sagt Enrico, der gekommen ist und meinen Telefongesprächen Informationen entnahm, bevor wir ins Krankenhaus fahren wollen. Ich sehe in sein Gesicht und glaube seinen Aussagen. Eine Psychose sei wirklich schlimm? Und so etwas wird einfach so am Telefon behauptet?

Herr Tannen spricht auf meinen Anrufbeantworter zurück, als er meine Nachricht bekam auf seinen AB bekam. Er sei über die Medikamenteneinnahme sehr betroffen. Damit habe er nie gerechnet. Man müsse jetzt auch wissen, welche Medikamente er bekommt, weshalb und warum. Alles könne noch zum Guten aufgeklärt werden. Er wünsche mir und Simon ganz viel Kraft und Ruhe. Ich solle einen kühlen Kopf bewahren.

Wir gaben dann im Krankenhaus die Tasche für Simon ab. Niemand dort durfte mit mir sprechen. Und die durften, kamen nicht uns sprachen mit uns. Ich weiß nicht weiter und soll jetzt schlafen gehen. Ich schlafe nicht richtig oder doch? Ich weiß nur, jetzt bin ich wieder wach. Drei Uhr vierundzwanzig. Ich bin hellwach und weiß jetzt ganz genau, was ich zu tun habe.

Ich setze mich an meinen Computer und schreibe:
Sehr geehrte Frau Möller, gestern Abend brachte ich Simon noch Kleidung, die er im Krankenhaus brauchte. Ich hörte, dass ihm seit dem fünfzehnten Mai Medikamente verabreicht werden.

Hat man Sie davon in Kenntnis gesetzt? Ich selbst habe beim Aufnahmegespräch verstanden, dass nur in äußersten Notfällen Medikamente gegeben werden und wir vorher informiert und geholt werden. Ich zumindest schloss diese von Frau Mull dargestellten Ausnahmesituationen aus.

Man durfte mir nicht sagen, welche Medikamente er bekommt. Der Sinn und Zweck, Simon im Krankenhaus zu stationieren, war doch ein ganz anderer. Er sollte diagnostiziert und später therapiert werden, Gespräche führen, eine praktische Arbeit oder Spieltherapie machen. Er sollte zur Ruhe kommen, jedoch ohne Medikamente. So setzte ich es voraus.

Wir selbst sind eine Zwei-Personen-Familie, die Medikamente strikt ablehnt. Simon hat vorher nie welche eingenommen. Das müsste doch auch im Krankenhaus Beachtung oder Rücksicht finden. Auch Ärzte und Therapeuten, die in unser Problem eingeweiht sind, schlossen Medikamente aus und fanden gleichzeitig andere Wege, der gegangen werden sollten, als gute Lösung.

Ich kenne drei erwachsene Personen, die sich durch eine psychische Erkrankung Pharmazeutika unterzogen haben. Sie haben eine starke Persönlichkeitsveränderung, sind apathisch. Man könnte meinen, diese Erkrankungen sind an diesen Veränderungen schuld. Genauso gut könnten es aber die Mittel zur Heilung gewesen sein. Und allen wurde gesagt, diese Medikamente seien harmlos. Nachweisbar ist gar nichts.

Ich habe sehr große Angst um Simon. Simon ist nicht psychisch erkrankt, er ist nur zerrissen und gespalten durch seine Situation. Da waren wir uns alle einig. Bitte lassen Sie uns schnellstens dafür sorgen, dass diese Medikamente abgesetzt werden, oder für Simon eine andere Lösung der Unterbringung gesucht wird. Herzliche Grüße und Dank für das Verständnis, Ilka Hölzer

Ich schreibe sorgfältig. Ich überlege gut. Ich bin hellwach. Es ist früh morgens und ich schreibe an meine Rechtsanwältin, setze sie von der neuen dramatischen Situation in Kenntnis mit der Bitte, Wege zu finden, die das Gerichtsverfahren beschleunigen mögen. Ich schreibe die Gerichtsgutachterin an mit der Bitte um möglichst schnelle Erstellung eines Gutachtens, da die Situation um Simon zurzeit für uns alle sehr unerträglich zu werden erscheine. Es wäre daher sehr dringend, ein Elternteil als Erziehungsberechtigten für Simon zu bestimmen.

Dieser Brief ist einer der ersten, die mehrfach ausgedruckt werden. Die mehrfach auch anderen Personen zur Kenntnisnahme gegeben werden. Damit auch alle Eingeweihten, die sich miteinander absprechen, die Vollmachten haben, sich untereinander abzusprechen, direkt von mir eingeweiht werden.

Und ich sitze vor meinem Computer. Und ich denke überhaupt nicht daran, irgendjemandem zu erzählen, wer von welchem Brief in Kenntnis gesetzt wird. Wer für die eigenen Akten noch eine Abschrift bekommt. Einer von ihnen wird Herr Tannen sein. Auch Erik wird bald die kommenden Briefe lesen. Er wird mich auch vorher beraten. Enrico wird Briefe vor der Abgabe nach Verständnis und Richtigkeit prüfen. Die Gerichtsgutachterin bekommt immer einen Brief. An wen auch immer. Sie ist die wichtigste Handlungsperson. Leider werde ich lange auf Antwort warten. Das Jugendamt trägt die größte Verantwortung, jetzt zu handeln. Sie werden bald wissen, an sie gerichtete Briefe gehen überall hin. Sie müssen handeln, um nicht vor vielen Leuten in Misskredit zu stehen.

Ich habe die allergrößte Verantwortung für Simon, einen kühlen Kopf zu bewahren und alles Mögliche zu tun, um Simon aus dieser entstandenen Situation heraus zu manövrieren. Ich solle nicht ganz so viel Angst vor den Medikamenten haben. Doch ich solle dafür sorgen, dass Fehler aufgeklärt werden oder die Ärzte vor unseren Augen die Notwendigkeit deutlich zeigen.

Ich fahre kreuz und quer in der Eichenholzzeitmaschine herum. - Ein Jahr später werde ich eine Zeitung in die Hand bekommen. Eine Zeitschrift, fast ein Jahr jünger als Simon Klinikaufenthalt. Doch, was Gesetz wird, ist mindestens ein Jahr vorher gewollt, wird erstritten und vielfach durch besondere Zusatzbegründungen praktiziert. Diese Zeitschrift ist von kritischen Wissenschaftlern und Ärzten hergestellt.

Ich habe diese Blätter der Zeitschrift in einem alten Karton wieder gefunden und schalte die Eichenholzzeitmaschine ab mit der Frage, wie sicher ist ein Kind, deren Sorgerecht den Eltern entzogen und vom Jugendamt zerpflückt wird, mitten in Deutschland unter diesen Gesetzen?

Und wer trägt jetzt all die Verantwortung dafür, was hier gemacht wird? Kaum ein Betroffener kennt dieses Gesetz.
(siehe unten: Kinder als Testpersonen)

Und meine Geschichte beginnt hier
oder morgen am zehnten Novembertag irgendwann:
(© Ilona Meschke 2008)


Tintenfass

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Buch und Kunstwerkstatt in Braunschweig

… es knistert …

… oder brennt es schon? …


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Kommentar

Kinder als Testpersonen
EU-Richtlinie erleichter Arzneimittelversuche mit Minderjährigen und „lebensbedrohlich Erkrankten“

von Christian Winter, Mannheim, Jurastudent und BioSkoper,
und Klaus-Peter Görlitzer, Hamburg, Journalist

Kinder sollen künftig verstärkt an klinischen Prüfungen teilnehmen, die dazu dienen, pharmakologische Wirkungen und Nebenwirkungen noch nicht zugelassener Arzneimittel zu ermitteln. Möglich macht dies eine neue Richtlinie der Europäischen Union (EU), die außerdem die Arbeit von „Ethik-Kommissionen“ erschwert.

Fremdnützige Forschung mit Menschen, die aufgrund ihres Alters, ihrer Krankheit oder mangelnder geistiger Einsichtsfähigkeit nicht rechtswirksam einwilligen können, steht seit Jahren auf der Wunschliste von Pharmaunternehmen und forschenden MedizinerInnen. Ohne solche Studien, so die permanente – wissenschaftliche aber umstrittene – Behauptung, werde man leider keine neuen wirksamen Arzneimittel für Menschen auf den Markt bringen können, die dasselbe Krankheitsbild aufweisen oder zur selben Alternsgruppe gehören wie einwilligungsunfähige Versuchspersonen.

Solche Drohungen haben die Bevölkerung offenbar bisher nicht überzeugt, die Pharmaindustrie hat ein Akzeptanzproblem: Ende November beklagte der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) mal wieder öffentlich klinische Prüfungen verzögerten sich, weil zu wenig Menschen teilnehmen wollten.

Bei den VolksvertreterInnen hat die Forschungslobby dagegen längst offene Ohren gefunden. Im April 2001 beschlossen Europaparlament und EU-Regierungen ziemlich unbemerkt von der Öffentlichkeit, eine neue Richtlinie zur „Durchführung von klinischen Prüfungen mit Humanarzneimitteln, die viele Forderungen der Pharmafirmen rechtlich absichert. Die neuen Regeln müssen spätestens bis 2004 im EU-Gebiet angewandt werden, wollen sich Bundesrat und Bundestag richtlinientreu verhalten, werden sie das Arzneimittelgesetz (AMG) erheblich ändern müssen – zu Lasten des ProbandInnenschutzes.

Medikamententests mit nichteinwilligungsfähigen Erwachsenen, etwa geistig behinderten, psychisch Kranken, komatösen oder demenzkranken Menschen, erlaub das geltende AMG nur, wenn das zu erprobende Präparat nach wissenschaftlichen Stand geeignet ist, das Leben der Versuchsperson zu retten, ihre Gesundheit wieder herzustellen oder ihr Leiden zu lindern.

Das eindeutige Verbot fremdnütziger Forschung mit diesen Personengruppen wird durch die EU-Richtlinie nun in bestimmten Ausnahmefällen zumindest relativiert. Wer nicht einwilligungsfähig und entweder „lebensbedrohlich erkrankt“ ist oder sich in einem „schlechten klinischen Zustand“ befindet, soll laut EU-Richtlinie künftig an  Arzneimitteltests teilnehmen dürfen, wenn sein gesetzlicher Vertreter zustimmt. Verlangt wird außerdem, dass „die Verabreichung von Prüfpräparates einen Nutzen für den betroffenen Patienten hat, der die Risiken überwiegt oder keinerlei Risiken mit sich bringt“. Der unbestimmte Begriff „Nutzen“ ist vielfältig auslegbar und erheblich vager als die aktuellen Vorgaben des AMG, die voraussetzen, dass im Rahmen des Versuchs Heilung, mindestens aber Krankheitslinderung angestrebt wird.

Kooperative Kommissionen
Besonders erleichtert werden auch die EU-Richtlinie klinische Prüfungen mit Minderjährigen. Schon heute schützt sie das AMG nicht uneingeschränkt vor fremdnützigen Forschungsinteressen: Spezielle Präparate, nämlich solche, die zur Diagnostik oder zur Vorbeugung vor Krankheiten bei Kindern und Jugendlichen bestimmt sind, dürfen gemäß § 40 Abs. 4 AMG auch an gesunden Mädchen und Jungen getestet werden, sofern ihre gesetzlichen VertreterInnen nach Aufklärung eingewilligt haben.

Deshalb können zum Beispiel Impfstoffe gegen Kinderkrankheiten in Deutschland längst legal an Minderjährigen ausprobiert werden. Gemäß EU-Richtlinie ist eine Beschränkung auf spezielle Arzneimittel nicht mehr vorgesehen, ebenso wenig ein persönlicher „Nutzen“ für die jungen ProbandInnen, geschweige denn Heilung. Die Teilnahme wird quasi als Solidaritätsakt für Gleichaltrige betrachtet – in der Richtlinie heißt es, die klinische Prüfung müsse „für die Patientengruppe mit einem direkten Nutzen verbunden sein, nicht aber für die Testpersonen.

Rot-Grün hat offenbar vor, fremdnützige Arzneimittel mit Minderjährigen gezielt zu fördern. Ab April soll bei Bundesinstitut  für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArW) ein neues „Expertengremium“ beratend tätig werden. Die Runde, in der neben Pharmakologen und Ärzten auch „Elternvertreter“ mitreden sollen, hat laut Bundesgesundheitsministerin, Ulla Schmidt, SPD, die Aufgabe „die vorhandenen Kenntnisse über die Anwendung bekannter Arzneimittel im Rahmen klinischer Studien zu verbessern“.

„Unbegründet“ sei die Sorge, dass Kinder künftig zu „Versuchskaninchen“ werden könnten, beschwichtigt SPD-Gesundheitspolitiker Horst Schmidbauer und behauptet: „Ethik-Kommissionen gemeinsam mit staatlichen Stellen verhindern dies.“

Abgesehen davon, dass Ethik-Kommissionen alles andere als transparent agieren, werden sie künftig auch noch unter enormen Zeitdruck stehen. Die EU-Richtlinie verlangt, dass sie binnen 60 Tagen über eine beantragte Arzneimittel-Studie entscheiden müssen. Zudem sollen vor multizentrischen Tests, die an mehreren Kliniken stattfinden, nicht mehr alle dort ansässigen Ethik-Kommissionen konsolidiert werden müssen. Ausreichen soll die zustimmende Bewertung der Kommission, die für den Leiter der klinischen Prüfung zuständig ist. Begrüßt haben dies die Pharmafirmen. Sie können sich nun diejenigen Kommissionen aussuchen, die ihnen besonders kooperativ erscheint. Fraglich ist, ob ihr Wahl den Interessen der ProbandInnen stets gerecht wird.

BioSkop
BioSkop e. V. – Forum zur Beobachtung der Biowissenschaften und ihrer Technologien, Bochum, Landstraße 144 a, 45276 Essen

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