am sechsten Novembertag irgendwann
Es waren boshafte Geschenke. Keiner bestraft die Schenker. Noch schlimmer: Ich kenne die skurrile Kette der versteckten Feinde nicht. Durch Radtouren, Sport und Geschichten erzählen und lesen hielt ich die Freundschaft, Verbindung und Liebe zu meinem Sohn. Und er hat dadurch Erfolg, Freude und Sicherheit wieder bekommen.
Aber außerhalb unseres Rahmens verlor ich häufiger.
Warum?


Das Handyzeitalter rückt heran

Ich wache vor der Eichenholzzeitmaschine auf, der sechste Novembertag irgendwann. Der Kaminofen glüht noch. Ich lege Holz nach. Draußen ist es kalt, noch dunkel und stürmisch. Die Eichenholzzeitmaschine zeigt ein neues Zeitalter an. Das Handyzeitalter. Die Kinder der aller ärmsten Familien bekommen alle zuerst ein Handy. Pitt mit seinen Geschwistern und Simon sitzen hier gerade bei mir, in der Eichenholzzeitmaschine beobachte ich weiter. Sie diskutieren mit mir über ein Handy für Simon. Nur zufällig bilden wir einen Sitzkreis in meinem kleinen Raum, indem über ein Handyhaben oder Nichthaben diskutiert wird. Mir werden alle Notfälle aufgezählt, die es schon so gegeben hatte, und wo dann gerade noch ein Handy rechtzeitig half.

So viel sage ich gar nicht in dieser kleinen Diskussionsrunde über ein Handy für Simon. Mit der Ausnahme, dass ich wohl wisse, dass so ein Handy ganz nützlich sein kann. Es gibt eine Menge Gründe dafür und eine Menge Gründe dagegen. Pitt nickt. Er kennt wohl auch Gründe dagegen. Haben wir nicht genug Sorgen, und jetzt kommen auch die Handys noch auf den Markt? Simon kann sich ein Leben ohne Handy nicht vorstellen, doch er soll keins haben. Eine Saat für Henry ist damit gelegt. „Nein, Simon, dass Dir Dein Vater jetzt ein Handy geschenkt hat, ist nicht o. k. Er hätte es mit Deiner Mutter absprechen müssen“, sagt Herr Tannen gerade. Simon ist jetzt oft bei Herrn Tannen. Manchmal auch, weil er und ich Streit haben, dann beruhigt er sich bei Herrn Tannen, spielt dort eine Weile im Wartezimmer, ruft später zu Hause an, damit ich mir keine Sorgen mehr mache. Bis wir uns dann wieder sehen.


Es gibt noch mehr
boshafte Geschenke

Ich komme von der Arbeit nach Hause, möchte meine Schuhe ins Schuhregal stellen. Für diese Aktion benötige ich Platz im Regal, also ziehe ich Simons zusammen geknuddelte Kleidungssachen aus dem Regal. Etwas war im Zeug eingewickelt und fällt herunter vor meine Füße. Es klirrt. Ich erschrecke. Vor meinen Füßen liegt eine Pistole, ein Jägergewehr. Wut durchdringt meinen Körper. Ich kenne dieses Gewehr. Simons Opa, Henrys Vater, besaß es. Schon ein paar Mal gab er es Simon zum Spielen, als er fünf und auch sechs Jahre alt war. Ich hatte das damals verboten. So wurde Simon sehr oft aufgefordert mit diesem Gewehr zu spielen, weil das angeblich geil ist, mit der Absicht, meine Erziehung und meine Ideale vor meinem Sohn zunichte zu machen, damals schon. Ich sehe kurze Zeit später rote Plastikringe mit silbrigen Patronen und weiß nicht, ob die zu den vielen kleinen Spielzeugpistolen gehören oder zu dem echten Gewehr, eher dem Letzteren. Die Wut steigt in mir hoch, lässt mich aufschreien und weinen. Ich trete auf dieses geheim gehaltene Weihnachtsgeschenk, welches ich ja doch irgendwann finden soll, - wie boshaft kann ein Opa werden. Ich soll es wohl zerstören, damit Simon und ich Streit bekommen. Ich kann es nicht zerstören. Ich schmeiße das Ding mit dem Gefühl, bösartig hintergangen und bedroht worden zu sein, in den Mülleimer. Herr Tannen war später der Ansicht, so etwas gehöre nicht in den Mülleimer. Ich dachte nicht darüber nach. Heute, wenn ich so nach Jahren in die Eichenholzzeitmaschine sehe und mir das Drama noch einmal herein ziehe, finde ich mich ein wenig naiv.

Doch es gibt schon böse Geschenke, böser als das Handy, kaum zu glauben, dass Henry Simons echter Vater ist.

 

Simon kämpft ständig alleine gegen Konflikte
Die subtilen Entführer
mit ihren Zerrmarterungsideen

Mein befristeter Arbeitsplatz als Projektleiterin läuft auf Eis. Es gibt keine öffentlichen Geldträger mehr. Die Stadt hat Gelder gestrichen und mein Vertrag wird nicht verlängert. So große Sorgen deswegen kann ich mir gar nicht machen. Ich habe Zeit und glaube, die Zeit soll jetzt für Simon sein, damit er seine Realschule schafft und wir viele Dinge besprechen können, die mir sehr am Herzen liegen. Arbeitslos werden, damit wir uns sortieren können? Ich fühle mich gerade jetzt überaus beansprucht mit Sorgen, die sonst niemand hat. Ich richte das Zimmer meines Jungen neu her. Es soll ein größerer Schreibtisch rein, eine Arbeitsplatte. Wir haben jetzt viel Platz. Nach der Schule soll er gleich kommen. Es gibt was zu essen. Dann wollen wir regelmäßig alle Unterrichtsfächer noch einmal durchgehen. Kontrollieren, ob er alles verstanden hat.

Im Regal stehen drei Harry-Potter-Bände. Ja, wir haben sie zusammen gelesen wie viele andere Bücher auch. Aber Harry Potter ist da nicht zu toppen. Das vierte Buch sucht Simon schon in allen Bücherläden. Es soll bald fertig geschrieben sein und veröffentlicht werden. „Die Schriftstellerin ist wohl doch noch nicht ganz fertig, Simon“, sagt eine Verkäuferin. „Ein bisschen beeilen könnte sie sich schon. Es warten doch viele Kinder drauf“, meint Simon.

Ich drehe die Eichenholzzeitmaschine ein wenig zurück und sehe uns lesen, immer abwechselnd. Simon liest dabei wie ein Fernsehreporter, wenn es um das Ballspiel in der Luft mit dem fliegenden Besen geht. Ich lese lieber die Stelle, bei der ein Mädchen ein Taschenbuch findet. Das Mädchen wird von einem bösen Zauberer in eine Falle gelockt. Mit dem Taschenbuch ist es ja ähnlich wie mit einem Handy, glaube ich oft ziemlich laut. „Es wäre schon besser, wenn ein Dealer Drogen verkaufen will, mich hier zu Hause anruft. Der soll erst einmal mit mir an der Strippe reden. Ich möchte immer noch wissen, mit wem Du wann telefonierst, Simon. Ich möchte aufpassen können und schlimmste Dinge verhindern“, und ich denke auch heimlich an seinen Vater und seine Großmutter väterlicherseits.

Martin besucht uns und liest Harry Potter mit. Bei Keksen und einer Tasse Tee lässt sich das Lesen der Geschichte ganz gemütlich gestalten. Die Kinder in der Zauberschule machten eine Prüfung. Sie werden, das ist ein Teil der Prüfung, von einem Geist erschreckt, der sich immer unverhofft in dunkle Ecken herumtreibt, plötzlich erschein und eine Gestalt annimmt, vor der das anwesende Kind besonders viel Angst hat. Vom Kind wird dann ganz schnell erwartet, die Geistergestalt sich verändert vorzustellen. Sie sollte belustigend verändert werden, gedanklich. Die beängstigende Geistergestalt sollte sich in den Vorstellungen der Kinder so witzig verändern, dass diese gedemütigt verschwindet. Wenn die Schülerinnen und Schüler der Zaubererschule das hinbekommen und den Angstmachergeist verlieren ließen, haben sie ihre Aufgabe bestanden. Wir lesen jetzt, auf welche Weise der Angstmachergeist in eine lustige Gestalt verwandelt und gedemütigt aus dem Fenster oder zurück in die dunkle Ecke flüchtete, um sich dann in der Luft aufzulösen.

Ich entscheide nach dem Vorlesen schnell, diese Prüfung selbst praktizieren zu wollen und motiviere: „Martin, stelle Dir doch mal vor, ich würde jetzt den dunklen Schrank öffnen“, ich gehe zum Schrank und öffne ein wenig. „So ein Geist wird dir jetzt entgegen springen. Wovor hast du Angst, was wäre das Allerschlimmste für Dich? Was soll da jetzt erscheinen?“ – „Eine Ilka.“ Simon lacht wegen Martins Antwort. „Nein, stelle Dir noch etwas Schlimmeres vor.“ – „Zwei Ilkas.“ Simon lacht wieder. Und lustig wäre angeblich, eine Ilka mit einem Pimmel, und Simon lacht sich tot. Ich finde das nicht mehr lustig: „Hört auf, sofort!“

Die Schule ist aus und ich warte auf Simon. Tagtäglich muss ich ihn suchen. Er wird von Pitt aufgehalten, versteckt sich in dem Haus der Nachbarfamilie, um Videofilme mit Pitt zu gucken. Auf der Straße will ich Simon nach Hause zerren, doch er wehrt sich. Er macht keine Hausaufgaben. Ich verstecke Simons Handy. Es lenkt ihn unentwegt von wichtigen Tätigkeiten ab. Mehr noch, die Menschen, die sich ständig bei Simon per Handy melden, spalten uns in unserer gemeinsamen Wohnung. „Nervt Dich Deine Mutter? Soll ich Dich abholen?“ fragt sein Vater durchs Festnetz, aber auch durchs Handy. Da bin ich mir sicher. „Nein“, antwortet Simon. Er kennt seinen Vater und hält zu mir. Dennoch fasse ich die Dreistigkeit nicht. Was lassen die sich alles einfallen, um zwischen mir und Simon Ärger zu schaffen?

Zusammen sitze ich mit Simon bei Herrn Tannen, um mit Gesprächen unseren Stress zu bereinigen. Ein anders Mal ist mein Sohn mir nach einem Streit auch weggelaufen. Wo könnte er sich aufhalten? Ich mache mich zu Fuß auf in die Stadt zum Kino. Wenn Simon aus Frust dort hingegangen ist, so hat er es zu Fuß gemacht und ich kann ihm zu Fuß besser begegnen. Ich sehe ihn nirgends, nur Leute und Lichter, denn es wird langsam dunkel. Ich laufe nach Hause, spioniere alle Jungengesichter aus, ob ich eventuell Simon erkenne. Zu Hause angekommen finde ich Simon in der Bettkiste des Ausziehsofas: „Du hast mich nicht mehr lieb. Ich wollte mich hier drin ersticken lassen.“ Verzweifelt erzähle ich, wo ich überall hingerannt bin, um ihn zu finden. „Dann hast du mich doch noch lieb?“

Wieder sprechen wir bei Herrn Tannen über unsere Streitigkeiten, weil es zu dritt besser geht. Simon beschimpft mich plötzlich: „Meine Mutter geht nicht zur Arbeit und ist arbeitslos, nur weil sie sich keinen Job zum Geld verdienen holt.“ Und er schimpfte über mich, da gibt es kein Durchkommen, kein Hinkommen, keinen Dialog mehr „Wie er das sagt, mit all den Bewegungen, so benimmt sich sein Vater“, flüsterte ich Herrn Tannen zu. „Wenn ich Arbeit habe, Simon in den Hort oder in die Ganztagsschule schicke, wird gesagt, ‚Deine Mutter will Dich loswerden‘, wenn ich keine Arbeit habe, um mich mehr um ihn zu kümmern, dann so.“ - „Ich weiß“, sagt Herr Tannen „Ich mache mir sehr große Sorgen um Simon.“

Die Eichenholzzeitmaschine zeigt mich auf unserer Straße. Hannes steht vor mir. „Simon sieht schlecht aus. Ich habe ihn beobachtet und werde aus dem Jungen nicht klug. Der braucht Hilfe“, sagt Hannes, ein Krankenpfleger und Nachbar. Und Jan, ein anderer Kumpel, sagt: „Ich habe Simon beobachtet. Er wurde von einem Mann mittleren Alters ungerechtfertigt beschimpft. Simon wehrte sich gar nicht und ließ den Mann in Ruhe. Irgendwie ist er überhaupt nicht so agil. Simon wehrt sich gar nicht mehr, wirkt schwach und langsam.“

 

Es gibt noch bösere Geschenke
und ich kenne die Herkunft nicht

Mich bedrückt ganz viel an diesem Abend. Ich gehe raus aus unserem Haus, hinten herum, in den Garten. Es dämmert. Ich sehe die Sonne untergehen. Betrachte das Gras und die Gewächse im Garten. Daneben gleich Pitts Garten, also der Garten seiner Eltern und Geschwister. Die Luft ist warm. Ich sitze im Gras und schaue zu einem Garten herüber, der einem Maximilian gehört, oder seiner Frau, einer kleinen, mit langen blonden Haaren. Ich sehe das Gestrüpp zwischen unserem Garten und dem von Maximilian. Alte Apfelbäume als natürliche Grenze trennen unseren Garten von deren Garten und geben Sichtschutz. Ein Apfelbaum dort hinten soll Simon als Kletterbaum dienen. Wir stellten eine Leiter davor und schnitten enge Geheimgänge ins Gestrüpp. Das mochte er. Doch diesen Kletterbaum mit der Leiter und diesem kleinen Versteck nutzt er gar nicht mehr. Er findet keine Zeit dafür. Wenn er sich mal auf diese Art zurückziehen möchte, so wird er gleich von Pitt entdeckt. Ich gehe zurück in die Wohnung. Simon schläft. Ich gehe in den Hausflur die Treppen hoch in Simons Mansarde unter dem Dach, schaue noch einmal aus dem Fenster, klein wie eine Dachluke. Schaue mir die Mansarde an und spekuliere, was die Kinder hier wohl zuletzt getrieben haben. Ich finde ein Messer in Simons Mansarde. Nein, das war kein Taschenmesser, kein Küchenmesser, man könnte Dolch sagen. Ich gehe runter zurück in die Wohnung und lege das Messer ganz oben auf den Küchenschrank. Hier ist es gut versteckt. Ich schlafe kaum in dieser Nacht.

Am Nachmittag des nächsten Tages stehe ich wieder im Garten mit dem Messer. Pitts Eltern grillen Bratwürste. Ich gehe auf die Mutter zu und zeige ihr das Messer: „Weißt Du, wem dieses Messer gehört?“ Die Mutter sagt, sie kennt das Messer nicht. Der Vater kommt auf uns zu. Er hörte meine Frage. Er schaut auf das insgesamt dreißig Zentimeter lange Messer: „Das ist doch Maximilians Messer!“ Er steht jetzt neben seiner Frau und wird von ihr angebufft, er schaut vorsichtig zu seiner Frau, die ihm eine Gesichts- oder Blickbewegung zuwirft, er scheint irgendetwas zu begreifen, was er vorher nicht begriffen hatte und sagt mir dann teilnahmslos spielend: „Nö, stimmt nicht, das Messer kenne ich nicht.“ Vorher ging ich noch zu den Kindern und fragte sie und keiner, aber auch keiner kannte angeblich dieses Messer. Doch waren sie alle in unserer Mansarde oben gewesen.

Davor zeigte ich das Messer Simon: „Das gehört mir! Gib es sofort zurück! Das ist ein Geschenk. Nein, ich verrate dir nicht, wer mir das Messer geschenkt hat.“ Und ich frage mich natürlich, woher die naivsten Kinder wissen, dass sie mir verraten durften, woher das Messer ist. Simon hatte sich fest eingeschlossen in seinem Zimmer, weil ich ihm dieses Messer nicht zurückgebe und ihm zu verstehen gebe, dass das alles nicht mehr lustig ist.

Also der Maximilian, der dort hinten den Garten hat, dessen Alter man nicht gut schätzen kann, weil er einen ziemlich aggressiven Gesichtsausdruck hat. Er ist Martin schon einmal an den Kragen gegangen. Es ging dabei um deren Hunde. Beide haben sie Hunde und dadurch Streit bekommen, weil die Hunde sich anbellten. Dort spielen oft auch halbwüchsige Kinder. Die kleine Frau, Maximilians Lebensgefährtin, beaufsichtigt die Kinder oft und die Hunde. Sie alle spielen im Garten und toben zusammen. Ich sehe das oft. Mit Pitts Eltern und Bierflaschen in den Händen stehen sie ebenfalls oft am Gartenzaun und unterhalten sich. Oder sie sitzen ganz und gar in einem der Gärten zusammen, grillen Bratwürste und trinken Bier. Maximilian hat eine Arbeitsstelle bei Henry, Simons Vater. Er ist öfter straffällig geworden. Henry arbeitet oft mit straffällig gewordenen Menschen. Früher sagte Henry einmal, er gibt ihnen eine Chance wieder zu arbeiten. Kann sein, aber er braucht sie auch. Sie benehmen sich kumpelhaft und gegenseitig hilfsbereit, auch nach einem Streit, der schnell mal ausbricht. Oft verarschen und betrügen sie sich auch gegenseitig, doch einigen und vertragen sich wieder. Simons Vater ist vor allem auf Leute angewiesen, die nicht gleich so hohe Gehälter oder Löhne verlangen, die ihm dankbar sind, weil er ihnen Arbeit gibt. Henry ist also Maximilians Arbeitgeber und freundschaftlich gesinnt zu Pitts Familie. Pitts Eltern sind die Freunde von Maximilian, der meinem Sohn, gerade in dieser uns so zerfleischenden Zeit einen alten, nicht TÜV-geprüften, gefährlichen defekten Dolch in die Hand gedrückt hat, ein übles Geschenk.

Henry war auch schon mal in Maximilians Garten. Simon erzählte es mir ganz stolz. Ich weiß nicht, wie eng die Verstrickungen zu Henry und Pitts Eltern sind und ob sie alle sogar auch persönlichen Kontakt zueinander haben.

Nicht lange mehr wird Maximilian in diesem Garten verweilen. Ich drehe ein bisschen an der Eichenholzzeitmaschine herum, weiter zeitlich nach vorne. Er wird sich bald von der Frau trennen müssen. Die wird lange Zeit auf der Straße zu sehen sein, humpelnd mit Krücken, mit Verbänden und blau geschlagenen Augen. Mit dem Messer und meiner Story gehe ich zu Herrn Tannen, denn mit dem menschenmissachtendem lähmendem Jugendamt mochte ich keinen Kontakt. Simon verzeiht mir die Einziehung des Messers nicht. Wir sind inzwischen sehr überfordert wegen böser unerlaubter Geschenke.


Simon soll sich für ein Mädchen opfern
welches Pitt loswerden wollte

Und sie standen alle penetrant vor Simons Kinderzimmerfenster, kämpften um ihre Interessen und freuten sich über Szenen, die Simon belasteten, als würden sie einem Theaterstück zusehen.


Pitts Verkuppelungsaktion

Josefine verliebt sich in Pitt. Doch Pitt, ein inzwischen großer schlanker Junge, findet Josefine zu dick. Er ist in das Mädchen nicht verliebt. Aber er hätte da jemanden für Josefine, nämlich Simon, der nebenbei gesagt, immer noch ein halbwüchsiger, kleiner, zarter zwölfjähriger Junge ist. Ich merke, irgendetwas wird auf dem Spielplatz ausgekungelt, denn Josefine ist mit der Verkupplung einverstanden. Sie will jetzt Simon lieben, ein ziemlich jungendliches, reifes Mädchen, ungefähr drei Jahre älter als Simon. Ich beschließe einkaufen zu gehen und dabei den Weg über den Spielplatz zu gehen, um nach Simon zu schauen. Manchmal spielen sie Fußball. Manchmal verdrücken sie sich in eine Ecke im Gestrüpp. Pitt und Josefine begegnen mir mit feindseligen Gesichtern, wenn ich nach Simon schauen möchte. Simon ist bei ihnen, und alles kommt mir so unfreiwillig vor. Wie locke ich ihn weg?

Ich sehe Simon in seinem Zimmer sitzen, innerlich zerrissen und traurig, ertrunken in Liebesbriefen von Josefine. Nicht nur einen schreibt sie täglich, sondern drei, vier oder fünf. Simon solle sich schon mal überlegen, wie ihre Kinder heißen sollen. Sie möchte eine Menge haben. Sie möchte sich außerdem bald mit Simon verloben. Für Simon sind ihre Liebesbriefe Attacken und immer ist Pitt dabei und beobachtet und beaufsichtigt das Schauspiel. Ich möchte Simon helfen, doch ich dürfe mich da nicht einmischen, sagt Simon. Er würde alles alleine regeln. Mir scheint, er will nicht zugeben, dass er nichts regeln kann. Vor dem Kinderzimmerfenster stehen jetzt wieder Drei junge Leute, eine kämpfende Josefine, die wieder einen Liebesbrief dabei hat, Pitt und sein kleiner Bruder belustigend. Sie beobachten das Schauspiel und freuen sich. Wie oft habe ich dieses Bild gesehen? Simon möchte weder rausgehen zu ihnen, noch will er einen Liebesbrief bekommen. Er schreit, er ruft, er wehrt sich dagegen. Es macht den Stehenden vor dem Fenster, weder etwas aus, dass Simon sich dabei nicht wohl fühlt, noch dass ich im Hintergrund stehe. Sie können mich sehen. Sie benutzen Simon gefühllos für ihre gemachten Sensationen. Warum bekommt Simon nicht mit, dass sie keine Freunde sind? – Vielleicht, weil er einfach Freunde braucht?

Wir sind alleine in Simons Zimmer. Ich schaue, was der Traurige so macht und entsorge die hässlichen Liebesbriefe, die niemand wollte. Eine ganze große Plastiktüte voller Briefe habe ich im Keller versteckt, damit Simon sie nicht mehr sieht. „Mama, ich habe hier eine Schere auf dem Tisch. Ich wollte sie in die Steckdose halten.“ Ich erschrecke mich. Er soll mir versprechen, das nie wieder zu tun.

 

Wieder ein verloren gegangenes Spiel
Doch alles ist eine Frage der Zeit

Simon will plötzlich nicht mehr lesen. Er weigert sich, mit mir ein Buch zu lesen und auch keinen Harry Potter. Vorher hatte er mir erzählt, dass Katharina, seine Stiefschwester jetzt anfängt, Harry Potter zu lesen. Er war stolz gewesen, schon alle Bücher zu kennen. Er erzählte, wir hätten sie zusammen gelesen. Deswegen vermute ich einen neuen Verrat, eine Schlechtmacherei seines Vaters. Doch ich habe eine Masche gelernt, damit umzugehen. Ich frage nicht groß nach, wieso und weshalb, ich tue immer so, als käme alles von ihm selbst und lache lässig oder betrübt, mit spaßigen Vermutungen, als Simon seine Bücher verpackt nach oben in die Mansarde transportiert: „Kein einziges Buch willst du mehr lesen? Nicht ein einziges unten lassen? So schnell bist Du erwachsen geworden und liest jetzt nicht mehr? Gestern hast du noch gelesen und ab heute kein einziges Buch mehr? Geht das schnell.“ Und Simon ist entschlossen: „Ja! - Nein! Vorbei mit Lesen!“ entscheidet er oder wer auch immer wieder mal für ihn entschieden hatte. Ich hoffe nur, Simon wird bald wieder selbst entscheiden, später. Ich warte, bis er wieder zu mir kommt.

Wenn wir Frust haben, stifte ich einen kleinen spielerischen Kampf an. Ich sehe gerade eine Schneeballschlacht, eine ganz ausgiebige. Sie weitet sich von draußen nach innen in den Keller aus bis in die Wohnung. Wir bewerfen großzügig uns mit Schnee aus dem Fenster heraus und wieder rein, teilweise klettern wir dabei die Fenster rein und raus. Nach dem Spiel werden wir alles saubermachen müssen. Und einmal, ich erinnere mich wieder, als ich noch Arbeit hatte, kämpften wir in unserer kleinen Wohnung, kletterten wir dabei über Tische und Stühle. Ich lag gerade auf dem Boden, da kippte mir ein Stuhl ins Gesicht. Ich bekam ein dickes Auge. Ich hatte lange etwas davon. Am nächsten Tag musste ich damit zur Arbeit gehen. Immerhin hatte ich danach gute Karten bei Simon. Laufend prüfte er mein Auge, um die Heilung zu kontrollieren.


Henry blockiert jede Art von Schulausbildung:
meine Planung

Simons Zukunft droht zu platzen

Die Schulleistungen sind immer noch so lapidar, nein schlechter. Simon ist überfordert mit Freunden, Schulleistungen, jeder Menge neuer unterschwelliger elterlicher Konflikte. Bald wird Simon eine richtige Therapie bei Herrn Tannen anstelle von Beratungsgesprächen machen. Auch wird er einem Kinder- und Jugendpsychiater vorgestellt, denn seine Probleme werden immer größer. Nicht nur Simon, auch mir wachsen die Probleme über den Kopf. Dr. B, der Kinderpsychiater wird bald feststellen, dass Simon weder gut in der Schule noch glücklich sein kann. Er steht mitten in den Spannungen der Eltern, die er beide nicht verlassen will, und gerät dadurch in eine Zerrissenheit. Ansonsten ist er gesund.

Seit drei Monaten plane ich einen Schulwechsel für Simon und Simon erklärte mitzumachen. Nur unter einer Bedingung, falls die Leistungen in der Realschule nicht mehr genügen würden. Ja, natürlich, das ist klar. Es war aber zu erwarten, dass Simon die Realschule verlassen werden müsse. Mit dem neu geplanten Schulwechsel wäre ein Jahr Schulausstieg möglich. Das braucht er. Er könne stattdessen auf einen Bauernhof arbeiten. Alle Menschen, die er jetzt um sich hat, solle er in nächster Zeit nicht mehr sehen. Nach der pädagogischen Maßnahme auf dem Bauernhof könne er das ganze Schuljahr wiederholen. Er wäre dann akklimatisiert. Das Schulprojekt hat Form angenommen. Simon ist für die Waldorfschule geeignet. Durch Eurythmie und Musiktraining hat er Ängste und Unruhe abgebaut. Ich denke, es ist so weit. Die Realschule kann bald vergessen werden, denn zurzeit schafft er sie nicht.

„Doch eine Chance ist noch da, lieber Simon, es ist da ja noch eine Mathematikarbeit, die solle ausschlaggebend sein, ob du jetzt in d er Realschule bleibst oder die Schule verlassen musst. Das sagt mir deine Lehrerin. Du wirst ja am Wochenende von Deinem Vater abgeholt. Er hat versprochen, mit dir zu üben. Strenge dich an. Es geht um die Wurst.“ Doch es wurde eine fünf und Simon gab zu, er sollte mich belügen und sagen, sie hätten zusammen geübt.

Damit wurde er von seinem Vater nicht nur angehalten, mich anzulügen. Was plant der Vater? Hier verrät mir Simon jetzt in der Eichenholzzeitmaschine, sie hätten das ganze Wochenende nicht geübt. Das musste er mir nur sagen, bedrängte sein Vater ihn. Simon beichtet immer, wenn es zu spät ist. Simon wird von seinem eigenen Vater reingelegt. Seine letzte Chance ist vermasselt. Dieser Mann kann nicht alle Tassen im Schrank haben. Er kann nicht Simons Vater sein.

Ich stehe wieder einmal sprachlos mit Wut vor diesem Ereignis. Simon wird irgendwann merken, wo er hingehört? Das sagte doch die Rechtsanwältin. Das sagten doch tröstend so viele. Aber wann? Simon kommt erst einmal auf die Hauptschule. Er fühlt sich schlecht und wertlos, weil er jetzt auf der Hauptschule ist.

Schnell, das Projekt mit der Waldorfschule! In zwei Jahren kann dann entschieden werden, in welche weiterführende Schule Simon kann. Inzwischen hat auch die pensionierte Lehrerin, die früher die Klasse betreute, in die Simon nach der Arbeit auf dem Bauernhof, sollte, angeboten, Simon zu unterstützen.


Gesellschaftskonflikte
in der Hauptschule

In der Hauptschule lernt Simon stehlen. Ich zahle Geld für eine Klassenfahrt beim Klassenlehrer ein. Ein Tagesausflug soll das werden. Ich drehe wieder die Eichenholzzeitmaschine weiter und der Tagesausflug wird zur Gegenwart. Ich verabschiede mich von Simon und sehe ihn mit seinem Picknickrucksack die Straße entlang zur Hauptschule gehen. Selbst habe ich noch einige Erledigungen zu machen. Die Zeit verschwindet langsam. Ich bekomme einen Anruf von der Polizei und bin erstaunt. Ich solle meinen Sohn abholen. Sie haben ihn mit einem anderen Jungen im Kaufhaus beim Stehlen erwischt. „Moment, mein Sohn macht gerade eine Klassenfahrt.“ Das stimme wohl nicht, was ich behaupte. Ich hole ihn also ab. Der Polizist spricht jetzt persönlich mit mir: „Ihr Sohn ist gerade dreizehn geworden. Also noch keine vierzehn. Sie können ihn jetzt mitnehmen. Bitte achten Sie doch mal auf den Umgang, den der Junge hat. Er war mit einem älteren Jungen zusammen, der bei dem Diebstahl die Federführung hatte und nicht ganz unbekannt bei uns ist. Ihr Junge war eher der vorgeschobene Mittäter.“ Wir fahren nach Hause. So still wie heute ist Simon schon lange nicht neben mir im Bus gewesen. Nach einer langen Zeit fragte er: „Mama, bin ich jetzt ein Verbrecher? Mama, hast du das früher auch mal gemacht? Ist das noch normal?“ – „Nicht alle Kinder haben in den Bus für die Klassenfahrt Platz gehabt. Ein paar mussten draußen bleiben und bekamen ihr Geld zurück. Nils wollte mein neuer Freund sein und wir waren damit einverstanden, auf die Klassenfahrt zu verzichten.“ Ich sage nicht mehr viel, bin verständnislos und zornig und hoffe, Simon bald als Waldorfschüler zu sehen. Ich träume von einer weiten Reise, weit weg.


Eine Bombe auf Simons Bildungschancen

Alle Anträge für die Waldorfschule sind fertig. Josefine steht mit Pitt und seinem Bruder immer noch unter dem Fenster, bringen Simon Liebesbriefe, die er nicht will. Wir gehen weg und besuchen die pensionierte Lehrerin der Waldorfschule. Wir kommen wieder nach Hause. Josefine hat neue Liebesbriefe geschrieben. Irgendwann müsste das doch gegen ihren Stolz gehen. Ich sammle geduldig die zerknickten Briefe ein, lese sie aber teilweise selbst noch mal, bevor sie in eine große Plastiktüte mit den älteren Briefen zusammen gelagert werden. Es wird sich ja alles ändern. Bald wird Simon auf einen Bauernhof sein.

Dann bekomme ich einen Antrag und werde damit zum Jugendamt geschickt. Die Verwaltung der Waldorfschule braucht diesen Antrag wegen der Genehmigung und der Kosten. Also sitze ich bald mit dem fertig ausgefüllten Antrag beim Jugendamt. Wieder einmal Jugendamt.

Herr Baumgart ist für uns nicht mehr zuständig. Frau Möller ist jetzt unsere Ansprechpartnerin, eine sympathische aufgeschlossene Frau. Ich erkläre Simons Situation. Sie hört ganz anders zu. Sie lässt ihre Augen kaum von mir, während ich erzähle. Ich merke, sie nimmt mich ganz anders wahr. Gut aufgehoben ist auch Simon, den sie kurz kennen lernte, um sich ein Bild zu machen. „Das mit dem Antrag ist kein Problem. Der kommt durch“, sagt sie. „Ich sehe aber. Sie haben ein gemeinsames Sorgerecht. Dazu gehört, dass auch der Kindesvater diesen Antrag unterschreiben muss.“

„Oh nein, Frau Möller. Da muss es eine andere Lösung geben. Bitte! Der Kindesvater hat viel kaputt gemacht. Er arbeitet gegen mich. Ich konnte doch Simon auf andere Schulen ohne Unterschrift von ihm schicken. Bitte, Frau Möller.“ – „Frau Hölzer, ich kann das nicht machen. Erklären Sie Simons Vater alles, das wird schon klappen. Wir werden sehen.“ Ich sehe in ihre lebhaften dunklen Augen, sie strahlen Ehrlichkeit und guten Willen aus. Sie ist schnell, verständnisvoll und engagiert. Freundlich, lächelnd schenkt sie Vertrauen und wird tätig für Simon. Es gibt noch etwas Nervenkitzel. Aber das geht schnell vorbei. Sollte Simons Vater sich querstellen, outet er sich schlecht. Sie werden das dann alle sehen. Denn auch Herr Tannen weiß von dem Projekt der Waldorfschule. Sollte etwas schiefgehen, könnte immer noch Simon sagen, was er will. Nun muss Simons Vater benachrichtigt werden.


Wie bekomme ich ein Gespräch mit Henry hin?

Ich schreibe: Lieber Henry - Ich wollte Dir einmal Simons Schulsituation erklären und den unternommenen Lösungsvorgang. Bitte nimm Dir Zeit für diese Zeilen.

In der fünften Klasse hatte Simon mit starken Konflikten zu tun. Ein Elternteil fand die IGS gut, der andere schlecht. Simon wusste das und stand zwischen den Stühlen. Hinzu kam, dass er eine Lehrkraft grob und demütigend fand und sich dadurch zusätzlich gestärkt fühlte, den Unterricht nicht anzunehmen. Es hatte keinen Sinn mehr, ihn dort zu lassen.

Mit Wissenslücken kam er für ca. ein halbes Jahr auf die Orientierungsstufe. Er holte gut auf, aber seine Leistungen schwankten,  so dass sie noch nicht gut genug waren. Ich beantragte eine Wiederholung der 6. Klasse und begründete das. Es gelang mir nicht. Dem Antrag wurde nicht stattgegeben, aus welchen Gründen auch immer.

Anstatt zur Hauptschule schickte ich ihn auf die Realschule. Wir sprachen uns zusammen ab. Du wolltest keinen Nachhilfeunterricht, wie der Rektor empfohlen hatte, meintest, wir könnten das alleine. Während der Realschulzeit versuchte ich noch einmal eine Klassenwiederholung durchzubekommen. Herr Kaul, der Leiter der Realschule, bemühte sich ebenfalls. Aber die Orientierungsstufe wollte dies nicht, trotz Gutachten eines Therapeuten.

Seit ungefähr drei Monaten versuche ich, Simon mit einer Klassenwiederholung auf die Waldorfschule zu bringen. Bekannte Eltern, deren Kinder ebenfalls auf der Waldorfschule sind und momentan mehr lachen können als Simon, halfen mir. Wir haben bald einen weiteren Vorstellungstermin. Wenn alles klappt und er aufgenommen wird, kann er eine Klasse wiederholen. Außerdem kann er eine Auszeit, d.h., eine Betreuung mit Arbeiten auf dem Bauernhof bekommen, damit er nach einer längeren Pause neu mit der Schule anfangen kann. In der Waldorfschule haben stark pubertäre Schüler oft so eine Auszeit bekommen, und sie bekam ihnen gut. Das geht allerdings nur auf der Waldorfschule.

Wenn Du Zeit hast, sieh Dir bitte die Waldorfschule einmal an. Sie ist staatlich anerkannt. Alle Abschlüsse sind die gleichen – ebenfalls staatlich anerkannt. Wenn es klappen könnte, würde ich mich freuen, aber auch Simon. Eine bessere Möglichkeit für Simon, um ihm noch einmal eine Chance zu geben, kenne ich nicht. Ich würde mich freuen, wenn Du Simon tüchtig unterstützt und diesen Gang akzeptierst.

Mir selbst bleibt allmählich die Kraft weg. Ich glaube, es ist mit Simon im Moment schwierig. - Ilka
PS.: Vielleicht erinnerst Du Dich noch an Frau Erle, die erste Klassenlehrerin von Simon. Sie hatte Simon die Waldorfschule empfohlen. Damals schafften wir es nicht, ihn dort unterzubringen. Jetzt haben wir das Glück.“


Nie wollte Simon auf der Hauptschule bleiben.
Die Waldorfschule war auch seine Alternativlösung.
Das war sein Trost, doch:


Simons planlose veränderte Meinung
nach dem Vaterbesuch

„Auf so eine peinliche, idiotische Öko-Schule gehe ich nicht!“ ruft Simon empört und entschlossen im Flur vor der Wohnungstür nach dem Wochenendvaterbesuch, der den Brief bereits erhalten hatte. Ein heftiger Streit entfacht sich zwischen mir und Simon. Er ist so gut wie aufgenommen, trotz des letzten noch nicht wahrgenommenen Termins habe ich schon die mündliche Zusage des Schulleiters. Er möchte sich plötzlich nicht zur Lusche machen lassen und von normalen Menschen ausgelacht werden, nur weil er auf solch einer Schule ist. Die ganze Vorbereitung hatte Simon so gut getan. Er hat mit gemacht, die Schule besucht und gehofft, dort unter zu kommen. Ist lockerer gewesen, als Josefine mit Liebesbriefen kam. Mit Gymnastik und Eurythmie, Kreativ- und Musikübungen hat er sich dort selbst betätigt und sah nicht mehr so verzweifelt aus. Er bekam Beachtung, Lob und verlor er seine Angst und lockerte sich immer mehr auf. Bestaunt wurde er für das, was er konnte und zeigte. Genau dieser Part hatte in den anderen Schulen oft genug gefehlt. Ich höre von Simon, Henry gibt keine Unterschrift. Herr Tannen sagt dazu: „Holen Sie den Vater hierher in meine Praxis. Wir werden ein Gespräch führen.“

Mit viel Mühe bringe ich Henry dazu, an einen Gespräch mit Herrn Tannen teilzunehmen, um über die Schulsituation zu sprechen. Henry kommt tatsächlich und steht in einem Nachbarort auf der Straße vor der Praxis von Herrn Tannen. Er schaut sich das Haus, das Eigentumshaus vor der Praxis an und meint gestresst: „Andere bringen es wenigstens zu etwas.“ Wir werden hereingelassen. Unfreundlich, peinlich und abwertend betritt Henry den Gesprächsraum. Er unterdrückt mit seiner Stimmung jede kleinste aufkommende Harmonie und jeden Gesprächsanfang: „Wie lange dauert das hier?“ begrüßt er Herrn Tannen verachtend, - abblockend. Ist das Gespräch jetzt abgeschlossen? Eine Sekunde lang stagniert etwas und der Raum ist still. Dann fasst sich Herr Tannen, bittet Patz zu nehmen und beginnt ein Gespräch. Es geht Herrn Tannen vor allem darum, zu hören, wenn Herr Hölzer nicht einverstanden ist mit meiner Konstellation für Simons Schulwerdegang, was er sich denn überlegt hat, welches Konzept, welche Alternative und könnten sich denn beide Elternteile irgendwo treffen, so dass Einigkeit vorherrscht und Simons Weg von beiden getragen und gestärkt werden kann. Und er beschreibt auch Simons sehr ernste augenblickliche seelische Situation.

Henry empfindet alle Überlegungen eher als absurd. Er hat kein Konzept. Er ist der Ansicht, dass sein Sohn sich durchkämpfen werde. Durchprügeln sei normal. Wir alle, und damit meint er wohl auch ganz besonders Herrn Tannen und mich, würden seinen Jungen kaputt machen. Er selbst müsse ihn mit siebzehn Jahren wieder hinbiegen, alles hinbiegen, was andere zerstörten. Da führe überhaupt kein Weg vorbei. Welche Videos und Play-Station-Spiele Simon gebraucht oder anschaut bei Pitt und ihm zu Hause und wie lange, sei völlig egal. Das werde auch wieder aufhören. Später werde der Junge seinen Betrieb übernehmen. Das wisse er schon heute. Auf weitere Fragen ging er nicht ein. Er betonte noch einmal mit sehr hässlicher Entfremdung gegen uns, zum Thema Schule habe er kein Konzept und auch keine Zeit wie so manch andere Tagediebe zum Beispiel wir. Er sieht gestresst aus, aber auch so, als ekele ihn etwas an. Ein Gespräch kommt nicht zustande. Er flüchtet gestresst früher aus dem Zimmer als vorgesehen. Mir entwich das Blut aus den Armen und Knien. Herr Tannen sitzt eine Weile, ohne etwas zu sagen. Er überlegt. Dann erst sagt er, er sei ziemlich erschrocken. Er denkt weiter nach und fragt sich: „Wie könne man den Jungen einen Handwerksbetrieb aufzwingen ohne die wirklichen Fähigkeiten zu kennen? Das dürfe keiner dem Jungen wünschen, dass dies soweit kommt. Er würde sich nie vom Vater frei machen können, würde immer abhängig bleiben, eine katastrophale Situation. -  Simons Vater braucht eigentlich Hilfe, aber er wird keine Hilfe annehmen. Das tue weh, weil er Hilfe nicht annimmt. So schaut man nur zu, wie er sich unzufrieden durchs Leben quält.“ Ich selbst finde auch, der Kerl ist krank und noch viel aggressiver geworden. Ich empfinde Mitleid und Elend für uns alle.

Ich zähle noch einmal gedanklich auf, wer alles mitbekommen hat und jetzt noch einmal mitbekommt, dass Henry kein kooperatives Handeln kennt, und da muss es ja einen Ausweg geben. Solch einem Vater muss man doch irgendwie das Handwerk legen können. Ich lasse mir doch helfen. Hoffentlich wird mir auch geholfen, damit Simon diese Schule besuchen kann und vorher ein Jahr Pause hat.

Ich schaue noch immer in die Eichenholzzeitmaschine, sehe mich mit Herrn Tannen in seinem Sprechzimmer. Ich staune darüber, wie viel Kraft und Energie ich aufwende, um Simon zu helfen und unser Leben nicht zerstören zu lassen. Ich darf auch mal über mich selbst staunen. Wir werden den nächsten Termin für diese Schule wahrnehmen und sehen, dass Simon von denen aus unterkommt, fast ist es ja schon geklärt. Herr Tannen wird bald Frau Möller kennen lernen. Diese Personen sehe ich als meine Kraft oder als Simons Kraft. Sie werden doch in der Lage sein, einen Ausweg zu finden. Ernst verabschiedet sich Herr Tannen von mir und fragt, wie ich nach Hause komme. „Ich bin zu Fuß. Ich gehe ungefähr zwanzig Minuten durch die Botanik den Weg über den kleinen Fluss und die Gleise zur Ortschaft zurück.“ Er sagt: „Ja, das tut manchmal gut, zu Fuß nach Hause zu spazieren. Erholen Sie sich gut, Frau Hölzer.“
(© Ilona Meschke 2008)


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