am siebenten Novembertag irgendwann -
Henry mischt sich weiter ein und verspricht sich jetzt Vorteile.
Er handelt schnell wie ein Dieb und das Jugendamt ist wieder voll in unser Leben gestiegen. Diesmal mit Frau Möller.


Das Thermometer zeigt Minusgrade am siebenten Novembertag irgendwann. Noch einmal besuche ich die Praxis von Herrn Tannen. Vielmehr besuche ich die Gegend, wo die Praxis einmal stand. Ich befasse mich nur mit meinen Erinnerungen und gehe denselben Weg wie damals. Ich bin angekommen. Ich schaue auf das Häuschen und in den Garten. Wie ein stilles helles Feuerwerk schießen mir alle meine Erinnerungen von damals in den Kopf an die ich noch nicht dachte. Sie lassen sich auf den kleinen mir so bekannten Beobachtungpunkt nieder, dem Praxishäuschen und den kleinen Garten daneben. Die Vergangenheit beginnt zu leben. Eine ganze Weile stehe ich hier und betrachte mir meine früheren Erlebnisse. Herr Tannen steht vor mir. Wir verabschieden uns: „Ich bin zu Fuß. Ich gehe ungefähr zwanzig Minuten durch die Botanik den Weg über die Wabe, und über die Gleise zurück zu unserer Ortschaft.“ Er sagt: „Ja, das tut manchmal gut, zu Fuß nach Hause zu spazieren. Erholen Sie sich gut, Frau Hölzer.“

Wie damals, erhole ich mich auch jetzt bei dem Spaziergang. Wo führt er mich hin? Ich gehe langsam durch die feuchtschwüle Luft wie damals. Nein, es ist gar nicht mehr so feuchtschwül wie damals. Es ist kalt, eiskalt und nass.

Vermummte Leute kommen mir entgegen. Manchmal sehe ich nur noch ein paar Augen und die Nase durch ihre vermummende Kleidung. Auch ich bin vermummt mit meiner Kapuze, darunter eine Mütze und darüber einen Schal. Die Welt versteckt sich. Nackt, öde und nass erscheinen ihre paar Überbleibsel von Mauerwerk und Garten, grau und nebelig. Ich beobachte, wie die Entgegenkommenden neugierig versuchen, in meine Vermummung zu schauen. Suchend mit stechendem Blick. Sie wollen wissen, wer in meiner Kleindung steckt. Auch ich versuche die getarnten Gesichter zu entlarven. Sonst ist die Welt so neugierig nicht. Nicht wenn alle ihre Gesichter freiwillig zeigen, weil es warm und wohlig ist. Nur die versteckten Gesichter heute erwecken Neugier.

Ich habe die ehemalige Praxis verlassen. Es fängt an zu hageln. Harte Eisstückchen fallen vom Himmel. Ich schütze mich unter Schal und Kapuze und verzichte darauf, neugierig in die anderen Gesichter zu schauen. Ich bleibe auch einer kleinen Brücke stehen und schaue den kleinen Bach hinunter. Ich beuge und stütze mich am Geländer ab, so dass mein Körper vorne vom harten Hagel geschützt ist. Ich sehe wie die Hagelkörner erbarmungslos hart in den mittelgroßen Bach, die Wabe, plätschern und die Wasseroberfläche immer unruhiger wird.

Das Gespräch von damals, als es um die Waldorfschule ging, mit Henry, mit Herrn Tannen und mir, hatte ja doch eine Wirkung gezeigt. Es soll nicht geglaubt werden, das Gespräch hätte nichts gebracht, denn Henry handelte. Bilder der Erinnerung prasseln mit dem Hagel zusammen in den Fluss. Gleich nach einem Termin in der Waldorfschule setzt sich der schon bereits verängstigte Simon ins Auto seines Vaters, um Wochenendurlaub zu machen. Und er kommt nicht mehr nach Hause. Keiner glaubt, dass dies der Wunsch des Jungen gewesen war.

Die Hagelbrocken werden ziemlich groß und donnern weiter in den Bach hinein. Das Gesicht von Frau Möller spiegelt sich darin. Sie sitzt mit dem Telefon vor ihrem Schreibtisch, während ich mich an der anderen Telefonleitung entsetze. Ich bitte, flehe und verstecke dabei meine weinerliche Stimme nicht mehr. Frau Möller soll helfen, meinen Sohn wiederzuholen. Sie reagiert schnell nach meiner Erklärung. Sie verabredet ein Notgesprächstermin bei Herrn Tannen, gleich am Montagmorgen. Bald darauf sitzen Herr Tannen, Frau Möller und ich in der Praxis von Herrn Tannen. Hoffnung schmückt die kleine Praxis. Herr Tannen erzählt vom letzten Gespräch mit mir und Henry als um die Waldorfschule ging. Er beschreibt die Situation, und er beschreibt Henry. Frau Möller scheint die verzwickte Situation zu erkennen. Sie macht sich Gedanken darüber, wie Simon aus dieser prekären Lage wieder heraus zu bekommen ist. Ihre Gedanken sind laut und offen. Endlich eine Person vom Jugendamt, deren offene Gedanken zu hören sind. Während dessen schildert Herr Tannen manchmal sein Erlebtes in unserer Sache weiter. Sie lachen ein wenig über Reaktionen von Henry. Denn wir nehmen uns alle die Zeit dafür und Tannen sagt abschließend deutlich: „Auch wenn die Situation traurig und verfahren ist, lachen darf man auch mal. Lachen tut manchmal gut. Gibt neue Kraft und löst Verkrampfungen auf. Wir dürfen aber alle nicht vergessen wie ernst die Lage ist.“.

Ja, die beiden haben sich eingehend untereinander ausgetauscht. Ich ergänzte ganz wenig. Sie kannten sich vorher noch nicht. Zwei Kollegen von unterschiedlichen Institutionen sind sie jetzt. Wir sitzen eine ganze Weile still im Raum. Dann verabschieden wir uns noch einmal.

Was passierte inhaltlich? Ich spule Gedanken zurück, während der das Flüsschen, indem ich immer noch schaue weiter vom Hagel beunruhigt wird. Frau Möller mir den Rat, schnell einen gerichtlichen Beschluss für alleiniges Sorgerecht zu beantragen. Endlich, denke ich erlöst. Jetzt hat das Jugendamt mit Frau Möller mitbekommen, was zu tun ist. Jetzt vertraue ich ihr voll. Sie unterstützt mich. Ich nicke mit dem Kopf, bin einverstanden. Sie selbst wird durch gerichtlichen Beschluss das Aufenthalts- und Gesundheitsfürsorgerecht aus dem gemeinsamen Sorgerecht herausnehmen lassen. Wir müssen alle schnell handeln. Ich nicke. Eine Therapie bei Herrn Tannen soll und muss weiter geführt werden. Notfalls würde sie Simon auch ganz weg von beiden Eltern nehmen und in ein Kinderheim oder zu einer Pflegefamilie schicken, bis geklärt ist, wer das Sorgerecht bekommt. Simons Wohlbefinden, Simons Gesundheit steht an aller erster Stelle. Ich nicke. Frau Möller setzt sich ein. Sie handelt schnell. Ich auch. Ich tue, was sie sagt. Ganz abgesehen davon, es blieb mir nur dieser eine Weg, so denke ich heute, meinen Kopf vor diesen unruhigen Bach gebeugt. Die Hagelkörner im Rücken. Frau Möller braucht alle Vollmachten von mir, damit sie Kontakt zu allen Personen bekommt, die für die Gesundheits- und Erziehungsmitwirkung bisher eingebunden waren, vom Jugendpsychiater, Kinderarzt, Therapeuten Tannen bis hin zum Klassenlehrer. Ich erzähle daraufhin das Erlebnis mit der angeblichen Klassenfahrt, an der Simon teilnehmen sollte und anschließen durch den neuen Kontakt einen Jungen in der Hauptschule von der Polizei abgeholt werden musste. Erleichtert war ich, Frau Möller in Aktion zu sehen. Ich leiste jede Unterschrift, die sie braucht. Das erste Mal habe ich das Gefühl, da sitzt eine Frau im Jugendamt, sie will uns helfen. Sie sieht, ich bin in einer Katastrophe verwickelt. Simon ist in einer Katastrophe verwickelt. Vielleicht auch Henry, egal wie er ist. Ich stehe und sitze vor ihr. Sie schaut mich an, weil wir Menschen sind. ich nehme ihre Hilfe an, weil ich vertraue. Ich fühle mich in Sicherheit.

„Ich habe jetzt Simon kennen gelernt. Er sieht ja so zerrissen aus. Hilflos und niedergeschlagen in seiner ganzen Haltung“, sagte sie mir einen Tag später. Ich fühle mich entlastet. Sie kümmert sich um meinen Jungen. Frau Möller hat jetzt eine Weile Simon adoptiert. Simon hat Vertrauen zu ihr. Ich eile, um die Gerichtsmachinerie zum Laufen zu bringen. Immer noch stehe ich mit meinen Gedanken auf der Brücke und schaue dem Wasser im Füßlein zu. Das Wasser ist inzwischen spiegelklar geworden, meine Klamotten hinten klamm und nass.


Frau Möller vom Jugendamt stellt offen fest:
Henry versucht mich ganz
von Simon auszuschließen

Das spiegelglatte Wasser zeigt mir jetzt Formulare. Es gibt ein gemeinsames Sorgerecht. Aber es gibt auch Vereinbarungen, wo das Kind zu leben hat und wie die Besuchszeiten auszusehen haben. Wie Ferientage abgestimmt werden. Doch auf alleinigen Beschluss seines Vaters soll Simon jetzt bei ihm bleiben. Auf alleinigen Beschluss seines Vaters ist es wohl das Beste so. Und keine der involvierten Personen glaubt ihm. „Alles passiert hier auf alleinigen Beschluss des Vaters.“ So kritisiert Frau Möller mehrfach.

Er habe auch schon eine Urlaubsliste Frau Möller sozusagen ‚auf den Tisch gelegt‘, auch für die kommenden Osterferien. Eine ins Detail gefertigte Osterferienbesucherliste für Simon bekommt Frau Möller mit der Eingangspost auf ihren Schreibtisch. Sie zeigt mir die Liste, die Henry angefertigt hat. Sie hat sich dabei laut gefragt, wo bleibt die Mutter? Ich, Ilka Hölzer, Simons leibliche Mutter, die Simon das ganze bisherige Leben begleitet hat, ein schwieriges Leben, soll jetzt ausgeschlossen werden. Balken und Stacheldraht wurden mir ständig auf den eingeschlagenen Weg getürmt. Ich musste immer wieder die Barrikaden mit Simon überwinden. Aber die Besucherliste von Henry liegt noch auf Frau Möllers Schreibtisch, in der ich keinen Platz bekommen habe. Frau Möller sieht mich an und sagt: „Ein schweigendes Blatt Papier, das viel verrät!“

Simon schaut unsicher und verstohlen nach der Schule bei mir herein, nachdem der Henry ihn von mir weggeholt hatte und das Jugendamt jetzt bald bestimmt, wo Simon zu bleiben hat. Er schreibt mir kleine Zettel, die immer nur sagen: „Wir wollen mal reden“, das sagt auch viel, auch wenn wir nicht geredet haben. Denn ich bin gerade nicht zu Hause, weil ich ihn wieder haben möchte und Anträge bei Gericht abgab wie mit Frau Möller besprochen. Ich schreibe unter seine Zettel: „Ich habe dich lieb.“ Simon schreibt das auch. Sonst sagt er nichts, macht keine Hausaufgaben mehr, kommt zu mir, sitzt in einer Ecke, versteckt sich vor den Kindern unter dem Fenster. Und wenn ich einmal nicht da bin, hinterlässt er wieder kleine Zettel, er sei bei mir gewesen. So viel steht darauf. Und wenn ich ihm zu Gesicht bekomme meint er, er wisse nicht mehr, was sich in der Schule zugetragen habe, als er nach der Schule in seinem Kinderzimmer sitzt. Er wüsste nicht, wo er bleiben solle. Ich darf ihn nicht bedrängen, dachte ich mir. Ich informiere Frau Möller und frage nach Rat. Wir wollen sanft bleiben, ja, wir wollen ihn nicht so wie Henry bedrängen.

Nach diesen Erinnerungen stelle ich mir meine und seine Zettel vor wie sie vor meinen Augen auf der Oberfläche der Wabe an mir vorüberfließen.

Draußen am Fenster vor dem Kinderzimmer stehen die Kinder wie immer: „Simon bleib hier!“ Meinen sie es jetzt gut? Josefine allerdings schreibt immer noch Liebesbriefe und Pitt freut sich ganz unsensibel darüber. „Simon, ich freue mich, wenn du kommst, wenn du dich entscheiden kannst, wo es am besten für dich ist. Ich bin stark. Ich habe dich immer lieb. Hier ist immer ein Platz für dich, egal, was passiert“, sage ich ihm. Hoffentlich sucht er bald wieder meinen Schutz. Tut er ja! Und alles ist freiwillig, ohne Stress, mit Zusammenhalt, bald. Ich informier Frau Möller jedes Mal darüber. Bald sind wir zusammen und Henry mundtot.

Eine Wechselmaschinerie beginnt. Mal soll Simon zum Vater. Mal zu mir. Wieder kommt Simon regelmäßig nach der Schule zu mir. Auch wenn geplant ist, er solle zum Vater. Er bewegt sich sehr langsam. Gegen fünf oder halb sechs nimmt Simon seinen Schulrucksack und schlürft schwer und planlos auf die Straße. Wohin? Sein Vater holt ihn irgendwo ab. Und wieder informiere ich Frau Möller.

Vielleicht beschließt sie bald eine andere Lösung. Wird Simon dann in eine Pflegefamilie kommen? Oder könnte endlich bestimmt werden, dass er zu mir gehört, auch wenn das Gericht noch nicht entschieden hat? Vielleicht kann Simon eine Kur machen und wird auf Krankenkassenkosten verschickt? Ich frage danach Ich wage jetzt nicht von dem Bauernhof und der Waldorfschule zu sprechen. Meine Augen verlassen den Blick in das jetzt bereits sehr still gewordene Wasser. Ich richte mich auf und gehe langsam die Wabe, Name der Flusses, entlang. Ich bin mit meiner Geschichte noch nicht am Ende. Sie erscheint mir so gegenwärtig.


Wie lange noch diese
vorbestimmten Wechselbesuche?

Die Situation der drei Personen Hölzer ist längst bekannt

Ich solle für mich einen Therapeuten aufsuchen, denn die Sache werde hart, rät mir Frau Möller. Ich müsse jetzt stark bleiben. Doch ich habe weder Zeit noch Kraft, einen Therapeuten zu suchen. Das kann auf später verschoben werden. Mein Sohn braucht Hilfe.

Ständig besuche ich das Jugendamt. Ständig werden wir alle geladen. Ständig telefoniere ich mit dem Jugendamt. Ständig sitzen auch beide Eltern beim Jugendamt. Es entsteht eine Besucherliste, in der Simon selbst aussuchen darf, zu welchem Elternteil er wann möchte. Simon kontrolliert und zählt und macht dann die Kreuze, um keinen zu bevorteilen. Er scheint nicht an sich selbst zu denken. Nur an die Gerechtigkeit und dass er keinen Elternteil verletzt. Jeder aufmerksame Mensch kann entdecken, dass Simon nicht in der Lage ist, für sein eigenes Wohl zu entscheiden. Erst recht nicht, wenn dies heißen müsste, von einem der Eltern erst einmal Abstand zu halten. Simon geht ständig in die Schule, die nicht mehr interessiert, zum Jugendamt, zum Kinderpsychiater und zu den Therapeuten Tannen. Wie lange noch?

Mit unserem Fall hat Frau Möller vom Jugendamt viel zu tun. Könnte sein, dass wir zu ihrer Hauptaufgabe geworden sind. Und immer häufiger zieht sie Herrn Baumgart zu Rate, der inzwischen fast immer bei Gesprächen beisitzt. Einige Male sitzt Simon alleine mit Frau Möller. Er öffnete sich ihr, so wird gesagt. Er hat offensichtlich Vertrauen zu ihr. – Noch.


Henry bedrängt Simon ganz krass
Vorteil für die Mutter?

Ich betrachte jetzt die blattlosen bombastischen Weiden vor der Wabe und erinnere mich weiter. Das Telefon klingelte eines Tages, als Simon drei Tage bei seinem Vater gewesen war. Wie immer eine Nachricht vom Jugendamt. Jetzt starre ich wieder in den mittelgroßen Fluss unserer Ortschaft. Nicht bereit, weiter zu gehen sehe darin meine Eichenholzzeitmaschine unter der Strömung des Wassers, die mir diesen Moment wieder aufzeigt. Nein, diesmal ist es eine Aufforderung von Frau Möller, sofort zu kommen, es hätte sich eine neue Situation ergeben.

Welche verrät Frau Möller mir nicht. Gut, es ist endlich soweit, dass sich etwas verändert, endlich. Ich fühle mich erholt. Ich setze mich in den Bus, fahre in die Stadtmitte und sitze wieder in den Räumen des Jugendamtes. Ich werde aufgefordert, auf dem Gang zu warten, alles ist mucksmäuschenstill. Durfte ich mich erholt fühlen? Henry steht da, in der Stille. Herr Baumgart steht da, in der Stille. Er macht die Stille mit seiner Autorität und seinem Schweigen. Er ist amtlich mit Körperausdruck und Gesicht. Ich stehe in einer zeitlosen ungewissen Stille im Flur des Jugendamtes. Mich gruselt.

Frau Möller sei mit Simon zum Gericht gegangen und solle bald zurückkommen. Soviel erfahre ich. Mehr Informationen bekomme ich nicht in dieser Stille, im zeitlos schweigenden Flur des Jugendamtes mit Herrn Baumgart, der sich gerade räuspert.

Was geschah dann? "Aua, die Hagelkörner fallen wieder vom Himmel auf mich. Ich stehe am Wasser. Ich schaue ins Wasser und sehe, wie sich meine Tränen im Bach und im Hagel verlieren. Ich sehe mich aus dem Jugendamt laufen. Ich lief und lief und wusste doch nicht so recht, wohin ich lief. Ich lief endlos und hörte nie wieder auf mit Laufen, denn es war mir nicht erlaubt aufzuhören. Aufhören mit Laufen wäre unerträglich gewesen.

Ich sehe mich wieder im Flur des Jugendamtes warten. Herr Baumgart räuspert sich abermals. Ich hörte seine Schritte und sah sein Näherkommen: "Ihr Junge will bei dem Vater leben. Das hat er gesagt. Deshalb sind wir hier versammelt. Frau Möller ist bei Gericht mit ihm, um die Unterlagen klar zu machen." Ich wusste nicht, wie und was ich da hörte. Und als ich so gar nichts mehr wusste, hörte ich ihn weiter sprechen: "Außerdem beschwert sich Ihr Sohn, denn sie beide würden sich ständig gegenseitig schlecht machen vor ihm.“ Jetzt verwirrt mich alles. Hatte sich das mit dem Schlechtmachen immer noch nicht richtig aufgeklärt? Ich wusste nicht mehr, wie mir war, so innerlich. Ich musste laufen. Und ich lief.

Wenn ich stehen bleibe, gehe ich kaputt. Was soll ich tun? Kann ich eventuell noch zu Herrn Tannen, fiel mir ein, nachdem ich weit, weit gelaufen war. Irgendwann stehe ich bei ihm in der Praxis. Er steht mir gegenüber und betrachtet mich einen Moment. Ich kann ihm nichts sagen, kann nicht sprechen. Aber er hat sofort Zeit für mich. Mit gebrochener Stimme gebe ich ungefähr weiter, was ich von Baumgart hörte. Die Tränen laufen mir herunter. Und da klingelt sein Telefon. Er nimmt den Hörer ab und teilt mir nach kurzer Zeit mit: "Frau Hölzer, es ist für Sie. Frau Möller von Jugendamt sucht Sie. Sie möchten sofort zum Jugendamt zurückgehen. Simon hat sich ganz anders entschieden, als er mit Frau Möller alleine war, sagt mir Frau Möller gerade. Nur sein Vater will, dass er bei ihm bleibe, hat Simon Frau Möller erzählt. Er wolle es selbst nicht. Der Vater übt sehr viel Druck auf Simon aus, stellt Frau Möller fest. Die Erkenntnis ist ein Vorteil für Simon und für Sie."

Mit einer mir wieder kommenden zermürbenden Überreaktion stehe ich immer noch auf der Brücke. Meine Tränen plätschern immer noch in den Bach nach so langer Zeit. Die Hagelkörner, die mir auf den Rücken fallen schlagen die zermalmenden Gefühle von Verständnislosigkeit aus meinem Körper. Jetzt tröste ich mich leise und beruhige mich.

Eine psychische Folterung seitens des Jugendamtes, mal eben einen halben Tag lang. So etwas erlebte ich nicht das erste Mal. Bekomme ich dafür Schmerzensgeld? Nein, ich habe keines bekommen. Entschuldigte man sich bei mir? Nein, es gab keine Entschuldigung und keine Konsequenzen für Henry. Man sagte mir anschließend nur: “So etwas solle ich nicht wieder tun, - weglaufen. Das macht sich nicht gut. Da könnte ich das Sorgerecht verlieren.“ Keiner verriet mir das Patenrezept, wie die Handlungen des Jugendamtes mit all ihren Sozialpädagogen denn sonst auszuhalten seien.

Ich darf nicht einmal mit Simon weglaufen, dann würde ich das Sorgerecht verlieren. Ich sitze jetzt auf dem Steg am Flüsschen. Wie gehe ich mit dem Hohn und der Erniedrigung um, die mir das Jugendamt angetan hat? Ich höre das Plätschern des verhagelten Baches und das Geröll der Hagelstücke auf dem Boden. Ich lasse den Hohn und die Erniedrigung im Wasser zerschmettern. Die vermummten Leute sind nicht mehr da, stelle ich fest. Keine Fußgänger gehen hier mehr lang. Wahrscheinlich schon lange nicht mehr, fühle ich so. Meine Kleidung wird langsam schwer und auch von innen ist sie durchnässt. Kein Mensch tröstet oder hat mich auf dieser Brücke getröstet. Doch das Plätschern des Baches und die harten Hagelkörner, sie machen frei. Weil ich mich aber doch noch vor den harten Hagelkörnern schützen möchte, bleibe ich gebeugt auf dem Steg am Bach sitzen. Jeder Hagel hört irgendwann auf. Vielleicht nach einem halben Tag.

Warum hatte Frau Möller nach diesem Ereignis nicht dafür gesorgt, dass die Mutter jetzt gerichtlich Simon zugesprochen bekommt. Sie wussten, der Vater tut Simon nicht gut. Für den Vater ist sie aber zum Gericht gegangen. Wie sind all diese Handlungen zu begreifen? Sie kennen auch meine Begründung: „Der Wechsel schicke Simon ständig in eine Zerreißprobe. Die Mutter setzt ihn nicht unter Druck.“ Ich hörte keine Gegendarstellung. Aber es handelte keiner Sozialarbeiter und keine Sozialarbeiterin danach.


Herr Tannen wird von Henry
aus Simons Leben gestoßen

Die einzige Vertrauensperson die Simon noch hat

Das Gespräch mit Henry zusammen mit Herrn Tannen damals hatte noch mehr Wirkung gezeigt. Henry handelte weiter, wahrscheinlich saß er in seinem Keller und schmiedete sich eine Kette zusammen. Er ist nicht nur Bauingenieur. Er ist auch Ingenieur für Schweißtechnik. Er kann Schlösser bauen und zu schweißen.

Ich schaue weiter in den Bach und sehe gegenwärtig nicht nur die plätschernden Hagelkörner darin. Ich sehe wie meine Geschichte von hier weitergeht. Simon verweigert plötzlich und zum allerersten Mal ein Gespräch mit seinem Therapeuten, Tannen. Henry sagte ihm: „Diese Therapeuten, ein ekelhafter Beruf, sie mischen sich in die Angelegenheiten anderer Leute. In Dinge, die sie gar nichts angehen. Sie bekommen auch noch Geld dafür.“

Das ist das Allerschlimmste für Simon. Mir ist gar nie richtig klar geworden, dass Simon das nicht wusste, dass Herr Tannen Geld bekommt und er sein Klient ist: „Diese Menschen, die so einen Beruf haben, sollten sich schämen“, hörte er von seinem Vater. Ich sehe Simon bitterlich und lange weinen. Ich begreife das nicht. Habe ich versäumt, Simon aufzuklären? Tannen hatte doch geholfen, jahrelang. Simon wusste das doch, dass Tannen Geld dafür bekommt? Es ist ähnlich wie beim Arzt. Simon hat einen Freund verloren, den er braucht, den er lange Zeit liebte, und jetzt will er plötzlich Abstand, persönlich und von seiner Tätigkeit als Therapeut? Er ging gefühlsmäßig nie zu einem Therapeuten. Er ging stets zu einem Freund, wenn er zu Tannen ging. Aber Simon wollte nicht mehr, jetzt und immer. Er wollte nichts mehr von Tannen wissen und weinte dabei voller Enttäuschung. Ich schickte ihn los. Verzweifelt, aber mit Nachdruck. Ich schaute zehn Minuten später in die Praxis, um zu kontrollieren, ob er dort angekommen war. War er nicht. Simon nimmt seinen Termin nicht mehr wahr, zum allerersten Mal. Und er weigerte sich seitdem immer.

Herr Tannen schreibt Simon einen Brief: - Lieber Simon - Heute hast du einen Termin bei mir ohne eine Absage nicht wahrgenommen.

Mama war hier und sagte, Du hättest ihr gesagt, zu mir gehen zu wollen – bist aber nicht angekommen. Zudem hättest Du gesagt, dass ich nur Geld verdiene, wenn du kommst. Darauf möchte ich kurz eingehen, weil du damit nur einen Teil unserer Beziehung darstellst.

Gewiss – du hast Recht - ich verdiene mit deinem Kommen Geld. Schließlich kommen Kinder, Jugendliche und deren Eltern zu mir, weil sie eine fachliche Unterstützung wünschen, für die ich ausgebildet bin. Sie kommen, weil ich den Beruf des Kinder- und Jugendpsychotherapeuten ausübe. Und mit diesem Beruf verdiene ich Geld.

Ich mag meinen Beruf. Ich mag ihn, weil ich nicht nur damit Geld verdienen kann, sondern weil ich viel mit Menschen zu tun habe, zu denen ich auch eine Beziehung aufbaue und Gefühle entwickele, die mich mit diesen Menschen verbinden. Insofern gibt es neben der geschäftlichen Beziehung für mich in der Begegnung mit dir oder anderen eine gefühlsmäßige Beziehung für mich. Und eben da merke ich, wie schade ich dein Fernbleiben finde, weil ich mich auch auf die Stunden mit dir freue.

Also ich halte deinen Termin weiter für dich frei. Unsere nächste Stunde ist demnach nach den Osterferien.
Freundliche Grüße - Dein Herr Tannen

Ich sehe noch, wie Simon diesen Brief lange liest. Er steht in seinem Zimmer, drückt sich neben dem Fenster herum und will niemanden sehen. Er weint für sich alleine. Weiter drückt sich Simon neben dem Fenster herum und zerreißt den Brief von Herrn Tannen unter Tränen. Ein schneller Abschied eines jahrelangen Freundes. Ich sitze entfernt vor der Kinderzimmertür, beobachte Simon die ganze Zeit. Mit Bauweh sehe ich seiner Entscheidung zu.

Ich verlasse die Vergangenheit und schaue nach oben. Der Hagel hat nachgelassen. Ich verlasse die Gegend, die zwischen Tannens Praxis und meiner Wohnung lag, gehe den kleinen Fluss zurück und schaue durch meine Kapuze gen Himmel. Es hagelt nicht mehr. Ich gehe den Weg zurück bis in meine kleine Wohnung und wechsele die Kleidung, föhne meine Haare und setze mich mit einer Tasse Tee vor den Kaminofen. Das Feuer lodert.

Jetzt, da ich in diesem warmen Raum neben dem Ofen sitze und eine heiße Tasse Tee zu mir nehme, merke ich erst richtig wie durchgefroren mein Körper ist. Ich möchte weg von den Erinnerungen. Ich frage nicht mehr, hätte Frau Möller nach dieser Tätigkeit des Vaters, mit Simon zu Gericht gehen müssen, damit nicht die Mutter sondern der Vater ausgeschaltet wird? Ich möchte eine Pause machen, nur Tee trinken und Feuer sehen, Feuer sehen, mein Magen knurrt, ich habe Hunger wie ein hohler Erzschacht, und aus ihm knurrt es Tief heraus, und Feuer lodert, auch da unten. Ich muss Feuer sehen. Draußen stürmt es wie wild. Was für ein Wetter?


Simon wählt
mehr Tage für mich
weniger für Henry

Das Rotieren ist unerträglich
Es nimmt kein Ende

Ich habe Hunger. Ich möchte schlafen. Ich sehe nur Feuer. Etwas kracht draußen, nein drinnen. Die Eichenholzzeitmaschine springt an und setzt sich von alleine in Gang. Ich will weg, egal, was damals passierte. Ich bin dabei aus dem Zimmer zu laufen. Ich kann nicht mehr, will weg. Ich liege plötzlich wieder vor der Eichenholzzeitmaschine, die eigenständig die Geschichte weiter zeigt. Ich liege davor, doch ich möchte schlafen und habe Hunger und sie wird lauter und zeigt mir noch einmal:

Das Aufhaltbestimmungs- und Gesundheitsfürsorgerecht liegt bei Frau Möller im Jugendamt. Ein Papier sorgt dafür, irgendwo dort. Frau Möller rennt und gibt sich Mühe. Herr Baumgart ist inzwischen ständiger Beisitzer unserer Angelegenheit. Simon bekommt regelmäßig Vordrucke, auf denen er ausfüllen kann, wo er wann bleiben will. Frau Möller beobachtet das. Sie gibt mir hin und wieder einen kleinen Wink, dann, wenn Simon nicht mehr gerecht aufteilt, und plötzlich habe ich einen kleinen Vorteil bekommen, einen versteckten. Und immer mehr wird allen beteiligten Personen deutlich, der ständige Wechsel zwischen den Aufenthaltsorten, zwischen Vater und Mutter, mitunter Dreitagewechsel, bekommt Simon überhaupt nicht mehr. „Er ist nicht in der Lage das selbst zu bestimmen. Es wurde doch versprochen, ihn von Vater und Mutter wegzubringen, bis klar ist, wer das Sorgerecht bekommt“, kritisiere ich laut und schimpfe dabei den beisitzenden Baumgart aus, nicht Frau Möller. Mit ihr spreche ich stets normal.


Was kann ein Jugendamt
und was kann es nicht?

Warum klärt ein Jugendamt
die Hilfesuchenden nicht auf?

Nach allen bisherigen Tatsachen und Kenntnissen ist das Jugendamt nicht in der Lage, den Gerichtsprozess zu beschleunigen, damit Simon in Ruhe bei mir leben kann? Doch das kann und will ich nicht glauben oder wer ist denn zuständig dafür?

Die Eichenholzzeitmaschine dreht durch. Sie dreht sich vor und zurück. Sie zeigt mir Simon, der sich immer weniger selbst tragen kann und depressiver wird. Sie zeigt mir, wie Frau Möller ihr Gesprächszimmer betritt und Simons Beschwerden ankündigt: „Beide Eltern machen sich gegenseitig schlecht.“ Ich höre mir das an und telefoniere später mit Frau Möller: „Simon will beide gleich behandeln. Deshalb behauptet er, beide tun das. Er positioniert sich immer genau zwischen Vater und Mutter und will keinen bevorzugen, wie Herr Tannen das vor Jahren auch schon festgestellt hat. Das bringt Simon wahrscheinlich dazu, zu behaupten, ich würde seinen Vater genauso schlecht machen wie umgekehrt. Ich hätte doch nicht Therapeuten, Psychiater und Jugendamt eingeschaltet, wenn ich das täte, damit diese nachher mitbekommen, was ich tue. Ich habe doch die Beweise, dass ich das alles verhindern wollte und immer noch will. Ich bin doch nicht wie der Vater, der versucht, alle Personen auszuschalten, damit Simon nur seine Meinung über die Dinge hört.“ Wie oft ich das noch klarstellen muss, weiß ich nicht.“

Die Eichenholzzeitmaschine zeigt mir das immer wieder. Ich bin müde und kann nicht schlafen. Draußen donnert und stürmt es, und die durchgedrehte Eichenholzzeitmaschine zeigt mir jetzt, wie ich vom Jugendamt angerufen werde, während mein Sohn gerade bei seinem Vater verweilt. Moment, diesen Part hatten wir schon. Ich habe doch schon berichtet.

Dieser wiederkehrende Wechselbesuch zwischen Vater und Mutter geht weiter. Er macht Simon immer schwächer. Und Henry kämpft weiter. Er merkt nichts oder will es nicht. Simon muss nicht nur Vater und Mutter im Streit ertragen. Regelmäßig muss er weiter den Therapeuten Tannen besuchen, was er nicht mehr möchte, und auch den Psychiater Dr. Bück. Er muss dies tun. Diese müssen regelmäßig Kommentare und Gespräche beim Jugendamt abgeben. Ich habe ja die Vollmachten dafür unterschrieben. Doch ich brauchte sie gar nicht unterschreiben. Alles hätte genauso stattgefunden, hätte ich mich nicht zuerst ans Jugendamt gewandt, sondern Henry. Denn auch Henry hatte dem Jugendamt geschrieben, dass er seinen Sohn mit alleiniger Entscheidung bei sich behält, und erzählt offen darüber, die Mutter, mich, vom Sohn trennen zu wollen. Der Sohn will das nicht und sagte dies Frau Möller. Also wäre alles genauso passiert, wie es gekommen war, wäre ich nicht die Erste gewesen, die hilfesuchend plauderte. So nach und nach wird mir klar, Frau Möller hatte die eingezogenen Rechte auch ohne Einwilligung des Vaters bekommen, also auch ohne meine Einwilligung wäre alles so gelaufen. Nur mit dem Unterschied, ich wollte, dass Frau Möller Simon hilft und die Eltern kontrolliert werden. Henry wollte nicht kontrolliert werden. Die Begründung dafür liegt ebenfalls auf dem Tisch. Warum beschleunigen die das Gerichtsverfahren nicht gewissenhaft?

Außer immer noch mehr Katastrophe passiert gar nichts. Schul- und Untersuchungsstress für Simon, Druck und Demut für mich. Alles steigert sich ohne Veränderung. Zunehmend hilflos aggressiv verhält sich Simon. Danach ist er traurig, fällt weinend zusammen. Sind das Depressionen?

Mit seinen Kumpels auf der Straße ist er irgendwann wieder er selbst und kennt die größten Witze, Späße und einfallsreichsten Spiele, wenn sie ihn lassen. Doch dann, wenn er bei mir wieder Fuß gefasst hat, muss er zurück zum Vater wechseln. Ich halte es nicht mehr aus. Ein systematisch ständiger Kreislauf gegen Simons und mein Wohlbefinden. Wann hört das auf?

„Bringt mich doch in Pitts Familie. Sie wollen mich adoptieren“, meint Simon hin und wieder mal. Angeboten haben sie es. Problematisch finde ich das schon, denn irgendwie wird unser Elend ausgenutzt. Manchmal finde ich es sogar nett von ihnen, denn Simon empfindet gerade anders und ich möchte nicht noch mehr an ihm kaputt machen. Aber sie präsentieren sich nur vor Simon. Sie helfen weder mir noch Simon wirklich damit. Pitt nutzt die Situation weiter für sich aus. Er zieht Simon von den gleichaltrigen Kindern weg, die gerade am Ballspielen sind. Ich finde Simon danach in einem Kiosk Cola trinkend oder Zigaretten rauchend neben Pitt stehend wieder, angeblich Freunde. Zunehmend wird es schwieriger, Simon von Pitt wegzuziehen.

Lange Gespräche führt Dr. Bück mit Henry. Er solle sein Einverständnis für eine Pflegefamilie oder eine andere Unterbringung geben, bis das alleinige Sorgerecht ein Elternteil hat. Es ist auch schon von einem Klinikaufenthalt die Rede oder einer Kur. Eine Unterschrift von Henry zum Wohle des Kindes wird es nicht geben. Während dessen sitzen Ilka und Simon im Wartezimmer. Simon hat Mitleid mit seinem Papa: „Immer helfen sie Dir und sind gegen ihn“, sagt er während wir dort sitzen und warten. Welche Logik? Wieso wird er so lange gefragt? Das kann das Jugendamt doch selbst entscheiden. Warum tun sie es nicht? Ich schlug eine Erholungskur, eine Ganztagsbetreuung irgendwo nach der Schule oder eine Pädagogin, weit weg von uns, vor. Das kann das Jugendamt mit dem Aufenthaltsbestimmungsrecht alleine machen. Es wurde auch dort schon längere Zeit ein Klinikaufenthalt angedacht, wie Herr Tannen ihn seit einiger Zeit beschrieb. Sie sollten längst schon mit bekommen haben, je mehr darüber mit Henry diskutiert wird, desto mehr wird Simon von ihm dagegen aufgeklärt: „Pass auf, dass sie dich nicht in die Klapse bringen!“ höre und sehe ich Henry zu Simon in der Eichenholzzeitmaschine sagen, während ich woanders stehe und nichts mehr begreife.

Längst nicht mehr kann ich verstehen, weshalb sie nicht entscheiden können, dass mein Sohn bei mir bleibt. Einen Elternteil des Vertrauens wählen, der Teil bin ich, das ist bekannt. Unterlassene Hilfe vom Jugendamt macht Simon krank, - richtig krank. Alles wegen der Neutralitätsbewahrung? Das ist fatal und ungerecht. Wann positioniert sich ein Jugendamt, um Kinder zu retten? Herr Tannen meint dazu: „Bleiben Sie, wie Sie sind, ruhig gelassen, kooperativ und konstruktiv. Es wird schon alles gut gehen. Sie machen Ihre Sache gut.“ Ich halte das Telefon in der Hand. Er spricht. Doch ich schaue unterdessen aus dem Fenster und sehe einen gebrochenen planlosen Simon unglücklich auf dem Rasen, wie ich nie ein Kind zuvor gesehen habe.

Und die Eichenholzzeitmaschine hört nicht auf zu zeigen, Simon besucht mich jeden Tag von sich aus, als bestimmt war, er solle zum Vater. Immer das  gleiche Spiel mit den Zettelchen vor der Wohnungstür: ‚Wo soll ich nur hin?’, ‚Komme jederzeit zum Essen’, ‚Hallo Mama, ich rufe dich mal an. Dann reden wir miteinander.’ Ansonsten ist er oft in der Stadt Pommes essend sich selbst überlassen, immer wenn er beim Vater verweilen soll. „Schreiben Sie alles auf. Schreiben Sie ein Tagebuch über alles, was passiert. Beantragen Sie eine Kur für Simon“, meint Frau Möller. Wieso soll ich eine Kur beantragen, wenn anschließend die Unterschrift des Vaters gebraucht wird? Ständig soll ich mich bemühen und die sagen ab? Wegen des Beweismaterials? Allmählich fühle ich mich selbst schwer an und so schwer bin ich gar nicht.

Ich bin müde, will die Eichenholzzeitmaschine abstellen. Doch sie läuft weiter. Sie beherrscht und peinigt mich. Und als Simon plangerecht bei mir ist, kommt Henry plötzlich, allen Bestimmungen des Jugendamtes zum Trotz, um Simon zu holen. Seine Freunde waren Zeugen. „Ich gehe nicht mit dir!“, ruft Simon weinend „Ich will mit meinen Freunden spielen. Aber die mögen mich jetzt nicht mehr, weil du mich so angeschrien hast!“ Als ich mir die Aussagen der Freunde anhöre, erinnere ich mich plötzlich an eine Vision. Hier stehe ich auf der Wiese vor dem Wald mit einem Tagtraum. Vor Jahren ging der durch meinen Kopf. Ich legte mich auf die Wiese bei Sonnenschein, sah träumend in den Himmel sah. Hier zeigt es die Eichenholzzeitmaschine. Ich schrecke auf und sitze auf der Wiese. Ich sah einen achtzehn- oder neunzehnjährigen Simon, der mit einem Beil seinen Vater zu Tode schlug mit den Worten: „Du hast mir meine ganze Jugend zerstört!“ Und von einem Beil, das Simon in der Hand hatte, redeten jetzt die Kinder. Er soll mit einem Beil gegen den auf der Straße stehenden Stromkasten geschlagen haben. Es ging dabei nichts kaputt. Wir sahen uns den Stromkasten an. Hier zeigen es die Kinder mir, zeigt die Eichenholzzeitmaschine.

Josefine schreibt als Zeugin für das Jugendamt. Die anderen trauten sich nicht aufzuschreiben, aber wollen jederzeit alles erzählen, was mit Simon passierte. Manche erzählen viel und mehr, und werden später angehalten, sich rauszuhalten:

“Vor ein paar Tagen kam der Vater und hat zu Pitt, Johann, Jan, Anna und mir gesagt, dass er Simon gleich höchstwahrscheinlich abholen wolle. Simon kam mit seinem Handy heraus und hat dem Vater gesagt, dass sein Handy kaputt ist. Der Vater hat ihn angeschnauzt, was das solle, dass er sein Handy kaputt mache. Beim Weggehen hat der Vater noch gesagt, er hole ihn am Mittwoch nach der Schule ab. Die Halbschwester nimmt Drogen und Simon war auch schon mal im Hanfshop. Der Vater holte Simon vom Fußball weg. Mit neuen Sachen und mit Geld setzt er Simon unter Druck, bei ihm zu bleiben“, schreibt Josefine.

Mit knurrendem Magen schlafe ich vor der Eichenholzzeitmaschine ein. Sie lässt mich nicht wegkommen. Ich sehe noch Bilder, wie Simon auf seinem Hochbett liegt. Eine Hanfkette schmückt ihn. Er schreibt Eminem Briefe. Er schämt sich, weil er erst dreizehn geworden ist. Er schreibt, dass ihn alle schlecht finden, seine Freunde, seine Eltern, die Lehrer in der Schule, und dass er nicht weiß, wo er bleiben soll.

Simon kommt nach der Schule zu mir. Drei Tage habe ich ihn wieder. Er wirkt wütend. Er wirkt außer sich. Ich weiß nicht warum. Er will gegen etwas treten und schlagen. Ich weiß nicht warum: „Simon, wenn du nicht weiter weißt und das Gefühl hast, du müsstest jetzt alles kaputt schlagen, mache das nur in deinem Zimmer. Lasse meine Sachen in Ruhe, ja?“  Ich sehe Simon, wie aufgewühlt er ist, so wie ich ihn bisher nicht erlebt, nachdem er wieder drei Tage bei mir leben soll. Er hört auf mich, lässt meine Stühle zufrieden, geht in sein Zimmer und zertrümmert einen Spiegel. „Ok egal, ich bin dir nicht böse. Ich weiß, du hast es schwer. Ich hoffe, es wird dir bald besser gehen.“ Simon zeigt mir dann vorsichtig, was er vorhatte. Er nimmt meine Hand führt mich zu einer Steckdose und zeigt mir, wie er am liebsten eine Schere nehmen will und in die Steckdose stecken will, weil er nicht weiter weiß. Ich drücke ihn, dass solle er nie, niemals tun. Er muss es versprechen, und er spricht es. Ich informiere wieder Frau Möller über die Geschehnisse mit der Frage, wann etwas passiert, damit er Ruhe hat.

Er liegt auf dem Rasen. Zwei kleine Mädchen sprechen ihn an, er solle doch Federball mit ihnen spielen. Sie nehmen ganz viel Rücksicht auf Simon. Simon bewegt sich kaum. Seine Schlagkraft ist nur halb so weit. Der Federball landet weit vor den anderen beiden Spielerinnen. Simon hört auf zu spielen, geht in sein Zimmer und die Mädchen gehen hinterher, klettern auf seine vor dem Fenster stehenden Leiter und erzählen ihm Geschichten und Witze. Sie wollen so lange erzählen bis Simon wieder glücklich ist. Ich schlafe ein.
(© Ilona Meschke 2008)

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