am achten Novembertag irgendwann
soll Freiheit und Ruhe für Simon eintreten.
Ich verstehe nicht, warum alle immer wieder aussprechen, Gutes für Simon zu wollen und sogar die Versprechungen von Frau Möller so unwirksam geworden sind, weil nichts eingehalten wurde.


Endlich kommt der Gerichtstermin
im Sorgerechtsstreitverfahren

Der Kaminofen ist aus. Ich stehe vor dem weit geöffneten Fenster. Immer noch bunte Blätter an den Bäumen am achten Novembertag irgendwann, aber sehr frisch ist die Luft. Die Eichenholzzeitmaschine zeigt jetzt den Gerichtstermin wegen alleinigem Sorgerecht für Simon vor dem Amtsgericht und Simon verweilt gerade bei Henry. Ich hatte es irgendwie geschafft, gestern vor der Eichenholzzeitmaschine einzuschlafen, obwohl diese total heiß lief und fas unkontrolliert alle Daten aus der eingegebenen Zeit gleichzeitig herunterspielte. Jetzt wache ich vor dieser Maschine auf von auf. Sie schweigt. Ich werde jetzt das Fenster schließen, den Kaminofen anmachen und frühstücken. Mit meinem Frühstück setze ich mich gerade auf dem Boden vor der Eichenholzzeitmaschine, die ich während dessen wieder anstelle, um zu schauen, was danach passierte. Ämter und Papiere sind geduldig. Die Eichenholzzeitmaschine heute auch. Sie sagt lange Zeit nichts, ist bockig oder übermüdet. Jetzt läuft sie schwerfällig.

Ich sehe Frau Möller stehend vor Gericht einen langen Bericht der vergangenen und der aktuellen Lage vortragen. Alles in Zeitlupe, denn die Eichenholzzeitmaschine ist heute träge. Die wichtigsten Sätze von Frau Möller waren: “Simon fühlt sich schlecht. Er glaubt, er sei nichts wert.“ - „Simons Vater ließ deutliche Worte verlauten, dass er die Mutter ganz aus dem Leben des Kindes ausschalten will. Dies ist nicht im Sinne des Kindes.“

Richter Tramper lässt dies unbeeindruckt, ein wenig distanziert zu beiden Elternteilen schließt er die Inhalte und die Sitzung mit dem Kommentar: „Mal sehen, ob überhaupt einer der beiden fähig ist, das Kind zu behalten.“ Ich sitze neben meiner Anwältin und bin durch diesen Spruch irritiert. Damals wie heute.

Ich entferne mich jetzt von der Eichenholzzeitmaschine, gehe in die Küche und hole mir noch etwas Brot und Kaffee. Nie wieder werde ich zu späterer Zeit das unbeeindruckte Gesicht des Richters vergessen, als er die Worte aus Frau Möllers Mund vernahm, der Kindesvater wolle das Kind ganz von der Kindesmutter trennen, womit das Kind nicht einverstanden ist. Worauf er dann noch antwortete, mal sehen, ob überhaupt einer der beiden fähig ist, das Kind zu behalten. Ich kann dazu nichts weiter sagen. Ich sehe es nur noch immer, auch heute, und höre die Antwort, seine Antwort, auch wenn ich die Eichenholzzeitmaschine ausschalten würde. Ich wünsche mir in diesem Moment ein Menschengesicht, dass das Gleiche vernimmt und sich dazu ebenfalls fragend äußert, um mich ein einziges Mal mit Mitgefühl und Verständnis wieder aus der Fassungslosigkeit herauszubringen. Ich sitze wieder vor der schwerfälligen Eichenholzzeitmaschine mit neuem Brot und Kaffee und weiß nicht, ob ich Appetit drauf habe.

Und bei späteren Gerichtsverhandlungen mit diesem Richter werde ich oft beobachten können oder es wird mir im Nachhinein auffallen, wenn mütterlicherseits inhaltliche Vorteile entstehen wird dieser Richter die Vorteile nicht nutzen, um dem Verfahren ein Ende zu geben. Er formuliert stets einen Abschluss, die väterlicherseits wieder einen Vorstoß geben, die neuen Mut zum Kampfe schöpfen. Für das Wohl des Kindes? Wer will ein Ziel gehen? Wer will ein Ende sehen? Was soll das alles? Wenn ich nicht wüsste, wer ich bin, würde ich jetzt Minderwertigkeitsgefühle entwickeln.

In dieser Verhandlung besteht insoweit zwischen allen Beteiligten Übereinstimmung, dass die einstweilige Anordnung zunächst aufrechterhalten bleibt und ein familienpsychologisches Gutachten über die Erziehungsfähigkeit beider Eltern eingeholt werden soll. Die Sachverständige Schweiger wird bestellt. Neben meiner Rechtsanwältin beobachte ich, wie der Richter Tramper Henry Frau Schweiger vorschlägt. Ein paar Mal versichert er Henry: „Herr Hölzer, Herr Hölzer, Sie können mir glauben, diese Frau arbeitet wirklich sehr gründlich und genau. Bei der anderen würde es schneller gehen. Aber gründlich und genau arbeitet Frau Schweiger.“ Das verwirrt mich, denn ich bin gar nicht so eindringlich gefragt und aufgeklärt worden wie er.

Kurz und sachlich wurde meine Antwort zur Kenntnis genommen. Und warum waren alle Parteien, auch ich, so schmeichelnd großzügig, dass die Verhandlung nicht schriftlich zu Protokoll gegeben werden braucht. Alle wurden gefragt und haben das Gericht damit entlastet, nicht protokollieren zu brauchen, ein großer Fehler, kleinlaut und unvorbereitet auf diese Situation sitze ich neben meiner Anwältin. Doch ich höre, die Aussagen von Frau Möller helfen mir und Simon. Taten sie das? Könnte es schwule Richter geben?

Ich drehe noch etwas die Zeit in dem Gerichtssaal zurück und höre mir das Plädoyer meiner Rechtsanwältin an. Ein sehr viel längeres als das des Rechtsanwalts von Henry. Dieser hatte wieder nur Behauptungen ohne Fundament mit diesen Verhaltensauffälligkeiten und so. Meine Anwältin verstärkt und ergänzt noch einmal, was Frau Möller vom Jugendamt in anderen Worten schon ausdrückte: "... Die Verhaltensauffälligkeiten und Probleme Simons sind ohne Zweifel auf die Streitigkeiten seiner Eltern zurückzuführen. Daher unterstützt die Kindesmutter, auch wie in der Anhörung gesagt, die Maßnahmen des Jugendamtes. …"

Wobei das Jugendamt nur das bisher fortsetzte, was schon durch mich entstanden war, die Therapie bei Herrn Tannen wurde durch mich und die ärztliche Betreuung bei Dr. Bück auf Rat von Herrn Tannen in die Wege geleitet, bevor ich Frau Möller vom Jugendamt kennen lernte, um Umschulungsanträge für die Waldorfschule zu stellen. Schneller als der Wind wird alles eine angebliche Maßnahme des Jugendamtes.

Meine Rechtsanwältin macht weiter: "... Aus Sicht der Kindesmutter ist sie eher in der Lage, allein die Kindessorge auszuüben als der Kindesvater. Bereits in der Vergangenheit hat die Kindesmutter, wie auch vom Jugendamt bestätigt wird, veranlasst, dass Simon eine Therapie bei Herrn Tannen macht. Herr Tannen hatte das Vertrauen von Simon erworben. Er war sein Freund, bis der Kindesvater Simon gesagt hat, dass Herr Tannen mit seiner therapeutischen Arbeit nur Geld verdiene. Simon war daraufhin so enttäuscht, dass er nicht mehr zu Herrn Tannen gehen wollte. Herr Tannen hat ihm daraufhin einen sehr lieben Brief geschrieben, den Simon weinend zerriss. ..."

Sie zeigt den Brief als Alibi höher und fährt fort: "… Diese Auseinandersetzung ist symptomatisch für die Auseinandersetzungen, die der Kindesvater letztendlich verursacht. Die Kindesmutter hat in der Vergangenheit aufgrund der Probleme Simons immer wieder verschiedene Maßnahmen in Angriff genommen, die deswegen nicht fruchten konnten, weil der Kindesvater dies alles in Grund und Boden verdammt hat. So waren die Schulen, die Simon besucht hat, schlecht aus Sicht des Vaters. Es lohnte sich für Simon gar nicht, dort ein guter Schüler zu sein oder er behauptete, dass Herr Tannen in Wirklichkeit nicht Simons Freund sei. Er wolle nur Geld verdienen mit Simon etc. ..."

Der Richter sitzt vorne, etwas höher als wir alle. Für Inhalte scheint er sich nicht zu interessieren. Er verhielt sich auch bei dieser Stellungnahme ganz lapidar. Vielleicht hat er das gar nicht verstanden, oder ich glaube, er belächelt uns alle.

Meine Anwältin berichtet weiter und Richter Tramper war so großzügig, und ließ sie: "... Sicherlich besteht auch von Seiten der Kindesmutter ein Anteil ihrerseits an den Problemen Simons. Das Verhalten des Kindesvaters hat jedoch auf Simons Selbstvertrauen verheerende Auswirkungen gehabt. Er weiß nicht, ob er der Mutter, seinen Lehrern oder dem Therapeuten noch vertrauen kann, ob es überhaupt erstrebenswert ist, diesen Personen zu vertrauen. ..."

Gut, das hat sie jetzt also vorgelesen und mir die schriftlichen Unterlagen zugeschickt. Die Entscheidung des Gerichtes, dass alles bleibe, wie es ist, konnte Simon nicht spontan helfen. Wird alles weiter gehen wie bisher, mal Vater, mal Mutter? Die Situation des Kindes wurde außer Acht gelassen, obwohl Frau Möller das Wohlbefinden des Jungen beschrieb. Ich denke plötzlich daran, als ich draußen vor dem Gerichtsgebäude stehe und die Verhandlung abgeschlossen ist. Dieser Gedanke zehrt an mir. Es hat sich nichts geändert. Vielleicht sind ja alle verrückt geworden? Simons Situation wurde vergessen, wieder vergessen. ich fasse es nicht. Ich trete die Heimfahrt an und steige in die Straßenbahn. Alles geht so weiter. Ich fasse es nicht. Ich fühle mich von der gesamten Menschheit verlassen und bin hilflos.


Gerichte richten bei Notfällen
und für die Gesundheit unserer Kinder
nicht schneller

Ich suche an der Eichenholzzeitmaschine herum. Nach der Straßenbahnfahrt zu Hause angekommen, gab es einen einzigen Menschen, der sich am Telefon meldete, wissen wollte wie es mir geht und was das Gericht nun sagt. Herr Tannen. Ich berichte verzweifelt und kommen hinter dem Strich wieder auf das Ergebnis. Es bleibt wie es ist. „Sie müssen sich deswegen keine Sorgen machen“, erzählt Herr Tannen am Telefon. Frau Möller habe schon daran gedacht. In Kürze werde Simon in der Klinik sein. Das gehe mit einer Zwangseinweisung. Da werde er es dann besser haben: „Warten Sie mal ab, Frau Möller reagiert jetzt ganz schnell.“ - „Die Psychiatrien sind nicht mehr so schlecht wie früher. Viele Kinder gehen dort zur Schule, spielen am Nachmittag und fühlen sich wohl. Dort bekommt kein Kind Medikamente, wieso sollten die dort Medikamente geben?“ erzählt Herr Tannen.

Was meint Erik? Erik, ein Arzt, der einige Jahre in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie arbeitete und jetzt in einer Klinik von Behinderten tätig ist, sagt: "Wir arbeiten mit dieser Klinik K zusammen. Die ist o. k. Die Kliniken sind ganz vorsichtig mit Medikamenten, gerade wenn es um Kinder und Jugendliche geht. Wahrscheinlich wäre es besser, wenn Simon ganz schnell aus eurer Zerreißprobe herauskäme, sich erhole, und warte, bis ein Elternteil das Sorgerecht hat.“

Aber Erik sagt auch: "Ilka, du musst deinem Jungen das erklären, bevor er in die Klinik kommt. Er muss das verstehen, weshalb er dort ist, ganz offen.“ Ich stoppe die Eichenholzzeitmaschine und erinnere mich genau, das war das, was ich nicht mehr geschafft hatte. Ich konnte Simon nicht mehr aufklären. Er muss die Gründe von selbst wissen, sich erinnern und mitbekommen, was gut gemeint ist und warum. Sein Vater hat schon viel zu viel Hetze dagegen betrieben. Das verriet ich Erik nicht.

Was tut Frau Möller? Frau Möller vom Jugendamt ruft an und Simon wohnt jetzt gerade bei mir. Frau Möller hat einen Termin bei Dr. Bück für Simon. Ich glaube, sie will das mit dem Klinikum jetzt durchziehen. Ich weiß, ich glaubte, ich solle dabei helfen, fast wie eine unausgesprochene Verabredung. Ich glaube, Frau Möller wünscht sich Simon nach diesem Termin in der Klinik. Ich auch. Ich weiß keinen anderen Ausweg. Ärzte sollen entscheiden, was aus Simon wird. Ärzte sollen für Simon sorgen. Ich wollte diejenige sein, die dafür sorgt, dass er in die Klinik kommt, damit ich mit einbezogen werde, damit ich mitbestimmen kann, wie es mit ihm weitergehen soll.

Simon wird bald zurück zu mir kommen. Handeln müssen wir schnell. Damit Henry Simon nicht auch noch das Klinikum kaputt macht durch schlechtes Gerede und Simon dann gar kein Ort mehr bleibt, an dem er Ruhe hat. Die Klinik holt Simon von Josefine und ihren Liebesbriefen weg. Die Klinik holt Simon von Pitt weg, der Simons Schwäche und Ratlosigkeit immer mehr auszunutzen weiß. Die Klinik wird dafür sorgen, dass Simon nicht an Drogendealer kommt. In der Klinik kann Simon selbst erkennen lernen, dass er es gut dort hat und Henry kann nicht mehr gegen die Klinik sprechen. Er redet ja schon schlecht drüber und sagte Simon schon: „Pass auf, dass Du nicht in die Klapse kommst!“

Damit es nicht mehr lange dauert, bis ich das Sorgerecht bekomme und mich um Simon kümmern kann, soll Simon in die Klinik. Simon soll sich nicht mehr quälen. Er braucht Ruhe und eine Schulauszeit. Egal, ob Frau Möller das so meinte oder nicht. Ich muss dem Jugendamt zuvorkommen, beweisen, dass ich mich um Simons Gesundheit am meisten kümmere.

Es ist der Weg, an das Gesundheitsfürsorgerecht zu gelangen. Simon kann in der Klinik frei entscheiden, dass er zu mir will und steht nicht mehr unter dem Druck seines Vaters.

Simon wird nach dem Klinikaufenthalt in der Waldorfschule aufgenommen. Ein halbes Jahr vorher wird er auf dem Bauernhof pädagogisch betreut werden. Noch ist nichts verloren. Noch ist Zeit. Er kann nicht mehr von Vater zu Mutter wechseln und umgekehrt. Im Krankenhaus hat er Abstand von Vater und Mutter. Er kann viel besser bestimmen, wo er hin will, wo es am besten für ihn ist, wenn keiner von ihnen präsent ist. Er soll jetzt keine Schule mehr machen, die ihn nur quält. Er lernt da eh nichts. Er soll Pause haben, Pause. Ich weiß genau, was richtig ist.

Was meint Gregor? Dann erzählt mir Gregor eine Geschichte von einer Mutter und ihrer fünfzehnjährigen drogensüchtigen Tochter. Die Mutter hatte die Tochter in die Psychiatrie einweisen lassen. Vorher war die Tochter in einer sehr schlechten Gesellschaft. Erst nach der Therapie im Krankenhaus ging es besser. Mutter und Tochter bekamen wieder einen guten Kontakt zueinander. Ich weiß, was ich am morgigen Tag zu tun habe, ich weiß es ganz genau beim Termin mit Dr. Bück zu tun habe. Ich weiß!

Simon wird es bald besser gehen und bald wird er alles verstehen, was er erst nicht verstanden hat. Hier kann er nicht für sich selbst entscheiden. Er kümmert sich nicht um sich selbst, sondern um Mutter und Vater gleichermaßen. Heraus aus dieser Katastrophe! Ich rette auch aus dieser Katastrophe, sonst tut es keiner. Ich habe ihn lieb und schütze ihn tief in meinem Herzen.


Ich rette jetzt mein Kind!
Es wird höchste Zeit!

Es war ein wenig wie abgesprochen an einem siebenten Maitag. Ich sagte zu Simon: „Frau Möller rief an, wir gehen morgen vor der Schule zu Dr. Bück.“ Simon ärgerte sich. Er wollte nicht. Ich glaube, er ahnte, was beabsichtigt war. Und so ähnlich äußerte er sich auch. Simon saht mich einen Moment so an, als wollte er sagen, lasse uns doch hier bleiben, alles wieder aufbauen. Es wird wieder gut. Ich mag sein Gesicht nicht in der Eichenholzzeitmaschine wiederfinden. Der Junge, der mich ansah, und wusste, ich wollte jetzt etwas tun, was er nicht wollte. Aber es wurde ja alles nicht besser. Die Auflagen des Jugendamtes sind nicht besser. Das Gericht half nicht wirklich so wie wir es brauchten. Ich sehe uns jetzt in der Eichenholzzeitmaschine und wusste ich denke gerade: „Soll ich ihm jetzt sagen, was ich möchte, dass er in die Klinik geht?“ Ich schaue Simon an. Jetzt sieht er aus, als könne er Gedanken lesen. Er sieht aus, als sperre er sich dagegen.

Die Eichenholzzeitmaschine zeigt, wie wir uns dann noch gemeinsam auf die Räder machen, in die Stadt fahren zu Dr. Bück und wie Simon sich gegen meine unausgesprochene Maßnahme wehrt, die er erahnte. Er fährt mit dem Fahrrad im Zickzack von einer Straßenseite zur anderen, um mir zu sagen, lasse mich in Ruhe, ich will nicht, was du mit mir jetzt vorhast, ich weiß, dass du mich in die Klapse bringen willst, lasse mich in Ruhe, sonst erwischt mich ein Auto, das hast du dann davon. Ich versuche ihn fest zu halten, ich weine: „Simon, bitte höre auf. Das ist doch alles eh schon schwer genug.“ Da hört er auf und fährt vernünftig weiter, aber mit irgendwie vorwurfsvollem oder fragendem Blick. Er fragt mich still nach einem Kompromiss. Was soll ich tun?

Die Eichenholzzeitmaschine spielt weiter ab. Wir sind in der Praxis von Dr. Bück. Ich selbst weiß nicht, ob Frau Möller Dr. Bück bereits sagte, wie etwa: „Lassen Sie Simon heute nicht weg. Er soll in die Klinik!“ Damit er aber auch wirklich in die Klinik kommt, erzähle ich, warum ich unbedingt möchte, dass Simon in die Klinik geht, vor Simon. Jetzt möchte ich, dass Simon mich versteht. Dr. Bück schreibt einen Einweisungsbescheid. Simon bekommt alles deutlich mit und fängt an, sich ganz heftig dagegen zu wehren. Schrecklich: „Hurenmutter, Verräterin, eine Mutter, die ihr Kind in die Klapse stecken will!“ Simon fängt an zu weinen. Ich weine und halte ihn fest, weil er weglaufen will oder vorhat, vor Ärger und Ratlosigkeit Gardinen von der Wand herunterzuziehen. Tut er nicht wirklich, er zeigt nur, wie wütend er ist.

Er wehrt sich mit Händen, mit Füßen, mit seinem ganzen Körper verzweifelt: „Ihr habt alle zusammengehalten gegen mich! Dr. Bück, Herr Tannen, Frau Möller und du! Du bist keine Mutter!“ Was soll ich nur tun? Ich halte ihn fest, immer fester, immer verzweifelter. Die Tränen rollen bei mir und bei ihm das Gesicht herunter. Jetzt erst erlebe ich seine Antwort richtig. Was tun? Simon mit nach Hause nehmen? Zu spät! Und das ist gut so, denke ich! Er verflucht mich weiter, immer weiter. Warum nur? Der bestellte Krankenwagen ist noch immer nicht da. Ich halte Simon weiter fest und bin eine Verräterin. Solange verharren wir mit Beschimpfungen und Flüchen gegen mich. Mit Erklärungen meinerseits, die er nicht hören will, das Allerhärteste, was ich erlebte.

Zwanzig Minuten, zehn Minuten, nein, immer noch fünfundzwanzig Minuten, jetzt kommt ein Krankenwagen und holt Simon ab. Er versucht seinen Vater auf Handy zu erreichen. Im Krankenwagen. Ich werde das später hören. Ich war nicht dabei. Dann nahmen sie ihm sein Handy weg.

Der Krankenwagen fährt und bringt Simon ins Klinikum. Ich sitze bald darauf im Auto zusammen mit Frau Möller und fahre in die Klinik, dem Krankenwagen hinterher. Frau Möller will Simon bald erklären, warum ich das tat, und dass er vom Jugendamt aus jetzt auch in der Klinik eingeliefert worden wäre. Egal, was ich tat. Simon hört nicht. Will nicht hören. So höre ich. Aber er hat es gehört.

Frau Mull, die Simons Psychologin werden wird, stellt sich vor und nimmt die Personalien auf. Nicht nur das. Sie lässt einen Teil Vergangenheit erzählen, nicht so viel, dass es für eine Diagnose ausreichen würde, nein, ein Vorgespräch, ein kleiner Einblick ins Geschehen. Wenn es absolut notwendig ist, nur dann, sollte Simon Medikamente bekommen. Darüber wurde plötzlich gesprochen. „Nein! Nein!“ schrecke ich zurück. „Wir nehmen keine Tabletten, nie, wie andere Leute Vegetarier sind und kein Fleisch essen.“ – „Nur im Notfall“, verspricht Frau Mull. Sie beschreibt Notfälle, die unmöglich eintreffen können. Da sind wir uns alle einig. Nur eine grundsätzliche Absage von Tabletten kann sie nicht geben. Also das kann ich ihr nicht entlocken, obwohl mir so wohler gewesen wäre. Ich drehe an der Eichenholzzeitmaschine hin und her und beobachte noch einmal, was mir damals schon aufgefallen war. Frau Mull griff schnell mit ihrer Hand zum Stift. Sie schrieb blind in die richtigen Spalten der Aufnahmeformulare, um Frau Möllers Information aufzuschreiben, und zwar immer dann, wenn es um eine besondere Thematik geht. Sie wirkt dann unruhig, fast gierig. Jetzt schreibt sie, was Frau Möller erklärt: „Der Kindesvater sei eventuell psychisch etwas unkontrollierbar…“ Wenn ähnliche Informationen kommen reagiert Frau Mull, unruhig, schnell schreibend, sofort die Spalten findend, etwas gierig, unheimlich schnell, - unheimlich.

Auf dem Rückweg von der Klinik im Auto erzähle ich Frau Möller vom Alkoholkonsum des Vaters, der sich nach jahrelangem täglichen Alkoholverbrauch des Vater. Er schluckte jeden Abend acht- bis zwölf Mal einem halben Liter Bier. Dadurch hatte sich sein Verhalten verändert. Aber diese Aussage fand beim Jugendamt kein Gehör. Auch später nie. Obwohl es leicht gewesen wäre, das zu ermitteln. Für die Erziehung eines minderjährigen Jungen, der im Verdacht stand, durch seine Situation hochgradig drogenabhängig zu werden, sollte das Gehör finden, höre ich überall sonst. Es hieß immer, übermäßiger Alkoholkonsum könne beim Kindesvater nicht festgestellt werden. Er geht einer geregelten Arbeit nach.

Ich benötige eine Pause von der Eichenholzzeitmaschine und der Geschichte am achten Novembertag irgendwann. Ich stelle sie ab. Ziehe mir ein paar Pullis über und gehe raus durch die feuchte Aue in eine ziemlich abgelegene Gegend. Über mir in einer alten Eiche, unter der ich jetzt sitze, klopft es kontinuierlich. Der Specht hat eine Menge Kraft im Hals, denke ich und schaue nach oben. Wie er den kleinen Kopf zum Hacken in das Gehölz bewegt, so viel Kraft besitzt kein Mensch. Und er hört nicht auf. So lange kann ich mein Genick nicht nach oben knicken, um ihn dabei zu beobachten. Ich gehe weiter. Dann fällt mir auf, dass ich gar nicht verstehe, warum Spechte im November an Baumrinden hacken. Das machen sie doch logischer Weise nur, wenn Frühjahr ist für einen Nistplatz. Vielleicht gibt es ja doch noch Wunder, vielleicht Wunderliches.

Ein Hund läuft auf mich zu. Ein ziemlich großer Schäferhund, und ich vermute, dass er lang herausragende gelbe Zähne hat. Staune. Fast wird mir unheimlich. Als er näher kommt, sehe ich, er hat einen Tennisball im Maul und keine großen leuchtend gelben Zähne. Ich gehe weiter.

Einen ungeheuren Prachtverlust verzeichnet das Wachstum der Natur durch das neue Industrie- oder Militärgebäude am Ende der Wiese. Vielleicht ist es auch nur eine neue Lagerhalle von einer dieser Institutionen. Doch vor den orangerot leuchtenden Farben des gestrichenen Mauerwerkes und des Wellbleches, leidet das Naturgewächs. Verkümmert und verkrüppelt schmiegen oder quälen sich die verbleibenden Gewächse um den Machtkoloss herum. Ich gehe am Gebäude vorbei und erinnere mich an den Fortgang der Novembergeschichte des achten Novembertages.

Als ich damals zu Hause angekommen war, nachdem Simon in das Klinikum gebracht wurde, sprach ich mit Herrn Tannen am Telefon. Er wünschte mir und ihm alles Gute, und dass wir uns jetzt gut ausruhen sollen, auch andere Dinge tun. Ein bisschen verhalten war er, als ich den Vorgang schilderte. Dann aber hoffte er, dass Simon bald alles verstehen lernen werde. Sein Rat ist immer gut. Außerdem hat jedes Gespräch hinterher eine merkwürdig beruhigende Wirkung. Immer war er für Simon und mich da. Wenn ich auf den Anrufbeantworter sprach, rief er mich am Abend zurück. Darauf konnte ich mich stets verlassen.

Ich schaute in das leere Kinderzimmer. Ich setzte mich auf seinen Stuhl, nahm seinen Pulli, den er noch vor kurzer Zeit anhatte in die Hand, strich mir damit über mein Gesicht, die Tränen kamen mir, sie kullerten herunter und wurden immer mehr. Ich sprach mit ihm durch seinen Pulli: „Bald, lieber Simon, wirst du das alles verstehen. Es ging nicht anders. Du wirst das bald wissen. Ich tröstete Simon durch seinen Pulli, als wäre eine heimliche Leitung zu ihm dort hinein gestrickt. Immer mehr beruhigende Worte fielen mir ein, und um Verzeihung bittend redete ich, er möge doch verstehen, verstehen. Und er versteht ganz viel, wenn er wieder Ruhe hat. Ich weiß es. Ich weiß, dass Simon alles weiß und ein ganz besonderer Junge ist.

Still war es in meiner kleinen, in unserer kleinen Wohnung. Immer wieder sagte eine Stimme still und leise: „Simon ist jetzt nicht mehr da, auch nicht in drei Tagen oder so.“ Mit Simons Pulli ging ich in den Garten hinter unserem Haus. Eine Blumenwiese erstreckte sich dort Anfang Mai, als Simon für lange Zeit gehen musste. Ich setzte mich auf die Wiese, den Pulli in den Händen. Ich betrachtete die Blumenwiese. Ich träumte.

Wenn du dich einmal durch Sümpfe und Wälder durchschlägst und anschließend eine kleine Ortschaft auffindest mit alten kleinen Häusern. Die Dusche und das Bad im Keller, weil es oben zu klein ist. Wenn du von all den Strapazen aus der Wildnis kommst mit nassen Füßen und plötzlich die Helligkeit und die Wärme spürst, freundlich empfangen wirst und überall bunte Blumen von Sonnenstrahlen beleuchtet wachsen siehst: Wo befindest du dich dann? In unserem kleinen Ort am Stadtrand.

Wenn du einmal einen kleinen Spaziergang durch die Natur machst, der Weg aber immer enger wird, du kämpfst dich durch, denn du siehst irgendwo Licht. Dann siehst du kleine idyllische Häuser und auf einer Dachrinne wachsen Sonnenblumen. Wo bist du dann? In unserem kleinen Ort am Rande der Stadt.

Wenn jeder der Menschen hier anders ist und anders lebt und jeder seine Ruhe haben möchte und den anderen bleiben lässt, wie er ist. Wo bist du dann? In unserem kleinen Ort am Rande der Stadt.

Wenn ein Garten ganz viele Leitern an den verwilderten Obstbäumen zum Klettern hat, sogar eine Leiter an einem Kinderzimmerfenster befestigt als separaten Eingang zum Kinderzimmer. Wo befindest du dich dann? In dem kleinen Ort, indem Simon und Ilka wohnen.

Mein Kopf wird frei. Frei sein, das ist wichtig.


Auch Simon soll lernen
frei zu werden

Was wusste ich von Psychiatrien, bevor mein Simon dort stationiert war? Ich meine, noch nie zuvor mir Gedanken darüber gemacht zu haben, dass es geschlossene oder offene Kliniken gibt. Simon kam in die geschlossene für sechs Wochen. Ich wusste schon, dass er dort eingesperrt war. Früher waren es Anstalten, so nannte man das wohl vor langer Zeit. Heute sind es Krankenhäuser mit Ärzten, die wir benötigen. Ja, ich wusste schon, dass ich ihn damit einsperrte.

Nirgends sonst, wo er sich aufhielt, war er frei. Ich ließ ihn einsperren, damit er bald frei werden kann.
(© Ilona Meschke 2008)

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